Prefsbelt IV

[Äußerer Rand | Prefsbelt-Sektor | Prefsbelt IV | Blue One | Gouverneurspalast | Festsaal ] - Aren Vayliuar, Theranos Zesh, Dr. T'rsop, Kal Andrim

Aren und Adriana glitten im Zentrum des Geschehens über die Tanzfläche, als existierte all die Aufregung und Arbeit um sie herum nicht, zumindest nicht in diesem Zeitpunkt. Es war wirklich befreiend und auf Arens Gesicht zeigte sich erstmals ein echtes Lächeln gepaart mit Ruhe. Die paar kleinen Gespräche, welche er nach den Beförderungen noch hatte führen müssen - zu viele Menschen der Oberschicht des Planeten wollten sich im Glanz des Moffs sonnen - hatte er schnell und höfflich mit einem Verweis auf seine darbende Verlobte beenden können, die endlich tanzen wollte. Und nun wirbelte Aren seine Verlobte zu den Klängen des Orchesters über das Parkett des Ballsaals.

Er wusste kaum, wie lange sie getanzt hatten, als Adriana sich zu ihm vorbeugte und ihm ins Ohr säuselte, dass sie jetzt doch eine kleine Pause bräuchte. Aren lächelte ihr entgegen, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und führte sie zurück zu der Ehrentafel, die mittlerweile deutlich geleerter aussah. Ein wenig "geschäftliche" Plaudereien würde er heute wohl auch noch führen müssen, doch für den Moment hatte das tanzen ihn unglaublich erholt. Gemeinsam setzten die beiden sich und stießen mit Champus an, welchen Aren galant einem vorbeigehenden Kellner entwendet hatte. Sie sprachen über Prefsbelt und die anstehenden Pläne, über Truuine und die Gala, auf die sich gerade Adriana sehr freute und auch über den danach geplanten Besuch auf Gerrethum, auf welchen sich auch besonders Adriana freute. War Truuine für Aren noch ein schönes Ausflugsziel, gerade um Gouverneur Solaris im Idealfall erneut zu treffen und seine Investitionen in den Planeten einmal in Augenschein zu nehmen, verband er Gerrethum doch mit einer gewissen Nervosität. Es stand viel auf dem Spiel, hatte sein Großvater ihm in gewisser Weise doch ein Ultimatum gesetzt und war es zudem auch das erste Mal, dass er die Familie seiner Verlobten kennenlernen würde.

Doch all zu lange konnten sie sich nicht unterhalten, da sich ihr Gastgeber der Gouverneur ... nein, der Sector Adjutant ihnen näherte. Aren beendete das Gespräch mit Adriana und winkte Zesh näher heran, nach wie vor mit einem Lächeln auf den Lippen.


,,Sector Adjutant Zesh, wie kann ich Ihnen behilflich sein?"

Die Worte, die sein Gegenüber nun an ihn wandte, überzeugten ihn nochmals, dass er die richtige Wahl mit der Beförderung getroffen hatte. Er war voller Tatendrang, hatte Visionen und Ansichten, die denen Arens zu entsprechen schienen und schien alles aber nicht undankbar zu sein. Es war gut, wenn man loyale Männer an seiner Seite wusste.

,,Dessen bin ich mir sicher, dass Ihnen das gelingen wird. Sehen Sie, ich denke es ist wichtig auch Menschen in solche Positionen kommen zu lassen, die nicht zu festgefahren in ihrem Denken sind, die nicht ihr ganzes Leben schon den gleichen Dienst in der Verwaltung ausüben und deren Potential für neue Ideen somit gegen null läuft. Wohin uns so etwas führt haben wir in der Vergangenheit zu oft erleben müssen."

Aber Aren ging davon aus, dass dies nicht das Hauptanliegen des frisch beförderten war und ließ ihn deshalb erneut zu Wort kommen. Je mehr der Mann sprach, desto klarer wurde Aren, dass Zesh wohl anscheinend für solche Dinge wie einen Walzer und lässige Gespräche auf der Tanzfläche sich nur wenig öffnen konnte. Mit einem kurzen, leichten grinsen dachte Aren bei sich, dass er hier keinen Salonlöwen, sondern eine Arbeitsbiene befördert hatte, was ihm durchaus recht war. Aren erhob sich und lächelte Zesh an, während er ihm kollegial eine Hand auf die Schulter legte.

,,Mein lieber Sector Adjutant, ich weiß Ihren Arbeitseifer sehr zu schätzen. Natürlich ging es einige Strategiepläne und Vorhaben, die wesentlich in Ihre Arbeit mit einfließen werden und die ich ihnen umgehend zukommen lassen werde und über die wir uns gerne ausführlichst unterhalten können. Ihr Vorgänger, Mannic, wird ein wesentliches Projekt mit in seine neue Stellung nehmen, sodass hier keine wesentlichen Übergaben stattfinden müssen, auch wenn sie weiterhin auch mit daran beteiligt sein werden. Für einige weitere Projekte, die auch in ihren Aufgabenbereich fallen werden, fehlt aktuell leider noch die finale Zustimmung von Seiten des Großmoffs. Diese sollte aber in Kürze hoffentlich auf meinem Schreibtisch liegen."

Aren nippte erneut an seinem Champusglas und nahm dann Adriana an der Hand. Er dachte an die Prefsbelter Rüstungs Werke, welche Mannic von nun an hauptverantwortlich betreuen würde. Dieses Projekt war zu groß und zu wichtig, als dass es einfach so mit in das Ressort des Sector Adjutanten für Wirtschaft, Industrie und Handel fallen könnte, auch wenn Zesh selbstverständlich eng damit zusammenarbeiten würde und wesentliche Infrastrukturelle Vorhaben umzusetzen hatte und neue Fabriken und Fertigungsanlagen aufbauen musste, um seinen Teil beizutragen. Auch bei der Nadari-Expedition würde Zesh eine wesentliche Rolle zu spielen haben. Doch hierfür fehlte leider noch die finale Zustimmung Rimoras zur Angliederung von Gradilis und des Kolonie-Planeten an Prefsbelt. Einige weitere Dinge, Konzepte und langfristige Planungen standen ebenfalls noch im Raum, doch fehlte hier die Ruhe und die Zeit um all dies ausführlich zu besprechen.

,,Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich so nebulös bleibe. Aber hier gibt es leider zu viele Ohren und zu viel Trubel. Einige der Dinge, die wir zu besprechen haben, sind vertraulicher und oder delikater Natur. Ich würde vorschlagen, wir widmen uns der Besprechung dieser zu einem anderen Zeitpunkt und gehen dann alles in Ruhe und mit Zeit und Konzentration durch. Ich habe Julius Kyram, den Leiter meiner Staatskanzlei, bereits darum gebeten ein Dossier für Sie zusammenzustellen, welches sie spätestens morgen früh erhalten sollten. Dann können Sie sich grob schonmal in alles Wesentliche einlesen. Bis dahin würde ich vorschlagen, genießen wir noch ein wenig den Abend. Ich glaube ich muss mich noch mit ein zwei wichtigen Persönlichkeiten unterhalten. Würden Sie mir den Gefallen tun, und meine tanzwütige Verlobte ein wenig auf der Tanzfläche zu unterhalten? Ich danke Ihnen."

Mit einem einnehmenden Lächeln überreichte Aren Theranos Zesh die Hand seiner Verlobten. Er hatte in der Menge bereits den Leiter der Akademie auf Presbelt erspäht, mit dem er noch kurz auf jeden Fall ins Gespräch kommen musste.

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Die letzten Tage auf Prefsbelt IV waren mehr als aufschlussreich gewesen und Aren konnte mittlerweile wohl mit Fug und Recht behaupten, dass er sich ein gutes Bild über den Planeten und seine Einwohner machen konnte. Von der Burg Pradeux und der Marinegruft, bei welcher er dem Begründer imperialer Flottentradition die Ehre erwiesen hatte, bishin zu schwimmenden Stadt, die in Zusammenarbeit mit Truuine entstand, hatte er viel sehen und erleben können, was ihn äußerst beeindruckt hatte. Doch so wohltuend und gewinnbringend diese Zeit auch gewesen war, so nahm sie jetzt doch auch ein Ende. Gemeinsam mit Adriana befand er sich gerade auf dem Weg zu seiner Yacht, bei welcher Zesh, T'rsop und Andrim, der von ihm beförderte Pilot, bereits auf ihn warteten. Wie sich herausgestellt hatte, planten sie alle ebenfalls die Gala auf dem Wasserplaneten zu besuchen und Aren hatte angeboten, sie zumindest auf dem Hinweg mitzunehmen, bot sich so doch die Gelegenheit, Gespräche weiter zu vertiefen und neue Ideen zu besprechen.

Ihr Aufbruch von Prefsbelt würde nicht übermäßig zelebriert werden und außer einer kleinen Abordnung der Garde - und seiner Reisebegleitung - war das Hangar leer, als Adriana und er eintrafen.


,,Meine Herren, ich freue mich sehr, sie gleich auf der Mesh'lane begrüßen zu dürfen. Wir werden einige Zeit unterwegs sein, aber seien Sie sich gewiss, dass es Ihnen an nichts fehlen wird. Mein Butler Greyson wird Ihnen gleich Ihre Zimmer zeigen. Ruhen Sie sich gerne aus und fühlen Sie sich ganz wie Zuhause. Es wird einen kleinen, späten Lunch in der Panoramalunch, am Bug des Schiffes geben, gegen 2 Uhr. Sollten Sie sich weiter ausruhen wollen lassen Sie es Greyson wissen und es wird kein Problem sein, wenn Sie auf Ihrem Zimmer speisen. Ansonsten wünsche ich uns allen eine angenehme Reise. Bitte, nach Ihnen."

Aren wies mit einem Lächeln auf die Rampe, welche hinein in das luxuriöse Schiff führte. Dort ließ es sich ohne Frage aushalten. Greyson, flankiert von den beiden Droiden, wartete bereits am Ende der Rampe um die Gäste zu begrüßen und in Ihre Zimmer zu führen. Dies würde ohne Frage eine sehr angenehme Reise werden.

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Die Räume der Yacht die schonmal ,,bespielt" wurden (und wie man sich die Ausstattung des Schiffes generell vorstellen kann) könnt ihr euch gerne in meiner Charakterinfo durchlesen.^^
 
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Theranos musste unwillkürlich lächeln, als Aren ihm erklärte, weshalb er sich letztlich für ihn entschieden hatte. Die Worte des Moffs waren weit mehr als ein bloßes Lob; sie waren eine Bestätigung jener Überzeugung, die ihn selbst seit Beginn seiner Tätigkeit auf Prefsbelt IV begleitet hatte. Verwaltung durfte niemals zum bloßen Abarbeiten alter Routinen verkommen. Fortschritt entstand nur dort, wo Beamte bereit waren, Bestehendes zu hinterfragen, neue Wege zu denken und Verantwortung nicht als Last, sondern als Möglichkeit zu begreifen. Gerade deshalb bedeutete ihm die Anerkennung seines Vorgesetzten mehr, als er es vermutlich offen gezeigt hätte. Für einen kurzen Moment fragte er sich sogar, ob sein Vater wohl ähnlich reagiert hätte. Wahrscheinlich hätte Meranox Zesh lediglich knapp genickt und anschließend gefragt, welche Ziele er sich nun für die kommenden fünf Jahre gesetzt hatte. Allein dieser Gedanke ließ Theranos innerlich leicht lächeln.

Als Aren ihm schließlich kollegial die Hand auf die Schulter legte, empfand Theranos diese Geste nicht mehr als jene eines ranghöheren Vorgesetzten, sondern als Zeichen ehrlichen Vertrauens zwischen zwei Männern, die künftig gemeinsam Verantwortung für den gesamten Prefsbelt-Sektor tragen würden.

„Vielen Dank, Eure Exzellenz“, erwiderte er mit aufrichtiger Wertschätzung. „Das Dossier werde ich mir unmittelbar ansehen. Ich bin überzeugt, dass sich bereits auf der Reise erste Gedanken und vielleicht sogar einige Ansätze entwickeln lassen. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Euch die kommenden Aufgaben anzugehen.“

Als Aren ihm schließlich mit einem kaum zu übersehenden Schmunzeln die Hand seiner tanzbegeisterten Verlobten überließ, musste Theranos selbst leise lachen.
„Dann werde ich selbstverständlich mein Möglichstes tun, Euch Eure Verlobte wohlbehalten zurückzubringen.“

Mit höflicher Selbstverständlichkeit bot er Adriana den Arm an und begleitete sie zurück auf die Tanzfläche, wo sie sich noch einige Tänze lang zu den Klängen des Orchesters unterhielten. Während sie sich langsam über das Parkett bewegten und sich über Truuine, Architektur und Kultur unterhielten, stellte Theranos einmal mehr fest, wie wichtig solche Abende trotz aller Arbeit sein konnten. Verwaltung bestand nicht ausschließlich aus Akten, Verordnungen und Sitzungen. Vertrauen entstand häufig dort, wo Menschen fernab offizieller Besprechungsräume miteinander sprachen, lachten und einander als Persönlichkeiten kennenlernten. Vielleicht unterschätzte er selbst diesen Teil seiner Aufgabe noch immer ein wenig.

Nachdem Theranos einige Tänze mit der Verlobten des Moffs absolviert hatte, begaben sie sich wieder zurück an die Tafel und Theranos unterhielt sich noch etwas mit dem Moff. Während sie sich über die bevorstehende Gala auf Truuine, über Reisen, Architektur und die unterschiedlichen Kulturen verschiedenster Welten unterhielten, verging die verbleibende Zeit des Balles beinahe unbemerkt. Es folgten noch einige angenehme Gespräche mit Gästen, ein letzter gemeinsamer Toast auf die Zukunft des Sektors und schließlich die allmähliche Verabschiedung der letzten Besucher.


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Ein paar Tage später fand er sich im Hangar des Gouverneurspalastes wieder, wo die elegante Mesh'lane bereits auf ihre Gäste wartete. Gemeinsam mit Aren, Adriana, dem frisch ernannten Gouverneur T'rsop sowie Captain Kal Andrim trat er an die Rampe der luxuriösen Yacht heran. Schon auf den ersten Blick wurde deutlich, weshalb diese Schiffsklasse in der gesamten Galaxis einen beinahe legendären Ruf genoss. Die klaren Linien, die harmonischen Proportionen und die dezente Eleganz wirkten weder protzig noch überladen, sondern vermittelten genau jene zurückhaltende Exklusivität, die Theranos seit jeher besonders zu schätzen wusste.

Während noch ein paar letzte Sicherheitschecks gemacht wurden, ließ Theranos die vergangenen Tage noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Der Besuch Aren Vayliuars war weit mehr gewesen als ein protokollarischer Aufenthalt eines Moffs. Gemeinsam hatten sie Burgen, Denkmäler und militärische Einrichtungen besichtigt, der Marinegruft die Ehre erwiesen, bedeutende Industrie- und Infrastrukturprojekte vorgestellt und selbst jene noch im Bau befindliche schwimmende Stadt besucht, die gemeinsam mit Truuine entstehen sollte. Rückblickend erfüllte es Theranos mit stiller Zufriedenheit, dass Prefsbelt IV seinen Gast nicht nur mit Pracht und Repräsentation empfangen, sondern vor allem mit greifbaren Ergebnissen überzeugt hatte. Nichts von alledem war bloße Fassade gewesen.

Hinter jedem Gebäude, jedem Projekt und jeder Investition standen Monate harter Arbeit, unzählige Entscheidungen und Menschen, die bereit gewesen waren, gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Rückblickend war Theranos überzeugt, dass genau dies letztlich der Grund gewesen war, weshalb Aren ihm sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Nicht einzelne Bauwerke oder Festakte hatten den Moff überzeugt, sondern das Gesamtbild eines Planeten, der begonnen hatte, sich Schritt für Schritt selbst neu zu erfinden.


Nachdem der Butler Greyson sie mit makelloser Höflichkeit begrüßt hatte, folgte Theranos dem Butler durch das helle, modern eingerichtete Foyer, dessen poliertes Holz, geschmackvolle Skulpturen und ausgewählte Gemälde dem Schiff beinahe den Charakter einer Residenz verliehen. Schon nach den ersten Schritten durch das Foyer hatte Theranos bemerkt, mit welcher Sorgfalt jedes einzelne Detail aufeinander abgestimmt worden war. Nichts wirkte zufällig. Farben, Materialien und Proportionen bildeten ein harmonisches Gesamtbild, das Eleganz ausstrahlte, ohne diese ständig zur Schau stellen zu müssen. Genau diese Form von Luxus hatte ihn schon immer weit mehr beeindruckt als jeder überladene Prunk. Wahre Qualität musste sich nicht in den Vordergrund drängen. Gerade ihre Selbstverständlichkeit verlieh ihr jene Eleganz, die künstlicher Prunk niemals erreichen konnte.

Wenig später führte ihn der Weg durch einen breiten Flur zu einem der Gästequartiere, dessen Tür sich lautlos öffnete.

Schon der erste Raum ließ erkennen, dass hier selbst ein Gästezimmer kaum Wünsche offenließ. Ein kleiner, stilvoll eingerichteter Salon mit bequemen Sitzgelegenheiten, Holonet-Anschluss, einer gut ausgestatteten Minibar und mehreren geschmackvoll ausgewählten Kunstwerken bot weit mehr Komfort, als manche Gouverneursresidenz auf anderen Welten aufweisen konnte. Dahinter schloss sich das eigentliche Schlafzimmer an, dessen großzügiges Bett, eleganter Schreibtisch und das Fenster mit Blick auf die unendliche Schwärze des Alls dem Raum zugleich Behaglichkeit und Ruhe verliehen.

Während Greyson ihm die Räumlichkeiten zeigte, ertappte sich Theranos bei einem Gedanken, über den er selbst hätte lachen können. Noch vor einem Jahr hätte er sich vermutlich kaum vorstellen können, jemals auf einer der exklusivsten Yachten der Galaxis als Gast untergebracht zu werden. Das Leben besaß eine bemerkenswerte Eigenart, einen genau dann an Orte zu führen, mit denen man nie gerechnet hatte. Vielleicht war genau das einer der Gründe, weshalb er sich davor hütete, die Zukunft jemals zu sehr planen zu wollen.



Als Greyson gegangen war, begutachtete Theranos sein Zimmer weiter. Neugierig trat Theranos schließlich weiter in das angrenzende Badezimmer und ließ den Blick über den hellen Marmor gleiten, der Wände und Boden gleichermaßen schmückte. Als er den kleinen Whirlpool entdeckte, erschien unwillkürlich ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht.

„Nun“, murmelte er leise zu sich selbst, während er sich noch einmal langsam im Raum umsah, „hier wird es sich bis Truuine zweifellos ausgezeichnet aushalten lassen.“

Für einen kurzen Moment blieb er noch am Fenster stehen und blickte hinaus auf das geschäftige Treiben des Hangars, ehe er seinen Mantel ordentlich ablegte, das Datapad auf dem Schreibtisch platzierte und sich innerlich bereits auf die Gespräche vorbereitete, die

diese Reise mit sich bringen würde. Eines war ihm schon jetzt bewusst: Die kommenden Tage würden nicht nur den Beginn seines neuen Amtes markieren, sondern vermutlich auch den Auftakt jener Zusammenarbeit, welche die Zukunft des gesamten Prefsbelt-Sektors entscheidend prägen sollte. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht.

Gestern hatte er noch einen Planeten verwaltet. Morgen würde er beginnen, einen ganzen Sektor mitzugestalten. Und obwohl die Aufgabe ungleich größer geworden war, verspürte er keine Furcht. Lediglich jene angenehme Mischung aus Vorfreude und Verantwortung, die ihn immer dann begleitete, wenn er wusste, dass etwas Bedeutendes begann.

Mit diesem Gedanken wandte er sich schließlich von dem Fenster ab. Die Reise hatte noch nicht einmal begonnen, und doch hatte Theranos das Gefühl, gerade das nächste Kapitel eines völlig neuen Lebens aufzuschlagen.


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weiter auf Truuine
 
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T'rsop schritt wild auf seinem Datapad tippend durch die beeindruckenden Hallen und Gänge des Palastes. Sein Ziel war der Hangar. Um ihn herum war eine ganze Traube verschiedener Assistenten und Untergebenen. Ohne diese anzuschauen verteilte der neue Gouverneur Prefsbelt IV Aufgaben und regelte die Zeit seiner Abwesenheit auf dem Planeten, die wegen der Teilnahme an der Gala der kristallen Klänge vor ihnen lag.
"Setz dich mit dem Interims-Statthalter Meiner von Red One zusammen. Spätestens wenn ich wieder von Truuine zurück bin, sollten wir mit der Tunnelerschließung und -planung beginnen. Vorher soll er die Liste mit den Mitgliedern des Ausschusses senden, damit wir sie prüfen können."
"Vereinbart einen Termin in der Zeit nach meiner Rückkehr mit den hohen Vertretern der Wirtschaft und der Banken unseres Planetens."
"Du, organisiere die Befragung und Analyse des Volkes zu einer möglichen Reform des Arbeitswesens."
"Sende mir alle wichtigen Unterlagen zum Nereus-Projekt. Alphabetisch und nicht thematisch geordnet - ich will mich nicht von einer vermeintlich gut gemeinten Vorsortierung zu verfrühten Urteilen leiten lassen."
"Frag die Admiralität des Sektors an, wen wir von denen verstärkt in unsere Werftarbeiten einbinden können."

...
Schließlich waren alle mit Aufgaben versorgt worden und gingen in ihre Büros, trafen sich mit wichtigen Personen und versuchten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Mit
T'rsop allein zurück blieb einzig Gregor Bayl. Die beiden hatten fast den Hangar erreicht. Der Pau'aner reichte dem Legaten und Freund das Datapad, während er selbst sich eine Süßigkeit aus einer seiner Gewandtaschen fischte und genüsslich in den Mund steckte.
"Das war doch für diese kurze Zeit im Dienst doch ein gelungener Einstieg", gratulierte ihm Gregor. T'rsop zuckte die Schultern. Er hätte einiges besser machen können und hatte auch seiner Meinung sehr viel Zeit mit Repräsentation verschwendet.
Am Tag nach dem Ball hatte er seine erste Ansprache an die Bevölkerung als Gouverneur von Prefsbelt IV gehalten. Er hatte mit rhetorischem Augenzwinkern festgestellt, dass er nicht
Theranos sei (er sei um einiges älter und hübscher). Um danach dann ernst zu werden und seine Vision kundzutun von einem erstarkenden und vitalen Gemeinwesen von Prefsbelt IV, welches für das soziale Ökosystem des Sektors und des ganzen Imperiums heilsam und ein Vorbild werden sollte. Von der Wichtigkeit des Einzelnen im großen Ganzen - und des Ganzen als Lebensboden für den einzelnen.
Die platzierten Klatscher der Propaganda leisteten ebenfalls gute Arbeit - auch wenn
T'rsop wusste, dass seine Rede sehr gut war und alle, die nicht prinzipiell gegen ihn eingestellt waren, in eine positiv-hoffnungsvolle Grundstimmung für das Kommende gebracht hatte.

Nun blickte er
Gregor in die Augen: "Es war... passabel."
Nach einer kurzen Pause sprang er dann zum nächsten Thema: "Gregor, ich weiß die Verwaltung und Leitung des Planetens bei dir in guten Händen. Kümmer dich um das laufende Geschäft - und meld dich bei mir über mein Privat-Datapad, sollte der Planet dem Untergang nahe sein. Dann weiß ich, dass ich nicht mehr zurückkommen werde und mein Glück woanders suche."
Dabei blieb T'rsop so ernst, dass Außenstehende es für die Wahrheit hätten halten können. Aber das subtile Kopfnicken in Richtung des Legaten und die leicht aneinandergelehnten Hände ließen den Legaten durch ihre lange Bekannt- und Freundschaft verstehen, dass das wieder einer der schelmischen Scherze des Pau'aners war. Und so grinste er und gelobte: "Natürlich, mein Gouverneur. In diesem Falle würde ich vermelden, dass ich den Untergang verwalte."

Nach ein Paar letzten Instruktionen, verabschiedeten sich die beiden Männer per Handschlag voneinander. Nach einem letzten Hinweis des Legaten, der T'rsop darauf aufmerksam machte, dass er zu diesem Anlass doch seinen Orden und vor allem seine Gouverneurs-Insignien tragen sollte, verdrehte der Gouverneur stöhnend die Augen und heftete sich beides an. In Gedanken diese beiden Anstecker für das potentielle Verschlechtern seiner Körperhaltung verurteilend.

Und so betrat er die private Raumjacht des Moffs. Er wusste ihren Stil zu schätzen - auch wenn sie seinem Geschmack nicht wirklich entsprach.
Bei der Aufforderung, sich wie zu Hause zu fühlen, war sich
T'rsop bewusst, dass er das wohl nur in seinem Zimmer tun sollte. Und nicht in Gemeinschaft der anderen.
Die Reise nach Truuine verlief entspannt und er hatte Zeit, sowohl mit dem Moff ins Gespräch zu kommen - auch wenn er ihn dabei wohl trotz viel Mühe dennoch etwas irritierte - als auch mit
Theranos zu planen, plaudern und zu philosophieren und auch mit den anderen Reisenden Kontakte zu knüpfen.


