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Bogo Rai

Dieses Thema im Forum "Projekt Star Wars Rollenspiel" wurde erstellt von Toji, 23. Juli 2016.

  1. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

  2. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

    [: Leerer Raum | nahe dem Bogo Rai-System :||: „Wanderer-Flottille“; Dritte Kampfgruppe | ISD „Abyss“ | Deck Drei | Brücke :||: Commodore Toji Murata und die Erste Wache :]

    Bloß Lichtminuten vom Bogo Rai-System lag der graue Imperial-Sternzerstörer „Abyss“ mit seinen kleineren Begleitschiffen auf der Lauer. Ihre Ruhe mutete wie die von jagenden Raubtieren an – nur handelte es sich hierbei um stählerne Exemplare. Reger Funkverkehr herrschte zwischen den sieben Mitgliedern der imperialen Kampfgruppe. Sternjäger waren noch keine ausgeschleust, aber das war höchstwahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Denn die Kriegsschiffe hatten ihre Hangartore schon längst geöffnet und vereinzelt konnte man jene Lichter aufblitzen sehen, die bei den Sternjägern für „Einsatzbereitschaft“ standen. Doch noch trieben die Imperialen bloß durch den leeren Raum. Noch schien „ihre“ Zeit zum Handeln nicht gekommen zu sein. Und so verstrichen die nächsten Minuten ebenso ereignislos wie die vorherigen.

    Derweil im vorderen Bereich der Brücke das übliche Gemurmel zu hören war, brummte im hinteren Teil leise der Projektor im Holotisch. Obgleich ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend gärte, stand Toji direkt neben dem laufenden Gerät, hatte eine dampfende Tasse Yarbatee in der Hand und musterte die statische Darstellung des vor ihnen liegenden Sternensystems. Sah man einmal von der heiklen Konfrontation mit der Einheit der Chiss-Verteidigungsstreitkräfte im Sposia-System ab, war dies tatsächlich der erste richtige Einsatz des Sternzerstörers unter seinem Befehl. Zwar handelte es sich bloß um eine Übung, um für eine Revolte auf Chiss'Al'Vanna zu üben, aber da der Commodore das Kampfgeschehen oft genug am eigenen Leib erlebt hatte, fühlte er sich dieser Aufgabe – im Gegensatz zur Politik – gewachsen.

    Sich räuspernd trat Lieutenant Commander Calway an ihn heran, bevor er seinem Vorgesetzten mit gedämpfter Stimme meldete:
    „Die Kampfgruppe ist bereit, Sir. Pohar von der 'Spectre' hat uns eine Reihe Daten übermittelt, die gerade von Sensorik und Navigation gemeinsam ausgewertet werden.“

    „Worum könnte es sich dabei handeln, Commander?“, fragte der Commenorer krächzend nach und nippte anschließend kurz an dem heißen Getränk in seiner Hand.

    Der dunkelhäutige Hüne rieb sich kurz das stoppelige Kinn, sah dann flüchtig in Richtung Sensorik und antwortete im Anschluss:
    Grumby vermutet eine mögliche Aufklärungsroute; Foster hingegen Punkte zum Aussetzen von Spionagedrohnen. Meine Wenigkeit steht irgendwo zwischen den beiden Meinungen, Sir.“ Noch einmal ein Blick in Richtung Front. Pohar ist kein Anfänger. Er kennt sein Schiff – und dessen Grenzen – außergewöhnlich gut. Bestimmt hat er die letzten Stunden allein mit Tüfteln verbracht.“

    Toji nickte. Mit dem Kennenlernen der ihm unterstellten Schiffskommandanten hatte er bislang nur wenig, sehr wenig Zeit verbracht. Die Sabosen-Familie sowie der Bau des Außenpostens hatten ihn einfach viel zu sehr in Beschlag genommen. So musste er sich nun – ob er wollte oder nicht – damit begnügen, dass er der Einschätzung seiner Untergebenen Glauben schenken musste. Per Knopdruck ließ der versehrte Imperiale die holografische Darstellung wechseln. Statt der statischen Karte vom Bogo Rai-System konnte er nun die momentane Formation seiner Kampfgruppe betrachten. Sowohl die beiden Korvetten der Vigil-Klasse („Spectre“ und „Animus“) als auch der Verteter der Bayonet-Klasse („Cellarius“) bildeten zusammen die Spitze der militärischen Standardaufstellung und schon in wenigen Minuten würde für sie die Übung beginnen. Erneut nippte Toji am Tee.

    „Schenken wir Pohar ein wenig Vertrauen“, entschied Toji nach längerem Überlegen. „Mister Calway, geben Sie an die Korvetten den Befehl 'Aufklärung – Marsch!' aus und sobald Grumby und Foster die Daten dechiffriert haben, möchte ich ein Einpflegen in das taktische Hologramm. Wünschen Sie außerdem den Kommandantten Pohar, Sa-Vin und Nywthon in meinem Namen 'Gute Jagd'.“

    Zackig salutierte der Lieutenant Commander, bevor er sich zurück zum vorderen Brückenteil begab, um persönlich die Befehle an die Kommunikationsstation zu übermitteln. Für einen kurzen Moment schloss der Commodore die Augen, ließ seinen Körper noch mehr zur Ruhe kommen und dachte zur gleichen Zeit über den „Schlachtplan“ nach. Dieses Mal mochten bloß harmlose Wracks ihre Feinde sein, aber nahm man die Übung nicht ernst, konnten Fehler in späteren Einsätzen mit tatsächlichem Beschuss tödlich enden. Somit musste Toji nicht nur selbst voller Ernst vorgehen, sondern dies auch all seinen Untergebenen – vom erfahrenen Schiffskommandanten bis zum jungen Matrosen – Stück für Stück einflößen. Keine leichte Aufgabe. Denn im Gegensatz zu ihm, der zuletzt bei Corellia und Shinbone gegen die Neue Republik gekämpft hatte, kannte die Mehrheit seiner Kampfgruppe bloß Gefechte mit Piraten oder primitiven Aufständischen.

    Piepsend machte sich auf einmal das taktische Hologramm bemerkbar. Die „Spectre“, die „Animus“ und die „Cellarius“ hatten sich erst aus der größeren Formation gelöst, hatten sich dann schnell neu gruppiert und waren anschließend durch einen Mikrosprung aus dem Sichtfeld verschwunden. Vier, fünf Sekunden – länger würden sie dieses Mal nicht im Hyperraum bleiben, bevor sie nahe dem gewaltigen Asteroidengürtel, der gewissermaßen der das Bogo Rai-System umspannende Zaun war, herauskamen. Dort würde das Schiff der bulligen Bayonet-Klasse im Fliegen einen Militärsatelitten auswerfen, welcher als Übertragungsgerät an die restliche Einheit dienen sollte, bevor man sich auf den Weg ins Innere machte. Um vom hypotetischen Gegner nicht allzu schnell entdeckt zu werden, operierten die Korvetten allein. Jeder Kommandant hatte eine individuelle Route gewählt – wobei Pohar aber allem Anschein nach der ehrgeizigsten von ihnen war. Denn mit seinem Schiff wollte er nämlich eine einzelne Spionagedrohne in einem höheren Orbit des zentralen Sterns aussetzen, um kontinuierlich Daten aus dem gesamten System zu sammeln.

    Schlürfenden Schrittes gesellte sich der ihm zugewiesene Militärprotokolldroide zu dem entstellten Commodore. Sowohl die steife Körperhaltung als auch der bizarre Kopf ließen das leblose Ding ein bisschen seltsam wirken. Doch auf ihn verzichten konnte Toji nicht. Immerhin war dieser Droide im Moment die einzige Möglichkeit, um mit den Völkern der Unbekannten Regionen, die zumeist kein Basic konnten, zu kommunizieren. Einen kurzen Blick warf er dem metallischen Ding zu. Dann ließ er seine Aufmerksamkeit zu dem Chrono an seinem Handgelenk springen. Wie viel Zeit würden die drei Afuklärer brauchen? Während die verbliebene Kampfgruppe momentan zum tatenlosen Warten verdammt war, verging auf dem Chrono unaufhaltsam eine Sekunde nach der anderen – dargestellt durch blutrote Letter. Toji unterdrückte einen Seufzer, starrte weiter auf das flimmernde Hologramm und ging im Kopf plausible Möglichkeiten durch wie man eventuell mehr Spannung in die Übung bringen konnte. Nach alter Soldatentugend hielt ein Schlachtplan schließlich immer nur so lang bis man auf den Feind traf. Wieso sollten rebellierende Chiss also nicht irgendetwas in der Hinterhand haben?

