Ketaris

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Der Servolift steckte fest und gleiches schien auf gewissen Weisen auch auf Brasso zuzustimmen. Als er sich vor eine Konsole kniete, war ihm deutlich anzumerken, dass er Schmerzen litt und sowohl dieser Schmerz steckte fest in ihm, als auch das Husten, das Tenia wieder daran erinnerte, dass sich der andere dringend untersuchen lassen musste.
Die Nullianerin selbst nutze den Augenblick, um wieder zu Atem zu kommen, als Brassos ich schon dran machte, die Konsole frei zu legen und wieder mehr in den Kabeln zu erkennen, als Tenia selbst. Hätte sie vorhin nicht schon das grüne Licht bemerkt, wäre es ihr hier abermals entgangen. Doch den Abednedo konnte Technik lesen, wusste vermutlich genau, was in dem Kasten verbaut worden war. Schließlich zog er etwas hinaus, um es an einem Gerät an seinem Gürtel zu nutzen und Tenia versuchte allein vom Zuschauen zu begreifen, was Brasso da eigentlich tat. Der Kubaz beschwerte sich, doch Brasso ließ sich nicht aufhalten, riss stattdessen sogar einen Witz über die Lage des Kontrahenten. Dann stand er auf und sie liefen zum Markt zurück, nicht ohne eine kleine, scheinbare Pause – doch was das betraf, konnte Tenia genug lesen. Brasso Nunkai hatte Schmerzen und Tenia fragte sich, ob diese mit der Schlägerei zu tun haben konnten, oder ob sie nur ihr Übriges dazu getan hatten. Er mochte diese Umstände so gut verbergen, wie er konnte, für Tenia waren sie offensichtlich.
Doch Brasso ignorierte das eigene Leid, als er den anderen auf dem Markt die Daten gab, die er wohl gespeichert haben musste und dieser Speicher mit Beweisen brachte die Gruppe dazu, endlich zu sprechen. Miteinander. Offen und das wiederum ließ Tenia aufatmen.

Dann brach Brasso erneut zusammen, sackte langsam auf die Knie, gerade so, als wären die Knochen plötzlich verschwunden und diesmal war es kein trockener Husten, der seinen Körper erschütterte. Der Husten klang anders, schlimmer und als Brasso sich über den Mund wischte, war da Blut und das war für Tenia tatsächlich besorgniserregend. Blut, der durch das Husten direkt aus der Lunge kam, das war kein gutes Zeichen. Ihr Blick war besorgt, als sie Brasso mit Hilfe der Macht wieder auf die Beine holte, ihn stützte.
„Ja, das glaube ich auch, ich werde Euch bis zum Schiff stützen“ und genau das tat sie, als sie langsam zum Raumhafen liefen und das Schiff des Jedi-Ordens betraten.
Tenia rief den medizinischen Droiden zur Hilfe, der Brasso umgehend untersuchte.
„Es wäre sinnvoll, wenn Ihr mit nach Couruscant kommen würdet. Dort können Eich die Heiler am besten versorgen“, schlug Tenia vor, nachdem sich der Droide mit der Diagnose an Brasso gewandt hatte. Dann hielt sie kurz inne und überlegte.
„Außerdem hege ich den Verdacht, dass Ihr machtsensitiv sein könntet“, sprach sie schließlich weiter und beobachtete die Reaktion des anderen.


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Ketaris Prime zog in flimmernden Bildern an ihm vorbei, während sie sich dem Raumhafen näherten, und die Stadt wirkte aus dieser erschöpften Nähe beinahe größer als zuvor, erfüllt vom dumpfen Dröhnen startender Frachter, den tiefen Pulsen von Repulsoraggregaten und den grellen Lichtspuren einweisender Positionsbaken, die sich durch den staubigen Dunst über den Landefeldern schnitten. Treibstoff lag in der Luft, heißes Metall, ozonischer Abrieb, gebrannte Gewürze von irgendeinem Verkaufsstand an der Zufahrt, und zwischen den Türmen und Antennen schoben sich Schiffe unterschiedlichster Herkunft in den Himmel, als würden sie alle versuchen, einen Teil dieser Welt hinter sich zu lassen. Brasso sah sie kaum. Seine Aufmerksamkeit war längst auf das einfache Problem geschrumpft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, zu atmen, ohne dass die Rippen bei jeder Bewegung gegeneinander zu mahlen schienen, und den eigenartig festen Gedanken nicht zu verlieren, dass der Markt hinter ihm noch stand. Dela lebte. Nara lebte. Das Kind lebte. Der Kubaz war festgesetzt. Für jemanden, dessen Leben sich über weite Strecken aus Dingen zusammengesetzt hatte, die zu spät repariert worden waren, fühlte sich dieser Gedanke beinahe fremd an.

