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Fan-Fiction Preußenblut - Die Erben der Götterdämmerung.

Dieses Thema im Forum "Fan-Filme, Fiction und Art" wurde erstellt von Seth Caomhin, 28. Dezember 2010.

  1. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Preußenblut - Die Erben der Götterdämmerung

    Einmal keine Star Wars Story, sondern ein SciFi-Roman an dem ich gerade arbeite und in der nahen Zukunft spielt. Es erzählt die Geschichte, einer sadistischen jungen Frau und einem Jurastudenten, die erwarteten, dass sich das Jahr 2021 nur durch einen enorm warmen Sommer und eine schwere, dunkle Wolke auszeichnete, die seit Wochen über dem Land hing. Schlagartig müssen Sie jedoch feststellen, dass sie sich geirrt hatten und ein Kampf ums nackte überleben und eine fremde Besatzungsmacht beginnt.

    Preußenblut - Die Erben der Götterdämmerung

    Kapitel 1 – Eröffnung

    Das laute Ringen eines alten Wählscheibentelefons durchbrach die Stille des kleinen, schummerigen Zimmers, in dem sich Kisten mit Hunderten von Aktenordnern türmten. Durch die Schlitze zwischen den Rolläden drangen einige spärliche Lichtstrahlen hindurch und tauchten das Szenario in einen diffusen Schein. Am anderen Ende erklang eine betörende weibliche Stimme.
    „Wie versprochen habe ich Ihnen ein kleines Präsent zukommen lassen, sehen Sie in Ihrem Postfach nach. Viel Glück Herr Steiner und enttäuschen Sie mich nicht.“ Das einzige was daraufhin noch zu hören war, war das Besetztzeichen, dass unangenehm in seinem Ohr dröhnte. Mit einem unbefriedigten Gesichtsausdruck ließ Seth den Hörer beim Aufstehen in die Verankerung gleiten und fischte sein Sakko von einem der Haken. Seit einiger Zeit recherchierte er eine Reihe befremdlicher Ereignisse deren Tragweite bisher niemand überblicken konnte. Vor einigen Jahren häuften sich spektakuläre Morde von denen bis heute kein einziger befriedigend aufgeklärt werden konnte. Zu bizarr waren die Umstände der Todesfälle, zu phantastisch ihre Lösungsansätze. Dementsprechend geringe Beachtung fanden sie in den Medien, die zu sehr fürchteten mit solchen abstrusen Nachrichten unglaubwürdig zu erscheinen. Noch mehr als ohnehin schon. Für Seth dagegen war diese Geschichte ein brach liegendes Feld, das gepflügt und fruchtbar gemacht werden wollte.

    Inmitten der deutschen Hauptstadt hatte er vor einigen Monaten bei einem kleinen lokalen Sender angefangen, um sein Jurastudium besser finanzieren zu können. Hier interessierte sich niemand für sein Faible, solange es ihn in seiner Arbeit nicht behinderte. Den Großteil seiner Informationen über die Mordfälle bekam er von dieser unbekannten Frau namens Thot, der er bisher nur ein einziges Mal begegnet war. Aus irgendeinem Grund schien sie in ihm die beste Wahl zusehen, die ungeheuerlichen Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu bringen. Vielleicht ahnte sie den kaltblütigen Ehrgeiz mit dem er vorging und das er keine Mühen scheuen würde, den Menschen von dem was vor sich ging zu berichten. Beherzten Schrittes verließ der junge Mann das Gebäude und eilte zur nächsten Busstation. Bob, ein langjähriger Freund aus Hochschultagen, wartete bereits seit zehn Uhr vor dem Reichstag. Sie hatten sich dort verabredet um ihren ersten Fernsehbeitrag zu drehen, welcher am späten Abend gesendet werden sollte. Er hinter, Seth vor der Kamera.
    Über der Stadt hing, wie an fast allen Orten der Welt, eine finstere Wolkendecke. Vereinzelte Risse erhellten Straßenzüge und Bezirke, der größte Teil jedoch lag in einem düsteren Zwielicht gehüllt. Offiziell ein Wetterphänomen für das man bisher nur halbgare Erklärungen parat hatte, ahnten die Menschen jedoch das mehr dahinter stecken musste. Ein Umstand den obskure Geschäftemacher, Quacksalber und die Medien schamlos ausnutzten. Acht Jahre war es nun her, seit sich zum letzten Mal etwas ähnliches ereignete. Als der Maya Kalender am 21. Dezember 2012 endete sah manch einer schon die Apokalypse nahen, Sekten verkündeten das Ende aller Tage und es wurden Millionen mit den Narren verdient, die den Blödsinn glauben. Als das nächste Jahr anbrach, waren die Mülltonnen voll mit all dem Plunder, mit dem sich die naiven Käufer eingedeckt hatten. Nichts hatte sich ereignet, alles blieb wie es war.

    Nach einem kurzen Sprint über die Promenade hatte es Seth endlich geschafft. Keuchend sah er auf seinen beleibten Freund hinunter, der die letzten zwei Stunden damit verbracht hatte auf den Stufen des Reichstags zu warten und den knapp bekleideten Frauen hinterher zusehen. Immerhin änderte die dicke Wolkendecke bis jetzt nur wenig an den sommerlichen Temperaturen.
    “Es ist dein Arsch, wenn irgendwann jemand herausfindet, dass du deiner kleinen Verschwörungstheorie mehr Aufmerksamkeit schenkst, als für die Geschichten für die du bezahlt wirst.“ Brummte er säuerlich ohne ihn zu begrüßen. Trotz der ungehaltenen Reaktion lächelte Seth freundlich herunter. Er kannte seinen Freund zu gut, als das er nicht wüsste dass sein Ärger nicht von langer Dauer sein würde.

    „Und mein Porsche, wenn ich mit der Geschichte Millionen verdiene. Tut mir leid das ich dich warten lassen habe.“ Er streckte ihm seine Hand entgegen und half seinem Freund auf die Beine.
    „Schon gut, aber vergiss nicht wer dich die ganze Zeit gedeckt hat mein Lieber.“ Bob hob die Kamera auf seine Schulter und drückte Seth das Mikrofon in die Hand „Ich schlage vor, wir bringen die Sache so schnell wie möglich hinter uns.“
    Sie postierten sich auf der Wiese, vor dem Reichstagsgebäude mit seiner markanten Glaskuppel. Dann begannen sie mit der Reportage.

    Etwas mehr als einen Kilometer entfernt bewegte sich eine junge Frau mit schnellen Schritten durch die Straßen der großen Stadt, ihr Ziel war das Restauration Tucholsky. Ein gemütliches Restaurant im Stil der zwanziger Jahre. Ihr Bruder sollte sich dort mit seiner neuen Freundin treffen. Neu für Kassandra jedenfalls, die beiden waren immerhin schon ein gutes Jahr zusammen. Aber diese Frau blieb Kassandra einfach nicht geheuer. Noch bis vor ein paar Wochen hatte sich die Kassandra strickt geweigert sie näher kennen zu lernen. Nach dem letzten großen Streit mit ihrem geliebten Bruder jedoch, entschied sie sich schließlich nachzugeben und die zwei heute zu überraschen. Vielleicht schätzte sie, sie ja tatsächlich falsch ein. Ihr Blick ging seufzend hoch in den dichtverhangenen Himmel. Sich konnte sich kaum mehr daran erinnern, wann die Sonne zuletzt klar auf ihre Heimatstadt herunter schien. Als jemand der sich gerne bei gutem Wetter im grünen Gras sonnte, deprimierte sie dieses grauenhafte Wetter. Es hielt nun bereits seit gut drei Monaten an und wenn sie ehrlich zu sich war, machte ihr diese penetrante, hoch über ihnen schwebende Wolkendecke Angst. Die meiste Zeit über jedoch verdrängte sie den Gedanken daran, wie lange dieser Zustand wohl noch anhalten konnte. Das mit dem Braun werden konnte sie jetzt jedenfalls vergessen.

    Als sie um die Ecke bog und am anderen Ende das Restaurant bereits erkennen konnte, hoben sich Kassandras Grübchen zu einem breiten Grinsen. Sie versuchte sich Bens Gesicht vorzustellen, wenn er sie gleich eintreten und sich das erste Mal seiner Freundin vorstellen sah. Ein heftiger Knall ließ die junge Frau jedoch abrupt zusammenzucken. Geschockt blieb Kassandra stehen und riss die Augen weit auf. In ihren Pupillen spiegelte sich ein staubdurchdrungener Feuerball, der aus dem Teil des Gebäudes, der das Restaurant beherbergte, herausschoss. Noch bevor sie vor den durch die Luft fliegenden Trümmerteilen in Deckung hasten konnte, wurde sie von der Druckwelle erfasst und gegen einen parkenden Wagen geschleudert. Eine Staubwelle fegte durch die Straßen und über sie hinweg. Stöhnend und von einer dünnen grauen Schicht überdeckt, erhob sich Kassandra und realisierte dass soeben alle Menschen die sich im Restaurant befanden, in den Tod gerissen wurden. Die ohrenbetäubende Explosion hatte sie taub gemacht für eine weitere Detonation. Während hinter ihr eine dunkle Wolke über den Dächern aufstieg, blieb Kassandras Blick auf den verschleierten Punkt haften, an dem sich noch vor einem Moment das Café befand.

    Seth rappelte sich wieder auf, nachdem ihm die gewaltige Explosion zu Boden geworfen hatte. Blind und beinahe schwerhörig tastete er nach seinem Freund. „*******, was war das? ...Bob?!“ Rief er hustend und konnte sich dabei selbst kaum hören.
    „Seth! Oh mein Gott Seth, es hat das halbe Gebäude weggerissen!“ Dumpf drang Bobs Stimme an ihn heran und endlich bekam er ihn zu fassen. Ungeachtet dessen wie sehr er sich wehrte, zog er ihn einfach in die nächstbeste Richtung. „Zu deinem Wagen!“ schrie er seinem dicklichen Freund ins Ohr und ließ sich von ihm über den Platz führen, bis zu einem schwarzen Auto. In dem Moment in dem Bob den Zündschlüssel umdrehte, begutachtete Seth den Film durch den aufgeklappten Bildschirm an der Seite der großen Kamera. „Alles in Ordnung bei dir?“ Fragte ihn sein Freund, den in Blut getränkten Riss seines Jacketts am Oberarm registrierend, als er aus der Parklücke heraus auf die Straße fuhr.

    „Ja, ja mir fehlt nichts.“ Gab er lapidar zurück. Seth bemerkte die Wunde kaum, er war viel zu sehr von den Bildern gefesselt die selbst den Reichstagsbrand vor beinahe hundert Jahren in den Schatten stellten. Das Material das die Kamera bot war zwar kurz, aber die Qualität schien wie für die Nachrichten gemacht zusein.

    “Halt, wir müssen zu dir.“ Rief er laut, gerade in dem Augenblick als Bob abbiegen wollte. Dieser reagierte sofort und heizte mit hohem Tempo weiter, über die holprige Strecke der Brücke hinweg.
    “Ho! Hättest du die Güte mich vorzuwarnen? Ich überlebe diese Explosion...“
    „Explosion? Der verdammte Reichstag ist uns um die Ohren geflogen und das lag sicher nicht an einer defekten Gasleitung. Wenn da kein eiskalt berechneter Plan dahinter steckt, will ich nicht mehr Steiner heissen. Das war ein verdammter Anschlag!“ Sagte Seth mit fester Stimme, klappte den Bildschirm zu und stellte die Kamera auf den Rücksitz ab.
    „Von mir aus. Jedenfalls, beim nächsten Mal warn mich vor, sonst sind wir die längste Zeit Freunde gewesen!“

    Bob sprach wütend weiter, er hörte jedoch gar nicht mehr hin und dankte dabei der anhaltenden Taubheit, das er seinen weiteren Ausführungen nicht folgen musste. Es war ihm ohnehin wichtiger seine Gedanken zu ordnen, worin er jäh gestört wurde als Bob die Handbremse betätigte. Der LKW vor ihnen hatte aus heiteren Himmel abgebremst.
    Sie kamen um Haaresbreite vor dem Lastwagen zum Stehen.
    „*******, wenn das so weitergeht überlebe ich diesen Tag wirklich nicht mehr!“ Stöhnte Bob, seine Nerven lagen blank. Der Lastwagen vor ihnen fuhr mit quietschenden Reifen weiter. Der Fahrer zeterte derart laut, dass sie es selbst Taub noch verstehen konnten und nun sahen auch den Grund für seine Wut. Aufgelöst stand eine junge Frau auf der Straße, die über und über mit Staub und Dreck bedeckt war. Ihr Blick fiel auf ihren Wagen, auf den sie sofort zueilte. Wütend stützte sie sich auf der Motorhaube ab und spannte die Muskeln an, als könne sie den Wagen eigenhändig an Ort und Stelle halten.

    „Bitte, hat jemand von Ihnen ein Handy?!“
    Ihr Blick ging zwischen den Beiden hin und her. Das startende Hupkonzert ignorierte sie getrost. Ungeachtet der ungünstigen Position in der sie stand, machte Bob dennoch Anstalten weiterzufahren als Seth die Tür aufstieß.
    „Bereite das Material auf, ich kümmere mich um den Rest. Erwarte mich heute Abend um Acht bei dir.“ Sagte er, nachdem er ausgestiegen war, bevor er die Tür zuschlug. Der dickliche Mann konnte es kaum fassen, seit wann gab er sich mit Pennern ab? Der kurze rot/schwarz karierte Rock war überzogen mit grauen Flecken, ebenso wie ihre weiße Bluse, dessen Ärmel sie bis zu ihren Ellenbogen umgekrempelt hatte. Das Hupkonzert nahm an Stärke zu. „Ja, ja ich fahr ja schon!“ Rief er laut raus und fuhr entnervt los.

    „Hier.“ Seth reichte ihr den Gegenstand, nachdem sie von der Straße runter waren. Mit langsamen Schritten ging er in die Seitenstraße aus der sie gerannt sein musste. Erst jetzt offenbahrte sich die Verwüstung, herumliegenden Trümmer, um Hilfe schreiende Verletzte und kleine Feuer die sich weiter hinten aus einem großen Loch des Gebäudes heraustraten. Bereits beim ersten Blick auf sie hatte er erwartet, das hier etwas ähnliches geschehen sein musste. Ihr wilder Pagenkopf lag unter einer schrecklichen grauen Staubschicht verborgen, nur an einigen Stellen stach die pechschwarze Farbe ihrer Haare hervor, dieser Anblick reichte ihm um zu wissen was passiert war. „*******, ich kriege schon wieder keine Verbindung.“ Sie ging die wenigen Meter die er gelaufen war auf ihn zu und versuchte dabei weiter durchzukommen.

    „Was ist nur los? Polizei, Feuerwehr, irgendwas muss doch funktionieren!“ Ihre Stimme zitterte, sie war nah dran das Handy einfach an die Wand zu werfen und zusammenzubrechen.
    „Das hier ist nicht die einzige Bombe. Ich komme gerade vom Reichstag.“ Erwiderte er.
    Sein Gegenüber wollte darauf gerade etwas entgegnen, als sie eine Stimme am anderen Ende hörte und sich sofort von ihm abwendete, um sich ganz auf den Anruf zu konzentrieren. Erst einige Minuten später legte sie auf und erklärte ihm erschöpft die Situation.
    „Er sagte es wären schon längst einige Wagen auf dem Weg und das er sich nicht erklären kann, wo sie abbleiben. Bei denen geht alles drunter und drüber, die ganze Stadt geht vor die Hunde.“ Der jungen Frau viel es sichtlich schwer den Satz überhaupt zuende zu bringen. Sie lehnte sich an die Wand und rutschte runter auf den Boden.
    „Das klingt gewaltig.“ Seth wartete einige Sekunden, ehe er sich räusperte. „Sagen Sie, kriege ich mein Handy vielleicht zurück?“
    Die Frau sah irritiert hoch, ehe sie aufstöhnte. „Oh richtig, hier.“ Sie war immer noch komplett durch den Wind.
    „Danke, ich dachte schon Sie wollen es behalten. Nicht das ich sehr daran hänge aber so schnell kann ich mir kein neues leisten, nicht mal mit dem Nebenjob als Journalist.“
    „Darum also haben Sie mir geholfen.“ Kombinierte die junge Frau und blickte mit einem müden Lächeln auf.
    „Es war jedenfalls ein Grund. Seth Steiner.“ Er reichte ihr seine Hand. Es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, bis sie ihre hineinlegte und schwach zudrückte.
    „Kassandra Stark.“
    Sie fühlte sich beinahe dazu hingerissen sich über seine merkwürdige Anmache lustig zu machen, aber die Situation machte es ihr schwer überhaupt zu sprechen. Bisher hatte sie keine Sekunde zum Verschnaufen und nun wo ihr nichts mehr übrig blieb als zu warten und sich ihren Gedanken hinzugeben, begannen ihre Gefühle endgültig von ihr Besitz zu ergreifen. Resignierend stützte sie ihren Kopf auf ihre Hände und schloss die Augen. Seth hörte das zaghafte aufbegehren der Verzweiflung und Trauer. Er wusste nicht recht was er tun sollte und so legte er ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid.“
    „Fick dich!“ Ihre Reaktion kam ebenso überraschend wie schnell. Kassandras Antwort war gepaart mit einem unerwartet gefassten und ernsten Blick, auf den Seth nichts gescheites mehr zu erwidern wusste. Dazu ließ ihm die junge Frau allerdings auch gar keine Gelegenheit mehr.
    „Wir kennen uns gerade einmal zehn Minuten, wie also sollte es dir schon leid tun?!“
    Die ganze Wut in ihrem Leib drohte sich auf ihn zu fokussieren, als er sie unterbrach, ehe sie Möglichkeit hatte fortfahren konnte.
    „Du hast recht, es tut mir nicht leid.“ Sagte er ruhig und hockte sich vor ihr, um ihr direkt in die dunklen blauen, Augen sehen zu können, die ihn wachsam im Fokus hielten. „Ich wollte dir nur eben den Anruf überlassen, unter dem Vorwand dir noch einige Fragen stellen zu wollen deine Nummer bekommen und dann meine Arbeit hier machen.“
    Mit dieser geballten Ehrlichkeit hatte Kassandra nicht gerechnet und sie machte es ihr auch nicht leichter mit der Situation fertig zu werden. Einerseits hatte sie nun nach diesen Worten große Lust ihm ihre Faust ins Gesicht zu schlagen, andererseits gefiel es ihr, dass er sich nicht herausredete und soviel Mumm besaß, ihrem Blick nicht auszuweichen.
    Unerwartet sah Seth wie sie ihre Hände, die in fingerlosen Lederhandschuhen steckten, ausstreckte und ihn förmlich an sich heranzerrte. Für einen Augenblick war es ihr egal wer er war oder welches Motiv er hatte. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter und ließ ihren Gefühlen freien Lauf, die wie eine Welle über sie kamen und von ihr Besitz ergriffen. Mehrere Minuten lang verharrten sie so und je länger und fester Kassandra an ihm zog, desto stärker fühlte Seth den stechenden Schmerz in seinem Arm. Erst als die Sirenen von Ambulanz und Feuerwehr laut zu hören waren und die Wagen vor dem zerstörten Café eintrafen, ließ Kassandra von ihm ab. Sie erhob sich mit ihm, wobei es ihm vorkam als würde sie den letzten Rest ihrer Trauer einfach hinunterschlucken um nun wieder gefasst in seine Augen sehen zu können.
    „Entschuldige, ich hatte eigentlich nicht vor dich als menschliches Taschentuch zu missbrauchen.“ Ihr Blick ging zu dem immer noch rauchenden Loch, vor dem sich die Sicherheitskräfte versammelten. Sanitäter kümmerten sich um Verletzte und die Feuerwehr machte sich daran die Brände zu löschen..
    „Ist schon in Ordnung, aber ich denke du solltest jetzt los, vielleicht kann man dir jetzt mehr sagen.“
    „Was soll man mir schon sagen…“ fragte sich Kassandra leise selbst, als sie losging. Dann blieb sie noch einmal stehen und sah zurück. „Du solltest dir übrigens auch Hilfe suchen, das schaut ernst aus.“

    Seth nahm ihren Vorschlag stillschweigend an, dachte aber noch gar nicht daran die Wunde untersuchen zu lassen.
    Mit jedem Schritt dem sie sich dem Ort der Zerstörung näherten, stach ihnen der unangenehme, perverse Gestank von verbranntem Fleisch stärker in die Nasen. Er war dermaßen stark, dass selbst einige der Hilfskräfte Masken aufsetzten mussten. Während sich die junge Frau versuchte zu Jemanden durchzuschlagen der etwas mehr Licht ins Dunkel dieses Geschehens bringen konnte, schob sich Seth ungeachtet der Menschen um ihn herum weiter bis er direkt vor dem vollkommen verwüsteten Café stand. Er ignorierte das beißen tief oben in seiner Nasenhöhle und versuchte seine Arbeit zu machen. Mit seinem Handy fotografierte er notdürftig ob der fehlenden Kamera Tod und Verwüstung. Auf eine sehr harsche Weise stoppten Seth die Polizisten, welche den gesamten Bereich absperrten und ihn rasch den Sanitätern zuwiesen. Man eskortiere ihn zum Notfallwagen, wo man sich mehr oder weniger intensiv um ihn kümmerte, was der internen Prioritätsliste geschuldet war, die man so akkurat wie nur möglich versuchte abzuarbeiten. Die zwei Männer besahen provisorisch seine Wunde an der Schulter. Sie war allerdings nicht weiter wild, man begnügte sich damit sie rasch zu verbinden, um sich dann so schnell wie möglich um die anderen Verletzten zu kümmern, denen es schlechter ging als dem Paparazzi vor ihnen. Noch bevor die beiden Männer ihn verließen, bat man ihn jedoch sitzen zu bleiben, damit man sich seine Verletzungen später noch einmal genauer ansehen konnte, da es ihn auch am Rücken erwischt hatte und man sich nicht sicher sein konnten, ob es nicht doch ernster war als es auf dem ersten Blick erschien.

    Gleichzeitig dazu versuchte Kassandra von den Polizisten Informationen zu den Explosionen zu bekommen. Sie erfuhr nicht mehr als sie ohnehin schon wusste. Bisher waren in der ganzen Stadt verstreut zum gleichen Zeitpunkt über zwanzig Bomben hochgegangen. Die Opferzahlen stiegen minütlich, während das Telefonnetz an den Rand seiner Kapazitäten gebracht wurde. Die Ziele gingen von Regierungsgebäuden, über Sehenswürdigkeiten und Verkehrsknotenpunkten bis hin zu einfachen Lokalen. Bisher gab es keine Verbindung zwischen ihnen, noch hatte man eine Ahnung, wer dafür verantwortlich sein könnte. Resignierend warf Kassandra einen Blick durch die Menge und erblickte entfernt den geschundenen Leib des Mannes, der ihr eben noch Trost gespendet hatte, bevor man sie bat in einen der Wagen zu kommen um ihre Aussage aufzunehmen. Der Augenblick reichte jedoch um den Bauchansatz zu erkennen, über dem auf seiner Brust drei Narben prangten, fast wie von einem Tier. Sie mussten jedoch schon alt sein, denn so schnell heilte keine Wunde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Januar 2011
  2. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Fortsetzung von Kapitel 1

    Immer mehr Menschen fanden sich bei Seth ein, viele geschwächt durch den starken Rauch des brennenden Gebäudes und verbrannt vom Feuer, dass sich immer weiter ausbreitete. Die Gefahr eines Einsturzes wurde größer, je stärker es wütete, die Einsatzkräfte arbeiteten mit Hochdruck. Gleichzeitig machte man sich bereits an die Arbeit, von den Opfern die sprechen konnten und den Zeugen der Detonation jedes Detail zu erfahren. Nach einiger Zeit kam ein Polizist zu Seth, der sich sein Hemd und das Jackett wieder übergeworfen hatte und führte ihn zu einem der Transporter. Er konnte nicht fassen Kassandra dort zusehen, die ihm einen kurzen, entschuldigenden Blick zuwarf.
    „Bitte setzen sie sich Herr…“
    „Steiner, Seth Steiner.“ Er folgte der Bitte und nahm neben ihr platz. Aus dem Fenster sehend, erkannte sie wie weitere eintreffende Einsatzwagen und mehr Menschen in die Transporter gebeten wurden. Scheinbar wollte man wirklich keine Zeit verlieren.
    „Fräulein Stark hier…“
    „Stark, das S wird scharf ausgesprochen, wie bei Sex.“ Korrigierte ihn Kassandra ruhig, während ihr Blick weiterhin aus dem Fenster gerichtet war.
    Der Beamte vor den Beiden entschuldigte sich für das Missverständnis und konzentrierte sich dann auf Seth.
    „Sie hat uns gesagt, Sie wären am Reichstag gewesen, als der Anschlag statt fand. Schildern Sie uns bitte den gesamten Vorfall.“

    Bis ins kleinste Detail berichtete Seth was er erlebt hatte. Zwischendurch wurden auch Kassandra immer wieder einige Fragen gestellt, die sie ungeduldig beantwortete. Alles was sie wollte, war raus und weg von diesem Ort. Sie hörte gar nicht mehr richtig hin, aber sie bemerkte wie Seth bestimmte Stellen in seiner Geschichte einfach ausließ. Er dachte nicht daran ihnen zu erzählen, was er eigentlich tat, wie er die Explosion filmte oder die junge Frau neben ihm zusammengebrochen war. Als die Befragung endlich vorbei war, verließ er die Unglücksstelle so schnell er konnte.
    „Danke dass du es ihnen nichts erzählt hast, das wäre ziemlich peinlich gewesen.“ Kassandra tauchte plötzlich neben ihm auf und passte sich seinem Schrittempo an.
    „Danke dass du ihnen von mir erzählst hast und ich hier noch länger meine Zeit verschwenden musste.“
    „Ich konnte doch nicht ahnen, dass die dich herschleifen!“
    Seth wollte darauf etwas erwidern, hielt es aber für verschwendete Zeit und ließ es. Gemeinsam gingen sie schweigend weiter. Am U-Bahnhof angekommen fielen ihre Blicke auf die vielen Nachrichtentafeln, vor denen sich bereits Menschentrauben zusammengefunden hatten. Über der dünnen Laufschrift, flimmerten die Bilder eines kaum wiederzuerkennenden Reichstages. Der Ort wechselte und man sah Aufnahmen aus anderen Städten. Stockholm, Kopenhagen, Wien, Rom. Entlang der gesamten Zeitzone war es zu Anschlägen gekommen.
    „Damit kannst du deine Story vergessen.“ Die junge Frau wendete ihren Blick von der Leinwand ab.
    „Sieht ganz so aus…“
    Eine Ansage ertönte über den ganzen Bahnsteig.

    Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund technischer Störungen fällt der Zugverkehr leider aus, wir bitten Sie um Verständnis.

    „Verdammt, soll ich jetzt durch die halbe Stadt laufen?“
    „Nehmen wir eben den Bus.“ Seth drehte sich um und ging aus der großen Halle raus, zurück auf die Straße.
    „Was heißt wir?“ Fragte sie und lief ihm verdutzt nach.
    „Du folgst mir doch schon die ganze Zeit, wenn du willst kannst du natürlich auch allein gehen.“ Erwiderte er trocken.
    „Nein. Aber wenn du aufmerksam die Laufschrift gelesen hättest, wüßtest du das der gesamte öffentliche Verkehr eingestellt wurde.“
    Seth stöhnte auf, dieses Chaos war ihm einfach unbegreiflich. „Dann eben zu Fuß.“

    Nachdem sie bereits über eine Stunde unterwegs waren wurde es merklich dunkler, die Wolkendecke verfinsterte sich und ein Teil des Himmels begann durch den niedrigen Stand der Sonne rötlich-orange zu leuchten.
    „Sag mal, wo musst du eigentlich hin?“ Fragte Kassandra irgendwann zu ihm aufsehend. Mit ihren ein Meter dreiundachtundsiebzig lag nur ein Zentimeter zwischen ihrem und seinem Augenpaar.
    „Kommt drauf an, zu Bob ist es jetzt eigentlich nicht mehr weit und zu mir sind es von hier noch dreißig Minuten.“
    „Hättest du was dagegen, wenn wir zu dir gehen und ich deine Dusche benutze?“
    Er kam nicht mehr dazu ihre Frage zu beantworten, als ihnen ein lautes auf und abgehendes Heulen durch Mark und Bein fuhr. Die Sirenen auf den Dächern der Stadt begannen ihre Arbeit und erfüllten die Straßen mit ihrem unverwechselbaren Signal. Die beiden blieben stehen. Der junge Mann neben ihr reckte seinen Kopf in die Höhe.
    „Was zum Teufel?“
    „Das ist unmöglich…“ keuchte Kassandra.
    Die Passanten um sie herum stoppten ebenfalls und sahen in den Himmel. Kassandras Blick ging über Seth` Schulter zum Horizont, wo sie aus der Wolkendecke einen kleinen, golden schimmernden Punkt herausschießen sah. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit sauste er hinunter und zog etwas hinter sich, das aussah wie ein dicker werdender Lavastrom zwischen dicker, hell gelber Qualm hervorstieß.
    „Lauf!“ Befahl sie Seth der weiterhin wie angewurzelt stehen blieb und weiter in den Himmel starrte. Mittlerweile war es nicht mehr nur ein Punkt, mehrere von ihnen schossen aus dem Himmel und einige von ihnen schienen nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt zusein. Seth spürte wie sich ihre Finger um seinen Arm schlossen, als sie auch schon los rannte und ihn dabei, ob er wollte oder nicht, mit sich zog. Die Sirenen heulten weiter, während die Bedrohung schon längst real geworden war. Unaufhörlich hörten sie ein Donnern an ihre tauben Ohren, der vom Schrecken kündete der sie erwarten würde, wenn sie nicht schnell genug eine Stelle fanden an der sie sicher sein würden. Jeder um sie herum rannte nun auf der Suche nach Deckung, als nicht weit vor ihnen ein Feuerball durch ein Haus in den Erdboden schoß, ehe es durch die Explosion vollkommen zerrissen wurde. Eine Hitzewelle nahm ihnen förmlich den Atmen und das helle Licht der dicken, Kilometer hohen Flammensäule blendete sie die wenigen Sekunden, in denen es einen großen Teil ihres Blickfeldes einnahm. Kassandra und Seth sprinteten mit aller Kraft die ihre Beine hergaben weiter in die gleiche Richtung, während der Menschen ausscherte und woanders sein Glück suchte. Kleine Steine prasselten auf die beiden nieder als sie sich der Einschlagsstelle näherten. Die junge Frau zerrte ihren Begleiter mit Gewalt weiter, der damit kämpfte hinterher zukommen. Seine Beine schmerzten als hätte jemand ein heisses Messer hineingestoßen. Was ihn noch Antrieb war das Adrenalin, dass durch seine Venen schoß und ein aufkeimender Überlebensdrang. Kassandra führte ihn in eine Schule, über einen Sportplatz hinweg dahinter schließlich einen Hügel hinauf. Es war ein beliebter Ort im Winter zum Rodeln und im Sommer um auf dem Spielplatz, der oben auf der großen Fläche stand, zu toben.
    Als sie es geschafft hatten, ließ sich Seth erschöpft ins Gras fallen. Kassandra hingegen beugte sich nur schnaufend nach vorn. In der Ferne wölbten sich die Wolken jedes mal, wenn ein weiterer Feuerball ausgespuckt wurde.
    „Ist wohl ziemlich… beschissen bestellt um deine Konstitution was…“
    „Sport… war… nie meine Stärke…“ Er rang immer noch, die Augen zusammengedrückt, nach Luft, als sie sich bereits erholt zuhaben schien und einen Blick nach oben warf, wo sie erleichtert registrierte das in dem Umkreis in dem sie sich nun befanden nichts herunterzukommen schien. Seth setzte sich auf und gemeinsam betrachteten sie mit einer morbiden Faszination wie rund um sie herum der tödliche Regen niederging und Tausende von flammenden Säulen die Erde mit der düsteren Wolkendecke verbanden.
    „Was zur Hölle passiert hier?“
    „Muss ich dir das Bild auch noch beschreiben?“ Fragte Kassandra mit bebender Unterlippe und zündete sich eine Zigarette an.
    „Das verdammte Ende der Welt und wir haben einen Logenplatz, darauf hätte ich nie spekuliert.“
    „Das ist nicht das Ende der Welt, Seth.“
    Flugblätter fielen herunter. Kassandra ergriff eines von ihnen. Ein Löwenkopf verschlungenen Hörnern war darauf abgebildet. Seth hatte sich heroben und murmelte leise die Worte, die einen Kreis um den Kopf schlossen.
    Haec Regio Imperatori Est
    „Es fängt an zu Regnen.“ Bemerkte er dann als das Papier einige nasse Tropfen einsaugte. „Du solltest die Zigarette ausmachen, ist sowieso ungesund.“
    Kassandra wendete sich von ihm ab und dem Schauspiel ab.
    „Es geht dich nichts an was ich mir zwischen die Lippen schiebe.“ Erwiderte sie angespannt, sie hatte in Stresssituationen einfach keine Wahl. Weitere Regentropfen befeuchteten den trockenen Boden als es immer stärker zu Nieseln begann. Kassandra warf die Zigarette achtlos weg. Sie vermutete ohnehin nicht, dass es nach dem was passiert war noch einen Unterschied machte ob noch etwas mehr Müll auf dem Boden lag als sowieso schon.
    „Wie passend… da hast du deine Dusche.“ Kommentierte er stöhnend als aus dem Nieseln ein richtiger Schauer wurde. „Lass uns nach Hause.“
    „Vergiss es, wer weiß ob dein Haus überhaupt noch steht, geschweige denn dass es nicht bei der nächsten Welle getroffen wird!“ Kassandra ging einige Schritte auf den vor ihnen liegenden Spielplatz zu. „Wir sollten die Nacht hier verbringen.“
    Sie fühlte den perplexen Blick des jungen Mannes in ihrem Rücken und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
    „Du meinst wohl wir wären hier kein Ziel?“
    „Ich vermute es, was auch immer vor sich geht, es ist kontrolliert und warum sollte jemand einen leeren Hügel mit einem Spielplatz angreifen?“
    Das machte Sinn, auch wenn er kein sonderlich großes Vertrauen darin hatte, hier wirklich sicher zusein. Viel lieber wäre er jetzt irgendwo tief unter der Erde.
    „Könnte ich noch einmal dein Handy haben?“ Fragte sie auf einmal freundlich, als es plötzlich klingelte. Just als Seth es heraus gekramt hatte, verstummte es wieder. Da es noch nicht einmal die Nummer anzeigte, warf er es ihr gleichgültig zu.
    „Danke. Wenn du nichts dagegen hast, ich mach einen kleinen Spaziergang. Kannst dich ja schon mal unterstellen und es dir gemütlich machen.“ Sie schenkte ihm ein kurzes, dünnes Lächeln und ging dann auch schon los.

    Seine Augen glitten über die Spielgeräte hinweg. Der Großteil des Areals wurde von einem hölzernen Klettergerüst eingenommen, dass im groben einer Burg glich. Einige Netze spannten sich über den Sand, eine Rutschte führte von einem der Türme hinunter und zwei Brücken standen über dem kleine Areal. Der einzige einigermaßen trockene Platz bestand aus einem kleinen Raum in einem der Burgtürme. Der bot zwar Platz für mehrere Personen, es mangelte ihm aber auch jeglichem Komfort. Als er hineinging, war ihm schnell klar, dass es das Beste sein würde, wenn er sich auf den großen Tisch legte, denn der nahm fast den ganzen Raum ein. Als Erwachsener Mensch auf der Bank Platz zunehmen, war hingegen ein Ding der Unmöglichkeit.
    „Immerhin etwas.“ Murmelte er leise zu sich, nachdem er eine einigermaßen angenehme Position gefunden hatte.

    Der Regen wusch den hartnäckigen Staub von ihrem Körper und aus den schwarzen Haaren heraus. Mit langsamen Schritten entfernte sie sich von dem Spielplatz und ging über die weite grasbedeckte Fläche. In der Ferne waren viele helle Punkte auszumachen – Feuer. Nicht einmal dieser starke Regen würde sie so schnell löschen können. Eine Nummer nach der anderen versuchte Kassandra auf dem fremden Handy zu erreichen, aber es war zwecklos. Noch ein letztes Mal versuchte sie es, dann endlich.
    „Ja?“ Fragte eine weibliche Stimme am anderen Ende.
    „Rina, du lebst. Gott sei dank… oh Gott Rina.“ Sie konnte kaum ein Wort herausbringen, sie war nur unendlich froh endlich eine bekannte Stimme zu hören.
    „Kassi!“ Keuchte ihre Freundin sofort. „Kassandra, ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll.. ich war am Flughafen und dann… erst die Sirenen und dann schlug irgendwas auf dem Flugfeld ein. In der Panik habe ich die anderen verloren und… und-“ Sie brach ab und war den Tränen nahe, ihre Freundin konnte sich jedoch denken was passiert war.
    „Sie sind tot?“
    „Ja.“
    Sie hörte wie ihre Freundin erfolglos versuchte die Tränen zurück zuhalten. Es ging ihr nicht anders. Kassandra drückte das Handy stärker ans Ohr und ging einige weitere Schritte als die Verbindung schwächer wurde.
    „Ich weiß nicht was hier passiert Rina, ich bin… Rina? Hörst du mich noch?!“ Ein lautes Knacken und die Verbindung war tot. Wie wild versuchte sie ihre Freundin wieder zu erreichen, aber es war zwecklos. Egal wie weit sie ging, es schien als wäre jetzt endgültig das gesamte Netz zusammengebrochen. Sie ließ sich in das nasse Gras fallen, umgriff das Telefon fest, während sie ihre Hände gegen den Kopf drückte. Eine ganze Zeit saß sie da, schrie und weinte, wobei ihr der Regen die salzigen Tränen direkt wieder wegwusch. Diesmal ließ sie alles heraus, bis sie völlig entkräftet hinaus zum dunklen Horizont blickte. Die Haare klebten durch den Regen an ihrer Haut. Von den Abstufungen ihres wilden Pagenschnittes nichts mehr zusehen, statt dessen lagen die zuvor spitz zulaufenden Strähnen über ihren Augen, Kinn und Nacken. Es war ein scheußliches Gefühl. Jetzt war ihre Frisur endgültig im Arsch, dachte Kassandra wütend. Wie konnte sie sich das nur erlauben? An so etwas zu denken? Menschen waren gestorben, ihr Bruder, Freunde und jetzt dachte sie an ihre Frisur. Vielleicht musste das so sein? Vielleicht sollte sie versuchen sich auf sich selbst zu konzentrieren. Kassandra überlegte still, blickte in das feuchte, schwarze Gras der Nacht und seufzte.