    Calway trat wieder an ihn heran.
    Yavok fragt nach, ob man den hyperraumfähigen Maschien nicht schon mal die Starterlaubnis erteilen sollte. So könnten zu einem späteren Zeitpunkt die normalen TIE schneller in den Einsatz geschickt werden.“

    „Welche hyperraumfähigen Sternjäger hat unsere Kampfgruppe?“, erkundigte sich Toji mit ernster, nachdenklicher Stimme und sah dabei den Lieutenant Commander an.

    Sogleich schaltete sich der Protokolldroide ein. Fern jeglicher Menschlichkeit klang dessen Stimme als er sagte:
    [Falls ich die Frage beantworten darf, Lieutenant Commander Calway. Eine Staffel Xg-Eins ist auf der 'Corbis' stationiert. Mehr hyperraumfähige Sternjäger sind seit Niauran nicht mehr zur Kampfgruppe hinzugefügt worden.]

    Manche imperiale Militärs mochten die cygnischen Modelle zwar immer wieder lobend erwähnen, meist hatten sie sich aber im Vorfeld von Lobbyisten reich beschenken lassen. Demzufolge war der Xg-Eins nur bedingt eine Bereicherung für seine Einheit. Dennoch mochten sie im Ernstfall ebenso ihren Beitrag leisten können. Man musste sie bloß mit Bedacht einsetzen. Genau aus diesem Grund ließ sich der Commodore nach kurzem Zögern die technischen Daten und das übliche Einsatzprofil anzeigen. Mehr aus reiner Gewohnheit heraus fasst er sich beim Nachdenken ans Kinn, schrak aber auf der Stelle zurück als seine Finger das kalte Metall seiner provisorischen Maske berührten. Noch immer hatte er sich nicht an seine Entstellungen gewöhnen können. Stattdessen verschränkte er die Arme lieber hinter seinem Rücken.

    „Mister Calway, erteilen Sie Captain Yavok freie Hand“, befahl er letztendlich und ernete dafür von seinem Zweiten erneut ein Nicken.

    Plötzlich meldete die Sensorik lautstark im vorderen Brückenteil:
    „Eingehende Daten von den Aufklärern!“

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  3. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

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    Je tiefer die drei imperialen Aufklärer in das Bogo Rai-System eindrangen – und dabei ganz gezielt Spionagesonden absetzten –, desto detailierter wurde mit der Zeit das taktische Hologramm an Bord der „Abyss“. Obwohl man bei diesem Prozess eigentlich annehmen musste, dass ein gewalter, kaum zu übersehener Datenstrom durch die Leere geschickt werden müsste, war die Militärtechnik in der Regel jedich ausgeklügelt genug, um diesen ungewöhnlich starken Nachrichtenverkehr geschick zu verschleiern. So griff das Galaktische Imperium beispielsweise bei Sternensystem, die ausreichend stark bewohnt waren, gern als Trittbrettfahrer auf deren zivilen Kommunikationsbojen zurück. Bloß eine handvoll gegnerischer Geheimdienstler oder Technikexperten, die – aus welchen Gründen auch immer – auf solche Anwendungen geeicht waren, konnten dann bei einem nur leichten Anstieg des Datenstroms erkennen, dass sich gerade irgendwo in dem betroffenen System eine imperiale Späher aufhielten. Glücklicherweise schätzte der Militärgeheimdienst das einstige Chiss-Imperium so ein, dass diese nicht über solche Spezialisten verfügten.

    Toji, der ganz aufmerksam die Entwicklung von einem statischen zu einer dynamischen Darstellung verfolgte, strahlte in diesem Augenblick die natürliche Ruhe eines kampferprobten Kommandanten aus. Die Zweite Schlacht von Bastion, die Sechste Schlacht um Corellia, die Befreiung von Byss – schon allein das Wissen, dass der Commenroer an diesen drei großen, namhaften Ereignissen aktiv teilgenommen hatte, reichte der Besatzung des Imperial-Sternzerstörer anscheinend aus, um ihn in diesem günstigen Licht zu sehen. Ja, in diesem Moment reichte es ihm offenbar zum Vorteil, dass er durch seine bisherigen Verpflichtungen kaum in richtigen Kontakt mit der Mannschaft gekommen war. Denn tief in seinem Inneren schreckte ihn das monotone Brummen des Holo-Projektors beinah zu Tode. Noch immer hatte er den schrecklichen Unfall auf der „Pandora“ nicht überwunden. Noch immer hatte er mit Erinnerungen an Shinbone getränkte Albträume. Um die lästigen Gedanken trotz allem abzuschütteln, nippte der Invalide an seinem Tee und konzentrierte sich einzig und allein auf die anstehenden Geschehnisse.


    „Der Mond, der um Bogo Rai kreist, könnte im Hinblick auf Chiss'Al'Vanna mit einer Sensorstation oder gar einer Raumjägerbasis – ähnlich 'Last Defense' im Orbit von Bastion – bestückt sein, Mister Calway, sprach der Commodore nach einigem Überlegen auf einmal zum wachhabenden Offizier. „Lassen Sie der 'Spectre' ein Signal zum Simulieren genau dieser Situation zukommen. Ich möchte sehen wie Commander Pohar darauf reagiert.“

    Schweigend nickte der Hühne, gab den Befehl an die Kommunikationsstation weiter und wechselte anschließend spontan das Thema. „Sollten wir die Linie an Xg-Eins ein paar Klicks vorschieben? Möglicherweise sparen wir so bei einem Mikrosprung noch ein paar Hundertstel.“

    Einen Moment lang dachte der Kampfgruppenkommandeur über den ihm unterbreiteten Vorschlag nach. Obwohl man ihn sofort auf einer Lancer-Fregatte stationiert, nachdem er sein Offizierspatent erhalten hatte, war der strategische Umgang mit Sternjägern – ganz im Gegensatz zu Sensorik und Navigation – stets seine Schwachstelle gewesen. Im Raumkampf konnte er nach all den Jahren auf dem Abfangkreuzer „Musashi“ zwar abschätzen wie ein Bomberangriff womöglich erfolgen dürfte, aber dies bescheinigte ihm noch lange nicht, dass er das „Kunststück“ deshalb mit jeglichen Typen machen könnte. Wollte er also ein guter Befehlshaber sein und Missionen ordentlich zum Abschluss bringen, musste er in diese neue Rolle zwangsläufig hineinwachsen. Während die Mehrzahl seiner Gedanken um die gestellte Problematik kreisten, fiel seine Aufmerksamkeit auf einmal zufällig auf die diensthabende Flugleitoffizierin, Lieutenant Nesota Yash, und den Kommandeur der Sternjäger dieser Kampfgruppe, Commodore Lazaar Falstom. Ohne dem Lieutenant Commander eine Antwort zu geben, löste sich Toji vom brummenden Projektor und humpelte auf die beiden Angehörigen des Imperialen Sternjägerkorps zu.