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An: T’rsop, Gouverneur von Prefsbelt IV
Von: Liena Mariss, Sekretärin des Gouverneurs
Betreff: Aktuelle Entwicklungen in der Werftregion / Geologischer Fund im Zuge der Ausbauarbeiten auf Red One / Kapazitätsengpässe im landwirtschaftlichen Raum Gold One


Sehr geehrter Herr Gouverneur T’rsop,

ich möchte Sie über drei Entwicklungen informieren, die im Laufe der vergangenen Tage an das Büro des Gouverneurs herangetragen wurden und meiner Einschätzung nach Ihre Aufmerksamkeit verdienen. Da ich davon ausgehe, dass Sie die weniger erfreuliche Angelegenheit bevorzugt zuerst hinter sich bringen möchten, beginne ich mit einer Entwicklung im Umfeld des großen Werftkomplexes, die bislang zwar noch keine unmittelbare Gefahr für den Betrieb darstellt, sich ohne rechtzeitiges Eingreifen jedoch zu einem erheblichen lokalen Problem entwickeln könnte.


Meldung 1: Zwischenfälle im Umfeld des Werftkomplexes​

Wie Ihnen aus den Unterlagen zur Entwicklung des Werftstandortes bekannt sein dürfte, ist die Zahl der dort beschäftigten Arbeiter, Techniker, Ingenieure, Zulieferer und sonstigen Beschäftigten mittlerweile auf deutlich über zehntausend Personen angewachsen. Ein erheblicher Teil dieser Menschen lebt unmittelbar am Werftstandort in jener provisorischen Containersiedlung, die ursprünglich lediglich als vorübergehende Unterkunft während der ersten Bauphasen vorgesehen war. Während die eigentlichen Werftanlagen in den vergangenen Monaten mit beträchtlichen finanziellen und materiellen Mitteln erweitert wurden, konnte die zivile Entwicklung des Standortes mit diesem Wachstum bislang nicht Schritt halten. Die Containersiedlung erfüllt ihren grundlegenden Zweck als Wohn- und Versorgungsstandort, bietet ihren Bewohnern außerhalb des Arbeitsalltages jedoch nur sehr begrenzte Möglichkeiten für Einkauf, Freizeit und gesellschaftliches Leben.

Diese Situation hat dazu geführt, dass Beschäftigte der Werft zunehmend die kleinen umliegenden Ortschaften aufsuchen. Besonders betroffen ist eine größere, landwirtschaftlich geprägte Siedlung auf einem erhöhten Plateau außerhalb des eigentlichen Werfttales, deren Bevölkerung gegenwärtig auf etwa viertausend Einwohner geschätzt wird.

Der Ort verfügt über mehrere Gasthäuser, Geschäfte, Handwerksbetriebe und kleinere Dienstleister und hat vom Wachstum der Werft wirtschaftlich durchaus erheblich profitiert. Händler berichten von steigenden Umsätzen, örtliche Gastbetriebe verzeichnen wesentlich mehr Kundschaft als noch vor einigen Montaten, und verschiedene Werkstätten sowie andere Betriebe haben ihre Kapazitäten aufgrund der zusätzlichen Nachfrage bereits erweitert. Mehrere Bewohner vermieten inzwischen Unterkünfte oder bieten Dienstleistungen für Werftbeschäftigte an, sodass die wirtschaftliche Bedeutung des Komplexes für die Ortschaft keineswegs bestritten wird.


Gerade dieser wirtschaftliche Aufschwung geht jedoch zunehmend mit Spannungen einher. Die überwiegende Mehrheit der Werftbeschäftigten verursacht nach vorliegenden Berichten keinerlei Schwierigkeiten, allerdings genügt bei einer Belegschaft dieser Größe bereits ein kleiner Anteil weniger disziplinierter Personen, um regelmäßig für Unmut zu sorgen. Insbesondere an arbeitsfreien Abenden und nach Schichtwechseln reisen größere Gruppen in die Ortschaft, wobei übermäßiger Alkoholkonsum in der Vergangenheit mehrfach zu Lärmbelästigungen, Sachbeschädigungen und kleineren Auseinandersetzungen geführt hat. Beschwerden über achtlos zurückgelassenen Abfall, beschädigte landwirtschaftliche Flächen und rücksichtslos abgestellte Speeder haben ebenfalls zugenommen und das Verhältnis zwischen Teilen der örtlichen Bevölkerung und den Werftarbeitern zunehmend belastet.

Vor wenigen Tagen ist diese bereits länger bestehende Spannung erstmals in größerem Umfang eskaliert. Nach einem zunächst gewöhnlichen Streit vor einem der örtlichen Gasthäuser schlossen sich auf beiden Seiten weitere Personen der Auseinandersetzung an, sodass innerhalb kurzer Zeit mehrere Dutzend Werftarbeiter und Einwohner an einer umfangreichen Schlägerei beteiligt waren.

Mehrere Personen mussten anschließend medizinisch versorgt werden, zudem entstanden Schäden an zwei Gastbetrieben, mehreren Fahrzeugen und verschiedenen Einrichtungen entlang der betroffenen Straße. Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es keinen Hinweis auf eine politisch motivierte Auseinandersetzung oder organisierte imperialfeindliche Aktivitäten; vielmehr scheint es sich um die Eskalation eines seit längerer Zeit schwelenden sozialen Konfliktes gehandelt zu haben.

Der örtliche Ortsvorsteher reagierte darauf mit einem vorläufigen Zutrittsverbot für Beschäftigte der Werft, dessen rechtliche Grundlage derzeit allerdings geprüft wird. Die Situation verschärfte sich anschließend erneut, als einige Werftarbeiter die Ortschaft dennoch aufsuchen wollten und am Ortseingang von einer größeren Gruppe Bewohner aufgehalten wurden. Mehrere landwirtschaftliche Fahrzeuge waren quer über die Zufahrtsstraße gestellt worden, einzelne Einwohner führten persönliche Blaster beziehungsweise zur Abwehr gefährlicher Wildtiere bestimmte Waffen mit sich. Im Verlauf der Auseinandersetzung wurden mindestens zwei Warnschüsse abgegeben, nach gegenwärtigem Kenntnisstand jedoch niemand verletzt.

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass die örtliche Bevölkerung bislang weder die Werft als solche noch deren wirtschaftliche Bedeutung grundsätzlich ablehnt. Ebenso wäre es meines Erachtens falsch, die Beschäftigten des Werftkomplexes insgesamt für das Verhalten einzelner Gruppen allein verantwortlich zu machen. Vielmehr scheint die gegenwärtige Situation auf ein strukturelles Problem hinzuweisen, das bereits während der bisherigen Entwicklung entstanden ist: Der industrielle Ausbau des Standortes ist der Entwicklung seiner zivilen Infrastruktur erheblich vorausgeeilt.

Sollten Sie eine langfristige Lösung anstreben, wäre daher neben der kurzfristigen Befriedung der Situation insbesondere zu prüfen, ob die bislang provisorische Containersiedlung wesentlich schneller als bisher zu einem regulären Wohn- und Versorgungsstandort ausgebaut werden sollte. Zusätzliche Geschäfte, gastronomische Einrichtungen, Freizeitangebote, dauerhafte Wohngebäude und eine geordnete öffentliche Infrastruktur könnten den Druck auf die umliegenden Ortschaften erheblich reduzieren, ohne deren wirtschaftliche Vorteile aus der Nähe zur Werft vollständig zu beseitigen.

Oder man schüttete Geldmittel für die Ortschaften in der Umgebung aus um deren generelle Wirtschaft, Infrastruktur sowie auch das Sicherheitspersonal auszubauen.

Solche Maßnahmen würde zugleich die Attraktivität des Werftstandortes für qualifizierte Arbeitskräfte erhöhen und könnte damit auch unmittelbar im Interesse des weiteren Werftausbaus liegen.

Ich empfehle zunächst Gespräche mit der Werftleitung, Vertretern der betroffenen Ortschaft sowie den zuständigen planetaren Sicherheitsbehörden, bevor dauerhafte Maßnahmen angeordnet werden. Eine gewaltsame Räumung der gegenwärtigen Blockade wäre selbstverständlich möglich, erscheint mir angesichts der bislang vorliegenden Informationen jedoch als unnötige Eskalation eines Problems, das seinen Ursprung weniger in politischem Widerstand als in den Begleiterscheinungen des raschen wirtschaftlichen Wachstums hat.

Alternativ hat sich Legat Bayl dazu bereit erklärt, sich vor Ort um diese Angelegenheit zu kümmern und bittet um Information, wie sie wünschen das Problem anzugehen.


Meldung 2: Geologische Entdeckung im Zuge der Arbeiten auf Red One​

Erfreulicher sind die jüngsten Meldungen aus Red One. Im Rahmen der vorbereitenden Vermessungs- und Ausbauarbeiten für die geplante Erweiterung des dortigen unterirdischen Tunnel- und Verkehrsnetzes wurden in mehreren tieferen Gesteinsschichten mineralische Auffälligkeiten festgestellt. Die daraufhin angeordneten ersten Untersuchungen haben inzwischen bestätigt, dass mindestens eine der angeschnittenen Formationen wirtschaftlich interessante Erzkonzentrationen enthält. Die genaue Größe und Qualität des Vorkommens kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verlässlich angegeben werden, allerdings halten die beteiligten Geologen weitere Untersuchungen ausdrücklich für gerechtfertigt.

Besonders erfreulich ist dabei, dass nach derzeitigem Stand kein grundsätzlicher Konflikt zwischen einem möglichen Abbau und dem geplanten Ausbau des Tunnelsystems bestehen muss. Sollte sich bei den weiteren Vermessungen herausstellen, dass eine der vorgesehenen Haupttrassen unmittelbar durch wirtschaftlich bedeutende Bereiche des Vorkommens führt, ließe sich die betreffende Route nach Einschätzung der beteiligten Planer mit vertretbarem Aufwand verlegen oder entsprechend anpassen. In bestimmten Bereichen wäre sogar denkbar, die ohnehin notwendigen Erschließungsarbeiten teilweise mit späteren Zugängen zu möglichen Abbauanlagen zu verbinden, sofern die geologischen Untersuchungen dies als sinnvoll bestätigen.

Über den unmittelbaren Wert des gefundenen Erzes hinaus halte ich die Entwicklung insbesondere für Red One selbst für interessant. Der Standort besitzt noch immer einen Ruf, der wesentlich stärker von seiner schwierigen Vergangenheit geprägt ist, als es seiner gegenwärtigen Entwicklung gerecht wird. Eine Wiederbelebung des Bergbaus könnte neue Unternehmen, Fachkräfte, Investitionen und zusätzliche Infrastruktur nach Red One bringen und damit einen wirtschaftlichen Impuls schaffen, der weit über den eigentlichen Wert des geförderten Materials hinausgeht. Gerade in Verbindung mit dem geplanten Ausbau des unterirdischen Verkehrsnetzes könnte sich daraus langfristig die Möglichkeit ergeben, Red One wieder stärker als regulären Wirtschafts- und Industriestandort innerhalb Prefsbelt IVs zu etablieren.

Ich empfehle daher, zunächst eine umfassendere geologische Untersuchung des Fundgebietes anzuordnen und vor einer endgültigen Anpassung der Tunnelplanung abzuwarten, welchen Umfang die Vorkommen tatsächlich besitzen. Sollten sich die bisherigen Ergebnisse bestätigen, könnten anschließend Vertreter des Bauwesens, der Wirtschaftsverwaltung und gegebenenfalls geeigneter Bergbauunternehmen gemeinsam prüfen, ob und in welchem Umfang eine wirtschaftliche Erschließung sinnvoll wäre.


Meldung 3: Kapazitätsengpässe im landwirtschaftlichen Raum Gold One

Ergänzend möchte ich Sie noch über eine Entwicklung im Raum Gold One informieren. Die unter Gouverneur Zesh eingeleiteten Fördermaßnahmen sowie die Erweiterung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen haben in den vergangenen Monaten zu einem deutlichen Wachstum der regionalen Produktion geführt. Da ein erheblicher Teil der dortigen Landwirtschafts- und Verarbeitungsbetriebe staatlich geführt wird, sind größere Erweiterungen der bestehenden Infrastruktur genehmigungspflichtig und können nicht eigenständig durch die einzelnen Betriebe vorgenommen werden.

Nach aktuellen Meldungen stoßen insbesondere die vorhandenen Lager-, Kühl- und Umschlagskapazitäten inzwischen zunehmend an ihre Grenzen. Der Verband zur Förderung der Landwirtschaft hat deshalb die Errichtung mehrerer neuer, groß dimensionierter Lager- und Logistikkomplexe im Umfeld von Gold One beantragt. Neben zusätzlichen Lagerflächen sollen dabei auch die Zufahrtswege, Energieversorgung und Transportanbindungen der betroffenen Gebiete verbessert werden, da die bestehende Infrastruktur mit dem gestiegenen Produktionsvolumen zunehmend überfordert ist.

Die entsprechenden Unterlagen wurden bereits an Legat Torven Krail, den zuständigen Legat des Wirtschaftsressorts, weitergeleitet. Legat Kreil hat angekündigt, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen und die beantragten Maßnahmen gemeinsam mit den verantwortlichen Stellen vor Ort prüfen zu lassen.



Eine unmittelbare Entscheidung Ihrerseits ist daher gegenwärtig nicht erforderlich. Ich wollte Sie dennoch über die Entwicklung informieren, da es sich um eine direkte Folge der bisherigen wirtschaftlichen Förderung Gold Ones handelt und bei entsprechender Genehmigung in absehbarer Zeit mit größeren Bau- und Infrastrukturmaßnahmen in der Region zu rechnen ist.


Die entsprechenden Unterlagen, zur ersten Schadensmeldungen aus der Werftregion sowie die vorläufigen geologischen Berichte von Red One und genauere Informationen zu Gold One lasse ich Ihnen gemeinsam mit diesem Bericht im Anhang zukommen .

Hochachtungsvoll

Miss Mariss
Büro des Gouverneurs
Prefsbelt IV


Prefsbelt-Sektor | Prefsbelt IV System | Blue One | Gouverneurs Palast | - Liena Marris
 
Prefsbelt-Sektor | Prefsbelt IV System | Blue One | Gouverneurs Palast | - Liena Marris


Es war bereits spät geworden, als Liena noch immer hinter ihrem Schreibtisch im Vorzimmer des Gouverneurs saß.

Ihr eigener Arbeitsbereich nahm einen guten Teil des Raumes ein, der zugleich als Empfangs- und Wartebereich für jene diente, deren Anliegen tatsächlich bis zum Gouverneur vorgelassen wurden. Mehrere Terminals, Aktenablagen und kleinere Datenarchive füllten die Regale hinter ihr, während auf der gegenüberliegenden Seite einige Sitzgelegenheiten für Besucher bereitstanden. Von hier aus liefen Termine, Nachrichten, Anfragen und nicht selten auch jene Probleme zusammen, die besser gelöst wurden, bevor sie überhaupt den Schreibtisch des Gouverneurs erreichten.

Für heute hatte Liena ihre Liste beinahe vollständig abgearbeitet.

Die Nachricht über die Entwicklungen bei der Werft, auf Red One und in Gold One hatte sie erst vor kurzer Zeit an Gouverneur T’rsop übermittelt. Eigentlich hatte sie bereits vorgehabt, ihre Terminals herunterzufahren und den restlichen Papierkram auf den kommenden Morgen zu verschieben, als eine neue verschlüsselte Nachricht auf ihrem Bildschirm erschien.

T’rsop hatte bereits geantwortet.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Lienas Gesicht, während sie die Nachricht öffnete.
Offenbar teilte ihr neuer Vorgesetzter auf jedenfall schon mal eines mit seinem Vorgänger das Arbeit nicht unnötig lange liegen blieb.
Liena las die Anweisungen aufmerksam durch und machte sich anschließend ohne weiteres Zögern wieder an die Arbeit.

Die Werftleitung erhielt die Weisung, ihre Beschäftigten ausdrücklich auf die Konsequenzen weiterer Übergriffe hinzuweisen. Gleichzeitig leitete Liena die Aufhebung des verhängten Zutrittsverbotes an die zuständigen Stellen weiter und informierte die planetaren Sicherheitsbehörden über die angeordnete, begrenzte Verstärkung ihrer Präsenz in der Region.

Anschließend ließ sie erste Kontakte zu mehreren Veranstaltungs-, Gastronomie- und Cateringunternehmen herstellen, die kurzfristig zusätzliche Angebote in den umliegenden Ortschaften bereitstellen konnten. Die zuständigen Stellen erhielten zugleich den Auftrag, eine begrenzte staatliche Anschubfinanzierung vorzubereiten.

Das größere Treffen zwischen Werftleitung, Ortsvertretern, Sicherheitsbehörden und Verwaltung setzte sie für die Zeit nach der Gala auf die vorläufige Terminplanung.

Auch die übrigen Anweisungen waren rasch weitergeleitet.

Die wissenschaftlichen Teams auf Red One wurden darüber informiert, dass die Untersuchung der neu entdeckten Erzvorkommen fortan erhöhte Priorität besaß. Die Verantwortlichen für den Ausbau des Tunnelsystems sollten ihre Planungen zunächst flexibel halten, bis belastbarere geologische Daten vorlagen.

Gold One hingegen verblieb wie vorgesehen vorerst im Zuständigkeitsbereich von Legat Torven Krail.
Erst nachdem die letzten Nachrichten versandt, Bestätigungen eingegangen und die entsprechenden Vorgänge in das Verwaltungssystem eingetragen worden waren, lehnte sich Liena für einen Moment in ihrem Stuhl zurück.

Über T’rsop wusste sie mittlerweile die wichtigsten Dinge.
Zumindest jene, die für ihre tägliche Arbeit notwendig waren.
Doch das war nicht dasselbe wie bei Theranos Zesh.

Nach längerer gemeinsamer Arbeit hatte sie bei ihrem ehemaligen Gouverneur häufig bereits gewusst, welche Unterlagen er verlangen würde, bevor er selbst daran gedacht hatte, danach zu fragen. Bei T’rsop war sie davon noch weit entfernt.

Das würde sich ändern.

Seine Personalakte allein umfasste Jahrzehnte an Verwaltungs und Beratungstätigkeit, wissenschaftliche wie philosophische Arbeiten und vieles mehr. Mehr als genug Material also, um die eine oder andere ruhige Abendstunde sinnvoll zu verbringen.

Liena war ohnehin nie besonders gut darin gewesen, Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen und sie sowie viele andere waren Gespannt welchen frischen Wind der neue Gouverneur in die Regierung von Prefsbelt IV bringen würde.



Prefsbelt-Sektor | Prefsbelt IV System | Blue One | Gouverneurs Palast | - Liena Marris
 
Prefsbelt IV | Niedriger Orbit | Pilotenquartiere an Bord des Trägerschiffes | Reyan „Vex“ Vexler



Das warme Wasser lief Reyan über Schultern und Rücken, während er mit geschlossenen Augen unter der Dusche stand und die Anstrengung des vergangenen Trainings langsam aus seinen Muskeln wich. Einige Zeit war inzwischen seit dem großen Ball im Gouverneurspalast vergangen, doch gelegentlich musste er noch immer an diesen Abend zurückdenken.

Und was für ein Abend das gewesen war.

Die prächtigen Räumlichkeiten, das hervorragende Essen, die Musik und natürlich die zahlreichen Gäste hatten selbst seine Erwartungen übertroffen. Nachdem der offizielle Teil mit den Auszeichnungen und Beförderungen beendet gewesen war, hatte sich die Stimmung zunehmend gelockert. Reyan hatte mit seinen Kameraden angestoßen, sich angeregt mit Casey unterhalten und später auch die Gelegenheit genutzt, mit der einen oder anderen Dame das Tanzparkett unsicher zu machen. Dass seine frisch verliehene Auszeichnung dabei durchaus Aufmerksamkeit erregt hatte, war ihm selbstverständlich nicht entgangen.

Er musste bei dem Gedanken grinsen. Die Ausgehuniform hatte sich an diesem Abend wirklich bezahlt gemacht.

Besonders die Verleihung des Verdienstordens von Prefsbelt IV war ihm in Erinnerung geblieben. Noch vor wenigen Monaten hatte er sich als vergleichsweise junger Pilot in der Betastaffel beweisen müssen, und nun hatte ihm der Gouverneur persönlich die Hand geschüttelt und ihn vor zahlreichen hochrangigen Persönlichkeiten ausgezeichnet. Zusammen mit seiner Anerkennung als Fliegerass war das ein beachtlicher Schritt gewesen, auf den er durchaus stolz war.

Allerdings war er an diesem Abend nicht der Einzige gewesen, der Grund zum Feiern gehabt hatte.
Kal Andrim.

Sein Rottenführer hatte mit seiner Beförderung zum Captain und den erhaltenen Auszeichnungen einen gewaltigen Karrieresprung hingelegt. Reyan freute sich aufrichtig für ihn, immerhin hatte er in den vergangenen Einsätzen oft genug erlebt, was Kal als Pilot und Offizier leistete. Die beiden waren inzwischen ein eingespieltes Team gewesen, und auch wenn Reyan das vermutlich niemals offen zugegeben hätte, war ihm sein Rottenführer längst mehr als nur ein gewöhnlicher Vorgesetzter.

Unter anderen Umständen, fernab von Dienstgraden und militärischer Hierarchie und so weiter, konnte sich Reyan sogar vorstellen, mit Kal befreundet zu sein.

Gleichzeitig hatte ihn Kals Beförderung aber auch ein wenig gewurmt. Nicht aus Missgunst, denn verdient hatte er sich den Rang zweifellos. Vielmehr war Kal für ihn immer auch ein Maßstab, an dem er seine eigenen Fähigkeiten messen konnte. Jemand, zu dem er aufsah und den er eines Tages übertreffen wollte.
Nun war dieser Mann Captain, mehrfach ausgezeichnet und auf dem Weg nach Truuine, wo er gemeinsam mit hochrangigen Vertretern des Imperiums an einer weiteren Gala teilnehmen würde.

Während Vex hier weiterhin seine Runden drehte.

Reyan schnaubte amüsiert, griff nach dem Duschgel und schüttelte leicht den Kopf. Immerhin war er erst zweiundzwanzig Jahre alt. Es gab genügend Zeit, sich einen Namen zu machen, und die vergangenen Wochen hatten eindrucksvoll bewiesen, dass er auf dem richtigen Weg war.
Trotzdem hätte er gegen ein wenig mehr Abwechslung nichts einzuwenden gehabt.

Seit Kals Abreise war der Dienst für die verbliebenen Piloten der Betastaffel wieder weitgehend in seinen gewohnten Rhythmus zurückgekehrt. Die üblichen Kontrollen, Bereitschaftsdienste, kleinere Übungen und gelegentliche Simulatorstunden bestimmten den Tagesablauf, während sie auf weitere Anweisungen warteten. Nach den Ereignissen über Red One war diese Ruhe sicherlich nicht das Schlechteste, doch für jemanden wie Reyan verlor selbst ein angenehmer Tag irgendwann seinen Reiz.

Zumindest hatte er dadurch wieder ausreichend Gelegenheit, sich seinem Training zu widmen.

Auch heute hatte er mehrere Stunden im Sportraum verbracht. Ein ausgiebiges Aufwärmprogramm, Lauftraining, Kraftübungen und anschließend eine ordentliche Einheit für Beweglichkeit und Dehnung. Das lange Sitzen im Cockpit machte sich schließlich auch bei einem jungen, sportlichen Piloten bemerkbar, und Reyan hatte wenig Interesse daran, irgendwann wie einer jener älteren Offiziere herumzulaufen, die bereits beim Aufstehen aus einem Sessel Geräusche von sich gaben, die eher zu einem beschädigten Repulsorlift passten.
Nach einem letzten Schwall warmen Wassers stellte er die Dusche ab, griff nach einem Handtuch und trocknete sich ab.



Wenig später betrat er den Wohnbereich seines Quartiers, noch immer damit beschäftigt, sich die hellbraunen Haare trocken zu rubbeln. Seine Trainingskleidung landete in der vorgesehenen Ablage, bevor er sich frische Unterwäsche und ein schlichtes Diensthemd aus dem Schrank nahm. Während er sich anzog, wanderte sein Blick kurz zu dem Verdienstorden, den er nach dem Ball sorgfältig verwahrt hatte.

Ein kleines, zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er würde schon noch dafür sorgen, dass weitere Auszeichnungen dazukamen.
“Die erste von vielen”, sagte er und schloss den Schrank.

Gerade als er sich auf die Bettkante setzen wollte, ertönte ein dezenter Signalton von seinem dienstlichen Datapad.
Reyan blickte auf.

Zunächst schenkte er dem Gerät wenig Aufmerksamkeit. Vermutlich irgendeine Dienstplanänderung, eine weitere Bereitschaftsmeldung oder eine jener administrativen Mitteilungen, die grundsätzlich dann eintrafen, wenn man gerade etwas anderes vorhatte.
Er nahm das Datapad vom Schreibtisch und aktivierte die Anzeige.

Doch statt einer gewöhnlichen Mitteilung erschien das Siegel des imperialen Oberkommandos auf dem Bildschirm. Darunter blinkte ein Hinweis, dass eine persönlich adressierte, verschlüsselte Nachricht eingegangen war.

Reyan hob überrascht die Augenbrauen.
„Na, was haben wir denn da?“, murmelte er und setzte sich nun doch auf die Bettkante.

Er bestätigte seine Dienstkennung und durchlief die erforderliche Authentifizierung. Nach wenigen Augenblicken wurde die Übermittlung entschlüsselt und eine förmliche Personalverfügung aufgerufen.
Sein Blick wanderte zunächst über den Absender, anschließend über die Betreffzeile.

Eignungsfeststellung für eine militärische Sonderverwendung.

Jetzt war seine Aufmerksamkeit geweckt.
Reyan richtete sich etwas auf und begann, die Nachricht sorgfältig zu lesen.

Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er aufgrund seiner bisherigen dienstlichen Leistungen für ein gesondertes Auswahlverfahren des imperialen Oberkommandos vorgemerkt worden war. Er wurde angewiesen, sich zu einem festgelegten Termin persönlich bei einer zuständigen Dienststelle einzufinden, wo seine Eignung für eine weiterführende militärische Verwendung festgestellt werden sollte.