    Über eine Stunde war vergangen, seit sie sich verabschiedet hatte, da lugte ihr nasser Schopf durch die kleine Öffnung der Hüte. Dort sah die Silhouette ihres Gefährten auf dem, an der Wand angebrachten, Tisch liegen. Vorsichtig tastend kam sie herein. Ihre Augen hatten sich zwar mittlerweile angepaßt aber es war immer noch verdammt duster. Kassandra reichte Seth ein Gefäß entgegen. „Ich hab dir was mitgebracht.“
    „Was ist das?“ Seth hatte die Hand nach dem Schatten ausgestreckt und nahm das Objekt entgegen.
    „Sandformen, ich habe etwas Regen aufgefangen, da wir sonst bis morgen nichts zu trinken hätten.“
    Ihr freundliches Lächeln war nur zu erahnen. Einen Moment später wurde der kleine Raum vom Display des Handys erleuchtet das sie direkt einschaltete, nach dem sie sich zu ihm gesellt und mit den Schultern an die Wand gelehnt hatte. Wachsam beobachteten ihre Augen wie er das aufgefangene Regenwasser trank. Wehe ihm, sollte er etwas zu mosern haben.
    „Kah... danke. Hast du vor die Nacht bei mir zu verbringen? Vielleicht gibt es noch so einen Raum.“
    „Was soll die Frage? Hast du Angst vor Körperkontakt?“
    „Nein, aber ich will im nachhinein keine Beschwerden hören.“
    „Behalt einfach deine Finger bei dir, dann brauchst du dir keine Sorgen machen. Im übrigen wird es kalt und ich denke, ich bin noch etwas zu jung um zu erfrieren.“ Erwiderte sie ernst und bemerkte wie sein Blick abschweifte. Zum ersten Mal hatte Seth Zeit sie anzusehen und das tat er ganz offen. Kassandra wusste nicht genau was sie davon halten sollte, ließ es aber zu. Seine Augen wanderten über ihre strammen Beine hinweg über ihren Bauch. Sie war sportlich. Unter dem Hemd erkannte er deutlich Anzeichen von Muskeln. Und auch der Rest ihres Körpers schien zu einer Athletin gehören. Dazu schien sie auch noch einen schönen Busen zu besitzen.
    „75C.“. Mahnte Kassandra in diesem Moment, mit einem schneidenden, wenn auch stolzen Klang in der Stimme. Schnell hob sich sein Blick zu ihrem runden, fast ovalen Gesicht. Ihre sanft betonten Wangenknochen, das Kinn und die üppigen Lippen gaben ihr ein reizvolles Aussehen. Doch der definitive Höhepunkt ihres Gesichts, denn in ihnen spiegelte sich Kassandras ganzer Charakter wieder, waren ihre azurblauen Augen, die ihn unter den niedrig liegenden Brauen bedrohlich ansahen. Vielleicht verwechselte er es aber auch nur mit Arroganz, obgleich sie so alles und jeden ansah. Es war ein einschüchternder, ewig scharfer Blick der ihr zu eigen war, ein Blick der etwas zutiefst rohes in sich barg und damit eine ebenso verführerische wie abschreckende Wirkung entfaltete. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie ihre kampflustigen, blauen Augen abwendete und mit einem dünnen Lächeln hinuntersah, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Seth besann sich und führte seine Inspektion fort, zum einzigen Makel den er entdecken konnte – ihre Nase. Es war zweifelsfrei ein tadelloses Riechorgan, denn es erschien wie mit einem Lineal gezogen und endete in einer wunderschön abgerundeten Spitze. Doch ihr leicht geweitetes Nasenbein gab ihr auf dem zweiten Blick eher das Aussehen einer Boxerin, statt einer Prinzessin.
    „Genug gesehen?“ fragte sie dann herausfordernd als sich ihre Blicke wieder trafen, sie mochte es nicht wenn man ihrer Nase soviel Aufmerksamkeit schenkte.
    „Tut mir leid“
    „Tut es nicht.“ Kassandra kam nicht umhin wieder dünn zu lächeln, er schien einfach nicht damit aufhören zu wollen. „Und nun bin ich dran.“ Sie wendete sich ihm böse grinsend zu und sah runter auf seinen Bauch. „Eine ziemliche Wampe, Sport würde dir wirklich gut tun oder du endest als Fettkloß.“
    „Heh! Das ist nur der Bauch!“
    „Ja und deine Hüfte. Du bist schwach. Sieh dir deine Arme an oder sollte ich Ärmchen sagen?“ Sie fuhr fort ohne ihn zu Wort kommen zulassen. „Und was ist das hier?“ Sie zupfte an seinem Jackett. „Schlimm genug bei diesen Temperaturen im Anzug herum zu laufen aber er ist dir viel zu groß. Du willst wohl den Anschein erwecken, dass du was besseres wärst als du eigentlich bist, habe ich Recht?“ Es hatte ihm die Sprache verschlagen.
    „Tja, das dachte ich mir. Dein Bart ist in Ordnung, die Explosion hat deinen Haaren gut getan, ich will mir nicht vorstellen wie es davor aussah, so nach hinten gegelt. Etwas Chaos und Fülle tut dir richtig gut.“ Sie besah` seine Nase aber sie war nichts besonderes, etwas dick, ein kleiner Knick mehr wie die eines Arabers. Der Rest seines Gesichts war hingegen sehr europäisch, seine Haut wirkte sogar etwas zu fahl, vielleicht machte es aber auch das schlechte Licht. Seine grauen Augen machten auf ihr den Eindruck eines Mannes, der gerade zwar zutiefst verwirrt war, in dessen Inneren aber ein ungestillte Verlangen lauerte und es war nicht die nach einem Körper.
    „Fassen wir also zusammen, ich mißfalle dir und mein Plan war von Beginn an zum Scheitern verurteilt, zumindest was dich betrifft.“
    Kassandra schnaubte. „Du bist nicht gutaussehend, geschweige denn besonders rücksichtsvoll. Aber während du nichts besseres zutun hattest als mich zu begaffen, habe ich dir meine Nummer eingespeichert.“ Er konnte es gar nicht glauben und sah sofort nach, während sie sich wieder zurücklehnte.
    „Du solltest dich mal fragen, wem dein Plan eigentlich nützt, wenn ich mir ein paar Drinks von dir bezahlen lasse.“
    Seth ächzte und legte das Handy wieder zurück. „Wie kommt es das du so fit bist? Hast du nur für diesen Tag trainiert?“
    „Nein. Ich mag nur Sport. Ich bin in einem Curlingverein und halte mich so gut es geht an den Trainingsgeräten im Fitnessstudio in Form, oh und ich war bis letztes Jahr Pitcher bei den Wizards.“
    Seth beäugte sie als käme sie von einem anderen Planeten. „Pitcher? Es gibt Baseballvereine in dieser Stadt?“
    „Ja. Bis zum letzten Jahr gab es unseren, jetzt wird aus unserem Gelände ein Fußballplatz.“
    Seth gab ein leisen, nachdenklichen Seufzer von sich und blickte an die feuchte Decke der Hütte. Er hatte nie viel für Sport übrig gehabt, was ihm jetzt beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Nach einer ihm endlos vorkommenden Zeit hörte er Kassandras Stimme wie weit entfernt und blickte fragend zu ihr. „Was hast du gesagt?“
     
  3. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    „Ich fragte ob ich dein Jackett haben kann. Ich bin dermaßen durchnässt, das ich die Königin auf jedem Wet-T-Shirt-Contest wäre.“ Noch einen Moment zuvor war ihm das durch ihr weißes Hemd deutlich aufgefallen und er vermutete nun, dass sie es nur zuließ weil sie noch einen BH darunter trug. Nun könnte er sich dafür Ohrfeigen das er nicht gleich daran gedacht hatte ihr auszuhelfen. Eilig zog er sein Sakko aus aber er kam gar nicht dazu es ihr zu reichen, da sie ihm bereits ruppig wegzog. An ihrem Gürtel fiel ihm eine Handschaufel ins Auge. Das lange, spitz zulaufende Blatt war im Gegensatz zu dem hölzernen oder kunststoffartigen Griff aus Metall. Selbst wenn es nur ein Kinderspielzeug war, als Waffe konnte man es sicher ganz gut gebrauchen.
    „Danke.“ Erwiderte Kassandra freundlich, auch wenn sie sich gewünscht hätte dass er eher drauf kommt.
    „Keine Ursache. Und wozu soll das gut sein?“
    Ihr Blick fiel auf die Schippe. Sie musste selbst einen Moment nachdenken, wieso sie sie aus dem Sand gegriffen und an ihren Gürtel befestigt hatte. „Um ehrlich zusein... ich wollte nur vorsorgen.“
    „Wofür? Einen Sandburgen Wettbewerb?“
    Die junge Frau verzog ihr Gesicht bei der Antwort. „Hör zu Klugscheißer, du warst doch dabei. Es ist nicht einmal zwei Stunden her. Wer weiß wem ich das noch zwischen die Rippen jagen muss, dort unten könnte sich alles mögliche zusammenbrauen und ich möchte vorbereitet sein.“
    „Schon gut, das war ein Witz. Ich würde sagen wir schlafen jetzt, morgen wird ein langer Tag.“ Kassandra sah ihm dabei zu, wie er sich in eine möglichst gemütliche Position begab, bevor er sich daran versuchte einzuschlafen. Mit einem leisen Gute Nacht, tat sie es ihm schließlich gleich. Draußen war nichts weiter zuhören als der Regen. Ihrer anhaltenden Taubheit war es geschuldet, dass sie verschont blieben vom Donnern in der Ferne, das die ganze Nacht hindurch anhielt.
     
  4. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

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    Kapitel 2 - Schwarz setzt aus

    Erst am Mittag des nächsten Tages erhoben sich die Beiden aus ihrem unkomfortablen Bett. Ein Riss in der Wolkendecke ließ das helle Licht der Sonne auf sie herunter strahlen. Es wirkte Makaber dass die Umgebung nach dieser Nacht durch das Sonnenlicht, die Wärme und den grünen Bäumen so hell und freundlich erschien.
    Im Gegensatz zu Kassandras Vorstellung von so einer Katastrophe, war ihr Weg nicht mit Leichen gepflastert. Nur ab und zu meinte sie einen leblosen Körper in den Ruinen und Trümmern zu erkennen. Sie traute sich aber kaum näher hinzuschauen.
    „Sagtest du nicht dein Haus wäre in der Nähe? Ich erinnerte mich an 30 Minuten.“ Entnervt trottete sie neben Seth her und versuchte dabei nur gerade aus zu blicken, um nicht doch noch überrascht zu werden.
    „Ich wusste da auch noch nicht, dass wir über vier Schuttberge klettern würden müssen. Wir sind gleich da. Was ist los, gestern warst du sportlicher.“ Seine Augen strotzten nur vor Gelassenheit, als wäre all das um sie herum gar nicht da.
    „Ich bin sportlich!“ Erwiderte die junge Frau selbstbewußt und senkte ihren Kopf um kurz an sich zu schnüffeln. „Aber erstens bin ich Sprinterin, keine Marathonläufern und zweitens ist es warm! Verdammt warm! Und ich halte es nicht aus, wenn ich noch eine Stunde ohne eine Dusche leben muss.“

    Zu Kassandras Glück dauerte es keine Stunde, bis ihr Begleiter einen Schlüssel aus seiner Hosentasche fischte um die Haustür aufzuschließen. Als sie in seine Wohnung eintraten, erhob Seth laut die Stimme.
    „He Isis! Ich bin wieder da!“
    „Du hast eine Freundin?“ Fragte Kassandra, die nach ihm hereinkam als ihr auch schon die Herkunft der beiden Namen auffiel. Doch ehe sie etwas sagen konnte, antwortete Seth bereits Gedankenverloren. Er hatte einen Zettel aufgehoben, den er beim rein kommen mit dem Fuß anstieß.
    „Nein, nein. Isis ist meine Schwester. Hätte ich eine Freundin, hätte ich dich bestimmt nicht mitgenommen.“
    Seine schwarzhaarige Begleiterin hob eine Braue, beließ es aber dabei und ging kommentarlos den dunklen Korridor in das Wohnzimmer. Seth blieb im Flur und las den Brief.

    Ich hoffe du hast alles gut überstanden. Dein Handy hat es zumindest, also geh ich davon aus das es dir gut geht. Dem Netz hingegen nicht, ich konnte dich erreichen aber beinahe direkt brach die Verbindung auch schon wieder ab. An den Hauptbahnhöfen wurden Evakuierungspunkte eingerichtet. Ich gehe morgen (das ist Mittwoch) zum Nordbahnhof und warte dort um 19 Uhr auf dich. Ich weiß ja dass du ein Langschläfer bist. Wenn du es nicht schaffst, kannst du mich bei Marvin finden. Er hat nicht vor die Stadt zu verlassen.
    Ich habe Angst Seth also lass von dir hören, wenn es geht und pass unterwegs auf, im Fernsehen haben einige ziemlich verrücktes Zeug geredet.

    Isis

    Seth betrat das Wohnzimmer und versuchte einen Anruf, aber vergeblich. Er hatte nicht das Gefühl als sei seine Schwester wirklich verängstigt dafür ähnelte sie ihm zu sehr. Tatsächlich war Isis eine berechnende junge Frau, die das Ziel hatte eines Tages den Nobelpreis in ihren Händen halten zu können. Dafür arbeitete sie hart und ehrgeizig aber sie ließ sich im Gegensatz zu ihm viel zu leicht ablenken. Feiern war eine der Lieblingsbeschäftigungen denen sie nicht selten viel zu intensiv nachging.
    Zielgerichtet schaltete Seth den Fernseher ein und erläuterte Kassandra dabei die Situation. Sie hörte ihm Aufmerksam zu, während sie die Einrichtung begutachtete. Das Zimmer war stilvoll eingerichtet. Wenn man hineinging stand einige Meter weiter ein schwerer, schwarzer Holztisch, auf dem sich der Rechner und ein altertümlicher Drucker befand. An den Wänden hingen mehrere Bilder in rahmenlosen Haltern. Die Motive waren vornehmlich Frauen, deren Herkunft Kassandra nicht genau zu Ordnen konnte. Ein zweiter großer Tisch wurde flankiert von einem schwarzen Ledersofa und einem gemütlichen kastanienbraunen Sessel. Der Blickfang war jedoch neben dem Fernseher unter dem sich verschiedene Konsolen befangen, ein gewaltiges Bücherregal, dass das ganze Blickfeld vereinnahmte. Getrübt wurde das Bild nur von einer heillosen Unordnung. Selten hatte die junge Frau etwas derartiges gesehen. Überall lagen Kleidungsstücke herum, von denen jedoch alle von Isis stammen mussten. Sie ging nicht davon aus, das er Hotpants und Röcke trug.
    „Uh deine Schwester hat aber einen guten Geschmack!“ Grinsend hielt sie mit einem Finger einen schwarzen String mit einem Fischnetzmuster in die Luft, der angezogen mehr zeigte als verhüllte.
    „Ja den hat sie.“ Antwortete er abwesend. Seth ließ sie links liegen, womit er nicht unhöflich erscheinen wollte. Er konzentrierte sich jedoch voll und ganz auf das Fernsehprogramm. Die Moderatorin wirkte müde, wiederholte aber professionell auch zum einunddreißigsten Mal die Bekanntmachung des Verteidigungsministeriums. Ihr Inhalt war nicht überraschend. Aufgrund des Verlusts des Regierungsapparats übernimmt das Ministerium die Kontrolle und befiehlt die sofortige Evakuierung der Hauptstadt, da mit weiteren, noch verheerenden Angriffen gerechnet wird. Doch immerhin wusste man dem Feind endlich einen Namen zugeben. Sachmet.

    „Also die Sachmeter hm? Ich würde diese feigen Bastarde eher Würmer nennen! Was ist eigentlich mit diesen lateinischen Wörtern?“
    Seth Antwort kam unter einem tiefen Brummen.
    „Da unten im Lauftext.“.
    „Dies Land dem Kaiser. Das ist eindeutig.“
    Kassandra spürte dass er gerade wenig Lust nach einer Unterhaltung verspürte. Verständlicherweise lag ihm mehr daran, herauszufinden was hinter alledem steckte. Eigentlich eine willkommene Gelegenheit sich unter die Dusche zu stellen, andererseits würde dies bedeuten allein zusein, allein mit sich und ihren Gedanken, weshalb sie sich an jede Gelegenheit klammerte das Unvermeidliche hinauszuzögern. Vor einem ganzen Regal dicker Wälzer entdeckte sie neben uninteressanter Aufklärungsliteratur des 18. Jahrhunderts und unsortiert übereinander gestapelten Rechtsbüchern etwas spannendes. Ein weitaus größerer Teil wurde von einer unermeßlichen Zahl von Filmen, Videospielen und Manga ausgefüllt. Ihre Hand strich langsam über die japanischen Comics, von denen einige an ihrem Buchrücken fremdartig anmutende, asiatische Schrift aufwiesen. „Du kannst japanisch?“ fragte sie interessiert, zu ihrer Verwunderung jedoch verneinte er. Ein komischer Kauz ist das, dachte sie sich und registrierte wohlwollend dass er auch einige amerikanische Werke in seiner Sammlung hatte. Ihr Blick blieb jedoch auf einer kleinen Serie mit dem Titel Battle Angel Alita hängen.
    „Wow die wollte ich mir schon immer mal kaufen aber ich habe es immer vor mich hergeschoben und irgendwann vergessen.“
    Seth reagierte nicht, seine Augen blieben starr auf den Fernseher gerichtet. Auf dem Tisch reflektierten die schwarzen Gläser einer Pilotenbrille das Licht der Sonne.
    „Hey!“ Sofort bei ihm griff sie sich die Sonnenbrille und setzte sie auf. „Mein Bruder hat... hatte auch so eine.“ Kassandra biss sich auf die Unterlippe und setzte sie zögerlich wieder ab.

    „Hör mal, du nervst, ich mach dir ein Angebot ja?“ Seth drehte seinen zu ihr. Sein Schnauben ließ sie ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend verspüren.
    „Du kannst die Brille behalten dafür verschwindest du jetzt ab ins Bad und lässt mich hier in Ruhe, zumal ich gleich einige Dokumente durchgehen will und da kann ich dich nicht brauchen.“
    „Sorry ich... diese Sache...“ Kassandra rang nach Worten, steckte die Sonnenbrille in ihre Brusttasche und verließ das Zimmer raus auf den Korridor.
    Nur eine Sekunde später lugte der Kopf des schwarzhaarigen Wildfangs wieder rein.
    „Sag mal, wo ist das Bad?“
    „Am Ende des Ganges.“
    „Kann ich mir die Klamotten deiner Schwester leihen?“
    Ihre Augen sahen ihn entschuldigend an.
    „Sicher, wenn sie dir passen. Ihr Zimmer ist direkt daneben.“
    Seth atmete erleichtert aus, als er hörte wie sich einen Moment später die Tür des Schlafzimmers schloss. Wirklich böse konnte er ihr nicht sein, er konnte es ja nachvollziehen, auch wenn er es nicht zeigte.

    Es waren genau diese Situationen die sie so wütend auf sich selbst machten, sie hasste es Schwäche zu zeigen und bewunderte ihn dafür das er die ganze Zeit so kühl bleiben konnte.
    Für Seth war es mit seiner Schwester schon kompliziert genug aber nun noch diese Frau um sich zuhaben, kam ihm vor als würde sich der Ärger verdoppeln. Draußen verschlang die Wolkendecke die letzten Sonnenstrahlen und das Zimmer wurde in ein graues Zwielicht gehüllt. Seth ließ sich davon nicht stören, fasziniert betrachtete er die Bilder auf seinem Computer. Es mussten Tausende sein die seine Informantin ihm zukommen lassen hatte, zusammen mit einer ebenso großen Anzahl an Dokumenten. Zeitungsartikel, Schreiben von Behörden und Interviews.
    Als Kassandra nach einiger Zeit wieder hereintrat, hatte er sich auf den dunkelbraunen Sessel gesetzt und hielt nachdenklich den Kopf gesenkt. Auf dem Tisch vor ihm lagen einige geschmierte Brötchen und verführerisch aussehendes Gebäck. Er erkannte die hohen Stiefel seiner Schwester. Kassandra hatte ihre weiße Bluse durch eine schwarze ausgetauscht, deren Ärmel sie wie bei ihrer alten bis zum Ellenbogen umkrempelte. Als sie sich auf das Sofa setzte, wirkte sie irgendwie frischer und ihre schwarzen Haare waren wieder in Form, soweit er das erkennen konnte.
    „Ich mag es wenn man ehrlich ist Süßer aber beim nächsten Mal hau ich dir eine rein.“
    „Danke. Schön das du das so gut wegsteckst.“
    „Ich wäre keine Stark, wenn ich das nicht könnte.“ Kassandra warf die Tasche mit der sie reingekommen war auf das schwarze Sofa und setzte sich. Ihre Augen fielen auf die Brötchen, die sie ohne zu zögern in die Hand nahm und sich reinzustopfen begann.
    Im Augenwinkel erkannte Kassandra wie sich ihr Gefährte über den Bart strich.
    „Hör zu Kassi, wir...“
    Mit dem Handrücken strich sie sich etwas von den Lippen, das hängengeblieben war.
    „Nenn mich Kass, wenn du es schon kurz haben willst.“
    „Ganz wie du meinst – Kass.“ Sagte Seth und erzählte dann vom Brief seiner Schwester, bevor er fragte.
    „Was hast du jetzt vor?“
    Ihr zuvor fester Blick wich ihm aus. Sie schluckte zunächst ihren Bissen herunter, bevor sie wieder vorsichtig zurücksah. „Ich weiß, du hast das sicher nicht so geplant aber ich würde gern bei dir bleiben.“
    „Dein Bruder ist hier.“ Erwiderte er offen und sie schätzte es das er sie nicht um den heissen Brei reden ließ.
    „Ich weiß aber ich kann ihm nicht mehr helfen oder? Ich versteh`s wenn du mich loswerden willst.“ Ihre Hand umgriff die Tasse Kaffee die er netter weise gekocht hatte.
    „Nein, nein, so ist das nicht. Wir kennen uns nur nicht. Ich dachte daran mit dir auszugehen, ja aber ich hatte nicht erwartet, dass wir ... wie soll ich es ausdrücken?“
    „Wie Kletten aneinander hängen?“
    „Ja.“
    „Glaub` mir, so angenehm ist das für mich auch nicht. Ich bin nicht dieser Typ Frau.“
    „Gut. Also hat sich die Frage, wann du nach Hause gehst erledigt, zu Mal du scheinbar schon “deine“ Sachen gepackt hast.“
    Kassandra lächelt dünn. „Nach Hause? Nein, ganz sicher nicht. So und wenn das geklärt ist, könntest du vielleicht endlich mit der Sprache rausrücken, wie nun die Lage ist.“

    Seth selbst machte den Anschein von Müdigkeit, den auch schon die Moderatorin zeigte, als er ihr all das was er herausgefunden und gesehen hatte berichtete. Über wild gewordene, riesige Hunde, Angriffe fliegender Reptilien und über die Sachmeten, die angeblich an den verschiedensten Winkeln der Stadt aufgetaucht sein sollen. Augenzeugen beschrieben sie als Dämonen. Männer und Frauen in hellen, beigefarbenen Uniformen, denen allen eines gemein war. Eine rote Hautfarbe, kleine überaus spitze Hörner die unter ihren Helmen nach hinten weg gingen und ein langer Schwanz, der in etwa die Dicke eines Männerarms besaß.

    „Tja und was sie noch beiläufig erwähnten, erfahren wir nichts aus Übersee.“
    „Also nicht aus Amerika?“
    „Nein, nichts aus Amerika. Genauer gesagt, nichts aus nirgendwo. Absolute Funkstille. Wie gesagt, sie machen kein Fass auf aber das bedeutet das sie nicht nur die Unterseekabel durchgeschnitten haben müssen.
    „Eine Invasion...“ sagte sie leise, ohne die Augen von ihm zu wenden.
    „Sie legen unsere Kommunikation lahm, bringen uns dazu die Stadt zu verlassen... Was hast du noch rausgefunden, ohne Internet?“ Wollte sie jetzt genau wissen und griff sich etwas vom Gebäck.
    „Es funktioniert. Allerdings ist es unmöglich auf ausländische Seiten zuzugreifen.“
    Genüßlich knabberte Kassandra an einer der handgroßen Mürbeteigecken. Sie liebte es zuerst die beiden Schokoladenkanten zu essen bevor sie zur Marmeladenfüllung vordrang.
    „Wir wurden also annektiert und irgend jemand, also Sachmet, will diese Stadt erobern.“ Sagte sie mit vollem Mund. Sie aß den Rest des Gebäcks in wenigen Happen auf.
    „Wer ist dieser Kaiser? Wer ist Sachmet? Wer wagt es sich mit uns anzulegen?!“ Rief sie schließlich.
    Seth erwartete nicht solch ein Feuer in ihr aufsteigen zusehen und antwortete eingeschüchtert.
    „Ich... ich habe keine Ahnung, sonst hätte ich dir das als erstes mitgeteilt. Keiner weiß wer oder was Sachmet ist. Jemanden aus der Union können wir ausschließen. Niemand würde Hals über Kopf, grundlos einen Krieg anzetteln.“
    „Was heißt Hals über Kopf? Um das Internet auszuschalten braucht es mehr als diese Flammensäulen und einige willkürliche Explosionen!“
    Seth schüttelte streng den Kopf. „Nein willkürlich waren sie sicher auch nicht, ich habe ja die Bilder gesehen. Du hast Recht wer das getan hat, hatte viel Zeit investiert um das alles zu präparieren. Das sind gewaltige Ausmaße.“
    „Russen? Chinesen? Es können keine Terroristen sein.“
    Ihr Begleiter nahm einen gemächlichen Schluck Tee, bevor er antwortete.
    „Nein, nein, nein. Es ist wie sie sagten, eine unbekannte Partei.“
    Da fiel ihm etwas ein.
    „Ich habe noch ein wenig mehr herausgefunden. Sieh dir das an.“ Er reichte ihr sein Handy, auf dem er einige Bilder von seinem Computer abgespeichert hatte.
    Eine Gruppe Soldaten blickte dort verschmitzt in die Kamera. Daran wäre an sich nichts aussergewöhnliches, würden sie nicht gerade auf einem Friedhof posieren, in Uniformen die keiner derjenigen glich, die Kassandra je gesehen hatte. Sie konnte das gut beurteilen, immerhin lag ihr Ursprung in einer Familie mit militärischen Hintergrund und ihr Vater achtete Zeit seines Lebens darauf dass sie sich dessen bewusst war.
    Was fast alle trugen waren sehr dunkle, mit grünem Camouflage versehene und sehr modern geschnittene Kampfanzüge. Panzer bedeckten einen großen Teil des Körpers. Sie hatten eine entfernte Ähnlichkeit mit alten Ritterrüstungen aber sie waren weit weniger plump. Kassandra erkannte schwach ein regelmäßiges, hexagonales Muster auf dem scheinbar eng anliegendenden Stoff, der zwischen den Schutzplatten hervorstach. Kleinere Erhebungen unter den Anzügen ließen sie zudem darauf schließen, dass man auch hier einen Schutz eingewoben hatte.
    Trotzdem, das ganze machte einen vollkommen surrealen Eindruck, weder die Soldaten, noch die beiden Offiziere am Rand des Fotos wollte sich in ihr gewohntes Bild einfügen. Der streng aussehende, ältere Herr trug Reithosen und die Frau einen neumodischen und für die Armee ungewohnt knappen, schräggeschnittenen Rock.
    „Wem gehören sie an?“
    Seth überließ ihr jetzt das Handy. Bei näherer Betrachtung erkannte sie den Namen einer Frau, die sich in der Mitte der Gruppe befand - d`Mirage.
    „Es sind Franzosen, sie sind Teil einer Infanterieinheit. Das Foto wurde irgendwann 2019 aufgenommen und der Ort... wie soll ich sagen, er existierte bis zu diesem Zeitpunkt nicht.“
    Die junge Frau verstand nicht und stützte angestrengt nachdenkend ihren Kopf auf die Hand.
    „Aha, klar ein Friedhof der nicht da ist.“ Sagte sie sarkastisch und schüttelte dann den Kopf. „Das da sind definitiv keine Franzosen, auch wenn die hier einen französischen Name trägt.“ Mit einem Zweifeln im Gesicht gab sie ihm das Handy wieder zurück.
    „Es sind welche, diese Einheit existiert neben den bekannten, sie finden sich in der gesamten Union. Es sind Truppen die, vorsichtig ausgedrückt, in Szenarien mit unnatürlichen Ursprung auftreten.“
    „Geisterjäger?“ Fragte sie lachend.
    „Ich glaube das trifft es nicht. Laut den Papieren nehmen sie nicht nur Untersuchungen vor, im Falle einer Gefahr sollen sie den Offizieren der regulären Einsatzkräfte beratend zur Seite stehen oder sogar das Kommando übernehmen.“
    Langsam wurde Kassandra wirklich misstrauisch. Was war das nur für ein Unsinn, übernatürliche Gefahr? Hielt er sie jetzt für total plem plem? Kassandra sah an ihm vorbei zum Fenster. Dunkelheit und das seit Wochen. Er hatte Recht, es gab keinen Grund an dem zu Zweifeln was er ihr sagte. In ihrem Magen brodelte es und ein übles Gefühl kroch ihren Hals hinauf.
    „Geht es dir gut?“
    „Ja, ja geht schon.“ Was sie brauchte war Luft. Sie öffnete eines der großen Fenster. Unter Kassandra lag eine weite Straße. Der Bürgersteig war fast ausgestorben, dafür war die Anzahl an Autos um so zahlreicher. Noch gestern sah das anders aus, als hätte sich alles umgekehrt.
    „Was bedeutet das bloß?“
    „Das wir uns de facto im Krieg befinden.“ Beantwortete Seth die Frage wörtlicher genommen, als sie wollte. „Und das wir gut daran tun würden aus der Stadt zu verschwinden. Was wir mit diesen Dokumenten anfangen können weiss ich noch nicht. Wir werden es noch früh genug raus finden, genauso die Antwort auf die Frage nach unserem Gegner und seinem höllischen Auftritt.“
    Teufel, dachte sie, darauf bedacht ihre Gedanken nicht versehentlich laut auszusprechen.
    „Sag mal, hast du eine Waffe? Oder wenigstens etwas das man als eine verwenden kann?“ Fragte Kassandra nachdem sie einen tiefen Zug der frischen Luft genommen hatte.
    „Eine Waffe?“ Fragte Seth belustigt und erhob sich nun aus seinem Sessel. „Einige Messer in der Küche aber das kann man wohl kaum als Waffen werten.“
    „Nein aber sie könnten ihren Zweck erfüllen. Was dagegen wenn ich sie morgen mitnehme?“
    Seth wusste keinen Grund warum er ihr das verwehren sollte, in Anbetracht ihrer Lage schätzte er den Vorschlag sogar.

    Kassandra sah ihm nach als er sich frischmachen und umkleiden ging, bevor sie in Richtung Küche wanderte. Kurz vor der Tür fiel ihr im Bücherregal ein Bild ins Auge. Darauf war ein Mädchen etwa in ihrem Alter, wenn nicht jünger, mit pechschwarzen, langen Haar und einem kecken Lächeln auf den Lippen. Daneben stand Seth, mit einer rahmenlosen Brille auf der Nase und wurde von ihr im Schwitzkasten gehalten. Auch er lächelte aber weniger entspannt als sie es bisher von ihm gewohnt war. Sehnsucht lag in Kassandras Augen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Januar 2011
  5. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Wie Seth und Kassandras Reise weitergeht erfahrt ihr hier:

    Kapitel 3 – Der rote Bahnsteig

    Nach dem sie aufgestanden waren, füllten Kassandra und Seth einen zweiten Rucksack. Es war eine erholsame Nacht, die sie im Bett seiner Schwester verbracht hatte und das obwohl draußen ein weiteres mal die Stadt bombardiert wurde. Nur einmal kam Seth herein und fragte ob es nicht besser wäre zu verschwinden aber Kassandra stöhnte nur laut etwas in der Art „Wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt, dann wenigstens wenn wir pennen.“.

    Ohne ihr wissen hatte Seth eines der Bücher, die sie so bewunderte, in ihre Tasche gelegt. Er war sich sicher, sie hatte sich seine Reaktion gemerkt und er wollte ihre keine Munition liefern, die sie in einer zukünftige Konfrontation verwenden könnte. Da noch etwas Zeit war, setzten sich beide vor den Fernseher, in dem scheinbar endlos von den Vorgängen berichtet wurde. Doch dann, ganz unerwartet gegen sechzehn Uhr wurde das Bild schwarz. Auch das Radio hatte den Geist aufgegeben, nur das Netz blieb wie es war, woraufhin Seth dort den Rest der Zeit verbrachte. Zu Kassandras Glück, war er diesmal wenigstens ansprechbar.