    „Commodore, Ihre Fachmeinung ist gefragt...“, eröffnete Toji das Gespräch mit dem ranggleichen Offizier. „Commander Calway schlug vor, die Xg-Eins um ein paar Klicks nach vorn zu versetzen, um beim anstehenden Mikrosprung eventuell einige Hundertstel zu sparen.“

    Falstom, eine hagere Gestalt mit eingefallenen Wangen und dunklen Augenringen, rieb sich grübelnd das rasierte Kinn. Ein aufmerksames Augenpaar musterte den Kriegsinvaliden. „Bei einem Mikrosprung können Hundertstel entscheiden sein. Schon so mancher ungeübte Pilot verkalkulierte sich … und sprang letztendlich in den Feind. Insbesondere unsere Piloten, die in der Mehrheit keine Hyperraumtechnik in ihren Maschinen haben, haben oftmals Probleme damit.“ Sein Blick wanderte zu Yashs flimmernden Bildschirm. „Momentan haben unsere Xg-Eins – nach kurzer Absprache mit Captain Yavok von der 'Corbis' – zwei Klicks vor der 'Abyss' Stellung bezogen...“

    Mit dem knochigen Zeigefinger seiner rechten Hand deutete der ranghohe Sternjägeroffizier, der in diesem Kampfverband immerhin für sämtliche Staffeln verantwortlich war, auf einen klitzekleinen, einsamen Punkt auf dem schwaren Bildschirm. Zwei, drei Zentimeter – höchstens – trennten diesen Punkt von den restlichen grafischen Elementen, die folglich die Kampfgruppe darstellten. Man hatte die cygnischen Sternflügler also schon eine ziemlich vorgelagerte Position innerhalb der Formation einnehmen lassen. Toji nickte verstehend. Zumindest der Kommandant des Eskortträgers sowie der Sternjägerkommandeur hatten unter sich schon entschieden wie das Potenzial dieser Maschinen zu nutzen sei. Fraglich war nun bloß: Sollte der Commenorer sein Veto einlegen, um seine Stellung als Befehlshaber zu unterstreichen? Oder sollte er die beiden „Experten“ gewähren lassen? Welche Art, den kleinen Kampfverband zu führen, war ihm lieber? Eine schwere Entscheidung. Hier rächte sich, dass er zuvor nur wenig Tuchfühlung mit der Mannschaft genommen hatte.

    Bevor der Commodore jedoch eine Entscheidung Für oder Gegen das getroffene Vorgehen äußern konnte, platzte plötzlich Rune Monchar, diensthabender Kommunikationsoffizier, dazwischen.
    „Sir, 'Cellarius' und 'Animus' melden unbekannte Signaturen.“

    „Bestätige, Commodore“
    , warf sogleich Bariss Foster, diensthabender Sensorikoffizier, ein.

    Sofort mutmaßte Calway. Jedoch schien er in diesem Moment eher zu sich selbst zu sprechen als einen bewussten Redebeitrag beisteuern zu wollen.
    „Ich hab' schon gehört, dass nahe dem Reich der Chiss vereinzelt 'Schwarzhäfen' versteckt sein sollen. Haben Pohar, Sa-Vin und Nywthon mit ihrer unerwarteten Anwesenheit vielleicht ein paar nervöse Schmuggler aufgescheucht?“ Augenblicklich schritt der breitschultrige Hüne, der von Aphran IV stammte, zum Holo-Projektor und ließ sich die neusten Daten überspielen. „Es könnte sich aber auch um einen Piratenangriff handeln...“

    In solchen Momenten machte es sich bezahlt, dass der Großteil der Männer und Frauen, die zur Zeit ihren Dienst auf dem grauen Imperial-Sternzerstörer taten, zuvor schon einmal mehrere Jahre in den Unbekannten Regionen verbracht hatten. Denn hier, fern jeglicher Zivilsation, war die Barbarei fast schon allgegenwärtig. Piraterie, Söldnerbanden, Krieg – Leid, Elend und Tod überzogen wieder und wieder diese abgelegenen Welten. Selbst an Bord eines solch schlagkräftigen Kriegsschiffes musste man zwangsläufig lernen wie man die Zeichen zu deuten hatte. Brachte man gerade bloß eine Schar harmloser Schmuggler auf oder rannte man blindlinks in einen Hinterhalt? Die „Abyss“ war mit der Zeit in solchen Dingen erfahren geworden. Ihre Feuertaufe hatte sie längst hinter sich – genauso wie die meisten Schiffe der unter Toji Muratas Kommando stehenden Kampfgruppe. Ja, mit einem Mal gewann die gesamte Szenarie an Brisanz dazu.

    Nach dieser überraschenden Meldung bereitete sich der ganze Kampfverband – mehr oder weniger instinktiv – auf einen geänderten Einsatz vor. Denn obwohl der stahlgraue Metallkoloss noch immer träge durch die schwarze Leere trieb, formierten sich plötzlich die restlichen Kriegsschiffe zu einer neuen Ordnung. So schoben sich die „Chaser“, eine Lancer-Fregatte, und die „Hunter“, ein leichter Kreuzer der Carrack-Klasse, aus ihrer bislang flankierenden Position ein wenig nach vorn, um nach einem Mikrosprung den Sternzerstörer besser abschirmen zu können. Des Weiteren gewährte man den schon ausgesetzten Sternflüglern noch etwas mehr Freiraum. Schließlich konnten diese solgeich Jagd auf potenzielle Feinde machen – und so die drei entsandten Korvetten in deren Tun auf Anhieb unterstützen. Nur der Eskortträger „Corbis“ hielt sich weiterhin hinter dem vor Feuerkraft strotzenden Giganten auf. Letztendlich fehlte in diesem Moment bloß eine Sache: Der Befehlshaber musste der Kampfgruppe die entsprechenden Befehle erteilen. Und so schien die Uhr mit einem Mal langsam, ganz langsam zu ticken.


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  4. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

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    Die aufputschende Erwartung eines baldigen Scharmützel belebte zwar die einzelnen Mannschaften der imperialen Kampfgruppe, führte jedoch längst nicht zu irgendwelchen Nachlässigkeiten, die gar ein Laie äußerlich anhand der Schiffsführung erkennen könnte. Nein, weiterhin stoisch trieben die vier wartenden Kriegsschiffe der Imperialen Flotte durch das pechschwarze Nichts, derweil tief im Inneren Offiziere und Unteroffiziere pflichtbewusst ihre jeweiligen Untergebenen mit den neusten Instruktionen versorgten. Es handelte sich schließlich nicht mehr um eine harmlose Übung, sondern um ein echtes Gefecht, das bevorstand! Im Angesicht des Kampfes erklang vereinzelt in den langen Korridoren dreckiges Gelächter, während an anderer Stelle das Getrampel schwerer Stiefel zu hören war. In diesen wenigen Minuten vor den Kampf schien der Organismus, den eine Schiffsbesatzung mit ihren unterschiedlichen Bereichen bildete, immer mehr in Schwung zu kommen. Und nachdem die jeweiligen Sektionsführer voller Eifer ihre Bereitschaft an die Brücke gemeldet hatten, wartete jedes einzelne Mitglied gespannt auf den erlösenden Ruck des Mikrosprungs.

    Schweigend – höchstens quittiert mit einem sehr knappen Nicken – nahm der Kommandant die ihm mitgeteilten Bereitschaftsmeldungen zur Kenntnis. Obwohl er in seinem bisherigen Leben schon so manche Schlacht erlebt und und dem Tod dabei mehrmals ins Antlitz geblickt hatte, gehörte er nicht zu jenen Offizieren, die stets kämpferisch die Konfrontation suchten und im Imperium allgemein als „Hardliner“ bekannt waren. Nein, grundsätzlich war für ihn das Gefecht allein die Ultima Ratio – so wie der Befehl „Base Delta Zero“ der letzte, ultimative Schritt war. Doch weil man mit Kriminellen nicht den Dialog sucht, sondern sie – wenn möglich – sogleich zur Rechenschaft zieht, blieb ihm in diesem Fall keine andere Wahl. Er musste die Schiffe, die ihm unterstanden, in den Kampf führen, um ein paar Händler, so jedenfalls die „offizielle Version“ an Bord der „Abyss“, zu schützen. Aller Wahrscheinlichkeit handelte es sich jedoch nicht um Händler, sondern bloß um Schmuggler – also ebenso Kriminelle; nur eine Nuance harmloser für das imperiale Rechtssystem.