Weitere Informationen über den konkreten Zweck würden ihm erst nach seiner Ankunft mitgeteilt werden. Außerdem enthielt die Verfügung einen ausdrücklichen Hinweis auf die Vertraulichkeit des Vorgangs.



Reyan las die Nachricht ein zweites Mal und lehnte sich langsam dann zurück.
Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Na, sieh mal einer an.“

Das war interessant. Verdammt interessant sogar.
Eine persönliche Verfügung des Oberkommandos, eine gesonderte Auswahl und eine mögliche Sonderverwendung. Das klang ganz danach, als würde man irgendwo neue Kräfte für eine besonders anspruchsvolle militärische Aufgabe zusammenstellen.
Vielleicht eine neue Eliteformation des Sternenjägerkorps? Eine spezialisierte Kampfstaffel für besonders gefährliche Einsätze? Möglicherweise sogar eine Verwendung unmittelbar an der Front, wo er endlich Gelegenheit bekommen würde, sich mit anderen Piloten zu messen.
Die Vorstellung gefiel ihm ausgesprochen gut.

Seine Gedanken wanderten beinahe automatisch zu Kal.

Ob sein frisch beförderter Captain bei der Sache die Finger im Spiel hatte? Vielleicht hatte er Reyan irgendwo empfohlen oder bei einem Gespräch mit wichtigen Offizieren seinen Namen fallen lassen. Andererseits hatten seine Leistungen über Prefsbelt IV durchaus für sich gesprochen, und seine jüngste Auszeichnung dürfte ebenfalls ihren Weg in die entsprechenden Personalakten gefunden haben.

Vielleicht hatte das Oberkommando also ganz von selbst erkannt, dass man einen Piloten wie ihn besser nicht dauerhaft mit gewöhnlichen Patrouillen beschäftigen sollte.
Reyan grinste bei diesem Gedanken noch etwas breiter.
Die Wahrheit würde er schon irgendwann erfahren.
Er stellte sich bereits vor, wie Kal irgendwann von seiner neuen Verwendung erfuhr. Während der Herr Captain auf Truuine mit Gouverneuren und anderen hohen Persönlichkeiten verkehrte und später wer weiß wo. Würde sein ehemaliger Flügelmann vielleicht schon bald für irgendeine speziell ausgesuchte Kampfeinheit fliegen.

Das wäre doch etwas.

Und wenn er eines Tages mit weiteren Abschüssen, einem zusätzlichen Orden oder vielleicht sogar einer eigenen Beförderung vor ihm stand, würde Kal sicherlich erkennen müssen, dass sein ehemaliger Beta Neun ebenfalls nicht untätig geblieben war.
Reyan schmunzelte und schüttelte über seine eigenen Gedanken leicht den Kopf.

Noch war überhaupt nichts entschieden. Die Nachricht sprach ausdrücklich von einer Eignungsfeststellung, und selbst sein ausgeprägtes Selbstvertrauen änderte nichts daran, dass er zunächst einmal das Auswahlverfahren bestehen musste. Immerhin hatte man ihn noch nicht einmal darüber informiert, wofür er eigentlich ausgewählt werden sollte.
Doch allein die Tatsache, dass sein Name offenbar in irgendeiner höheren Dienststelle Aufmerksamkeit erregt hatte, war Grund genug, sich darüber zu freuen.



Er stand auf, trat an seinen Schreibtisch und legte das Datapad darauf ab. Anschließend rief er seine bevorstehenden Dienstverpflichtungen auf, um sich einen Überblick über die nächsten Tage zu verschaffen.
Eine Reise stand bevor, und bis zum angegebenen Meldetermin würde er dafür sorgen müssen, dass seine persönlichen Angelegenheiten geregelt waren. Auch die erforderliche dienstliche Abmeldung würde er rechtzeitig veranlassen.

Die verbleibende Zeit wollte er allerdings keineswegs ungenutzt verstreichen lassen.

Wenn das Oberkommando tatsächlich nach besonders geeigneten Piloten suchte, würde er dafür sorgen, dass seine Fähigkeiten keinen Anlass zu Zweifeln boten. Zwar wusste er nicht, welche Prüfungen ihn erwarteten, doch gerade deshalb erschien es ihm sinnvoll, seine bisherigen Kenntnisse noch einmal gründlich aufzufrischen.

Einige zusätzliche Simulatorstunden konnten jedenfalls nicht schaden. Anspruchsvolle Abfangmanöver, wechselnde Gefechtssituationen, Flüge unter erschwerten Bedingungen und vielleicht ein paar Übungen, bei denen selbst erfahrene Piloten ordentlich ins Schwitzen kamen. Besonders die taktischen Möglichkeiten seines TIE/ba wollte er sich noch einmal genauer ansehen, um die Maschine noch besser kennenzulernen. Er kannte seine Maschine inzwischen ausgesprochen gut, doch zwischen einem hervorragenden Piloten und einem wirklichen Meister seines Handwerks lagen manchmal nur wenige Sekunden und das Wissen, wie man die vorhandenen Systeme im entscheidenden Moment richtig einsetzte. Vielleicht würde er sich ein bisschen mehr mit den Mechanikern zusammen tun.

Auch die theoretischen Grundlagen würde er sich noch einmal vornehmen. Dienstvorschriften, Einsatzbefehle, Formationsmanöver und die taktischen Verfahren des Sternenjägerkorps. Vieles davon beherrschte er längst, anderes hatte sich im Laufe der Zeit etwas in den Hintergrund geschoben. Immerhin wollte er bei einer möglichen Befragung nicht dastehen wie ein frisch ausgebildeter Kadett.

Dazu kam natürlich das körperliche Training. Ein paar zusätzliche Einheiten im Sportraum, etwas mehr Ausdauer und vielleicht wieder regelmäßiger an seiner Beweglichkeit arbeiten. Er war bereits in hervorragender Verfassung, doch das war schließlich kein Grund, sich darauf auszuruhen.
Bei aller Begeisterung war ihm durchaus bewusst, dass er sich nicht innerhalb dieses Zeitraums auf jede denkbare Herausforderung vorbereiten konnte. Aber er konnte zumindest dafür sorgen, dass er mit einem guten Gefühl zu diesem Auswahlverfahren erschien.

Für einen Moment betrachtete er noch einmal die verschlüsselte Verfügung. Was auch immer ihn dort erwartete, er würde so vorbereitet erscheinen wie es nur möglich war.
Vielleicht bedeutete dieser Auftrag endlich den nächsten Schritt seiner Laufbahn. Neue Kameraden, neue Herausforderungen und mit etwas Glück eine Maschine, mit der er sein Können unter noch anspruchsvolleren Bedingungen unter Beweis stellen konnte.

Reyan nahm das Datapad wieder in die Hand und bestätigte den Empfang der Verfügung.
Anschließend legte er es mit einem zufriedenen Lächeln zurück auf den Schreibtisch.

„Tja, irgendjemand muss den Laden schließlich am Laufen halten“, meinte er leise zu sich selbst und strich sein Diensthemd glatt.

Während er sich noch einmal durch die Haare fuhr, war seine Laune bereits deutlich gestiegen.
Kal mochte inzwischen Captain sein und auf Truuine seinen wohlverdienten Ruhm genießen. Reyan gönnte ihm das von Herzen.

Aber vielleicht war jetzt auch für ihn die Gelegenheit gekommen, den nächsten Schritt zu machen.
Und eines stand für ihn ohnehin fest.
Jeder brauchte einen Vex.

Offenbar hatte man das inzwischen sogar beim Oberkommando begriffen.



Prefsbelt IV | Niedriger Orbit | Pilotenquartiere an Bord des Trägerschiffes | Reyan „Vex“ Vexler
 
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Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ZPlatz vor dem Gouverneurspalast ║ Agent Kreeger, Gouverneur Zesh, Moff Vayliuar und Bevölkerung sowie Robert Kern [NPC] Δ​

Das Zischen der Laseraxt war auf dem Platz selbst kaum mehr als ein kurzer, scharfer Laut gewesen, doch die Hologlide-J57-Droiden fingen ihn ebenso zuverlässig ein wie den Moment, in dem Robert Kerns Körper seine letzte Spannung verlor. Auf den schwebenden Projektionsflächen vervielfachte sich sein Tod über Prefsbelt City hinweg, vergrößert, gesäubert von jeder Distanz, die den Anwesenden vielleicht erlaubt hätte, das Geschehen als etwas Abstraktes zu behandeln. Einen Augenblick lang lag über dem gewaltigen Platz eine Stille, deren Vollkommenheit beinahe künstlich wirkte. Selbst dort, wo zehntausende Wesen dicht an dicht standen, schien sich niemand zu bewegen. Nerio Kreeger applaudierte nicht.
Sein Blick ruhte auf der Plattform und jenem Rest eines Mannes, der noch vor vergleichsweise kurzer Zeit über diesen Planeten verfügt hatte, während in seinem Kopf bereits eine nüchternere Bilanz entstand als jene, die der Moff soeben verkündet hatte.
Robert Kern war tot. Damit war eine Strafe vollzogen, ein politisches Symbol geschaffen und eine der ergiebigsten noch lebenden Quellen zu den inneren Verbindungen des alten Regimes unwiderruflich beseitigt worden.

Drei Ergebnisse eines einzigen Axthiebs. Welches davon das wichtigste gewesen war, würde sich vermutlich erst später zeigen. Moff
Vayliuars Beharren auf einem förmlichen Verfahren hatte Kreeger durchaus verstanden. Institutionen, die Recht allein durch Willkür ersetzten, erzeugten langfristig dieselbe Art von pathologischem Gewebe wie korrupte Verwaltungen: Entscheidungen verloren ihre Nachvollziehbarkeit, Verantwortlichkeiten verschwammen und irgendwann wusste niemand mehr, ob ein Eingriff aus Notwendigkeit oder persönlicher Laune erfolgt war. Selbst ein eindeutiger Fall profitierte von einem geregelten Verfahren, weil Ordnung nur dann dauerhaft wirkte, wenn sie reproduzierbar blieb und die Trennschärfe eines Laserskalpells besaß. Dennoch hatte man einen Patienten aufgeschnitten, bevor die Anamnese abgeschlossen war.
Kern hätte Namen gekannt. Er hätte gewusst, welche Wirtschaftsvertreter mehr als bloße Profiteure gewesen waren, welche Beamten bewusst geholfen und welche lediglich verstanden hatten, wann es klüger war, eine Akte nicht noch einmal zu öffnen. Er hätte beantworten können, ob Sellia Dray eine Architektin, eine Verwalterin oder selbst nur ein besonders wertvolles Werkzeug gewesen war. Vielleicht hätte er gewusst, weshalb Kaas Solutions ausgerechnet jene Module geliefert hatte, die unter der Bezeichnung dekorativer Sichtschutz tief unter Blue One in einem weiterhin gepflegten Umschlagkomplex lagerten. Und vor allem hätte Kern gewusst, wer rechtzeitig aufgehört hatte, ihm loyal zu sein.

Diese Frage beschäftigte
Kreeger inzwischen fast mehr als die nach Kerns Helfern. Wer hatte ihn verkauft? Ein Netzwerk wie das seine brach selten zusammen, weil plötzlich alle Beteiligten ihr Gewissen entdeckten. Irgendjemand musste erkannt haben, dass Robert Kern vom Schutzfaktor zum Risiko geworden war. Vielleicht hatte dieser Jemand Informationen angeboten, um die eigene Position im neuen Gefüge zu sichern. Vielleicht waren es mehrere gewesen, jeder mit einem kleinen Stück Wahrheit, sorgfältig bemessen, damit der ehemalige Gouverneur tief genug fiel und die Hand, die ihn gestoßen hatte, außerhalb des Blickfelds blieb. Eine Exekution konnte deshalb ebenso gut eine Säuberung des politischen Körpers darstellen wie eine Kauterisation: Man verbrannte die sichtbare Wunde und hoffte, dass niemand mehr fragte, wie tief der Fremdkörper eigentlich saß.

Dann erhoben sich die ersten Stimmen. Agent
Kreegers Aufmerksamkeit löste sich von der Plattform.

„Für Prefsbelt!“

Ein zweiter Ruf antwortete von einer anderen Stelle des Platzes, aufgrund seiner Größe war es ihm unmöglich über die Köpfe hinweg den dazu passenden Mund ausfindig zu machen.

„Für das Imperium!“

Weitere Stimmen griffen die Worte auf, zunächst vereinzelt, dann schneller, bis sich der Ruf über die Menge legte und mit jeder Wiederholung an Volumen gewann. Zehntausende Kehlen nahmen ihn auf. Arme wurden erhoben, Hände schlugen gegeneinander, und binnen weniger Atemzüge verwandelte sich die eben noch vollkommen schweigende Masse in etwas, das nach spontaner gemeinsamer Erleichterung aussah. Der ISB Agent beobachtete die Ausbreitung mit schmalem Blick. Spontanität besaß selten eine derart saubere Geometrie.
Die ersten Rufe waren an verschiedenen Punkten des Platzes entstanden, weit genug voneinander entfernt, um wie voneinander unabhängige Impulse zu wirken, nah genug an den dichtesten Zuschauerblöcken, damit jede einzelne Stimme sofort Anschluss fand. Beamte, Veteranen, Arbeiter, einige augenscheinlich gewöhnliche Bürger. Niemand war auffällig genug, um wie ein professioneller Agitator zu wirken. Sehr ordentlich.
Er konnte nicht sagen, wer die Vorbereitung organisiert hatte, und er hatte keinen Anlass, sie grundsätzlich zu missbilligen. Die Wirkung war offenkundig. Ein politischer Organismus reagierte auf Impulse kaum anders als ein biologischer; entscheidend war, den Reiz an der richtigen Stelle zu setzen und anschließend den Körper die eigentliche Arbeit verrichten zu lassen.

Konfetti löste sich über dem Platz, blau, weiß und cremefarben, und schwebte durch die Luft, während die ersten Töne der Festhymne zwischen den Fassaden widerhallten. Für wenige Sekunden betrachtete
Kreeger das Bild fast mit professioneller Anerkennung. Man hatte aus einer Enthauptung einen Übergangsritus geschaffen. Kern war nicht einfach gestorben, sein Tod war zum letzten sichtbaren Träger einer Krankheit erklärt worden, die damit öffentlich als behandelt gelten durfte.
Dann trat Gouverneur
Zesh an die Brüstung. Kreeger hatte den Gouverneur und Nachfolger Kerns bislang vor allem über Akten, Aussagen und die Berichte anderer kennengelernt. Nun beobachtete er ihn in jener Umgebung, in der Politiker ihren eigentlichen Wert zeigten: vor einer Menge, deren Erwartungen sie selbst zu formen versuchten. Zesh sprach über Korruption, Eigennutz, missbrauchtes Vertrauen und verlorene Chancen. Über Verantwortung und Gemeinwohl. Begriffe, die auf einem Platz wie diesem weniger wegen ihres semantischen Gehalts wirkten als durch die emotionale Ordnung, in die sie das Erlebte zwangen. Kreeger hörte aufmerksam zu und bemerkte zugleich, wie geschickt der Gouverneur die Vergangenheit auf Kern und dessen Epoche konzentrierte. Das Leiden bekam einen Namen und die Schuld bekam ein Gesicht, das sich von seinem Rumpf verabschiedet hatte. Die Gegenwart erhielt dadurch die Möglichkeit, sich als dessen Gegenteil zu definieren. Ein politisch sauberes Verfahren. Medizinisch voreilig.
Als
Zesh vom Beginn eines neuen Zeitalters sprach, glitt Kreegers Blick über den Platz hinweg zum Palast, dann weiter zu den Fassaden von Blue One. Irgendwo unter diesen Gebäuden liefen Tunnel, deren Existenz in keinem öffentlichen Lageplan stand. Dort unten lagen neu verplombte Container, Kommunikationsmodule und Abschirmsysteme, deren aktuelle Zeitstempel bewiesen, dass die Infrastruktur Kerns dessen Sturz überlebt hatte. In den Verwaltungssystemen existierten weiterhin Bereinigungsschleifen. Alte Prioritätsmarker lösten noch immer automatisierte Reaktionen aus. Siallé Yrda - wer immer sie letztlich war - hatte nach Kerns Fall geprüft, ob das Verfahren noch atmete. Hier oben erklärte der aktuelle Gouverneur derweil den Patienten für genesen. Kreegers Gesicht verriet nichts. Er empfand dabei keinen Spott. Zesh musste regieren. Eine Bevölkerung konnte nicht auf unbestimmte Zeit unter Ausnahmebedingungen gehalten werden, während der Sicherheitsapparat jede hypothetische Verbindung bis in die dritte Generation untersuchte. Gesellschaften verlangten nach Normalität, selbst wenn Normalität zunächst nur eine politische Behauptung war. Aus diesem Grund hörte Kreeger besonders aufmerksam zu, als Zesh die Aufhebung der Sondermaßnahmen ankündigte. Sondermaßnahmen, die es dem ISB ermöglichten besonders weitreichende Recherchen durchzuführen. Interessant.

Der Jubel, der daraufhin über den Platz brandete, war diesmal nicht anzustoßen nötig. Er entstand unmittelbar und mit jener rohen Erleichterung, die man nicht organisieren musste.
Kreeger betrachtete die Menschen um sich. Da war sie also: die Therapie des neuen Gouverneurs, genannt Entlastung. Zesh gab dem Planeten das Gefühl zurück, wieder atmen zu können. Aus politischer Sicht vermutlich notwendig. Aus Sicht eines Nachrichtendienstlers bedeutete dieselbe Entscheidung zugleich, dass Bewegungsräume größer, Kontrollen dünner und bestehende Netzwerke schwerer zu greifen werden würden. Kreeger musste beinahe über die medizinische Ironie lächeln. Man nahm dem Patienten die bactagetränkte Antibiotika, weil das Fieber gesunken war, während die Blutkultur noch positiv ausfiel. Das konnte gutgehen. Es konnte auch sehr lehrreich werden.

Seine Aufmerksamkeit verlagerte sich auf den Balkon, als
Zesh den Ball des kommenden Abends ankündigte. Diesmal nahm der Satz für Kreeger eine andere Bedeutung an als für die jubelnde Menge. Dort unten begann die Bevölkerung bereits zu feiern. Dort oben bereitete man die gesellschaftliche Elite auf denselben Übergang vor. Der öffentliche Platz und der Ballsaal waren damit zwei Hälften desselben politischen Eingriffs. Hier bekam Prefsbelt IV Gerechtigkeit, Abschluss und die Rückkehr zur Normalität präsentiert. Am Abend würde die neue Ordnung sich selbst betrachten: Beamte, Wirtschaft, Militär, vermögende Familien, gesellschaftliche Vermittler und jene Menschen, die erstaunlicherweise jede politische Epoche überlebten, solange sie wussten, wann sie das richtige Glas auf den richtigen Gouverneur erhoben. Irgendwo zwischen ihnen würde Mirelle Kaas stehen. Dieser Gedanke war beinahe angenehmer als die Aussicht auf den Empfang selbst. Kreeger kannte inzwischen ihre Firma, ihre Lieferungen, ihre gesellschaftliche Stellung und einige jener Überschneidungen, die noch keine Anklage trugen, wohl aber genug Pathologie, um eine Untersuchung zu rechtfertigen. Was ihm fehlte, war die Frau hinter den Verbindungen. Wie sie sprach. Wen sie suchte. Wen sie mied. Welche Namen bei ihr nur ein gesellschaftliches Lächeln und welche einen kaum sichtbaren Wechsel im Atem verursachten. Akten waren geduldig. Menschen waren es seltener.

Sein Datenpad vibrierte einmal an seinem Gürtel.
Kreeger zog es hervor und schirmte die Anzeige mit dem Körper gegen die unmittelbar neben ihm stehenden Zuschauer ab. Eine einzige verschlüsselte Statusmeldung aus dem Zentralgebäude des ISB war eingegangen.

DRAY, SELLIA – TRANSFER ABGESCHLOSSEN. SICHERUNGSSTATUS: AUREK GRÜN. WEITERE ANWEISUNGEN AUSSTEHEND.

Für einen Augenblick verharrte sein Daumen über der Anzeige. Dann schloss er die Nachricht. Sellia Dray saß also inzwischen im Zentralgebäude, während Robert Kern tot hinter einer Reihe Sturmtruppen lag und für den Weitertransport vorbereitet wurde. Mirelle Kaas würde in wenigen Stunden in einem Ballsaal stehen, quasi auf einem Electrumtablett. Drei Menschen an drei vollkommen unterschiedlichen Orten, verbunden durch ein System, dessen tatsächliche Gestalt Kreeger noch immer nur in Ausschnitten kannte.

Auf dem Balkon erhob
Zesh ein letztes Mal die Stimme.

„Lang lebe Prefsbelt IV!“

Zehntausende antworteten.

„LANG LEBE PREFSBELT IV!“

„Lang lebe der Prefsbelt-Sektor!“

Wieder rollte die Antwort über den Platz, so mächtig, dass Agent Kreeger sie mehr in seinem Brustkorb spürte, als dass er sie hörte.

Dann der letzte Ruf.


„Lang lebe das Galaktische Imperium!“

Kreeger bewegte die Lippen mit der Menge und sprach die Worte leise genug mit, dass niemand in seiner unmittelbaren Umgebung Anlass gehabt hätte, seine Loyalität zu hinterfragen. Über ihm setzte die Musik erneut ein, Konfetti verfing sich an den Schulterstücken seiner Uniform, und auf den riesigen Projektionsflächen wurden Gouverneur Zesh und Moff Vayliuar in jener sorgfältigen Perspektive gezeigt, aus der Macht stets größer, geschlossener und gesünder wirkte, als sie aus der Nähe tatsächlich war. Nerio hob eine Hand, entfernte einen cremefarbenen Papierstreifen von seiner Schulter und ließ ihn zwischen den Fingern zu Boden gleiten. Die Menschen um ihn herum feierten das Ende einer Krankheit. Er hingegen dachte an die Tunnel unter Blue One, an S.D.-4, an Renvers, Siallé Yrda, an Sellia Dray in einem fensterlosen Raum des ISB und an die Witwe, die am Abend vermutlich mit einem Glas in der Hand durch den Gouverneurspalast schreiten würde.

Robert Kern war tot. Seine Symptome waren es nicht. Vielleicht, dachte Kreeger, während er sich langsam aus der jubelnden Menge löste und in Richtung der vorgefertigten Wege zum Ball entlangschritt, lag genau darin der eigentliche Wert dieser Hinrichtung: Der sichtbarste Teil des kranken Gewebes war entfernt worden. Alles, was jetzt noch reagierte, konnte sich nicht länger hinter ihm verstecken.


Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ZPlatz vor dem Gouverneurspalast ║ Agent Kreeger, Gouverneur Zesh, Moff Vayliuar und Bevölkerung Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Gouverneur Zesh, Moff Vayliuar, Dr. T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​

Der Weg in den Festsaal des Gouverneurspalastes hatte Nerio Kreeger durch jene Räume geführt, in denen Macht nicht mehr durch Sturmtruppen, Sperrzonen oder versiegelte Türen sichtbar gemacht wurde, sondern durch Marmor, Licht und die selbstverständliche Verschwendung von Dingen, deren Wert gerade darin bestand, dass niemand hier nach ihm fragen musste. Kristallene Leuchtkörper warfen warmes Licht über hohe Säulen und spiegelnde Böden, Diener bewegten sich mit beinahe geräuschloser Präzision zwischen Uniformen, Abendkleidern und den diskreten Abzeichen jener Personen, deren Einfluss keinen Rangcode benötigte. Auf langen Tafeln standen Speisen, die auf einer Welt wie Prefsbelt IV in manchen Bezirken vermutlich eine Familie über mehrere Wochen ernährt hätten. Nichts daran war ungewöhnlich für einen imperialen Empfang. Wenige Stunden zuvor hatte Robert Kern noch auf einem Podest gekniet, jetzt wurde getrunken. Der Gedanke besaß nichts Moralisierendes. Agent Kreeger empfand weder Abscheu noch jene sentimentale Empörung, mit der manche Menschen Luxus erst dann entdeckten, wenn er neben Elend gestellt wurde. Ihn faszinierte vielmehr die Geschwindigkeit, mit der ein politischer Organismus von Exekution zu Feier wechseln konnte, solange beide Vorgänge derselben Erzählung dienten. Auf dem Platz hatte man den kranken Teil des Körpers öffentlich entfernt, hier im Palast demonstrierte man bereits, wie gesund der verbleibende Organismus wieder zu sein gedachte. Ein Totenschmaus, dachte er, nur dass niemand um den Toten trauerte.

Er nahm ein schmales Glas von einem vorbeiziehenden Tablett, ohne mehr als einen ersten Schluck zu trinken, und ließ den Blick über den Saal wandern. Vertreter der Verwaltung standen mit Unternehmern zusammen, Offiziere mit Politikern, alte Vermögen neben neuen Gesichtern, und immer wieder jene Menschen dazwischen, deren eigentliche Funktion sich nicht in ihrer offiziellen Stellung erschöpfte. Vermittler. Türöffner. Erinnerungsträger. Wesen, die jeden Regierungswechsel überlebten, weil sie schnell genug verstanden, welcher Name gerade ausgesprochen und welcher besser vergessen wurde. Master Agent
Corvin Threx hatte ihm keinen komplizierten Auftrag erteilt. Mirelle Kaas beobachten. Kontakt herstellen. Reaktionen gewinnen. Es sollte nicht in einer offenen Befragung oder gar erkennbaren Drohung ausarten. Sie sollte sich am Ende des Abends geschmeichelt, vielleicht neugierig, im besten Fall ein wenig wichtiger fühlen als zuvor. Verdacht war ein Medikament, das man in zu hoher Dosis nur einmal verabreichen konnte.