    Auf den Bürgersteigen herrschte weitestgehend eine gähnende Leere, die sich ausbreitete sobald man in eine Nebenstraße kam auf der kaum noch ein Auto fuhr. Nur selten begegneten sie jemanden auf ihrem Weg. Viele die nicht daran dachten die Stadt zu verlassen und das waren nicht wenige, verschanzten sich in ihren Wohnungen aus Angst vor Plünderern. Einige hatten sich schon an den Supermärkten vergangen, kaum das die erste Nacht vorüber war.
    „Diese Stille ist kaum zu ertragen.“ Brummte Kassandra, die diese Stadt noch nie so leer sah.
    „Beinahe unheimlich. Soetwas erlebt man eher nach einer Silvesternacht, an Weihnachtsabenden oder heissen Sommertagen wenn jedermann in die Schwimmbäder strömt aber selbst da waren die Straßen noch lebendiger als heute.“
    Nicht einmal der sonst so mit Autos gesäumte Straßenrand war mehr wiederzuerkennen, wo gestern noch unzählige von ihnen standen klafften heute große Löcher. Nach einer Weile kamen sie an eine Kreuzung. Die ganze Zeit über liefen sie an Ruinen vorbei, doch jetzt sahen sie kaum noch etwas anderes, die ganze Straße war voll mit Trümmern. Die Häuser waren stark beschädigt, ein Wohnhauses war wie mit einem Skalpell in zwei Hälften geschnitten worden. Die Überreste lagen davor, sie waren zu einem hohen Schutthaufen aufgetürmt. Vor ihm stand ein völlig lädierter, roter Feuerwehrwagen. Verlassen befand er sich inmitten der Einöde. Mehrere tiefe Kratzer und Beulen zierten seine Aussenhaut. Seth löste sich von Kassandras Seite und besah den Löschwagen von Nahen.
    „Wir sollten lieber weiter, schon vor einer halben Stunde wollte deine Schwester da sein oder?“ Sagte sie ermahnend und blieb wartend stehen.
    „Die Minute werden wir sicher noch haben. Mach dich lieber nützlich und hilf mir mal hier.“ Seth hatte aus der Fahrerkabine einen Schlüssel stibitzt, womit er an der Seite des Wagens die Rolläden hochzog, nur die mittlere der Drei, wollte sich bis auf einen Spalt einfach nicht öffnen lassen.
    „Hast du vor die Feuerwehr zu bestehlen?“ Kassandra klang schockierter als sie es beabsichtige, ließ aber die Tasche neben sich fallen und schob ihre Finger neben die ihres Gefährten unter das Blech.
    „Ja habe ich.“ Er klang nicht im geringsten so, als würde er sich schuldig dabei fühlen. Nachdem sie schon ein kleines Kind bestohlen hatte, war das sicher nicht ernster. Dank Kassandras Hilfe schoben sich die Lametten an der Oberkante langsam unter das Fahrzeug. Beide stöhnten vor Anstrengung auf und schrien beinahe, als mit einem mal die Rolläden nach oben schnellten. Vor ihnen lagen nun drei offene Geräteräume, die weniger Räume als viel mehr eine Ansammlung von größeren und kleineren Fächern und Schubladen.
    „So und nun?“ Fragte Kassandra, die immer noch nicht erraten hatte was er eigentlich beabsichtigte.
    „Die Axt. Die meisten Löschwagen sollte soetwas an Bord haben und ich glaube mit ihr können wir mehr anfangen als mit unseren Messern.“
    Die junge Frau könnte sich bei seiner Antwort Ohrfeigen nicht selbst daran gedacht zuhaben und fing sofort an zusuchen. Schläuche, Pumpen, Werkzeuge füllten die Regale, verschieden großes und kleines Gerät gut verstaut und gesichert. Die Axt fand sich schnell, doch wie alles andere auch war sie fest an der Wand angebracht, um zu verhindern dass sie bei der Fahrt wild gegen die Wände schlug oder verloren ging. Seth mühte sich damit ab, den Gegenstand herauszuholen doch der Verschluß klemmte und er rührte sich keinen Zentimeter.
    Ein nahendes Motorengeräusch erweckte Kassandras Interesse. Ein blauer Polizeiwagen war um die hinter ihnen liegende Straßenecke gefahren und bewegte sich nun auf sie zu. Zwei Polizisten saßen darin und entdeckten das Treiben.
    „Versuch es weiter, ich kümmer mich darum.“ Sagte Kassandra leise zu Seth, der sie in einer kurzen Kopfbewegung ebenfalls registrierte.
    Seine Gefährtin näherte sich mit sicheren Schritten dem haltenden Polizeiauto, aus dessem Inneren sie einen Gesprächsfetzen aufnahm.
    „...war doch abzusehen das die Zecken die Ersten sind...“
    Als die Polizisten auf sie zugingen, versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen, das Blut in ihren Venen hatte allerdings schon angefangen zu kochen und ihre Wangen färbten sich rosa.
    „Guten Tag, was tun Sie denn da?“ Fragte der linke von ihnen und blickte über Kassandras Schulter. Erst jetzt erkannte er den Mann im Anzug, der sich an der Gerätekammer abmühte, wo ihnen zuvor nur eine schemenhafte Bewegung aufgefallen war.
    „Wir plündern den Feuerwehrwagen Herr Wachtmeister.“
    „Ich glaube das vergessen wir lieber. Sie da, würden Sie bitte die Finger von dem Löschfahrzeug lassen?“ Fragte nun der Rechte mit Blick auf Seth, dem es mittlerweile sichtlich unwohl war, in Gegenwart der Beamten. Der Polizist machte einen Schritt auf ihn zu, da stellte sich ihm Kassandra in den Weg und legte ihm ihre Hand auf die Brust.
    „Wolf, ich kümmere mich darum.“ Sagte sie ohne den Blick ihrem Gegenüber zu lassen.
    Wolf? Seth glaubte zu verstehen aber die Situation spitzte sich zu.
    „Schneewittchen, vielleicht hat er recht!“ Er wollte seine Hände von dem Gegenstand lösen, den er so fest umgriffen hielt, um die Situation mit Worten lösen aber dafür war es bereits zu spät.
    „In Ordnung, schluß mit den Spielchen! Hören Sie auf ihn und lassen Sie uns durch!“ Befahl der Linke der Beiden bellend, nach dem Kassandra auch ihm den Weg versperrte. Im Augenwinkel erkannte sie wie sein Kollege nach den Handschellen an seiner Hüfte Griff, gleichzeitig vernahm sie hinter sich ein lautes Stöhnen, denn Seth erkannte genauso gut wie sie was nun geschehen würde und das war der Moment auf den sie gewartet hatte! Ihre linke Faust schoß auf den Beamten zu und schlug seinen Kopf zur Seite. Ehe er sich davon erholen konnte erwischte ihn auch schon ihre Rechte. Ihre Hiebe waren professionell platziert, brachten ihn beide Male dazu Blut und Speichel zu spucken. Kassandra war trainiert und wusste genau wie man zuzuschlagen hat, wenn es nötig war.
    Der zweite Polizist sah mit Schrecken die Kraft hinter den Schlägen des Mädchen und mit noch mehr Schrecken die Axt, die ihr Freund kurz vor ihrer Attacke herauszog. Ohne zu zögern ergriff er das Heft seiner Dienstpistole, ließ sie hochschnellen und zielte auf Kassandra aber er kam nicht einmal dazu „Halt!“ zu Schreien. Ihre Hände legten sich auf den Lauf und drehten mit einem kräftigen Ruck die Waffe im Uhrzeigersinn. Sein Finger, den er aus Dummheit bereits auf den Abzug gelegt hatte, brach durch diese widersinnige Bewegung. Mit Leichtigkeit zog sie die Pistole zu sich, richtete sie auf das Bein seines Taumelnden Kollegen und drückte ab. Die Kugel zerschoß die Kniescheibe und ließ ihn schreiend auf den Asphalt fallen. Kassandra unterschätzte den immer noch stehenden Mann allerdings, sie dachte dieser würde von allein zurückweichen, doch stattdessen stürzte er sich wütend auf sie. Im Rechten Moment tauchte Seth jedoch neben ihr auf. Mit seiner Schulter voraus stieß er den Mann neben seinen Kollegen auf den Boden. Aus dem Fehler gelernt, ging Kassandra nun ein Paar Schritte zurück und hielt die Waffe vor sich auf die Männer am Boden gerichtet.
    „Was zur Hölle tun wir hier, Schneewittchen?“ Flüsterte Seth dicht neben ihr in scharfem Ton. Aus seiner Perspektive lief alles aus dem Ruder und der einzige Grund weshalb er hier mitmachte war seine Schwester.
    „Wir verbessern unsere Situation Wolf.“ Ihr Blick war weiterhin starr auf die Beiden Männer gerichtet, die sich vor Angst nicht wagten zu rühren, was ihnen unglaublich schwer fiel.
    „Nimm ihnen Waffe und Holster ab!“ Befahl Kassandra Seth in einem ruhigen Tonfall. Mit einem murrenden „Jawohl Schneewittchen“ tat er was sie von ihm verlangte und sicherte sich die Sachen des Verwundeten, die er wieder bei ihr angekommen anlegte und die Waffe herauszog, um die Polizisten in Schach zuhalten.
    „Gut ich seh mir mal den Kofferraum an, halt du hier die Stellung.“
    Kassandra nahm sie sich ein Beispiel an seiner Aktion mit dem Feuerwehrwagen. Sie fand den Schlüssel immer noch im Zündschloss steckend, zog ihn raus und öffnete damit den Kofferraum. Sie staunte nicht schlecht als sie dort zwei schwarze Schulterholster fand von denen sie eins sofort anlegte und ihre Pistole verstaute. Bis auf einen größeren Metallkasten ignorierte sie den Rest, denn wegen der war ihr eigentliches Ziel. In ihm fand sie eine Schrotflinte.
    „*******, eine echte Benelli!“ Sie erwartete eigentlich eine Maschinenpistole aber wie es schien hatte die Polizei umdisponiert. Ihr sollte das nur Recht sein, diese Waffe gefiel ihr ohnehin viel besser. Mit der freien Hand ergriff Kassandra die Munition, die sie in der Tasche verstaute.
    „Ich glaube wir sind hier fertig.“ Rief Kassandra und ging zurück, ihr neues Spielzeug demonstrativ an ihre Schulter gelehnt. Noch einmal wendete sie sich den Beamten zu.
    „Mein Blutzoll liegt höher als der einer Zecke. Lass uns gehen Wolf.“ Sie war im Begriff zu verschwinden als Seth seine Hand auf ihre Schulter legte. „Warum nehmen wir nicht ihren Wagen? Wir würden damit sicher unseren Zeitverlust wettmachen können!“
    „Wir haben was wir wollten und ich glaube den beiden habe ich schwer zugesetzt, das ist Denkzettel genug.“ Mit diesen Worten warf sie ihnen den Schlüssel vor die Füße und rannte in Richtung der nächsten Kreuzung.

    Um Zeit zu sparen, entschlossen sie sich für eine Abkürzung, nahmen eine kleine Seitenstraße in Richtung der Schienen, die direkt zum Bahnhof führten. Das Gleisbett befand sich einige Meter unter ihnen. Es war ein breites wenn auch nicht besonders tiefes Tal das sich über mehrere Kilometer erstreckte. An den Anhöhen schlängelten sich neben den Wohnhäusern und Straßen lange Zaunketten aber sie waren weder besonders hoch, noch in einem Zustand als das sie ihnen Probleme hätten bereiten konnte. Schnell fanden sie einen Weg nach unten. Vier Schienenpaare verliefen dort nebeneinander. Kassandra hatte bedenken, wegen der Stromschienen, doch da sie abgedeckt waren demonstrierte Seth mit einem Sprung das keinerlei Gefahr bestand, solange man seine Füße nicht zu dicht an die Unterseite brachte.

    Kassandras Wangen waren aufgeflammt vor Glück. Mit strahlenden Augen bewunderte sie die Schrotflinte in ihren Händen und zum ersten Mal meinte Seth soetwas wie Zufriedenheit erkennen zu können. Tatsächlich fühlte sie sich erstmals nach den gestrigen Vorkommnissen wieder sicher und Seth war in ihrem Ansehen sehr gestiegen. „Hätte nicht gedacht, das ein Anzugträger sowas durchziehen könnte.“ Sagte sie verschmitzt als sie wieder Zeit und Luft zum Sprechen hatten. „Hatte ich etwa eine Wahl, Schneewittchen?“
    „Man hat immer eine Wahl, du hättest auch verschwinden können oder diesen Typen helfen aber das hast du nicht gemacht und es hat sich für dich ausgezahlt oder?“
    „Das jetzt alle Reviere der Stadt hinter uns her sind, nennst du auszahlen? Großartig!“
    Kassandra verdrehte die Augen mit einem Lächeln. „Niemand ist hinter uns her, die Störsignale verhindern den Polizeifunk.“
    Seth beruhigte das kaum. „Wir wissen nicht wie weit das Kommunikationsnetz gestört ist aber nachdem du den Beiden so zugesetzt hast, dürften wir wohl nichts zu befürchten haben.“ Gab er beschwichtigend zu.
    Seine Gefährtin grinste hämisch. „Das war das erste Mal das ich eine Knarre benutzt habe, ich zitterte richtig und dachte schon ich schieß ihm gleich in die Eier statt ins Bein! Es war ein gutes Gefühl.“ Sie wurde leicht rot als sie das sagte. In Wahrheit erregte es sie sogar für einen Augenblick ihn mit der Wunde schreiend zu Boden gehen zusehen.
    „Auf mich wirkte dein Auftritt von Beginn an ziemlich professionell.“
    „Weil ich es gelernt habe, ist schon einige Jahre her aber an das ein oder andere erinnere ich mich noch.“
    „Schießen?“
    „Quatsch! Mein Vater drängte mich als Mädchen irgendwas in meiner Freizeit zutun, ob dus glaubst oder nicht aber ich war mit Elf ziemlich pummelig.“
    „Das glaube ich wirklich nicht. Also hast du Karate gewählt?“
    Unbeschwert schulterte Kassandra ihre Waffe, sie erwartete auch nicht dass er was anderes darauf antworten würde. „Ein Gentlemen. Nicht direkt, ich entschied mich für - Jeet Kune Do.“ Sie machte eine Pause. „Zugegeben eigentlich war es nicht mehr als Selbstverteidigung, ich habe es nicht lang gemacht. Irgendwann war die Phase einfach vorbei aber Boxen tu ich immer noch ab und zu, das liegt mir einfach.“

    Sie kamen aus dem Tal heraus und erklommen einen weiten, dicht bewachsenen Hügel. Um sie herum erstreckte sich eine große, unebene Fläche. Ein riesiges Netz aus Schienen spannte sich in einem Dreieck um den Hügel herum oder lief in Tunneln unter ihnen durch. Im Norden lag ein weiterer Bahnhof, der unter einer Brücke erbaut worden war. Weder vom Einen, noch vom Anderen war mehr als ein paar Trümmer übrig geblieben. Die Ansätze der Brücke ragten an den Klippen heraus, dazwischen nur Schutt und Asche.
    „Diese verdammten Schweine!“ Zischte Kassandra, die Brücke war ein Zeichen des Friedens. Am Ende des kalten Krieges lagen sich dort nach Jahrzehnten der Teilung die zerissenen Familien in den Armen. Die ganze Welt sah damals, wie sich hier ihr Volk wieder einte. „Ich kann es nicht fassen.“
    „Ich auch nicht.“ Sagte Seth, allerdings nicht wegen der alten Stahlbrücke. Seine Augen waren gen Westen gerichtet, wo ihr Ziel nur noch einige hundert Meter entfernt lag. Doch der vollkommen überdachte, riesige Bahnhof lag im Dunkeln. Weder er noch Kassandra erkannten nur eine Menschenseele auf den Bahnsteigen, allein den schwachen Lichtschein eines funktionierenden Projektors und der ein oder anderen Anzeigetafel drang aus der Dunkelheit zu ihnen heran.
    „Das ist nicht gut!“ Ein verlassener Evakuierungspunkt, das war ein schlechtes Zeichen.
    Seth ließ sich davon nicht einschüchtern und ging voran. Es dauerte nicht lange, bis ihre Füße die steinernden, weißen Fliesen berührten, mit denen der Bahnsteig überzogen war. Ihre Farbe ging schnell in ein dunkles Grau und schließlich in ein alles verschluckendes schwarz über. Es waren keine zehn Meter, ehe man genausogut seine Augen schließen und sich mit seiner Hand am langgezogenen Häuschen, das auf ein gutes Stück die beiden Gleise trennte, vortasten konnte. Der Bahnsteig vollzog eine sanfte Kurve, ein Licht an seinem Ende war daher nicht auszumachen. Schon bevor sie die Station erreicht hatten, war ihnen ein übler Gestank in die Nasen gestiegen. Jetzt war er beinahe unerträglich. Die junge Frau musste sich zusammenreissen um überhaupt Schritt halten zu können. Keiner wagte in dieser beklemmenden Atmosphäre ein Wort zusagen. Als sie in das Dunkel traten, veränderte sich das Gefühl für den Boden, er wirkte rauer, wie wenn alle paar Schritte der Boden zersprungen wäre.
    Kassandra nahm ihre Hand von der Wand als es heller wurde, sie erreichen die Treppe und ein wenig Licht drang aus dem breiten Treppenaufgang hinunter.
    „Oh Gott!“ würgte Kassandra und blieb stehen. Sie blickte über von getrockneten Blut gefärbte rotbraune Stufen, als wären sie von einer Welle des roten Saftes überflutet worden. Schlimmer jedoch war das, was auf ihnen verteilt lag. Dunkelrote Klumpen, über die Stufen hängende.. Teile, Knochen, Hautfetzen und Fleisch. Über allem schwebte ein höllischer Gestank, der Beiden das Wasser in die Augen trieb.
    Es hatte nur eine Sekunde dieses Anblickes gereicht, da eilte Kassandra, stolpernd über im finstern liegende Hindernisse an die andere Seite des Bahnsteiges. Sie ließ sich vor der Kante auf die Knie fallen, beugte sich über und erbrach sich lautstark vor Ekel.
    Seth hingegen blieb stehen, die Hand vor Mund und Nase gelegt und darauf achtend sowenig wie möglich von dieser perversen Luft zu atmen. Angestrengt suchte er mit brennenden Augen die überdimensionalen Schlachtbank ,über und um ihn herum, ab. Auch der Boden war streckenweise überzogen mit vertrockneten Blut und den Überresten zerrissener Menschen, die schemanft hinter dem schwachen Lichtkegel lagen.
    „Ist alles in Ordnung?“ Fragte er wieder bei ihr, als es auch ihm zuviel wurde. Seine Hand legte sich auf Kassandra Rücken. Ihre Bluse war durchweicht vom Schweiß, ihr Körper dagegen kalt und unentwegt am Zittern. Weniger der Anblick als die Kombination des abstoßenden Bildes mit dem faulig-stechenden Geruch, wirkten wie schwere Bleigewichte an ihren Gliedern und verhinderten ein rasches aufstehen.
    „I- In Ordnung?! Scheiß-“ brachte sie nur krächzend raus. Der Magensaft hatte eine Spur, ihren Hals hoch bis in ihren Rachen gebrannt.
    „Wir müssen weiter und ob wir wollen oder nicht, da hoch.“ Sagte er streng als Kassandra röchelnd, wie in Zeitlupe aufstand. Sie ergriff die Tasche und ging wankend den Bahnsteig weiter, ihr war unerklärlich wie er das hier nur aushalten konnte. Der saure Geschmack lag ihr beißend im Mund, sie würde den Teufel tun weiter in der Nähe dieses Schlachthofes zu bleiben.
    „Kassan -“
    „Vergiss es! Ich werde da nicht hochgehen!“ Schrie sie schrill, durch ihre angegriffene Stimme und lief weiter.
     
  6. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Resignierend folgte Seth in die Dunkelheit des Bahnsteiges. Ein Schlag gegen sein Schienbein ließ ihn vorwärts stürzen. Er wendete seinen Kopf zurück als er sich die Silhouette eines menschlichen Körpers sah, die sich zu bewegen schien. Vielleicht spielte sein Verstand ihm aber auch nur einen Streich. Schnell erhob er sich und folgte Kassandra zum Licht am Ende des langen Bahnsteigs, ohne der Szenerie noch einen Blick zu würdigen. Kassandra lief eine kleine Treppe runter zurück auf die Gleise. Endlich befanden sie sich wieder in einer Umgebung, in der sie etwas sehen konnten. Links und rechts von ihnen erhoben sich steile, hohe Abhänge voller Sträucher und einiger weniger Bäume. Aus dem Hügel über ihnen heraus ragten zwei miteinander verbundene Flaktürme, die durch ihren klare Architektur unweigerlich das Bild einer Festung erzeugten.

    Kassandras Keiferknochen traten hervor als sie ihre Zähne angestrengt nachdenkend aufeinanderpresste.
    „Hör mir mal zu!“ sagte Seth, womit er ihren Gedankengang unterbrach und zum anhalten bewog. „Ich will nur zu meiner Schwestern, weiter nichts.“
    „Das weiß ich. Aber hier ist sie sicher nicht mehr.“ Erschöpft und mit einem brennen im Hals wendete sie sich ab und ging zu einer Treppe, am Rand des Abhanges. Auf der dritten Stufe ließ sie sich nieder, fuhr sich durchs Haar und drückte den Schaft der Schrotflinte in die dunkle Erde. „Ich brauch` eine Pause.“
    „Dort oben ist ein alter Bunker, der Aufstieg wird etwas Kraft kosten aber wir sind dort sicherer als hier.“ Überrascht sah sie den Beinen nach, die an ihr vorbei die Treppe nach oben stiegen und gar nicht erst warteten, was sie darüber dachte. Ihre Augen folgten seinem Körper, als sie die schwere Betonwand des Turmes fixierte. Sie kannte den Ort, sie passierte ihn täglich und jedes Mal verleitete sie irgendwas sich diesen, größtenteils von Bäumen und Sträuchern verdeckten Betonklotz anzusehen. Kassandra folgte Seth hinauf. Ein überaus breiter, mit hellgelben Kieselsteinen bedeckter Pfad führte an der südlicheren Seite den steilen Hügel hoch auf die Spitze des Bunkers, der am nördlichsten Ende des Parks stand. Die Steigung war zwar nicht besonders hoch, doch die länge des Weges forderte. Besonders Abenteuerlustige konnte ihn über eine alte Treppe abkürzen, die zwischen den Ebenen nach oben führte. In den Jahrzehnten ohne Pflege war sie jedoch verfallen. Die Stufen waren abgebrochen oder fehlten komplett. Das Geländer, insofern es noch existierte, war verbogen und von Rost zerfressen. Sie wählten den langen Weg.
    Als die Bombenangriffe in den 40er Jahren immer heftiger wurde, erdachte Hitler persönlich dieses massive Bollwerk. Nach seinen Skizzen errichtete einen Flakturm mit quadratischen Grundriß und einem Quartett herausragender Ecktürme. Sie dienten als Basis für die achteckigen, kleineren Turmkronen auf denen sich einst in kreisrunden Vertiefungen eingebettet die schweren Geschütze befanden. Hunderttausend Tonnen Beton und Zehntausend Tonnen Stahl wurden verbaut. Es bot Schutz für Zehntausende Menschen und überstand nahezu unbeschadet den Krieg aber nicht Direktive 22. Die Franzosen sprengten unter großen Schwierigkeiten den Bunker unter großen Schwierigkeiten. Übrig blieb allein das nördliche Flakturmpaar, vornehmlich weil man das davor liegende Gleisbett nicht beschädigen wollten. Trümmer und Schutt aus der Umgebung wurde um die Bunkerruine herum zu einem Berg aufgeschüttet. Nach dem der Ort ergrünte, wurde er zu einem festen Bestandteil des Parks, dem Humboldthain, mit seinen Wiesen und Bäumen, seinen Hügeln und Gärten und dem beliebten Schwimmbad.

    Am Gipfel angekommen konnten sie die ganze Stadt überblicken. Und wie es Kassandra sich gedacht hatte, fand sich niemand auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum. Genauer gesagt, nicht eine einzige Menschenseele. Auf ihrem Weg kamen sie an einem massiven Denkmal der Wiedervereinigung vorbei. Direkt im Zentrum des rechten Turms, auf einem roten Backsteinquader, erhob sich ein mehr als zehn Meter hohes, silbern scheinendes Gebilde. Zwei schlanke Dreiecke zogen sich ins extreme verzerrt in die Höhe und formten eine Zange, um die sich ein unförmiger Ring schlang.
    Über eine Treppe erreichten sie die Terrasse (die Basis für die kleineren Türme), die sich wie ein Gürtel um den Bunker zog. Wie auch auf den beiden Plattformen über ihnen, war auch sie mit einem hohen Zaun versehen, damit niemand aus Versehen oder absichtlich hinunter stürzte.

    Da war er, der Zugang am rechten Turm, dessen herausragende Betonfront an ein schnörkelloses Portal erinnerte. Die Lochblechtür stand offen und so hinderte nichts die Beiden daran die Festung zu betreten. Die ersten Meter waren völlig düster doch ein weißer streifen drang durch eine offene, sehr massiv aussehende Stahltüre sieben Schlössern gesichert war. Sie drückten sie auf es drang Stimmengewirr an ihre Ohren. Sie passierten eine weitere Tür gleichen Typs und gelangten in eine riesige, sich spiralförmig in die Tiefe windende Wendeltreppe, der es an jeglicher Sicherheit fehlte. Obwohl das Bauwerk teilweise restauriert worden war, war es immer noch verwinkelt und mit Schutt angefüllt. Ein Labyrinth aus eingestürzten Stahlträgern und Geröllbergen. Als sie in die fünfte Etage kamen, traten sie in eine gewaltige Halle in der sich an die zweihundert Menschen tummelten. Es war nicht besonders hell aber ausreichend um niemanden auf die Füße zu treten. Trotz der vielen Menschen, war allerdings noch immer kein Zweifel daran, dass sie sich in einer Ruine befanden. Dort wo sich die wenigsten niedergelassen hatten, lag ein Steil in die Tiefe gehendes Meer aus Steinen, in das sich ein großer Teil der schief herunter hängenden Stahlbetondecke erstreckte.

    „Entschuldigen Sie.“ Ein dürrer Mann war neben ihnen aufgetaucht und sah Seth erwartungsvoll an.
    „Äh.. ja?“
    „Sie sind Beamter oder? Vom Ministerium? Oder sogar der Polizei?“
    „Nein, tut mir leid. Wir wollten uns nur etwas ausruhen.“
    Irritiert sah der Mann auf die Waffen die sie beide bei sich trugen. „Wären Sie dann so freundlich, mir mitzuteilen was sie wissen, über die Situation draußen?“
    Seth hatte das Gefühl als hätten sie die Rollen vertauscht, sollte er es nicht sein, der die Menschen hier fragte wie die Lage war? Immerhin, hatten sie sicherlich mehr erlebt als er. Gewissenhaft erstatten sie ihm Bericht. Neu war das alles nicht für den hageren Mann, einzig die einsetzenden Patrouillen wussten seinen niedergeschlagenen Gesichtsausdruck etwas aufzuhellen. Kaum hatte er was er wollte, ging er auch schon wieder und kämpfte sich durch zu einer Gruppe von sechs Menschen, die etwas abseits vom Rest einen Kreis bildeten und angeregt zu diskutieren schienen.

    „Ich sehe hier keine Sitzgelegenheit. Scheinbar haben die alle Stühle für sich beansprucht. Vielleicht ruhen wir uns besser oben aus.“ Sagte Seth.
    „Vergiss es. Ich weiß du willst zu deiner Schwester aber...“
    „Aber was?“ Unterbrach er sie barsch, als sie zögerte.
    „Aber vielleicht solltest du erst herausfinden, was dort unten passiert ist und dich an den Gedanken gewöhnen, dass wir diesen Ort heute nicht mehr verlassen.“
    Gerade als er etwas darauf erwidern wollte, rief eine Stimme laut seinen Namen. Sie gehörte zu einem strahlenden, breiten Gesicht, dass ihm aufgeregt zuwinkte.
     
  7. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Kapitel 4 – Die Bewohner des Bunkers

    „Bob! Du lebst!“ lachend nahm Seth seinen Freund in die Arme.
    „Natürlich, so leicht bin ich nicht unter zu kriegen!“ Bob lachte ebenso entspannt und warf dann einen Blick zu dem Mädchen mit dem pechschwarzen, wilden Schopf. Sie saß bei einer türkischen Familie.
    „Ohne den Schmutz sieht sie doch ganz schnuckelig aus.“ Als hätte Kassandra ihn gehört, warf sie einen kurzen Blick in seine Richtung. Er wirkte gelangweilt und zufällig und ebenso schnell wie er auf ihm lag, war er weg.
    „Ich weiß nicht, sind diese Augen lasziv oder mörderisch? Mit dieser Knarre wirkt sie jedenfalls recht schießfreudig.“
    „Das ist sie.“ Lachte Seth. „Du hast Glück, dass sie einen großen Abstand zwischen euch bevorzugt. Aber lassen wir das, erzähl mir wie du hier hergekommen bist.“

    Es war keine lange Geschichte. Bereits in der ersten Bombennacht war er hier her geflüchtet. Seine Wohnung lag nicht weit entfernt, doch er hätte nie rechtzeitig fliehen können, wäre er nicht nach dem Einspeisen des Videos nach unten gegangen. Genau in diesem Moment zog sich einer dieser Fäden aus dem Himmel.
    „Dein Haus?“
    „Weg.“
    Seth legte seinem Freund die Hand auf die Schulter.
    „Schon gut, ich bin ja nicht der Einzige. Tja, seitdem bin ich hier. Ich habe zusammen mit den Anderen die hier bei mir waren nicht mal mitbekommen als draußen die Stadt evakuiert wurde. Wir erfuhren davon erst, als Menschen nach dem Unglück dort unten zu uns stießen. In der zweiten Bombennacht kamen Dutzende her. Sieh mal, da sind schon wieder welche.“
    Eine Familie kam herein und wieder dauerte es nicht lange bis der hagere Mann zu ihnen kam. Enttäuscht zog er wieder von dannen, als auch diese nichts neues zu berichten wussten.
    „Ich wüsste gern, wie ihr die Tage hier überstanden habt. Aber zuerst würde ich gerne wissen. Wer sind die da?“
    Er deutete auf die Gruppe, zu denen der
    „Die Anführer, wenn du so willst. Nach dem es hier enger wurde, haben sie angefangen für Ordnung zu Sorgen. Komm mit.“
    Sie gingen etwas näher heran, damit Bob ihm die einzelnen Personen vorstellen konnte.
    „Siehst du den Typen mit der Halbglatze und dem verschlagene Lächeln? Das ist Brunner, verantwortlich für die Führungen. Er kennt jeden Zentimeter hier und ist sowas wie der Wortführer.“
    Er fuhr im Uhrzeigersinn fort.
    „Die einzige Frau der Gruppe, Tamara Johannsen. Etwas hysterische Persönlichkeit aber ziemlich schlagfertig.“
    Als nächstes folgten Peter Hanke, ein robuster Kerl der Bob an Körpermasse noch übertraf, der die Diskussion aufmerksam verfolgte. Tariq Ağa, ein gut gebauter Mittdreißiger mit einem Ziegenbart und Markus Schwerdt, der hagere Mann der die Leute ausfragte. Wie Seth erfuhr war er weitaus älter als gedacht und zeichnete sich als Protokollant aus.
    „Tja und als letztes wäre da noch Gül, eisiger Typ. Hatte jemanden die Nase gebrochen als ein Streit zu eskalieren drohte.“
    „Brutal.“ Sagte Seth, den hochgewachsenen Türken beobachtend, dessen Gesichtszüge wie in Stein gehauen schienen. „Aber notwendig, wenn es die Situation erfordert. Entschuldige mich Bob.“

    „Es bleibt dabei. Zwei Nächte leben wir schon mit dem Bombenterror und diese Nacht wird es dasselbe sein. Wir sind über Dreihundert Menschen, ohne Versorgung, das geht so nicht weiter!“ Rief Johannsen verzweifelt.
    „Aber wir können nicht auf gut Glück mit so einer Masse an Menschen...“
    „...schon allein weil nicht jeder Ihre Meinung teilt.“ Brummte Hanke, Schwerdt unterbrechend.
    „Denken Sie an die Verletzten im zweiten und dritten Stock.“
    Seth platzte mitten in die, schon seit Stunden andauernde, Diskussion. Er stemmte eine Hand in die Hüfte und ließ damit das Sakko nach hinten fallen, damit gut das Schulterholster mit der Pistole zusehen war als er sich etwas nach vorn beugte.
    „Ich unterbreche ungern aber ich habe einige Fragen. Sie scheinen das hier gut geordnet zu haben. Mein Name ist Seth Steiner. Ich suche meine Schwester, Isis.“
    Die Gruppe schien es nicht zu stören, dass er sie unterbrach. Schwerdt sah in einer Liste nach, schüttelte aber betrübt den Kopf.
    „Ich kann niemanden mit diesen Namen finden.“
    Seth dachte sich das bereits. Überrascht machte überrascht er Platz als der Mann aufsprang. Wieder hatte jemand den Bunker betreten.
    „Sie hatten noch ein paar Fragen. Setzen Sie sich doch.“ Seth nahm das Angebot Brunners nur zu gern an und fragte ohne Umschweife, was dort unten auf dem Bahnhof geschehen ist. Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, selbst das listige Lächeln auf seinem Gesicht war kaum noch sichtbar.
    „Um ehrlich zusein, wissen wir es selbst nicht so genau. Es gab wohl ein lautes Bersten und kaum war es verklungen, jagten Schreie über das Gleis. Schnell hatte sich die ganze Masse in Bewegung gesetzt, irgend etwas wütete dort, jeder suchte sein Heil in der Flucht. Menschen fielen auf die Gleise, wurden zerquetscht oder zertrampelt. Das reine Chaos. Einige flüchteten hier her und erstatten Bericht. Seit dem ist die ganze Gegend Menschenleer.“
    „Wie kommt es, dass sie alle nicht dort unten waren? Das Fernsehen muss seit der Verkündung davon berichtet haben.“
    „Oh, wir waren dort. Aber sie begann erst am Morgen und dann waren dort bereits.. Zehntausende Menschen. Sie können sich diese Masse an Menschen nicht vorstellen, die Warterei, das Chaos und dann aus dem Nichts diese Panik Wir waren gezwungen zurück zukehren.“
    Wieder Schweigen. Schwerdt kehrte ohne Neuigkeiten zurück. Seth bedankte sich und ließ ihn wieder auf seinem Stuhl Platz nehmen.
    „Ich habe ihren Disput verfolgt. Wenn sie erlauben, würde ich gerne daran teilnehmen, vielleicht könnte ich helfen.“

    Kassandra nahm einen Schluck aus ihrer Bierflasche. Sie saß noch immer bei türkischen Familie, die sie überaus freundlich aufgenommen hatte.
    „Ich dachte Muslime trinken keinen Alkohol?“
    Masudi war der rundliche Herr des Hauses, der Schmutz hatte dessen langer, brauner Mantel schwer zugesetzt.
    „Nicht jeder sieht es so streng, das ist doch bei Christen nicht anders oder? Außerdem ist das eine besondere Situation.“ Lächelnd legte er seine Hand auf ihre Schulter.
    „Da haben Sie recht, danke noch mal. Ich wünschte ich könnte mich erkenntlich zeigen, das ist gut!“
    „Das kannst du, zumindest wenn Sie nichts gegen widerrechtlich angeeignetes Plündergut haben.“
    Seth stand vor ihr.
    „Klasse Idee, solange das Mastschwein hier bleibt.“ Meinte Kassandra verächtlich und sah dabei in Bobs Richtung.

    Eine Viertelstunde später standen sie zu viert vor dem Einkaufszentrum. Schwerdt hatte ihnen noch zwei weitere Helfer an die Seite gestellt. Da war Kendra Dahl, eine zierliche junge Frau mit frech geschnittenen, platinblonden Haaren und Muspell, ein hochgewachsener, schlaksiger Mann, mit kurzen, lockigen Haaren. Auf der krummen Nase trug er eine Brille mit kreisrunden Gläsern. „Vielleicht sollten wir einen anderen Eingang versuchen. Scheint als wäre hier abgeschlossen worden.“ Sagte Kendra, eine Frohnatur, die auf dem ganzen Weg vom Bunker, über die lange rote Brücke hinweg (eigentlich war nur das Geländer rot, der Boden war aus Holz und die Stützpfeiler aus gelben Backstein gemauert) bis hier her am plappern gewesen war und nun das erste Mal etwas sprachlos erschien. Ein Zustand der aber nur von kurzer Dauer war.
    Kassandra beteiligte sich nicht an der Diskussion, statt dessen füllte sie das Magazin an der unteren Seite ihrer Schrotflinte.
    „Ich glaube nicht, dass wir Munition verschwenden sollten.“ Sagte Seth als er es bemerkte.
    „Ich verschwende keine Munition.“ Kassandra ergriff das Messer, dass sie den Polizisten abgenommen hatte, trat vor und schlug mit der Rückseite gegen die große Scheibe. Zuerst widerstand sie, doch unter der Kraft ihrer Schläge, breitete sich ein Netz, dünner, weißer Bruchlinien aus. Unter den staunenden Blicken der drei anderen, schlug sie ein Faust großes Loch in das Glas und begann es unter der Hilfe Muspells soweit zu vergrößern, dass man hindurch klettern konnte. Kassandra war die erste. Als sie durchgegangen war, bemerkte sie einen Schmerz in der Hand. Sie blutete.
    „Passt auf, das Sicherheitsglas scheint doch nicht so sicher zusein.“
    Nacheinander schlüpften sie durch das Loch in das Center.
    Die Luft war trocken, der Boden mit grauen Staub und Putz bedeckt. Vorsichtig bewegte sie die Gruppe den breiten Gang zur Promenade. In den vielen Geschäften, in denen kein Licht brannte und kein Schaufenster zur Straße zeigte, herrschte eine so tiefe Finsternis, dass sie die tiefsten Ängste in die Gedankengänge drücken konnte. An der Kreuzung blieben sie stehen. Auf dem Boulevard war heller, hoch über ihnen ließen Dutzende, Fenster über die gesamte Länge Licht hinunter. Doch sie würden es nicht mehr lange tun.
    „Wir sollten vielleicht zuerst nach etwas zum Verbinden schauen.“ Schlug Seth mit Blick auf das Blut an ihrer Hand vor.
    „Nicht nötig, ist nur `n Kratzer, wir sollten lieber sehen, wie wir vorgehen wollen.“
    Als sie sich in Bewegung setzten, nachdem Kendra den Plan gefunden hatten, hielt Kassandra Seth zurück
    „Das wär` nicht nötig gewesen, hättest du die Axt mitgenommen.“
    „Verdammt“. Stöhnte er. „Ich dachte es wäre offen. Da wollte ich Gewicht sparen und dann... wer rechnet auch damit, dass die sich die größten Einnahmen ihres Lebens entgehen lassen?“
    Kassandra erwiderte amüsiert. „Ein schöner Anführer bist du.“

    Ausgiebig studierten sie den Plan und dachten über eine Reihenfolge nach, in der sie vorgehen könnten. Zuerst brauchten sie etwas, um die ganzen Gegenstände verstauen zu können. Also betraten sie kurz darauf einen schmalen aber langen Laden, der hunderte Taschen, Koffer und Rucksäcke beherbergte.
    „Wir brauchen irgendwas großes, mmmh was riesiges.“ Sagte Kassandra. Aus ihrem Mund klang das mehr als zweideutig
    „Als wenn es auf die Größe ankommen würde.“
    Brummte Seth, durch die Reihen gehend, auf der Suche nach etwas passenden.
    „Ach nein? Auf die Technik oder was? Spinner...“
    Während sie weiter diskutierten, zog Kendra einen modernen, navyblauen Rucksack aus dem Regal, der außen mit vielen Taschen versehen war. Seth war direkt bei ihr und nahm ihn ihr aus der Hand und auch Kassandra kam.
    „Wie niedlich.“ Kommentierte sie „Aber ihr solltet euch lieber mit dem hier bewaffnen.“ Ohne darauf einzugehen streckte er seine Hand zu einem kleinen Schildchen am Rucksack in ihrer Hand und grinste.
    „Tja Madame Riesig. Deiner ist ja recht hübsch aber zehn Liter weniger bedeuten auch zehn Liter weniger für unseren Vorrat.“
    „Hm er hat recht, deiner hat nur sechzig Liter.“ Sagte Kendra.
    Kassandra war erstaunt und säuerlich zugleich. Zähneknirschend musste sie zugeben, falsch gelegen zuhaben und zu ihrem Ärger amüsierte ihn das köstlich. Gutmütig zog er einen weiteren für sie heraus.
    „Hier. Nimm es nicht so tragisch.“
    Kurz darauf besaß jeder einen von Kendras Rucksäcken, außer Muspell. Der hatte aus der hintersten Ecke einen grünen, flecktarn-farbenen Campingrucksack gefischt, der das Fassungsvermögen der ihren bei weitem übertraf. Er war allerdings auch der einzige von ihnen, der gerade in der Lage war soviel zutragen.