    Sein nachdenklicher Blick ruhte auf der dynamischen Projektion. In Gedanken spielte er hier und da schon die nächsten Möglichkeiten durch. Wie sollte er die Piraten am besten packen? Die Situation, die sich ihm gerade bot, war die folgende: Ein voll beladener GR-Fünfundsiebzig Frachter, jeweils von zwei Frachtern der weitaus kleineren Crinya-Klasse pro Seite flankiert, versuchte im Eiltempo einen passenden Sprungpunkt zu finden, während Piraten – unter anderem mit Kanonenbooten der betagten Sarisa-Klasse bestückt – sie beharkten. Zusammengewürfelte Maschinen, im Pilotenjargon als „Uglies“ bekannt, kamen dabei anscheinend nicht zum Einsatz. Offenbar setzten diese Schurken bei ihren Überfällen allein auf zwei Dinge: Die Feuerkraft ihrer Schiffe zum Demoralisieren sowie auf die anschließende Stärke ihrer Entertruppen zum Erbeuten der geladenen Fracht. Toji, der schon kurz nach seinem ersten Dienstantritt an Bord der „Cruor“ in Kontakt mit Piraten gekommen war, stellte das hier zu sehende Verhalten seinen erlebten Erfahrungen gegenüber. Da seine Feuertaufe in solchen Dingen längst hinter ihm lag, stützte ihn in diesem Moment die Selbstsicherheit. Selbst der namhaften Black Sun hatte er schon erfolgreich die Stirn geboten – zuletzt im Shinbone-System.

    Der Zweite Offizier der „Abyss“, Lieutenant Commander Calway, trat ein weiteres Mal an die Seite des Commodore. Eine zuversichtliche Ruhe sah man dem dunkelhäutigen Hünen an als er meldete:
    „Die Kampfgruppe ist bereit zum sofortigen Zugriff, Sir. 'Animus', 'Cellarius' und 'Spectre' sind im System soweit in Stellung gegangen und beobachten die Situation bis zu Ihrem Signal, 'Chaser' und 'Hunter' haben gemeinsam mit den Sternflüglern eine vorgezogene Position eingenommen und hier an Bord sowie auf der 'Corbis' wartet man auf weitere Befehle.“

    „Konnten die imperiumsfremden Funkfrequenzen schon decodiert werden?“, fragte Toji ohne sich hetzen zu lassen. Noch immer hatte seine Stimme etwas raues, rasselndes.

    Kurz blickte der angesprochene Offizier zum vorderen Teil der Brücke. Dann antwortete er:
    „Mister Monchar arbeitet inzwischen schon am Übersetzen und Filtern der einzelnen Meldungen, nachdem unsere Vigil-Klassen deren Code geknackt haben. Captain Helkosh ist der Meinung, dass es sich bei den Piraten um Ebruchi handeln könnte. Die 'Händler' sprechen wohl Minnisiat oder Sy Bisti.“

    Dass die Frachter zur Kommunikation untereinander eine Handelssprache nutzten, deutete auf eine bunt gemischte Besatzung hin. Höchstwahrscheinlich hatten die Kapitäne hier in den Unbekannten Regionen mehrere Häfen, die sie von Zeit zu Zeit zum Auffrischen der Mannschaft ansteuerten, und Basic, das zwar in weiten Teilen der Galaxie gesprochen wurde, zählte hier draußen vielleicht nicht besonders viel. Einen Moment lang beobachtete Toji die Gegenwehr der „Händler“. Träge, überaus träge schienen sie auf die Salven der Piraten zu reagieren. So drehten die Crinya-Frachter meist nur eine andere Seite dem feindlichen Beschuss zu anstatt das Feuer zu erwidern. Demzufolge handelte es sich wohl nicht um besonders große Fische. Warum sollte sich das Galaktische Imperium also in diesen Vorfall einmischen? Hielt sich der Commodore möglicherweise aus dem Grund zurück, dass er auf diese Frage noch keine passende Antwort gefunden hatte? Die angespannte Stille, die auf der Brücke des Imperial-Sternzerstörers herrschte, wurde mit der Zeit zunehmend unerträglich. Denn je Sektion behielt mittlerweile schon mindestens ein Mitglied den Kommandanten im Auge, um dann – sollte endlich der erlösende Befehl kommen – sofort reagieren zu können.

    „Mister Calway, geben Sie unseren Korvetten grünes Licht zum Eingreifen“, befahl der durch einen Unfall entstellte Commenorer, nachdem der erste Frachter schwer beschädigt aus der Formation fiel und die Piraten ihren Druck erhöhten. „Durchzuführendes Manöver: 'Bolitho-Zange'. T-minus Zwei Minuten für 'Chaser' und 'Hunter'.“ Sein Blick schnellte zum Chrono. „Und geben Sie mir eine feste Funkverbindung zur 'Corbis'. Captain Yavok soll die Sternjäger im Gefecht koordinieren.“

    Mit der lauernden Ruhe, die fast schon einem Rudel Raubtiere gleichkam, war es spätestens in dem Moment vorbei als die Lancer-Fregatte und der Carrack-Kreuzer plötzlich – beinah auf der Stelle – einen gewaltigen Satz ins Bogo Rai-System machten. Denn damit war der Startschuss gefallen. Nur noch ein paar Minuten trennten die wartenden Geschützmannschaften der kolossalen „Abyss“ von ihrem richtigen Einsatz. Vor ihrem geistigen Auge konnten sie schon all die giftgrünen Blitze sehen, welche die vielen Turbolaser des Sternzerstörers im Gefecht salvenweise verschossen. Insbesondere im Kampf gegen Piraten oder kleinere Tof-Einheiten hatten sie sich schon beweisen können – und nun sollten wohl Ebruchi zu dieser Auflistung hinzukommen. Erwartungsvoll schob sich der Koloss aus grauem, gehärtetem Durastahl durch das luftleere Vakuum in Richtung Bogo Rai. Dort, wo sich schon die anderen Schiffe der Kampfgruppe mit dem Feind balgten, würden sie gleich sein. Es war bloß noch eine Frage von Minuten! Und dann kam der Moment: Mit einem Mal sprang die „Abyss“ endlich ebenfalls für einen flüchtigen Augenblick in den Hyperraum.

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  5. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

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    Letzten Endes mochte jedes plötzlich auftauchende Kriegsschiff, das über ein größeres Potenzial an zerstörerischer Feuerkraft verfügte, demoralisierend auf eine Bande Gesetzloser wirken. Immerhin musste sich in solchen Fällen meistens ein bunt zusammengewürfelter Haufen mit einer ordentlich gedrillten Besatzung messen, die – im Gegensatz zu Piraten oder Schmugglern – oftmals in weiten Teilen echte Kampferfahrung besaß. Sobald diese Kriminellen aber einem echten Sternzerstörer des Galaktischen Imperiums gegenüber zu stehen hatten, war das Szenario auf einen Schlag noch einen Tick niederschmetternder. Doch dieses Mal, im unscheinbaren Bogo Rai-System nahe dem Chiss-Territorium, vernichtete die „Abyss“ allein die Kampfmoral ihrer Gegner schneller, noch sehr viel schneller. Denn selbst in den Unbekannten Regionen, wo das Verwunderliche meist die Normalität darstellte, hatte man solch ein Manöver noch nicht gesehen.

    Bei den angreifenden Piraten mochten die drei Korvetten der Imperialen, die am Anfang noch ganz allein – und zudem aus weiter Ferne – in das Geschehen eingriffen, nur kurzzeitig für ein bisschen Unbehagen sorgen. Höchstwahrscheinlich hielt man die drei kleinen, wendigen Kriegsschiffe bloß für eine Patrouille der Chiss, weshalb man die flinken Angriffe auf die flüchtenden Frachter unbeirrt fortführte. Hartnäckig rieben sie sich an den vermeintlichen Händlern; konnten sogar ein Schiff der Crinya-Klasse fluguntauglich schießen. Etwas mulmiger musste es den Kriminellen erst werden als im zweiten Schritt urplötzlich eine Lancer-Fregatte und ein leichter Kreuzer der Carrack-Klasse aus dem Hyperraum gesprungen kamen. Weil diese beiden Schiffe sie aber ebenfalls eher aus der Ferne ins Visier nahmen, ließ man von der Beute noch immer nicht ab. Inzwischen war der längliche GR-Fünfundsiebzig-Frachter schon sichtlichen von Kampfspuren gezeichnet. Die Beute war für sie zum Greifen nah!

