Stummfilme

garakvsneelix

junger Botschafter
Hallo allerseits,

ich habe zuletzt vermehrt versucht, mich an Stummfilme heranzuwagen, aber bemerkt, dass ich mir doch schwer damit tue, sie zu "genießen". Natürlich ist ein Klassiker wie Metropolis visuell beeindruckend und ich kann die reine 'craftmanship' eines Films wie Birth of a Nation bewundern, aber ich schaue mir das alles einfach nicht gerne an. Es fällt mir schwer, mich auf die Filme zu konzentrieren und mir fehlt mit dem Ton eine wichtige Komponente, um in die Welt und die Geschichte einzutauchen. Etwas zugänglicher sind da naturgemäß Stummfilm-Komödien - hier denken viele wohl direkt an Charlie Chaplin und Buster Keaton -, aber ausgerechnet die Filme der beiden "Großen" treffen nur selten meinen Humor.

Deswegen wollte ich an dieser Stelle mal in die Runde fragen: Wie steht ihr zu Stummfilmen? Könnt ihr sie genauso genießen wie Tonfilme oder versteht ihr, warum ich mir damit so schwer tue? Welche Stummfilme könnt ihr mir und anderen besonders empfehlen, um aufzuzeigen, wie gut sie eigentlich sein können, wenn man sich darauf einlässt?

Ich bin gespannt :)
 
Als Kind bin ich vor allem mit den Stummfilmkomödien der 1920er-Jahre aufgewachsen, die seinerzeit häufig am Nachmittag im Fernsehen liefen. Besonders gern sah ich Charlie Chaplin, aber auch Buster Keaton. Ob die Langfilme damals vollständig und in ihrer ursprünglichen Form gezeigt wurden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Vermutlich waren manche ebenfalls bearbeitet, gekürzt oder mit einer Sprecherstimme unterlegt.

Bei den Kurzfilmen im Vorabendprogramm gehörten solche Eingriffe ohnehin zum Konzept. In Sendereihen mit wechselnden Namen wurde das alte Material neu zusammengeschnitten, mit Musik und launigen Kommentaren versehen und häufig auch noch in erhöhter Geschwindigkeit abgespielt. Das Ergebnis hatte mit einer originalgetreuen Aufführung vermutlich nur noch entfernte Ähnlichkeit, war für ein Kind aber bestens geeignet. Es ging drunter und drüber, ständig fiel jemand hin und am Ende war meistens irgendein Möbelstück nur noch Brennholz. Ich habe das sehr gern gesehen.

Auf der weiterführenden Schule verlor diese Art von Unterhaltung für mich jedoch recht schnell ihren Reiz. Die weit aufgerissenen Augen, das heftige Gestikulieren und die ausladende Körpersprache erschienen mir zunehmend übertrieben. Ernste Werke kannte ich kaum. Eine der wenigen Ausnahmen war Panzerkreuzer Potemkin, den ich tatsächlich schon im Kindesalter gesehen habe.

Sehr viel lieber mochte ich die amerikanischen Klassiker der 1930er- und 1940er-Jahre. Ihre Geschichten, Figuren und Dialoge waren mir näher, und auch das Schauspiel wirkte auf mich natürlicher. So setzte sich in meinem Kopf allmählich die recht einfache Gleichung fest, dass Stummfilm vor allem übertriebene Mimik und wilden Körpereinsatz bedeutete. Natürlich weiß ich heute, dass dieses Urteil der Vielfalt jener Epoche nicht gerecht wird. Es gab auch damals Filme und Darsteller mit einer ruhigen, erstaunlich modernen Spielweise.

Nur war das Vorurteil längst da, und es erwies sich als ziemlich haltbar. Als Jugendlicher und später als Erwachsener suchte ich jedenfalls nicht mehr bewusst die Nähe zu dieser Filmform. Auch entsprechende Vorführungen in Berliner Kinos konnten mich nicht locken. Selbst The Artist weckte seinerzeit nicht genug Interesse für einen Kinobesuch. So hat ausgerechnet das Fernsehen, das mich als Kind mit Chaplin und Keaton bekannt machte, wohl auch dafür gesorgt, dass ich den Stummfilm lange fast ausschließlich mit hektischem Slapstick verband.
 
Woran ich mich noch erinnern kann, ist „Harold Lloyd“. Das ist aber schon ziemlich lange her, als das im Fernsehen lief. Müsste in den 70ern gewesen sein. Die Filme waren schon sehr gut gemacht und auch unterhaltsam. Heute schaue ich keine Stummfilme mehr. Damals war halt eine andere Zeit, und das Angebot war längst nicht so groß wie heute.
 
@Antiriad

Interessanterweise lagen die Stummfilme der 1920er-Jahre für uns damals zeitlich ungefähr so weit zurück wie Eine neue Hoffnung für uns heute.

PS Ja, Harold Lloyd war für mich auch sehr präsent.
 