    Als sie weitergingen wurde schnell klar dass die Axt nicht vonnöten war. Beinahe jedes Geschäfte lag völlig offen dar. Wie es schien, wurde sie in aller Eile verlassen. In einigen Läden konnten sie die Silhouetten umgestürzter Schaufensterpuppen und Kleiderständer erkennen, in anderen sah es ganz so aus, als ob dort bereits jemand vergangen hatte. Doch es musste eine Panik gegeben haben die jeden vertrieb. Einer der Gründe schien ein massives Stahltor zusein, das den Zugang zum Supermarkt in der Eingangsetage, der sich auf zwei Stockwerke erstreckte, versperrte. Irgend jemand hatte es aktiviert aber weil sich solche Tore nur langsam bewegten, so schlußfolgerte Seth, musste etwas eindringliches die Hysterie befeuert haben.

    Im Schein der Taschenlampe durchsuchten sie die Regale des Supermarktes im Obergeschoss. Es war eine dieser Ketten, in denen wirklich alles angeboten wurde. Die Hecke Ihres Gartens wuchert? Kein Problem, hier haben wir die passende Schere und werfen Sie auch einen Blick auf unsere große Auswahl an Rasenmähern! Sie sind Mutter geworden? Kinderwagen untere Etage, direkte bei den Rolltreppen. Sie wollen nur ihren Kühlschrank auffüllen? Wie langweilig! Geben Sie doch eine Feier und laden sie all ihre Freunde und Verwandten ein. Unsere Produktauswahl ist für jeden Anlaß und alle Bedürfnisse gewappnet!
    Dementsprechend war es für sie ein leichtes sich einzudecken. Wild durcheinander redend und lachend, füllten sie die Rucksäcke mit allem was ihnen gefiel und wofür sie weder Ofen noch Mikrowelle brauchten, bis schließlich Kendra eine Frage stellte, die betretenen Schweigen auslöste.
    „Was machen wir, wenn wir hier feststecken? In ein paar Tagen ist das Fleisch schlecht, genauso wie Obst und Gemüse.“
    „Ach, mach dir doch darum Gedanken.“ Erwiderte Muspell nach einer Weile mit beruhigender Stimme.
    „Wir kommen sicher raus und wenn nicht, werden wir das schon organisieren. Dafür ist doch... äh“ Seth suchte nach einem passenden Wort für ihre Gruppe.
    „Der Rat?“ fragte Kassandra
    „Genau, dafür ist der Rat da. Wir lösen die Probleme schon. Dann müssen wir eben noch mehr in den Bunker bringen. Das ganze Dosenfutter zum Beispiel. Das wird ewig reichen!“
    „Ja! Oder Honig, Schokolade und der ganze Süßkram. Damit kommen wir doch Wochen aus.“
    Kendra schien überzeugt. Wie als wenn nichts gewesen wäre, stand sie mit einem freudigen Lächeln vor dem Regal mit Süßigkeiten und fuhr sie mit ihrer Arbeit fort. Die anderen aber tauschten deutliche Blicke aus. So einfach würde es nicht werden, wenn sie hier wirklich festsaßen.

    Als sie den Supermarkt verließen, war noch immer etwas Platz in ihren Rucksäcken. Kassandra hatte für Masudi eine teure Flasche Vintage Port gefunden.
    „Ich meine, wir sollten uns auch etwas gönnen.“ Sagte sie und blieb vor einem der chaotischen Modegeschäfte stehen. „Kommt schon, keiner kann mir weiß machen, er hätte sich nie gewünscht einmal ein ganzes Kaufhaus nur für sich allein zuhaben und sich soviel einzustecken wie er tragen kann!“
    „Es widerspricht dir doch überhaupt keiner.“ Meinte Muspell
    „Denkst du ernsthaft, wir würden etwas sagen, nachdem wir gerade einen Supermarkt geplündert haben?“ Sagte Seth und alle lachten.

    Sie verständigten sich darauf, sich nicht länger als eine halbe Stunde zu zweit umzusehen. Kassandra und Seth blieben zusammen, die anderen Beiden gingen nach unten. Seth hatte kaum einen Schritt hinein getan als sich Kassandra bereits auf die kürzesten Röcke und die aufreizendsten Wäsche stürzte. Den Rucksack hatte sie achtlos beiseite gestellt. Er tat es ihr gleich und stellte den seinen dazu, da war sie auch schon mit mehr als sie tragen konnte in einer der Umkleiden verschwunden. Die Tür blieb offen um genügend Licht hinein zulassen
    „Warum suchst dir nicht auch was?“ fragte sie mit strenger Stimme, damit sie sich in Ruhe umziehen konnte.
    Wie Kassandra nutzte er die Gelegenheit und nahm sich was ihm gefiel, bevor er die Kabine neben ihr bezog.
    „Na hast du was gefunden?“ fragte sie aus ihrer Kabine heraus.
    „Ja. Das ist wirklich eine gute Idee gewesen. Wenn alles schief geht, sterben wir wenigstens in neuen Sachen.“ Er hörte ihr Kichern aus der anderen Kabine. Kassandra hatte ihr Outfit verändert und statt eines Hemdes trug sie ein einen schwarzen BH und darüber einen durchsichtigen, ebenfalls schwarzen, Body.
    „Absolut richtig. Ich hoffe du denkst nicht von mir ich wär so eine eingebildete Tussi, nur weil ich in dieses Geschäft gerannt bin!“
    Er knöpfte ein rotes Hemd zu und besah sich kurz im Spiegel. „Keine Sorge, du bist zwar eingebildet, aber so wie es aussieht keine Tussi. Solche Frauen würde nicht so beherzt eingreifen. Sie hätte eher Angst sich einen Fingernagel abzubrechen.“
    Wieder lachte Kassandra und zog einen so kurzen Rock an, dass selbst sie unsicher war ob sie dass zu tragen vertreten konnte.
    „Genau, aber denk nicht ich hätte das mit dem eingebildet überhört!“

    Kurz darauf traten sie aus der Kabine. Seth trug endlich einen Anzug der saß und keinen Zweifel mehr zuließ, dass man es hier mit einem kühlen Kapitalisten zutun hatte, dem Profite über Menschenleben gingen. Darunter trug er ein blutrotes Hemd, eine dunkle, braune Weste und eine schwarze Krawatte mit einem leicht scheinenden, silbernen Viereck-Muster.
    „Na also, war doch eine gute Idee. Jetzt ist deine Tarnung perfekt.“ Sagte Kassandra ihn neckend.
    „Ich nehme das als Kompliment. Jetzt sollten wir uns aber auf den Weg machen. Oh und...deine Sachen stehen dir auch.“ Sie antwortete mit einem milden Lächeln, immerhin war sie ohne etwas neues zutragen herausgekommen.

    Sie gingen durch die Reihen der drehbaren Kleiderständer, von denen so viele umgestürzt waren als Seth beinahe über den Kopf einer der Puppen stolperte. Als er zurücksah, erkannte er jedoch dass es keinesfalls eine Puppe war. „*******...“ Stöhnte Kassandra, die nur erleichtert war, dass die Person noch komplett war.
    „Ich will nicht herausfinden wer das getan hat.“ Sagte Seth. Sie blickten direkt auf eine Leiche hinunter und es schien nicht die einzige zusein. Wieviel nur hatten sie übersehen? Sie schulterten die Rucksäcke und eilten an das andere Ende des Einkaufszentrums. Gerade bei den Rolltreppen angekommen, fiel Seth ein Sportgeschäft ins Auge und eilte hinein.
    „Was willst du da?“ Rief Kassandra und blieb mit einem schlechten Gefühl davor stehen. Ihre saphirblauen Augen sondierten die Umgebung. Sie war sich sicher, dass dieses Gemetzel nicht von Menschen angerichtet wurde und das es das beste wäre, so schnell wie möglich zu verschwinden.

    Scheinbar war sie nicht die einzige die das dachte. Nach einem Ohrenbetäubenden Kreischen kam eine blonde Frau aus einem Schuhladen in ihre Richtung gerannt. Hinter ihr her hetzten zwei riesige, schwarze Schatten, die bei der Biegung aus dem Laden heraus eins Rutschen kamen, woraufhin eine der Gestalten mit seinem schweren, schwarzen Körper gegen das Glasgeländer prallte und es beinahe zum Bersten brachte. Plötzlich sahen ihre hellen blauen Augen ein weiteres Geschöpf heraustreten auf ihrer Seite heraustreten. Es war ein Hund.. oder nein eher ein Wolf, der direkt die Verfolgung aufnahm. Sie waren nur noch zwanzig Meter hinter ihr. Fünfzehn. Kassandra entsicherte ihre Waffe und gab zum ersten Mal einen Schuß mit ihrer neuen Waffe ab, der das Tier auf ihrer Seite grandios verfehlte. Es bog um die Ecke um der jungen Frau den Weg abzuschneiden. Noch ein Schuß, da fällt es jaulend. Der Blondschopf springt über ihn hinweg aber er war nicht tot und versuchte mit seinem großen Maul nach ihr zu schnappen. Noch zehn Meter. Kassandra zielt aber sie kann es nicht riskieren sie zu treffen.
    „SCHIEß!“ Schrie sie als wüsste sie es besser. Fünf Meter. Kassandra griff die Pistole. Drei Meter. Fast waren sie bei ihr. Zwei. Einer der beiden Wölfe stieß sich vom Boden ab. Er fiel der Frau in den Rücken und riss sie zu Boden, ehe sein Maul hinunter. Der andere lief vorbei, um Kassandra unschädlich zumachen, die sicher da stand und mit bereits mit ausgestrecktem Arm auf ihn wartete. Etwas silbernes blitzte auf. Kurz bevor die langen Reißzähne den dünnen Hals des Blondschopfs aufschlitzen konnten, gab es ein lautes Knacken, das im Knall von Kassandras Pistole unterging. Noch einmal schlug Seth mit dem Golfschläger gegen den Schädel des Tiers, dass bereits zuvor benommen zur Seite gerutscht war und nun vollends abließ. Kassandra hingegen verzichtete auf einen zweiten Schuß, nach dem der erste seinen Freund ins Gesicht traf. Ohne einen Ton machten beide einige Schritte zurück, sichtlich mitgenommen, bevor sie alle Kraft zusammen nahmen und genauso schnell in das Dunkel verschwanden aus dem sie gekommen waren.
    Kassandra stieß Seth beiseite und riss das Mädchen unfreundlich auf die Beine. „Was zur Hölle hast du hier zu suchen? Ich kenne dich, ich habe dich im Bunker gesehen!“
     
  8. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    „Kass, lass sie los, du wirfst sie ja über das Geländer!“
    „Na und? Immer noch gnädiger als wenn ich sie den Wölfen überlassen hätte!“
    „Nun mach schon!“
    Unwillig folgte sie seiner Order und ließ sie los.
    Der Blondschopf stellte sich als Scarlett Fox vor. Seth und Kassandra nahmen allerdings kaum Notiz von ihr. Kaum hatte Seth den Rucksack ergriffen, marschierten sie die Rolltreppe runter, auf der ihnen Muspell und Kendra bereits entgegen kamen und sie mit Fragen bombardierten.
    „Fragt doch unsere Barbie hier.“ Sagte Kassandra und drängte sich an ihnen vorbei.
    „Ihr könnt mich doch nicht dafür verurteilen, mir auch etwas sichern zu wollen!“ Rief Scarlett, die all ihren Mut zusammennahm.
    Kassandra sah sie kühl an. „Befindet sich in deinem Rucksack irgend etwas, das nicht für dich ist?“ Ihr Schweigen bestätigte ihre Vermutung. „Siehst du, wir können.“

    Mit wachen Augen verließen sie das Einkaufszentrum. Auf dem Weg zum Bunker verband Kendra Kassandras und Scarletts Hand. Beide hatten beim Einstieg Schnittwunden erlitten.
     
  9. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Kapitel 5 – Eine Verhängnisvolle Entscheidung

    In ausgelassener Stimmung wurden am gestrigen Abend die Lebensmittel wie Weihnachtsgeschenke verteilt. Kendra schmierte Brote wie eine Weltmeisterin. Noch nicht einmal das dritte Bombardement konnte an der Atmosphäre rütteln. Mehr als einmal stießen sie, wenn auch mit Brause und Wasser, auf den Erfolg an und erzählten Geschichte mit den Wölfen solange, bis sie mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zutun hatte.

    Der Rat, wie er jetzt von allen genannt wurde und denen Seth den Gefallen getan hatte, war froh fürs erste ein Problem weniger zuhaben und sie ließen ihn bereitwillig in ihre Runde, um Bericht zu erstatten und anschließend die Strategie für den nächsten Tag zu diskutieren. Der Evakuierungspunkt Gesundbrunnen war verloren aber es blieben noch vier weitere. Der Hauptbahnhof, der aufgrund seiner Nähe und Größe gleichermaßen vom Bunker aus zusehen war und in der Mitte der Stadt lag, sowie die Bahnhöfe West-, Süd- und Ostkreuz.
    So hoben sie am frühen morgen drei Spähtrupps mit Freiwilligen aus, die trotz der Erkenntnis dass an den Berichten etwas dran war, das Abenteuer eingehen wollten, einen Weg aus der Stadt zu finden. Seth erklärte sich bereit, selbst den Trupp nach Osten anzuführen. Die Pistolen wurden unter den Gruppen verteilt. Da Kassandra um keinen Preis der Welt ihre Benelli hergeben würde und ohnehin nicht das verlangen hatte tatenlos herum zu sitzen, führte sie gemeinsam mit Seth die Gruppe nach Osten an. Ebenfalls mit dabei waren Kendra, Muspell, Masudi und Scarlett. Niemand konnte sich erklären, warum Seth ihr die Chance gab, sich für die Rettung zu revanchieren. Die allgemeine Meinung war, dass ihre selbstsüchtiges Handeln erst die Wölfe auf sie aufmerksam gemacht hatte. Seth sah das ein wenig anders.

    Schon drei Stunden waren sie nun unterwegs. Die Zerstörung behinderte sie dabei kaum, da sie breitesten Straßen und Alleen nutzten, womit sie schnell vorankamen. Die Beschädigungen waren weit weniger stark als sie befürchteten, doch bekamen sie auf ihrem Weg nur einen Bruchteil der Stadt zusehen und der war noch immer schlimm genug, von den Nebenstraßen ganz zu schweigen.
    „Mein Schädel.. wir hätten nicht den ganzen Port leeren sollen.“ Stöhnte Kassandra, die ihre Schläfe unablässig mit den Fingerknöcheln malträtierte.
    „Ach was, daran ist allein der harte Boden schuld. Wenn wir zurück sind, werden ich und meine Frau Ihnen schon wieder auf die Beine helfen. Wir kennen da ein paar Hausmittelchen.“
    „Herr Masudi, ich habe schon auf mehr harten Böden gelegen als Sie denken, Sie wollen doch nur nicht wahr haben, dass wir etwas zuviel getrunken habe... aber ihr Angebot nehme ich gerne an.“ Kassandra schenkte ihm das wärmste Lächeln, dass sie gerade entbehren konnten.
    Kurz darauf hielten sie an einer großen Kreuzung und hatten zwei Wege vor sich. Muspell besah mit Seth den Plan, der nur darauf wartete, was er vorschlagen würde. Nach einer Minute meinte er dann ziemlich sicher.
    „Wenn wir die Warschauer Straße weitergehen, kommen wir an einem Bahnhof. Mit etwas Glück, können wir dort erfahren, ob ihn überhaupt ein Zug passiert hat.“
    „Na dann..“ wollte Scarlett sagen und weiter marschieren, an der Spitze, wie schon die letzten Kilometer. Seth erhob allerdings den Einwand, dass dies ein erheblicher Umweg wäre.
    „Und außerdem, könnten die Züge auch von Norden kommen.“ Mahnte er. „Wir können doch nicht einfach zurückgehen, nur weil dort niemand einen Zug gesehen hat. Ostkreuz sollte weiterhin unser Ziel sein und ich schlage vor, dort weiter zugehen.“ Sein Zeigefinger folgte einer gewundenen Straße der von der die Muspell vorschlug abzweigte und beinahe direkt nach Ostkreuz führte.
    „Hey, du bist der Anführer, du brauchst doch nichts vorzuschlagen.“ Sagte Scarlett und sah in die Gruppe, die von diesem Kommentar nicht allzu angetan war, seinem Plan aber zustimmte. Im Gegensatz zu ihrem bisherigen Weg, war dieser nun dünn und bot die Gefahr, dass ihnen nun doch noch einige Kletterpassagen anstanden. Dementsprechend erleichtert war die kleine Gruppe, als sie in der Entfernung keinerlei Trümmer entdeckte. Scarlett blieb mit Seth an der Spitze und machte den zaghaften Versuch ihn anzusprechen.
    „Ich bin nicht besonders gut im Freunde machen.“ Seufzte sie.
    „Deine Erscheinung ist sicher nicht unschuldig.“ Sagte er mit leisem Ton und beschleunigte sein Tempo „Wenn jemand wie du sich etwas anmaßendes leistet, kann die Reaktion schon mal unverhältnismäßig ausfallen.“ In der Tat, sah Scarlett aus wie einem Männermagazin entsprungen. Ihren schlanken Körper zierten weibliche Rundungen. Zwischen dem Paar smaragdgrüner Augen und dem Kussmund lag eine Stupsnase. Die modische Frisur ihrer, mittlerweile etwas zerzausten, honigblonden Haare (deren eine Seite ein elegant geflochtener Zopf schmückte), die leichte Bräune, ihre Kleidung und nicht zuletzt dieser leicht bayrische Akzent zeugten von einer finanzkräftigen Abstammung.
    „Danke, so verpackt hat mir auch noch keiner ein Kompliment gemacht.“ Sagte sie, ohne es ihm Übel zu nehmen. „Was soll ich darauf jetzt antworten? Was sagt das über mich aus, wenn ich dir recht gebe? Doch wieder nur, das i a arrogants, boarisches Madl bin.“
    Seth leicht zurück und hob die Stimme wieder, da ein paar Meter zwischen ihnen und dem Rest ihrer Gruppe waren. „Nein, zumindest nicht in meinen Augen. So sind die Regeln nun einmal. Du bist Fremd und hast ******* gebaut. Ob du dafür verantwortlich bist oder nicht spielt keine Rolle. Wäre ich in einer Münchener Nobelgesellschaft so ins Fettnäpfchen getreten, wäre ich jetzt auch der Buhmann.“
    „Du siehst nicht unbedingt arm aus in den Sachen. Ich glaube dieser Türke – Masudi - wäre ein besseres Beispiel gewesen.“ Bemerkte Scarlett mißmutig. „Ich weiß, ich hätte euch nicht einfach folgen und mir auf eigene Faust die Taschen vollstopfen sollen. Aber lass mich eines klar stellen. Ja ich komme aus Bayern, ich bin in Tiefenbach geboren, mit sieben Pappenheimerin geworden...“
    Auf Seth Gesicht zeichnete sich ein immer breiter werdendes Grinsen ab, „...verkneif es dir mein Lieber.“ Mahnte Scarlett, die einen solchen Witz jetzt nicht gebrauchen konnte. „Worauf ich hinaus will: Ich komme aus einer ganz normalen Familie. Ich habe kein blaues Blut, kaum noch Geld auf dem Konto und das am Monatsanfang. Ich bin hergekommen um Schneiderin zu werden. Ich bin nichts besonderes!“ Klagte Scarlett aufgebracht, so dass Seth, der ihre Meinung keineswegs teilte, gezwungen war sie zur Vernunft zu rufen.

    Einige Minuten später hielt er plötzlich an. Kassandra blieb irritiert stehen. Immerhin schien ein paar Hundert Meter vor ihnen einiges los zusein. Busse und Menschen standen dort herum und schienen sich ihnen zu nähern. „Was ist los? Wir sind doch noch nicht mal in der Nähe oder?“
    „Nein, noch nicht. Aber ich habe in diesem Haus etwas zu erledigen.“ Er deutete hinter sich auf einen gut erhaltenen Altbau. „Meine Schwestern sollte hier sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr vorgehen.“
    Ehe ihn jemand tadeln konnte, dass er aus dem Nichts heraus damit kam, hatte Masudi bereits begeistert in die Hände geschlagen. „Das trifft sich hervorragend Herr Steiner! Gehen Sie zusammen mit den anderen Ihre Schwestern holen, ich sehe in der Apotheke dort drüben nach etwas gegen den Katzenjammer unserer übermütigen Weinverkosterin.“
    „Danke.“ Kassandra lächelte gequält, dann trennten sie sich und gingen zum Haus. Seth betätigte die Klingel, doch es kam keine Antwort. Kassandra drückte daraufhin leicht gegen die Tür. „Es ist offen.“ Im Treppenhaus mussten sie feststellen, das es nicht die einzige offene Tür waren. In mehreren der Stockwerke standen Türen offen oder waren beschädigt. Schließlich kamen sie in den Fünften. Seth wurde kreidebleich. Als er die Wohnung betrat, rief er laut „ISIS! MARVIN!“. Keine Antwort. Sie durchsuchten die einzelnen Zimmer. Ein unfassbares Chaos herrschte in ihnen, als hätte sich in ihrer Mitte ein Wirbelsturm gebildet, und die Inhalte der Schränke herausgezogen und überall verteilt.
    Kendra trat in das Wohnzimmer, in dem sie durch die hohe Decke noch kleiner wirkte als ohnehin schon. Seth saß dort vor einem Berg zusammengeworfener Sachen und wühlte. „Wir konnten nichts von ihnen finden. Keine Spur.“
    „Und auch kein Blut.“ Rief Kassandra aus einem anderen Zimmer hinterher.
    Der Haufen dämpfte seinen wütenden Schlag. „Es kann doch nicht sein, dass es hier nichts gibt verdammt. Helft mir, sucht nach einem Zettel, einer Nachricht, irgendwo muss etwas sein! Los Kendra mach dich nützlich!“ Fuhr er sie schroff an. Auch die anderen wurden von ihm herrisch in die Zimmer verwiesen um etwas zu finden. Mürrisch gingen sie zurück in die Zimmer. Nur Kassandra machte einen Schritt auf ihn zu. „Find dich damit ab. Sie war nie hier.“ Sagte sie kühl. „Du hast jetzt die Wahl. Wirst du hier bleiben, wie ein jämmerlicher Wendehals oder deinen Kameraden zeigen, dass du die Courage besitzt und weitermachst?“
    Seth sah ihr fest in die durchdringenden, blauen Augen als eine laute Durchsage auf der Straße an ihre Ohren drang.

    „An alle Bewohner. Nehmen sie ihre Sachen und verlassen sie ihre Wohnungen. Kommen sie dieser Aufforderung nicht nach, scheuen wir nicht vor Gewaltmaßnahmen zurück. Verhalten sie sich ruhig und leisten Sie keinen Widerstand. Diejenigen unter Ihnen, die nicht für das Programm ausgewählt werden, werden zu den Bahnhöfen gebracht, von denen sie die Stadt verlassen können.“

    Kassandra und Seth waren zum Fenster geeilt und sahen hinunter. Mehrmals wurde die Ansage wiederholt. Die Busse waren angekommen. Soldaten betraten die Häuser neben ihnen und ergriffen einige Menschen auf der Straße. Die Augen der beiden wurden groß. Dort unten agierten Männer und Frauen in beigefarbenen, altmodischen Uniformen die ihre rote Haut noch deutlicher hervortreten ließ. An ihren Uniformen hingen Funkgeräte, sie trugen schwarze, gut polierte Stiefel und einen langen roten Schwanz.
    „Rothäutige Nazis?“ entfuhr es Seth, bei dem Schauspiel als einer von ihnen seine Hand zum Gruß ausstreckte.
    „Du kennst Red Skull wohl nicht.“ Flüsterte Kassandra.
    „Die Beschreibungen waren jedenfalls absolut korrekt.. bis hin zum Schwanz.“ Erwiderte Seth.
    Aus der Apotheke gegenüber wurde plötzlich ein Mann herausgezogen, der sich heftig wehrte.
    „Masudi!“ Rief Kassandra schockiert und lief los, Seth direkt hinter sich.
    „Bleib stehen, bist du Lebensmüde?!“ brüllte er im Treppenhaus, welches sie hastig hinunter liefen. Im dritten Stock hielt Kassandra an und sah durch das Fenster hinunter auf die Straße. Masudi lieferte sich einen heftigen Kampf mit gleich zwei Soldaten. Er schlug sich gut und schaffte es sogar eine ihrer Pistolen an sich zu reißen, mit der er sie etwas in Schach halten konnte. Kassandra sah wie die anderen Soldaten ihn umkreisten und wild anschrien. Mit der Vorahnung dessen, was gleich passieren würde hob Kassandra die Schrotflinte um die Scheibe einzuschlagen. In diesem Moment umgriffen Seth’ Hände die Waffe und zogen sie an sich. Verdutzt und wütend sah wendete sie ihren Kopf und funkelte ihn an, ehe sie sich schon auf ihn stürzte. „Wer von uns beiden ist Lebensmüde?“ Während sie wild um die Waffe kämpften, wurde die Sache unten ernster. Masudi konnte den Prozeß nur verlangsamen, in dem Ärzte jeden einzelnen begutachteten und die kräftigsten und gesündesten in einen anderen Bus zwangen.
    Seth hatte größte Mühe sie abzuschütteln. Kassandra war nicht nur kräftig, zu allem Überfluß hing immer der Riemen um ihren Körper lag. Stöhnend landete er mit dem Rücken auf die hoch führende Treppe. Mühelos entriss sie ihm die Flinte und war sofort beim Fenster. Masudi schoß. Zuerst sah es so aus als wenn er auf die Soldaten schoß aber es war der Reifen, von einem der Transporter. „NEIN!“. Man eröffnete das Feuer. Es kam Kassandra vor als wenn der Fluß der Zeit plötzlich zu einem Bächlein geworden wäre. Die Sekunden wurden zu Minuten. Eine Kugel traf Masudi in den Rücken. Er formte ein Hohlkreuz und schrie. Weitere trafen ihn in die Brust als er niederging. Diesmal wollte sie nicht erst das Fenster einschlagen aber da war Seth schon wieder bei ihr und schlug Kassandra brutal an die Wand, seine Hand auf ihren Hals. Er spürte wie sich der Lauf im gleichen Moment unter sein Kinn legte und es hochdrückte.
    „Kein Schuß, ohne meinen Befehl!“ zischte Seth, nah an ihrem Gesicht. „Merkst du nicht was du tust, du dumme Ziege? Er hat uns Zeit verschafft!“
    „Lass mich los, oder ich verteil dein Hirn im ganzen Haus.“
    Er dachte gar nicht gar nicht daran. Scarlett, Muspell und Kendra liefen die Stufen hinunter. Die beiden Frauen blieben erschrocken stehen, nur Muspell lief weiter. „Lasst den Quatsch! Wir müssen hier raus.“ Seine dunklen Augen sahen beide eindringlich an. Unwillig ließen sie zugleich sie voneinander ab. „Die Tür zum Hof ist geschlossen, wir verschwinden über das Fenster im ersten Stock.“ Sagte Seth und ging vor. Muspell hielt Kassandra im Auge, die immer noch nicht überzeugt war. „Wir können ihn doch nicht hier zurücklassen!“
    „Dann geh doch raus und sammel ihn ein du Möchtegern Amazone!“ Entfuhr es Scarlett, die augenblicklich von Kassandra auseinandergenommen worden wäre, hätte Muspell sie nicht festgehalten und den zur Räson gerufen wurde. Nach einigen Sekunden erreichten sie das Fenster im ersten Stock und stiegen einer nach dem anderen hindurch. Seth machte den Anfang, danach war Kendra dran, dann Kassandra, Muspell und schließlich Scarlett. Über einige Autos die im Hof parkten, stiegen sie auf ein flaches Dach. Von dort konnten sie über ein unebenes Gelände sehen, dass aus mehreren Plateaus bestand. Manche von ihnen waren flache Anbauten wie das auf dem sie standen. Seth schien zu wissen wo sie lang mussten. Unermüdlich und schnell bewegte er sich zwischen den sich rechts und links von ihnen erhebenden Wohnblöcken durch das Labyrinth aus Mauern, Hütten und Höfen, bis sie schließlich an einer Straße herauskamen, die etwas südlich der lag, von der sie gekommen waren.
    „Wo sind wir?“ Fragte Kendra etwas erschöpft von der Klettertour.
    „Noch nicht annähernd in Sicherheit.“ Seth zeigte nach hinten, die Straße lang in Richtung Osten. Auch hier verrichtete Sachmet ihre Arbeit. Es ging weiter nach Westen. Erst gingen sie nur, Augen und Ohren offen haltend, die schmalen Straßen nach Westen. Doch schon kurz darauf versperrte ihnen ein Trümmerwall den Weg. Als dann die Durchsage in der Entfernung zu hören war, begannen sie zu rennen. Je weiter sie sich entfernten, desto schwieriger wurde es. Erst als selbst Muspells Lungen brannten als hätte er pures Feuer geatmet wurden sie langsamer.
    Kendra fuhr sich japsend über das Schweiß überzogene Gesicht. „Wo sind wir? Gehen wir auch noch in die richtige Richtung?“
    Muspell sah auf die Karte in seinem Handy. „Ja. Greifswalder Straße.“ Schnaufte er.
    „Bleiben wir... auf ihr. H..hier oben sind Schienen, wenn wir denen folgen, müssen wir nicht die ganze Zeit im Zickzack laufen und wir... oh man... kommen direkt bis zum Bunker.“ Seth hatte Mühe, dem Drang zu widerstehen sich einfach auf den Bürgersteig zu legen.
    „Dann los.“ Kendra war noch unsportlicher als er, auch wenn sich das nicht in ihrem Äußeren widerspiegelte, dennoch beschleunigte sie ihr Schrittempo direkt wieder. Nach einer Viertelstunde erreichten sie den Bahnhof und liefen auf die Schienen. Der Weg blieb mühsam. Irgendwann war es nur noch eine unsichtbare Kraft, welche das elende Grüppchen weiter schleifte. Keiner Sprach in der Zwischenzeit irgendein Wort. Als sie an der Schönhauser Allee ankamen, betraten sie den leeren Bahnhof und stiegen hoch auf die Straße. Keiner wollte gezwungen sein, den Horror zu sehen oder zu riechen, der sich eine Station weiter ereignete.

    Endlich war es geschafft. Die sie standen auf der Aufsichtsplattform, zu dem die Flaktürme heute dienten.
    „Wir müssen seine Familie informieren.“ Sagte Kendra gewissenhaft und Seth stimmte mit einem Nicken zu.
    „Das übernehme ich.“
    Kassandra zischte „Dafür bist du schließlich auch verantwortlich.“
    „Ja aber das ändert nichts daran, dass meine Entscheidung richtig war!“
    „Du bist eine feige Sau und weiter nichts!“ bellte sie in seine Richtung zurück. Seth blieb stehen, die anderen sollten weitergehen. Nachdem sie die Stufen hinunter gegangen und aus ihrem Blickfeld verschwanden waren. Stemme Seth die Hände in die Hüfte.
    „Niemand nennt mich eine feige Sau. Meinst du es wäre besser gewesen die Scheibe einzuschlagen und sich eine Schießerei zu liefern? Mit wie vielen? Vielleicht zwanzig dieser Typen?“
    Kassandra stierte ihn an. „Eine Familie hat einen Vater verloren. Ich hätte etwas tun können. Er hätte nicht so sterben müssen.“
    „Er wollte nicht das du etwas tust, er wollte das wir entkommen und du wolltest sein Opfer mit Füßen getreten!“
    Das war zuviel. Kassandra hatte die Faust erhoben, noch bevor er reagieren konnte. Ihre Rechte traf seine linke Gesichtshälfte. Fast wurde ihm Schwarz vor Augen. Ein Zahn lockerte sich und fiel aus, als es auf der anderen Seite weiterging. Jeder Faustschlag kam mit der Wucht eines Güterzuges. Der erste Hieb war für die Kopfschmerzen, die sich, seit sie gegen die Wand knallte, vervielfacht hatten. Die anderen beiden dafür, das er sie zur Untätigkeit verdammte. Der Wutausbruch wich der Raserei, sie konnte gar nicht mehr genug bekommen. Doch das kurze zögern nach dem zweiten Hieb, gab Seth, obwohl völlig wirr, die Chance auf einen Gegenschlag. Er traf sie unterm Kinn und landete einen weiteren, härteren Schlag in ihr Gesicht, durch den Schreck und den Schmerz, der sie durchfuhr. Seth fühlte sich sicher, doch die Frau mit der er rang war ihm bei weitem überlegen. Die Faust ging ins Leere. Sie fingen an miteinander wild zu raufen, fielen auf den Boden und erhoben sich wieder aber die einzigen wirklich ernsten Treffer steckte Seth ein, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
    „Sieh dich doch an, du kriegst ja kaum noch deine Fäuste hoch.“ Sagte Kassandra abfällig schnaufend. Sie kämpften keine zwei Minuten, doch er sah nicht so aus als würde er noch länger durchhalten.
    „Hast du etwa schon genug?“ tönte er nur und ging mit erhobenen Händen auf sie zu, was Kassandra ein anerkennendes Schnauben entlockte. Erneut schoß ihre Hand nach vorn, doch diesmal wurde sie aufgefangen. Kassandras Kontrahent zog sich an sie heran und rammte ihr, mit aller Kraft die er aufbieten konnte, das Knie in den Magen. Kassandra blieb die Luft weg und wurde mit Leichtigkeit auf den harten Boden gestoßen. Mit einem höhnischen Gesichtsausdruck sah er auf sie runter. „Du hättest ja sagen sollen.“ Kassandra krümmte sich auf den Boden, unmöglich etwas zu erwidern. „Und jetzt stell dir vor, wie das ausgesehen hätte, wenn sich zwanzig Läufe auf das Fenster gerichtet hätten...“. Plötzlich riss Seth die Augen auf. Er war nur einen Schritt auf sie zugegangen, da schoß plötzlich ihr Fuß nach vorn und schlug ihm die Kniescheibe weg. Mit einem Mark durchdringenden Schrei knickte er weg. Nie hatte ihn je ein solcher Schmerz durchfahren wie in diesem Moment als er auf den Boden knallte und seine Hand fühlte, das ein Teil seines Körpers nicht mehr dort war wo er sein sollte. Doch der Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, der seinen Körper durchfuhr als er das rechte Bein in Panik ausstreckte und die Kniescheibe an ihren alten Platz zurück schnappte. Bis hinunter in den Bunker ging sein Schrei und selbst Kassandra war geschockt von der Wirkung ihres Tritts. Erschöpft richtete sie sich auf. Ihre Hand fühlte dabei den Zahn, den sie ihm ausgeschlagen hatte. Sie steckte ihn ein und sah dann auf ihn runter.
     
  10. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    „Ich glaube das reicht jetzt, komm.“ Sie beugte sich runter um ihn aufzuhelfen, als er mit weißem Gesicht nach hinten rutschte. Er packte eine der Stangen des Zauns und versuchte sich allein daran hoch zuziehen. „Jetzt spiel’ nicht den Helden, Süßer.“ Sie ergriff ihn einfach und zog ihn auf die Füße. „Du darfst das Bein nicht belasten.“ Von der Treppe aus kam Muspells Kopf hervor. „Helf’ mir mal Großer.“
    „Was zum Teufel ist passiert?!“ fragte er geschockt.
    Seth antwortete gewohnt scharf. „Ich bin die Treppe hinuntergefallen.“
    Kassandra lupfte die Brauen und erklärte dann sofort, sie hätte ihn angestoßen, er wäre gestolpert und als sie ihn festhalten wollte stürzte sie mit ihm zu Boden.
    „Was für eine verdammte Treppe, es gibt nur eine und die bin ich gerade hochgekommen!“
    Seth’ Kiefer mahlte. „So ist es passiert Muspell. So und nicht anders.“

    Da der zweite und dritte Stock bereits überfüllt war und ein Bett benötigt wurde, führte Brunner sie, gefolgt vom Rest des Rates in den vierten. Dorthin, wo einst die Soldaten untergebracht waren. Kassandra und Muspell legten ihn in das Bett eines kleinen Raumes. Kaum lag sein Kopf auf dem Kissen, drängte sich die Meute durch und bombardierte ihn mit Fragen, abgesehen zu der nach seiner Verfassung. Muspell hatte ihnen genau das erzählt, was sie abgemacht hatten. Während der Unterhaltung, verschwand Kassandra unbemerkt aus dem Zimmer und ging nach oben. Schon von weitem hörte sie Masudis Frau, die ständig nach ihrem Mann fragte, ohne das ihr jemand eine Antwort gab. Sanft zog Kassandra sie beiseite und erklärte ihr mit schwerem Herzen, dass er sich heldenhaft gegen die Dämonen gestellt hat, um ihr Leben zu retten.