    Doch dann passierte es! Erst zuckte ein gleißendes Licht durch die luftleere Finsternis. Dann – bloß Nano- oder gar Atosekunden später – schwebte auf einmal ein hellgrauer, keilförmiger Koloss, von Funken und Stahlsplittern gänzlich umgeben, auf exakt dem Vektor, wo zuvor noch zwei Schiffe der Piraten noch siegessicher die verbliebenen Frachter beharkt hatten. In einem relativ schwachen Blau flimmerte, nur wenige Meter vor dem speerartigen Bug, ein militärischer Deflektorschild auf. Allem Anschein nach gezielt war die „Abyss“, die einen Wimpernschlag zuvor noch tausende interstellare Klicks vom Systemrand entfernt war, mitten ins Getümmel gesprungen und hatte zwei gegnerische Ziele allein mit ihrer physischen Präsenz ausgeschaltet. Während sich alle Anwesenden erst einmal sammeln mussten, richtete sich das imperiale Kriegsschiff – gewohnt träge – aus, um noch mehr in das Scharmützel einzugreifen. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Schiffsartillerie ihr Schweigen brach.

    Lautstark brummend, dabei eine dröhnende Warnsirene übertönend, verlangte Commander Calway eine Erklärung als er rief:
    „Steuermann! Was sollte das?“

    Toji, der sich noch kurz vor dem Sprung humpelnd zum Panoramafenster der Brücke begeben hatte, achtete nicht darauf wie sich nun hinter ihm der junge, diensthabende Navigationsoffizier, Sub Lieutenant Nial Grumby, vor dem deutlich größeren und zudem extrem verärgerten Wachoffizier zu erklären versuchte. Selbst die zum Teil noch Funken sprühenden Wrackteile, die am aufflackernden Deflektorschild entlang schlitterten, interessierten den invaliden Commenroer nicht. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein dem tatsächlichen Geschehen. Mit großem Interesse verfolgte er wie die schwerfälligen Ionenkanonen plötzlich zum Leben erwachten und blaue Lichtblitze auf die weitaus kleineren Ziele spuckten. Etwa zur gleichen Zeit schwärmten außerdem zahlreiche TIE-Abfangjäger aus dem großzügigen Haupthangar, sammelten sich rasch im schwarzen Nichts und stürzten sich dann auf die restlichen Piratenschiffe, die nach einem flüchtigen Zögern von Angriff zu Flucht übergegangen waren.

    'Ein gezielter Schlag...', resümierte der Commodore in Gedanken zufrieden. Mittlerweile beteiligten sich auch die anderen Mitglieder seiner Einheit aktiver am Geschehen. Vor allem die drei Korvetten und der Carrack-Kreuzer konnten in diesem Moment – neben den ausgeschleußten Abfangjägern – am Besten Jagd auf die Kriminellen machen. Während Station für Station pflichtbewusst Meldung machte und so ein grobes Bild der Lage skizziert wurde, drehte er sich in der Zwischenzeit auf dem Schuhabsatz um. Nachdem er seinen Blick noch einmal schweifend, aber trotz allem gründlich über den voll besetzten Brückengraben hatte wandern lassen, humpelte er anschließend langsam wieder zurück zum hinteren Teil der Sternzerstörerbrücke. Denn nach diesem finalen Schlag hatte man nur die Hoheit über den Raumkampf gewonnen. Das Entern der Piratenschiffe – sowie das Kontaktieren der Frachter – stand noch aus. Toji straffte seine Körperhaltung. Jetzt war die Zeit gekommen neue Befehle zu erteilen.


    „Mister Calway, geben Sie an Colonel Drake das Signal 'Bereitmachen zum Entern' aus“, befahl der uniformierte Kriegsinvalide krächzend. Dem Untergebenen hatte er dabei nur seine „gesunde“ Seite zugewandt. „Unterstützung können sich unsere Flottensoldaten mit Sicherheit bei den Sturmtruppen holen. … Des Weiteren wünsche ich, dass die Kommunikation die 'Händler' ruft. Hier verlässt kein Schiff das System, wenn es nicht meine ausdrückliche Erlaubnis dafür hat.“ Kurz hielt er inne, ließ sich noch einmal ein paar Gedanken durch den Kopf gehen, bevor er dann seinen bisherigen Anweisungen hinzufügte: „Diese Weisung kann ruhig an die gesamte Kampfgruppe ergehen.“

    Der breitschultrige Hüne nickte knapp. Über seine Lippen kam nur: „Aye, Sir.“

    Spätestens ab dem Zeitpunkt, als die „Abyss“ sich eingemischt hatte, hatten die Imperialen mit den Piraten kurzen Prozess gemacht. Eine Mischung aus technischer Überlegenheit, solider Ausbildung und täglichem Drill hatte den Ausschlag für dieses Ergebnis gegeben. Ebenso spielte aber natürlich auch der eiskalt ausgenutzte Überraschungsmoment in diesem Fall eine wichtige Rolle. Indem man den zerstörerischen Stahlkoloss erst just in dem Augenblick in Stellung gebracht hatte als der Feind sich schon siegesgewiss glaubte, war kein Fehler gewesen. Und nun sandte der graue Sternzerstörer einen Schwarm Enterfähren aus. Begleitet – und beschützt – von kreischenden TIE-Rotten sollten sich kampferprobte Trupps Zugang zu den gegnerischen Schiffen verschaffen, Gefangene nehmen und Logbuch sowie weitere verwertbare Daten sichern. Hier draußen in den Unbekannten Regionen war das Galaktische Imperium immerhin noch der Neuling unter den (barbarischen) Sternnationen.

    Binett, der Steward des Kampfgruppenkommandanten, servierte unaufgefordert eine Tasse frischen Tee. Nickend bedankte sich der Umsorgte als er schweigend das Heißgetränk entgegen nahm. Trotz der kaum spürbaren Luftbewegungen, die nur von der stets monoton brummenden Belüftungsanlage herrühten, stieg ihm das Aroma sogleich in die Nase. Irgendwie erinnerte es ihn an die Wahlheimat seiner Familie: Onderon. Obwohl die Situation – ungeachtet der imperialen Dominanz – noch nicht ganz entschärft war, verselbständigten sich seine Gedanken für einen Moment. Bloß flüchtig dachte er an glücklichere Zeiten. Doch bevor ihm ein Seufzer entglitt, nippte er lieber an dem Tee und ging anschließend zum leeren Kommandantensessel. Leise knirschte und quietschte das Kunstleder unter seinem Gewicht als er sich setzte. Beiläufig sah er auf das Chrono an seinem Handgelenk. Nur zehn Minuten waren seit seinem letzten Befehl vergangen. In Gedanken überschlug er kurz wie lang die einzelnen Schritte bei einer herkömmlichen Enterung dauern mochten.

    Jedoch nicht nur der Commodore stellte sich diese Frage. Obgleich die „Abyssler“ außerordentlich diszipliniert waren, war es in diesem Augenblick besonders still. Keiner – so schien es – wollte die nächste Meldung verpassen. Überaus gespannt blickten Mannschaftsdienstgrade, Unteroffiziere und sogar Offiziere – mal offen, mal heimlich – zu Torne Calway. Ja, in diesem Moment unterhielt man sich höchstens flüsternd. Leise brummten die Konsolen und erst nach einer Weile entschieden sich die ranghöchsten Personen der einzelnen Brückensektionen wenigstens ein bisschen Auf und Ab zu gehen, um die sich anstauende Spannung irgendwie zu lösen. Es half nur nichts. Das Herumtigern schien nur für noch mehr Nervosität unter den Anwesenden zu sorgen – und verursachte außerdem, dass der Eindruck zäh fließender Zeit entstand. Eine Minute verging langsamer als die andere. Man war das Entern in solch einer ruhigen Situation offensichtlich nicht gewohnt.