Kreeger entdeckte sie zum ersten Mal nahe einer Gruppe wirtschaftlicher Würdenträger, leicht seitlich zum Zentrum des Saals, dort, wo Menschen standen, die gesehen werden wollten, ohne den Eindruck zu erwecken, sie suchten Aufmerksamkeit. Mirelle Kaas entsprach den Bildern in den Akten und doch nicht ganz. Holo-Fotografien reduzierten Menschen auf die Summe ihrer sichtbaren Merkmale. Erst Bewegung verriet ihre eigentliche Anatomie. Sie lachte sparsam, wandte sich Gesprächspartnern vollständig zu und besaß jene elegante Aufmerksamkeit, mit der vermögende Menschen anderen das Gefühl vermitteln konnten, für einige Minuten tatsächlich interessant zu sein. Kreeger näherte sich nicht.Noch nicht.
Zwischen ihm und
Kaas stand ein halbes Dutzend gesellschaftlicher Schichten, und jede davon hatte ihre eigene Logik. Ein Legat begrüßte sie. Zwei Unternehmer wechselten mit ihr einige Worte. Ein Offizier wurde vorgestellt. Eine ältere Dame mit einem Vermögen, das vermutlich mehrere kleinere Monde hätte ruinieren können, hielt sie fast fünf Minuten fest. Kreeger beobachtete stumm, versuchte kein Aufsehen zu erregen, was aufgrund seiner Uniform sicherlich leichter gesagt war, als getan. Wer berührte ihren Arm? Bei wem wurde das Lächeln breiter? Wem gewährte sie nur Höflichkeit? Wer musste sich vorstellen und wer nicht? Er bewegte sich langsam durch den Saal, wechselte selbst einige unverbindliche Worte, ließ sich einmal vorstellen, entzog sich ein anderes Mal einem Gespräch, bevor es lang genug wurde, um lästig zu werden. Zweimal öffnete sich der Raum um Kaas, zweimal schloss er sich wieder, ehe er sie erreichen konnte. Beim zweiten Mal bemerkte sie ihn immerhin.

Nur einen Blick. Beim dritten Versuch ergab sich der Zugang beinahe zufällig, und
Kreeger wusste aus Erfahrung, dass die besten arrangierten Zufälle diejenigen waren, die niemand als solche erkannte. Ein Wirtschaftsvertreter verabschiedete sich, eine Dame wurde von einem anderen Gast fortgeführt, und plötzlich stand Kaas für einige Sekunden allein mit einem Glas in der Hand und dem Blick auf einen Saal gerichtet, den sie vermutlich besser kannte als manche seiner derzeitigen Hausherren. Kreeger trat neben sie, hielt jedoch genügend Abstand, um ihr die Entscheidung zu lassen, ob daraus ein Gespräch werden sollte.

„Frau Kaas.“

Sie wandte sich ihm zu.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“

Er deutete eine leichte Verbeugung an.


„Agent Kreeger mein Name, ISB.“


„Ihre Behörde besitzt die charmante Eigenschaft, einen Raum interessanter zu machen, sobald eines ihrer Mitglieder ihn betritt.“


„Das würde einige meiner Kollegen außerordentlich freuen.“

Ein kurzes, joviales Lächeln umspielte ihre Lippen. Gut.

„Ich fürchte nur“, fuhr er fort, „wir haben heute Abend kaum Gelegenheit, mit unserer üblichen Attraktivität zu glänzen. Der Gouverneur hat sich bemerkenswert viel Mühe gegeben.“

Kaas
ließ den Blick durch den Saal schweifen. „Nach den letzten Monaten darf man ihm einen gewissen Hang zur Symbolik wohl verzeihen.“

„Symbolik ist selten kostenlos.“

„Auf Prefsbelt schon gar nicht.“

Da war sie. Nicht der Inhalt. Der Ton.
Kreeger lächelte mild.

„Ihre Firma dürfte das besser wissen als die meisten.“

Sie sah ihn nun wieder an. Keine sichtbare Alarmreaktion. Kein abruptes Erstarren. Nur eine winzige Verlängerung der Aufmerksamkeit.

„Kaas Solutions liefert seit vielen Jahren auf diesem Planeten.“

„Unter mehreren Regierungen.“

„Das ist bei erfolgreichen Unternehmen häufig der Fall.“


„Eine sehr gesunde Eigenschaft.“

Sie hob eine Braue.
„Gesund?“

„Anpassungsfähigkeit.“
Er nahm einen kleinen Schluck. „In der Medizin ist sie Voraussetzung des Überlebens. In der Wirtschaft offenbar ebenfalls.“

„Und im ISB?“

„Dort nennen wir es Karriere.“


Diesmal lachte sie tatsächlich.
Kreeger ließ ihr den Moment.

„Sie kannten Robert Kern gut?“


Die Frage fiel so beiläufig, dass sie fast zwischen Musik und Stimmengewirr verschwunden wäre.


„Jeder kannte Gouverneur Kern.“


„Das war nicht meine Frage.“


Ein Herzschlag. Dann dieses gesellschaftlich makellose Lächeln.


„Gut genug, um mit seiner Verwaltung Geschäfte zu machen. Nicht gut genug, um für seine Entscheidungen verantwortlich zu sein.“


„Eine beneidenswert klare Trennlinie.“

„Eine notwendige.“


Kreeger betrachtete einen vorbeiziehenden Diener, als interessiere ihn plötzlich dessen Tablett mehr als seine Gesprächspartnerin. „Kaas Solutions erhielt damals einige ungewöhnlich kurzfristige Aufträge. Sichtschutzsysteme. Modulare Abschirmungen. Veranstaltungsbedarf.“

„Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“


„Ich hatte strenge Lehrer.“


„Dann wissen Sie sicher auch, dass solche Aufträge über die Beschaffungsstelle liefen.“


Sellia Dray. Kreeger wandte den Kopf langsam zurück zu ihr. Sie hatte den Namen nicht ausgesprochen, das war interessanter, als wenn sie es getan hätte.

„Natürlich“, sagte er. „Die Verwaltung liebte ihre Zuständigkeiten.“

„Verwaltungen lieben vor allem den Eindruck, niemand sei persönlich zuständig.“


„Da unterscheiden sie sich kaum von großen Unternehmen.“


Für den Bruchteil eines Augenblicks wurde ihr Lächeln schmaler. Dann sagte sie:
„Wenn Sie wissen wollen, wer solche Aufträge angefordert hat, sollten Sie sich weniger für Lieferanten interessieren und mehr für diejenigen, die plötzlich sehr konkrete Vorstellungen davon hatten, was bei einem Empfang sichtbar sein durfte und was nicht.“

Kreeger ließ die Worte liegen.

„Das klingt beinahe wie eine Empfehlung.“


„Nennen wir es Lebenserfahrung.“

„Und von wem stammt diese Erfahrung?“

Bevor sie antworten konnte, veränderte sich der Saal. Es brauchte keinen Ruf, keinen Befehl. Gespräche verstummten in Wellen, Köpfe drehten sich, Körper orientierten sich beinahe instinktiv in dieselbe Richtung. Auf der erhöhten Seite des Saals hatte sich Bewegung ergeben. Der Moff.
Kreeger sah, wie Mirelle Kaas die Gelegenheit nutzte, ihren Blick von ihm zu lösen. Sehr geschickt.

„Wir werden unterbrochen“, sagte sie.

„Offenbar besitzt selbst meine Behörde Grenzen.“

„Ein beruhigender Gedanke, Agent Kreeger.“

Dann richtete sich die Aufmerksamkeit des gesamten Saals nach vorn.
Kreeger tat es ihnen gleich. Während der Moff sprach und sich die gesellschaftliche Masse in jene gehorsame Stille fügte, die Macht ganz ohne sichtbare Gewalt erzeugen konnte, ging Nerios Blick irgendwann zu Theranos Zesh. Wenige Stunden zuvor hatte er denselben Mann über einer jubelnden Menge stehen sehen, eingerahmt von Urteil, Hymnen und einem sorgfältig choreographierten Neuanfang. Nun stand Zesh hier zwischen den wichtigsten Personen des Planeten, und alles an diesem Abend schien seine neue Stellung weiter zu verdichten. Kreeger dachte an die vergangenen Wochen.
Kreegers Gedanken wanderten zu Kern, zu der Säuberung, die auf dessen Sturz gefolgt war, zur Neuordnung der Verwaltung, zu den Ehrungen und schließlich zu diesem Ball, der all diese Entwicklungen wie in einem Brennglas zusammenführte. Besonders auffällig war für ihn die Geschwindigkeit, mit der Theranos Zesh sich von einem Mann, der eine Krise übernommen hatte, zu einem politischen Zentrum entwickelt hatte, um das sich bereits neue Abhängigkeiten, Loyalitäten und Erwartungshaltungen formierten. Vielleicht war dieser Aufstieg ungewöhnlich schnell, vielleicht sogar zu schnell, doch Geschwindigkeit allein war für Kreeger noch kein Symptom. Entscheidend war vielmehr die Frage, wodurch sie erzeugt wurde, welche Kräfte sie begünstigten und wem daran gelegen war, dass Zeshs Stellung in so kurzer Zeit derart gefestigt erschien.
Zesh verstand zumindest etwas, das Robert Kern offenbar irgendwann vergessen hatte, denn Macht bestand nicht nur darin, Menschen zu kontrollieren. Sie musste ihnen zugleich erklären, warum diese Kontrolle notwendig gewesen war und weshalb die Gegenwart nun anders zu bewerten sei. Kern hatte Netzwerke im Verborgenen geschaffen, während Zesh vor allem Bilder und Deutungen erzeugte. Die Hinrichtung Robert Kerns wurde als sichtbarer Abschluss einer alten Ordnung inszeniert, die Aufhebung der Sondermaßnahmen als Befreiung von deren Nachwirkungen, die Rückkehr zur Normalität als Beweis politischer Stabilität und der anschließende Ball als feierliche Bekräftigung eines angeblich neuen Zeitalters. Auf diese Weise gab Zesh dem Planeten eine klare Reihenfolge, in der er seine jüngste Vergangenheit verstehen konnte, während zugleich Personen innerhalb weniger Tage auf Positionen aufstiegen, die ihnen noch kurze Zeit zuvor kaum erreichbar erschienen wären.
Kreeger empfand weder Misstrauen noch Bewunderung, ein Arzt verdächtigte schließlich auch kein Organ allein deshalb, weil es plötzlich stärker durchblutet wurde. Er fragte sich lediglich, warum.

Als die Aufmerksamkeit des Saals sich schließlich wieder löste und Gespräche erneut aufbrandeten, wandte Kreeger sich dorthin zurück, wo Mirelle Kaas zuvor gestanden hatte. Sie war fort, doch ließ er sich nichts anmerken, falls er beobachtet wurde. Zunächst ging er davon aus, sie habe lediglich die Position gewechselt. Menschen ihres gesellschaftlichen Gewichts blieben auf Empfängen selten lange an einem Ort. Also begann er den Saal erneut zu lesen, diesmal zielgerichteter. Die Gruppe der Unternehmer. Die Vertreter alter Familien. Die Bereiche nahe der Fensterfront. Die kleine Ansammlung um einige hochrangige Verwaltungsbeamte. Keine
Kaas. Er bewegte sich weiter, scheinbar ohne Ziel, hielt hier kurz inne, erwiderte dort eine Begrüßung, blickte beiläufig in einen angrenzenden Salon und registrierte gleichzeitig jede Person, die den Hauptsaal verließ oder betrat.

Nichts.

Kreeger blieb nahe einer der hohen Säulen stehen und sah über die Köpfe der Gäste hinweg. Vor wenigen Minuten hatte
Mirelle Kaas ihm noch geraten, danach zu fragen, wer plötzlich sehr genaue Vorstellungen davon entwickelt hatte, was bei den Empfängen der alten Regierung sichtbar sein durfte und was verborgen bleiben musste. Jetzt war sie verschwunden. Sein Mundwinkel hob sich kaum sichtbar. Die Gala hatte endlich begonnen, interessant zu werden.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Gouverneur Zesh, Moff Vayliuar, Dr. T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Gouverneur Zesh, Moff Vayliuar, Dr. T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​

Für einige Minuten überließ Nerio Kreeger Mirelle Kaas der Bewegung des Saales und wandte sich einem anderen Teil des Abends zu, der mit seinem eigentlichen Auftrag nur mittelbar zu tun hatte und ihn doch auf eine Weise beschäftigte, die er sich selbst ungern als persönlich eingestand. Der Ball war längst mehr als eine Feier geworden. Er war ein Schaufenster des neuen Prefsbelt IV, sorgfältig ausgeleuchtet, bis selbst jene Risse verschwanden, die man erst wenige Stunden zuvor auf dem Platz noch öffentlich beklagt hatte. Hier wurden Hände geschüttelt, Namen neu gewichtet und Verbindungen sichtbar gemacht, deren Bedeutung sich erst später in Ernennungen, Aufträgen und Zugängen niederschlagen würde. Wer in diesem Raum den richtigen Menschen zur richtigen Zeit erreichte, gewann mehr als ein freundliches Wort.

Kreeger erkannte den neu ernannten Sector Adjutant Theranos Zesh bereits aus einiger Entfernung. Um den Gouverneur hatte sich eine dichte, fast kreisförmige Ansammlung von Gratulanten gebildet, deren Zusammensetzung den gesellschaftlichen Rang des Abends besser erklärte als jede Gästeliste. Hohe Offiziere, Vertreter der Verwaltung, Unternehmer, Würdenträger aus den einflussreichen Familien des Planeten, Menschen, deren Namen Türen öffneten, bevor sie überhaupt anklopfen mussten. Zesh selbst bewegte sich mit erstaunlicher Ruhe durch diese Verdichtung aus Aufmerksamkeit, nahm Glückwünsche entgegen, wechselte einige Worte, legte hier eine Hand auf einen Unterarm, dort ein knappes Lächeln auf eine Bemerkung und vermittelte dabei den Eindruck, als hätte er sein ganzes Leben in einem Zentrum gestanden, das erst seit wenigen Wochen um ihn herum existierte.
Nerio näherte sich einmal von der Seite, blieb jedoch früh genug stehen, um die Aussichtslosigkeit seines Versuchs zu erkennen. Vor ihm warteten bereits zwei Legaten, ein Flottenoffizier und ein Unternehmer, dessen gesellschaftlicher Rang vermutlich schwerer wog als mehrere Dienstgrade innerhalb des ISB. Ein Adjutant fing die Gesprächswünsche auf, ordnete sie, ließ einzelne Personen passieren und andere mit jener höflichen Effizienz warten, die Hierarchie so viel deutlicher machte als offene Zurückweisung.

Kreeger zog sich zurück, bevor jemand Gelegenheit bekam, ihn sichtbar abzuweisen. Der zweite Versuch, einige Zeit später, verlief kaum anders.
Es wäre lächerlich gewesen, daraus eine Kränkung zu machen. Und dennoch spürte er das alte, vertraute Ziehen, tief genug verborgen, um niemals sein Gesicht zu erreichen. In einem Verhörraum konnte ein einziger Satz von ihm das Leben eines Menschen neu ordnen. In einem Lagebericht konnten seine Befunde darüber entscheiden, welche Behörde Zugriff erhielt, welcher Name in einer Akte aufstieg und welcher darin verschwand. Hier im Ballsaal war er vorerst ein Agent unter vielen, ein Mann in weißer Uniform, dessen Abzeichen jedem kundigen Blick verrieten, wie lang der Weg nach oben noch war. Der Satz seines Vaters,
Enric Kreeger, tauchte mit einer Klarheit auf, die ihn beinahe amüsierte. „Dein Bruder entscheidet über das Schicksal von mehr als tausend Menschen. Du kannst nicht einmal den Wachdienst kommandieren.“ Nerio nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und ließ den Blick erneut über den Raum gleiten. Sein Bruder hätte vermutlich keinen zweiten Versuch gebraucht, einem Gouverneur die Hand zu schütteln. Der Gedanke blieb kühl. Fast sachlich. Ehrgeiz, hatte Kreeger gelernt, wurde gefährlich, wenn man ihn mit Ungeduld verwechselte.

Bei
Vikas, dem Leiter der Großen Akademie von Prefsbelt IV, wiederholte sich die Lektion in einer anderen Form. Kreeger erkannte ihn nahe einer Gruppe hochrangiger Gäste, umgeben von Offizieren, Verwaltungsleuten und Akademievertretern, die offenbar alle einen Grund fanden, gerade in diesem Augenblick einige Worte mit ihm wechseln zu müssen. Für Nerio wäre ein Gespräch durchaus interessant gewesen. Eine Institution wie die Große Akademie brachte nicht nur Offiziere hervor, sondern Netzwerke, Loyalitäten und jene Form von langfristigem Einfluss, die in offiziellen Organigrammen selten vollständig sichtbar wurde. Er kam bis auf wenige Meter heran, dann sah er die Reihe der Wartenden. Ein Legat. Zwei hochrangige Offiziere. Eine Frau aus einem der alten Häuser Prefsbelts, deren Name ihm aus den gesellschaftlichen Dossiers bekannt vorkam. Daneben ein Mann mit dem selbstverständlichen Auftreten eines Wesens, das seit Jahrzehnten gewohnt war, an Türen vorbeigeführt zu werden, vor denen andere warten mussten. Kreeger blieb stehen, betrachtete die Konstellation für einen Herzschlag und bog anschließend zu einer anderen Gruppe ab, als wäre genau das von Anfang an sein Ziel gewesen.

Er würde
Vikas an einem anderen Tag kennenlernen oder Vikas würde eines Tages einen Grund haben, ihn kennenzulernen. Dieser Gedanke gefiel ihm besser. Der Ball erinnerte Nerio daran, dass gesellschaftliche Macht ihre eigenen Dienstgrade kannte. Auf Ermittlungsakten besaß ein ISB-Agent Gewicht. Hier bestimmte Sichtbarkeit den Rang, Nähe den Zugang und Bekanntheit, wie lange jemand bereit war, auf ein Gespräch zu warten. Er gehörte noch nicht zu jenen Menschen, um die sich ein Raum von selbst ordnete. Noch nicht. Für den Augenblick musste ihm genügen, bei diesem Abend überhaupt anwesend zu sein: bei Kerns öffentlichem Ende, bei der sichtbaren Neuordnung der planetaren Elite, beim ersten großen Empfang jener Ära, die Theranos Zesh mit bemerkenswerter Geschwindigkeit zu seiner eigenen zu machen begann.

Der Gedanke führte ihn zurück zu
Mirelle Kaas. Kreeger ließ den Blick zu jener Stelle wandern, an der er sie zuletzt gesehen hatte. Sie war verschwunden. Zunächst maß er dem keine besondere Bedeutung bei. Menschen wie Mirelle Kaas bewegten sich auf solchen Veranstaltungen mit einer Freiheit, die ein einfacher Agent nur beobachten konnte. Private Salons, Balkone, kleinere Empfangsräume, persönliche Gespräche mit Würdenträgern – die Architektur eines Palastes bestand ebenso aus Zugängen wie aus Mauern. Dennoch begann er, ihre Abwesenheit zu rekonstruieren.
Er beobachtete die Diener, die aus den Seitenkorridoren zurückkehrten, registrierte, welche Türen häufiger geöffnet wurden, welche Gruppen sich neu zusammensetzten. Ein Bediensteter verschwand mit zwei Gläsern in einem angrenzenden Salon und kam mit nur einem zurück. Eine ältere Dame, die zuvor in
Kaas’ Nähe gestanden hatte, tauchte wenige Minuten später ohne sie wieder auf. Ein weiterer Diener wurde vor einer Seitentür mit einer knappen Handbewegung fortgeschickt. Kreeger wartete. Geduld war in Gesellschaftsräumen ebenso wertvoll wie im Verhör. Als Mirelle Kaas schließlich wieder erschien, tat sie es ohne jede erkennbare Hast. Sie trat aus einem der seitlichen Bereiche zurück in den Festsaal, lächelte einem Bekannten zu, nahm ein neues Glas entgegen und bewegte sich mit derselben kontrollierten Eleganz wie zuvor. Fast derselben. Ihr Blick arbeitete stärker. Nicht suchend genug, um Nervosität zu verraten, doch aufmerksamer gegenüber dem Raum, den Zugängen, den Menschen. Einmal blieb er an einer Gruppe nahe der Fensterfront hängen, ein zweites Mal an einem der Ausgänge. Kreeger ließ ihr Zeit. Er stellte sicher, dass sie ihn zuerst bemerkte. Dann trat er wieder zu ihr.

„Frau Kaas. Ich hatte schon befürchtet, der gesellschaftliche Teil des Abends hätte Sie verschluckt.“

„Dann unterschätzen Sie meine Überlebensfähigkeit, Agent Kreeger.“

„Das wäre nach allem, was ich über Sie gelesen habe, fahrlässig.“

Sie lächelte darüber, aber nur mit dem Mund, ihre Augen strahlten die Härte von Durastahl aus.

„Ihre Behörde liest offenbar sehr gründlich.“

„Nur dort, wo das Material interessant wird.“ antwortete der ISB Agent dünnlippig.

Er ließ einen Moment verstreichen, sprach über den Ball, über die erstaunliche Zahl an Gratulanten und erwähnte beiläufig, dass man den neuen Gouverneur an diesem Abend vermutlich leichter aus einem HoloNet-Bericht kennenlernen könne als persönlich. Kaas reagierte mit einem amüsierten Blick.


„So funktioniert Macht, Agent. Je mehr Menschen Zugang wünschen, desto wertvoller wird jeder einzelne Augenblick davon.“

„Eine sehr effiziente Form der Verknappung.“

„Ich dachte, Effizienz würde Ihnen gefallen.“

„Unter den richtigen Umständen.“ Dann führte er das Gespräch dorthin, wo er es haben wollte. „Ihre Bemerkung von vorhin hat mich beschäftigt.“

„Welche? Ich bemühe mich, gelegentlich mehrere bemerkenswerte Dinge an einem Abend zu sagen.“

„Die über jene Menschen, die entschieden, was bei den Empfängen der alten Regierung sichtbar sein durfte.“

Ihr Gesicht blieb offen. „Ah.“

„Ich habe darüber nachgedacht, wie viel Aufwand manche Leute betrieben haben, Dinge zu verbergen, die offiziell nie existierten.“ Nerio ließ den Blick beiläufig durch den Saal wandern. „Danos Vrek scheint dabei ein bemerkenswertes Gespür für Grundstücke gehabt zu haben, die später genau dort lagen, wo man sie benötigte.“

Kaas antwortete beinahe sofort.

„Danos kaufte, was man ihm angeboten hat.“

Nerio sah sie an. Nur einen Augenblick länger als zuvor, bevor er lächelte.

„Natürlich.“

Mehr sagte er nicht. Mirelle schien erst einen Herzschlag später zu begreifen, dass etwas an ihrer Antwort möglicherweise nicht sauber gewesen war. Er hatte von Grundstücken gesprochen. Von ihrer Lage. Von Vreks bemerkenswertem Gespür. Von Käufen hatte er kein Wort gesagt. Kreeger hob sein Glas leicht. Ein winziger Ausschlag. Kaum messbar. Für einen Diagnostiker vollkommen ausreichend. Die Gala war endlich wirklich interessant geworden.

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Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Sector Adjutant Zesh, Moff Vayliuar, Gouverneur T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​

Er ließ das Wort zwischen ihnen stehen, leicht genug, um als beiläufige Zustimmung durchzugehen, und schwer genug, dass Mirelle Kaas selbst entscheiden musste, ob sie ihrer eben gemachten Bemerkung noch etwas hinzufügen wollte. Sie tat es nicht. Ihr Lächeln blieb bestehen, doch er erkannte jene kaum wahrnehmbare Veränderung darin, die entstand, wenn ein Mensch im Nachhinein prüfte, wie viel er eigentlich preisgegeben hatte.

„Vrek scheint also weniger der Jäger gewesen zu sein, als es seine geschäftliche Reputation vermuten lässt“, sagte er schließlich.

Mirelle hob ihr Glas an die Lippen. „Sie legen mir Worte in den Mund.“

„Das wäre ausgesprochen unhöflich.“

„Und doch vermutlich berufstypisch.“


„Nur bei schlechten Befragern. Ein guter Gesprächspartner wartet, bis die Menschen ihre eigenen Worte hineinlegen.“


Diesmal reagierte sie nicht mit einem Lachen. Ihre Augen blieben an ihm hängen, aufmerksam, abwägend, und Nerio musste ihr zugestehen, dass sie schneller lernte als die meisten Personen, mit denen er beruflich sprach.


„Sie behandeln mich wie eine Verdächtige.“


„Glauben Sie mir, wenn dem so wäre, wäre dieses Gespräch wesentlich ungemütlicher.“


„Das soll mich beruhigen?“

„Unbedingt.“

Ein Anflug von Belustigung kehrte in ihr Gesicht zurück. Das war gut. Menschen, die sich verteidigten, wurden vorsichtig, Menschen wiederum, die glaubten, ein Spiel zu durchschauen, wurden ehrgeizig.


„Vrek“, fuhr Nerio beiläufig fort, „hat während Kerns Amtszeit bemerkenswert günstig gelegene Grundstücke erhalten. Blue One. Prefsbelt Green. Beschleunigte Enteignungen. Umwidmungen. Danach finden wir auf einigen dieser Wege Material, das ursprünglich über die Beschaffungsstelle als Veranstaltungsbedarf lief.“ Er drehte das Glas langsam zwischen den Fingern. „Für einen Zufall besitzt das Ganze eine ausgesprochen gute Verwaltung.“

Mirelle ließ den Blick durch den Saal wandern.
„Sie suchen nach einem großen Plan.“

„Nein. Große Pläne sind selten und kompliziert.“ Das schien sie zu überraschen.„Menschen stellen sich Korruption gern wie ein großes geheimes Gespräch vor“, erklärte Kreeger. „Ein Raum voller Verschwörer, vielleicht ein dramatischer Schwur. In Wirklichkeit genügt meistens, dass fünf Personen aus fünf verschiedenen Gründen dieselbe Entscheidung praktisch finden.“

„Und welcher Grund wäre meiner gewesen?“


Da war die Frage.
Nerio lächelte beinahe freundlich.