    „Ich übernehme die volle Verantwortung für seinen Tod.“ Erklärte Seth nach einer halben Stunde. Er erschrak beinahe als Güls hartes Gesicht plötzlich dicht vor ihm erschien.
    „Herr Steiner, Sie sind hier nicht vor einem Kriegsgericht.“
    „Aber es war meine Aufgabe als Anführer die Gruppe zusammen zuhalten!“
    Johannsen schüttelte den Kopf. „Ich bitte Sie, wir kreiden ihnen doch nicht etwas an, dass wir nicht anders gemacht hätten.“ Sagte sie beruhigend.
    „Was viel wichtiger ist, die Situation war vollkommen aussichtslos. Wären sie nicht in die Wohnung gegangen, wäre niemand von ihnen zurückgekommen.“ Merkte der dicke Hanke an.
    „Apropos!“ Rief Seth plötzlich. „Was ist mit den anderen Gruppen? Sind Sie zurück?“
    Ağa schüttelte den Kopf „Nein, niemand. Ihre Gruppe war die Erste.
    Nacheinander verließen sie Seth, bis er allein im Zimmer war. Plötzlich erschien ihm der kleine Raum gar nicht mehr so klein. Vielleicht weil er so karg war. Es stand nicht mehr in ihm als ein angeschlagener Holztisch, ein Stuhl und ein uralter Schrank, der bis zur Decke reichte. An der Wand war ein altmodisches Waschbecken angebracht und darüber, starrte ein Paar Augen auf ihn hinunter. Der Mann auf dem Bild trug einen schmalen Schnurrbart unter der Nase und besaß ein derart eisernes Gesicht, dass man sich ein Lächeln gar nicht vorstellen konnte, ohne das es Grotesk und falsch wirken würde.
    Er wusste nicht wie lange er im Bett lag und versuchte das Bild zu ignorieren, als jemand die Tür aufriss.
    „Ich habe hier was für dich. Ich habe keine Ahnung wie das mit deinem Bein ist aber ich dachte mir, dass du deine Sachen hier unten bestimmt gebrauchen kannst.“ Scarlett grinste, stellte ihm den Rucksack ans Bett und setzte sich auf den Stuhl zu ihm ans Bett. „Und etwas Gesellschaft, könntest du sicher auch vertragen was?“
    Seth lächelte und fasste sich kurz ans Knie, das noch sporadisch pochte. „Ich glaube ich bin einige Tage ans Bett gefesselt. Danke. Da oben denkt sicher jeder jetzt ich hätte Masudi auf dem Gewissen.“ Scarlett sah ihn fragen an. „Wie? Nein, es ist eher eine ziemliche Unruhe. Niemand weiß, wie es jetzt weitergeht aber keiner wirft dir etwas vor. Du hast uns doch da raus gebracht. Hättest du diese Irre nicht aufgehalten.. wer weiß.“
    Seth hatte Zweifel und bat sie endlich dieses vermaledeite Führerbild in den Müll zu werfen.
    „Sag mal.“ Sagte sie, als sie es abhing. „Glaubst du das eigentlich? Das sie die Leute zu den Bahnhöfen fahren?“
    „Ja. Aber was mir weit mehr Sorgen bereitet, sind die Leute die den anderen Transportern zugeteilt werden.“
    „Ich habe im Fenster gesehen, wie sie eine ganze Familie in einen der anderen schoben.“ Scarlett stockte und ging nach draußen, um dort das Bild wegzuschmeißen als ihr Schwerdt entgegenkam.
    „Fräulein Fox, könnten sie Steiner ausrichten, dass die Westkreuzgruppe angekommen ist. Keine Verluste, allerdings auch kein Weg hinaus. Und ihm seine Pistole aushändigen?“
    Scarlett ergriff die Kanone. „Natürlich und könnten Sie noch etwas für mich tun?“
    „Nun, ich habe nicht viel Zeit aber bitte.“

    Kurz darauf stand ein zweites Bett im Zimmer. Das Kopfende an Seth seinem, dazwischen der Tisch. „Na Zimmergenosse?“ Scarletts grüne Augen lachten ihn an.
     
  11. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Kapitel 6 – Zuhause

    „Hey.“
    Seth blickte von seiner Pritsche auf zu Kassandra die im Türrahmen stand.
    „Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich für ein paar Stunden verschwinde.“
    „Allein? Du solltest nicht ohne jemanden gehen, der dir Rückendeckung geben kann. Wer weiß wie weit diese... Dämonen oder was die auch immer sein mögen, schon gekommen sind. Nimm dir ein paar Leute mit, das ist sicherer.“
    Kassandra lächelte schwach. Gekonnt ignorierte sie die Blondine auf dem anderen Bett. „Nett das du dir Sorgen um meine Gesundheit machst. Ich komme aber auch so klar.“ Sie beließ es dabei und wendete sich zum Gehen. Kaum jemand nahm Notiz von ihr als sie, an den vielen Menschen vorbei, den Bunker verließ. Dass gestrige Desaster hatten die Stimmung gekippt und da sie alle in Gefahr brachte, war man auch auf sie nicht besonders gut zu sprechen. Zudem begann es zu stinken, denn das einzige funktionierende Bad war klein und besaß keine Dusche. Die Mägen grummelten wieder und von hier und dort war ein Husten zu vernehmen. Ein Klang der weitere Probleme bereits ankündigte.

    Kassandra atmete tief die frische, gut riechende Luft ein als sie den Bunker verließ. Für einen kurzen Moment schweifte ihr Blick durch die hohen Stahlgitter über die Stadt, in deren Ferne noch immer Rauchschwaden in den Himmel zogen. Dann setzte sie sich in Bewegung. Den Schlangenpfad hinunter, durch den Park, am Schwimmbad vorbei, auf die Straße und schließlich nach Westen. Der Tag war ganz anders als sie ihn erwartet hatte. Das Wetter war gut, viel besser als die letzten Tage. Zwar war es die ganze Zeit über heiss, aber heute bricht sogar vereinzelt die Wolkendecke auf und lässt überall Licht durch.
    Das einzige was sie begleitete war ihre Schrotflinte die, seitdem Kassandra sie an sich genommen hatte, treu an ihrer Seite blieb. Selbst in der Nacht hielt sie die Waffe über die Schulter gehangen. Das erste Mal aus Versehen, aus purer Müdigkeit. Nach dem was sie gestern herausgefunden hatten aus Vorsicht. Ihre Pistole war verloren gegangen. Die Gruppe, die nach Süden aufbrach, war nicht zurückgekehrt. Während ihres Weges passierte sie die ein oder andere Ruine. Häuser die aussahen als hätte sich ein Riese ein Stück abgeschnitten. Sie versuchte nicht gezielt nach Leichen zusehen, konnte aber selbst als sie sich dabei ertappte es doch zutun keine entdeckten. Überhaupt hatte sich das Bild stark gewandelt. Die Straßen waren nahezu ausgestorben. Nur wenige Autos parkten und noch viel weniger Menschen liefen ihr auf den Bürgersteigen über den Weg. Wer es doch tat, der sah sie nicht an, vielleicht wegen der Benelli die ihr quer vor dem Bauch hing, vielleicht aber auch weil sie genug in ihre eigenen Probleme vertieft waren. Die Strecke die sie zurücklegte war nicht klein, dennoch begegnete Kassandra zu ihrer Verwunderung keinem weiteren Einsatztrupp, als hätte die Evakuierung nicht nur die Bürger, sondern die Bedrohung gleich mit entfernt. Neben der Wärme fiel ihr auf wie hell es noch immer war, auf ihrem Weg brach sogar mehrmals die dichte Wolkendecke über ihr auf und ließ das Sonnenlicht auf sie fallen. Es war surreal.
    Als sie sich ihrem Ziel näherte, begann die junge Frau auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Fragen zermarterten ihren Kopf. Stand ihr eigenes Haus noch? Würde ihre Mutter da sein? Was würde passieren, wenn sie angekommen ist? Kassandra lebte in einer schönen Gegend. Berlin war eine besonders grüne Stadt, doch hier gab es besonders viel davon. Nur einen Fußmarsch entfernt lag ein Schiffahrtskanal, der ein Arm der Spree war. In ihren Augen der schönste Fluß der Welt. In der Umgebung standen viele Schulen und sogar das Virchow Klinikum. Eine perfekte kleine Welt, bis zu diesem Tag.
    Als sie in die Straße einbog, in der sie seit ihrer Kindheit gewohnt hatte bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Mehrere Trümmerberge links und rechts säumten die Straße. Einige der Wohnhäuser waren vollkommen verschwunden, direkt getroffen von dem was auch immer vom Himmel gekommen war und es stank fürchterlich. Am Bordsteinrand neben ihr huschte eine dicke Ratte mutig voran. Ihr fetter dunkler Körper riss Kassandra aus der Lethargie heraus. Sie verfolge das Tier, das über einige Trümmer hinweg und dann, mit sichtlichen Problem, in einem kleinen Loch zwischen ihnen verschwand. Kassandra setzt ihren Weg mit einem Bogen um den Trümmerhaufen fort und suchte nach ihrem eigenen Haus, was ihr nicht leicht fiel. Sie erkannte die Straße ebensowenig wieder wie die stehengebliebenen Gebäude. Es war als wäre sie in einem Schwarzweiß Film gelandet. Von den einst bunten Farben war kaum nicht etwas übrig geblieben. Die Fassaden waren nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn sich nicht Staub und Dreck auf ihnen festgesetzt hatte, hingen sie müde herunter als wären sie alt und verwittert.
    Doch dann, als sie die Mitte der Straße erreicht hatte, erkannte sie ihr Zuhause. Sie erkannte Grüne Farbe unter einigen der Fenstersimse. Erleichtert rannte sie über die Straße, stolperte über einige lose Steine und eilte hinein in den Eingang, den es auf den Boden des Treppenhauses verschlagen hatte. Eilig rannte Kassandra hinauf in den Dritten Stock, holt zitternd den Schlüssel hervor, bemerkte dann aber das die Tür bereits offen war und betrat ihre Wohnung. „Mama?“ fragte sie mit erstickter Stimme. Direkt räusperte sie sich noch mal und rief erwartungsvoll mit einer klaren Stimme nach ihrer Mutter. Nichts. Ihr gerade noch fröhliches Gesicht wurde trübselig. Sie schloß die Tür und ging ins Schlafzimmer, wo sie die Schrotflinte auf das Bett warf und den Schrank durchsuchte. Die Reisekoffer fehlten, das gleiche galt für einige Kleidungsstücke. In gewisserweise erleichterte sie die Gewissheit, dass ihre Mutter es scheinbar geschafft hatte. Vielleicht aber waren sie schon hier. Warum war die Tür offen? Ihr Gedankengang wurde von der Klingel unterbrochen. Kassandra war noch keine Minute hier, wer konnte das sein? Verwundert öffnete sie die Tür. Vor ihr stand ein attraktiver Mann, sie schätzte ihn in etwa in ihrem alter ein. Er lächelte freundlich und trug in beiden Händen knallige, orangene Kanister. „Hi, ich hab Sie gerade reingehen sehen. Man könnte sagen ich bin ein Nachbar, ich wohne gegenüber. Ich wollte fragen ob ich bei Ihnen vielleicht etwas Wasser bekommen könnte?“
    Kassandra musterte ihr gegenüber einen Augenblick, er sah gut aus und unter dem T-Shirt konnte sie leicht die Ansätze seiner Muskeln ausmachen, es drang aber auch ein starker, alkoholischer Geruch in ihre Nase. In Anbetracht des Wassermangels machte sie sich darüber aber keine Gedanken. „Sicher, kommen Sie rein.“ Kassandra ging vor und zeigte im Korridor nicht unweit vom Schlafzimmer auf die Badezimmertür.
    „Bedienen Sie sich. Wollen Sie ein Bier?“
    „Wie könnte ich ein solches Angebot ablehnen?“
    Kassandra warf ihm ein Lächeln zu, dann ging sie den Korridor weiter ins Wohnzimmer.
    „Ich kann leider nicht versprechen, dass es Wasser gibt.“ Rief sie. Auf dem Boden lagen unzählige Splitter der Fenster, die bei den Explosionen zu Bruch gegangen waren. Sie konnte sich nicht wirklich darüber beschweren, immerhin war es so frisch.
    „Oh ich bin mir sicher, dass die Leitungen in Ordnung sind. Gestern war ich schon bei einem Ihrer Nachbarn.“ Sagte der Unbekannte.
    „Tatsächlich? Waren die Sachmeter noch nicht hier?“ Als Kassandra mit zwei Bierflaschen zurückkam, stand der junge Mann immer noch im Korridor und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
    „Danke“ sagte er als sie ihm die Flasche gab. „Ja, sie hielten gestern in Prenzlauer Berg. Heute morgen setzten sie dieses Spielchen fort. Mittlerweile dürfte die ganze Stadt davon wissen aber es ist nicht so schwer ihnen zu entkommen. Es gibt genug Orte um sich zu verstecken und dann wieder zurück zugehen, sobald sie verschwunden sind.“
    „Was haben sie nur mit uns vor? Entschuldigen Sie mich, ich habe noch ein paar Dinge zutun.“ Sie wendete sich ab um zurück ins Schlafzimmer zugehen. Hinter ihr nahm der Unbekannte einen Schluck, stellte die Flasche dann auf die Ablage neben ihm ab und zog ein Seil aus einem der Kanister. Kassandra wusste kaum wie ihr geschah, plötzlich ergriff er von hinten ihren Arm und zog ihn zurück. Die Flasche viel auf den Boden. Geschockt von dieser Attacke, konnte er ihren anderen Arm ergreifen. „Nein, das ist doch nicht möglich?!“ dachte sie. Ihr Stimme war erstickt. Kassandra zwang sich zu handeln, bewegt sich vorwärts und zog ihn dabei mit sich. Beide fielen auf den Boden. Wild versuchte sich Kassandra aus seinem Griff zu befreien, doch es half nichts. Obwohl sie keine Ruhe gab, ging seine Hand unter ihren Rock, wo er sich an ihrem String zuschaffen machte. „Nein! Nein! Das kann nicht wahr sein!“ Ihre Hilflosigkeit machte sie wütend, wie ihr trotz der wilden Bewegungen der String ausgezogen wurde, war einfach ein unerträgliches Gefühl. „Das kann doch unmöglich mir passieren!“ Kassandra war den Tränen nah. Heftig stieß ihr Kopf zurück und traf ihren Angreifer am Kinn. Die Hand wechselte. Nun packte sie seine Rechte am Schopf und schlug ihren Kopf brachial zweimal hintereinander auf den Boden. Kassandra hatte das Gefühl dieser Typ wollte sie nicht nur ruhig stellen sondern regelrecht zerschmettern aber es war weniger Schmerz, was sie fühlte, als Benommenheit. Trotz seiner Brutalität gelang es ihr seine schwache linke Hand auszunutzen. Das war es! Ihre Hand war aus dem Seil! Ihr Ellenbogen schlug zurück, dann rappelte sie sich so schnell sie konnte auf. Gerade im richtigen Moment bemerkte sie wie sich die Tür zum Bad bewegte. Mit einem heftigen Tritt schlug sie Tür wie Person zurück. Der junge Mann am Boden allerdings hatte sich schon wieder gefaßt und warf sich mit den Händen voran auf sie. Seine Hände ergriffen ihre Beine rissen sie zu Boden. Kassandra reagierte rasch, zog die Handschaufel heraus und bohrte sie mit aller Macht in die Hand die sie festhielt um dann halb kniend, halb auf den Beinen in Richtung Schlafzimmer zu stolpern. Die andere Person, ein dunkelblonder Jugendlicher stieß aus dem Bad hervor. „Lass.. mich!“ stieß sie atemlos hervor und warf ihm die Schaufel ins Gesicht. Den Treffer sah sie nicht mehr, da sie bereits ins Schlafzimmer geflüchtet war, ihre Verfolger dicht hinter sich. Ihre Finger umschlossen die Schrotflinte auf dem Bett. Keine Zeit zum entsichern. In einer schnellen Drehbewegung schlug sie den Jüngeren mit dem Schaft nieder um dann keuchend den Lauf in das Gesicht seines Freundes zuhalten, der noch in der Tür stand. Ihr Finger drückt den Knopf kurz hinter dem Abzug.
    „Ihr verdammten Schweine...“ Sie machte einige Schritte zurück. „Ich lass dich rein, ich gebe dir Wasser, ich biete dir sogar ein Bier an! Und was bekomm` ich dumme Kuh dafür?“ Kassandra schmeckte erst jetzt das warme Blut, das aus ihrer Nase in Strömen herausgetreten war. Sie leckte sich über die verschmierten Lippen. „Los ihr *******, auf den Gang!“. Sie versuchte ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu kriegen, nicht mehr zu zittern und wieder klar zusehen, nachdem einiges an Blut von den Platz- und Schürfwunden über ihrem Auge die Sicht beeinträchtigten. Doch selbst als sie versuchte es wegzuwischen, blieb das Unscharfe Bild und je langsamer ihr Herz schlug, desto stärker wurde das Schwindelgefühl.

    „Schneller ******!“ Kassandra behielt einen ausreichenden Abstand zwischen sich und den beiden Männern, die sie gerade vergewaltigen wollten. Sie dirigierte die Beiden ins Wohnzimmer, wo sie ihnen zornig befahl auf die Knie zugehen. Sie wusste selbst nicht warum sie tat, was sie tat. Alles in ihr schrie nach Vergeltung, einfach abzudrücken und ihre Hirne auf dem Parkettboden zu verteilen.
    „Wieso?!“ fragte sie bellend und spuckte dabei Blut. Als es keine Antwort hab, trat sie einem von ihnen unsanft gegen den Hinterkopf.
    „Ihr kommt hier nicht lebend ohne Antwort heraus!“
    „Weil.. sieh dich doch an, wie du herumläufst!“ antwortete darauf der Jüngere von den Beiden zögerlich.
    Der andere schniefte „Ein Mann hat Bedürfnisse.. weißt du was da draußen los ist?“ Das er nur mit Mühe seine Verletzte Hand oben halten konnte und ihn die Schmerzen beinahe umbrachten erkannte Kassandra sogar ohne ihn anzusehen aber sie so hilflos zusehen, wie sie es selbst war gab ihr eine gewisse Befriedigung. „So.. Bedürfnisse also.. es ist hart da draußen ja? Es ist keine Woche vergangen und ihr Schweine habt euch in wilde Tiere verwandelt.“
    In einer schnellen Bewegung legte sie die Benelli an ihre Schulter, zielte auf den ersten verschwommenen Kopf und versuchte abzudrücken. Die Beiden bemerkten was sie vorhatten, begannen zu wimmern, sich nach vorn zu beugen und flehten sie an sie gehen zulassen, ja sie sogar zu bezahlen, wenn sie, sie nur nicht tötete. Kassandra war vollkommen Taub für ihre Worte. In ihren Ohren rauschte es nur laut. Sie kniff die Augen zusammen und senkte die Waffe. Nur einen Augenblick später legte sie wieder an nur um sie erneut zu senken. „Verdammte *******... verpisst euch.. los!“ Schrie sie wütend. Die zwei Männer ließen es sich nicht zweimal sagen, standen auf und rannten auf den Korridor. Gerade als sie die Tür erreichten, erhob Kassandra die Schrotflinte zum dritten mal, realisierend das dies nicht das einzige Mal gewesen sein konnte und das es mit ihr nicht aufhören würde. Sie verzichtete darauf zu zielen, feuerte statt dessen blind auf die schemenhaften Figuren die bereits auf Treppenhaus traten. Einer von ihnen fiel mit einem Schrei zu Boden. Es hatte seinen Oberschenkel regelrecht zerrissen durch den Treffer. Sein Freund schien jedoch keine Notiz davon zunehmen, er ließ ihn zurück und machte sich eiligst daran das Gebäude zu verlassen. Mit ruhigen Schritten ging Kassandra zur Tür, blickte auf den Mann hinunter und schloß sie ohne ein Wort zusagen.

    Stöhnend betrachtete Kassandra ihr demoliertes Gesicht im Badezimmer. Das würde nicht nur einen blauen Fleck geben, die Platzwunden waren groß genug das man sie nähen würde müssen. „Verdammte Bastarde“. Mit der zurückgekehrten Ruhe kamen nun zum Schwindelgefühl auch die Schmerzen. Ihre Finger tasteten ihre Zähne ab. „Gott, zum Glück war er zu besoffen um mir die Fresse richtig einzuschlagen.“ Kassandra entkleidete sich, wusch den Dreck der letzten Tage und das viele Blut von sich. Doch selbst nach über einer Stunde konnte sie es noch immer schmecken und riechen. Nicht das es ihr was ausmachte, sie war keiner der Menschen die etwas gegen diesen Geschmack hatte, sie war schon zufrieden damit jetzt nicht dem Willen dieser Männer zu unterliegen.
    Sie wechselte die Sachen doch an ihrem Äußeren hatte sich nicht viel geändert. Noch immer trug sie einen recht kurzen, schwarzen Faltenrock, der nur unwesentlich länger als ihr alter war und über den weit die spitzen ihres Hemdes ragten, welches sie sich über ihren Oberkörper gezogen hatte. Es war weiß, undurchsichtig und besaß zwei Brusttaschen. Wie üblich hatte sie die langen Ärmel hochgekrempelt und den Kragen nach oben geklappt. Kassandra beließ es beim Dekolleté aber um es etwas zu entschärfen, entschied sie sich dafür, darunter dunkelrotes, bauchfreies Tanktop anzuziehen. Unabhängig von all dem, steckten ihre marschgewohnten Füße wieder in den Kniehohen Stiefeln, mit denen sie gekommen war und die ihr bisher gute Dienste geleistet hatten. Froh wieder etwas frisches anzuhaben, packte sie daraufhin den großen Rucksack auf dem Bett und diesmal verschwanden ihre eigenen Kleidungsstücke und was sie sonst als nützlich erachtete, unter anderem eine Kühlbox mit kaltem Bier und ein Beauty-Täschchen, in dem Nähzeug, Schraubenzieher und Erste Hilfe Sachen verschwanden.
    Nachdenklich schob sie einige Jeans in den Rucksack. Wäre es nicht passiert, hätte sie statt einem aufreizenden Rock diese Jeans getragen? Ein T-Shirt statt einem offenen Hemden? Nein, nein vermutlich wäre dasselbe geschehen. Wenn nicht sie, dann eine andere. Wie konnte sie sich nur verantwortlich machen? Sie war nicht schuld! Sie war nur zu vertrauensselig, zu unvorsichtig. Hatte die Waffe abgelegt und ihm den Rücken zugedreht. Kassandras Körper wurde wieder zittrig als sie sich diesen hilflosen Moment in Erinnerung rief. Statt dessen versuchte es der kurzhaarige Wildfang es mit einem anderen Gedanken. Mit ihrem Peiniger am Boden, das Bein zerfetzt von der Kraft der Schrotflinte. Ja das war der richtige Gedanke.. oder nicht? Sie konnte es nicht erklären aber es bereitete ihr zuviel Vergnügen. War es nicht genau das, was diese Männer so abscheulich machte? Vielleicht ... was kümmerte das schon? Sie hatte sich schließlich gewehrt, durfte ihr das kein Vergnügen bereiten? Und was war mit dem Kampf gegen Seth? Hatte er es auch verdient? Im Gegensatz zu diesen Männern, hatte er sie nicht angerührt. Ein leises Zweifeln machte sich breit aber sie konnte auch nicht ihre Persönlichkeit verleugnen, sie war was sie war.

    Im Nachtschränkchen neben dem Bett suchte Kassandra den Gegenstand für den sie eigentlich hergekommen war. Es war eine Sache von Sekunden, bis sie erleichtert die Schatulle herauszog um das Eiserne Kreuz zu begutachten, das einzige von all dem ganzen Zeug hier, was irgendeine Art höheren Wert besaß. Die Poster an den Wänden, die Alben, die Filme und Bücher im Schrank, die Actionfiguren aus ihren Kindertagen und die vielen Comics. Was konnte sie damit schon anfangen? In diesen Zeiten ist all das nicht mehr als Spielzeug, nichts das die Zeit überdauerte wie dieses Stück Metall. Um nichts in der Welt, sollte dies in die roten Hände der Bastarde fallen, die all das hier anrichteten. Kassandra schloss die Schatulle wieder und war gerade dabei mit dem Rucksack über den Schultern das Zimmer zu verlassen als sie das letzte gekaufte Heft ihrer Lieblingsserie auf dem Tisch sah und einen geradezu unheimlichen, surrealen Augenkontakt mit der Figur auf dem Cover hatte. Die beiden kalten, blauen Augenpaare sahen einander fest an. Fünf Minuten später verließ sie die Wohnung, sicher nie wieder zurück zukehren. Das Treppenhaus war leer, einzig und allein das Blut auf dem staubigen, verdreckten Boden zeugte noch von ihrer Auseinandersetzung. Ihre Füße traten in eine Lache als sie, ungeachtet dessen was auf dem Boden verteilt war, weiter lief. Die Handschaufel an ihrem Gürtel schlug mit jedem Schritt leicht gegen ihren Oberschenkel.

    Als sie hinaus trat erinnerte sich Kassandra an die Situation im Bunker. Sie hatte noch ein wenig Platz in ihrem Rucksack und so nahm sie sich vor einen kleinen Umweg zumachen, um einige Medikamente mitzubringen.
     
  12. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Außerdem musste ihre Platzwunde genäht werden. Die notdürftig rübergeklebten Pflaster würde ihren Dienst nicht lange tun. Noch immer war das Wetter wunderschön, Kaiserwetter hätte ihr Vater gesagt. Perfekt für einen Ausflug an den See oder zu einem Fest. Die sporadisch hervorbrechende Sonne und die Hitze fügten sich nicht in das Bild all der Zerstörung. Als sich Kassandra dem Gelände des Krankenhauses näherte, wurde dieses Bild durch ein nie zuvor gesehenes Ausmaß an Elend ergänzt. Es stand im völligen Gegensatz dazu, wie es hier sonst aussah. Die Gegend glich eher einem Park, einen ruhigen, schönen Park mit weißen Bänken, gepflegten Wiesen und Blumen. Nun aber hatten sich hier in den letzten Tagen Tausende, wenn nicht Zehntausende versammelt, die nicht mehr in das Krankenhaus passten. Alle waren sie auf irgendeine Art und Weise verletzt worden. Viele konnten und wollten nicht evakuiert werden. Als wäre diese dichtgedrängte Menschenmasse, die sich auf dem Boden rund um das Virchow Klinikum niedergelassen hatte, nicht abschreckend genug tummelten sich zwischen ihnen und dem Personal vereinzelt rothäutige Soldaten. Den ersten von ihnen entdeckte sie unter einem der Sonnenschirme, die überall im Meer der Verletzten aufgestellt waren. An ihm stand ein blaues Fass, aus dem der Soldat mit einer Schüssel etwas Wasser schöpfte und trank. Das Chaos schien ihn genauso zu langweilen wie seine Kameraden. Kassandra hielt etwas Abstand um die Szenerie zu beobachten. Die Blicke der Sachmeter waren nach Innen gerichtet. Sie behielten die Ärzte, Schwestern und Pfleger im Auge. Wer kam oder ging war ihnen ebenso gleichgültig wie die Arbeit des Personals. Immerhin schienen sie Rücksicht auf darauf zunehmen, dass sie hier unzählige Opfer behandelten, in dem sie ihnen nicht im Weg herumstanden.
    Zähneknirschend steckte Kassandra die Schrotflinte in den Rucksack, mochten diese Fremden sich auch nicht für die Verletzten interessieren, sie konnte sich kaum vorstellen, dass eine bewaffnete Person lange unbemerkt, geschweige denn unbehelligt blieb. Mit einem flauem Gefühl im Magen betrat sie den Platz und bahnte sich schwerfällig einen Weg durch die Verletzten. So „nackt“ war sie nur ungern in der Nähe ihrer Besatzer. Verstreut im Feld aus Hilfesuchenden standen Zelte, an denen lange Schlangen darauf warteten aufgenommen zu werden. Viele hatten Rucksäcke wie sie, einige trugen ihre Sachen aber auch in Koffern oder Beuteln mit sich herum. Nachdenklich ging Kassandra weiter, sah zu wie die Mediziner ihre Arbeit verrichteten, wenn sie es konnten. Die meisten Menschen jedoch blieben unbehandelt oder die letzte Untersuchung lag schon Stunden, wenn nicht noch länger zurück. Irgendwann fiel ihr ein alter Mann ins Auge. Er lag friedlich da, trotz der Enge und Hitze, direkt neben einem Sonnenschirm und ließ sich von einem südländisch aussehenden Arzt behandeln. Dieser trug einen dicken, schwarzen Schnauzer und verteilte gerade eine Salbe auf die stark verbrannte Haut des Mannes auf.
    „Wie ist das? Besser?“
    „Ja sehr, danke“
    Der Körper war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und zum großen Teil bandagiert. Das Gesicht hatte die Hitze verfehlt, nicht aber den Brustkorb und die Arme. Da fiel Kassandra ein schwarzes Band um seinen Unterarm auf. Doch nicht nur er, jeder hier trug eines dieser Bänder, von denen ein guter Teil schwarz war, wie dieses.
    „Sie teilen die Leute ein?“ fragte die junge Frau. Der Mann zu ihren Füßen sah etwas überrascht auf, ließ sich von seiner Arbeit jedoch nicht abhalten.
    „Ja, natürlich. Wie stellen Sie sich das vor nach einer solchen Katastrophe? Fünftausend Verletzte allein in diesem Krankenhaus und es werden noch immer minütlich mehr. Was dachten Sie, was sie hier erwarten würde? Lächelndes Personal, dass sie sofort behandelt?“
    „Verzeihung, ich hatte nicht gemeint Sie anzugreifen.“ Wehrte sich Kassandra, überrascht über die Art und Weise der Antwort.
    Fürsorglich erkundigte sich der Arzt noch einmal bei seinem Patienten über sein Befinden, während er einen speziellen Verband um die Stellen wickelte, die er gerade behandelte, und fragte ob er noch etwas dringendes wäre. Als dieser verneinte, beendete er seine Behandlung, säuberte die Hände und stricht dem alten Mann zum Schluß ein letztes Mal über den Schopf, bevor er sich erhob.
    „Hören Sie, ich habe hier ein ganzes Feld voll Arbeit und ich habe keine Zeit für Missverständnisse. Dort drüben kann man Ihnen helfen.“ Er deutete auf das nächstgelegene Zelt. „Doch, wenn Sie mir das Urteil erlauben. Sie haben nichts, was eine Behandlung benötigt. Selbst mit einer Spende würden Sie nichts weiter tun als unsere Zeit zu verschwenden.“ Er nahm seine Sachen und machte sich daraufhin direkt auf zu seinem nächsten Patienten. So leicht ließ sich Kassandra jedoch nicht abschütteln und folgte ihm schnell.
    „Hey, ist das mittlerweile die Art wie man mit Hilfesuchenden umgeht?“
    „Ich bin Arzt, kein Informationsschalter.“
    Kassandra blieb an ihm dran und zog ihn zurück. „Mir ist scheißegal ob Sie mich behandeln aber da wo ich herkomme gibt es dreihundert Seelen und wenn nichts getan wird, entwickelt sich noch eine Epidemie!“
    Der Arzt drehte sich um, so dass sie seinen Namen lesen konnte. Hassan al-Durr.
    „Ich kann niemanden behandeln, der nicht hier ist! Plündern sie halt eine Apotheke!“
    Kassandra ließ von ihm ab und öffnete ihre Tasche. Für einen kurzen Moment erschrak al-Durr als er die Waffe sah, doch sie schob ihre Benelli zur Seite und zog eine Jeans heraus. „Hier! Nehmen Sie die.“
    „Was soll ich denn damit?“ Irritiert hielt er die Jeans in die Luft.
    „So wie ich das verstanden habe, lassen Sie sich hier doch bestechen, damit man eine bessere Einstufung kriegt. Ich habe kein Geld aber das. Also?“
    Al-Durr schüttelte den Kopf. „Was soll ich mit einer Jeans? Dafür würden Sie noch nicht mal ein Pflaster von mir kriegen.“
    Kassandra war nahe daran zu platzen. Aus ihrer Wunde an der Stirn lief ein Tropfen Blut hinunter. „Schneiden Sie sie in Streifen und nutzen sie sie zum abbinden oder geben Sie sie jemanden, der keine Hose mehr hat. Ich will jetzt nicht mehr von ihnen als ein paar Namen. Dann sind Sie mich los.“
    Der Schnäuzer des Mannes bewegte sich wie eine Wippe hoch und runter, dann schlug er ihr die Jeans an die Brust. „Halten Sie, ich schreibe ihnen etwas auf.“ Sagte er, zog einen fast leeren Notizblock heraus. Auf diesem krakelte er einige Namen von Antibiotika- und Erkältungsmitteln und kurzgehalten Erklärungen hin. Dann riss er ihn ab und gab ihn ihr im Austausch für die Hose.
    „Das wär’s.“ Sagte er, dreht sich auf dem Absatz um und lief, leise vor sich hin murmelnd, weiter.

    Kassandra war gerade im Begriff zu verschwinden, als ein lauter Schrei über das Areal gellte, der so laut war, dass er sich deutlich von denen Unterschied, die hier sonst zuhören waren. Die Köpfe um sie herum wendeten sich in die Richtung aus der er gekommen sein musste. Es war ganz in ihrer Nähe. Sie drängte sich hindurch, genauso wie al-Durr es tat und einige der Soldaten. Sie war als erste an der Quelle. Was sie sah, ließ sie im ersten Augenblick zurückschrecken. Ein Mann, der kaum noch als solcher bezeichnet werden konnte, so stark wie er zugerichtet war, lieferte sich einen Kampf mit einem weitaus jüngeren, gesünderen. Die Meute drum herum, egal wie schwer verwundet drückte sich in Panik weg.
    „Oh Gott, oh Gott er will mich fressen!“ schrie der Mann laut und Kassandra erkannte nicht nur die Stimme, sondern auch sein Gesicht und das durch eine Schußwunde stark verletzte Bein. Die Anspannung ihres Körpers verschwand und sie ließ es geschehen. Die Kreatur, stürzte sich auf seinen Hals und zerriss ihn beinahe mühelos. Innerhalb weniger Sekunde lag Blut und Fleisch auf dem Boden. Die Soldaten erreichten den Ort zu spät und konnten nicht mehr tun. Mit einem Kopfschuß wurde der Angreifer ausgeschaltet, dann kamen sie näher und ein weiterer Schuß wurde in den Kopf des Opfers abgegeben.
    „W.. wieso haben Sie nichts getan? Sie hätten ihn retten können!“ Rief al-Durr bei Kassandra so leise er konnte.
    „Warum sollte ich? Was hat er für mich getan?“ Mit diesen Worten entfernte sich Kassandra.

    Als sie denselben Weg zurückging, den sie gekommen war, sah sie wieder den Patienten, der von al-Durr behandelt worden war. Seine Augen waren nur Schlitze aber sie konnte sehen, wie er sie ansah.
    „Hallo. Darf ich Sie etwas fragen?“ Kassandra ging auf die Knie und sah auf ihn runter.
    „Natürlich aber vielleicht hätten Sie etwas um meinen Mund anzufeuchten?“ Sein Mund war hörbar trocken. Aus ihrer Tasche wollte sie erst das kühle Bier holen, als ihr seine Verfassung auffiel.
    „Ich hole ihnen was.“ sagte sie und verschwand für einen Moment. An einem der Fässer nahm sie sich eine Schale und kehrte mit dieser zurück. Gierig trank der Mann als sie ihm die Schale an die Lippen hielt. Irgendwoher kannte Sie ihn.
    „Danke, das ist besser.“
    „Warten Sie... Energieminister Mü...“
    „Möller. Nicht das es noch eine Rolle spielen würde. Sie hatten eine Frage.“
    Kassandra erinnerte sich und erzählte ihm, was gerade passiert ist. „Oh ja, das ist einige Male vorgekommen.“ Sagte er und verlangte nach einen weiteren Schluck, bevor er erklärte „Das muss eine Art Biowaffe sein.. der Himmel.“ Sein verbrannter Finger deutete nach oben. „Sachmet muss das getan haben. Sie scheinen nicht viel herumgekommen zusein junge Frau. Jeder Tote wird innerhalb von Vierundzwanzig Stunden zu einer Gefahr.“
    Kassandra begann zu begreifen und fing mit einem Mal an schallend zu lachen, dass sich die Köpfe nach ihr umdrehten.
    „Was für eine Geschichte wollen Sie mir auftischen?“ Ihr Bauch zitterte, weil sie sich zurücknehmen musste, doch der Minister unter ihr sah sie mit einem versteinerten Gesicht an und verlangte wieder etwas zu trinken.
    „Das ist kein Scherz.“ Gab er daraufhin Barsch zurück. „Ich war bis letzte Woche Teil der Regierung, meinen Sie ich denke mir hier in dieser Lage eine Horrorgeschichte aus um Sie zu unterhalten?“ Kassandra verstummte.
    „Entschuldigen Sie aber es wirkt..“
    „Verrückt? Oh sicher aber das ist die Realität.“ Rief er lauter als Kassandra ihm zugetraut hat. „Wir wussten keinen einzigen Tag lang was da über unseren Köpfen schwebte. Nicht einen, seit drei Wochen.“ Er machte wieder ein Zeichen und Kassandra ließ ihn trinken. „Sie sind Teil einer größeren Flüchtlingsgruppe, habe ich gehört. Haben Sie gesehen wie der Arzt, nachdem sie gegangen sind tobte? Nicht wegen Ihnen, sondern weil niemand aufgepasst hat, dass die Leiche abtransportiert wurde.“
    Kassandra verstand. „Aber, was ist wenn.. man gebissen wird?“ Sie konnte einfach nicht glauben, dass sie so etwas fragte.
    „Darüber würde ich mir keine Sorgen machen, wie ich schon sagte, das hier ist keine Horrorgeschichte.“
    Kassandra bedankte sich für die Informationen, doch als sie gehen wollte hielt er sie plötzlich fest.
    „Eine Sache noch. Benutzen Sie ihren Verstand!“ zischte er ernst. „Ich habe hier Leute gehört, die von Dämonen, Aliens, Mutanten und weiß der Teufel was noch faselten. Ich kann nicht sagen, was sie sind aber eins ist sicher, was hier vorgeht ist nichts übernatürliches.“ Seine Stimme war eindringlich und seine Worte sollten sie noch eine ganze Weile verfolgen.