    Zum Glück ließ die Erlösung aber nicht ewig auf sich warten. Knapp eine halbe Standardstunde war seit dem Ausschleußen der Enterfähren vergangen als Rune Monchar meldete:
    „Sir, uns erreichen die Stati der einzelnen Trupps.“

    „Sammeln Sie die Daten und geben Sie sie mir danach in einem Dossier auf den persönlichen Schirm, Lieutenant“, wies Toji auf der Stelle mit inzwischen gewohnt heiser Stimme den Neimoidianer an, der schon seit seinem Kommando auf der „Pandaora“ unter ihm diente. Danach stellte er die leere Teetasse zur Seite und griff stattdessen nach seinem Datapad. „Und rufen Sie den Frachter 'Yük' an. Deren Kommandant soll binnen einer Standardstunde bei mir vorstellig werden.“

    [: Unbekannte Regionen | Bogo Rai-System :||: „Wanderer-Flottille“; Dritte Kampfgruppe | ISD „Abyss“ | Deck Drei | Brücke :||: Commodore Toji Murata und die Erste Wache :]
     
  6. Toji

    Toji versehrter Kommandant der "Abyss"

    [: Unbekannte Regionen | Bogo Rai-System :||: „Wanderer-Flottille“; Dritte Kampfgruppe | ISD „Abyss“ | Deck Drei | Quartier des Kommandanten | Salon :||: Commodore Toji Murata, Lieutenant Commander Calway, Field Commander Renning, Lieutenant Colonel Drake, Sub Lieutenant Grumby und der Skipper der „Yük“; im Hintergrund: Leading Crewman Binett, eine Ordonanz und der Militärprotokolldroide :]

    Obwohl sie beide den größten Teils ihres Lebens im luftleeren, eisigen Vakuum verbrachten, lebten Kriegsschiff- und Frachterkapitäne nicht nur in unterschiedlichen Welten, sondern sprachen darüber hinaus auch noch ganz unterschiedlichen Sprachen. Denn während die eine Seite hauptsächlich von penibler Ordnung und strenger Disziplin geformt worden war, was sich unter anderem in dem recht starken Hang zu Rängen und Hierarchien ausdrückte, hatte sich die andere Seite mit einem überaus zwanglosen Pragmatismus anfreunden müssen, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach oft genug aus gefährlichen Situationen gerettet hatte. Trotz dieser grundverschiedenen Lebens- und Arbeitsweisen saßen beide Welten nun, da die Imperialen die Piraten im Bogo Rai-System ausgeschaltet hatten, an einem Tisch im geräumigen Salon des Kommandanten der „Abyss“ und ließen sich eine köstliche Mahlzeit schmecken. Um nicht allein Speisen zu müssen, hatte der Gastgeber noch seinen Zweiten Offizier, den Chef seiner Schiffssicherheit, den Regimentsführer der auf seinem Schiff stationierten Sturmtruppen und seinen Steuermann mit an die lange Tafel geholt.

    Schmatzend genehmigte sich der Skipper der „Yük“, ein grobschlächtiges, dreiarmiges Lebewesen, einen großzügigen Nachschlag vom herrlich duftenden Hauptgang. Das Gericht, das Tojis privater Koch in der Kürze der Zeit hingezaubert hatte, schien ihm offenkundig sehr zu schmecken, machte ihn aber gleichzeitig nur noch wortkarger. Seit er an Bord des imperialen Sternzerstörers gekommen war, hatte er kaum ein Wort mit seinen imperialen Rettern gewechselt – ausgenommen der üblichen Höflichkeitsfloskeln zur Begrüßung. Höchstens ein Brummen oder – gerade jetzt beim Essen – ein Rülsper waren ihm über seine fleischigen Lippen gekommen. Dementsprechend frustriert waren die Imperialen bislang von dem Treffen. Derweil der Steward des Kommandanten sowie die allein für diesen eher mageren Anlass abgestellte Ordonanz Portwein nachschenkten, suchten die anwesenden Offiziere immer wieder den (heimlichen) Blickkontakt zum Gastgeber. Selbst in diesem Augenblick schienen sie einfach zu sehr im traditionellen Prozedere gefangen zu sein, wonach einzig und allein der Herr des Schiffes – also Commodore Toji Murata – ein Gespräch beginnen durfte, anstatt selbst die Initiative zu ergreifen.

    Glücklicherweise nahm ihnen ihr schweigsamer Gast ein paar Happen später diese Bürde ab, indem er von sich aus das Gespräch suchte. In einem Kauderwelsch, das aus fünf oder sechs Sprachen mit Sy Bisti als Stamm bestand, plauderte er im tiefen Bass auf einmal los … und es lag letztendlich an Tojis Militärprotokolldroiden als Übersetzer zu fungieren.
    [Sir, Mister Borr'an Yük bedankt sich bei Ihnen für die köstliche Mahlzeit. Soweit ich ihn richtig verstanden habe, hat er wohl schon seit ein paar Jahren nicht mehr so gut gegessen.]

    „Der Dank gebührt wohl meinem Koch, Skipper“, krächzte der invalide Commodore freundlich als Erwiderung. Er sprach absichtlich langsam, um das Übersetzen zu erleichtern. „Das Rezept kommt zwar von meiner Heimatwelt Commenor, aber so gut wie er es zubereitet, habe ich es bislang bloß selten essen dürfen … Höchstens gegenüber meiner Mutter muss er sich in diesem Fall wohl oder übel geschlagen geben.“ Ein Lächeln zeichnete sich auf seiner unversehrten Gesichtshälfte ab. Die drängenden Blicke seiner Untergebenen bemerkte er zwar, aber davon ließ er sich trotz allem nicht hetzen. In einem ruhigen, fast schwatzenden Tonfall fuhr er fort: „In der Küche ist sie schon immer einfach unschlagbar. … Doch nun, da unsere Mägen gut gefüllt sind und der Portwein nach jedem weiteren Schluck noch einen Tick besser zu schmecken scheint, sollten wir die Zeit vielleicht lieber nutzen, um über wichtigere Dingen zu sprechen, Mister Yük.“ Nicht nur Torne Calway, der Zweite Offizier, nickte zufrieden. „Ich weiß, Ihr Schiff hat uns vorhin alle möglichen Antworten zukommen lassen, aber ich möchte es trotzdem noch einmal aus ihrem Mund hören... Was ist Ihr Zielhafen?“

    Höchstwahrscheinlich lag es sowohl an der überlegenen Feuerkraft der imperialen Kriegsschiffe als auch an Sub Lieutenant Grumbys unkonventionellen Sprung, dass diese vermeintlichen Händler so aussagefreudig waren. Förmlich einkesselt von den Mitgliedern der fremden Kampfgruppe, wussten sie, dass eine Flucht beinah unmöglich war. Und nun war ihr Anführer, der Skipper der „Yük“, auch noch auf deren Schlachtschiff – fast schon wie eine Art Geisel. Was, außer Kooperation, blieb ihnen also übrig? Natürlich hatten auf der anderen Seite Toji, die sechs ihm unterstellten Kommandanten und Lieutenant Commander Calway, momentan sein Stellvertreter an Bord der „Abyss“, auf dieses erzwungene „Entgegenkommen“ spekuliert, um aber trotz allem sicher zu gehen, hatte man Captain Helkosh das Beaufsichtigen der Frachter befohlen. Seine „Hunter“ würde in Windeseile jedes Schiff stellen, das auf einmal ungefragt die ihm zugewiesene Ruheposition verließ, und es dann – soweit man den kampfeslustigen Tof in imperialer Dienstuniform kannte – ohne Erbarmen flugunfähig zu schießen. Ja, der Kreuzer der leichten Carrack-Klasse war sozusagen ihr jagdfreudiger Bluthund.

