Kolonie-Planet 1

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Versios Büro] Garrick Versio

Als sich die Tür seines Büros hinter ihm verriegelte, blieb Garrick Versio für einen Moment regungslos stehen. Das Summen der Beleuchtung, das leise Klicken der Klimaanlage und die entfernten Schritte eines Wachpostens auf dem Korridor waren die einzigen Geräusche, welche die Ruhe des militärischen Bereiches durchbrachen. Er legte das Datenpad auf den Schreibtisch, zog langsam die Handschuhe aus und warf einen kurzen Blick aus dem schmalen Fenster hinaus in die künstlich beleuchtete Nacht des Administrationssektors. Selbst jetzt, zu einer Stunde, in der auf den Kernwelten längst die wichtigsten Büros leer gewesen wären, arbeitete die Kolonie weiter. Lastengleiter bewegten Material zwischen den Hallen, Schichten wurden gewechselt, Wachmannschaften marschierten ihre Routen. KP-1 war noch jung, roh und unvollständig, doch sie lebte. Gerade deshalb war sie verwundbar. Versio setzte sich, rief die Übersichten der einzelnen Sektionen auf und las sie mit derselben nüchternen Aufmerksamkeit, mit der andere Männer vielleicht ein Spielbrett oder ein Kunstwerk betrachtet hätten. Sensorik, Taktik, Maschinenraum, Versorgung, Rekrutierungsstelle, planetare Orbitalabwehr. Nichts davon war katastrophal, aber fast alles war unzureichend, wenn man es nicht an dem maß, was die Kolonie gestern gewesen war, sondern an dem, was sie morgen werden sollte. Zwei Verteidigungssatelliten, mehrere Sensorikplattformen, die Victory als einziges wirklich kampffähiges Schiff im System und ein wachsender Strom ziviler und halbprivater Transporte. Das war kein Verteidigungskonzept, das war eine Zwischenlösung. Er tippte einige Anmerkungen in sein Pad, strukturierte sie in die Ordnung, die er am nächsten Mittag mit seinen Offizieren besprechen wollte, und hielt dann inne, als ein Bericht des Kommunikationsdienstes eingeblendet wurde. Zwei Konvoianfragen aus dem inneren System, dazu ein Ersuchen der Fourb-Gruppe nach zusätzlicher Sensorpriorisierung entlang einer Transportroute zu einer ihrer Anlagen. Versio verzog kaum sichtbar den Mund. Von Bühl verstand es, Forderungen stets so zu formulieren, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit im Interesse des Imperiums. Vielleicht war es das sogar. Vielleicht aber auch nur im Interesse der Fourb-Gruppe. In einer Kolonie wie dieser waren wirtschaftliche Notwendigkeit und politischer Einfluss niemals sauber voneinander zu trennen.Er öffnete die Akte der Gouverneurin und legte sie neben die Planungen der Flotte. Viola Winters dachte in klaren Linien und harten Prioritäten. Das schätzte er an ihr, auch wenn es die Zusammenarbeit nicht immer leichter machte. Winters wollte Ordnung, Geschwindigkeit und sichtbare Resultate. Sie akzeptierte keine Verzögerungen, keine Unklarheiten, keine Schwäche. In den Grundzügen entsprach das durchaus seinem eigenen Verständnis von Dienst, doch es bedeutete ebenso, dass jeder Vorschlag, den er ihr unterbreitete, bereits ausformuliert, begründet und praktisch umsetzbar sein musste. Für theoretische Erörterungen gab es in dieser Kolonie keinen Raum. Ein Summer an der Tür unterbrach seine Gedanken.

„Herein.“
Der diensthabende Unteroffizier trat ein, salutierte knapp und hielt ein versiegeltes Datacard-Gehäuse in beiden Händen. „Sir, eine Prioritätsnachricht von der Victory. Lieutenant Commander Sloane ließ ausrichten, dass sie zwar keine sofortige Entscheidung erfordert, aber noch heute Ihre Kenntnisnahme.“
Versio nahm die Karte entgegen. „Gut. Rühren.“

