[M'shinni-Sektor :: Agriworld-2079 :: zentrale Agrarregion :: Landefeld am äußeren Stadtgürtel] Ylaine Vao
Der Geruch nach feuchter Erde hatte sich bereits in die klimatisierte Kabine des Zubringers geschoben, lange bevor dessen seitliche Luke vollständig geöffnet und die aus mehreren Tagen wiederaufbereiteter Atemluft, warmem Kunststoff und den Ausdünstungen zu vieler Reisender zusammengesetzte Atmosphäre nach draußen entwichen war. Ylaine ließ der Handvoll übriger Passagiere den Vortritt, wartete bis sich eine ältere Ithorianerin mitsamt zweier ungewöhnlich widerspenstiger Gepäckschweber von der Rampe entfernt hatte und trat erst danach hinaus, den Riemen ihrer eigenen Reisetasche über einer Schulter, während der erste tiefe Atemzug ihr neben der erdigen Feuchtigkeit den Geruch frisch geschnittener Pflanzen, erwärmten Metalls und jene schwache Süße einbrachte, die von den großen Verarbeitungsanlagen jenseits des Landefeldes herübergetragen wurde. Es war eine schwere, lebendige Luft, vollkommen anders als die sterile Kühle einer Ordenseinrichtung oder das salzige Klima Dacs, und obwohl sie augenblicklich spürte, wie sich die Feuchtigkeit auf ihre lavendelfarbene Haut legte und unter den Kragen ihrer braunen Lederjacke kroch, blieb sie für einige Sekunden am Ende der Rampe stehen, um den Blick über eine Welt wandern zu lassen, deren Horizont nicht aus Wasser, Stein oder den übereinandergelegten Ebenen einer Stadt bestand, sondern beinahe ausschließlich aus unterschiedlichen Schattierungen von Grün.
Der für sie angekündigte Gleiter wartete am Rand des Landefeldes, ein schmales kommunales Modell mit weiß-grüner Lackierung, dessen Fahrer ihre Ankunft offenbar an dem dezenten Abzeichen der Ossus Rangers auf ihrer Schulter erkannt hatte und ihr bereits entgegenkam, um die Reisetasche zu übernehmen. Ylaine quittierte den Versuch mit einem knappen Kopfschütteln, ergriff den Riemen etwas fester und ließ sich lediglich die Richtung des inneren Stadtgürtels zeigen, obwohl der Mann daraufhin erst auf den Gleiter, dann auf die in der Ferne aufragende Spitze des zentralen Stadtkomplexes und schließlich wieder zu ihr sah, als müsse er sicherstellen, dass sie die Entfernung tatsächlich verstanden hatte. Wahrscheinlich hielt er sie für eine jener Außenweltlerinnen, die sich unter einem Spaziergang über eine Agrarwelt einen schattigen Weg zwischen einigen dekorativen Obstbäumen vorstellten und erst nach dem ersten Kilometer begriffen, dass selbst eine Stadt, deren Straßen von Feldern und Kanälen durchzogen wurden, noch immer mehrere Millionen Bewohner, weit auseinanderliegende Wirtschaftsbezirke und entsprechend große Entfernungen besitzen konnte, die Twi'lek hatte jedoch die vergangenen Jahre damit verbracht, Wege zurückzulegen, die ihr andere als unnötig, unbequem oder schlicht zu weit beschrieben hatten und sah keinen Grund, sich ausgerechnet auf einer Welt herumfahren zu lassen, die sie nicht durch die Scheibe eines Gleiters kennenlernen wollte.