    Kassandras blaue Augen sahen müde zum Horizont. Mit einer unangezündeten Zigarette zwischen ihren Lippen und einer Flasche Bier saß sie auf einer Bank auf dem westlichen Turm. Hinter ihr tauchte eine Gestalt mit einer Pistole auf.
    „Ich fass es nicht! Wie lange sitzt du hier schon?“
    Kassandra drehte ruhig ihren Kopf um und sah in das wütende Gesicht Kendras, die auf sie zu marschiert kam, wie ein wild gewordenes Nashorn. Kaum stand sie neben ihr, nahm ihr Kassandra die Waffe ab und betrachtete sie einen Augenblick, bevor sie sie in das Holster gleiten ließ.
    „Erzähl mir nicht, die haben dich losgeschickt um nach mir zu suchen?“
    „Warum nicht? Weil ich einen Kopf kleiner bin als du? Es kommt doch nicht drauf an wie groß man ist!“ Sagte Kendra kratzbürstig.
    „Hm.“ Kassandra sah wieder gelangweilt nach vorn. „Setz dich, nimm dir ein Bier.“ Kendra blieb wo sie war woraufhin Kassandra mit Nachdruck auf den Platz neben ihr deutete, bis sie sich setzte, noch immer leise brodelnd.
    „Vielleicht bin ich wirklich etwas oberflächlich. Das war ein Fehler.“ Meinte die schwarzhaarige dann entschuldigend.
    Überrascht von dieser Reaktion, legte sich ihre Wut „Ist schon okay. Ich bin daran gewöhnt.“ Sagte sie niedergeschlagen. Kendra griff sich das Bier aus der Kühlbox und sah die Frau neben ihr an. „Du warst bei dir zu Hause oder?“
    Kassandra nickte. Sie zog den Orden aus ihrer Brusttasche und besah ihn in ihrer flachen Hand. Einige Regentropfen fielen auf das Hakenkreuz. „Sie gehen in die Wohnungen, ich hatte Angst sie würden vielleicht nicht nur die Menschen herausholen. Ich kam zu spät aber alles war noch da.“
    Kendra blickte auf das Eiserne Kreuz und die funkelnden Brillanten, die an Eichenlaub und Schwertern angebracht waren. „Du bist aber nicht... du weißt schon.“
    Kassandra lächelte dünn. „Ich bin Patriotin, mit jeder Faser meines Körpers.“ Sagte sie, nicht ohne dabei ihren Stolz durch klingen zu lassen. „Also nein. Ich mein sieh mich an, ich habe nicht mal blonde Haare und überleg’ mal, würde ich mich sonst an einem Ort aufhalten bei der fast die Hälfte Türken oder Vietnamesen sind?“
    Das Mädchen neben ihr atmete erleichtert aus. „Aber wieso bringst du dich für ein solches Ding dann so in Gefahr?“
    „Wenn nicht dafür, wofür sonst?“ meinte Kassandra mit einem Schmunzeln. „Ich weiß nicht wem er gehört hat und auch nicht wofür er vergeben wurde aber ich weiß, dass jemand dafür gekämpft hat und das dieser das richtige tat. Mein Vater hätte ihn mir sonst nicht anvertraut.“
    Kendra trank einen Schluck Bier als es zu nieseln begann. Eine ganze Weile saßen sie einfach nur da und sahen hinaus auf die Stadt. Kassandra genoß es den Regen zu riechen. Die Feuchtigkeit in ihrer Kleidung und auf der Haut zu fühlen war ein Segen. Wie überflüssig gewordene Kleidung abzustreifen und in den Genuss eines frischen Windes zu kommen.
    „Kannst du nähen?“ fragte sie nach einer Weile.
    „Ich habe es in der Schule gelernt aber das ist schon zwei Jahre her.“
    Kassandra zog das Täschchen aus ihrem Rucksack und gab es ihr, zusammen mit dem Notizzettel. Dann löste sie die Pflaster, die schon fast von selbst herunter kamen.
    „Tu es!“ Sie ignorierte Kendras Frage danach wie es zu dieser Wunde kommen konnte, die sich daraufhin zögerlich vor sie setzte. Auf dem Notizzettel war, unter einer Reihe von Begriffen, eine Art Anleitung hingekritzelt, die ihr wohl helfen soll die Wunde zu nähen und mit der Überschrift „Einzelknopfnaht“ versehen war.
    „Bist du dir sicher?“ fragte sie, als sie mit der Nadel näher kam.
    „Nun mach schon!“ drängte Kassandra. Sie versuchte still zuhalten, auch wenn es ihr schwer fiel, als Kendra loslegte. Unglaublich schwer. „Wie kommt es das ein... wie alt bist du eigentlich?“
    „Siebzehn.“
    „Also wie kommt es, dass ein siebzehnjähriges Mädchen von deiner Statur, all das hier mitmacht? Sag nicht, du machst das aus purer Nächstenliebe. Autsch! Pass auf!“
    „Halt halt still... Menschen zuzunähen gehört nicht gerade zu meinen liebsten Hobbys. Was ist das eigentlich für eine Frage?“
    „Na ja“ seufzte sie „Wir sind da draußen, im Feld und das einzige was für voneinander wissen sind unsere Namen.“
    Kendra stach ein weiteres Mal zu, wobei sie nicht verhindern konnte, dass Kassandra fühlte wie sich der Faden durch die Haut zog.
    „Als die ersten Feuerbälle hinunter kamen war ich hier.“ Sagte Kendra mit leiser Stimme, ohne das sie erkennen konnte ob es an ihrer Erinnerung oder der Konzentration lag.
    „Raketen.“ Berichtigte Kassandra zischend.
    „Was?“
    „Ich sagte Raketen. Jetzt erzähl weiter.“ Der nächste Stich schien noch schmerzhafter zusein als der letzte. Kendra fuhr fort, während sie so gewissenhaft wie möglich ihre Platzwunde zu nähen versuchte. „Von mir aus, jedenfalls nahm ich das alles gar nicht war mit den Anschlägen. Für mich war das ein Tag wie jeder andere auch. Ich stieg wie immer nach der Schule um, sah mir ein paar Sachen an und versuchte nicht an die Hausaufgaben zu denken. Und dann von einem Augenblick auf den anderen höre ich diese Sirenen.“ Ihre Augen weiteten sich. „Dieses auf und ab dieses Tons, dieser eindringliche Ton der mich fast Taub machte. Auf und ab, auf und ab, auf und ab“ Sie stockte und Kassandra sah, wie ihre Lippen zu zittern begannen und ihr die Tränen in die glasigen, weit aufgerissenen Augen schossen „Und was tat ich als erstes? Nachdem ich draußen stand und all das sah, den Rauch, die Raketen und die Panik...? ich lachte. Ich lachte einfach inmitten all der Menschen, die um ihr Leben rannten. Was für eine bescheuerte Reaktion.“
    Kassandra berührte sanft ihre nasse Wange, über die einige Tränen hinunter liefen und forderte ihre Aufmerksamkeit. „Das ist sie überhaupt nicht! Kendra, du bist siebzehn, du...“
    „Oh jah, jetzt kommt das wieder!“ Brüllte sie wütend mit verweinten Augen und riss ihr dabei beinahe die Haut auf. „Natürlich, bin ich unschuldig, ich bin ja erst siebzehn, was weiß ich unerfahrenes Ding schon stimmt’s? Ich bin kein Kind verdammt! Ich hätte so etwas nicht tun sollen! Erst als ich hier im Dreck saß und die Sirenen und Explosionen ganz fern schienen, fing ich plötzlich an zu realisieren. Ich habe mich benommen wie ein dummes Mädchen! Wenn mich Muspell nicht weggerissen hätte, würde ich vermutlich immer noch da stehen und wie blöde Lachen!“
    „Niemand kann von dir erwarten, dass du das Richtige in so einer Situation tust.“ Sagte Kassandra deren sonst so eisige Augen mitfühlend hinunter sahen. „Niemand hat uns vorbereitet. Was ist eigentlich mit deiner Familie? Deinen Freunden?“
    Kendra schüttelte den Kopf strich sich über die Augen und versuchte weiter zumachen. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht was mit Mama und Papa ist... Ich bin ganz allein. Ich hatte Angst raus zugehen. Immer mehr kamen her, so viele Verletzte, du warst noch nicht im zweiten Stock oder?“
    Kassandra verneinte und langsam verstand sie dieses Mädchen. Als sie fertig war und sorgfältig eine Binde um die Stirn bekam, legte sie ihr die Hand auf die Schulter.
    „Danke.. es tut mir leid, was ich gesagt habe. Du bist ganz und gar nicht klein.“

    Zurück im Bunker wollte Kassandra gerade Bericht erstatten, als ihr am Boden goldene Folien ins Auge stachen, in die sich einige eingewickelt hatten.
    „Oh Steiner hatte diese Idee.“ Erklärte ihr Brunner mit seinem üblichen, verschwörerischen Lächeln. „Wir haben jedes existierende Auto der Umgebung aufgebrochen und uns die Verbandskästen gegriffen, um an die Rettungsdecken zu kommen.“
    „Auf den Kopf gefallen ist er nicht“ sagte sie dazu nur woraufhin Brunners Lächeln noch unheimlicher wurde.
    „Ja, ich kann mich nur bedanken, dass Sie ihm nicht den Schädel eingeschlagen haben, auch wenn man das meinen könnte, so wie er aussieht.“
    Kassandra sah ihn verdutzt an.
    „Ich bitte Sie, das ist doch ein offenes Geheimnis. Keine Sorge, ich bin diskret. Jetzt kommen Sie und erzählen Sie uns was Sie erlebt haben. Ich hoffe es ist alles in Ordnung, das sieht gar nicht schön aus.“
    Sie setzte sich zusammen mit Schwerdt an den Tisch und erzählte ihnen alles, was sie wusste, nur den Überfall ließ sie aus. Zurück an ihrem Stammplatz, mit der Bitte sich zusammen mit Kendra und einigen anderen um die Kranken zu kümmern, öffnete sie zuerst den alten um einige ihrer Kleidungsstücke hineinzulegen als ihr der Manga ins Auge fiel. Überrascht nahm sie ihn heraus.
    „Wer hat dich eigentlich losgeschickt um nach mir zu suchen?“ fragte sie den Blondschopf als dieser zu ihr kam.
    „Oh, das war Scarlett. Schau nicht so, sie kam natürlich auf Bitte von Seth nach oben, gab mir seine Pistole und ließ mir ausrichten das er das warten leid ist und ich nachsehen soll.“
    Kassandras Blick fiel zurück auf das Cover.
     
  13. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Kapitel 7 – Die geheime Operation

    Seth verstand sich immer besser mit Scarlett. Am zweiten Abend in dem Zimmer, schoben sie ihre Betten zusammen beziehungsweise Kassandra, denn mit dem geschwollenen Knie, konnte er kaum mehr tun als einige Schritte zu hinken, gestützt auf seinen Golfschläger und sich dann schnell wieder hinzulegen. Wenn Seth nicht gerade mit den anderen Ratsmitgliedern diskutierte, sprachen die beiden bis tief in die Nacht miteinander. Am Anfang waren es so belanglose Dinge wie die Lieblingsfarbe des anderen oder was wer am liebsten hörte. Bei Scarlett waren das rot und Pop- und Rockmusik. Dabei hatte sie eine besondere Vorliebe für Yusuf. Seth hingegen mochte am liebsten schwarz und Heavy Metal, auch wenn er sich da nicht festlegen wollte. Nach einiger Zeit fingen sie lange Diskussionen über Gott und die Welt an. Einmal waren die beiden solange wach, dass sie gar nicht bemerkten wie schon der nächste Abend anbrach und schliefen dann mehr als einen halben Tag durch. Scarlett widerstrebe es erst, ihm zusagen, dass sie doch nicht so ehrlich war, wie sie erst vorgegeben hatte. Nachdem sie allerdings soviel voneinander erzählten und er ihr einen Einblick gab, in all die Dokumente die er speicherte und in seiner Freizeit noch immer durchging und ordnete, stand ihr Entschluss fest. Nicht uninteressiert, lauschte Seth ihren Ausführungen und behielt sich eine Bewertung vor, bis sie endete. Ihre Eltern waren weit weniger mittelständisch als er dachte, in Wahrheit bezahlten sie ihr nicht nur die gesamte Ausbildung, sondern auch noch alle sonstigen Kosten, angefangen von der Kleidung, über Essen und Trinken, bis hin zur Miete. Dann rückte sie mit der Sprache heraus, warum sie ausgerechnet diese Stadt ausgesucht hatte.
    „Ich wollte Musikerin werden.“ Sagte sie kleinlaut. „Berlin hat diese Untergrundszene in Modewelt, hier bin ich weit weg von meinen Eltern, hier können sie mich nicht kontrollieren.“
    „Jetzt kann ich verstehen, dass du was anderes erzählt hast.“ Erwiderte Seth und versicherte ihr lächelnd, dass es ganz sicher nichts zwischen ihnen verändern würde, nur ein Lied, das würde er gerne hören.
    „Nein“ antwortete sie darauf streng. „Keine Privatkonzerte, entweder spiele ich für jeden oder keinen!“
    „Einverstanden, dann spiele für alle.“
    Damit war es festgelegt, nur das wann blieb offen.

    Die Entscheidungen die der Rat in der Zwischenzeit fällte, wurden von Kassandra ausgeführt, die immer mit derselben Gruppe unterwegs war. Sie erkundeten mehr als einmal das Einkaufszentrum, in dem jede Spur der Wölfe verschwunden zusein schienen. Den Grund dafür konnte man dort schon bald riechen. Die Lebensmittel wurden schlecht. Zusammen mit Kendra und Muspell wagte sie sogar einige Erkundungen, wobei sie feststellten das Patrouillen der fremden Eindringlinge eingesetzt hatten und immer öfter Wagen herumfuhren. An einigen Stellen in Mitte, dem Stadtkern, hielten sogar bewaffnete Einheiten wache. Es wurde immer offensichtlicher, sie steckten fest und selbst wenn sie die Stadt verlassen könnten, würde auf sie vermutlich nichts warten als ein bis zum Horizont reichendes, feindliches Feld.

    Eines Morgens, Kassandras Ausflug zum Krankenhaus lag schon eine gute Woche zurück, klopfte sie an Seth Tür. Sie hatten, seit sie ihn hier runter brachte kein einziges Wort miteinander gesprochen. Als sie hereinkam, gab sie Scarlett die dicht an seinem Körper lag einen mißbilligenden Blick. Nicht etwa weil sie eifersüchtig wäre, denn das war sie ganz und gar nicht und auch nicht weil es so aussah als wären die beiden unter ihren Bettdecken nackt, sondern weil Scarlett die einzige war die ohne ein Leiden ein Bett besaß, während der Rest auf dem harten Boden schlafen mussten. Kaum jemand störte sich dran, weil Seth ja irgend jemanden bei sich haben musste aber langsam ging es ihm besser und es gab bisher kein Anzeichen dafür, dass einer der Beiden und am wenigsten sie diesen mehr oder minder gemütlichen Raum wieder aufgeben würde. Der andere Grund für das verziehen ihres Gesichts war jedoch der penetrante Schweißgeruch der in der Luft hing.

    „Seth.. ich würde gerne mal mit dir reden... vielleicht im Nebenzimmer.“
    „Bin sofort da, lass mich, mich nur eben anziehen.“
    „Lass dir Zeit, ist nicht eilig“ Sagte sie mit Rücksicht auf sein Knie, schloß die Tür und ging in das Zimmer nebenan, dass ebenfalls eine Reihe von Betten beherbergte aber ansonsten weitaus weniger komfortabel war. Mittlerweile kannte so gut wie jeder die Geschichte des Bunkers und seiner Restauration in den letzten Jahren, die noch nicht mal annähernd fertig gestellt ist. Und so liegen auch in diesem Stockwerk noch Unmengen an Schutt. Kassandra setzte sich auf eines der Doppelstockbetten und wartete. Scarlett hatte sich in der Zwischenzeit aufgesetzt und sah zu, wie er sich fertig machte.
    „Wäre es zuviel verlangt, wenn das unter uns bleibt?“
    Seth hinkte halb angezogen vom Waschbecken zu seinem Rucksack und zog eines seiner roten Hemden heraus.
    „Dafür ist es jetzt zu spät oder? Aber verlass dich darauf, dass es unter uns drei bleibt.“
    Sie hatte bereits eine der schwarzen Krawatten gegriffen, die sie ihm jetzt umlegte und säuberlich knotete. „Danke.. und hör auf so zu starren.“ Ihre Augen hoben sich mit einem kecken Lächeln.

    Nachdem Seth Weste, Sakko anlegte, verließ er auf dem Golfschläger gestützt das Zimmer. Als er daraufhin bei Kassandra eintrat feixte sie „Meinen Glückwunsch Süßer, mit dem Knie ein Par zuschlagen.“
    „Ich würde es eher einen Eagle, nennen.“ Sagte Seth ziemlich selbstgefällig, was ihm noch im gleichen Augenblick leid tat. Sein Kopf färbte sich rot und er brummte. „Wir sollten das Thema wechseln, du wolltest mich wegen irgendwas sprechen. Doch vorher. Wäre es möglich darüber zu schweigen?“
    Kassandra musterte ihn mit verschränkten Armen und ließ ihn eine Weile schmoren, bevor sie antwortete. „Seth, ich mag dieses Weib nicht und wenn ich ehrlich bin, weiß ich noch nicht mal ob ich dir eine Kugel verpassen oder dich küssen soll.“ Als sie seinen Blick sah, setzte sie mit einem drohenden Unterton dazu „Bilde dir darauf bloß nichts ein.“
    „Kassandra, beantworte endlich meine Frage.“
    „Ich bin kein Kameradenschwein, wenn du nicht willst dass hinter deinem Rücken geredet wird, passiert es auch nicht.“
    Nichts anderes wollte er hören. Kassandra holt aus einer kleinen Tasche an ihrem Gürtel etwas heraus. In ihrer flachen Hand lag ein Zahn, der perfekt in das Loch seiner oberen, linken Reihe fehlte.
    „Oh, großartig danke. Hast du auch etwas Kleber, dann kann ich ihn wieder festmachen.“ meinte Seth sarkastisch als er ihn in die Hand nahm.
    „Seh’ ihn als Symbol dafür, dass ich mich bei dir entschuldigen möchte.“ Seth sah auf. „Nicht für die Prügelei, ich glaube die haben wir beide verdient aber der Tritt war unnötig und ich habe nachgedacht. Du hattest recht, Masudi wollte nicht dazwischengehen.“ Kassandra pausierte einen Moment. „Ich war blind, Seth, ich habe nicht sehen wollen, dass er Zeit schinden wollte. Nicht nur für uns, sondern auch für all die anderen. Es tut mir leid, dass ich deine Autorität in Frage gestellt habe.“
    Seth hatte überrascht die Brauen gehoben und nahm ihre Entschuldigung an. „Aber -“ Sagte er „...du trägst etwas dick auf. Wir sind hier nicht in einer Kaserne.“
    „Nein aber es braucht eine Rangordnung, ansonsten passieren Fehler.“
    Seth verstand und deutete auf einen dünnen Strich auf ihrer Stirn, der unter dem wilden, schwarzen Strähnen kaum noch auffiel. „Wenn das geklärt ist, kannst du mir das sagen, wie du das hinbekommen hast?“
    Sie wusste sofort worauf er hinaus wollte. Eine gefühlte Ewigkeit bewegte sich ihr Mund ohne einen Ton auf der Suche nach einer passenden Ausrede.
    „Die Treppe hatten wir schon.“ Bemerkte Seth, der sie durchschaute. Im nächsten Augenblick ertönte ein spitzes Kreischen. Prompt verdrehte Kassandra ihre Augen. „Ich weiß sie hat echt was in der Bluse aber hättest du bei deiner Wahl nicht etwas anspruchsvoller sein können?“ Nichts hasste sie so sehr wie dieses mädchenhafte Getue.
    Einen Moment später lugte eine kleine, runde Nase hinein, die wie die Miniatur des korpulenten Körpers aussah, der nach ihr hineintrat.
    „Was gibt’s Bob?“
    „Seth, Stark, wir haben die Nachrichten rein bekommen, es scheint was wichtiges zusein!“ Sofort liefen sie hinaus. Beide waren aufgeregt, die letzten Nachrichten aus dem Radio, die meistens durch Rauschen zensiert wurden, waren eher trivialer Natur, wie der Stand in den Flüchtlingscamps oder Ansagen, die Ruhe zu bewahren. Das sie überhaupt darauf kamen, war Seth Erinnerung an die Funkgeräte zu verdanken. Beinahe einen ganzen Tag lang wurde ununterbrochen nach irgendeinem Hinweis einer Sendung gesucht. Es konnte einfach nicht jede Frequenz blockiert sein und wie vermutet, fanden sie nach quälend langen Stunden schließlich einen Kanal, den Sachmet für Nachrichten offen ließ.

    Kassandra half ihm so gut es ging die Stufen hoch. Auf halber Strecke erreichte sie Scarlett, die sie beiseite drängte und ihm selber nach oben half.. Als sie an der frischen Luft ankamen schien es schon zu spät. Deprimierte Gesichter erwarteten sie, der gesamte Rat und Dutzende andere Flüchtlinge saßen um das Radio geschart.
    Sie gingen dicht heran und verstanden nur noch „...äußerst bedenklich angesehen wird.“
    „Was?! Was ist bedenklich?“ wollte Kassandra wissen, aber die Zuhörer blieben stumm. Die Wiederholung begann.
    „Die Topmeldung des Morgens ist die Bestätigung eines Gerüchts aus Regierungskreisen, das in den letzten Tagen aufkam. Mitarbeiter bejahten, dass das Verteidigungsministerium die Kapitulation vor den sachmetischen Streitkräften vorbereitet.“ Rauschen setzte ein. In der Stille, schrie Kassandra aus lautem Mund heraus.
    „Vaterlandsverräter! Wie können sie auch nur eine Sekunde darüber nachdenken?! Wie könnten die Generäle das zulassen? Diese arschlosen Bastarde!“ Ihre Worte schichteten sich aufeinander zu einer geballten Hasstirade, als könnte sie wie eine Welle über das Land fegen und die Nachricht ungeschehen machen. Niemand wagte es sie zu unterbreche. Ihr Gesicht verfärbte sich während sie sich heiser schrie und selbst der Strich auf ihrer Stirn stach auf einmal deutlich hervor, wie eine dicke Vene die jeden Moment zu platzen drohte. Plötzlich verstummte sie.
    „...sagte Arusek. Eine Aussage, die in politischen Kreisen als äußerst bedenklich empfunden wird.“ Knarzte es aus dem Kasten zu ihren Füßen, der munter weiter plapperte und die Meldung wiederholte.
    Stille. Blicke wurden untereinander ausgetauscht, dann sagten Muspell und Seth wie aus einem Hals „Wer ist Arusek?“
    Vermutungen wurden ausgestoßen und verworfen. Ein Sachmeter? Eventuell sogar der Kaiser?
    „Seth, Kendra, Scarlett.. das sind auch keine besonders deutschen Namen.“ Warf Kassandra, deren Gesicht wieder eine normale Farbe angenommen hatte, dagegen ein.
    „Aber Arusek ist sicher ein Nachname.“ Kam es barsch von Kendra, die es scheinbar gekränkt hatte, dass ausgerechnet sie als Beispiel dienen musste.
    „In den ersten beiden Meldungen kam es noch nicht.“ Rief ein Junge aus der Menge dazwischen. Scarlett hatte sich hoch zu Seth Ohr gebeugt und flüsterte ihm leise etwas zu.
    „Ich werde nachsehen.“ Sagte er eben so leise.

    Ergebnislos kehrten sie in den Bunker zurück. Ganz war Kassandra noch nicht fertig mit Seth, so dass sie sich kurz darauf beide wieder im Schlafsaal wiederfanden. Dort zog sie aus einem der Betten eine Matratze heraus und warf sie auf den Boden. „Ausziehen!“ Befahl sie ruppig.
    „Äh.. ahm.. also.. nein? Kann es sein, dass du doch mehr abbekommen hast als..“
    „Ich möchte den Tritt wieder gut machen. Wenn du in den Nahkampf gehen kannst, kannst du auch das. Komm schon, etwas Sport wird dir gut tun. Weg mit der Hose.“
    Widerwillig warf er ihr seinen Golfschläger zu. Seth zog sich aus und Kassandra besah seinen improvisierten Krückstock. Der Kopf des sechser Eisens, auf das er sich stützte zeugte von einem teuren Sportgerät. Die fein gearbeitete, ausgehöhlte Rückwand, hatte einige elegant geschwungene Linien. Der Schriftzug Mizuno war auf dem Rand zu lesen. Das silberfarbene, stark stilisierte Firmenlogo eines Vogels stach aus der fein gerillten, schwarzen Vertiefung hervor.
    „Hopfen und Malz ist mit dir noch nicht verloren.“ Meinte Kassandra, die den Schläger zur Seite stellte als er lag. Sie kniete sich vor die Matte. „Tja, wie ich es mir dachte. Abgesehen von deiner Schwellung, ist das Bein etwas abgemagert. Ab jetzt trainieren wir jeden Morgen.“ Sie hob sein Bein in die Luft und befahl ihm das Bein gegen ihre Hand zur Seite zudrücken.
    Seth tat was sie verlangte. „Wir haben eine Woche nicht miteinander geredet, woher dieser Sinneswandel und seit wann bist du Physiotherapeutin?“
     
  14. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    „In meinem Fitnessstudio seh’ ich ab und zu Reha-Maßnahmen. Vertrau mir einfach und im Anschluß bring’ ich den Rest von dir in Form.“ Sagte Kassandra mit Blick auf seine Speckröllchen und Arme. Sie winkelte sein Bein an, bis er das Gesicht verzog und ließ ihn es langsam wieder strecken. „Zu der anderen Sache - Menschen brauchen Zeit. Die Prügelei, dauernd etwas zu Essen ranschaffen, diese Sache mit Masudi und dann ist da noch deine Freundin.“ Seth konnte nachvollziehen wie es ihr ging, immerhin hatte sie ihm den Zahn ausgeschlagen.
    „Mit dem Training jetzt sehen wir uns ja wieder öfter, allerdings wäre da noch etwas.“
    „Und was? Schön gegen die Hand drücken und das Atmen nicht vergessen.“
    „In ein paar Tagen werde ich wieder richtig laufen können. Dann komme ich auch wieder mit nach unten, es können nicht alle am Tisch sitzen und Däumchen drehen, doch es gibt etwas, dass kann ich nicht mit Kendra oder einem anderen machen, sie ist naiv aber nicht dumm.
    „Das bin ich auch nicht, Süßer. Was ist mit Fräulein I hoab sovui Holz vor da Hüttn?“ Sie ahmte Scarlett perfekt nach und stöhnte „Letzten Sommer hatte mich jemand mit Francesca Bahia verwechselt, du weißt schon dieses brasilianische Modell mit dem Millionen Dollar BH.“ Ihre Stimme hatte etwas prahlerisches. „Gebe ich damit an? Nein, ich weiß dass ich gut aussehe, dass muss ich nicht ständig sagen oder zeigen.“ Seth ließ sie reden, es war schon viel zu lange her, dass er ihre Stimme hörte. Und es machte das Training wesentlich leichte, wenn sie sprach. Er das Bein weiter hoch und runter, nach links und rechts oder fuhr Fahrrad in der Luft, je nachdem was sie gerade verlangte. Kassandra war ihrer blonden Nemesis fiel ähnlicher als sie es wahr haben wollte, fand Seth. Redete sie doch die ganze Zeit nur über ihr Aussehen und wie eingebildet und lästerlich Scarlett war. Nach einer Weile, er schwitzte schon stark und konnte kaum noch das Bein heben, wurde sie ruhiger und ihr fiel ein, dass da noch etwas war. Sie beendete das Training mit einer sanften Massage.
    „Der Grund warum ich Scarlett ausschließe ist, dass sie einfach nicht geeignet ist.“ sagte Seth. „Und in Kendras Fall steht die Moral im Weg. Ich brauche jemanden dem ich vertrauen kann.“
    Kassandra lächelte „Und das soll ich sein? Was willst du unmoralisches tun?“
    „Ich will einen Arzt. Jemanden, der nicht nur Krankenschwester spielt. Nichts gegen Kendras und Claudias Arbeit da unten aber die Zeiten werden schwerer.“
    Kassandra war fertig und setzt sich auf das nächstgelegene Bett.
    „Du willst einen Arzt entführen? Damit er hier die Verletzten versorgt? Wow, das nenn ich wirklich kaltblütig.“
    Seth zog sich an und schwieg, damit sie Zeit zum Nachdenken hatte. Gebrauch machte sie davon aber keinen. Nach nur einer kleinen pause antwortete sie.
    „Na gut, ich bin dabei. Viele machen sich noch immer etwas vor aber wir wissen beide, dass wir hier sobald nicht mehr herauskommen werden. Aber was, wenn sie tatsächlich kapitulieren?“ Sagte sie sorgenvoll.
    Seth setzt sich zu ihr. „Ich weiß noch nicht, was wir dann tun aber wenn Scarlett mit ihrer Vermutung richtig liegt, dann wird es dazu nicht kommen.“
    „Was meinst du? Was weißt du?“
    Seth erinnerte sie an die Dokumente, die er gespeichert hatte und erklärte ihr, dass er Scarlett einige zeigte und sie sich an den Namen zu erinnern glaubte. „Wenn ich diesen Mann in all den Dokumenten finde, dann wurde nichts geringeres zensiert, als die Ankündigung bei einer Kapitulation jeden der damit in Zusammenhang steht zu exekutieren und damit alle verbliebenen politischen Reste zu entfernen.“
    Kassandra jauchzte. „Dann haben sie nicht aufgegeben!“
    „Nein, haben sie nicht. Aber selbst wenn, ich weiß was du tun würdest und das macht dieses Unterfangen nur noch notwendiger.“ Ihre Augen waren wie zwei lodernde blaue Flammen, die ein kaltes, bedrohliches Licht ausstrahlten. Er hatte ihren Nerv getroffen.
    „Dann habe ich nur noch eine Frage an dich.“ Sagte sie und kam ihm so nah, dass sich die Spitzen ihrer ungleichen Nasen fast berührten. „Wirst du fähig sein, den Abzug zu drücken, Süßer?“ Ihr Blick schien ihn förmlich zu Röntgen. Zugleich hatte er etwas blutlustiges als wenn sie nur auf einen Konflikt wartete um sich mal wieder richtig zu verausgaben. Seth hielt ihm vollkommen ruhig stand, so wie sie es von ihm gewohnt war.
    „Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, gibt es keinen Grund an meiner Kaltblütigkeit zu zweifeln.“ Sagte er und verzog seinen Linken Mundwinkel zu einem schalkhaften Lächeln. „Zumal du diesmal diejenige sein wirst, die sagt wo es lang geht.“
    Überrascht und begeistert zugleich schlug sie in die Hand ein, die er ihr hinhielt. „Ich werde dich nicht enttäuschen.“

    Seth ging es mit Kassandras Training immer besser. Es fiel ihm leichter zu gehen und irgendwann brauchte er seinen Schläger gar nicht mehr. Er behielt ihn dennoch als Gehstock bei sich. Obwohl er gesundete zog Seth sein rechtes Bein noch immer etwas nach und ab und zu stützte er sich wieder auf ihn. Der August zog ins Land und Kassandra hatte das Training vom Aufbau seines Beins dazu hin verschoben ihn fit zu machen. Gemeinsam stemmten sie Gewichte, die sie aus dem Einkaufszentrum mitbrachte oder liefen die Treppen hoch und runter und rannten dabei mehr als einmal jemanden um. Kassandra konzentrierte sich hauptsächlich auf ihre Konstitution.
    „Ich glaube es ist zwecklos, Kass.“ Röchelte Seth einmal erschöpft und ließ sich müde auf den Boden fallen. „Ich werde nie das Kraftpaket das du haben willst.“
    „Sieh dir meine Arme und Schultern an.“ Sagte sie daraufhin und spannte ihren Bizeps an. „Seh’ ich für dich aus wie eine Bodybuilderin?“
    Selbst wenn nicht die Todesstrafe darauf stehen würde, eine solche Frage zu bejahen, hätte er es nicht gekonnt, dafür war ihr Körper zu weiblich. Artig schüttelte Seth den Kopf.
    „Es geht nicht darum auszusehen wie der unglaubliche Hulk.“ Beruhigte sie ihn. „Kein Muskelberg hilft dir, wenn es darum geht möglichst lange zu rennen oder dich in einem Kampf bis zum Schluß auf den Beinen zu halten, das steckt hier.“ Ihr Finger tippte an ihre Schläfe. „Marathonläufer, Gewichtheber, Schwimmer und Boxer. Jeder hat Kraft die man ihnen ansieht aber sie sind unterschiedlich gebaut und keiner ist so aufgepumpt, dass man Angst haben müsste, wenn ein Irrer mit einer Stecknadel kommt würden sie platzen.“ Beide lachten herzlich. „Seth, dass da draußen ist wie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Wenn wir uns da durch bewegen, müssen wir rennen, springen, klettern und bei all dem noch einen kühlen Kopf bewahren. Du machst dich gut, du murrst mir ehrlich gesagt sogar ein bisschen zu wenig.“ Sagte sie mit einer Miene die ihm etwas zu ehrlich aussah.
    „Also, nimm noch ein paar Züge und dann geht’s weiter. Ich werde nicht aufhören, eh ich nicht ein Sixpack an dir sehe.“
    „Wie war das mit dem Hulk?“
    „Jetzt stell dich nicht so an. Denk halt an.. Iron Man. Zudem habe ich eine Entschädigung dafür verdient, mir die ganze Zeit deine Wampe anzusehen.“ Freundschaftlich klappste sie ihm auf den Bauch.
    „Hat der nicht die ganze Zeit diesen roten Anzug an?“ fragte Seth besserwisserisch.
    „Ja und wer steckt drin?“
    „Tony Stark?“
    „Genau und jetzt hoch mit dir, wenn du Luft zum Klugscheißern hast, hast du auch welche zum Laufen.“
    Kassandra peitschte ihn weiter. Vielleicht war der Vergleich gar nicht so schlecht, dachte sie. Er hatte sich ihren Tipp zu Herzen genommen und sich von ihr die Haare machen lassen. Auf den Kopf gefallen war er auch nicht. Mit dem Bart und allem.. eine gewisse Ähnlichkeit bestand. Ja, er hatte sogar das Playmate des Bunkers im Bett. Eigentlich, meinte sie, fehlte es nur dass er sich auch an sie heranmachte.

    Ein geschäftiges Treiben hatte eingesetzt. Es war offensichtlich dass es keine Flucht geben würde und auch keine Hoffnung auf Rettung. Also kamen sie zum Schluß, dass sie das Beste aus ihrer Situation machen würden müssen. So setzten sie die Arbeit fort und brachten Schutt und Gestein nach draußen, um den Bunker zu einem lebensfreundlicheren Ort zu machen. Kassandra ließ während ihrer freien Zeit mit Seth durchscheinen, dass es ihr nicht gefiel dass alle bis auf ihn und Scarlett am Boden schliefen, woraufhin sie dazu übergingen alle freien Betten zu besetzen. Brunner, der den Ort wie niemand anderes kannte, leitete die Bauarbeiten. Ganz langsam wandelte sich der fünfte Stock. Material bekamen sie aus der Kirche im Park, den umliegenden Wohngebäuden und dem Einkaufszentrum. Meistens war Kassandra mit über einem Dutzend anderer in der Nacht unterwegs, in denen kaum Patrouillen stattfanden und brachte nicht mehr nur Lebensmittel, sondern Betten, Platten, Werkzeuge und alles was noch gebraucht wurde mit. Damit ihnen nicht tatsächlich die Decke auf den Kopf fiel, hatte Seth die Idee einfach die widerstandsfähigen Schienen zu benutzen, die direkt vor ihren Füßen lagen.

    Es war der 5. August. Seth fühlte sich endlich fit. In der gestrigen Nacht waren sie noch einmal ihren Plan durchgegangen. Ganz natürlich hatten sie in den letzten Wochen alles an Informationen zusammengekratzt, von jedem der schon einmal dort eingeliefert war und was Kassandra bei einem ihrer wenigen Ausflüge erkennen konnte. Ihr Hauptproblem war die Ungewißheit, wo sich die Ärzte wohl befinden würden. Das Klinikgelände war riesig, so richtig wurde dies ihnen erst bewusst, als sie sich die Satellitenansicht ansehen. Es hatte die Ausmaße eines kleinen Dorfes. Zwei große, verwinkelte Gebäudekomplexe nahmen den Hauptteil ein. Zwischen ihnen führte eine lange, mit Bäumen und zwei Straßen gepflasterte Allee. Um das Herz der Anlage waren eine Vielzahl weiterer Häuser angeordnet. Sie waren sich einig, dass die Ärzte irgendwo untergebracht waren, wo man sie leicht überwachen und unterbringen konnte. Der entscheidende Hinweis kam schließlich von einem ihrer ältesten Bewohner. Otto Rommel. Er hatte sich am Tag des ersten Angriffs mit einem gebrochenen Bein hergeschleppt und erinnerte sich an ein Gästehaus, dass an der nördlichen Ecke, direkt an der Straße lag.