    Borr'an Yük griff nach dem frisch aufgefüllten Glas Portwein, bevor er plappernd eine Antwort gab.
    [Seine Frachtergruppe soll erlesene Gewürze und seltene Erden von einem kleinen Handelsposten in der Nähe von Mobus ins Rakatan Archipelago bringen. Bogo Rai hatte man dabei angesteuert, um diverse Vorräte noch einmal aufzufrischen. Durch die unmittelbare Nähe zu den Chiss haben sie sich – obzwar verschiedener Gerüchte zur Lage – sicher geglaubt...]

    „Kaum betätigt sich Bastion in Csillas Revier, schwankt deren Nimbus als Sicherheitsgarant in der Region“, spottete der Lieutenant Commander mit schiefen Grinsen auf den Lippen. „Mich würde ja brennend interessieren, ob sich diese kriminelle Brut womöglich deshalb traut hier zu jagen oder ob sie nicht schon immer hier ihr Unwesen treiben – geduldet von diesen eiskalten Blauhäutern.“

    Der Chef der Schiffssicherheit, Lieutenant Colonel Hal Drake, warf frotzelnd ein: „Seit gut einer halben Standardstunde habe ich da unten nun drei äußerst geräumige Arrestzellen voller nichtmenschlichen Abschaum. Genehmigen Sie sich ruhig noch einmal einen kräftigen Schluck Wein und schauen Sie dann unten vorbei.“ Hämisch prostete ihm der fast genauso muskulöse und zudem haarlose Offizier des Flottenregiments zu. „Eines kann ich Ihnen aber schon jetzt versichern: Irgendwelche Twi'lek-Schönheiten werden Sie da leider trotz vorhandener Tentakel nicht finden. Bisher habe ich wirklich nur äußerst selten so etwas hässliches wie diese Piraten gesehen...“

    „Meine Herren, wir verlieren das Ziel dieser Unterhaltung aus den Augen“, mahnte Toji die beiden imperialen Militärs. Dann wandte er sich wieder seinem Gast zu. „Skipper, Ihre Ladung ist für uns von keinerlei Interesse – weder die offiziellen Kisten, noch die inoffiziellen. Uns gegenüber können Sie also ruhig offen reden.“ Sowohl mit seinem gesunden als auch mit dem angeschlagenen Auge, das sich – ebenso wie der Rest seiner verzerrten, rechten Gesichtshälfte – hinter einer steifen Maske befand, musterte er den dreiarmigen Schmuggler. „Unsere Interesse gilt allein der Sicherheit dieser Region. Weshalb treiben sich also Ihrer Meinung nach so nah am Chiss-Territorium herum. Müsste die Angst, Einheiten deren Verteidigungsflotte in die Arme zu laufen, nicht größer sein?“

    Kurz grübelte der Frachterkapitän. Neben einem Field Commander der Sturmtruppen zu sitzen und sich dazu noch dem Kommandanten jener Truppen gegenüber zu wissen, die gut eineinhalb Stunden zuvor die Piratenschiffe ohne große Verluste genommen hatten, schien nicht besonders förderlich zu sein. Möglicherweise griff das rosahäutige Lebewesen, das normalerweise sicherlich nur sehr selten in Kontakt mit irgendwelchen Uniformträgern kam, zum Glas. In Rekordzeit hatte es den Portwein hintergeschluckt und forderte brummend den Steward zum schnellen Nachschenken auf. Binett kam dem Wunsch mit leichtem Missfallen im Gesicht nach. Die aufmerksamen Blicke, die ihm die fünf Imperialen zuwarfen, schien er sichtlich zu spüren. Vor allem Toji fragte sich in diesem Augenblick, weshalb der nichtmenschliche Skipper nicht sofort mit einer Antwort herausrückte. Jedoch ging es in dieser Beziehung nicht nur ihm so. Denn Calway ergriff als nächster das Wort.

    Für die Situation ungewohnt harsch klang seine Stimme als er sagte:
    „Sie müssen sich nicht zieren, Yük. Sowohl dem Imperium als auch dem Chiss-Reich ist schon länger bekannt, dass sich irgendwo hier im System ein schwarzer Hafen findet. Dementsprechend können wir uns gut vorstellen, dass hier kriminelle Aktivitäten stattfinden. Jedoch wissen wir aus Erfahrung ebenfalls ganz gut, dass die meisten Schmugglerzufluchten vor Piratenangriffen gut geschützt sind – entweder indem man auf regelmäßige Patrouillen der lokalen Sternennation zählt … oder gar eigene Kräfte in der Hinterhand hat.“ Er fixierte den Gast mit einem strengen Blick. Seine Augen wurden dabei urplötzlich schmal, sehr schmal. „Obwohl ich unsere Aufklärer ohne zu Zögern als Profis bezeichnen würde, kann ich natürlich nicht ausschließen, dass Ihre Freunde und Sie mit einem Eingreifen unsererseits gerechnet haben. Warum haben Sie also keine Hilfe erhalten? Kann Bogo Rai nicht damit dienen … oder liegt es viel mehr an der Hilfsbereitschaft imperialer Kriegsschiffe?“

    Die Müdigkeit sowie schlechte Erfahrungen, die man mit Händlern in den Unbekannten Regionen gemacht hatte, schienen den dünkelhäutigen Menschen von Aphran IV langsam, aber sicher äußerst kratzbürstig und rau werden zu lassen. Gezwungenermaßen war als Zweiter Offizier in die überaus verantwortungsvolle Position des stellvertretenden Schiffskommandanten gerückt, nachdem zuerst Ryscand schwer erkrankt war und man dann kurz darauf dessen Nachfolger, Commander Drakkar, urplötzlich wieder zurück nach Bastion befohlen hatte. Toji war sich nach den letzten Wochen, die sie nun schon gemeinsam an Bord der „Abyss“ lebten und arbeiten, zwar sicher, dass Calway nicht nur einen soliden Ersten, sondern genauso auch einen guten Kommandanten abgab, aber gerade in solchen Situationen schien sich zu zeigen welche heiklen Defizite die Mannschaften mit der Zeit entwickelten, die monate- oder gar jahrelang fern der ziviliserten Heimat operierten. Nach und nach schien das Barbarische, das Wilde auf sie abzufärben. Zum Glück schien der Frachterkapitän diesen harschen Tonfall gewohnt zu sein – oder der unerwartete Gefühlsausbruch des Imperialen hatte ihn bloß ausreichend Selbstsicherheit geschenkt.

    Ruhig, nicht mehr ganz so plaudernd sprach Borr'an Yük nun zu ihnen. Der Militärprotokolldroide schien einen Moment zu brauchen, bevor er die passende Übersetzung formuliert hatte.
    [Bevor sich die Chiss von Csilla wieder mit ihren sich entfremdeten Brüdern und Schwestern von Chiss'Aria'Prime wieder verstanden, galt Bogo Rai offenbar als Dreh- und Angelpunkt vieler 'Händler', Sir. Es gab viele Credits zu verdienen – vor allem im Hinblick auf das Schmuggeln von Luxusgütern, die es nicht in der Galaxie gibt. Doch seit dem Friedensschluss zwischen beiden Parteien ist dieser Markt fast gänzlich zusammengebrochen...] Der Droide hielt kurz inne. Seine Photorezeptoren flackerten für wenige Hundertstel auffallend auf. [Commodore Murata, ich glaube, der Skipper möchte uns damit sagen, dass Bogo Rai inzwischen ein toter Hafen ist. Vermutlich hat die 'Yük' hier blot Halt gemacht, um noch irgendwelche Gerätschaften in die Finger zu bekommen, die man womöglich an anderer Stelle wieder verkaufen kann. Mein Wahrscheinlichkeitsrechner gibt für dieses Szenario ein Ergebnis von dreiundachtzig Prozent aus, Sir.]