Das Schiff des Jedi Ordens empfing ihn mit einer Sauberkeit, die Brasso zunächst mehr misstrauisch als beruhigend fand. Glatte Wandpaneele reflektierten gedämpftes Licht, die Luft roch nach gefiltertem Sauerstoff und Desinfektionsmitteln. Zudem war da jene neutrale Kühle, die hochwertigen Lebenserhaltungssystemen eigen war und selbst das leise Summen der Bordaggregate klang so gleichmäßig, dass er unwillkürlich nach Fehlern lauschte. Er fand keine. Das störte ihn fast. Ein medizinischer Droide trat an ihn heran, kaum dass Tenia ihn in die Krankenstation geführt hatte, und begann mit jener ungerührten Gründlichkeit, die Maschinen besonders dann entwickelten, wenn sie einem etwas mitteilten, das man längst selbst hätte wissen müssen. Scannerlicht glitt über seinen Brustkorb, tastete Rippen, Lunge, Kreislauf und die alten Schäden ab, die Brasso seit Jahren mit derselben Disziplin überging, mit der andere Leute unbezahlte Rechnungen unter Werkzeugkisten verschwinden ließen. Der Droide benannte Reizungen, alte Vernarbungen, Belastungen durch eingeatmete Partikel und frische Traumata mit einer klinischen Ruhe, die jeder Ausrede den Raum nahm, und während Brasso auf der Kante der Behandlungsliege saß und den Worten folgte, kam ihm erstmals der Gedanke, dass er seinen eigenen Körper nach Maßstäben behandelte, die er keinem Stück Technik zugemutet hätte.

Das Prinzip des Schrottes verlangte, das Potenzial eines Gegenstandes zu erkennen, bevor man ihn fortwarf. Das Prinzip des Scanners verlangte, Gefahren zu benennen, solange noch Zeit blieb, auf sie zu reagieren. Das Prinzip des Rosts erinnerte ihn daran, dass Verfall keine Beleidigung war, die man persönlich nehmen konnte, sondern ein Vorgang, der sich um Stolz herzlich wenig scherte. Brasso hatte all diese Sätze über Jahre gesammelt, verbessert und mit neuen Erfahrungen gefüllt, und trotzdem hatte er offenbar nie ernsthaft erwogen, sie auf sich selbst anzuwenden. Zumindest nicht mit der Vehemenz, mit der er sie auf andere bezog.

Er hob den Blick erst wieder, als Tenia ihm vorschlug, mit nach Coruscant zu kommen. Der Name allein öffnete einen Raum in seinem Kopf, der größer war als jede Halle, in der er je gearbeitet hatte. Coruscant. Eine Welt, die er aus alten Navigationsdaten, Nachrichtenfragmenten und Geschichten kannte, welche durch Frachträume und Schrottlager gewandert waren wie Münzen durch viele Hände, Zentrum von Regierungen, Kriegen, Handelswegen und Entscheidungen, deren Nachhall selbst Orte wie Bracca erreicht hatte, obwohl dort kaum jemand je gefragt worden war, ob er Teil davon sein wollte. Für Brasso war Coruscant immer weniger ein Planet als ein Konzept gewesen, ein gigantisches Gehäuse aus Durastahl und Licht, Milliarden Wesen übereinandergeschichtet, Schicht um Schicht, bis niemand mehr wusste, wo der eigentliche Boden lag. Der Gedanke, dorthin zu fliegen, fühlte sich daher in etwa so an, als hätte jemand einem Mechaniker aus einem Schrottschacht vorgeschlagen, die Innenseite eines Sternzerstörers zu reparieren, während dieser noch flog.

Seine erste Reaktion wäre unter anderen Umständen Ablehnung gewesen. Institutionen hatten in seinem Leben selten etwas repariert. Die Bergungsgilde auf Bracca hatte seinen Eltern Schutzkleidung gegeben, die längst hätte ausgemustert werden müssen, und später dafür gesorgt, dass die Schuld an deren Versagen dort landete, wo sie am wenigsten kostete. Behörden führten Listen. Unternehmen führten Listen. Imperiale Stellen hatten besonders viele geführt. Brasso hatte gelernt, dass ein sauberes Siegel auf einem Dokument nichts darüber aussagte, wie viel Dreck sich hinter einer Entscheidung verbarg. Doch die Jedi Ritterin hatte sich zwischen einen zusammenbrechenden Markt und die Menschen darunter gestellt, das wog schwerer als ein Name oder ein Konzept.

Dann sprach sie von der Macht. Brasso sah sie zunächst schweigend an.


