[Barancar :: Siliere :: Xim-Plaza :: One Xim Plaza :: Verbindungsgang zu den Regierungsaufzügen] Nashana Delentes
Trissurs Kontakt lag bereits geöffnet auf dem Display ihres Comlinks, als Nashana das Büro der Innenministerin hinter sich ließ, doch zwischen den Mitarbeitern, die ihr im Verbindungsgang entgegenkamen, den geöffneten Bürotüren und dem gleichmäßigen Betrieb eines Hauses, in dem praktisch zu jeder Tageszeit irgendjemand glaubte noch eine Entscheidung von jemand anderem zu benötigen, erschien ihr der Gedanke plötzlich absurd, ausgerechnet hier mit ihrem Bruder über einen möglichen Verkauf ihres Familienunternehmens zu sprechen.
Sie steckte das Gerät wieder ein und nahm den nächsten Aufzug nach unten.
Bis sie One Xim verlassen hatte, war der erste Impuls Trissur möglichst schnell zu erreichen trotzdem nicht verschwunden, eher im Gegenteil. Im Dienstshuttle ließ Nashana die Trennscheibe zum vorderen Teil verdunkeln, wartete bis der Xim-Plaza hinter den umliegenden Gebäuden zurückblieb und stellte erst dann die Verbindung her, wobei sie sich keine Mühe gab den Anlass des Anrufs lange mit belanglosen Dingen zu umkreisen. Dafür kannte ihr Bruder sie zu gut und dafür war auch ihr eigenes Bedürfnis, die Sache endlich auszusprechen, inzwischen zu groß geworden.
Die Einladung, die Versammlung der Mandate, MDS und schließlich jener Satz über eine Geschichte, die nicht privatisiert werden dürfe, folgten in einer Reihenfolge, die in ihrem Kopf deutlich weniger ordentlich gewesen war.
Danach hörte Nashana lange zu.
Trissur wurde aufgebracht, ohne deshalb sofort laut zu werden. Seine ersten Reaktionen bestanden vor allem aus Fragen, immer konkreter und mit jeder unbefriedigenden Antwort ein wenig schärfer, und Nashana musste ihm wiederholt sagen, dass sie vieles schlicht nicht wusste. Keine belastbare Gruppe hinter dem Vorstoß, keine erkennbare Beteiligungsstruktur, kein Preis und nicht einmal Gewissheit darüber, welche Teile von MDS jene Leute überhaupt vor Augen hatten, die den Punkt auf die Tagesordnung gesetzt hatten. Im Augenblick existierte kaum mehr als eine politische Forderung, eine moralisch ausgesprochen brauchbare Begründung und die Aussicht darauf, dass irgendwann eine ganze Reihe von Menschen darüber sprechen würde, deren Besitz dabei gar nicht unmittelbar zur Disposition stand.
Dass Nashana ihrem Bruder nicht versprechen konnte, sich dort vorbehaltlos auf die Seite von MDS zu stellen, machte das Gespräch schwieriger. Trissur verstand weshalb, was es nicht leichter machte.
Er musste nicht auf einer Versammlung von Senatoren erklären, weshalb gemeinsame cronesische Geschichte ausgerechnet dort enden sollte, wo sie das Vermögen der Familie Delentes berührte; er musste aber ebenso wenig so tun, als seien die alten Werften für ihn irgendeine abstrakte Position in einer regionalen Industriepolitik. Für ihn bestand das Vermächtnis ihrer Eltern nicht aus einem Anspruch auf Geschichte, sondern aus dem, was sie aus ihr gemacht hatten, aus wiederhergestellten Anlagen, Entscheidungen, die sich über Jahre kaum gerechnet hatten, aus Menschen, die dort arbeiteten, und aus einem Unternehmen, das er nach ihrem Tod weitergeführt hatte, als niemand garantieren konnte, dass aus all den Plänen tatsächlich noch einmal etwas anderes als ein teures Denkmal werden würde.
Nashana wusste das alles und sie wusste ebenso, dass ihr Bruder nicht glaubte, sie hätte es vergessen.
Trotzdem tat es weh, als zwischen ihnen irgendwann die Frage stand, ob sie MDS im Ernstfall tatsächlich zur Disposition stellen würde.
Sie hatte darauf keine Antwort, jedenfalls keine, die Trissur hören wollte und auch keine, mit der sie selbst zufrieden gewesen wäre.
Nashana versuchte ihm zu erklären, dass bisher niemand etwas zum Verkauf angeboten hatte und sie sich genauso wenig vorgenommen hatte irgendeiner Forderung nachzugeben, nur weil sie politisch geschickt formuliert war. Auf der anderen Seite konnte sie auf einer Versammlung der Mandate nicht zugleich Barancar vertreten und sich so verhalten, als wäre ihre wichtigste Aufgabe dort die Verteidigung eigener Familienanteile. Irgendwann wurde ihre Stimme dabei schärfer und Trissurs ebenso, nicht weil einer von beiden plötzlich die Position des anderen nicht mehr verstand, sondern gerade weil das Gegenteil der Fall war.