Der Unteroffizier verschwand, und wenige Sekunden später erschien auf dem Projektor über dem Tisch das Gesicht seiner XO in sachlicher Aufzeichnung. Rea Sloane stand auf der Brücke, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung straff.
„Sir, ich habe die Rundgänge abgeschlossen. Die Moral der Mannschaft ist stabil, der Landgang zeigt Wirkung. Im Maschinenraum gibt es keine kritischen Ausfälle, Lieutenant Gray bittet jedoch um Priorität für zusätzliche Ersatzteile an den Schildemittern. Zudem habe ich die beiden Rekruten, die der Wachbrücke zugeteilt wurden, in den regulären Beobachtungsdienst eingewiesen. Beide wirken brauchbar, aber unerfahren. Ferner hat die Sensorik erneut schwache Kontakte an der äußeren Systemgrenze erfasst. Kein eindeutiges Bedrohungsprofil, keine aktive Annäherung. Ich habe Beobachtung befohlen und die Alarmbereitschaft der Jäger unangetastet gelassen.“
Das Bild erlosch. Versio stützte die Ellbogen auf den Tisch und dachte nach. Wieder Sensorflecken. Wieder Dinge, die noch nicht gefährlich genug waren, um sofort zu handeln, aber lästig genug, um sich im Kopf festzusetzen. Der unbekannte Raum verzieh keine Nachlässigkeit; und Piraten, Kundschafter oder opportunistische Händler rochen Schwäche meist eher, als Sensoren sie erfassen konnten. Er stellte ein neues Dokument zusammen und überschrieb es mit einer kurzen, nüchternen Zeile: Maßnahmenkatalog Sicherung Koonie. Darunter ordnete er Punkt für Punkt an: Ausbau der Orbitalverteidigung. Rotationsplan für Konvoischutz. Ausbildung von Nachwuchspersonal an Bord der Victory. Besetzung zukünftiger Versorgungsplattform. Klärung der Zuständigkeiten zwischen Gouverneurin, Armee und Flotte im Krisenfall. Abstimmung mit Fourb über Sicherheitsleistungen für Unternehmensanlagen. Kein schöner Text, kein politisches Papier. Ein Werkzeug.
Dann ließ er sich die Personalakten jener Kadetten und Rekruten anzeigen, welche in der Kolonie bereits registriert waren und für eine spätere Offizierslaufbahn in Frage kamen. Die Kolonie besaß nun ein Rekrutierungsbüro, doch Rekrutierung allein schuf keinen brauchbaren Offizier. Wer Raumverteidigung in einem Grenzraum kommandieren wollte, brauchte Disziplin, Nerven und die Fähigkeit, auf unvollständige Informationen zu reagieren, ohne dabei die Ordnung zu verlieren. Versio machte sich zu drei Namen Notizen und schob die Datensätze in einen separaten Ordner. Er arbeitete noch fast eine Stunde weiter, bis die erste Fassung seiner Lageeinschätzung stand. Danach erhob er sich, ging zum Fenster und sah erneut hinaus. In der Ferne blinkten die Lichter der Landeplattformen, darüber, kaum sichtbar, der dunkle Himmel, in dem die Victory wie ein stummer Wächter im Orbit lag. Dieses System war klein. Es war unfertig. Es war in den Augen der Oberkommandos vermutlich entbehrlich. Aber es war ihm unterstellt, und das genügte.

Versio aktivierte das Interkom. „Verbindung zur Victory. Lieutenant Commander Sloane.“

Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann erklang ihre Stimme. „Sloane.“

„Morgen beginnen wir nicht nur mit der Besprechung“
, sagte er ruhig. „Stellen Sie zusätzlich für die nächsten Tage ein Ausbildungsprogramm für vier Kadettenanwärter zusammen. Brücke, Sensorik, Gefechtsstand und Schadensabwehr. Ich will Reserven aufbauen, bevor wir sie brauchen.“
„Jawohl, Sir.“
„Und lassen Sie die Sensorik die schwachen Kontakte weiterverfolgen. Ohne Provokation, aber ohne Nachlässigkeit.“
„Bereits veranlasst.“
„Sehr gut.“


Er beendete die Verbindung, zog die Uniformjacke wieder glatt und sammelte seine Unterlagen ein. Morgen würde er Forderungen stellen müssen, Kompromisse ablehnen, Zuständigkeiten festnageln und vielleicht auch neue Feinde benennen, bevor diese überhaupt den Mut hatten, sich offen zu zeigen. Doch genau dafür war er hier.Mit einem letzten Blick auf das gedimmte Büro löschte Garrick Versio die Projektionen und verließ den Raum.

