Ich habe Derrick seit den späten 1980er-Jahren immer wieder einmal gesehen, vielleicht auch schon etwas früher. Wirklich spannend fand ich die gesehen Folgen nie. Alles wirkte sehr gesetzt, manchmal fast unbeweglich. Die Fälle schienen vorhersehbar, die Figuren routiniert, die Gespräche oft wichtiger als das Geschehen selbst.
Im Herbst 2024 habe ich dann begonnen, mir die frühen Folgen aus den 1970er-Jahren auf YouTube anzusehen. Das war eine echte Überraschung, weil diese Episoden mit dem späteren Bild der Serie nur wenig zu tun haben.
Gerade die ersten Jahre sind deutlich dynamischer. Derrick ist dort noch kein reiner Stehkriminalist. Er ist viel unterwegs, geht Tatorte ab, verfolgt Spuren, mischt sich körperlich ins Geschehen ein. Man merkt, dass er Teil der Handlung ist und nicht nur ihr ruhiger Kommentator. Diese körperliche Präsenz verschwindet später fast vollständig, ist am Anfang aber ein zentraler Bestandteil der Figur.
Auch das Tempo ist höher. Szenen werden knapper erzählt, Schnitte sind mutiger, die Kamera bleibt näher an den Figuren. Die Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie wird markant eingesetzt, manchmal sehr deutlich, um Spannung oder Unruhe zu erzeugen. Sie begleitet nicht nur, sondern treibt Szenen an und verstärkt Stimmungen. Das gibt den frühen Folgen eine Energie, die man später kaum noch findet.
Inhaltlich sind diese Episoden stark in ihrer Zeit verankert. Man sieht ein Westdeutschland, das kühl wirkt, manchmal trostlos, oft von sozialer Enge geprägt. Die Geschichten drehen sich weniger um ausgeklügelte Rätsel als um Menschen, die unter Druck geraten. Einsamkeit, wirtschaftliche Sorgen, Abhängigkeiten. Verbrechen entsteht hier meist aus Überforderung, nicht aus Kalkül.
Auffällig ist auch die Zurückhaltung im Erzählen. Nicht alles wird erklärt, nicht jede Motivation ausformuliert. Vieles bleibt stehen, manches offen. Das fordert Aufmerksamkeit und wirkt heute erstaunlich modern.
Die frühen Derrick-Folgen sind direkter, rauer und näher an den Konflikten ihrer Zeit. Gerade deshalb sind sie sehenswert. Wer nur die späten Jahre kennt, kennt diese Serie eigentlich noch nicht.