Zwischen dem Landefeld und der eigentlichen Stadt verlief keine erkennbare Grenze. Breite Hallen aus hellem Ferrobeton standen unmittelbar neben Reihen hochgewachsener Nutzpflanzen, deren schwere Blätter sich unter den rhythmischen Bewegungen weit ausgreifender Bewässerungsarme neigten, während offene Lastgleiter Behälter vom Rand der Felder zu den Sortieranlagen brachten und dort zwischen Frachtdroiden, Arbeitern und den abgesenkten Rampen zweier kleiner Transporter verschwanden. Dahinter erhoben sich gedrungene Silos, kuppelförmige Speicher und einzelne schmale Türme, die vermutlich zugleich der Überwachung von Wasserständen, Wetter und Bodenwerten dienten. Ihre Antennen zeichneten dünne Linien vor den hellen Wolken, unter denen das Sonnenlicht in breiten, beinahe weißen Bahnen über die Ebene wanderte. Weiter draußen zerschnitten Kanäle und befestigte Wirtschaftswege das Land in langgezogene Rechtecke, deren unterschiedliche Färbungen beinahe verrieten, in welchem Wachstumsstadium sich die jeweilige Kultur befand und dazwischen bewegten sich Erntemaschinen mit einer Langsamkeit, die aus der Entfernung friedlich wirkte, obwohl Ylaine an den dicht gefüllten Anhängern und den kurzen Abständen der ihr entgegen kommenden Transporter erkennen konnte, wie wenig Stillstand sich dieser Planet tatsächlich erlaubte.
Sie folgte zunächst der Straße, ließ das Landefeld mit seinen gedämpften Triebwerksgeräuschen hinter sich und schob die auf ihrer Stirn sitzende Schutz- und Sensorbrille etwas höher, als einer ihrer langen Lekku beim Gehen gegen den schmalen Bügel stieß. Der schieferblaue Ranger-Overall und die darüber getragene Jacke unterschieden sie kaum von den Technikern, Piloten und Vorarbeitern, die zwischen den Anlagen unterwegs waren, selbst die schwere Sohle ihrer Stiefel fiel zwischen der praktischen Arbeitskleidung nicht weiter auf. Nur der unter der Jacke verborgene Griff ihrer DH-17 sowie eine am Gürtel befestigte Aufklärungsremote erinnerten daran, dass sie nicht für eine Tätigkeit zwischen Silos und Bewässerungsgräben ausgerüstet war. Die war quasi eine etwas überbewaffnete Eskorte für neue Blümchen und Gewächse für den Tempel. Immerhin, das A280 hatte sie in seinem versiegelten Behälter am Raumhafen zurückgelassen, das erschien ihr hier dann doch sehr übertrieben, selbst wenn dieser kleine alte Teil ihres Verstandes bereits die erhöhten Positionen der Verladetürme, die Zufahrten zum Landefeld und die Stellen erfasst hatte, an denen sich die Straßen zwischen Speichergebäuden verengten. Alte Gewohnheiten, die Sie sich lange vor ihrer Zeit bei den Rangers angeeignet hatte und inzwischen so tief saßen, dass sie höchstwahrscheinlich noch einmal doppelt so lange brauchen würde um sie wirklich loszuwerden so wie Aramenia ihr l immer gepredigt hatte. Nicht immer gleich auf einen Weltuntergang vorbereiten, Frieden im Geiste...
A2079 gab ihr keinen. Hinter den offenen Toren der Hallen arbeiteten Förderanlagen mit einem gleichmäßigen, tiefen Summen, irgendwo schlugen Metallbehälter gegeneinander und aus den Feldern drang das beständige Rascheln tausender Blätter, durchsetzt vom leisen Schlagen der Bewässerungsdüsen und den Rufen kleiner Saatvögel, die sich in Schwärmen auf bereits abgeerntete Flächen stürzten, bis ein langsamer Agrardroide sie mit wenig überzeugender Beharrlichkeit wieder vertrieb. Ylaine bemerkte, wie sich ihre Aufmerksamkeit allmählich von den Gebäudekanten und Zufahrten löste, wie aus dem tiefen Geräusch einer Maschine kein möglicher Defekt, sondern lediglich ein arbeitendes Pumpwerk wurde und die Bewegung über einem entfernten Feld nicht länger nach einem sich nähernden Fluggerät aussah, sobald das Licht die breiten Flügel eines dort kreisenden Tieres erfasste. Sie verlor ihre innere Wachsamkeit nicht, dazu hätte vermutlich weit mehr gehört als eine freundliche Landschaft und ein freier Nachmittag, doch sie musste sie hier auch nicht fortwährend nähren und konnte zulassen, dass sich zwischen die vertrauten Bewertungen wieder belanglosere Dinge schoben: die Wärme auf ihren Wangen, der Wind entlang ihrer Lekku und das kühle Sprühwasser, das über den Rand eines Feldes hinweg bis auf den Weg getragen wurde. Sie hörte niemals auf zu lernen, das Leben auf eine neue Art und Weise zu genießen, Altes und Neues in Einklang zu bringen, selbst nach ihrer Explorer-Zeit bescherte ihr die Galaxis noch immer diese kleinen Aha-Momente, die sie früher überhaupt nicht wahrgenommen hatte.