Woran ich mich noch erinnern kann, ist „Harold Lloyd“. Das ist aber schon ziemlich lange her, als das im Fernsehen lief.
Ja, Harold Lloyd war für mich auch sehr präsent.
Lloyd wird ja, wenngleich heute wohl in der breiten Öffentlichkeit vergleichsweise unbekannt, zumindest in Filmfachkreisen gerne in einem Atemzug mit Chaplin und Keaton genannt. Ab und zu liest man im Netz auch die Einschätzung, dass sein Humor etwas "moderner" sein soll. Tatsächlich haben mich seine Filme zumindest in der Tendenz eher erreicht - aber es bleiben eben Stummfilme.
 
Zuletzt bearbeitet:
Stummfilme sind sicherlich nicht tendentiell meine Lieblingsfilme. Das liegt zum einen daran, dass viele Komödien aus der Ära hauptsächlich aus Slapstick bestehen, was einfach nicht mein Humor ist. Zum anderen ist das in der Zeit betriebene Overacting mir oft zu theatralisch. Dazu kommt das Problem, dass viele Filme zu viele Texttafeln haben (und man schon mehr liest als sieht) und andere wieder zu wenige (wodurch es nur wenig Story gibt bzw man dieser nur schwer folgen kann).

Trotzdem gibt es aus der Ära auch einige wirkliche Perlen. So finde ich die Abenteuerfilme mit Douglas Fairbanks grossteils echt gut mit spektakulären Szenen und viel Charme. Auch der Film "The Sea Hawk" war ein herrlich altmodischer und unterhaltsamer Abenteuerfilm. Und "The Lost World" gilt zu Recht als Mutter aller Monsterabenteuerfilme und war nicht nur unterhaltsam und spannend, sondern auch optisch sehr beeindruckend.

Apropos optisch beeindruckend. In Sachen Massenszenen gibt es schon einige Stummfilme, die mit den späteren Monumentalfilmen konkurieren können. Ich finde "Ben Hur" von 1925 eher langamtig, aber was die Seeschlacht, das Wagenrennen, Ausstattung und Massenszenen anbelangt, ist er heute noch beeindruckend. Auch ist die babylonische Schlacht beim Film "Intolerance" Wahnsinn und erinnert an moderne Filme wie "Königreich der Himmel" (und das schon 1918).

Ein Ausnahmetalent der Stummfilmära war auch Georges Melies. Seine Filme waren in Sachen Tricktechnik zwar eher Zaubershows denn wirkliche Filme, aber sahen oft verblüffend gut aus.
 
Wobei Technologie am Anfang ihrer Entwicklung meist die größten Sprünge macht.
Wie stehst du denn (gerne auch vor diesem Zusammenhang) zum Thema "Stummfilm", wenn man fragen darf? :)
Ein Ausnahmetalent der Stummfilmära war auch Georges Melies. Seine Filme waren in Sachen Tricktechnik zwar eher Zaubershows denn wirkliche Filme, aber sahen oft verblüffend gut aus.
Guter Call. Ich habe bei der Threaderöffnung tatsächlich erstmal an "längere" Filme gedacht - vieles von dem, was Georges Méliès gemacht hat, gehört ja definitiv in den Kurzfilmsektor. Diesbezüglich funktionierten auch die "Filme" der 1900er-Jahre generell etwas anders - insbesondere im Zusammenhang mit Méliès ist da immer wieder vom "Kino der Attraktionen" die Rede, das noch gar nicht versucht hat, wirkliche Narrative aufzubauen.

Bei so ganz kurzen Sachen fällt das mit dem "Stumm-Sein" natürlich nicht so sehr ins Gewicht. Aber klar, auch das gehört in die "Stummfilm-Ära" mit hinein - und dass mir der Youtube-Algorithmus Méliès' Le voyage de la lune herangespült hat, war ursprünglich in der Tat sogar die Initialzündung für mich, mal vermehrt in den Stummfilm-Bereich reinzuschauen ;)
 
ich habe zuletzt vermehrt versucht, mich an Stummfilme heranzuwagen, aber bemerkt, dass ich mir doch schwer damit tue, sie zu "genießen". Natürlich ist ein Klassiker wie Metropolis visuell beeindruckend und ich kann die reine 'craftmanship' eines Films wie Birth of a Nation bewundern, aber ich schaue mir das alles einfach nicht gerne an. Es fällt mir schwer, mich auf die Filme zu konzentrieren und mir fehlt mit dem Ton eine wichtige Komponente, um in die Welt und die Geschichte einzutauchen.

Ich würde sehr stark dazu tendieren, dass das an der Darreichungsform an sich liegt. Der Stummfilm wurde ja nicht für den LED-Bildschirm erdacht, sondern die Aufführung in Sälen wurden von Orchestern, Klavieren und Sprechern vor Ort praktisch vertont. Es ist also eine Art von Theater und Musikaufführung mit einer Filmleinwand und wird jedes einzelne Mal auch ein wenig anders gewesen sein. Das feste Einbacken von einer einzelnen Aufführung als statische Audiospur auf DVD/BluRay/Stream konterkariert die grundsätzlich mögliche Interaktion zwischen Aufführenden und Publikum.

Kurz: Ein Stummfilm dürfte in seinem natürlichen Habitat real und vor Ort eine völlig andere Wirkung entfalten, als Zuhause auf PC-Bildschirm, Tablet, Fernseher oder Leinwand.
 
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