    Gegen 19 Uhr brachen sie auf, offiziell um die Gegend zu erkunden. Der Park und das Areal drum herum waren eigentlich überaus sicher. Doch Seth meinte, man könne nicht sicher genug gehen, es wäre erforderlich ganz genau zu kartographieren ab welchem Punkt die sachmetische Präsenz zunahm.
    „Siehst du das Gebäude dort?“ fragte Kassandra als sie über die rote Brücke gingen und deutete auf eine Kletterwand direkt neben etwas, das wie eine Halle auszusehen schien und nur ein paar Hundert Meter von ihnen entfernt war. „Nächste Woche machen wir da weiter. Ich habe es mir schon angesehen, ein einziges Kletterparadies.“
    Seth lächelte. „Ich glaube, zum ersten mal spüre ich eine richtige Vorfreude. Das könnte tatsächlich Spaß machen.“
    Kassandra war froh diese Worte zu hören. Unbeschwert gingen sie durch die Straßen. Bis auf das Gezwitscher der Vögel war es absolut still. Nahezu niemand war nun mehr hier und diejenigen die sich versteckten, kamen nur heraus, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Auf halben Wege hielt sich Seth den Bauch. „Ich hätte nicht auf Frühstück verzichten sollen.“ Sagte er stöhnend.
    Kassandra sah ihn strafend an „Wie kommst du auch darauf, an einem solchen Tag sowas auszulassen?“
    Seth verzog geknickt das Gesicht. „Na ja, ich war aufgeregt und hatte keinen Hunger, außerdem ist ohnehin schon nur so wenig da.“
    „Hach..“ seufzte sie „..du solltest trotzdem nicht auf deine Ration verzichten. Nicht, wenn wir damit rechnen müssen zu kämpfen.“
    „Du hast Recht aber so hatte jemand anderes etwas mehr. Man, ich vermisse ein richtiges Frühstück.“ Und zählte sogleich auf, was auf seinem Tisch stand. Ein Glas Milch, oft auch Kakao was Isis am liebsten hatte und auf dem Teller Toast oder Brötchen mit Butter und einer dicken Nutellaschicht oben drauf oder...
    „Hackepeter“. Ergänzten die beiden im selben Moment. Wehmütig sahen die beiden einander in die Augen.
    „Jetzt habe ich auch Hunger.“ Jammerte Kassandra, die es genauso schwer wie er verkraftete, dass es nichts dergleichen mehr gab, außer der Nougatcreme, die jedoch ohne ein Brötchen nicht mal halb so gut schmeckte.. In der Ferne kam ihnen etwas entgegen. Kassandra fiel es als erstes auf. Nichts bewegte sich doch dort vorne wurde ein kleiner Punkt immer größer. Schnell erkannte sie was es war. Ein Zug bewegte sich auf den Straßenbahnschienen, zwischen den Fahrbahnen, doch viel wichtiger war das was auf der Straße fuhr.
    „Panzer.. Panzer!“ Ihre Augen huschten schnell, den Bürgersteig absuchend entlang.
    „Dort, eine Gaststätte.“ Rief Seth. Hinter dem Tresen gingen sie in Deckung. Sie warteten, vorsichtig hervorlugend. Die beiden hörten und fühlten die Kolonne bevor sie in Sicht war. Alles vibrierte um sie herum, einige Gläser fielen auf den Boden und ließen sie, aus Angst davor jemand würde es bemerken, zusammenzucken. Nichts passierte. Es war zu laut und natürlich, dachte Kassandra, wen interessierten schon ein paar Gläser? Die Ketten wurden lauter und kamen schließlich in Sicht. Ein Panzer nach dem anderen Fuhr vorbei. Sie waren hellgrün, manche auch grau. Teilweise saßen sachmetische Soldaten auf ihnen, manchmal sogar ein ganzes Dutzend. Dazwischen gepanzerte und ungepanzerte Transportwagen. Auf der anderen Fahrbahn das gleiche Bild, als würden sie den Zug beschützen, doch Kassandra flüsterte leise, dass es ihrer Meinung nach eher ein Zufall war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine solche Masse an schweren Gerät und Soldaten diesen winzigen Zug beschützen sollte.
    „Sie sehen ganz und gar nicht fremd aus.“ Flüsterte Seth und meinte damit die Fahrzeuge.
    „Zum Teufel die sehen aus wie unsere aber sie sind so... altmodisch.“ Kassandra war sich ganz sicher, dass sie weder russisch, amerikanisch noch deutsch waren. Überhaupt, konnte sie die Form keiner Nation direkt zuordnen. „Das ist alles von langer Hand vorbereitet. Hast du den Zug gesehen? Das war keine unserer Straßenbahnen, die haben extra etwas gebaut um auf den Schienen fahren zu können.“
    Seth sah gespannt zu. Manche der Passagiere rauchten auf ihren Panzern. Andere tranken aus ihren Flaschen. Nicht jeder trug seinen Helm. Zum ersten Mal sahen sie die Hörner. Manche waren nur große runde und deutlich herausstehende Stümpfe, vermutlich abgesägt, damit der Helm darauf passte. Die meisten allerdings trafen genau auf die Beschreibung zu. Einige hatten kleine, andere längere weiße Hörner die durch und über dem schwarzen Haar nach hinten gingen. Beide beobachteten die roten Figuren in ihren hell-beigen Uniformen genau. Die Hautfarben variierten in der Stärke ihrer Tönung. Einige Gesichter waren gesprenkelt mit dunklen Flecken, wie große Sommersprossen. Seth wagte es vor Kassandra nicht auszusprechen, aber er musste gestehen dass diese Wesen trotz ihrer langen Schwänze (mit denen manch einer seine Flasche oder Zigarette hielt) und dem Rest ihrer Erscheinung überaus menschlich wirkten.

    Erst nach einer halben Stunde kamen sie aus ihrem Versteck heraus. Selbst als die Kolonne vorüber gezogen war, blieben sie hinter dem Tresen, damit sie niemand auch nur zufällig entdeckte. Über den Friedhof, der sich über die gesamte Länge der gegenüberliegenden Straßenseite des Krankenhausareals zog, näherten sie sich ihrem Ziel. Vorerst wollten sie ein wenig Abstand behalten, um die Gegend zu sondieren.
    Seth war unheimlich zumute bei den ganzen Grabsteinen. Es erinnerte ihn an das Erlebnis, von dem Kassandra berichtet hatte.
    „Du, Kass? Sag mal, diese Sache mit den lebenden Toten...“
    „Ja?“
    „Das hattest du wirklich ernst gemeint oder?“
    Sie drehte den Kopf zu ihm um. „Es ist nur ein Friedhof Seth. Keiner wird dich hier anfallen, die sind alle schon verrottet.“
    „Und was ist mit denen, die sie hier erst seit kurzem eingebuddelt haben?“ Er musste sich zusammenreißen, nicht vor Angst zu schlottern. Das fahler werdende Licht trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung aufzuhellen.
    „Die müssten sich erst mal aus der Erde graben. Ich bin mir sicher, wir haben hier nichts zu befürchten. Außerdem habe ich meine Schrotflinte, die Pistole und zum Schluß noch deinen Schläger. Konzentrier’ dich auf unser Ziel, Süßer.“
    „Du hast Recht.“ Er blieb dich an ihrer Seite. Zum ersten Mal erkannte Kassandra tatsächlich so etwas wie Angst und dann bei etwas dermaßen Banalem, wie diese Monster. Dennoch konnte sie, sie ein wenig nachvollziehen. Sie war bei ihren Ausflügen schon mehreren begegnet, wie sie durch die Straßen schlurften oder in einem dunklen Ecke an ihrer Beute nagten. Selbst von den Wölfen hatte sie mehr gesehen als ihr lieb war. Von all dem berichtete sie jedoch nichts und wenn jemand anderes etwas zusehen glaube, bekam er eine Standpauke von ihr. Ihr war bewusst, was Sachmet damit für ein Spiel trieb und sie würde nicht zulassen, dass sie dieses Ziel erreicht würde.

    Als sie das Ende des Friedhofs erreichten, kicherte Kassandra leise. Sie konnte fühlen, wie Angst und Aufregung ihren Körper hinauf krochen. Das also war es, was Kendra verrückt machte. Sie gingen neben der offenen Zufahrt in Deckung.
    „Was ist los?“
    Kassandra atmete durch „Ich weiß nicht.. mir wird bewusst was wir hier eigentlich tun.“
    Seth zog die Augenbrauen hoch.
    „Wir werden zum ersten Mal zurückschlagen. Wir zeigen ihnen, dass ihnen diese Stadt noch nicht gehört, dass da noch jemand ist, jemand der den Mut hat ihnen entgegen zu treten.“ Sagte sie. Ihr Herzschlag glich einem Trommelwirbel. Seth war sich nicht so sicher, ob dieser Mückenstich als ernsthafter Widerstand gewertet werden konnte. Er bemerkte aber dass ihr etwas daran lag also stimmte er ihr eifrig zu. Kassandra lehnte sich an die Wand. Mehrmals atmete sie tief ein und aus. Eine gute Minute brauchte sie, dann lugte ihr Kopf hinter der roten Backsteinwand hervor.
    „Gut. Wie nach Plan, eine Patrouille, zwei Mann.“ Sie beobachtete die Soldaten, die gelangweilt vor dem Modernen Glasbau hin und hergingen und überlegte eine Strategie um sie von ihren Platz zu bekommen.
    „Ich glaube, du lagst doch nicht so falsch.“ Sagte Kassandra schließlich. Sie nahm ihm den Golfschläger ab und lief zu den Grabsteinen auf die sie ihre und seine Waffen plazierte. „Was meinst du damit? Was hast du vor?“
    Sie kam wieder zurück und erklärte ihm ihre Idee. Einen Moment später sahen die beiden Soldaten einen schreienden Mann auf der Zufahrt, der mit einer Frau rang. Er schaffte es noch um Hilfe zu rufen, dann überwältigte sie ihn und sie fielen hinter ein Gebüsch. Kaum lagen sie auf den Boden, sprang Kassandra auf und ergriff ihre Waffen. Seth fing seinem Schläger auf. Hinter einem Mausoleum mit typisch griechischer Architektur ging er in Deckung.
    Die beiden Soldaten besahen die Stelle, an der die zwei verschwanden. Nichts. Sie tauschten ein paar Sätze in einer Sprache mit italienischen Klang. Seth stöhnte laut. Für einen Augenblick ließ er sein Bein sehen, als wäre er gerade erst in Deckung gegangen. Ohne Umschweife liefen die beiden Soldaten auf das tempelartige Gebäude zu. Sie behielten einen großen Abstand und teilten sich auf um das Mausoleum zu umkreisen. Kaum war der eine einige Meter weg, sprang Kassandra hinter einem Grabstein hervor und schlug ihm, mit aller Macht die sie aufbieten konnte, den Schaft der Schrotflinte ins Genick. Seinem Kameraden blieb das nicht verborgen, er hörte wie er mit einem dumpfen „Uff“ das Bewußtsein verlor. Kassandra erwartete dies, hielt den schlaffen Körper fest und den Lauf der Schrotflinte an den Kopf. Sie verschaffte Seth damit die entscheidenden Sekunden um hinter seinen Kameraden zu schleichen und auch ihn mit einem gezielten Schlag auszuschalten.
    „Das wäre geschafft.“ Schnaufte er. Noch nie verspürte Seth ein solches Mischmasch an extremen Gefühlen zur gleichen Zeit. Kassandra war schon bei der Arbeit und warf ihm eine Pistole zu.
     
  15. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    „Die hast du dir verdient. Nehm’ dem sein Holster und Knarre ab – gut. Die Maschinenpistolen nehmen wir auch mit. Sieh in den Taschen nach Munition.“ Sie durchsuchte ausgiebig die Beiden und keuchte einen Moment überrascht „Ich fass es nicht, diese Bastarde benutzen 9 mm Patronen.“ Nachdem sie die Munition an sich befestigte, machte sie sich daran die beiden mittels Panzerklebeband gut verpackt an die Grabsteine zu fesseln. Kassandra konnte daraufhin nicht zurückhalten. Sie berührte die rote Haut, die kleinen Hörner (an denen sie leicht zog) und auch den Schwanz.
    „Was seit ihr?“ hauchte sie verzweifelt. Wie könnt ihr so fremd und uns gleichzeitig doch so ähnlich sein? Kassandra wünschte sie hätte eine Antwort auf diese Frage, aber sie mussten weiter. Die zwei befestigten die Funkgeräte an ihren Gürteln, dann machten sie sich auf zu dem dreistöckigen Hotel auf der anderen Straßenseite.

    Sie hatten absichtlich den Abend gewählt, da dort noch eine hohe Betriebsamkeit herrschte. Sachmet würde um diese Zeit am wenigsten eine Flucht vermuten und die Ärzte waren beschäftigt, weshalb sich auch niemand der Soldaten hier drin aufhalten würde. Kassandra und Seth stürmten durch den Haupteingang ins Foyer, wo eine Rezeptionistin hinter einem runden Tresen stand.
    „Keine Mätzchen.“ Sagte Kassandra scharf und hielt die errungene Maschinenpistole auf die blonde Frau gerichtet. Quiekend hob die ihre Hände. In diesem Moment kam eine Schwester hinein und ließ erschrocken ein Klemmbrett hinunterfallen.
    „Ganz ruhig.“ Befahl Seth. Kassandra übernahm wieder und sah zwischen den Beiden hin und her.
    „In welcher Etage befinden sich die Ärzte? Am besten ein gewisser Doktor Hassan al-Durr?“
    „Hier gibt es keine Ärzte.“ Sagte die Schwester, die vorsichtig ihr Klemmbrett aufhob und mit sicherer Stimme sprach. „Dieses Gästehaus dient nur für Personal wie mir. Die Ärzte sind auf der Gegenüberliegenden Seite untergebracht.“
    „Gegenüberliegende Seite?“ bellte Kassandra ungläubig.
    „Ja, wenn sie wollen zeige ich es ihnen.“
    Kassandra senkte die Waffe. Die Krankenschwester ging zur Rezeptionistin, die immer noch voller Angst die Hände oben hielt. Kurz darauf hatte Kassandra den Plan vor der Nase.
    „Sehen sie hier ganz links über dem Forum? Dort befinden wir uns. Hier, genau auf der anderen Seite, am Ende der Mittelallee ist der eigentliche Haupteingang. Direkt darunter – ja genau - dieser quadratische Bau mit dem roten Ziegeldach ist das Gästehaus des Deutschen Herzzentrums. Dort haben sie die Ärzte untergebracht. Es ist ein wenig komfortabler als hier.“
    Kassandra hielt die Broschüre vor sich und warf sie wütend weg. Sie kratzt sich leicht dort, wo ihre Narbe zu verschwinden begann. „*******, das hat man davon, wenn das Netz tot ist und man sich auf die Erinnerungen von Leuten verlassen muss, die hier zuletzt vor dreißig Jahren waren!“
    „Sollen wir abbrechen, Schneewittchen?“ Fragte Seth vorsichtig.
    „Nein! Das ist unsere einzige Chance, sie werden die Sicherheit erhöhen, sobald sie die beiden Männer entdeckt haben.“ Die Rezeptionistin ließ langsam die Hände runter als sich ihr der schwarze Schopf wieder zuwendete und ihr mit bedrohlicher Stimme Befahl zu vergessen, dass sie je hier waren. Dann sah sie die Krankenschwester an. „Können Sie uns hineinbringen?“
    „Wenn ich einen Vorschlag machen darf.“
    „Ja, Wolf?“
    „Wozu die ganze Arbeit? Lassen wir -“ Seth beugte sich vor um den Namen abzulesen. „- Frau Schwarz ihn holen.“
    Kassandras Augen lachten ihn an. Natürlich, darauf hätte sie aber auch selber kommen müssen!
    „Sie haben ihn gehört. Holen Sie Doktor Hassan al-Durr und bringen sie einen bis an den Rand gefüllten Medizinkoffer mit!“ Mehrmals schwenkte ihr Gewehr zur der blonden Rezeptionistin. „Seien Sie kreativ dabei, wie sich die Kleine hier verletzt hat. Und halten die sie Klappe was uns angeht. Ansonsten wird sie tatsächlich Hilfe brauchen.“
    Die Krankenschwester legte ihr Klemmbrett zur Seite und verhielt sich auch sonst ganz ruhig, als würde das hier jeden Tag passieren. Dann ging sie hinaus. Das Funkgerät an Kassandras Hüfte gab ein Geräusch von sich, ehe eine Stimme schnarrte „Naevius, siete ancora a caccia di non morti?”
    Kassandra sah besorgt zu Seth. Einen Augenblick später, meldete sich auch sein Funkgerät, woraufhin sie ihn aufforderte seine Waffe zu entsichern. Seth fummelte daraufhin ergebnislos an der Maschinenpistole herum. „Was stellst du dich so an, man könnte meinen du hättest noch nie ein Videospiel gespielt. Es ist doch ganz einfach. Mit der linken Hand den Kammergriff bis nach ganz hinten zurückziehen – so – dem Druck langsam nachgeben – siehst du - und jetzt ist er eingerastet. Finger weg vom Abzug! Ich will den erst da sehen, wenn’s losgeht.“

    Hinter dem Tresen wimmerte die Blondine mit piepsiger Stimme. „Bitte tut mir nichts.“
    „Dir nicht.“ Brummte Kassandra. Endlich ging die Tür auf und die Schwester kam mit al-Durr im Schlepptau hinein. Erschrocken bliebt er stehen als er die auf ihn gerichteten Gewehre sah. „Ah, Doktor! Bitte folgen Sie uns, es gibt Arbeit für Sie.“ Kassandra zog ihren Mundwinkel zu einem bösen Lächeln nach oben.
    „Sie? Wie kommen Sie auf diese wahnsinnige Idee?! Ich habe eine Verantwortung, ich kann nicht mit Ihnen kommen.“
    Seth trat an ihn heran und deutete der Schwester an, dass sie gehen konnte. Dann stieß er sachte dem Arzt in den Rücken. „Dies ist keine Verhandlungssache. Marsch!“
    Widerwillig ging al-Durr voran.

    Kassandra dirigierte im schnellen Schrittempo die Gruppe am Rand des Klinikumareals nach Süden. Sie folgten dem ruhigen Fluß, dessen Wasser als eine, in die Landschaft gezogene, Linie schwarzer Tinte glänzte. Al-Durr hatte Mühe das Tempo zu halten, um keinen Lauf in den Rücken gestochen zu bekommen. Meistens von Kassandra, die eine regelrechte Freude daran hatte, immer wieder dieselbe Stelle zu treffen.
    „Warum haben wir eigentlich nicht die Schwester mitgenommen Seth? Ich bin mir sicher, die wäre freiwillig mitgekommen.“
    „Jede weitere Personal, ist ein weiteres Maul das gestopft werden muss.“ Erwiderte er in einem ungewöhnlichen Ton. „Aber keine Sorge Doktor, Sie können sich glücklich schätzen, auf Sie wartet ein hervorragendes Personal, dass ihnen tatkräftig zur Seite stehen wird.“
    Al-Durr zischte. „Ich hatte ein großartiges Personal.“
    Sie ließen den Fluß hinter sich und gingen durch die Klautschoustraße, in der Kassandra einst wohnte. Am grünen Haus verzog sie keine Mine und versuchte sich auch sonst nichts anmerken zulassen.
    „Wieso müssen wir eigentlich so schnell laufen, niemand hat uns gesehen.“
    „Uns nicht aber zwei ihrer Jungs liegen auf dem Friedhof.“ Raunte sie.
    „Woher kommen Sie eigentlich, Dr. al-Durr?“ fragte Seth.
    „Irak.“
    „Ah, das Zweistromland. Man sollte meinen, Sie würden verstehen warum wir sie raus geholt haben, Ruinen des Altertums reihen sich an Ruinen der Moderne. Ich verstehe, dass Sie an Ihre Patienten denken aber Sie würden ohnehin nicht mehr lange mit ihnen zutun haben. Ihnen sollte selbst bewusst sein, warum Sachmet das Virchow Klinikum und all die anderen Krankenhäuser besetzte. Sie dienen nur dafür, ihre eigenen Soldaten zu behandeln.“
    „Ich weiß. Ich habe bereits einige von ihnen behandelt.“
    Kassandra und Seth sahen einander überrascht an. Vorsichtig erhob Kassandra die Stimme. „Und? Wie sehen sie aus?“
    Al-Durr drehte seinen Kopf und öffnete den, doch in diesem Moment sah er ein halbes Dutzend Sachmeter auf sie zu rennen. Kassandra hörte die Stiefel auf dem Bürgersteig knallen und drehte sich um.
    „*******, sie haben uns – Oh dieser verdammte Dattelfresser!“ Rief sie böse, hatte al-Durr doch bereits die Beine in die Hand genommen. Das einzige was sie noch von erhaschten, war ein flüchtiger Blick auf den weißen Kittel. Dieser verschwand hinter dem hellgrünen Tor eines gelben Schulgebäudes.
    „Warum hier? Warum ausgerechnet in meine Schule?“ jammerte Kassandra, den Rest ihrer Waffen entsichernd, als sie in den Korridor des ersten Stocks traten.
    „Deine.. –“ wollte Seth fragen aber Kassandra befahl ihm still zusein, denn sie hatte die Ohren gespitzt.
    „Ja, Brüder Grimm Grundschule.“ Sagte sie schließlich und beide wechselten einen wehmütig schalkhaften Blick, bevor es den ausladenden Treppenaufgang in den nächsten Stock ging. In einem Klassenzimmer überprüften sie den Lichtschalter. Es blieb dunkel. Nur schwach waren im dunkel die Reihen von Tischen zu erkennen, auf denen ordentlich die kleinen Stühle gestellt wurden. Die stille wurde von den schnellen Schritten der Soldaten unterbrochen.
    „Seth –“ Kassandra sah ihn fest an. „- der Moment ist da. Geh den Gang weiter, nimm die erste Treppe und such im zweiten Stock. Ich übernehme hier. Feuer nach eigenem ermessen.“
    Seth zweifelte, ob al-Durr überhaupt noch hier war, doch die lodernden blauen Flammen in ihren Augen ließen keine weitere Verzögerung mehr zu. Er deutete einen Salut an, den Kassandra ihm abnahm, dann folgte er der Anweisung. Kassandra selbst trat blieb im Türrahmen des Klassenraumes stehen, hob ihre Maschinenpistole und zielte auf das andere Ende des Ganges. Es waren nur wenige Sekunden die sie wartete, doch sie kamen ihr wie eine halbe Ewigkeit vor. Der erste Soldat fiel schreiend durch eine gut plazierte Salve. Sein Kamerad rückte sofort zurück und brüllte laut was, so vermutete Kassandra, wohl soviel hieß wie „Sie ist bewaffnet!“.
    „Und wie ich das bin.“ Im Rückwärtsgang machte sie sich zum nächsten Zimmer auf, dass ebenso ordentlich verlassen worden war und kein Anzeichen al-Durrs Anwesenheit aufwies. Sie lugte wieder heraus. Der dunkle Gang wurde vom gegnerischen Feuer für Bruchteile einer Sekunde erhellt. Kugeln pfiffen an ihr vorbei und wurden von den Wänden verschluckt, die daraufhin grauen Staub husteten. Kassandra hielt ihre Maschinenpistole aus der Tür und sendete ihnen ein deutliches Signal zurück. Es wurde still. Eilige Schritte waren auf der Treppe zuhören, die sich ihr aber nicht näherte. Kassandra wischte sich eine schweißgetränkte Strähne aus dem Gesicht. Nach einer kurzen Wartezeit trat die junge Frau aus dem Zimmer. Tief geduckt, das Gewehr im Anschlag, näherte sie sich im schnellen Tempo der Treppe. Einer harrte da noch aus, während sich seine Kameraden zurückzogen. Kassandra reagierte schnell und gnadenlos.
    „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sterben sie noch heute.“ Ließ sie ihre Verfolger mit lauter, verhöhnender Stimme wissen. Die beiden Leichen waren für sie wie ein Süßigkeitenladen, über dem ein großes Schild mit den Worten „Heute alles umsonst“ hing. Beherzt griff sie zu, wechselte das Magazin und suchte weiter. Sie blieb überaus vorsichtig aber der Jagdtrieb hatte sie gepackt, sie wollte mehr. Sie wollte ihnen alles heimzahlen. Nach dem auch die Durchsuchung des hinteren Gebäudeteils Ergebnis verlief, hörte sie ganz leise Schritte. Mit Pistole und Schaufel in der linken bewaffnet, schmiegte sie sich an der Ecke zum Gang der ihr noch offenblieb und wartete ab. Als erstes achtete sie noch auf die Kante an der sie wachte, dann bemerkte sie die Spiegelung im Fenster und traute ihren Augen nicht. Das einzige was sich dort spiegelte waren die Uniformen, das rot verschwand völlig. Innerhalb von eines Wimpernschlags zog sich eine, perfekt an die Umgebung angepaßte, dunkle Farbe über ihre Haut. Sie hatte keine Zeit um weiter darüber nachzudenken, sie stieß mit der Handschaufel in der Linken voran aus der Deckung, die in irgendeinen Hals hineinstieß. Eine Frau gab eine Salve ab. Eines der Projektile schnitt einen Halbmond in Kassandras Hüfte, ein weiterer Streifschuß ging in an ihrem Arm vorbei. Kassandra antwortete ungezielt und ließ sie mit einem glücklichen Treffer in die Schulter zu Boden gehen. Kassandra fühlte sich wie in einem Rausch, während sie sich durch den Trupp schnitt wie ein warmes Messer durch Butter. Es waren sicher ein gutes Dutzend von ihnen, die sie in diesem Gang erwartet hatten, einige in Türrahmen in Deckung, sich nun jedoch zurückzogen, als immer mehr Körper zu Boden fielen. Kassandra feuerte hinterher, verfehlte jedoch die mehr kriechende als laufende Soldatin, die sie bereits getroffen hatte. Auf der Treppe neben ihr kamen hastig jemand nach oben. Noch immer in der Choreographie des Todes, drehte sich Kassandra zum Aufgang. Beinahe Blind vor Adrenalin, hob sie Tunnelblick verhaftet den Waffenarm straff vor sich und gab einen außerordentlich gut gezielten Schuß, direkt in den Schädel des Soldaten, der sie beinahe erreichte. Ohne einen Schrei, fiel er wie ein nasser Sack auf die Treppe und blieb schlaff mit dem Kopf am Geländer liegen. Der Nebel in Kassandras Kopf löste sich im selben Moment auf, in dem sie den Abzug drückte. Sie hatte nicht auf einen Soldaten geschossen. Kassandra stürzte zu ihm. Ihre innere Befriedigung wich Schecken und Sorge.
    „Oh Gott.. es tut mir leid. Ich dachte du wärst einer von denen, du kamst mir einfach vor den Lauf, du.. ich.. ich..“ Kassandra stoppte. Es hatte keinen Sinn, er konnte sie nicht hören. Sein Puls schlug aber – sie konnte es nicht fassen – sie hatte ihm eine Kugel in das linke Auge gehämmert wie einen langen Nagel. Warum nur war er von unten gekommen? Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Kassandra riss sich los, sah auf den Hof und sah dort al-Durr weglaufen. Sie wollte Seth sagen, er solle warten, ihm versprechen, sie würde ihn nicht zurücklassen aber was nützte das, wenn sie ihn entkommen ließ? Sie zwang sich ohne einen weiteren Blick an den bewusstlosen Körper vorbei. Kassandras Beine gaben ihr bestes, die Distanz die zwischen ihr und al-Durr schmelzen zu lassen. Im Lauf zückte sie die Schrotflinte und legte sie an.
    „Stehenbleiben oder sie haben nur noch halbe Freude an Ihren Beinen.“ Rief sie keine fünfzehn Meter hinter ihm. Hassan al-Durr hob seine Hände, mitsamt dem Koffer in die Luft und stoppte.
    „Kommen Sie mit, mein Freund hat eine Kugel ins Gesicht getroffen.“ Sagte Kassandra bei ihm.
    Al-Durrs Reaktion kam augenblicklich „In den Kopf? Der ist tot.“ Er antwortete etwas zu direkt für Kassandras Geschmack. Mir einem kräftigen Fausthieb brach sie ihm die Nase.
    „Ich habe Sie nicht nach einer Diagnose gefragt. Noch ein Wort und die nächste Faust lässt Ihren Kopf explodieren, das dürfen sie gerne wörtlich nehmen.“
    In aller Eile kehrten sie zurück. Al-Durr tat was er konnte, was nicht viel war. Er säuberte die Wunde soweit er konnte und legte ihm einen Verband an „Er muss in ein Krankenhaus.“ Sagte er anschließend. „Ich kann diese Wunde nicht behandeln, ich habe zuwenig -“
    Kassandra wollte davon gar nichts hören. „Sie müssen! Mittlerweile ist die ganze Stadt alarmiert. Es wird hier gleich von ihnen nur so wimmeln. Wir müssen zum Bunker!“
    Alternativlos, machten sie sich auf den Weg zurück.
     
  16. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Kapitel 8 – Odin

    „..schlimm ist es?“
    „..toten Teil getroffen.. nichts heissen, er.. motorische Störungen.. behindert.“
    Seth würde stöhnen, könnte er. Dumpf vernahm er Stimmen wie von weither, doch konnte er sie nicht zuordnen. Unter Anstrengung gelang es ihm etwas zusehen aber es war so verschwommen, dass er den Versuch gleich wieder aufgab.
    „Das ist ein Desaster, wie konnte das passieren?“ fragte ein erschöpft klingender Mann.
    „Sehen wir es positiv, wir haben einen professionellen Mediziner und Stark ist zurückgekehrt wie ein wandelnder Waffenschrank –“ sagte jemand anderes, der um einiges ruhiger klang.
    „San Sie damisch?“ rief eine weibliche Stimme auf einmal laut dazwischen. „Mid der saubledn Aktion, hed desa Matz da vareckte erm zu an Krüppe gmoacht hoben!“ Scarlett, schoß es Seth durch den Kopf.
    „Also bitte Fräulein Fuchs, zügeln Sie sich!“
    „Für Sie immer noch Fox und ich habe Recht.“
    „Wir wollen nicht das Schlimmste annehmen und vergessen Sie nicht, die beiden haben den verehrten Doktor zusammen entführt.“
    Ein räuspern war zuhören „Mag sein aber die Frau war eindeutig die Anfüh –“
    Seth versuchte weiter zu zuhören, doch ein Gefühl von unglaublich starker Müdigkeit ergriff Besitz von ihm und zog ihm am Fuß hinunter in die Schwärze, aus der er sich für den Moment erhoben hatte.

    Am nächsten Morgen erwachte Seth erneut. Diesmal war sein Blick scharf. Den Raum umgaben giftgrün geflieste, Wände, die dafür sorgten dass alles in ein abstoßendes, grünliches Licht getaucht war. Über ihm befand sich eine riesige, runde OP-Lampe. Eine zweite hing über der einzigen, weiteren allerdings leeren Liege neben ihm zu allerdings war er unfähig die Entfernung abzuschätzen. Das galt für jedes Objekt im Raum, die vielen Tische, den prall gefüllten Medizin- und den Instrumentenschrank. So langsam wie Seth seine Umgebung in sich aufnahm und seine Erinnerungen an diesen Raum zurückkehrten, schlichen sich seine Kopfschmerzen an ihn heran. Zuerst nahm er sie gar nicht wahr, doch sehr schnell wurden sie stärker, bis er kaum noch klar denken konnte und schließlich, laut stöhnend, mit der Faust auf das Metall am Rand der lederbezogenen Liege dreschte.
    Eine kleine Frau stürmte herein. Zuerst lächelte sie, dann aber realisierte sie was hier vor ging und rannte wieder hinaus. Einen Moment später kam ein Mann in einem blendend weißen Kittel, mit einem großen Pflaster über der Nase und injizierte ihm irgendwas. Seth wartete.
    „Herr Steiner, hören Sie mich?“ fragte er, nachdem er die Spritze ablegte.
    „Natürlich höre ich Sie, es waren ja nur Kopfschmerzen. Wer sind Sie?“
    Der Schnauzbart des Arztes zuckte. „Mein Name ist Doktor Hassan al-Durr.“ erklärte er ruhig „Woran erinnern Sie sich?“
    Seth dachte einen Augenblick nach. „Mein Name ist Seth Steiner, dreiundzwanzig Jahre alt, Jurastudent an der Humboldt Universität, vor einem Monat griff uns Sachmet an, ich befinde mich im Operationsraum des Bunkers. Ich wollte einen Arzt entführen.. das sind sie wohl.. es muss passiert sein..“
    „Ja.“ Brummte al-Durr, dessen Bart wieder zuckte. „Vorgestern um genau zusein. Unglücklicherweise, wurden sie von einer Kugel getroffen.“
    „Ich verstehe.“ Gab Seth mit kühler Stimme zurück und hob seine Hand zu seinem verbundenen Kopf.
    „Die Kugel ist durch ihr linkes Auge in den Schädel eingedrungen und kurz vor dem Ohr wieder herausgekommen. Das Auge, Herr Steiner, ist irreparabel beschädigt. Ich war gezwungen es bis auf die Lider zu entfernen. Leider habe ich keine Möglichkeit ihren Kopf zu scannen, aber ich muss davon ausgehen, das Knochen- und Projektilfragmente ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen haben. Sie werden höchstwahrscheinlich chronische Kopfschmerzen entwickeln.“
    Seth wurde bewusst, warum er nur so wenig sehen konnte und seine Lippen bebten. Er wusste nicht ob er weinen oder in Rage geraten sollte.
    „Ist das alles?“ fragte er, nahe daran sich zu übergeben.
    „Nein, tut mir leid. Ich kann nicht sagen, wie stark ihr Gehirn beschädigt ist aber ohne Zweifel hat es gelitten. Es kann vorkommen, dass sich die Fragmente bewegen und dass sie Anfälle entwickeln.“
    Seth sah ihn irritiert an „Anfälle?“.
    „Nun, es gibt verschiedene Szenarien. Es könnte gar nichts passieren aber es ist wahrscheinlich, dass sie ab und zu Dinge vergessen. Abrupt auftretende Gefühlsausbrüche wie Lachen, Weinen oder Angstzustände. Und es hört hier nicht auf. Unkontrolliertes Bewegungen, Veränderung in ihrem Verhalten oder der Wahrnehmung, sei es in dem was sie sehen, schmecken oder fühlen. Das alles geht oft ein paar Sekunden, meistens mehrere Minuten. Nichts davon, von Dauer.“
    Seth wollte schreien, sein Magen machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Al-Durr reagierte schnell und gab ihm eine Nierenschüssel.

    „Kann ich ihn sehen, Metzger?“ fragte Kassandra, al-Durr, kaum war er aus der Tür gekommen.
    „Stark!“ rief er erschrocken. „Hören Sie auf mich so zu nennen! Ich habe es Ihnen schon beim ersten Mal gesagt, ich hatte keine andere Wahl und wenn sie richtig gelauscht hätten, wüßten sie das er niemanden sehen kann, nicht heute. Ihr Freund hat eine schwere Verletzung erlitten, in solchen Fällen braucht er Zeit. Mindestens vier Wochen und ich kann in dieser Zeit so wenig Besuch wie möglich erlauben. Er braucht Ruhe und das meine ich wörtlich.“
    Kassandra seufzte und blickte getroffen zu Boden. „Wie geht es ihm denn? Ist er...“
    Al-Durr bemerkte ihre niedergeschlagene Stimmung. Er versuchte etwas weniger genervt zu klingen.
    „Den Umständen entsprechend sehr gut. Er ist kein Pflegefall. Wir werden sehen, wie er sich macht. Sie sollten jetzt zurück an die Arbeit gehen.“ Al-Durr legte ihr sanft die Hand auf den Arm, dann ging er in Richtung Treppe.
    „Verzeihung aber da wäre noch etwas.“
    Verwundert blieb er stehen und wendete sich um.
    „Unsere Frage. Sie haben Sie nicht beantwortet. Wie sehen sie aus?“
    Al-Durr ließ sich einen Moment Zeit. „Nach allem was ich gesehen habe, sind es Menschen – Stark. Sie essen und trinken wie wir. Sie reden und fühlen wie wir. Ihre Knochen, ihr Fleisch und ihr Blut, ist wie unseres. Die Unterschiede sind rein äußerlicher Natur. Ihre rote Haut kann jede Farbe, jedes Muster und jedes Bild annehmen, wie ein organischer Monitor. Ihr Schwanz ist mit Training fähig als Armersatz zu dienen und dann sind da die Hörner. Aber wie ich schon sagte, Äußerlichkeiten. Selbst ihre Organe sitzen an den selben stellen und besitzen dieselbe Größe.“
    Kassandra schüttelte ihren Kopf und trat an ihn heran. „Sehen Sie nicht das Problem?“
    „Wovon reden Sie?“
    „Ganz einfach.“ Ihre Augen fokussierten ihn grimmig. „Wenn das Menschen sind. Was sind wir?“
    Al-Durr wurde klar worauf sie hinaus wollte. „Das ist nicht dieselbe Situation, wie damals zwischen Homo Sapiens und Neandertaler.“
    „Und doch, sind wir ihnen unterlegen.“
    „Das hier ist kein Rassenkampf!“ entfuhr es Al-Durr mit einem Mal, dass Kassandras Blick aufklarte. „Hören Sie, Stark. Wie viele haben Sie getötet? Sieben waren es doch oder? Wir und sie, sind Wesen aus Fleisch und Blut, genauso verletzlich und mit dem gleichen Potential großes zu erreichen. Ich weiß, dass hier die wenigsten so etwas hören wollen aber mir ist es egal ob jemand rote, schwarze oder weiße Haut hat. Für mich sind diese Wesen Menschen und ich behandle sie als solche.“ Wütend lief er zur Treppe, Kassandra blieb wo sie war und sah ihm nach.
    „Noch eine Sache.“ Rief sie schließlich.
    Vor dem Aufgang sah al-Durr zurück. „Wenn es darum geht, wie ich zu all dem hier stehe, bin ich auf ihrer Seite. Ich werde hier die Verletzten versorgen und wenn Sachmet uns bedroht, kämpfe ich auch. Aber ich achte das Leben, Stark und wenn sich hier jemals einer von ihnen her verirrt und verletzt ist, werde ich ihm die Hilfe nicht verwehren.“
    Kassandra dachte über seine Worte nach, als er ging. Vielleicht hatte er Recht. In jedem Fall war sie froh, dass er Prinzipien hatte und er schien rational zu denken.