Leider hatte sie Ryloth niemals auf diese Weise in Erinnerung behalten. Von ihrer Geburtswelt waren vor allem gelblicher Stein, enge unterirdische Räume, der Geruch technischer Aggregate und jene kurzen Wege im Gedächtnis geblieben, auf denen Erwachsene ihre Stimmen senkten, sobald Kinder in die Nähe kamen. Später der Frachtraum, in dem ihre Tante sie zwischen Kisten und Ladungsnetzen von dort fortgebracht hatte, ohne zu wissen, ob Korran und Maeli ihnen bald folgen würden. Dac hatte ihr danach Weite gegeben, doch es war die Weite aus Wasser und Himmel gewesen, durchbrochen von schwimmenden Städten und den geschwungenen Bauwerken der Mon Calamari, während der Boden unter ihren Füßen kaum jemals mehr gewesen war als eine künstliche Plattform über einer Tiefe, deren Ende sie nicht sehen konnte. Hier dagegen lag die Weite fest und fruchtbar vor ihr, durchzogen von den sichtbaren Spuren unzähliger Hände, Maschinen und Generationen, die den Boden entwässert, bewässert, bepflanzt und wieder vorbereitet hatten, obwohl nichts an diesem Grün zufällig oder unberührt war, empfand Ylaine es nicht als weniger natürlich. War das eigenartig? Wahrscheinlich, irgendwie hoffte sie das solch ein einfaches Leben auf Ryloth noch existierte. Landwirtschaft... mit einem Lachen im Gesicht und nicht unter den Ketten Imperialer Fehlgeleiteter. Seit dem Kriegsbeginn hatte sie nicht aufhören können daran zu denken das es sie vielleicht bald zu einer traurigen Rückkehr zwingen würde. Eine Rückkehr die dann schlussendlich viel Leid mit sich bringen würde.
An der ersten großen Kanalbrücke verließ sie die für Besucher ausgeschilderte Verbindung zum Zentrum und folgte einem schmaleren Wartungsweg, der dicht am Wasser entlangführte, teilweise unter den auskragenden Rückseiten niedriger Wohn- und Betriebsgebäude hindurch und nur selten so geradlinig verlief wie die breiteren Hauptstraßen. Orte waren ihr schon immer glaubwürdiger erschienen, sobald sie ihre Rückseiten gesehen hatte, dort, wo keine Kunstfassaden einen bestimmten Eindruck erzeugen oder Problemviertel verschleiern sollten, sondern Werkzeug an Geländern hing, Arbeitskleidung auf schmalen Balkonen trocknete und offene Wartungsklappen erkennen ließen, wie viel Technik erforderlich war, um den sauberen Lauf eines Kanals oder die regelmäßige Versorgung der darüberliegenden Häuser aufrechtzuerhalten. Das Wasser floss überraschend klar zwischen befestigten Ufern dahin, verzweigte sich an ferngesteuerten Schleusen in schmalere Rinnen und verschwand stellenweise unter den Gebäuden, bevor es auf der anderen Seite zwischen terrassenförmig angelegten Pflanzbeeten wieder auftauchte. Rankende Gewächse bedeckten Mauern und Sonnendächer, an den Geländern hingen kleine Kästen mit Küchenkräutern und selbst auf den flachen Dächern älterer Lagerhäuser standen Gewächshausmodule, deren beschlagene Scheiben das Licht grünlich zurückwarfen.