„Das hoffe ich von Ihnen zu lernen.“

Bevor
Mirelle antworten konnte, erlosch ein Teil der Saalbeleuchtung. Die Veränderung war subtil, aber ausreichend, um die Aufmerksamkeit der Gäste wieder auf die erhöhte Fläche zu lenken, auf der der offizielle Teil des Abends fortgeführt wurde. Kreeger registrierte den Augenblick, in dem Mirelle ihre Haltung veränderte und sich ebenso wie alle anderen der Bühne zuwandte.

„Fortsetzung folgt“, sagte sie leise.

„Ich bin ein geduldiger Mensch.“

„Das glaube ich Ihnen sofort.“


Die nächste Bewegung des Saales kam ihm ungelegen. Gäste wechselten ihre Positionen, Gesprächskreise öffneten und schlossen sich,
Mirelle wurde von einer älteren Bekannten begrüßt, und innerhalb weniger Augenblicke verlor sich ihre Unterhaltung in der gesellschaftlichen Strömung des Abends. Kreeger ließ sie ziehen. Ein Patient, den man zu lange untersuchte, begann irgendwann, für den Arzt zu atmen. Alss sich die Gelegenheit erneut bot, griff er das Gespräch wieder auf. Ein kaum sichtbares Zögern lag in ihrem Blick, mehr brauchte es nicht. Kreeger hätte nachsetzen können. Er hätte sie fragen können, wer Vrek diese Grundstücke angeboten hatte, woher sie überhaupt wusste, dass es Käufe gewesen waren und wie genau eine Frau, deren Unternehmen angeblich lediglich als Lieferant aufgetreten war, über die Besitzwechsel informiert gewesen sein wollte. Stattdessen nahm er einen Schluck und ließ mehrere Sekunden verstreichen. Ein Befund wurde selten besser, wenn man sofort mit dem Finger darauf zeigte.

„Sie arbeiten seit vielen Jahren mit der planetaren Verwaltung zusammen“, sagte er schließlich, als hätte sich ihre Unterhaltung längst einem anderen Thema zugewandt. „Mich würde interessieren, wie solche kurzfristigen Aufträge praktisch abgewickelt wurden.“

Mirelle musterte ihn skeptisch. „Sie wechseln schnell das Thema.“

„Ich dachte, Sie wären darüber erleichtert.“


„Das hängt davon ab, wohin Sie wechseln.“


„In die Buchhaltung.“

Nun lachte sie tatsächlich.


„Sie verstehen etwas von Abschreckung, Agent
Kreeger.“

„Berufsbedingt.“

Er ließ sich erklären, was er aus den Unterlagen bereits in Grundzügen kannte. Kaas Solutions erhielt eine Spezifikation, kalkulierte, lieferte und rechnete ab. Bei gewöhnlichen Aufträgen endete der Vorgang damit. Unter Kern jedoch hatte es zunehmend Ergänzungen gegeben: nachträgliche Zieländerungen, zusätzliche Lieferpunkte, kurzfristige Anforderungen an Abschirmung oder Sichtschutz. Nichts davon war für sich genommen ungewöhnlich genug gewesen, um einen größeren Kunden zu verlieren.


„Und die neuen Zielorte?“, fragte Nerio.

„Wurden bestätigt.“ antwortete sie dünnlippig und nahm einen fingierten Schluck aus ihrem Glas.

„Von wem?“


„Von der Verwaltung.“


„Das ist ein Gebäude, Frau
Kaas.“

Sie zog leicht eine Augenbraue hoch und
schwieg kurz.
„Beschaffung, Protokoll, manchmal Materialrevision. Es wechselte.“

Materialrevision.
Nerio ließ sich keinerlei Reaktion anmerken.

„Interessant.“

„Ist es das?“


„Bislang vor allem langweilig. Das beruhigt mich.“


„Sie sind schlecht darin, beruhigend zu wirken.“


Er beobachtete sie über den Rand seines Glases hinweg.
„Gab es bei diesen Änderungen neue Dokumente?“

„Manchmal.“

„Neue Auftragsnummern?“


„Ergänzungen zur bestehenden Lieferung.“


„Kennungen?“


Mirelles Blick verengte sich einen Hauch. „Sie wissen bereits, wonach Sie fragen.“

„Ich weiß vieles. Ich weiß nur noch nicht, was davon stimmt.“


Sie wandte sich halb dem Saal zu. Das Orchester wechselte gerade das Stück. Bedienstete räumten die Überreste des offiziellen Empfangs fort, während sich der gesellschaftliche Teil des Abends immer deutlicher ausbreitete.


„Es gab Zusatzvermerke“
, sagte sie schließlich. „Interne Kürzel. Für uns waren sie bedeutungslos.“

„Zum Beispiel?“

„Das ist Jahre her.“


„Dann nehmen Sie sich Zeit.“


Mirelle
sah ihn an und seufzte leise. „Sie sind bei einem Ball bemerkenswert schlecht darin, sich zu amüsieren.“

„Ich amüsiere mich ausgezeichnet.“
konterte der Agent von Hosnian Prime trocken. Das wiederum entlockte ihr wenigstens ein schmales Lächeln.

„S-D war eines davon“, sagte sie schließlich. Volltreffer. Nerio bewegte sich nicht.

„Mit Nummern dahinter. Zwei, vier, manchmal andere. Ich kann Ihnen nicht sagen, wofür es stand.“

S.D.-4. Der Papierschnipsel aus dem Schredder erschien vor seinem inneren Auge. KSI-Sichtmodul 7B. Umlagerung bestätigt. Zielknoten PBG-12. Nachverarbeitung gemäß Legacy-Protokoll S.D.-4. Bislang hatte er die Bezeichnung als möglichen Fingerabdruck
Sellia Drays behandelt. Nun bestätigte eine externe Lieferantin, dass diese Kennungen tatsächlich in der Kommunikation mit Unternehmen aufgetaucht waren.

„Wer hat diese Vermerke geschickt?“


„Das stand dort nicht.“


„Jemand muss sie übermittelt haben.“


„Natürlich.“

„Wer?“
hakte der Agent des ISB nach. Mirelle zögerte sichtlich.

„Meist Sachbearbeiter.“

„Namen.“

„Ich habe mit diesen Leuten kaum gesprochen.“


„Einen werden Sie erinnern.“ Ihr Blick blieb an ihm hängen. „Sellia Dray“, sagte Nerio schließlich.

Diesmal verriet
Mirelle sich nicht durch eine Bewegung. Sie wurde lediglich vollkommen ruhig. Es war beinahe eleganter.

„Ich kenne Frau Dray.“

„Wie gut?“


„So gut, wie man eine leitende Beamtin einer Behörde kennt, mit der das eigene Unternehmen regelmäßig Geschäfte macht.“


„Also gut genug, um ihre Anweisungen ernst zu nehmen.“


„Das tue ich bei Behörden grundsätzlich.“

„Eine gesunde Einstellung.“

Kreeger ließ den Namen wieder verschwinden, bevor Mirelle Gelegenheit bekam, ihre Verteidigung darum aufzubauen. Dann änderte sich die Atmosphäre des Saales. Die Fläche vor dem Orchester öffnete sich, Gäste traten zurück und erste Paare sammelten sich an den Rändern des Parketts. Moff Vayliuar begab sich gemeinsam mit seiner zukünftigen Gemahlin zum Tanz, innerhalb weniger Augenblicke folgten weitere Paare. Die starre Ordnung des Festaktes begann endgültig der Eleganz eines wirklichen Balls zu weichen. Auf einer der oberen Galerien verschwanden Zesh und T’rsop wenig später aus dem unmittelbaren Trubel. Sie standen dort eine Weile im Gespräch, weit genug entfernt, dass Nerio weder Worte noch Gesten sinnvoll deuten konnte. Er brauchte sie auch nicht. Seine Untersuchung befand sich zwei Meter vor ihm. Das Datenpad an seinem Gürtel vibrierte. Nerio entschuldigte sich mit einem knappen Nicken und las die Nachricht.

DRAY – EXTERNER KOMMUNIKATIONSVERSUCH BESTÄTIGT. VERBINDUNG ÜBER ZWISCHENKNOTEN VERSCHLEIERT. ENDAUSWERTUNG AUSSTEHEND.

Er schloss die Anzeige.

„Etwas Wichtiges?“, fragte Mirelle keck.

„Das hoffe ich.“


„Das klingt wenig beruhigend.“


„Für wen?“

Sie betrachtete ihn einige Sekunden und wandte sich dann wieder der Tanzfläche zu.


„Wissen Sie, was an
Danos Vrek immer überschätzt wurde?“

Nerio sagte nichts.

„Sein Instinkt.“

Nun hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.


„Alle hielten ihn für einen Mann, der Möglichkeiten früher sah als andere“, fuhr Mirelle fort. „Grundstücke, Bauvorhaben, neue Lagerflächen. Als könne er riechen, wohin sich Geld bewegen würde.“

„Und konnte er das nicht?“


„Manchmal.“


Sie nahm einen letzten Schluck.


„Manchmal wusste er einfach früher als andere, wo man bald Platz brauchen würde.“


Nerio ließ den Satz langsam einsinken.

„Wer sagte es ihm?“

Mirelle lächelte dünn.

„Das, Agent
Kreeger, wäre vermutlich eine interessantere Frage als die nach seinen Grundstücken.“

Dann stellte sie ihr Glas auf das Tablett eines vorbeiziehenden Dieners und ließ ihn zwischen Musik, Tanzenden und dem warmen Licht des Ballsaales mit einer neuen Diagnose zurück.


Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Sector Adjutant Zesh, Moff Vayliuar, Gouverneur T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Ballsaal ║ Agent Kreeger, Sector Adjutant Zesh, Moff Vayliuar, Gouverneur T'rsop, Thade Skywalker und Gäste Δ​

Diesmal folgte der ISB Agent Mirelle Kaas nicht. Es hätte keinen Sinn ergeben. Sie hatte ihm mehr gegeben, als sie vermutlich beabsichtigt hatte, und jeder weitere Versuch hätte nur dafür gesorgt, dass sie den Wert ihrer eigenen Worte neu berechnete. Vrek hatte Grundstücke erworben, bevor deren Lage für bestimmte Abläufe wertvoll geworden war. Kaas Solutions hatte Lieferungen über Kennungen abgewickelt, die bis zu S.D.-4 reichten. Material war nachträglich umgeleitet, verändert und teilweise unter anderen Seriennummern zurückgegeben worden. Sellia Dray war Mirelle bekannt, und ihr Name hatte in einer ansonsten bemerkenswert geschmeidigen Unterhaltung einen jener kurzen Momente vollkommener Ruhe erzeugt, die Nerio gewöhnlich ernster nahm als offene Nervosität. Es war noch kein Beweis aber es war ein Muster. Er zog sich für einige Minuten in einen ruhigeren Bereich zwischen zwei der hohen Marmorsäulen zurück und öffnete sein Datenpad. Seine Notizen waren knapp, fast klinisch.

KSI: externe Kenntnis S.D.-Kennungen bestätigt.

Zieländerungen über Beschaffung / Protokoll / Materialrevision.

Rückläufer manipuliert; Seriennummern abweichend.

Vrek erhielt offenbar Vorwissen über künftigen Bedarf an Standorten. Quelle offen.


Kaas: Reaktion auf Dray auffällig, Aussagewert begrenzt.

Darunter setzte er eine Trennlinie.

Hypothese: Beschaffungssystem diente zugleich als Informationssystem. Grundstückserwerb könnte operativen Bedarf vorweggenommen haben.

Kreeger betrachtete den letzten Satz länger. Bislang hatte er Kern vor allem als jemanden untersucht, der Materialströme verborgen hatte. Vielleicht griff das zu kurz. Wer früh wusste, wo künftig geheime Lager, Zufahrten oder abgeschirmte Veranstaltungsräume benötigt wurden, konnte mit diesem Wissen auch Geld verdienen. Ein geheimes Netzwerk verschob dann nicht nur Güter. Es erzeugte wirtschaftliche Informationen, bevor der Markt sie besaß. Das war eine andere Krankheit, dazu noch eine lukrativere.

„Sie sehen aus, als hätten Sie gerade jemanden verurteilt.“

Die Stimme gehörte Master Agent Corvin Threx. Nerio sperrte das Datenpad und neigte respektvoll den Kopf. „Ich habe lediglich meine Notizen geordnet.“

„Bei Ihnen ist das gelegentlich dasselbe.“

„Dann bemühe ich mich künftig um eine freundlichere Handschrift.“

Threx stellte sich neben ihn, ohne den Blick direkt auf ihn zu richten. Von hier aus konnten beide den Ballsaal überblicken, ohne selbst zum Mittelpunkt einer Gesprächsrunde zu werden.

„Kaas?“

„Sie kennt Dray. Sie bestätigt S.D.-Kennungen im Zusammenhang mit Lieferänderungen und Materialrevision. Außerdem deutet einiges darauf hin, dass Vrek vor Grundstückskäufen Informationen über späteren Bedarf erhielt.“

Threx’ Gesicht blieb unbewegt.

„Belastbar?“

„Die Kennungen halte ich für belastbar. Der Rest ist eine Arbeitshypothese.“

„Gut.“

Mehr Lob brauchte es nicht.

„Dray hat versucht, vor ihrer Überstellung jemanden zu erreichen“, fuhr Nerio fort. „Der Kontakt läuft über Zwischenknoten.“

„Ich weiß.“

„Ich möchte sie heute Nacht noch sprechen.“

Nun sah
Threx ihn an.

„Nach diesem Empfang?“

„Sie wartet bereits.“

Ein dünnes Lächeln erschien auf dem Gesicht seines Vorgesetzten.

„Wie rücksichtslos.“

„Ich hatte gehofft, Sie würden es effizient nennen.“

„Morgen früh genügt.“

Nerio wollte widersprechen, doch Threx hob kaum merklich eine Hand.

„Lassen Sie sie schlafen, Agent Kreeger. Oder versuchen zu schlafen. Sie weiß nicht, was wir wissen. Sie weiß nicht, wen wir gesprochen haben. Und seit ihrer Überstellung weiß sie auch nicht, ob ihr Kommunikationsversuch erfolgreich war.“

Nerio dachte darüber nach, dann nickte er widerwillig.

„Einverstanden.“

Threx sah wieder in den Saal. „Genießen Sie also den Rest des Abends. Das ist eine dienstliche Anweisung.“

„Grausam.“

„Ich weiß.“

Damit ließ er ihn stehen. Nerio gehorchte in jenem großzügigen Sinne, den seine Tätigkeit für solche Anweisungen vorsah. Der Ball hatte inzwischen endgültig seine zweite Gestalt angenommen. Das Orchester spielte Walzer, und über das glänzende Parkett bewegten sich immer mehr Paare. Von den geöffneten Balkontüren strömte kühle Luft herein, die den Geruch von Wein, warmen Speisen und Parfüm für wenige Augenblicke aus dem Saal drängte. Auf den Galerien entstanden kleine Gesprächsrunden; Vertreter der Wirtschaft standen mit Verwaltungsbeamten zusammen, Offiziere wurden Unternehmern vorgestellt, und Namen wechselten Besitzer wie Visitenkarten. Nerio betrachtete das alles inzwischen mit anderen Augen als zu Beginn. Der Festakt hatte Ämter, Auszeichnungen und Loyalitäten öffentlich sichtbar gemacht. Jetzt begann der wichtigere Teil: Die Menschen passten ihre Beziehungen daran an. Er sah Zesh und T’rsop noch eine Zeitlang auf der oberen Galerie miteinander sprechen. Später trennten sich ihre Wege wieder und beide verschwanden in unterschiedlichen Gruppen. Zesh nahm erneut Glückwünsche entgegen und führte Gespräche mit Unternehmern, Beamten und Offizieren. Der neue Gouverneur bewegte sich etwas zurückhaltender durch seine veränderte Umgebung, wurde jedoch ebenfalls rasch von jenen umgeben, die frühzeitig kennenlernen wollten, mit wem sie künftig Geschäfte, Beschwerden oder politische Wünsche zu besprechen hatten.

Nerio musste dabei an Mirelles Worte denken. Menschen mochten Robert Kern vielleicht nie besonders gemocht haben, nützlich konnte er ihnen trotzdem gewesen sein. Darin lag vermutlich der Grund, weshalb seine Untersuchung mit dessen Tod keineswegs einfacher geworden war. Jeder, der Kern aus Überzeugung gedient hatte, war leicht zu erkennen. Gefährlicher waren jene, die ihn lediglich als Werkzeug benutzt hatten und nun ohne jede ideologische Häutung in der neuen Ordnung weiterexistieren konnten.

Die Musik spielte weiter und auf der Tanzfläche lachten Menschen. Wenige Stunden zuvor hatte Robert Kern noch vor einer jubelnden Menge auf seine Hinrichtung gewartet, jetzt tanzte Prefsbelt IV. Der Gedanke erschien Nerio weniger zynisch als zu Beginn des Abends. Vielleicht brauchten Gesellschaften solche scharfen Übergänge. Ein klarer Schnitt, ein Fest, ein neuer Titel über derselben Tür. Der menschliche Verstand liebte abgeschlossene Kapitel weit mehr als offene Diagnosen. Sein Beruf bestand darin, sich von solchen Abschlüssen nicht täuschen zu lassen.
Als der Abend weiter fortschritt, verließen erste ältere Gäste den Palast, während andere ihre Gespräche auf Balkonen und Galerien vertieften.
Zesh war später wieder unten im Saal zu sehen, nahm sich Zeit für weitere Gäste und suchte schließlich selbst noch einmal die Nähe des Moffs. Von seinem Platz aus konnte Nerio den Inhalt des Gesprächs nicht hören. Er musste es auch nicht. Für ihn genügte das Bild: Die neue politische Ordnung war längst über die Zeremonie hinausgewachsen und begann bereits, ihre alltäglichen Beziehungen auszubilden.

Mirelle Kaas sah er kein weiteres Mal. Entweder hatte sie den Ball verlassen oder verstanden, wie groß ein Palast sein konnte, wenn man einem bestimmten Mann aus dem Weg gehen wollte. Beides war akzeptabel. Kurz nach Mitternacht entschied Nerio, dass Threx’ Befehl, den Abend zu genießen, ausreichend gewissenhaft ausgeführt worden war. Er gab sein Glas, aus dem er während der letzten Stunde kaum getrunken hatte, einem Diener zurück und trat durch das Foyer in die kühlere Nacht hinaus.

Hinter ihm blieb der Gouverneurspalast hell erleuchtet. Musik drang gedämpft durch die hohen Fenster. Das Totengedenken für Robert Kern hatte sich längst in das Gründungsfest einer neuen politischen Epoche verwandelt.
Nerio blieb am oberen Ende der Freitreppe einen Moment stehen und öffnete ein letztes Mal sein Datenpad. Er verfasste drei kurze Anweisungen an das Zentralgebäude. Sellia Dray sollte am Morgen weder gefesselt noch in einem klassischen Verhörraum empfangen werden. Auf dem Tisch sollten die ursprünglichen Unterlagen aus der Materialrevision liegen, darunter sämtliche verfügbaren S.D.-Vermerke. Außerdem wollte er die vollständige Auswertung ihres gescheiterten Kommunikationsversuchs vor Gesprächsbeginn. Nach kurzem Überlegen ergänzte er einen letzten Satz.

Dray bis dahin keinerlei Information über Untersuchungsstand oder festgestellte Kontakte geben.

Er schickte die Nachricht ab. Dann stieg Agent Nerio Kreeger die Treppe hinunter. Prefsbelt IV durfte für diese Nacht glauben, Robert Kern sei Vergangenheit. Am Morgen würde man überprüfen, wie viel von ihm noch lebte.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ Gouverneurspalast ║ Außenbereich ║ Agent Kreeger und Gäste Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Vernehmungsraum ║ Agent Kreeger und Sellia Dray Δ​

Der Morgen nach dem Ball roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Caf. Nerio Kreeger mochte diese Stunde. Sie entzog Menschen vieles von dem, womit sie sich gewöhnlich schützten. Kleidung saß schlechter, Gedanken liefen langsamer, Höflichkeitsformeln verloren ihre Selbstverständlichkeit. Sellia Dray hatte die Nacht in einem gesicherten Bereich des ISB-Zentralgebäudes verbracht und dabei weder erfahren, weshalb man sie festhielt, noch ob ihr letzter Kommunikationsversuch irgendein Ziel erreicht hatte. Kreeger hatte darauf bestanden, dass man ihr ausreichend Ruhe gewährte, regelmäßige Mahlzeiten brachte und jede Form unnötiger Einschüchterung unterließ. Er wollte keinen erschöpften Menschen vor sich haben, der auf jede Frage mit Angst reagierte. Angst war diagnostisch unsauber. Sie erzeugte zu viele Symptome gleichzeitig. Als er den Besprechungsraum betrat, saß Dray bereits am Tisch, die Hände sauber nebeneinandergelegt, vor sich ein Glas Wasser. Keine Fesseln, keine Sturmtruppen oder Kameras, die demonstrativ sichtbar gewesen wäre. Auf der Tischplatte lagen lediglich vier dünne Aktenmappen und mehrere Ausdrucke auf Papier. Kreeger zog seine dunklen Ledrish-Handschuhe über, setzte sich ihr gegenüber und betrachtete sie für einige Sekunden, ehe er das erste Dokument öffnete. Ihr Gesicht zeigte Müdigkeit, aber keine erkennbare Panik. Das gefiel ihm. Panik war die Entzündung. Interessanter war die Ursache.

„Guten Morgen, Frau Dray.“

„Agent Kreeger.“

„Ich hoffe, man hat Sie angemessen behandelt.“
sagte der ISB Agent und ließ zuerst offen, was in ihrem Fall angemessen wäre.

„Ich wurde gestern ohne Erklärung aus meiner Wohnung geholt.“


„Dann nehme ich das als ein eingeschränktes Ja.“


Ihre Lippen bewegten sich kaum merklich. Ob Verachtung oder der Versuch, ein Lächeln zu verhindern, ließ sich noch nicht entscheiden.
Nerio blätterte durch einige Seiten, die keinerlei unmittelbare Bedeutung hatten. Es handelte sich um reguläre Materialanforderungen aus ihrer Zeit in der Beschaffungsstelle, Lieferbestätigungen sowie Routinefreigaben. Dinge, die tausendfach in den Archiven lagen und deren einzige Funktion darin bestand, eine Ausgangstemperatur zu bestimmen. Dray beantwortete seine ersten Fragen präzise. Sie erklärte Zuständigkeiten, Freigabeketten und die gewöhnliche Weiterleitung von Bestellungen an Materialausgabe und Logistik, korrigierte ihn einmal bei der Bezeichnung einer Unterabteilung und ergänzte von sich aus, dass bestimmte sicherheitsrelevante Lieferungen unabhängig vom Beschaffungswert eine zusätzliche Gegenzeichnung benötigt hatten. Kreeger unterbrach sie kaum. Je länger sie sprach, desto deutlicher wurde die Person hinter den Akten: Sorgfältig, administrativ geschult und stolz auf die Beherrschung eines Systems, dessen Sprache für Außenstehende bewusst trocken wirkte. Genau solche Menschen konnten erstaunlich lange neben einer Krankheit leben, solange sie gelernt hatten, deren Symptome in Routinebegriffe zu übersetzen.

Er schob ihr schließlich einen ersten Vermerk über den Tisch. Keine Erklärung, nur eine kopierte Zeile aus einem alten Vorgang: S.D.-2 / Weiterführung gemäß Sonderkennzeichnung.
Dray nahm das Blatt und betrachtete es kaum länger als die Dokumente zuvor.

„Eine Sonderdisposition“, sagte sie. Ihre Stimme blieb ruhig. Kreeger nickte, als habe er lediglich eine Lücke in seinem Wissen geschlossen.

„Wofür?“

Dray legte das Papier zurück. „Kurzfristige Änderungen. Umleitungen, Priorisierungen, zusätzliche Zielorte. Wenn ein Vorgang bereits angelegt war, konnte man mit einer Sonderdisposition Anpassungen vornehmen, ohne ihn vollständig neu aufzusetzen.“

Kreeger zog ein zweites Blatt hervor, diesmal mit S.D.-4, und legte es neben das erste.

„Und die Zahl?“

„Eine Unterkategorie.“

„Welche? Lassen Sie uns doch in ganzen Sätzen sprechen, das erleichtert sowohl Ihnen als auch mir langfristig den Tag.“

Dray zögerte erstmals messbar. Es war kein auffälliges Stocken, eher jene minimale Verzögerung eines Menschen, der entscheiden musste, wie vollständig eine Antwort sein durfte.

„Das hing vom Vorgang ab.“

Kreeger nickte erneut und blätterte in der nächsten Mappe. „Das ist unpraktisch. Medizinische Akten sind ähnlich. Jeder glaubt, eine Abkürzung spare Zeit, bis irgendwann niemand mehr weiß, welcher Arzt damit begonnen hat.“

Er zog einen Vorgang von Kaas Solutions hervor und legte ihn zwischen sie. Sichtschutzmodule, nachträgliche Umlagerung, geänderte Zieladresse. Eine zweite Akte folgte, dann eine dritte. Dray betrachtete sie alle. Ihre Atmung blieb gleichmäßig. Erst als Nerio ein Blatt mit einer S.D.-4-Kennung neben eine Lieferposition von Kaas Solutions legte, wanderte ihr Blick für einen Moment zu seiner rechten Hand. Kein Zufall. Menschen sahen häufig dorthin, wo sie den nächsten Schritt erwarteten.