Zwischen ihnen gab es niemanden mehr, zu dem sich einer danach zurückziehen konnte, um sich bestätigen zu lassen, dass der andere selbstverständlich gerade vollkommen unvernünftig war; keine Eltern, keinen Partner, der den größeren Zusammenhang nur aus Erzählungen kannte. Trissur war der Mensch, dem Nashana Dinge sagte, bevor sie wusste was sie selbst davon hielt, und offenbar galt das umgekehrt genauso. Dass gerade MDS ihnen nun einen Konflikt aufzwang, bei dem beide wussten warum der andere nicht einfach nachgeben konnte, ließ sich deshalb auch nicht mit einer vernünftigen Schlussformel aus der Welt schaffen.
Als sie schließlich auflegten, war nichts geklärt.
Trissur würde sich ansehen, was MDS im Fall eines tatsächlichen Vorstoßes wirtschaftlich und rechtlich tun konnte, ohne seinerseits bereits öffentlich darauf zu reagieren; Nashana würde versuchen herauszufinden, was bei der Versammlung überhaupt ernsthaft auf den Tisch kam. Mehr versprach keiner von beiden.
Bevor sie die Verbindung trennten, sprachen sie noch ein paar Minuten über Dinge, die mit alldem nichts zu tun hatten oder zumindest so taten. Shoeva, eine kleinere Sache bei MDS, Nashanas nächste Reise. Es änderte nichts an dem, was davor gesagt worden war, und trotzdem war sie froh, dass nicht die Werften das letzte Thema zwischen ihnen blieben.
Als die Verbindung endete, stand das Dienstshuttle bereits vor ihrem Appartementgebäude.
Nashana blieb trotzdem noch einige Augenblicke sitzen.
Der Fahrer wartete, ohne sich bemerkbar zu machen, während draußen ein weiterer Gleiter hinter ihnen einschwenkte und wieder weiterzog. Sie sah auf das inzwischen dunkle Display des Comlinks in ihrer Hand und dachte daran, dass sie Trissur wahrscheinlich verletzt hatte, obwohl es kaum einen Satz aus dem Gespräch gab, den sie anders hätte formulieren können, ohne ihm etwas zu versprechen, das sie nicht halten konnte. Der Ärger über die Situation fiel ihr leichter als dieser Gedanke.
Sie steckte das Comlink weg und stieg aus.
In ihrem Appartement wartete bereits die nächste Verpflichtung, nicht als abstrakter Kalendereintrag, sondern in Form mehrerer Datenpakete, die ihr Büro während ihres Gesprächs mit Trissur weitergeleitet hatte. Mon Calamari hatte ohnehin im Reiseplan gestanden, doch die Ausschusssitzung zum Krieg nahm inzwischen deutlich mehr Raum ein als noch wenige Tage zuvor und Nashana brauchte nur die ersten Dokumente zu öffnen, um zu erkennen, dass die Sitzung kaum bei allgemeinen Fragen der Finanzierung oder militärischen Lage bleiben würde.
Kashyyyk und die Rolle der Jedi nahmen in den vorbereitenden Unterlagen entsprechend viel Raum ein.
Welche Rolle sie beim Beginn der Kampfhandlungen tatsächlich gespielt hatten, was im Vorfeld bekannt gewesen war und wie aus einer bereits schwierigen Lage eine offene militärische Auseinandersetzung geworden war, würde zwangsläufig zur Sprache kommen. Noch unangenehmer fand Nashana allerdings die Frage, auf welcher Grundlage der Kanzler den Angriff überhaupt angeordnet hatte.
Soweit sie wusste, hatte es vorher keine ausdrückliche Legitimation des Senats gegeben.
Sie konnte sich an keinen vergleichbaren Fall erinnern, in dem die Neue Republik auf diese Weise in einen Krieg eingetreten war und der Senat anschließend darüber zu beraten hatte, was eigentlich bereits geschehen war. Dass Kashyyyk nicht mehr unter imperialer Kontrolle stand, beantwortete diese Frage für sie nicht.
Nashana setzte sich mit dem ersten Bericht an den Tisch, überflog die beigefügten Verweise und blieb länger als beabsichtigt bei einer zeitlichen Aufstellung hängen. Noch wusste sie zu wenig, um aus dem, was ihr daran missfiel, bereits eine politische Anklage zu machen. Vielleicht würde der Ausschuss Informationen erhalten, die bisher nicht öffentlich waren, vielleicht hatte Quún eine Lage vor sich gehabt, deren Dringlichkeit aus den bisherigen Berichten nicht hervorging, und vielleicht gab es für die Rolle der Jedi Erklärungen, die außerhalb der Regierung schlicht niemand kannte.
Nach einigen Minuten bemerkte Nashana, dass sie denselben Absatz zum dritten Mal begann.
Trissur.
Sie schloss das Pad.
Packen würde für den Moment reichen.