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[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Lagezentrum] Garrick Versio, Rea Sloane, Leighton Bennett, Brody Gray, Elliot Michell, Harrison Armstrong, weitere leitende Offiziere

Am nächsten Mittag war der Besprechungsraum des militärischen Lagezentrums bis auf den letzten Platz, mit den leitenden Offizieren der Victory, gefüllt. Ein langer Tisch aus dunklem Metall dominierte den Raum, darüber schwebte bereits das Hologramm des Systems: die blasse Sonne, die markierte Umlaufbahn von KP-1, die beiden Verteidigungssatelliten, die Sensorsatelitten, das Provisorischeraumdock und die Position der Victory. Garrick Versio wartete, bis auch der letzte Offizier eingetroffen war, bevor er sich langsam vom Kopf des Tisches erhob. Seine Hände lagen hinter seinem Rücken, die Haltung gerade, die Miene so ruhig, dass sie fast kühl wirkte.

„Meine Herren. Lieutenant Commander Sloane“

begann Versio ohne jede Einleitung

„Wir verschwenden keine Zeit. Diese Besprechung dient nicht der Höflichkeit, sondern der Feststellung eines Problems und der Umsetzung seiner Lösung.“

Ein kurzes Nicken seiner XO genügte, und die Anzeige wechselte zu einer Zusammenstellung von Meldungen, die jeder im Raum bereits kannte, aber nun in ihrer Gesamtheit sehen musste. Zivile Verkehrszahlen stiegen. Die Zahl der Materialtransporte nahm zu. Die Fourb-Gruppe und weitere Investoren weiteten ihre Aktivitäten aus. Sensorische Auffälligkeiten an der Systemgrenze hatten zugenommen. Gleichzeitig verfügte die Kolonie trotz aller Fortschritte weiterhin nur über eine begrenzte militärische Präsenz. Versio tippte auf den Projektor. Sofort erschien die Victory in hervorgehobener Darstellung.

„Aktuell ist dieses Schiff die einzige echte Reaktionsreserve der Kolonie. Das ist keine Stärke. Das ist ein Risiko. Solange wir das nicht ändern können, müssen wir unsere Abläufe so disziplinieren, dass aus einem einzelnen Schiff ein belastbares Verteidigungsinstrument wird.“

Leighton Bennett räusperte sich leicht.

„Sir, wenn ich einwerfen darf: Unsere Feuerkraft reicht gegen verschiedenste Arten von kleineren Verbänden, bewaffnete Transporter oder Gruppen von Verbrechern ohne schwere Unterstützung aus. Das Problem ist nicht die einzelne Gefechtslage, sondern die Fläche. Wir können nicht gleichzeitig Konvois absichern, den Orbit halten und auf einen Notruf außerhalb der unmittelbaren Umgebung reagieren.“

„Korrekt“


erwiederte Versio knapp.

„Und genau deshalb ändern wir nicht die Realität, sondern unseren Umgang mit ihr.“

Er ließ eine neue Grafik einblenden: Alarmketten, Einsatzsektoren, Prioritäten. Der amtierende Kommandant der Bodentruppen der Victory, Major Armstrong, erhielt die Zuständigkeit für abgestufte Bereitschaftsmaßnahmen in der Kolonie. Lieutenant Gray sollte eine Liste mit allen technischen Engpässen ausarbeiten, die bei längeren Alarmflüge der Victory kritisch werden könnten.Lieutenant Commander Bennett bekam den Auftrag, Abfangprotokolle für unidentifizierte Kontakte zu standardisieren. Sloane würde die Schichtpläne der Brücke so anpassen, dass jederzeit erfahrenes Personal auf den Schlüsselpositionen saß. Einer der jüngeren Navigationsoffiziere meldete sich zu Wort.

„Sir, rechnen Sie mit einem unmittelbaren Angriff?“

Versio sah ihn so lange an, bis der Mann die Schultern unmerklich straffte.

„Ich rechne mit der typischen Schwäche krimineller Elemente“

antwortete er dann trocken.

„Sie greifen dort an, wo sie Unordnung vermuten, nicht dort, wo sie Widerstand erwarten. Unsere Aufgabe ist es daher, jede relevante Annäherung als Fehler erscheinen zu lassen.“

Ein leises, zustimmendes Murmeln ging durch den Raum. Sloane blendete daraufhin die Konvoirouten ein, insbesondere jene, die innerhalb des Systems zur Fourb-Anlage und zu den provisorischen Außenposten führten. Mehrere Linien waren markiert, an einigen blinken kleine Warnsymbole.