„Machtsensitiv.“

Er wiederholte das Wort langsam, als wäre es ein Bauteil, das ihm jemand in die Hand gelegt hatte, ohne zu erklären, wohin es gehörte. Sein Blick wanderte zu seinen eigenen Fingern, auf denen in den feinen Rissen der Haut noch Staub vom Markt saß, obwohl der Droide bereits versucht hatte, einiges davon zu entfernen. Macht. Er kannte das Wort selbstverständlich. Jeder kannte Macht. Die Macht einer Regierung über einen Planeten, eines Besitzers über einen Arbeiter, eines Mannes mit drei Schlägern über eine Händlerin, die nur ihre Waren verkaufen wollte. Doch Tenia meinte etwas anderes. Dasselbe Unsichtbare, mit dem sie Metall getragen, eine Tür blockiert und einen Servolift zum Stillstand gezwungen hatte. Etwas, das Brasso bisher in dieselbe geistige Schublade geschoben hatte wie exotische Technologien, die er irgendwann schon verstehen würde, wenn man ihm genug Zeit und Werkzeug gab. Plötzlich drängten Erinnerungen aus seinem Leben hervor, die sich dieser Erklärung viel zu bereitwillig anschlossen. Der alte Droidenhangar auf Bracca, Jahre zuvor, und jenes eigenartige Zittern im Metall, das niemand außer ihm bemerkt hatte. Das Gefühl, dass die Streben über ihm falsch klangen, obwohl kein Sensor eine kritische Belastung meldete, und der unerklärliche Drang, den Raum zu verlassen, Sekunden bevor ein Teil der Decke herunterkam. Maschinen, bei denen er vor dem Öffnen wusste, welches Bauteil beschädigt war. Leitungen, deren Stromfluss sich für ihn manchmal beinahe wie ein Druck hinter den Augen angefühlt hatte. Jene seltenen Augenblicke, in denen er einen Gegenstand berührte und überzeugt war, dass etwas daran nicht stimmte, lange bevor seine Werkzeuge ihm erklärten, weshalb.
Er hatte dafür immer Worte gefunden: Instinkt. Das Echo des Materials. Ein guter Techniker lernte eben zuzuhören. Das waren vernünftige Erklärungen gewesen, und Brasso hing an vernünftigen Erklärungen wie andere Wesen an religiösen Symbolen.

Langsam hob er den Blick wieder zu Tenia.


„Wenn Ihr damit meint, dass ich Dinge manchmal bemerke, bevor ich wissen kann, dass sie da sind...“, begann er, und seine Stimme war noch immer rau, nun jedoch ruhiger, „... dann ist das schon lange so.“

Er schwieg einen Moment, während irgendwo hinter der Wand ein Aggregat seine Leistung veränderte und ein kaum hörbares Summen durch den Boden wanderte. Sein Kopf drehte sich instinktiv einen Hauch in diese Richtung, lauschte, erkannte die gleichmäßige Frequenz und ließ sie wieder los.

„Ich dachte immer, das wäre Erfahrung,“, fuhr er fort. „Oder dass Metall eben mehr erzählt, wenn man oft genug darin herumkriecht.“

Ein müdes Lächeln berührte seinen Mund und verschwand fast sofort wieder. Der Gedanke an Bracca ließ etwas Dunkleres hinter seinen Augen vorbeiziehen. Einstürzende Hallen. Die Gesichter der losen Hände. Sein Kollege und jener eine überbrückte Stromkreis, den Brasso noch immer in manchen Nächten sah, wenn Schlaf zu flach wurde. Wenn diese sogenannte Macht tatsächlich Teil all dessen gewesen war, dann öffnete das eine unangenehme Frage, die er im Augenblick lieber geschlossen hielt. Denn ein neues Werkzeug änderte nicht automatisch die Schuld an dem, was man mit den alten getan hatte. Das Prinzip des Stroms kam ihm in den Sinn. Widerstand war keine Schwäche. Strom floss, weil er musste. Wenn etwas sich wehrte, fragte es nach Sinn. Vielleicht hatte er sein halbes Leben lang etwas gespürt und ihm nur den falschen Namen gegeben.
Brasso atmete langsam ein, bis die Lunge ihn daran erinnerte, wie begrenzt philosophische Betrachtungen wurden, sobald der eigene Körper Einspruch erhob. Er verzog das Gesicht, wartete, bis der Schmerz nachließ, und richtete sich auf der Liege ein wenig gerader auf.


„Coruscant“, sagte er schließlich, als müsse er auch diesen Namen erst auf Belastbarkeit prüfen.

Sein Blick wanderte an Tenia vorbei zu der geschlossenen Tür der Krankenstation, hinter der irgendwo dieses makellos arbeitende Schiff lag, und darüber hinaus zu Ketaris Prime, zu seinem zerstörten Stand, seinen wenigen Kisten, dem Werkzeug, das vielleicht noch zwischen den Trümmern lag. Wieder einmal war eine Existenzgrundlage fortgebrochen, gerade als sie begonnen hatte, sich wie etwas Dauerhaftes anzufühlen. Bracca hatte ihn ausgespuckt. Frachter, Monde und Randwelten waren gekommen und gegangen. Nun Ketaris. Das Prinzip des Gehäuses hatte ihm beigebracht, dass manches leer bleiben durfte, vielleicht galt das auch für den Platz, den man Heimat nannte. Er sah Tenia wieder an.


„Ich komme mit.“

Es kostete ihn weniger Überwindung, als er erwartet hatte.

„Wegen der Lunge...“, fügte er hinzu, wobei der kurze Zug um seinen Mund deutlich machte, dass er selbst wusste, wie unvollständig diese Begründung war. „...und weil ich gern verstehen würde, wovon Ihr da redet.“

Seine Finger schlossen sich langsam um die Kante der Behandlungsliege.

„Wenn Ihr recht habt, dann möchte ich wissen, ob ich all die Jahre wirklich nur dem Metall zugehört habe oder ob da noch etwas anderes geantwortet hat.“

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