„Frau Dray, warum taucht eine Sonderdisposition für kurzfristige Veranstaltungsänderungen bei Lieferungen auf, die später in unterirdischen Lagerstrukturen wiedergefunden wurden?“


„Weil Material weiterverwendet wurde.“

„Von wem?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“


„Wer konnte die Zielorte ändern?“


„Das konnte durch mehrere Stellen erfolgen.“


„Nennen Sie mir die Stellen.“


„Zum einen wäre da die Beschaffungsstelle, die Materialrevision und in bestimmten Fällen die Sicherheitsverwaltung.“


Kreeger hob den Blick. „Und Sie natürlich.“

Dray hielt ihm stand, ihr Blick bohrte sich förmlich in ihn. „Ich war Leiterin der Materialzuweisung. Natürlich konnte ich Änderungen freigeben.“

„Haben Sie S.D.-4 verwendet?“


„Ja.“ Kurz hielt sie inne, bevor ihr die Aufforderung des ISB Agenten wieder einfiel. „Ja, das habe ich.“

Die Antwort kam diesmal schnell. Fast zu schnell.
Nerio schloss die Mappe und lehnte sich ein wenig zurück. Ein Geständnis war für ihn noch kein Befund, solange man nicht wusste, welchen Teil der Wahrheit es verdeckte. Dray erklärte weiter, ohne dass er sie dazu auffordern musste. S.D.-4 sei für Umleitungen innerhalb bereits bestätigter Vorgänge verwendet worden, insbesondere wenn Material kurzfristig an einen anderen Ort gebracht werden musste. Die Kennung habe weder Geheimhaltung noch besondere Sicherheitsstufe bedeutet. Sie sei ein administrativer Mechanismus gewesen, pragmatisch, häufig gebraucht, nach Kerns Sturz teilweise weitergeführt, weil alte Vorgänge noch offen gewesen seien. Nerio ließ sie reden. Ihre Erklärung war gut. Sie erklärte jeden einzelnen Vorgang für sich. Genau darin lag ihr Problem. Ein Husten konnte harmlos sein, ebenso Fieber, Gewichtsverlust oder ein Schatten auf einem Scan. Erst die Kombination zwang den Arzt dazu, eine andere Frage zu stellen.

„Sie beschreiben mir vier Symptome und geben jedem eine eigene Ursache“, sagte er schließlich ruhig. „Die Lieferungen wurden umgeleitet, weil es praktische Gründe gab. Die Zielorte wechselten, weil Veranstaltungen kurzfristig angepasst wurden. Die S.D.-Kennungen liefen weiter, weil alte Vorgänge offen waren. Material tauchte unter der Oberfläche wieder auf, weil es erneut genutzt wurde. Jede Erklärung klingt für sich genommen vernünftig.“

Er zog ein weiteres Blatt hervor, diesmal eine Eigentumsübersicht aus Blue One und Prefsbelt Green.

„Dann erklären Sie mir bitte noch, weshalb Danos Vrek Grundstücke erwarb, bevor genau dort später Materialströme verdichtet wurden.“

Dray sah auf die Karte. Ihre Miene veränderte sich kaum, doch Nerio bemerkte, wie sie ihre Schultern einen Hauch stärker gegen die Rückenlehne presste.

„Ich kenne Herrn Vreks Grundstücksgeschäfte nicht.“


„Das glaube ich Ihnen sogar.“ Er zeigte auf zwei markierte Bereiche. „Mich interessiert weniger, was Vrek kaufte. Mich interessiert, wer wusste, dass er es kaufen sollte.“ Dray schwieg. Agent Kreeger ließ ihr Zeit. „Mirelle Kaas erinnert sich an S.D.-Kennungen“, fügte er schließlich hinzu. Erst jetzt hob Dray den Kopf wirklich. Die Reaktion war klein, aber sie war da. „Sie haben mit Frau Kaas gesprochen.“

„Wir hatten einen angenehmen Abend.“

„Und was hat sie Ihnen erzählt?“ Nerio lächelte mild. „Das wäre jetzt diagnostisch ausgesprochen unklug.“

Die Stille, die folgte, war sauberer als jede Drohung.
Dray blickte auf die Dokumente, und zum ersten Mal wirkte ihr Schweigen wie Arbeit. Sie berechnete. Welche Informationen konnten bekannt sein? Welche Namen waren gefallen? Welche Verbindungen hatten Akten hinterlassen? Kreeger beobachtete sie dabei mit beinahe wissenschaftlicher Neugier. Dann öffnete er die letzte Mappe. Darin lag kein historisches Dokument. Nur der Ausdruck eines Kommunikationsprotokolls vom Vorabend. Er drehte das Blatt zu ihr, ohne es vollständig über den Tisch zu schieben.

„Kurz vor Ihrer Überstellung haben Sie versucht, einen externen Kontakt zu erreichen. Die Verbindung lief über Zwischenknoten. Das Ziel wird derzeit rekonstruiert.“

Drays Gesicht wurde blasser. Kaum sichtbar, doch diesmal brauchte Nerio keine Vergleichswerte mehr. Er legte die Hände gefaltet vor sich auf den Tisch.


„Wen wollten Sie warnen?“

„Niemanden.“

„Dann wollten Sie jemanden informieren.“

„Ich wollte einen Anwalt erreichen.“

„Über einen verschleierten Kommunikationsweg?“

„Ich wusste nicht, wer zuhört.“

„Eine nachvollziehbare Sorge. Wen haben Sie angerufen?“

Dray antwortete nicht. Nerio wartete, bis das Schweigen selbst unangenehm wurde.

„Frau Dray, bisher habe ich Sie als Verwaltungsbeamtin betrachtet, die möglicherweise jahrelang an einem kranken System gearbeitet hat, ohne seine gesamte Pathologie zu kennen. Dieser Kommunikationsversuch verändert die Diagnose. Menschen rufen selten heimlich jemanden an, wenn sie glauben, lediglich eine alte Akte erklären zu müssen.“

Für einige Sekunden blieb es vollkommen still zwischen ihnen, und Nerio hatte den Eindruck, als würde sich der Raum um genau diese eine unbeantwortete Frage zusammenziehen. Drays Gesicht verriet kaum etwas, doch ihre bis dahin beinahe mustergültige Selbstkontrolle hatte einen feinen Riss bekommen. Die Finger lagen zu fest auf der Tischkante, ihr Blick verharrte einen Augenblick zu lange auf dem Kommunikationsprotokoll, und in der kurzen Verzögerung ihres Atems lag mehr als bloße Nervosität. Für Kreeger war es der Moment, in dem aus einem historischen Befund ein akutes Krankheitsbild wurde. Was immer sie in den vergangenen Jahren geschützt hatte, war für sie offenbar noch immer lebendig genug, um gewarnt werden zu müssen.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Vernehmungstrakt ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Vernehmungsraum ║ Agent Kreeger und Sellia Dray Δ​

Dray löste die Hände von der Tischkante und schob das Kommunikationsprotokoll langsam von sich fort, als könne bereits etwas mehr Abstand zwischen ihr und dem Ausdruck die Bedeutung dessen verringern, was darauf verzeichnet war. Ihre Selbstbeherrschung kehrte dabei Stück für Stück zurück, doch für Nerio war der vorherige Ausschlag längst dokumentiert. Er brauchte keinen Zusammenbruch. Ein Arzt verlangte schließlich auch nicht, dass ein Patient vor ihm kollabierte, bevor er eine Kreislaufstörung ernst nahm. Entscheidend war, dass Dray nun begriffen hatte, wie viele ihrer scheinbar voneinander getrennten Symptome auf demselben Untersuchungstisch lagen.

„Sie verstehen dieses System nicht.“

Kreeger neigte den Kopf ein wenig. Es war die erste Antwort seit Beginn der Befragung, in der er weniger Verteidigung als Erschöpfung hörte.

„Dann helfen Sie mir bei der Diagnose.“

„Kern hat nicht jeden Vorgang entschieden. Das konnte er überhaupt nicht. Es gab Menschen, die wussten, welche Abläufe geschützt werden mussten, weil an ihnen weit mehr hing als irgendein Empfang oder eine Lieferung.“

Bedeutungsschwanger ließ Nerio die Formulierung stehen, ohne ihr sofort eine neue Frage entgegenzusetzen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Menschen Stille häufig selbst mit genau jenen Informationen füllten, die sie unter Druck sorgfältig zurückgehalten hätten.

„Was hing daran?“

„Lieferungen, Zugänge, Verträge, Grundstücke, Firmen. Wenn jemand angefangen hätte, einzelne Vorgänge vollständig auseinanderzunehmen, wäre er irgendwann bei Dingen angekommen, die weit über Kern hinausgingen.“

„Bei Vrek?“

„Unter anderem.“

„Bei Kaas?“

Dray presste die Lippen aufeinander.

„Kaas Solutions war ein Lieferant.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Sie suchen einen Namen, der Ihnen alles erklärt.“

„Ich suche eine Ursache, die genügend Symptome erklärt, um eine Behandlung zu rechtfertigen.“

Langsam und bedacht beugte sich der ISB Agent nur geringfügig vor. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe freundlich, und gerade deshalb wirkte jedes Wort präziser.

„Sie waren nicht die Ursache, Frau Dray. Davon bin ich inzwischen überzeugt. Sie waren ein Gefäß. Vielleicht ein wichtiges. Eines, das wusste, wohin das Blut floss und dafür sorgte, dass bestimmte Bereiche weiter versorgt wurden. Mich interessiert das Organ, an das dieses Gefäß angeschlossen war.“

Die Metapher blieb zwischen ihnen liegen. Dray senkte den Blick auf die Akten und atmete langsam durch, ehe sie antwortete. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme nüchterner. Fast so, als habe sie aufgehört, ihre eigene Rolle zu verteidigen, und begonnen, das System zu beschreiben.

„Es gab keine einzelne Stelle. Genau das war der Sinn. Beschaffung wusste, was beschafft wurde. Protokoll kannte den offiziellen Zweck. Materialrevision sah die nachträglichen Änderungen. Sicherheitsverwaltung und Logistik kannten wiederum nur ihre Teile. Jeder hatte genug Informationen, um seine Aufgabe zu erledigen, aber kaum jemand genug, um den gesamten Vorgang zu verstehen.“

„Und S.D.-4?“

„S.D.-4 bedeutete, dass eine bereits bestätigte Änderung keiner erneuten sachlichen Prüfung unterzogen werden sollte. Wer die Kennung sah, wusste, dass die Freigabe bereits von einer höheren Ebene gekommen war.“

Damit veränderte sich der Befund. Die Sonderdisposition war kein bloßes Relikt einer umständlichen Verwaltung gewesen. Sie hatte wie ein Immunsuppressivum gewirkt. Der Vorgang trug eine Markierung, die dem System signalisierte, auf eine eigentlich erkennbare Abweichung nicht mehr zu reagieren. Genau dadurch hatten auffällige Lieferungen, Umleitungen und nachträgliche Veränderungen jahrelang den Anschein administrativer Normalität behalten können.

„Wer durfte diese höhere Ebene vertreten?“

„Wir nannten sie nur die Koordination.“

„Eine Behörde?“

„Nein. Zumindest keine, die ich je in einem Organigramm gesehen hätte. Die Änderungen kamen mit Freigabenummern und Rückfrageadressen. Die Adressen wechselten. Manchmal nach jedem Vorgang.“

„Wer saß dort?“

„Das weiß ich nicht.“

Stumm betrachtete der Agent sie aufmerksam. Diesmal fand er in der Antwort keine jener kleinen Unregelmäßigkeiten, die ihn zuvor immer wieder zum Nachsetzen veranlasst hatten. Das bedeutete keineswegs, dass sie die Wahrheit sagte. Es bedeutete lediglich, dass er keinen unmittelbaren Widerspruch diagnostizieren konnte.

„Dann kehren wir zu gestern zurück. Wen wollten Sie erreichen?“

Dray schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag darin etwas, das Nerio erstmals als wirkliche Furcht einordnete.

„Einen Mann, der mich nach Kerns Sturz kontaktiert hat. Er sagte, die bestehenden Abläufe sollten vorerst weitergeführt werden, bis entschieden sei, welche davon noch gebraucht würden.“

„Name.“

„Orven Pell.“

Mit einem von angemessener Ruhe getragenen Habitus nahm er sein Datenpad zur Hand und gab den Namen ein. Innerhalb weniger Sekunden wanderte eine verschlüsselte Anfrage in die internen Register des ISB, ergänzt um Verbindungen zu Materialrevision, Grundstücksgeschäften, Kaas Solutions, Danos Vrek und allen nach Kerns Sturz weitergeführten S.D.-Vorgängen. Er erwartete keine sofortige Antwort. Namen waren zunächst lediglich Laborproben; erst die Untersuchung zeigte, ob sie tatsächlich einen Erreger enthielten.

„Wer ist Orven Pell?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nie persönlich getroffen.“

„Und dennoch hielten Sie ihn gestern für wichtig genug, um ihn über einen verschleierten Kommunikationsweg zu erreichen.“

„Weil er mir gesagt hat, was passiert, wenn jemand beginnt, die alten Vorgänge miteinander zu verbinden.“

„Was passiert dann?“

Dray sah ihn lange an.

„Dann verschwinden zuerst die Unterlagen. Danach die Menschen, die sich an sie erinnern.“

Nerio schwieg. Er hatte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Varianten dieses Satzes gehört, meist dramatischer vorgetragen und mit weit weniger brauchbaren Informationen verbunden. Bei Dray klang er beinahe wie eine Verwaltungsvorschrift. Genau deshalb nahm er ihn ernst. Wenn Pell tatsächlich Teil jener Koordination gewesen war, die S.D.-Freigaben über institutionelle Grenzen hinweg gesteuert hatte, dann konnte der Kommunikationsversuch gestern weniger der Warnung eines alten Komplizen als dem verzweifelten Griff nach einer Instanz gegolten haben, deren Schutz Dray bislang vorausgesetzt hatte.

„Sie bleiben vorerst hier. Niemand außerhalb dieses Gebäudes erfährt, was Sie mir gesagt haben. Falls Herr Pell tatsächlich noch Interesse an Ihnen besitzt, möchte ich vermeiden, dass wir ihm voreilig eine Änderung Ihres Gesundheitszustandes mitteilen.“

„Sie benutzen mich als Köder.“

Kreeger zog langsam seine Ledrish-Handschuhe aus und legte sie ordentlich auf die geschlossene Akte.

„Ich beobachte einen Krankheitsverlauf.“

Als er einige Minuten später den Vernehmungsraum verließ, hatte sich seine Diagnose grundlegend verändert. Sellia Dray erschien ihm nicht länger als möglicher Ausgangspunkt des Systems. Sie war Teil eines Kreislaufs gewesen, wichtig genug, um Blut weiterzuleiten, und zugleich weit genug vom Herzen entfernt, um dessen tatsächliche Gestalt nie gesehen zu haben. S.D.-4 hatte die institutionellen Abwehrreaktionen unterdrückt, die sogenannte Koordination hatte verschiedene Organe des Apparates miteinander verbunden, und mit Orven Pell besaß die Erkrankung erstmals einen Namen außerhalb der bereits bekannten Anatomie. Ob dieser Name zu einem Menschen, einem Mittelsmann oder lediglich zu einer weiteren Schicht aus Narbengewebe gehörte, würde sich zeigen. Kreeger trat in den hell erleuchteten Korridor des Vernehmungstraktes, während auf seinem Datenpad bereits die ersten internen Suchprozesse anliefen. Für den Augenblick wollte er Pell weder festnehmen noch warnen. Zuerst musste festgestellt werden, ob der vermeintliche Erreger noch zirkulierte und welche Teile des Organismus auf seinen Namen reagierten. Erst danach würde entschieden werden, wo der nächste Schnitt zu setzen war.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Vernehmungstrakt ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​

Als Nerio Kreeger die Auswertungssektion betrat, hatte Orven Pell bereits aufgehört, für ihn ein Name zu sein. Namen waren verwaltungstechnische Behauptungen. Sie besaßen Geburtsorte, Steuerkennungen, Wohnsitze, Arbeitsverhältnisse, medizinische Einträge, Reisebewegungen und jene zahllosen kleinen Narben, die jeder Mensch hinterließ, sobald er lange genug in einer funktionierenden Bürokratie existierte. Je umfassender ein Staat seine Bürger erfasste, desto schwieriger wurde es, ein Leben zu führen, ohne Spuren zu hinterlassen. Gerade deshalb interessierten Nerio die Stellen, an denen Spuren plötzlich zu sauber wurden. Er setzte sich an einen freien Auswertungstisch, ließ die Ergebnisse seiner Anfrage auf drei Displays verteilen und begann mit dem, was er in Gedanken als Anamnese bezeichnete: Zuerst musste festgestellt werden, ob der Patient überhaupt existierte.

Das zivile Melderegister kannte einen
Orven Pell. Genauer gesagt kannte es sogar mehrere. Zwei waren verstorben, einer lebte auf einem Agrarmond im Mid Rim, ein weiterer war acht Jahre alt. Keine dieser Personen besaß erkennbare Verbindungen zu Prefsbelt IV. Auch die planetaren Register lieferten zunächst nichts Brauchbares. Kein dauerhafter Wohnsitz in Blue One, keine Steuerhistorie, kein registrierter Arbeitgeber, keine Mitgliedschaft in einer lokalen Organisation. Erst in einem alten Personalarchiv der Verwaltung fand Nerio einen Eintrag, der den Namen für vier Monate als externen Sachverständigen einer inzwischen aufgelösten Beratungsstelle führte. Die dazugehörige Personalnummer existierte, doch die hinterlegten Dokumente bestanden aus Kopien, deren Prüfsignaturen auf eine Stelle verwiesen, die seit Jahren nicht mehr bestand. Das Bild begann, ihm zu gefallen. Ein echter Mensch war selten derart ordentlich unvollständig.

Er öffnete die Metadaten der Personalakte und folgte deren Entstehung rückwärts. Die ursprüngliche Kennung war nicht in der Personalverwaltung angelegt worden, sondern über einen temporären Zugang aus dem Bereich Protokollverwaltung importiert und später durch Materialrevision bestätigt worden. Zwei Stellen, die bereits in Drays Aussage aufgetaucht waren. Nerio legte die Zeitstempel daneben. Die Akte war wenige Wochen vor dem ersten dokumentierten Auftreten von S.D.-4 erzeugt worden. Kurz darauf erschien der Name
Orven Pell als Empfänger in drei internen Weiterleitungen, jedes Mal über unterschiedliche Rückkanäle und jeweils ohne persönliche Signatur. Danach verschwand er für fast ein Jahr aus den Unterlagen, nur um bei einer Grundstücksumwidmung in Prefsbelt Green erneut als „externer Koordinator“ aufzutauchen. Der Name verhielt sich weniger wie ein Angestellter als wie ein Medikament, das immer dann verabreicht wurde, wenn ein bestimmter administrativer Zustand erreicht war.

Nerio zog die Grundstücksakten von Danos Vrek hinzu. Er arbeitete langsam, weil Geschwindigkeit bei großen Datenmengen eine eigene Form von Blindheit erzeugen konnte. Einer der Käufe in Prefsbelt Green war zwei Tage nach einer Änderung in einem alten Materialverteilungsplan erfolgt. Eine andere Fläche in Blue One wechselte drei Wochen vor der ersten protokollarischen Sonderveranstaltung den Besitzer, bei der Kaas Solutions Sichtmodule geliefert hatte. In beiden Fällen tauchte in den Metadaten der vorbereitenden Akten ein technischer Nutzer auf, dessen Zugriffsrechte über eine temporäre Verwaltungsfreigabe liefen. Der Nutzername war unauffällig: OP-17. Nerio überprüfte weitere Vorgänge. OP-17 hatte niemals selbst etwas genehmigt. Der Zugang öffnete Akten, las Lagepläne, prüfte Terminlisten und schloss die Sitzung wieder. Einige Stunden oder Tage später folgte dann eine Änderung durch reguläre Stellen. Das Muster besaß eine fast pathologische Eleganz: kein einzelner Eingriff war groß genug, um eine Abwehrreaktion auszulösen, doch gemeinsam veränderten sie den gesamten Organismus.

Er ließ sämtliche bekannten S.D.-4-Vorgänge gegen OP-17 laufen. Bei knapp der Hälfte existierte innerhalb von zehn Tagen vor der jeweiligen Sonderdisposition ein Zugriff dieses Nutzers auf mindestens eine beteiligte Akte. Bei weiteren Fällen waren die Protokolle lückenhaft oder nachträglich bereinigt worden. Vollständige Übereinstimmung hätte Nerio misstrauisch gemacht. Ein über Jahre gewachsenes System produzierte keine mathematische Schönheit. Es produzierte Wiederholungen, Ausnahmen, vergessene Ränder und gelegentliche Fehler. Genau diese Unsauberkeit machte die Verbindung glaubwürdig.

Der nächste Schritt galt dem Kommunikationsversuch von
Sellia Dray. Die Techniker hatten inzwischen zwei Zwischenknoten identifiziert. Beide waren zivile Relaisdienste, deren normale Kunden aus Handelsfirmen, Kanzleien und privaten Sicherheitsunternehmen bestanden. Der dritte Knoten war interessanter. Er lag innerhalb eines älteren Verwaltungsnetzes, das nach Kerns Sturz offiziell außer Betrieb genommen worden war. Der Zugang existierte technisch weiterhin, weil mehrere Archivsysteme noch nicht vollständig migriert worden waren. Drays Nachricht hatte diesen Knoten nur für wenige Sekunden berührt, bevor die Verbindung abbrach. Nerio verglich die interne Kennung des Relais mit den alten Zugriffslisten und fand dort dieselbe Zeichenfolge, die OP-17 vor Jahren verwendet hatte. Damit war Orven Pell zumindest als Kontaktbezeichnung enger an das System gebunden, als Dray vermutlich selbst gewusst hatte.

Trotzdem störte ihn etwas. Er vergrößerte die Zugriffstabelle und sortierte nach Gerätekennungen. OP-17 war im Laufe der Jahre von verschiedenen Terminals genutzt worden. Zwei davon lagen im alten Verwaltungskomplex, eines im Bereich der Materialrevision, ein weiteres in einem Gebäude der Sicherheitsverwaltung. Ein fünftes Gerät gehörte überhaupt keiner Behörde. Es war einem Büroservice-Unternehmen registriert, das für wechselnde Kunden Konferenzräume und temporäre Arbeitsplätze vermietete.
Nerio rief dessen historische Nutzungsdaten ab. Der Anschluss war wiederholt nur für wenige Stunden aktiv gewesen, oft zu Zeiten, in denen zugleich relevante Grundstücks- oder Lieferentscheidungen vorbereitet wurden. Ein einzelner Mensch hätte all diese Orte erreichen können. Ein gemeinsam genutzter Zugang erklärte das Muster jedoch ebenso gut und erforderte weniger Zufälle.

Bislang hatte er
Orven Pell wie einen möglichen Mittelsmann behandelt. Diese Diagnose erschien zunehmend zu eng. Vielleicht war Pell gar keine Person im üblichen Sinn. Vielleicht war der Name eine institutionelle Maske, unter der verschiedene Beteiligte auf dieselben Informationen zugreifen konnten. Ein Deckmantel, der Verantwortung aus einem Vorgang entfernte, indem er sie einer Figur zuschrieb, die in keiner realen Hierarchie auftauchte. Das würde auch erklären, weshalb Dray behauptete, Pell niemals getroffen zu haben und dennoch überzeugt gewesen war, eine konkrete Person zu kontaktieren. Sie hatte einem Namen vertraut, weil das System ihr beigebracht hatte, dass dieser Name reagierte.

Nerio öffnete schließlich die alten Zugangsdaten des außer Betrieb geglaubten Verwaltungsknotens und ließ dessen jüngste Aktivität anzeigen. Wochenlang war dort nichts geschehen. Dann erschien ein einzelner Eintrag, kaum länger als eine Sekunde, datiert auf den Morgen nach Kerns Hinrichtung. Jemand hatte den Knoten geöffnet, geprüft und wieder geschlossen. Kein Datentransfer, keine Nachricht, kein ersichtlicher Zweck. Nur ein Blick in ein System, das offiziell niemand mehr benutzen sollte. Für Nerio war dieser eine Zugriff wertvoller als dutzende historische Akten. Tote Strukturen überprüften ihren Puls nicht selbst.

Er speicherte die Ergebnisse in einer gesonderten Ermittlungsakte und verzichtete bewusst darauf, eine sofortige Sperrung des Zugangs zu beantragen. Einen infizierten Kreislauf klemmte man nicht ab, solange man noch herausfinden wollte, wohin er führte. Stattdessen ließ er den Knoten unauffällig spiegeln und jede weitere Aktivität protokollieren. Zusätzlich markierte er die fünf bekannten Geräte, über die OP-17 in der Vergangenheit genutzt worden war, sowie sämtliche aktuellen Konten, die technisch noch Zugriff auf dieselben Altstrukturen besaßen. Erst danach nahm er seine Handschuhe vom Tisch und betrachtete die Zusammenfassung, die nun vor ihm stand.
Orven Pell war möglicherweise kein Mann, sondern eine Funktion. OP-17 war vielleicht kein persönlicher Zugang, sondern ein gemeinsamer Schlüssel. Und jemand hatte diesen Schlüssel am Morgen nach Robert Kerns Tod noch einmal in das Schloss gesteckt, vermutlich nur um zu prüfen, ob die Tür weiterhin offenstand.