„Wir haben hier drei Routen mit erhöhtem Risiko. Nicht weil bereits Angriffe erfolgt wären, sondern weil die Wege lang genug sind, um durch bloße Präsenz verunsichert zu werden. Sensorik ist dort unvollständig. Zudem gehen wir davon aus, dass Transporte oft zu geregelten Zeiten aufbrechen, was Muster erzeugt.“
„Dann durchbrechen wir diese Muster, Abfahrtszeiten variieren. Kommunikationsdisziplin wird verschärft. Jeder zivile Konvoi, der imperiale Begleitung fordert, hat sich den militärischen Vorgaben zu unterwerfen. Keine Ausnahmen wegen wirtschaftlicher Bequemlichkeit.“


Gray hob kurz das Kinn.

„Die Fourb-Leute werden darüber nicht erfreut sein.“
„Sie müssen nicht erfreut sein, sie müssen lediglich gehorchen, solange sie imperialen Schutz beanspruchen.“


Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Dann legte Versio die Hände auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorn.

„Es gibt einen zweiten Punkt. Personalaufbau. Wir haben mit dem Rekrutierungsbüro erstmals die Möglichkeit, Nachwuchs vor Ort zu sichten. Ich werde vier Kadettenanwärter über mehrere Tage an Bord der Victory ausbilden lassen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil diese Kolonie in naher Zukunft entweder mehr Verantwortung oder mehr Personal erhalten wird. In beiden Fällen brauchen wir Leute, die nicht erst dann lernen, wenn die Schüsse fallen.“

Sloane bestätigte das mit einem knappen Nicken. Bennett schien interessiert, Michell eher skeptisch.

„Sir, Kadetten sind an Bord in Alarmzeiten auch ein Sicherheitsrisiko.“
„Dann sorgen wir dafür, dass aus Sicherheitsrisiken brauchbare Offiziere werden, in kontrollierten Abläufen. Ohne jede Nachsicht bei Fehlern.“


Niemand widersprach. Es war genau die Art von Satz, bei der jeder wusste, dass weitere Einwände nicht erwünscht waren. Im zweiten Teil der Besprechung wurden Details festgelegt. Welche Abteilungen im Notfall welchen Abschnitt des Planeten priorisieren sollten. Wie schnell Landungsschiffe bemannt werden konnten. In welchem Rahmen die Bodentruppen von Colonel Vogelberg eingebunden wurden, ohne dass die Flotte in planetare Routineaufgaben abglitt. Versio notierte mehrere Punkte, die mit der Gouverneurin abgestimmt werden mussten. Besonders die Finanzierung zusätzlicher Plattformen und Satelliten würde nicht allein über das Militär zu lösen sein. Als die wichtigsten Beschlüsse gefallen waren, stand er wieder auf.

„Sie erhalten bis Morgen früh Zeit die schriftlichen Anordnungen fertigzustellen. Ab sofort gilt: Keine Meldung über Unbekanntkontakte bleibt unbearbeitet. Keine Route wird aus Gewohnheit genutzt und kein Offizier in diesem Raum verwechselt die relative Ruhe im System mit Sicherheit.“

Er sah in die Runde, langsam und kontrolliert.

„KP-1 ist kein Paradeprojekt im Kern der Zivilisation. Es ist ein Vorposten, den wir ausbauen wollen. Genau deshalb wird man uns prüfen. Durch Zufall, durch Gier oder durch Kalkül. Ich beabsichtige nicht, jemanden lernen zu lassen, dass diese Kolonie leicht zu übernehmen ist.“

Mit einer knappen Geste entließ er die Offiziere. Stühle rückten, Datenpads wurden aufgenommen, kurze Saluts wurden ausgetauscht. Nur Sloane blieb noch einen Moment.

„Die Gouverneurin?“
„Morgen und danach von Bühl. Beide müssen verstehen, dass Schutz kein dekorativer Begriff ist.“
„Und wenn sie das nicht wollen?“


Versio nahm sein Datapad.

„Dann werden sie es dennoch akzeptieren müssen.“

Damit verließ er den Raum, während hinter ihm bereits die ersten Offiziere damit begannen, seine Anordnungen in Arbeitsabläufe zu übersetzen.

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