    Seth machte Fortschritte. Mit jedem Tag fiel ihm mehr ein, Namen, Daten und vor allem der Ablauf der Entführung. Nur eine Sache blieb absolut schwarz. Er konnte sich beim besten Willen nicht an Kassandras Gesicht erinnern und auch nicht daran, wie es zu dem Schuß kam. Irgendwann ließ al-Durr Scarlett herein, die regelrecht über ihn herfiel und mit Küssen überzog, was ihn trotz der Medikamente die Kopfschmerzen fühlen ließ. Trotzdem war er glücklich über etwas Gesellschaft.
    „Weißt du, ich habe es mir noch mal überlegt.“ Sagte Scarlett, eine Woche nach dem er aufgewacht war und wieder mal bei ihm lag. „Ich werde für dich singen. Da ist eine kleine Vietnamesin, die hat eine Gitarre, sie meinte ich darf gerne darauf spielen, wenn ich ihr dafür ein wenig beibringe.“
    „Nein.“ Gab Seth darauf barsch zurück.
    „Ah.. was?“ Scarlett sah ihn hilflos und geschockt an.
    „Ich will nicht, dass du deine eigenen Regeln über Bord wirfst, du wirst für alle spielen. Und zwar morgen Mittag und ich werde dabei sein. Ich muss Präsenz zeigen, schließlich bin ich noch immer Mitglied des Rates.“

    Am nächsten Tag schlich sich Seth hinaus, kaum das al-Durr seinen zwölf Uhr Termin bei ihn absolvierte. Scarlett saß bereits im fünften Stock, in dem sich ein großer Teil der Gemeinschaft versammelt hat um ihr zu zuhören. Direkt unter einer der Lampen und damit im besten Licht, saß sie auf einem Stuhl und stimmte ihre Gitarre. Fröhlich winkte sie Seth zu, der sich etwas außerhalb hinsetzte um alles im Blick zuhaben.
    Leise flüstert ein Mann in abgewetzten Jeans „Sollte er nicht normalerweise im OP-Raum sein?“
    „Für jemanden, der in den Kopf geschossen wurde, sieht er gut aus.“ Meint dagegen eine junge Türkin leise.
    Scarlett räuspert sich laut, damit wieder Ruhe einkehrt. „Ich habe in der letzten Zeit an einigen Liedern gearbeitet. Also ich fange mit einem Lied an, das ich The Fist genannt habe... okay, dann fange ich mal an.“ Die Nervosität war ihr anzusehen und direkt der erste Ton geht völlig daneben. Es ist absolut still, während sie noch einmal die Gitarre stimmt und es wieder versucht aber nur ein Krächzen herausbekommt. Langsam wurde das Publikum unruhig, Kichern war zu vernehmen und abfälliges Getuschel, denn auch das dritte Mal scheiterte. Schließlich setzte sie zum vierten Mal an.

    We`re old...
    We`re sick...
    We`re weak...

    Death walks among the street`s
    Searching for souls to reap
    What he wants is you and me

    We`re old...
    We`re sick...
    We`re weak...

    70 for the young, 30 for the elderly
    By knowledge through the century
    Here me, you will never be obsolete!
    Work ain`t split through age but abilities

    We`re old...
    We`re sick...
    We`re weak...

    Don`t be afraid, don`t be a fool
    It’s not a curse, no reason to be cruel!
    Give me a hand boy, stop acting coy
    Ain`t ya think she would do the same for you?

    We`re old...
    We`re sick...
    We`re weak...

    Some without muscles, some without skill
    But don`t tell me, you ain`t have the will
    Open your eyes and listen carefully
    Labour is something anyone can do

    Altogether we form a fist
    A fist that crushes, a fist that builds

    Altogether we form a fist
    A fist that crushes, a fist that builds

    Scarlett hauchte die Wörter mit einer Kraft und einer Ehrlichkeit, dass man das Atmen vergessen konnte. Ihre Finger strichen über die Seiten der Gitarre und entlockten ihr einen Klang, der irgendwo zwischen Bob Dylan und Yusuf angesiedelt war. Kaum jemand erwartete einen solchen Song, geschweige denn einen solchen Text. Mit jeder Zeile, die Scarlett sang wurde sie sicherer bis ihre Stimmbänder den Wörtern etwas fast magisches mit auf den Weg gaben. Wie als würden sie den Text kennen, sangen die Menschen vor ihr den letzten Teil des Liedes mit, an ihren Lippen hängen und mit einem freudigen Ausdruck im Gesicht. Donnernder Applaus brandete auf sie nieder, kaum war der letzte Ton verklungen. Selbst Kassandra, die inmitten des Publikums saß, musste ihr Können anerkennen und war schließlich die erste die sich erhob um ihr stehende Ovationen zugeben. Seth Auge blickte durch die Menge als sich eine junge Frau, mit pechschwarzen, kurzen Haaren erhob. Seine Gesichtszüge entglitten ihm, kaum dass ihre blauen Augen lächelnd auf ihn fielen. Sein Mund öffnete sich zu einem lauten Schrei, der jedoch nur erstickt herauskam. Schockiert fiel er vom Stuhl und versuchte zur Wendeltreppe zukommen. Angsterfüllt brabbelte Seth wie ein Baby und schrie als hätte man ihm die Zunge herausgeschnitten. Al-Durr bewegte sich schnell durch die erregte Menge.

    Kassandra sah den beiden nach und tausche einen entgeisterten Blick mit Muspell.
    „Was war das?“
    „Ich befürchte, er hat sich etwas übernommen. Hoffentlich ist es wirklich wie Metzger sagte und es sind nur ein paar Minuten.“ Durch seine runden Brillengläsern, schaute Muspell betrübt zurück zu Scarlett. „Mach weiter.“ Rief er, mehr wie einen Befehl.
    Als al-Durr mit schwitzender Stirn zurückkehrte, schnitt ihm Kassandra sofort den Weg ab. „War das einer dieser Anfälle? Geht es ihm gut?“
    „Ja, ja es geht wieder, er hat sich wieder hingelegt. Das war eine dumme Idee hier hoch zukommen. Er hat mich gefoppt.“ Sagte al-Durr verärgert. „Es war ein Anfall ja aber es war nicht wegen der Aufregung. Er hat sich erinnert.“
    „Erinnert?“
    „Ja, ein Flashback. Er hat die Person gesehen, die ihm in den Kopf schoß.“
    Kassandra schluckte und sah ihn mit fast denselben angsterfüllten Augen an wie Seth, aber al-Durr sah es nicht, sein Blick haftete auf Scarlett.
    „Es war wohl ein stämmiger Sachmeter, ohne Helm. Mit großen, verschlungenen Hörnern. Steiner meinte noch, dass sie ihn wohl gesehen haben müssten.“
    Kassandra stotterte „J..ja ich e...erinnere mich, ich habe ihn erschossen. Er war einer der Sieben.“
    Al-Durr runzelte die Stirn, immer noch Scarlett lauschend. „Ich wundere mich, wie es dazu kam. Flashbacks haben in den meisten Fällen einen Auslöser.“ Sagte er und schloß. „Na ja, vielleicht hat ihn das Lied doch einfach zu sehr mitgerissen.“
    „Ja, das wird es sein. Genießen sie noch etwas die Show, ich denke, ich gehe etwas frische Luft schnappen.“

    Es war tiefste Nacht aber Kassandra konnte noch immer nicht schlafen. Sie lag auf einem der Etagenbetten, im Raum in dem sie Anfangs mit Seth trainierte. Nach dem Einzug wurde er mit dünnen Holzplatten in winzige Zimmer aufgeteilt. Kassandra teile ihres mit Kendra, die unter ihr ebenfalls wach lag. Wie in Trance stricht sie immer wieder mit dem Zeigefinger über die Matratze vor ihr. Am Anfang hatte es Kassandra genervt, wenn Kendra mal wieder nicht einschlief und das tat, mittlerweile hatte sie sich allerdings daran gewöhnt.
    Kassandra zog die Kopfhörer von den Ohren. „Kendra?“
    Die Hand zuckte zurück. „Ja, Kass?“
    „Mach ruhig weiter.“ Kassandra fühlte, wie sich der Finger wieder in Bewegung setzte. Bevor sie ansetzen konnte, hatte jedoch bereits Kendra das Wort erhoben.
    „War das eigentlich das erste Mal, dass du jemanden erschossen hast?“
    Kassandra vergaß für einen Augenblick zu Atmen. „J..ja natürlich. Ich bin doch keine Mörderin.“
    „Wieso fiel es dir dann so leicht?“ wollte Kendra daraufhin wissen.
    „Weil“ Kassandra stockte. Sie wusste es nicht, es gab keinen besonderen Grund, drückte einfach ab und löschte ein Leben aus, ohne Reue, ohne Gefühl. Nein, das stimmte nicht. Sie fühlte etwas, nicht unbedingt beim töten aber während des Prozesses, ja. „Wenn es um dein Leben geht, dann tust du es eben. Es hieß die oder wir.“
    Es setzte ein Schweigen ein und Kassandra versuchte das Thema zu wechseln. „Du redest viel mehr mit den Leuten hier, was denken sie über mich?“
    „Die meisten denken sich wenig, du führst uns draußen an, besorgst das Essen. Die meisten sehen in dir so eine Art Valkyre.“
    „Das sehen sie in mir? Eine Valkyre?“ sagte sie beleidigt klingend.
    „Was hast du? Eine Valkyre ist doch was großartiges! Du bist stark und sexy und stellt hier die meisten Männer in den Schatten. Fast jeder den ich hier kenne mag dich, Muspell steht sogar auf dich aber das hast du nicht von mir. Man achtet dich, wegen dem was du bist und tust. Denk an Masudis Familie. Sie dürfen als erste essen, trinken und sich waschen. Viele rechnen es dir hoch an, dass du dich für sie so eingesetzt hast, nach dem sie ihren Mann und Vater verloren haben.“
    Kassandra sah schweigend durch die Finsternis an die Decke. „Das Essen wird immer weniger“ sagte sie leise „und es wird schwieriger zu besorgen und ohne dich, Muspell.. ach verdammt selbst Scarlett, wären wir schon alle verhungert.“ Sagte Kassandra abwiegelnd, woraufhin Kendra von unten in die Matratze boxte.
    „Au!“
    „Was ist los? Seit ihr den Metzger entführt habt, bist du so komisch drauf.“
    Diesmal ging das Schweigen von Kassandra aus. Kendra war neugierig und nicht zuletzt schien sie verpflichtet herauszufinden was sie hatte. Plötzlich erschien ihr Kopf neben ihrem Bett und starrte sie fordernd an. Kassandra sah, unsicher zur Seite und flüsterte so leise, dass es auch wirklich nur die kleine Frau neben ihr hören konnte.
    „Ich habe ihm in den Kopf geschossen, Kendra.“
    Ihr Kinn klappte herunter. Wie paralysiert sah Kendra in die selbst in dieser Finsternis herausstechend blauen Augen, ehe sie so schnell wie sie aufgetaucht war wieder verschwand. Eine ganze Weile war es ganz ruhig. Es verging so viel Zeit, das Kassandra sich auf die Seite legte um den Versuch zu wagen, endlich einzuschlafen. Dann endlich fand Kendra den Mut etwas zusagen.
    „Ich wünschte ich wäre dabei gewesen, Kass. Ich bin doch deine Freundin oder nicht?“
    „Ja, das bist du.“
    „Ich hätte dich weggezogen..“ schniefte sie.
    „Natürlich hättest du das, es tut mir leid, dass wir dich für moralischer hielten als du bist.“ Ein verweintes Lacheln war unter ihr zu hören.
    „Schon gut.. i.. ich weiß nicht ob ich jemanden erschießen kann, selbst wenn’s ein S.. Sachmeter ist.. aber.. ich werde dicht halten.. Gute Nacht Kassandra.“
    „Du darfst Kassi sagen.“ Flüsterte sie leise zurück.

    Am nächsten Morgen stand Kassandra vor dem Spiegel im kleinen und einzigen Bad. Schon seit einigen Minuten stand sie einfach nur da und sah sich zweifelnd an. Jemand hämmerte gegen die Tür.
    „Jetzt werd’ endlich fertig, wir warten schon eine Viertelstunde, es gibt nicht nur dich hier. Entweder kommst du jetzt raus oder –“
    „Oder was?“ fragte Kassandra scharf und blickte zur Tür. „Soll ich dich daran erinnern wer hier jeden Tag die Mäuler stopft?“ rief sie wütender als sie eigentlich war. „Man, einmal überzieht man seine Zeit...“ Murmelte sie und nahm eine Pille aus der kleinen Dose auf dem Waschpacken. In geschwungenen Lettern stand Hairshifter auf der Dose, über einem fröhlichen, blonden Frauenkopf. Eine der neuesten Errungenschaften der Beautyindustrie. Hairshifter sollten de Friseurbesuch und alle anderen Haarpflegeprodukte überflüssig machen. Gerüchte über Nebenwirkungen und Suchterscheinungen, sorgten allerdings dafür, dass es nur zu einem weiteren Werkzeug unter hunderten anderer wurde. Hauptabnehmer Alleinstehende, Reisende und Leute, die einfach keine Lust auf einen Friseur hatten. Kassandra warf die Pille ein und wartete einen Augenblick, dann schüttelte sie konzentriert ihren Schopf und trat schließlich mit einem Berg Wäsche unterm Arm heraus. Der Mann vor der Tür wich überrascht zurück. Kassandra lief an der Reihe der wartenden vorbei, die staunenden Blicke genießend die auf sie fielen.
    Ein paar Minuten später, lagen ihre Sachen im Bett und sie machte sich auf zum OP-Raum als sie auf dem Weg an einigen spielenden Kindern vorbei kam. Interessiert hockte sie sich zu ihnen.
    „Was spielt ihr da?“
     
  17. Seth Caomhin

    Seth Caomhin Baron von Wolfenstein

    Ein kleines Mädchen, mit dunkler Haut sah zu ihr auf. „Metzgerstreit. Oh Kassandra, deine Haare sehen aber schön aus.“
    Geschmeichelt lächelte sie Kassandra an „Danke Yasmin.“ Erklärt ihr mir, wie das gespielt wird?“
    „Ganz einfach“ Sagte ein etwas älterer Junge, David, der ihr die weiteren Regeln erklärte. „es gibt eine rote und eine weiße Seite. Je nachdem auf welcher du bist, nimmst du dir die roten oder weiße Steine und Figuren. Ziel ist es diesen schwarzen Stein zu bekommen, denn das ist der Metzger.“ Er machte einen Zug und griff sich einen roten Stein von Yasmin, die darüber nicht sehr glücklich aussah. Sie spielten zu sechst und das ganze sah furchtbar kompliziert aus. David erklärte ihr die Regeln. Am Ende des Vortrags sah er auf. „Verstanden?“
    „Klar.“ Log Kassandra, der das ganz und gar nicht klar war. Was hatte sie nur mit ihrem Kosenamen angerichtet? „Hört mal, ihr spielt das aber nicht in der Nähe vom Doktor klar? Der verteilt nämlich gerne Spritzen, selbst wenn man keine braucht.“ Erschrocken sahen sie die kleinen Gesichter an, als sie aufstand und mit einem Grinsen weiterging.

    „Morgen liegst du wieder neben mir.“ Sagte Scarlett an Seth Bett und half ihm den Verband zu lösen.
    „Ich kann es gar nicht erwarten. Selbst jemand der völlig gesund ist, würde krank werden, wenn er eine Woche von diesen grünen Wänden umgeben ist. Und diese Liege! Ich dachte die Betten wären ungemütlich aber das hier ist Folter.“
    Aufmunternd sah der Blondschopf auf ihn runter. „Wenigstens lässt er dich anziehen und waschen.“ Sie legte den Verband zur Seite, um ihn die Augenklappe über zuziehen. Seth wartete, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Da er nicht arbeitete, verzichtete er aufs Sakko, nicht aber auf den Rest seines mittlerweile bekannten Auftretens seiner goldbraunen Weste, der schwarzen Krawatte und dem Schulterholster in dem eine geladene, sachmetische Pistole ruhte. Seth sah damit weniger wie ein schwer verwundeter Patient, aus als viel mehr wie jemand der nur eben auf Zahnarztbesuch war und das wollte er auch. Es kam viel öfter Besuch als es al-Durr genehm war, besonders in den letzten Tagen und er musste feststellen, das sein Patient ein wenig eitel war.
    „So.“ Sagte Scarlett und reichte ihm einen Spiegel. „Ich hoffe sie gefällt dir, das erste Mal dass ich mit Leder gearbeitet habe.“
    Seth sah sich an. „Hm.“ Meinte er, den Kopf hin und herbewegend. „Es sieht großartig aus, sitzt perfekt und ist sehr komfortabel. Danke, du bist eine gute Schneiderin.“
    Seth beugte sich hoch um sie zur küssen, als es an der Tür klopft. Beide drehten ihren Kopf. Drei Augen sahen verblüfft zur eintretenden Kassandra. Noch nie hatten sie das pechschwarze Haar so lang und so elegant gesehen. Sie machte eher den Eindruck eines Sternchens aus den 50er oder 60er Jahren als einer kampflustigen Amazone wäre da nicht eine blutrote Strähne, die ihr rechtes Auge verdeckte und die Pilotenbrille an der Seth Kassandra schließlich erkannte. Ansonsten hatte sich wenig an ihr getan außer, dass sie zum ersten Mal seit er ihr begegnet war keinen kurzen Rock trug sondern eine weiblich geschnittene, graue Hose. Und sich vor den Schienbeinen enganliegende Schützer mit einer Scheide für ihr Messer schmiegten. Das offene Hemd entblößte neben ihren schwarzen tanktop einen gut durchtraineirten Bauch.
    „Tut mir leid wenn ich störe aber könnte ich vielleicht mit Seth sprechen?“
    Scarletts Gesichtausdruck war düsterer als je zuvor. Wortlos löste sie sich und verließ den Raum.
    „Das Outfit steht dir.“ Sagte Seth tonlos. Seine Lippen waren nicht mehr als ein Strich. „Man möchte fast erwachsen sagen, auch wenn ich im Gegensatz zu Gül nie etwas gegen deine Röcke hatte. Nur diese Sonnenbrille...“ Er schüttelte den Kopf, immerhin war es hier im Bunker schon dunkel genug.
    „Danke aber ich trage sie wegen dir, Seth.“ Sagte Kassandra, die mit einem strengen Gesichtsausdruck an sein Bett trat, obwohl er ja nur wenig dafür konnte. Sie bemerkte diesen ungerechten Vorwurf und ihre Augenbrauen zeigten ein niedergeschlagenes Gesicht.
    „Ich weiß, dass du es warst.“ Sagte Seth daraufhin „Bist du gekommen um es mir zu beichten? Oder um zusehen wie es mir geht?“
    „Beides aber ich dachte mir schon, dass du es weißt.“
    „Der Metzger hat es dir natürlich erzählt. Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl war, als die schwarze Sillouhette in meiner Erinnerung plötzlich Körper und Gesicht bekam. Dein Gesicht.“ Seine Hand schnellte vor und zog sie nach unten. Durch die schwarzen Gläser hindurch sah er sie mit seinem übrig gebliebenen Auge giftig an. „Kannst du dir eigentlich diese Angst vorstellen, wenn jemand vor dir steht der mit jeder Faser seines Körpers darauf ausgerichtet ist zu töten und keinen Unterschied mehr macht zwischen Freund und Feind? Du standest vor mir mit einem wahnsinnigen Blick und dann hast du Miststück mir das hier verpasst!“ Er deutete nur auf die Augenklappe, ersparte ihr den Blick auf das, was darunter lag. Seth ließ sie los und erhob sich von seinem Platz.
    „Es tut mir leid, Seth, ehrlich ich wollte das nicht.“ Wimmerte sie regelrecht und ließ sich auf den Stuhl sinken.
    „Natürlich nicht, was du wolltest war töten!“ Dünkelhaft stand er da, die Hände hinter dem Rücken wie ein von sich eingenommener Politiker.
    „Das ist nicht wahr, ich wollte dich nicht töten.“
    „Jemanden in den Kopf zu schießen ist ein sehr deutliches Zeichen oder hast du absichtlich nicht zwischen die Augen gezielt um mich zu verstümmeln?“
    Kassandra sah ihn fassungslos an. Sie hatte nicht erwartet, dass er sie hier der Luft zerfetzen würde. Aber was hatte sie eigentlich erwartet? Das er abwinken und „Schon gut“ sagen würde?
    „Aber.. warum hast du al-Durr nicht die Wahrheit gesagt? Warum hast ihn angelogen?“
    Seth trat an sie heran. Auf eine angsteinflößend ruhige Weise, zog er ihr die Sonnenbrille herunter und machte sie an ihrer Brusttasche fest. Kassandra registrierte, dass sein Blick einen Moment zu lange in dieser Region haftete. „Ich bin ein überaus vernünftiger Mensch. Ich versuche irgendwie einen klaren Verstand zu bewahren, auch wenn das ziemlich schwierig ist in diesen Zeiten. Was glaubst du, denke ich, wenn ich ein solches Bild vor Augen habe? Ich wollte an einen Unfall glauben, auch wenn es absolut irrational ist, immerhin waren Freunde.“
    Seine kalte, ruhige Art zu sprechen war um ein vielfaches erschütternder als würde er sie einfach nur anschreien und mit Beleidigungen überhäufen.
    „Seth, es war ein Unfall. Wir sind Freunde, nein mehr als das - Kameraden!“
    Seth schnaubte, dicht vor ihren Gesicht. „Am Ende läuft es immer wieder darauf hinaus. Was ist los, hast du Clausewitz mit der Muttermilch aufgesogen und das halbe Leben in einer Kaserne verbracht?“
    „Das geht dich nichts an.“ Fiel ihr darauf nur ein.
    „Wir sind ja schöne Kameraden.“ Sagte Seth treffend mit einem gehässigen Gesichtsausdruck.
    „Du hast Recht, es tut mir leid.“ Kassandra stand auf und ging an ihm vorbei um das Zimmer zu verlassen.
    Seth hob die Arme „Was hast du vor? Rennst du vor deinen Problemen neuerdings weg? Stell dich und kämpfe!“
    „Kämpfen? Seth, du bist behindert.“
    Zum ersten Mal fiel seine ruhige Maske „Ich bin einäugig, nicht behindert!“ donnerte er wutentbrannt.
    „Was erwartest du von mir? Ich kann’s nicht rückgängig machen. Das einzige was ich tun kann ist mich zu entschuldigen. Ich kann mich doch nicht mit dir schlagen!“
    Seth ging auf sie zu „Aber normalerweise würdest du es gerne, oder nicht? Du bist eine Sadistin, man braucht keine zwei Augen um das zu erkennen.“
    „Das hat hiermit nichts zutun!“ Sagte Kassandra mit zurückgewonnener, fester Stimme. „Worauf willst du eigentlich hinaus? Das ich meinen Kopf verloren habe?“
    „Ich weiß nicht worauf ich hinaus will.“ Sagte er matt und sah in ihre blauen Augen. „Vielleicht, dass du eine großartige Soldatin mit einem gefährliches Problem bist. Seth fasste sich an den Kopf und ging, von Kassandra gefolgt zum Bett.
    „Wie geht es jetzt weiter?“ wollte sie wissen, als er sich hinsetzte.
    „Dr. al-Durr meint ich bräuchte Ruhe und damit hat er Recht. Doch befürchte ich, werde ich seinen ärztlichen Rat missachten müssen. Vielleicht erinnerst du dich an Odin, der seine Auge hergab für Weisheit und Wissen aus dem Brunnen Mimirs.“
    „Mal gehört.“ Murmelte Kassandra, die nicht so recht wusste, was in dem Kopf dieses Mannes eigentlich gerade vor sich ging.
    „Dank dir, hatte ich genug Zeit um nachzudenken und ein wenig verrückt zu werden, so verrückt wie nötig zumindest.“ Seth legte sich mit den Armen hinter den Kopf zurück. „Ich muss in Form kommen. Das ist deine Aufgabe und zwar möglichst bald.“
    „Wofür? Willst du wieder mit raus? Vertraust du mir etwa noch?“
    Er reagierte mit einem unerhörten Kichern. „Nicht im geringsten! Das hat sich mit einem Knall verabschiedet.“ Seth lachte unverhohlen. „Doch ja, ich will wieder mit euch um die Häuser ziehen und ich will Sachmet in den Arsch treten. Na, Kassandra Stark. Was sagst du dazu?“
    Sie versuchte zu lächeln, was ihr reichlich schwer fiel bei seinem Verhalten. „Ich werd’ tun was ich kann.“
    „Das ist nicht genug.“ Erwiderte er plötzlich ernst „Fang damit an, dich nicht mehr wie eine Memme aufzuführen.“
    Kassandra lupfte die Brauen und gab ihm eine gesalzene Backpfeife mit der Rückhand.

    Eine Woche später, befand sich Seth mehrere Meter über dem Boden an einer Kletterwand. Doktor al-Durr war gar nicht erfreut als ihm zu Ohren kam, dass er Sport treiben wollte und bleute ihm scharf ein es bloß nicht zu übertreiben. Seth schwitze wie noch nie zuvor in seinem Leben und hatte, obwohl er noch gar nicht lang herumkletterte bereits das Gefühl, seine Arme wären aus Butter.
    „Wenn du noch langsamer kletterst, kletterst du rückwärts.“ Rief Kassandra von unten am Seil. Ihre Haare waren heute nicht elegant, sondern wild und der ganze Pony von blutroter Farbe. Kassandra hatte sich entschieden, zwischen beiden Friseuren zu wechseln, je nachdem ob es ein entspannter oder ereignisreicher Tag werden würde.
    „Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe!“ erwiderte Seth unfreundlich „Nach zwei Fehlern von dir, bin ich beim Dritten sicher tot. Schon vergessen ich hab nur ein Auge!“
    Kassandra schob mit einer Handbewegung, den Pony zur Seite und sah böse hoch, immerhin waren sie nicht allein. Kendra und Muspel betätigten sich an einer kleineren Wand nur ein Paar Meter von ihnen und in der ganzen Halle verteilt trainierten weitere Männer und Frauen ihrer Mannschaft. Zu Kassandras Trost, kletterte Scarlett an einigem künstlichen Felsen im hinteren Teil der riesigen Halle. „Wer hat getönt, er wäre nicht behindert? Ich nehme keine Rücksicht, du kriegst die gleiche Behandlung, wie jeder andere hier auch.“
    Seth keuchte, er hatte eher das Gefühl, dass sie ihn besonders hart rannahm. „Warum muss ich eigentlich dieses ganze Zeug hier mitschleppen?“ fragte er stöhnend, denn er trug einen schweren Rucksack und eines der Maschinengewehre auf dem Rücken.
    „Weil wir reale Bedingungen trainieren. Jetzt hör auf zu quatschen und setz deinen Arsch in Bewegung oder ich helfe nach.“
    Seth sah runter. Ihre Hand ging zur Pistole neben ihrer Brust, woraufhin er direkt drei Griffe mit einmal nahm und einen weiteren Meter schaffte.
    „Na also, geht doch. Muspell, würdest du bitte aufhören auf meinen Po zu starren? Ich glaube Kendra hat deinen Blick nötiger.“
    „Woher.. ’tschuldige.“ Seine Augen gingen wieder hoch und beobachteten Kendra, die sich weit besser machte als Seth.
    „Ich hab’s vor fünf Minuten bemerkt. Das heisst also, du hast bis jetzt nicht auf deine Partnerin geachtet. Wenn sie abgestürzt wäre, meinst du es wär’ mit einem „tschuldige“ getan?“ Ihre Augen fixierten ihn einen kurzen Moment.
    „Schon Verstanden, ich bleib beim Hintern meiner Partnerin.“
    „So ist’s recht. Seth, wie geht’s deinem Kopf?“
    Erledigt setzte er sich oben angekommen auf die Kante, nahm Rucksack und Maschinenpistole ab und legte sich schnaufend hin, ohne ein weiteres Wort zusagen.
    „Versuch nicht runter zuklettern.“ Rief Kassandra von unten und machte sich nun selber auf den Weg. Als sie oben ankam, sah Seth erstaunt, dass sie nichts auf dem Rücken trug, außer ihrer Schrotflinte.
    „Was soll das, ich dachte wir trainieren reale Bedingungen?“ Beschwerte er sich.
    „Ja aber denkst du, ich habe auf dem Hinweg schon was im Rucksack?“ Fragte Kassandra breit grinsend. Mit einem Ruck zog sie sich über den Rand, um sich neben ihn zu setzen.
    „Woher weißt du, wie das alles hier funktioniert?“ fragte Seth, der sich aufrichtete.
    „Hab’ in der Oberstufe ein Praktikum machen müssen, ich dacht’ ich wisch der Schule eins aus, in dem ich meine Bewerbung dahin schicke, wo ich mehr Spaß als Arbeit habe.“
    Seth sah sie gespannt an „Und?“
    „Hat sich rausgestellt, es war falsch zu denken, ich könnte die halbe Zeit selber klettern.“
    Sie lachten gemeinsam über ihre Naivität und von oben zu, wie sich die anderen abmühten.
    „Kaum zu glauben, dass wir uns mitten in einem Krieg befinden.“ Sagte Seth.
    „Nein, aber so ist’s doch immer oder? Man stellt ihn sich wie einen Film oder ein Videospiel vor. Überall Explosionen, Schüße und so Zeug aber die Realität ist anders. Eigentlich ist es die ganze Zeit über, ziemlich langweilig. Mein Bruder konnte ein Lied davon singen. Tag ein, Tag aus die selben Aufgaben, ständig auf der Suche nach Beschäftigung. Der Moment der Entscheidung ist wie ein Raubtier, dass in den Schatten lauert. Die Zeit vergeht und du vergisst das es da ist, wird zur Legende vor. Aber es ist da. Schleicht um dich herum, beobachtet dich und wartet auf die günstigste Gelegenheit. Das ist der wahre Schrecken.“ Sie sahen wie Kendra den Boden erreichte und mit Muspel die Position wechselte. „Du hast auch geschossen, in meiner Schule. Was hast du dabei Gefühlt?“
    Seth ließ sich Zeit mit der Antwort. „Ich hatte die Hosen voll.“ Sagte er. Seine plötzliche, zitternde Stimme ließ keinen Zweifel an seinen Worten. „Ganz ehrlich, ich hatte noch nie soviel Angst. Am liebsten hätte ich hingeschmissen, wäre nach Hause gerannt und hätte mich in meinem Bett verkrochen.“
    Ihre Hand legte sich auf sein Bein. „Du bist aber nicht weggerannt.“
    „Es ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl gehabt. Zwei von ihnen habe ich getroffen, einer ist glaube ich tot.“
    „Tut es dir leid?“
    Seth sah sie etwas verwundert an. „Warum fragst du mich das? Ich hörte, du warst das tapfere Schneiderlein an diesem Abend.“
    Kassandra zuckt unwissend mit den Schultern. „Vielleicht, will ich einfach nur etwas Konversation betreiben? Wir haben etwas zusammen erlebt, was niemand anderes je erlebt hat. Ich will mit dir diese Erfahrung.. keine Ahnung, einfach verarbeiten.“ Vermutete Kassandra. Seth bemerkte, dass ihr etwas auf dem Herzen lag und deutete an, dass sie weitersprechen soll. „Ich hatte auch Angst. Aber nicht im Geplänkel. Es war davor, als ich am Grabstein kauert und wartete, dass es los ging. In dem Moment, in dem ich diesem Soldaten die Schrotflinte in den Nacken schlug und in der Zeit als ich ihn auffing und festhielt. Oh man hatte ich Schiss. Ich zitterte so stark, dass ich fürchtete nicht aufzustehen. Nicht zuschlagen zu können. Ihn fallen zu lassen.“ Kassandra atmete tief ein. „Als wir es schafften, da war die Angst wie weggeblasen. Es ist, als hätte jemand die Schlinge um meinen Hals gelöst.“
    „Tut es dir leid?“ Fragte nun Seth, der bemerkte, wie ihre Hand zudrückte.
    „Nicht im geringsten. Aber es sind Menschen, i.. ich glaube jedenfalls das es welche sind, Seth.“ Sagte sie unsicher. „Sollte man nicht wenigstens etwas Reue verspüren? Versteh mich nicht falsch, es war richtig und da war dieser Rausch... es war kein Spaß am töten, sondern am Kampf.“ Setzte sie sofort dazu und stöhnte verwirrt. Zweifelnd musterte Seth Kassandra, bevor er seine Hand auf ihre legte.
    „Mir tut es auch nicht leid. Solang habe ich meine Erinnerungen noch nicht, dass ich mir darüber hätte Gedanken machen können. Aber selbst jetzt. Nein. Vielleicht sind wir wirklich zwei kaltblütige Exemplare unserer Art aber solang wir dieser Toten gedenken, können wir keine allzu schlechten Menschen sein.“
    Kassandra zog langsam ihre Hand zurück. „Danke, Seth.“ Sie rechnete es ihm hoch an, dass er nicht nur mit ihr trainierte, sondern auch noch sprach, obwohl sie bemerkte das es ihm Überwindung kostete.
    „Eins noch.“ Sagte Seth, während sie ihre Benelli schulterte. „Zuviel Sentimentalität können wir uns ohnehin nicht leisten, dies war nicht mehr als der Auftakt.“
    „Irgendetwas brütest du aus, aber ich habe das Gefühl es wird mir gefallen.“ Auf ihrem Gesicht war die Vorfreude deutlich abzulesen.
    „Darauf verlasse ich mich sogar. Ach übrigens –“
    Kassandra hielt inne und sah noch einmal hinauf.
    „- ich habe es noch nicht gesagt aber mir gefällt dein neuer Look, besonders deine Frisur.“

    „Man könnte meinen, zwischen den Beiden wäre nie was passiert.“ Murmelte Kendra, die einen Blick nach oben geworfen hatte, nach dem Muspell herunter gekommen war.
    „Was meinst du? Das sie ihm das Knie rausgeschlagen hat, ist doch schon eine halbe Ewigkeit her.“
    Das Gesicht der kleinen Frau wurde ganz heiss. „Äh.. ja aber trotzdem, schön dass sie sich wieder zu verstehen scheinen. Ich bin wieder dran oder?“ Kendra nahm Muspell den Rucksack ab und lief zur Wand.

    Der Schmerz in Seth Kopf wurde nur unmerklich schwächer. Zu seiner Erleichterung, blieb er immerhin von allzu starken Anfällen verschont, doch ab und zu war er kaum in der Lage sein rechtes Bein zu benutzen, weshalb der Schläger zu seinem ständigen Begleiter wurde. Dr. Al-Durr vermutete, es könne daran liegen, dass er sich nicht an die verordnete Ruhe hielt, jedenfalls nicht in dem Maß wie es gut für ihn wäre. Seth interessierte es wenig, er machte gute Fortschritte und solange er in der Lage war zu laufen, würde er dieses Handicap ertragen.

    „Kannst es sein, dass du den schon zum dritten Mal liest?“ fragte Scarlett, eines Abends als sie bemerkte, dass der Manga den er in den Händen hielt, dasselbe Cover besaß, wie der letzte. Auf dem Cover war der Schriftzug 20th Century Boys zu lesen.
    „Es ist das sechste mal.“ Erwiderte er tonlos, woraufhin sie nicht umhin kam zu fragen, warum er denn sechs mal ein und dasselbe las.
    „Weil es der einzige Band ist, den ich mitgenommen habe.“ Sagte er schlicht.
    „Ich konnte dem Zeug nie etwas anfangen. Worum geht es da?“
    Seth seufzte, ein wenig genervt. „Um Menschen, die die Welt vor dem Untergang bewahren.“
    Scarlett gab ein abschätziges „Fff“ von sich. Er bestätigte sie in ihrer Vermutung.
    „Ich habe es auf das kürzeste hinunter gebrochen.“ Verteidigte er sich und erklärte. „Bei zweiundzwanzig Bänden, kannst du nicht von mir erwarten, das ich dir all die Fäden auseinanderdrösel. Genau genommen, würde ich damit dann das gleiche tun, wie mit einem Kleid. Ich würde es zerstören.“
    Überrascht von der Strenge und dem Ernst warf Scarlett einen kurzen Blick hinein, doch er schlug es ihr vor der Nase zu.
    „Wir werden noch viel Zeit hier verbringen, nicht wahr?“ Sagte er und legte den Band beiseite.
    „J..ja ich denke schon. Wie kommst du auf einmal darauf? Seth, wenn ich was falsches gesagt habe...“
    „Weißt du, gute Geschichten sind selten. Zu jeder Zeit gewesen. Aber für mich waren schon immer die Besten diejenigen, die mich bewegen. Ich meine wirklich bewegen und Hoffnung fühlen lassen. Nein!... das ist zu hoch gegriffen, das ist das falsche Wort.. Zuversicht, Zuversicht meine ich. Was denkst du?“
    Scarlett zuckte leicht mit den Schultern. „Das klingt ziemlich philosophisch aber wenn mich etwas richtig berührt hat.. tut... ich meine wenn mir das was dort passiert am Herzen liegt und ich mit jeder Faser mitfühle, dann ist es für mich auch eine gute Geschichte... ich glaube ich verstehe was du meinst.“
    Seth erhob sich von seinem Platz, ergriff seinen Stock und stützt sich auf ihn. „Es ist an der Zeit, den Menschen ihre Zuversicht zurück zugeben.“ Sagte er und ging zur Tür Tür.
    „Was hast du vor?“
    „Ich werde diesen Bunker übernehmen und mit ihm die gesamte Stadt.“
     

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