Damit hatte sich die Untersuchung erneut verändert.
Nerio suchte nicht länger ausschließlich nach demjenigen, der das alte System geschaffen hatte. Er suchte nun nach demjenigen, der noch immer kontrollierte, ob es funktionierte. Für den nächsten Schritt durfte dieser Mensch nichts davon erfahren, dass das ISB seinen Finger bereits auf dem Puls hatte. Agent Kreeger ließ den Bildschirm dunkel werden und verließ die Auswertungssektion mit dem beruhigenden Gefühl, dass die Krankheit endlich wieder eine Reaktion gezeigt hatte.

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Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​

Der nächste Ausschlag kam acht Stunden später. Nerio Kreeger hatte die Auswertungssektion bereits verlassen und war dabei gewesen, seine bisherigen Ergebnisse in eine vorläufige Struktur zu bringen, als das gespiegelte Altsystem eine Aktivität meldete. OP-17 war wieder aufgetaucht. Dieses Mal beschränkte sich der Zugriff nicht auf einen kurzen Kontrollimpuls. Der Nutzer öffnete nacheinander drei archivierte Vorgänge, darunter eine alte S.D.-4-Umlagerung, einen Lieferdatensatz von Kaas Solutions und einen Grundstücksvorgang aus Prefsbelt Green, der in den Akten von Danos Vrek bereits mehrfach aufgefallen war. Der Zugriff dauerte etwas mehr als vier Minuten und kam ausgerechnet von jenem privaten Terminal, das zu einem Büroservice-Unternehmen in einem unscheinbaren Geschäftsblock im südlichen Teil von Blue One gehörte. Für Nerio war damit aus einem abstrakten Kreislauf zum ersten Mal wieder eine Adresse geworden. Er ließ die Verbindung spiegeln, ohne sie zu unterbrechen, und ordnete anschließend eine diskrete Beobachtung des Gebäudes an. Keine uniformierten Kräfte, keine auffälligen Fahrzeuge, keine Maßnahmen, die den Patienten darüber informierten, dass der Arzt inzwischen wusste, wo er lag.

Das Bürohaus selbst bot zunächst kaum etwas, das Aufmerksamkeit verdient hätte. Mehrere Etagen wurden tage- oder wochenweise an kleinere Firmen, Rechtsberater, Handelsvertreter und externe Verwaltungskräfte vermietet. Besucher kamen und gingen mit der Gleichgültigkeit eines Ortes, dessen Geschäftsmodell gerade darin bestand, Menschen für kurze Zeit eine Adresse zu geben, ohne viele Fragen zu stellen. Nerio ließ Mietverträge, Zugangskarten, interne Kameradaten und die Protokolle der Empfangsdroiden für die vergangenen Monate zusammentragen. Die meisten Namen führten in Sackgassen. Händler, Vertragsprüfer, Versicherungsvertreter, zwei technische Dienstleister und ein halbes Dutzend Personen, deren Anwesenheit sich ohne Mühe erklären ließ. Erst als er die Zeitstempel der OP-17-Zugriffe gegen die Bewegungsdaten des Gebäudes legte, entstand eine Wiederholung. Ein Mann namens
Marek Thol war bei vier von fünf dokumentierten Nutzungen des betreffenden Terminals im Gebäude gewesen. Nie als Mieter. Nie als offizieller Besucher. Seine Zugangskarte gehörte einem externen Archivdienstleister, der zeitweise mit der Migration alter Verwaltungsbestände beauftragt worden war. Auf den ersten Blick war daran wenig bemerkenswert. Auf den zweiten wurde es interessanter.

Thol war zweiundfünfzig Standardjahre alt, geboren auf Prefsbelt IV, ohne Vorstrafen, ohne bekannte politische Auffälligkeiten und mit einer beruflichen Laufbahn, die so unscheinbar wirkte, dass sie Nerio beinahe misstrauischer machte als eine makellose Fälschung. Er hatte zunächst für ein Unternehmen gearbeitet, das Archivsysteme der planetaren Verwaltung digitalisierte, später für einen technischen Subunternehmer der Protokollverwaltung und schließlich für mehrere private Dienstleister, die Behörden bei der Datenmigration unterstützt hatten. Keine seiner Stellen war besonders hochrangig gewesen. Keine hatte ihm dauerhaft privilegierten Zugang verschafft. Zusammengenommen hatten sie ihn jedoch über Jahre hinweg genau an jene Übergänge gebracht, an denen Informationen zwischen Abteilungen wanderten. Beschaffung, Protokoll, Materialrevision, alte Archivbestände. Ein Mensch, der nirgends lange genug blieb, um Teil einer Hierarchie zu werden, und überall lange genug war, um deren Schnittstellen zu kennen. Kreeger dachte an Krankheitserreger, die nicht in einem einzelnen Organ lebten, sondern den Transportweg selbst nutzten. Sie brauchten keinen festen Sitz. Es genügte, wenn der Kreislauf sie zuverlässig weitertrug.

Er ließ
Thol nicht festsetzen. Stattdessen erhielt das Überwachungsteam die Anweisung, Abstand zu halten und lediglich Bewegungsprofile zu erzeugen. Noch am selben Nachmittag verließ der Mann das Bürogebäude mit einer kleinen Aktentasche und nahm zunächst einen öffentlichen Gleiterbus Richtung Zentrum. Dort stieg er um, kaufte Lebensmittel, verbrachte beinahe zwanzig Minuten in einem Reparaturgeschäft für Haushaltsdroiden und setzte seinen Weg schließlich zu Fuß fort. Für knapp eine Stunde geschah nichts, das Nerios Verdacht auch nur ansatzweise bestätigte. Gerade das war wertvoll. Eine brauchbare Diagnose musste die Möglichkeit aushalten, falsch zu sein. Wer in jedem gewöhnlichen Verhalten ein Symptom erkannte, behandelte am Ende gesunde Menschen und übersah die eigentliche Krankheit.

Erst gegen Abend änderte sich
Thols Route. Der Mann verließ eine belebte Verkehrsachse und nahm einen älteren Fußgängertunnel, der zwei Verwaltungsblöcke mit einem stillgelegten Versorgungskomplex verband. Der Bereich lag außerhalb der Hauptströme von Blue One und war in den vergangenen Jahren mehrfach umgebaut worden. Der ISB Agent ließ die alten Lagepläne öffnen und erkannte innerhalb weniger Minuten eine Verbindung zu einem früheren Grundstück aus dem erweiterten Besitzgeflecht von Vrek. Kein direkter Eigentumstitel, lediglich eine ehemalige Tochtergesellschaft, die das Objekt vor Jahren übernommen und später wieder abgestoßen hatte. Genau solche Verbindungen gefielen ihm mehr als offensichtliche Übereinstimmungen. Sie waren schmutzig genug, um echt zu wirken.

Thol blieb im Versorgungstunnel stehen, als müsse er lediglich seine Tasche neu ordnen. Die Kameras des Überwachungsteams lieferten nur einen schrägen Blick auf ihn. Seine rechte Hand verschwand kurz hinter einer beschädigten Wartungsblende. Danach ging er weiter. Kein Treffen, kein Gespräch, keine Übergabe. Der Agent von Hosnian Prime ließ den Ort erst untersuchen, nachdem der Mann mehrere Straßenzüge entfernt war. Hinter der Blende fand sich eine kleine versiegelte Datenkapsel, kaum größer als ein Finger. Sie war nicht deponiert worden. Der Abrieb im Staub und eine frische Druckspur zeigten, dass Thol sie dort herausgenommen hatte. Der tote Briefkasten war also aktiv gewesen.

Damit veränderte sich das Bild erneut.
Marek Thol war mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als ein zufälliger technischer Dienstleister, doch er musste deshalb noch lange kein Mitglied der eigentlichen Koordination sein. Vielleicht war er lediglich ein Bote, ein Wartungselement innerhalb eines Systems, das seine Beteiligten bewusst voneinander trennte. Diese Vorstellung passte inzwischen besser zu allem, was Nerio über die Struktur wusste. Jeder sah nur den Ausschnitt, den er benötigte. Dray kannte die Kennungen, aber keinen übergeordneten Plan. Kaas kannte Lieferänderungen, aber angeblich nicht deren Zweck. Vrek profitierte von Vorwissen, ohne dass bislang feststand, woher es kam. Nun hatte Thol Zugriff auf OP-17 und holte Informationen aus einem toten Briefkasten. Kein einzelnes Organ erklärte die Erkrankung, doch der Kreislauf wurde zunehmend sichtbar.

Nerio
ordnete an, Thol weiterlaufen zu lassen. Die Versuchung, ihn festzusetzen und die Datenkapsel an sich zu nehmen, war gering. Ein solcher Zugriff hätte ihm möglicherweise eine Person geliefert und gleichzeitig den Rest des Systems gewarnt. Stattdessen ließ er die Wartungsblende unberührt, den Tunnel diskret beobachten und alle bekannten Bewegungen Thols der vergangenen Monate gegen S.D.-4-Aktivitäten, Grundstücksvorgänge und Zugriffe auf die alten Verwaltungsnetze prüfen. Gleichzeitig sollte die nächste Nutzung des Briefkastens ausschließlich dokumentiert werden. Er wollte wissen, ob Thol etwas zurückbrachte, ob jemand anderes erschien und in welchem Rhythmus dieser Austausch funktionierte. Eine Krankheit, die glaubte, unbeobachtet zu sein, zeigte ihr natürlichstes Verhalten.

Als Agent
Kreeger die aktualisierte Übersicht betrachtete, blieb sein Blick schließlich auf der Linie zwischen OP-17, dem Büroservice-Terminal und dem Versorgungstunnel hängen. Zum ersten Mal besaß das alte Netzwerk wieder eine körperliche Bewegung. Es öffnete Daten, verließ Gebäude, wechselte Verkehrsmittel und griff mit einer menschlichen Hand hinter eine Wartungsblende. Das machte es verwundbarer. Zugleich warnte es ihn davor, einen Boten mit dem Herzen zu verwechseln. Kreeger hatte lange genug Medizin studiert, um zu wissen, dass man einen Kreislauf nicht verstand, indem man die erste Vene aufschnitt, die man fand. Man musste zunächst beobachten, wohin sie führte.

Noch am selben Abend begann er deshalb mit der Vorbereitung des nächsten Schrittes. Die Überwachung hatte ihm gezeigt, dass das System weiterhin Informationen abrief. Nun wollte er erfahren, ob es auch auf eine Veränderung reagierte, die ausschließlich er selbst erzeugte. Ein künstlicher Befund, sauber präpariert und so platziert, dass niemand außerhalb seiner Untersuchung davon wissen konnte. Wenn OP-17 oder einer seiner menschlichen Träger darauf ansprang, würde
Kreeger erstmals nicht bloß den Verlauf einer Krankheit beobachten. Er würde einen kontrollierten Reiz setzen und messen können, wohin die Reaktion wanderte. Erst dann, so entschied er, würde er Master Agent Threx gegenüber von einem abschließenden Befund sprechen.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​

Der künstliche Befund durfte weder zu auffällig noch zu belanglos sein. Nerio Kreeger verbrachte beinahe zwei Stunden damit, einen Vorgang zu konstruieren, dessen eigentliche Stärke gerade in seiner bürokratischen Gewöhnlichkeit lag. Ein ehemaliges Lagerobjekt in Prefsbelt Green, das über Jahre hinweg mehrfach den Besitzer gewechselt hatte und zeitweise zum erweiterten Besitzgeflecht von Danos Vrek gehört hatte, sollte angeblich im Rahmen einer nachträglichen Bestandsprüfung erneut geöffnet werden. Der Vorgang enthielt Hinweise auf historische Materialumlagerungen, eine alte S.D.-4-Kennung und die Ankündigung, dass die ursprünglichen Liefer- und Eigentumsdaten innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden gegen physische Archivbestände abgeglichen würden. Tatsächlich existierte keine solche Prüfung. Die Information wurde weder an Materialrevision noch an die Sicherheitsverwaltung verteilt und tauchte in keinem regulären Arbeitsplan auf. Sie lag ausschließlich in jenem alten Verwaltungsnetz, dessen Zugriff Kreeger seit Tagen spiegeln ließ. Zusätzlich versah er den Datensatz mit einer unsichtbaren Kennung, die jede Kopie, Weiterleitung oder Öffnung eindeutig identifizierbar machen würde. Für einen Außenstehenden war es ein weiterer vergessener Verwaltungsakt. Für jemanden, der das alte System noch immer überwachte, musste er wie beginnendes Fieber wirken.

Danach blieb ihm nur das, was Ermittler besonders schlecht ertragen konnten und Ärzte täglich verlangten: warten.
Nerio ließ die Akte unangetastet und untersagte jede weitere Aktivität auf dem Knoten. Auch Marek Thol wurde weiterhin lediglich beobachtet. Der Mann ging seiner Arbeit nach, kaufte am Nachmittag Lebensmittel, verbrachte eine knappe Stunde in einem technischen Archivdienst und kehrte anschließend in seine Wohnung zurück. In den ersten sechs Stunden geschah nichts. Nach zehn Stunden ebenfalls nicht. Erst kurz nach Mitternacht registrierte das gespiegelte System eine Verbindung. OP-17 öffnete den künstlichen Vorgang, verweilte ungewöhnlich lange bei den Eigentumsdaten und rief anschließend zwei alte Lieferprotokolle auf, die Kreeger bewusst als Querverweise eingebaut hatte. Weniger als drei Minuten später wurde eine Kopie erzeugt. Die unsichtbare Markierung blieb erhalten.

Damit hatte die Krankheit auf den Reiz reagiert. Entscheidend war nun, wohin die Entzündungsreaktion wanderte. Der erste Zugriff kam erneut aus dem Büroservice-Gebäude, doch
Thol befand sich zu diesem Zeitpunkt nachweislich in seiner Wohnung. Eine zweite Person musste OP-17 verwenden. Die Gebäudedaten zeigten lediglich drei Nutzer im betreffenden Stockwerk. Zwei ließen sich ohne Mühe ausschließen. Der dritte Zugang war auf einen temporären Vertrag einer kleinen Dokumentationsfirma registriert worden, die seit Monaten keine aktiven Verwaltungsaufträge mehr besaß. Der Name des Nutzers war für Nerio zunächst weniger interessant als das Gerät: derselbe Terminaltyp, dieselbe historische Zugriffsarchitektur und dieselbe Art temporärer Berechtigung, die bereits bei Orven Pell aufgetaucht war. Offensichtlich war OP-17 nicht an Thol gebunden. Der Schlüssel zirkulierte.

Sechsundzwanzig Minuten nach dem ersten Zugriff erschien die markierte Kopie in einem zweiten System. Diesmal handelte es sich um einen noch aktiven Teil der planetaren Grundstücksverwaltung. Dort wurde der Datensatz nicht verändert. Jemand öffnete lediglich die historische Eigentümerfolge des betreffenden Lagerobjekts, prüfte die hinterlegten Übertragungsurkunden und verließ den Vorgang wieder. Drei Minuten später griff ein anderer Nutzer auf dieselben Daten zu und versuchte, eine alte Anlagenreferenz aus dem sichtbaren Register zu entfernen. Der Versuch scheiterte an einer neueren Prüfsperre, die nach Kerns Sturz eingerichtet worden war. Für Nerio war genau dieser Fehlschlag von besonderem Wert. Ein Mensch hatte soeben auf eine Untersuchung reagiert, die überhaupt nicht existierte, und versucht, einen Bestandteil des angeblich historischen Materials zu bereinigen. Damit war der Unterschied zwischen Erinnerung und Aktivität verschwunden.

Er ließ sämtliche beteiligten Konten sichern, jedoch weiterhin offen. Die Metadaten zeigten, dass der zweite Zugriff über ein reguläres Benutzerkonto einer Sachbearbeiterin erfolgt war, die zu diesem Zeitpunkt längst keinen Dienst mehr hatte. Ihr Terminal im Verwaltungsgebäude war ebenfalls ausgeschaltet. Die Sitzung lief über eine Remote-Verbindung, die wiederum durch denselben alten Verwaltungsknoten geschleust worden war, den
Sellia Dray für ihren Kommunikationsversuch benutzt hatte. Das System begann sich selbst sichtbar zu machen. OP-17 öffnete den Befund, ein zweiter Zugang überprüfte die angrenzenden Akten, ein dritter versuchte, auffälliges Gewebe zu entfernen. Keine der Bewegungen war für sich genommen spektakulär. Gemeinsam ergaben sie eine Reaktionskette, deren zeitliche Nähe kaum noch mit Zufall erklärt werden konnte.

Kurz vor zwei Uhr morgens meldete das Überwachungsteam Bewegung bei
Marek Thol. Der Archivdienstleister verließ seine Wohnung und nahm diesmal keinen öffentlichen Transport. Ein gemieteter Gleiter brachte ihn in einen älteren Verwaltungsbezirk von Blue One. Dort betrat er für weniger als fünf Minuten ein stillgelegtes Datenarchiv, dessen Zugang laut Register seit Monaten gesperrt war. Wenige Augenblicke nach seinem Verlassen erschien die markierte Kopie des künstlichen Vorgangs ein drittes Mal im Netzwerk. Danach wurde sie gelöscht. Gleichzeitig verschwand auf einem anderen Knoten eine Liste mit historischen S.D.-4-Verweisen, deren Sicherung Kreegers Team längst gespiegelt hatte. Das Muster war vollständig genug, um ihm beinahe ästhetisch zu erscheinen. Der Organismus hatte einen vermeintlichen Fremdkörper entdeckt, Informationen darüber weitergegeben und anschließend versucht, die entzündete Stelle zu reinigen.

Nerio ließ
Thol trotzdem weiterlaufen. Eine Festnahme hätte in diesem Moment nur bestätigt, dass das ISB den Mechanismus verstanden hatte. Stattdessen ließ er sämtliche Verbindungen sichern, die Bewegungsprofile der Beteiligten archivieren und die verwendeten Geräte physisch lokalisieren. Besonders interessierte ihn eine einzige Verbindung, die unmittelbar nach der gescheiterten Registerbereinigung für weniger als zwei Sekunden aufgebaut worden war. Sie führte aus dem planetaren Verwaltungsnetz hinaus zu einem privaten Kommunikationsknoten, dessen Besitzerstruktur über mehrere Gesellschaften verschleiert war. Eine davon hatte in der Vergangenheit Verwaltungsdienstleistungen für Unternehmen aus dem Umfeld von Vrek erbracht. Eine weitere war zeitweise Vertragspartner von Kaas Solutions gewesen. Der Befund reichte noch nicht aus, um aus wirtschaftlicher Nähe eine operative Beteiligung zu machen. Für den endgültigen Bericht genügte jedoch bereits etwas anderes: Die alten Strukturen reagierten nachweislich auf neue Bedrohungen, verwendeten weiterhin historische Zugänge und bewegten Informationen zwischen privaten und staatlichen Systemen.

Am frühen Morgen legte
Kreeger sämtliche Ereignisse chronologisch nebeneinander. Links stand der künstliche S.D.-4-Vorgang. Daneben die erste Öffnung durch OP-17, anschließend die Abfrage der Grundstücksdaten, der Löschversuch, Thols nächtliche Bewegung, der Zugriff auf das stillgelegte Archiv und schließlich die Verbindung zum privaten Kommunikationsknoten. Darunter ordnete er die älteren Befunde: Dray, die Sonderdispositionen, Mirelle Kaas, die veränderten Lieferziele, Danos Vrek, die Grundstücke, OP-17 und die künstliche Identität Orven Pell. Zum ersten Mal musste er keine Lücken mehr mit Vermutungen überbrücken, um den Mechanismus zu beschreiben. Einige Namen blieben ungeklärt, Verantwortlichkeiten würden noch zu beweisen sein, doch die Funktionsweise selbst war sichtbar geworden.

Die ursprüngliche Frage der Untersuchung hatte gelautet, wie
Robert Kern über Jahre hinweg ein solches System hatte aufrechterhalten können. Nerio besaß darauf inzwischen eine Antwort, die ihm besser gefiel als jede Verschwörungstheorie. Kern hatte kein allwissendes Netzwerk schaffen müssen. Er hatte Bedingungen geschaffen, unter denen viele kleine Funktionen einander ergänzten, Warnsignale administrativ neutralisiert wurden und Verantwortung immer nur bis zur nächsten Schnittstelle reichte. Als Kern verschwand, blieb diese Anatomie bestehen. Manche Teile starben ab, andere arbeiteten weiter, weil niemand ihnen gesagt hatte, dass sie aufhören sollten, und einige reagierten noch immer aktiv auf Gefahr. Die Krankheit hatte ihren ursprünglichen Wirt überlebt.

Kreeger schloss die Ermittlungsakte nicht. Dafür war es zu früh. Er versah sie lediglich mit einer neuen Einstufung und begann, seinen Bericht für
Master Agent Corvin Threx vorzubereiten. Threx sollte keine Sammlung interessanter Verdachtsmomente erhalten. Er sollte eine Diagnose bekommen: Ursprung, Übertragungswege, betroffene Strukturen, noch aktive Symptome und eine Empfehlung, welche Eingriffe vorgenommen werden konnten, ohne den gesamten Patienten gleichzeitig in einen Schockzustand zu versetzen. Nerio nahm seine Ledrish-Handschuhe vom Tisch, faltete sie sorgfältig und sah ein letztes Mal auf die Reaktionskette vor sich. Für die Untersuchung genügte der Befund. Nun musste entschieden werden, welche Behandlung das Imperium daraus ableiten würde.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Besprechungsraum ║ Master Agent Threx und Agent Kreeger Δ​

Der Bericht, den Nerio Kreeger vor Corvin Threx auf den Tisch legte, war auffallend dünn. Für Nerio war das ein Qualitätsmerkmal. Ein guter Diagnostiker sammelte Befunde nicht um ihrer Menge willen, sondern verdichtete sie zu einem Krankheitsbild. Entsprechend trennte seine Akte sauber zwischen Tatsachen, Schlussfolgerungen und offenen Fragen. Threx überflog die ersten Seiten, ehe er den Blick hob.

„Ihr Befund?“

„Kerns System ist in Teilen weiterhin aktiv.“

Agent Kreeger fasste die entscheidenden Punkte zusammen. S.D.-4 hatte es ermöglicht, bereits freigegebene Änderungen an Materialströmen und Zielorten einer erneuten Prüfung zu entziehen. Sellia Dray hatte diese Kennungen verwendet und nach Kerns Sturz teilweise weitergeführt. Ihre Aussagen wurden durch historische Datensätze und die Angaben von Mirelle Kaas gestützt. Deren Unternehmen hatte Material geliefert, das später in verborgenen Strukturen auftauchte. Bei Danos Vrek wiederum deuteten Grundstückskäufe darauf hin, dass Informationen über künftige Nutzungen vorab verfügbar gewesen waren. Ob Kaas oder Vrek den gesamten Mechanismus kannten, ließ sich bislang nicht belegen.

Entscheidend war der kontrollierte Belastungstest. Ein von Nerio künstlich angelegter S.D.-4-Vorgang hatte innerhalb weniger Stunden mehrere Zugriffe, einen Bereinigungsversuch und Bewegungen über alte wie aktuelle Systeme ausgelöst. Die Reaktionskette führte über OP-17 bis zu
Marek Thol, der offenbar als Träger innerhalb des verbliebenen Netzwerkes fungierte. Auch Orven Pell erschien inzwischen kaum noch als reale Einzelperson. Personalakte, Rückkanäle und die wechselnde Nutzung von OP-17 sprachen eher für eine institutionelle Identität, die mehreren Beteiligten als gemeinsame Autorität diente.

„Wir untersuchen damit keine bloße Hinterlassenschaft. Das System besitzt noch Reflexe.“

„Kern also nicht als alleiniger Architekt?“

„Dafür gibt es keinen Beleg. Er hat das System genutzt und davon profitiert. Entscheidend ist, dass Teile davon auch ohne ihn weiterarbeiten.“

Damit war für Nerio Kreeger auch die ursprüngliche Frage beantwortet. Kern hatte über Jahre bestehen können, weil Auffälligkeiten administrativ normalisiert worden waren. Zuständigkeiten waren geteilt, Prüfmechanismen durch Sonderkennungen umgangen und Informationen über technische Schnittstellen weitergegeben worden. Niemand musste das gesamte System kennen. Die einzelnen Organe erfüllten ihre Funktion, ohne den vollständigen Körper zu sehen.

„Behandlung?“

Nerio riet von einer großflächigen Säuberung ab. Sie würde verbliebene Strukturen warnen und zugleich Beweismittel vernichten. Alte Zugänge sollten weiter gespiegelt und schrittweise ersetzt werden. Dray blieb als Informationsquelle wertvoll, Thol sollte vorerst weiter beobachtet werden. Bei Kaas empfahl er eine diskrete Prüfung ihrer historischen Kommunikation und Verträge, bei Vrek die Zusammenführung von Grundstücken, Strohmännern und Finanzbewegungen. Der private Kommunikationsknoten aus dem Belastungstest sollte unangetastet bleiben, bis sämtliche Nutzer bekannt waren.

Threx schloss die Akte und ließ seine Hand darauf ruhen.

„Als wir begonnen haben, wollte ich wissen, wie Kern so lange damit durchkommen konnte.“

„Jetzt wissen wir es.“

„Wir wissen, wie der Mechanismus funktioniert hat. Das ist mehr wert.“

Mit einem leichten Neigen des Kopfes nahm der ISB Agent die Korrektur an. Eine einzelne Person erklärte selten eine Krankheit, selbst wenn die Öffentlichkeit das bevorzugte. Kern war tot, der Kreislauf jedoch hatte seinen ursprünglichen Wirt überlebt.

„Ich übernehme Ihre Empfehlungen. Dray bleibt unter unserer Kontrolle. Thol läuft weiter. Kaas und Vrek werden vorerst nicht offen angefasst. Den Knoten lassen wir atmen.“

Threx
musterte ihn noch einen Augenblick.