    „Kluges Kerlchen, ganz kluges Kerlchen...“, brummte Hal Drake relativ unbeeindruckt in Richtung der künstlichen Intelligenz. „Und jetzt kümmere dich lieber wieder um das Übersetzen. Denn unser Freund hier...“ Er deutete mit der Gabel samt aufgespiesten Fleischhappen auf den Gast. „... hat uns noch nicht verraten, weshalb sich die Piraten nun hier herumgetrieben haben. Haben Sie etwa nichts vom toten Schmugglerhafen gewusst?“

    Der Skipper grunzte belustigt. Dann schien er zu antworten. [Mister Yük fragt, ob das Imperium – so wie dessen Chiss-Verbündete – in den letzten Monaten geschlafen habe. Habe man sich denn gar nicht über den schwindenden Händlerstrom entlang des Vagaari Corridors gewundert?]

    Mit einem Mal blickten die imperialen Offiziere ziemlich planlos drein. Ihre Nachrichtendienste – weder der militärische, noch der zivile – hatte in den Unbekannten Regionen bislang so richtig Fuß fassen können, weshalb man zur Zeit von der Zuarbeit seitens der Chiss noch immer in erheblichen Maße abhängig war. Sowohl Vice Admiral Joyriak als auch Botschafterin Bascout hatte diese Lage natürlich nicht geschmeckt, aber was hätten beide denn unternehmen sollen? So hatte man sich am Ende also widerwillig den Gegebenheiten gefügt. Und bekam dafür etwa nun die Quittung? Denn irgendwelche entsprechenden Meldungen zu der Hyperraumroute hatten die imperialen Vertreter – und deren Handlanger wie Toji – nicht bekommen. Möglicherweise ganz beschwipst vom kräftigen Portwein oder trunken vor Selbstbewusstsein zeigte der Skipper ein noch breiteres Grinsen. Für eine Person, die nicht eine interstellare Großmacht vertrat, musste solch ein einmaliger Augenblick wohl ein kleiner Festakt sein. Wann hatte man schon mal Oberwasser?

    Lange ließ er seinen Gastgeber und dessen uniformierte Kameraden aber nicht schmoren. Nachdem er sich selbstgefällig zurückgelehnt und Steward sowie die Ordonanz mit dem Abräumen begonnen hatten, fuhr er – unterstützt von dem Militärprotokolldroiden – fort.
    [Der Vagaari Corridor ist zwar nicht seine Route, Sir, aber im Klasse Ephemora-System habe er einige Bekannte von Yashuvhu und Celwis getroffen … und so wie ich das sehe, scheint die Hyperraumroute wohl immer mehr in die Hände einer starken Partei zu geraten.]

    „Handelt es sich bei der beschriebenen Partei etwa um die Tof?“, hakte der Commodore nach.

    Yük schüttelte den Kopf.
    [Nein. Die Tof – seiner Meinung nach nicht sehr viel mehr als eine besser organisierte Söldnerbande voller rüpeliger Riesen – operieren kaum in diesen Breiten. Er hingegen spreche von einer richtigen Nation mit eigenen Kriegsschiffen. Man höre hier und da zwar nur eine Reihe abenteuerlicher Gerüchte, aber in einer Sache seien sich alle Raumfahrer einig: Diese Partei habe die Kraft die Chiss in die Knie zu zwingen...] Kurz hielt der Skipper inne. [… Zu klären sei in diesem Fall nur noch, ob auch andere am Ende von diesem Machtkampf profitieren würden oder ob man nicht vielleicht besser schon jetzt in neue Gefilde aufbrechen sollten.]

    Schlussendlich mochte der Frachterkapitän mit dieser Aussage noch immer ziemlich vage geblieben sein – und seinem Gebärden nach zu urteilen konnte man auch seine Zweifel haben –, aber trotzdem fühlte sich Toji mit einem Mal unwohl. Bastion hatte sich der Chiss unter anderem aus dem Grund angenommen, weil sie als stabile Nation in dieser barbarischen Gegend galten. In der Galaxie hatte bis jetzt noch niemand von irgendwelchen ähnlich großen (oder gar stärkeren) Parteien da draußen gehört. Doch sollte nun tatsächlich eine andere Macht auf einmal den Chiss ihre Führerrolle streitig machen, könnte das zu unangenehmen Folgen für das Imperium führen. Schließlich hatte sich das Regime dazu bereit erklärt im Bündnisfall an der Seite ihres Protektorats zu kämpfen. Imperiale wie Joyriak oder Bascout hatten bei solchen Sachen aber bestimmt eher das Bekämpfen innerer Feinde im Sinn gehabt. Denn auf diese Weise konnten die imperialen Nachrichtendienste – vom Imperialen Geheimdienst über den Militärnachrichtendienst bis hin zum Imperialen Sicherheitsbüro – weitaus leichter eigene Spione auf den verschiedenen Welten installieren.

    Natürlich führte die vage Aussage automatisch zu weiteren Fragen. Bis auf Grumby, der der ganzen Sache überaus schweigsam beiwohnte, probierte sich jeder der am Tisch sitzenden Imperialen daran noch ein paar Informationen von dem Nichtmenschen abzupressen. Aber Borr'an Yük wurde kaum konkreter beim Antwortgeben – und bevor er noch allmählich richtigen Spaß am Spielen mit seinen Gastgebern fand, beendete der Commodore die gemeinsame Mahlzeit lieber. Während der Steward und die Ordonanz im Hintergrund mit dem endgültigen Abräumen der Tafel begannen, tauschten er und der zwielichtige Skipper abschließende Höflichkeiten aus und Lieutenant Colonel Drake wurde kurz darauf noch angewiesen den Gast zum Hangar zu geleiten. Des Weiteren konnte man noch als kleine Errungenschaft verbuchen, dass Toji dem Frachterkapitän das Versprechen abringen konnte, dessen Logbuch und Frachtliste übermittelt zu bekommen. Ein paar Minuten nachdem sich der Gast endgültig verabschiedet hatte, blieb er allein mit seinem Stellvertreter in dem Salon zurück. Beide gingen schweigend zu den Fenstern und blickten dann auf den nahen GR-Fünfundsiebzig Frachter.

    Es war Calway, der letztendlich das Schweigen brach. Abscheu lag in der Stimme als er sagte.
    „Ich traue diesem Kerl keinen interstellaren Klick über den Weg, Sir. Höchstwahrscheinlich hat er sich seine 'Freiheit' allein mit Lügen erkauft … und während wir noch immer über den Wahrheitsgehalt seiner Finte grübeln, zieht er lachend von dannen.“ Der Hüne grunzte. „Möglicherweise hätten wir ihm lieber in einen Raum mit Trooper Ette, unserem Box-Champion, stecken sollen. Da hätte er uns schon gesagt, was Sache ist...“

    „Noch haben wir die Piraten, Mister Calway, entgegnete der Kriegsversehrte. Tief in ihm breitete sich zwar langsam die Art von Zweifel aus, die einen Kommandanten schlaflose Nächte bescheren konnte, aber äußerlich wahrte er die gefasste Professionalität. „Im Gegensatz zu diesem Schmuggler kann diese Bande nicht auf Anhieb damit rechnen, dass wir glimpflich mit ihnen umspringen.“ Dem Anschein entsprechend, hellseherische Kräfte zu besitzen, schnitt er seinem Stellvertreter mit einer einzigen, knappen Handbewegung ab, bevor dieser überhaupt zu einem verbalen Protest ansetzen könnte. „Die Wache hat vorhin gewechselt; gönnen Sie sich also Ihre wohlverdiente Mütze Schlaf. Mit Jervada und Foster an meiner Seite werden wir dieses Pack schon knacken. Und dann wird sich zeigen, ob und inwieweit Yük gelogen hat. Sie können wegtreten.“

    [: Unbekannte Regionen | Bogo Rai-System :||: „Wanderer-Flottille“; Dritte Kampfgruppe | ISD „Abyss“ | Deck Drei | Quartier des Kommandanten | Salon :||: Commodore Toji Murata und Lieutenant Commander Calway :]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. Januar 2017 um 20:23 Uhr


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