Viel Personal, das ihr den privaten Teil solcher Reisen abnahm, hatte Nashana noch nicht, und solange ihr neuer Stab ohnehin erst nach und nach Gestalt annahm störte sie sich daran weniger als vielleicht irgendwann in einigen Monaten. Zwei Taschen kamen auf das Bett, der Kleiderschrank ging auf und Mon Calamari bestimmte den ersten Stapel: formelle Kleidung für den Ausschuss, etwas weniger Strenges für Termine außerhalb des Senatskomplexes, Schuhe, persönliche Dinge und schließlich doch ein Kleid für den Fall, dass aus irgendeinem Grund zwischen zwei Sitzungen wieder ein Empfang auftauchte, von dem vorher angeblich niemand etwas gewusst hatte.
Beim zweiten Paar nahezu identischer Schuhe hielt sie inne.
Das erste lag bereits in der Tasche.
Nashana nahm beide wieder heraus, legte eines zurück und stellte erst einige Minuten später fest, dass das andere noch immer auf dem Bett stand, während sie längst bei etwas völlig anderem war.
Sie ließ es dort liegen und packte weiter.
Für Centares kam lediglich ein schmaler Kleidersack hinzu, der separat blieb. Die Neuverhandlung des Abhean-Abkommens wartete nach Mon Calamari und damit weit genug in der Zukunft, um für diesen Abend keinen zusätzlichen Platz in ihrem Kopf zu beanspruchen. Das entsprechende Dossier verschwand ungeöffnet in einer Seitentasche.
Obenauf kamen die Unterlagen für den Ausschuss.
Die Einladung der Mandate blieb etwas länger auf dem Tisch liegen.
Nashana betrachtete sie, ohne sie erneut zu öffnen, nahm sie schließlich trotzdem mit und schob sie hinter die anderen Datenkarten. Auf Barancar zurückzulassen hätte nichts daran geändert, dass sie während der nächsten Tage an MDS dachte; wenigstens musste sie sich dann nicht zusätzlich einreden, das Dokument sei aus Versehen liegen geblieben.
Während die Taschen zum Raumhafen gebracht wurden, kümmerte Nashana sich um den Rest selbst. Die Abreisezeit bestätigen, ihrem Büro auf Mon Calamari mitteilen wann sie eintreffen würde, zwei Termine verschieben und prüfen, ob alle Ausschussunterlagen auch tatsächlich auf ihrem persönlichen Pad lagen. Wulfrics Ruhestand hatte ihren Kalender voller gemacht, aber genau darüber konnte sie sich schlecht beklagen. Sie hatte lange genug hinter ihm gesessen, um zu wissen, dass sie diese Verantwortung wollte und Barancars Position endlich selbst mitprägen konnte.
Später stand Nashana noch einmal vor dem offenen Schrank, ohne recht zu wissen weshalb, und bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass ihre Gedanken wieder bei Trissur waren. Nicht bei dem politischen Vorschlag, nicht bei möglichen Gegnern und auch nicht bei irgendeiner Strategie für die Mandate, sondern bei seinem Tonfall, als sie ihm keine Garantie gegeben hatte.
Sie schloss den Schrank.
Bis sie zurückkam, würde sich daran vermutlich nichts geändert haben.
Der Gleiter zum Raumhafen traf kurz darauf ein und diesmal ließ Nashana das Datapad geschlossen. Siliere zog an ihr vorbei, dichter Verkehr zwischen den Türmen, später flachere Bebauung und schließlich die ausgedehnten Anlagen des Raumhafens, während ihr Pilot bereits bestätigte, dass die Condor startbereit war.
Die Auresse stand auf einer privaten Plattform etwas abseits des größeren Verkehrs.
Es war ihre Yacht, kein Regierungsschiff und keine Firmenmaschine, und gerade deshalb hatte sie über die Jahre etwas von einem beweglichen Zwischenraum bekommen, in dem sich Arbeit, Reisen und ein Rest Privatleben miteinander arrangieren mussten. An Bord konnte sie Unterlagen auf dem Tisch liegen lassen, schlafen wenn ihr danach war und Dinge irgendwo abstellen, ohne dass am nächsten Morgen jemand versuchte, aus ihrem eigenen Chaos ein protokollfähiges Arrangement zu machen.
Die Taschen waren bereits verladen.
Ihr Pilot kam ihr auf halbem Weg entgegen, ging kurz die Startzeit durch und verschwand wieder zum Cockpit, während Nashana mit ihrem persönlichen Gepäck die Rampe hinaufstieg.
In der kleinen Lounge warteten die Mon-Calamari-Unterlagen bereits auf dem zentralen Display.
Sie setzte sich, öffnete wieder den Bericht und fand die Stelle, an der sie zu Hause aufgehört hatte. Beim ersten Absatz dachte sie wieder an Trissur, las diesmal aber weiter.
Das tiefe Summen der Triebwerke veränderte sich, kurz darauf kam die Meldung aus dem Cockpit, dass die Startfreigabe erteilt war. Nashana legte das Pad für einige Sekunden auf ihren Oberschenkel und sah hinaus, während sich die Auresse vom Vorfeld löste.
Unter ihr wurden die Lichter des Raumhafens kleiner, dahinter Siliere und schließlich die Küstenlinie Barancars, bis die Condor stärker stieg und die Stadt unter dem Rumpf verschwand.
Nashana öffnete den Ausschussbericht wieder an der Stelle, an der sie aufgehört hatte, und las weiter.
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