Einige hundert Meter weiter hatte sich an einer Zufahrt eine kleine Ansammlung gebildet. Ein alter Lastgleiter stand quer zur Fahrbahn, die linke Seite deutlich tiefer als die rechte, während unter der überladenen Ladefläche in unregelmäßigen Abständen das stotternde Vibrieren eines überlasteten Repulsorfeldes hervordrang. Zwei Jugendliche hielten Kisten mit länglichen gelben Früchten fest, die bei jeder erneuten Schwankung gegeneinander rutschten, eine ältere Fahrerin versuchte gleichzeitig, einen wenig hilfreichen Wartungsdroiden zur Diagnose zu bewegen, und die wenigen wartenden Fahrzeuge hatten damit begonnen, über den schmalen Rand der Zufahrt auszuweichen. Ylaine verlangsamte ihren Schritt bereits beim ersten unregelmäßigen Ton, stellte die Reisetasche neben einem Geländer ab und war unter dem Gleiter, bevor irgendjemand entscheiden konnte, ob man die fremde Rangerin überhaupt um Hilfe bitten wollte.
Das Problem lag weder im Repulsorgenerator noch in der Energiezufuhr, wie der Wartungsdroide mit zunehmender Beharrlichkeit behauptete, sondern in einem teilweise zugesetzten Kühlkanal, durch den Pflanzenfasern und feiner Staub bis an den Feldregulator gelangt waren. Ylaine ließ sich ein Werkzeug reichen, verwarf es nach einem Blick auf den abgenutzten Kopf, zog stattdessen ihr eigenes Mehrzweckwerkzeug aus der Gürteltasche und löste die verzogene Abdeckung, wobei ihr warmer Staub entgegenrieselte und sich mit dem Schmiermittel an ihren Fingern zu dunklen Spuren verband. Die Fahrerin erklärte ihr, dass bereits ein Reparaturdienst gerufen worden sei. Die Twi'lek nahm die Information mit einem kurzen Brummen zur Kenntnis, entfernte die festgesetzten Fasern und überbrückte einen durch die wiederholte Überhitzung spröde gewordenen Kontakt gerade weit genug, dass das Feld erneut gleichmäßig greifen konnte. Es war keine dauerhafte Reparatur, und sie machte mit einer knappen Bewegung zum nächsten Werkstattzeichen deutlich, wie weit sie dem Provisorium vertraute, doch der Lastgleiter hob sich wieder in eine waagerechte Position und die beiden Jugendlichen mussten ihre Kisten nicht länger mit dem gesamten Körpergewicht vor dem Abrutschen bewahren.
Die angebotenen Credits lehnte Ylaine ab, ebenso den ersten Versuch, ihr wenigstens etwas von der Ladung mitzugeben, und während sie sich am Kanal die Hände wusch, war sie bereits davon ausgegangen, dass die Angelegenheit damit beendet sei. Erst als sie ihre Reisetasche wieder aufnahm, bemerkte sie das kleine Netz aus gelbgrünen Früchten, das einer der Jugendlichen mit bemerkenswerter Geschwindigkeit am äußeren Riemen befestigt hatte. Ein Teil von ihr wollte zurückgehen, weniger wegen des Wertes als wegen der beinahe reflexhaften Abneigung, für eine Hilfeleistung etwas anzunehmen, die keine zehn Minuten beansprucht hatte, die drei waren jedoch bereits damit beschäftigt, den Gleiter aus der Zufahrt zu manövrieren und das energische Winken der älteren Fahrerin ließ wenig Zweifel daran, dass ein weiterer Einspruch absolut fruchtlos war.
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