„Gute Arbeit, Kreeger. Sie haben den Mechanismus gesucht, als andere noch Namen gesammelt hätten.“

Das knappe Lob traf Nerio stärker, als er erwartet hatte. Für einen Moment erinnerte er sich an seinen Vater und dessen ständigen Vergleich mit seinem Bruder, der auf der Brücke eines Kriegsschiffes über mehr als tausend Menschen entschied. Nerio hatte nie Soldaten führen wollen. Ihn interessierten jene Entscheidungen, die getroffen wurden, bevor überhaupt jemand wusste, dass Soldaten gebraucht wurden.

Kreeger erhob sich und nahm seine Handschuhe vom Tisch. Der Bericht blieb bei Threx. Als er den Raum verließ, empfand er keinen Triumph. Eine Diagnose war noch keine Heilung. Sie bedeutete lediglich, dass man endlich wusste, wo man schneiden konnte, ohne im Dunkeln zu operieren.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Besprechungstrakt ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​

Drei Tage nach seinem Bericht an Master Agent Corvin Threx begann die Behandlung. Wer auf Prefsbelt IV nichts von den vergangenen Untersuchungen wusste, hätte sie kaum bemerkt. Es gab keine Absperrungen vor Verwaltungsgebäuden, keine Kolonnen schwarzer Fahrzeuge und keine Beamten, die vor Kameras aus ihren Büros geführt wurden. Stattdessen liefen neue Zugriffsrichtlinien in die Verwaltungsnetze ein, technische Zertifikate verloren ihre Gültigkeit und alte Berechtigungsgruppen wurden unter dem Vorwand regulärer Sicherheitsmodernisierungen neu aufgebaut. Mehrere historische Datenknoten erhielten gespiegelte Ersatzstrukturen, bevor ihre ursprünglichen Zugänge schrittweise geschlossen wurden. Für die meisten Beschäftigten bedeutete das einige neue Passcodes, zusätzliche Anmeldungen und vermutlich Beschwerden über die Unfähigkeit der technischen Verwaltung. Für Nerio Kreeger war es eine Operation bei möglichst stabilem Kreislauf. Der Patient sollte den Eingriff überleben, ohne bei jedem Schnitt mit dem gesamten Körper zu zucken.

Er verfolgte die Maßnahmen von seinem Arbeitsplatz aus. OP-17 verlor zuerst den Zugriff auf zwei ältere Verwaltungsbereiche, während die verbliebenen Verbindungen weiterhin gespiegelt wurden. Der Kommunikationsknoten, über den
Sellia Dray ihren letzten Kontaktversuch geführt hatte, blieb absichtlich aktiv. Seit dem Belastungstest war dort kaum noch Bewegung registriert worden. Marek Thol ging weiterhin seiner Arbeit nach, wurde jedoch inzwischen lückenlos genug überwacht, dass jede erneute Nutzung eines alten Zuganges innerhalb von Minuten sichtbar werden würde. Bislang hatte er keinen weiteren toten Briefkasten aufgesucht. Nerio wertete das weder als Entlastung noch als Scheitern. Nach einer Operation war Ruhe zunächst nur Ruhe. Erst der weitere Verlauf zeigte, ob sie Heilung bedeutete oder das Schweigen eines Organismus, der gelernt hatte, den Arzt zu fürchten.

Dray blieb im Gewahrsam des ISB und hatte begonnen, einzelne Vorgänge aus ihrer Zeit in der Materialzuweisung zu rekonstruieren. Ihr Nutzen lag inzwischen weniger in neuen Enthüllungen als in der Möglichkeit, bekannte Abläufe mit Namen, Zeiträumen und internen Gewohnheiten zu ergänzen. Der größte Teil ihres diagnostischen Wertes war ausgeschöpft. Mirelle Kaas blieb dagegen unangetastet. Ihre historischen Verträge und Kommunikationsdaten wurden in einer gesonderten Prüfung zusammengeführt, ohne dass sie davon erfahren sollte. Ähnlich verfuhr man mit Danos Vrek, dessen Grundstücksgeschäfte inzwischen an eine Einheit übergeben worden waren, die Finanzströme und Eigentumsverhältnisse besser untersuchen konnte, als Nerio es innerhalb seiner eigenen Aufgabe hätte tun können. Er empfand dabei keinerlei Besitzanspruch auf den Fall. Krankheiten gehörten niemandem. Wenn ein anderer Spezialist das betroffene Organ besser behandeln konnte, war es schlechte Medizin, aus Eitelkeit selbst das Skalpell zu führen.

Interessanter war für ihn ein interner Vermerk, der am Nachmittag in seiner Fallakte erschien. Die von
Threx angeordneten Maßnahmen wurden dort erstmals unter einer gemeinsamen Überschrift geführt: Restrukturierung administrativer Sicherheitsmechanismen – Prefsbelt IV. Unter den Grundlagen der Maßnahme stand die Referenz auf Nerios Abschlussbericht. Sein Blick blieb länger darauf liegen, als es für einen gewöhnlichen Verwaltungsvorgang notwendig gewesen wäre. Wenige Tage zuvor hatte er zwischen den Würdenträgern im Gouverneurspalast gestanden und erfahren, wie wenig Gewicht sein Name außerhalb des eigenen Dienstgebäudes besaß. Jetzt veränderten Schlussfolgerungen aus seiner Arbeit Zugriffsrechte, Verwaltungsabläufe und Sicherheitsstrukturen auf demselben Planeten, dessen politische Spitze damals kaum Gelegenheit gehabt hätte, ihn wahrzunehmen.

Er musste dabei an seinen Vater denken. An den alten Vergleich mit seinem Bruder, der auf der Brücke eines Procursator-Sternzerstörers über das Schicksal von mehr als tausend Menschen entschied, während Nerio angeblich nicht einmal einen Wachdienst kommandieren konnte. Damals hatte ihn der Satz verletzt, weil er die Maßstäbe seines Vaters akzeptiert hatte. Sichtbare Verantwortung, Menschen unter dem eigenen Befehl, Rangabzeichen, die selbst Fremden erklärten, wie viel Autorität ein Mann besaß. Inzwischen erschien ihm diese Vorstellung beinahe grob. Ein Offizier konnte tausend Männer befehligen und dennoch lediglich auf Bedingungen reagieren, die längst vorher geschaffen worden waren.
Nerio interessierte die Phase davor. Jene Stunden und Tage, in denen aus Informationen Entscheidungen wurden und aus Entscheidungen später Befehle. Einfluss musste keinen Raum betreten und dessen Aufmerksamkeit erhalten. Manchmal genügte eine sauber formulierte Diagnose, damit sich ganze Abteilungen bewegten.

Diese Erkenntnis gefiel ihm vermutlich etwas mehr, als sie sollte. Er schloss den Vermerk und wandte sich den letzten offenen Punkten des Falles zu. Die Gefahr bestand jetzt darin, Erfolg mit Heilung zu verwechseln. Das alte Netzwerk war geschwächt, mehrere seiner Kommunikationswege standen unter Kontrolle und seine administrativen Reflexe waren bekannt. Trotzdem blieben Fragen offen. Wer hatte die Koordination ursprünglich aufgebaut? Welche Personen verbargen sich tatsächlich hinter OP-17 und
Orven Pell? Wie viele wirtschaftliche Akteure hatten bewusst profitiert und wie viele lediglich gelernt, günstige Gelegenheiten nicht zu hinterfragen? Diese Fragen würden weitere Untersuchungen hervorbringen, vielleicht unter anderen Agenten und in anderen Abteilungen. Für Nerios Auftrag war ihre vollständige Beantwortung nicht erforderlich gewesen. Er hatte die Krankheit identifiziert, ihre Übertragungswege sichtbar gemacht und eine Therapie vorgeschlagen. Der Rest war Nachsorge.

Am späten Nachmittag erschien eine neue Meldung in seinem Kalender. Keine Akte, kein Ermittlungsauftrag und keine Aufforderung zu einer weiteren Befragung. Lediglich eine interne Besprechung der ursprünglichen Task Force.
Threx hatte Lyra Voss, Darius Kel, Serik Halven und ihn für den folgenden Morgen in denselben Besprechungsraum bestellt, in dem ihre Ermittlungen Wochen zuvor zusammengeführt worden waren. Als Betreff stand lediglich: Gesamtbewertung Kern-Komplex. Nerio betrachtete den Eintrag einen Moment und erwartete zunächst wenig Überraschendes. Wahrscheinlich würden die einzelnen Ermittlungsstränge abgeglichen, Zuständigkeiten verteilt und anschließend ein Schlussstrich unter die Task Force gezogen werden. Seine eigene Arbeit war sauber dokumentiert, der Mechanismus bestätigt und seine Empfehlungen bereits in Umsetzung. Für einmal sah er einer Besprechung entgegen, ohne im Vorfeld nach verborgenen Symptomen zu suchen.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Besprechungsraum ║ Task Force Kern Δ​

Als Nerio Kreeger den Besprechungsraum betrat, waren Lyra Voss, Darius Kel und Serik Halven bereits anwesend. Auf den ersten Blick hatte sich wenig verändert. Der Besprechungsraum war streng geometrisch angelegt und beinahe klinisch in seiner Wirkung. Glatte, helle Wandflächen wurden von dunklen vertikalen Paneelen durchbrochen, während indirektes weißes Licht jede Ecke gleichmäßig ausleuchtete und kaum Schatten zuließ. Im Zentrum stand ein langer, schwerer Konferenztisch mit eingelassenen Datenanzeigen, umgeben von identischen schwarzen Stühlen in präzisen Abständen. Auf dekorative Elemente hatte man vollständig verzichtet; selbst die Türen fügten sich nahezu fugenlos in die Wände ein. Der Raum wirkte weniger wie ein Ort für Diskussionen als wie eine Kammer, in der Informationen seziert, bewertet und anschließend in Entscheidungen verwandelt wurden. Dieselben Plätze, dieselbe nüchterne Beleuchtung und dieselbe höfliche Distanz zwischen Menschen, die über Wochen gemeinsam gearbeitet hatten und dabei jederzeit wussten, dass die Qualität des Kollegen zugleich der Maßstab für die eigene Leistung war. Nur die Menge der Akten war geschrumpft. Aus den anfänglichen Bergen ungeordneter Verdachtsmomente waren wenige konsolidierte Dossiers geworden. Für Nerio erinnerte der Raum an eine Station nach einer langen Behandlung: Die hektischen Untersuchungen waren beendet, die wichtigsten Werte lagen vor, und nun mussten mehrere Ärzte entscheiden, ob sie tatsächlich dieselbe Krankheit gesehen hatten.

Master Agent
Corvin Threx ließ sich mit der Eröffnung Zeit. Zuerst wurden die Ergebnisse der einzelnen Ermittlungsstränge nebeneinandergelegt. Voss hatte gemeinsam mit Legat Marcon Felth und anhand älterer Register eine Reihe von Eigentumsverschiebungen rekonstruiert. Mehrere Flächen, die später für Lagerung, abgeschirmte Transporte oder kurzfristige Verwaltungsnutzung Bedeutung erlangten, waren Monate zuvor über Unternehmen aus dem Umfeld von Danos Vrek gegangen. Besonders auffällig war ein Bauunternehmen von Egran Faltus, das einige dieser Objekte instand gesetzt hatte, bevor ihr späterer Zweck überhaupt offiziell feststand. Finanzielle Belege für eine gemeinsame Verschwörung gab es weiterhin nicht. Der zeitliche Zusammenhang war jedoch zu regelmäßig, um ihn als wirtschaftlichen Instinkt abzutun. Kels Ergebnisse ergänzten dieses Bild von der Sicherheitsseite. Frühere Sperrungen, Verkehrslenkungen und Zugangsregelungen der Blue Legion hatten wiederholt genau jene Bereiche abgeschirmt, die später in den Material- und Grundstücksakten auftauchten. Oft hatte jeder einzelne Befehl eine plausible Begründung besessen. Erst in der Gesamtschau wurde sichtbar, wie viele voneinander unabhängige Stellen über Jahre hinweg dieselben Räume geschützt hatten.

Die erste wirkliche Verschiebung kam von
Halven. Seine Arbeit mit ehemaligen Angehörigen des Palastumfeldes und dem früheren Berater Daro Lendrin hatte einen Hinweis hervorgebracht, der zunächst wie eine historische Fußnote gewirkt hatte. Der Name Orven Pell tauchte in einer alten Gästeliste auf, mehrere Jahre bevor Robert Kern jene Macht besessen hatte, die man ihm später zuschrieb. Dort war Pell als Vertreter einer externen Beratungsstelle geführt worden, die bei Empfängen im Umfeld des damaligen Moffs Kildor Sanec aufgetreten war. Weitere Abgleiche ergaben, dass dieselbe Bezeichnung später in Verwaltungsakten wiederkehrte, obwohl die Beratungsstelle längst aufgelöst gewesen war. Nerio spürte, wie sich der Gesamtbefund in seinem Kopf verschob. Seine eigene Analyse hatte Pell bereits als institutionelle Identität eingeordnet. Halvens Fund gab dieser Diagnose nun eine zeitliche Tiefe, die Nerio bisher gefehlt hatte. Wenn der Name bereits vor Kerns Aufstieg verwendet worden war, hatte Kern einen vorhandenen Kreislauf übernommen, erweitert oder für seine Zwecke angepasst. Die Erkrankung war älter als ihr prominentester Patient.

„Damit können wir Kern als Ursprung streichen“, sagte Halven. „Pell ist mindestens mehrere Jahre älter als sein Netzwerk.“

Nerio sagte zunächst nichts. Er empfand keinen Widerspruch zu seiner Arbeit, eher jene eigentümliche Befriedigung, die entstand, wenn eine Hypothese durch einen Befund aus völlig anderer Richtung präziser wurde. Kern hatte die Krankheit nicht erfunden. Er hatte einen Organismus vorgefunden, der bereits gelernt hatte, bestimmte Stoffwechselwege außerhalb der offiziellen Anatomie zu führen.

Die zweite Überraschung traf ihn persönlicher. Threx öffnete ein Dossier, das bisher keinem der vier Agenten zugänglich gewesen war. Es enthielt die Ergebnisse seiner Gespräche mit
Miss Marris, der engen Mitarbeiterin von Theranos Zesh. Während der letzten Phase von Kerns Herrschaft hatte Zeshs Umfeld mehrere vertrauliche Hinweise aus Wirtschaft und Verwaltung erhalten. Einer dieser Kanäle war Mirelle Kaas gewesen. Sie hatte Informationen über ungewöhnliche Lieferungen, wechselnde Zielorte und bestimmte Grundstücksbewegungen weitergegeben, dabei jedoch sorgfältig vermieden, die eigene Firma oder ihre Kenntnis der S.D.-Abläufe vollständig offenzulegen. Ihre Hinweise hatten geholfen, einzelne Verbindungen des Kern-Netzes überhaupt erst sichtbar zu machen.

Nerio dachte an den Ball zurück. An Mirelles kontrollierte Antworten, ihre Bemerkung über Menschen, die Kern nützlich gefunden hatten, und an die feinen Reaktionen, die er als Zeichen eigener Verstrickung gelesen hatte. Diese Bewertung war weiterhin plausibel, doch das Motiv dahinter änderte seine Gestalt. Kaas hatte offenbar spätestens gegen Ende verstanden, dass Kern zu einem Risiko geworden war, und begonnen, Teile seines Systems preiszugeben. Sie hatte dabei gerade genug Wahrheit geliefert, um sich auf der Seite der kommenden Ordnung zu positionieren, und gerade genug verschwiegen, um die eigene Vergangenheit vor einer vollständigen Sektion zu bewahren. Nerio musste unwillkürlich an seine Gedanken während der Hinrichtung zurückdenken. Damals hatte er sich gefragt, wer Kern verkauft hatte, um sich selbst zu retten. Eine Antwort darauf hatte während des Balls möglicherweise direkt vor ihm gestanden.

„Kaas hat ihn fallen gelassen.“

„Sie hat geholfen, ihn fallen zu lassen“, korrigierte Threx. „Verwechseln Sie Kooperation nicht mit Loyalität. Frau Kaas kooperierte, als Kooperation für Frau Kaas gesund wurde.“

Die Formulierung gefiel Nerio mehr, als er zeigen wollte. Sie erklärte zugleich, weshalb Mirelle auf dem Ball so vorsichtig gewesen war. Sie hatte mehrere Krankengeschichten gleichzeitig verwaltet: die eigene, die ihres Unternehmens und jene des Systems, dem sie lange genug nahegestanden hatte, um seinen Untergang früh zu erkennen. Seine Gesprächsführung war dadurch keineswegs wertlos geworden. Im Gegenteil. Er hatte Informationen aus ihr gewonnen, die sie gegenüber Zeshs Umfeld offenbar ebenfalls nicht vollständig offengelegt hatte. Der Unterschied lag lediglich darin, dass er sie bislang als möglichen Teil eines verbliebenen Netzwerkes betrachtet hatte. Nun erschien sie eher wie Gewebe an dessen Rand, das rechtzeitig begonnen hatte, sich vom abgestorbenen Zentrum zu lösen.

Threx ließ anschließend sämtliche Befunde auf der zentralen Darstellung zusammenführen. Voss hatte die wirtschaftlichen Voraussetzungen sichtbar gemacht, Kel die sicherheitsadministrativen Schutzräume, Halven die historische Kontinuität bis in die Zeit vor Kern. Nerios Untersuchung zeigte, wie diese Teile technisch und administrativ miteinander kommuniziert hatten und weshalb der Mechanismus den Tod seines prominentesten Nutzers überleben konnte. Erst gemeinsam entstand ein Bild, das größer war als Robert Kern. Es führte zurück in die Strukturen des Sanec-Umfeldes und nach vorn in eine Verwaltung, in der einzelne alte Reflexe noch immer aktiv waren. Für Nerio war das der Moment, in dem der Patient seine endgültige Gestalt verlor. Prefsbelt IV hatte keine einzelne Erkrankung durchlitten. Über Jahre war ein zweiter Kreislauf innerhalb des offiziellen Systems gewachsen, benutzt von wechselnden Personen mit unterschiedlichen Interessen.

„Die Task Force wird deshalb nicht aufgelöst“, sagte Threx schließlich. „Der Kern-Komplex ist abgeschlossen. Was daraus hervorgegangen ist, wird als Sanec-Kontinuität weitergeführt. Kleinerer Personenkreis, engere Freigaben. Ihre bisherigen Ergebnisse bleiben Grundlage der neuen Akte.“

Keiner der Agenten reagierte sofort. Nerio hatte mit Zuständigkeitsübergaben gerechnet, vielleicht mit der formalen Beendigung ihrer Arbeit. Stattdessen hatte sich die Untersuchung gerade rückwärts verlängert. Sein Befund war bestätigt worden und zugleich zu einem Organ innerhalb eines größeren Krankheitsbildes geworden. Er empfand das überraschend wenig als Niederlage. Eine gute Diagnose musste es aushalten, Teil einer umfassenderen zu werden.

„Voss und Kel übernehmen die wirtschaftlichen und sicherheitsadministrativen Verbindungen. Halven verfolgt die Sanec-Kontakte. Kreeger behält die Koordinationsstruktur, Pell und die technischen Altwege. Sie haben dort bereits den tiefsten Schnitt gesetzt.“

Nerio neigte knapp den Kopf. Vor wenigen Tagen hatte er geglaubt, mit seinem Abschlussbericht eine Erkrankung beschrieben zu haben. Jetzt wusste er, dass er lediglich einen besonders gut sichtbaren Verlauf untersucht hatte. Das störte ihn kaum. Im Gegenteil: Zum ersten Mal seit Beginn des Falls lag vor ihm eine Frage, die Robert Kern nicht mehr beantworten konnte, selbst wenn er noch gelebt hätte. Wer hatte diesen zweiten Kreislauf geschaffen, bevor Kern lernte, ihn zu benutzen? Nerio betrachtete die neue Akte auf dem Display und spürte jenes vertraute, ruhige Interesse zurückkehren, das immer dann entstand, wenn ein Befund gerade kompliziert genug wurde, um wieder gefährlich zu sein.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Besprechungsraum ║ Task Force Sanec-Kontinuität Δ​
 
Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​

Als Nerio Kreeger an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, lag die neue Akte bereits in seinem System. Sanec-Kontinuität. Zwei Worte, die ausreichten, um mehrere Wochen Arbeit zugleich abzuschließen und wieder zu öffnen. Noch vor wenigen Tagen hatte Robert Kern im Zentrum nahezu jeder Überlegung gestanden. Sein Name hatte Lieferungen, Grundstücke, Verwaltungswege und persönliche Beziehungen wie eine Diagnose zusammengehalten, die bequem genug gewesen war, um eine ganze Erkrankung nach ihrem auffälligsten Symptom zu benennen. Nun war Kern tot und sein Komplex offiziell beendet, während die eigentliche Pathologie weiter zurückreichte. Orven Pell hatte bereits existiert, bevor Kern die Strukturen in jenem Umfang nutzen konnte, den das ISB inzwischen rekonstruiert hatte. Die Koordination war damit kein persönliches Werkzeug eines korrupten Gouverneurs gewesen. Kern hatte einen vorhandenen Kreislauf übernommen, erweitert und für seine Zwecke belastet. Das veränderte Nerios bisherige Arbeit nicht. Es gab ihr eine andere Tiefe.

Er dachte an die ersten Akten zurück, an
Lysa Meren und die administrativ bereinigten Warnzeichen, an Sellia Dray, die Sonderdispositionen und die Tunnel unter Blue One. Später waren Mirelle Kaas, Danos Vrek, OP-17 und Marek Thol hinzugekommen. Jeder einzelne Befund hatte zunächst wie ein lokales Symptom gewirkt. Erst ihre Verbindung hatte gezeigt, weshalb die üblichen Kontrollmechanismen versagt hatten. Der Organismus war nicht blind gewesen. Er hatte gelernt, bestimmte Reize nicht mehr als Gefahr wahrzunehmen. Genau darin lag für Nerio inzwischen die wichtigste Erkenntnis dieser Untersuchung. Sicherheitsapparate scheiterten selten ausschließlich daran, dass niemand hinsah. Gefährlicher war der Zustand, in dem alle hinsahen und über Jahre gelernt hatten, das Falsche für normal zu halten.

Auch seine eigene Position hatte sich während dieser Wochen verändert. Auf dem Ball im Gouverneurspalast hatte er zwischen Menschen gestanden, deren Rang, Vermögen oder gesellschaftlicher Name ihnen Zugänge eröffneten, die ihm noch verschlossen blieben. Damals hatte ihn diese Erkenntnis mehr beschäftigt, als er sich eingestehen wollte. Nun lag sein Bericht als Grundlage für Eingriffe in eben jene Verwaltung vor, deren Spitzen ihn kaum gekannt hatten.
Threx hatte seine Arbeit ausdrücklich bestätigt und ihm mit der Koordinationsstruktur den Teil des neuen Auftrags überlassen, der am wenigsten sichtbare Ergebnisse versprach. Nerio empfand darin keinen Widerspruch mehr. Vielleicht war genau dies die Form von Einfluss, die ihm entsprach. Sein Bruder kommandierte Männer, andere Kreegers verwalteten Welten und Behörden. Nerio wollte verstehen, weshalb Systeme handelten, lange bevor jemand einen Befehl aussprach. Sein Vater hätte darin vermutlich weiterhin zu wenig Macht gesehen. Nerio begann zu vermuten, dass sein Vater Macht lediglich an den falschen Stellen gesucht hatte.

Er öffnete die neue Akte und begann mit der Anamnese. Der erste Schritt bestand darin,
Orven Pell aus Kerns Zeit herauszulösen. Sämtliche bekannten Pell-Vermerke, OP-17-Zugriffe und S.D.-Vorläufer sollten chronologisch vor Kerns Amtszeit zurückverfolgt werden. Nerio setzte den frühesten bestätigten Eintrag aus Halvens Fund als Ausgangspunkt und ließ die Archive nach älteren Varianten derselben Prüfsignaturen, Rückkanäle und temporären Berechtigungen durchsuchen. Parallel markierte er die Verwaltungsstellen, die bereits unter Kildor Sanec existiert hatten und später erneut in Kerns Netzwerk auftauchten. Ihn interessierten dabei zunächst keine Personen. Namen wechselten, Ämter wurden neu besetzt, Unternehmen verschwanden und entstanden unter anderer Bezeichnung. Strukturen waren langlebiger. Wenn die Koordination tatsächlich älter war, musste sie an irgendeinem Punkt ihre erste Narbe im System hinterlassen haben.

Kurz bevor er die Suche startete, legte Nerio einen neuen Vermerk an.


Arbeitshypothese: Pell bezeichnet keine Person und möglicherweise auch keine einzelne Funktion. Prüfung auf fortlaufende administrative Identität über mehrere Regierungsperioden.

Danach schickte er die Abfragen in die Archive und beobachtete, wie sich die ersten Datenfelder füllten. Das Kapitel Robert Kern war damit für ihn beendet. Die Behandlung, die daraus hervorgegangen war, würde andere weiterführen. Vor Nerio lag nun eine ältere Krankengeschichte, deren Symptome bereits vorhanden gewesen waren, bevor jemand begonnen hatte, sie nach Kern zu benennen. Er zog seine Ledrish-Handschuhe über und öffnete den ersten Datensatz aus der Sanec-Zeit. Ein abgeschlossener Fall hatte ihm eine Diagnose geliefert. Der neue Auftrag begann mit der Frage, wie lange der Patient tatsächlich schon krank gewesen war.

Δ Äußerer Rand ║ Prefsbelt-Sektor ║ Prefsbelt IV ║ Blue One ║ ISB-Zentralgebäude ║ Auswertungssektion ║ Agent Kreeger Δ​
 
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