[Äußerer Rand | Mandalore-Sektor | Zanbar-System | Jai’Galaar | Quartier] Etara, Ral A’kazz
Ein leichtes Lächeln blieb auf Rals Gesicht zurück, nachdem Etara geendet hatte. Er musterte die Chiss noch einen Augenblick und nahm schließlich wieder seine Tasse zur Hand.
Erst einige Minuten später meldete sich die Bordkommunikation.
„Watchpoint in ungefähr dreißig Minuten.“
Dann war der Kanal wieder still.
Ral stellte die inzwischen beinahe leere Tasse ab und wandte den Blick wieder dem großen Transparistahlfenster zu, das nahezu die gesamte Außenwand des zusätzlichen Quartiertraktes einnahm.
Seit dem Sprung in das Zanbar-System hatte der Raum davor nie wirklich leer gewirkt. Der Planet, den Zanbar umkreiste, nahm einen beträchtlichen Teil des Sichtfeldes ein, eine gewaltige, halb beleuchtete Scheibe, deren Rand sich scharf gegen die Sterne abhob. Der Mond selbst lag vom gegenwärtigen Anflugvektor aus noch hinter ihm verborgen, doch rings um die sichtbare Flanke herrschte längst jener Verkehr, den Ral mit dieser Gegend verband.
Vier Fang-Jäger kamen von schräg unterhalb.
Zunächst waren es kaum mehr als bewegte Lichtpunkte vor der fernen Planetenscheibe, dann wuchsen die Maschinen innerhalb weniger Herzschläge an, bis sich ihre kantigen Silhouetten deutlich vom Hintergrund lösten. Sie schossen quer über fast die gesamte Breite des Fensters, hielten ihre Formation nur bis kurz hinter der Jai’Galaar und brachen dort paarweise auseinander, ehe sie sich in steilen Bögen voneinander trennten und ebenso schnell wieder kleiner wurden, wie sie gekommen waren.
Ral folgte ihnen mit den Augen.
Weiter draußen bewegte sich bereits die nächste Formation, während unterhalb mehrere Kom’rk-Kampftransporter einen anderen Korridor hielten und eine Gruppe Crusader-Korvetten in weitem Abstand an der Jai’Galaar vorbeizog. Dazwischen arbeiteten sich Frachter, Tanker und Schlepper durch den Raum, manche kaum größer als Lichtpunkte, andere nahe genug, dass einzelne Positionslichter und Triebwerksfelder voneinander zu unterscheiden waren.
Der Raum vor ihnen wurde zunehmend dichter.
Aus vereinzelten künstlichen Lichtern entstanden Stationen. Lange Dockarme schoben sich vor den dunklen Hintergrund, dahinter lagen Tankkörper, Magazine, offene Reparaturgerüste und geschlossene Hangarkomplexe, manche für sich allein, andere über so viele Verbindungselemente und Versorgungsträger miteinander verschränkt, dass sie aus der Entfernung wie gewachsene Gebilde wirkten. Kleine Arbeitsfahrzeuge glitten an ihren Außenflächen entlang und verschwanden in Öffnungen, deren tatsächliche Größe erst dann deutlich wurde, wenn eine Korvette darin verschwand.
Eine Crusader hing mit geöffneten Wartungssektionen zwischen zwei Dockarmen. Helle Arbeitslichter wanderten entlang ihres Rumpfes, während auf der gegenüberliegenden Seite ein Schlepper langsam einen neuen Modulblock heranführte. Dahinter lag ein Jehavey’ir-Angriffsschiff an mehreren Versorgungsleitungen, schwerer gebaut und von sichtbar älterer Formensprache, seine Flanken jedoch von modernen Sensorfeldern und neueren Waffenständen durchbrochen.
Das zweite Jehavey’ir löste sich gerade von seiner Station. Seine Triebwerke erwachten zunächst als schwaches Glimmen, dann als mehrere immer heller werdende Felder, bis der schwere Rumpf sich merklich von seinem Liegeplatz entfernte. Zwei Crusader gingen beinahe gleichzeitig mit ihm auf Kurs und verloren sich gemeinsam zwischen den weiter außen liegenden Anlagen.
Ral kannte den Anblick seit Jahrzehnten. Trotzdem blieb sein Blick draußen.
Der Anflug führte die Jai’Galaar inzwischen entlang des Randes des großen Planeten und mit der langsamen Veränderung ihrer Perspektive begann hinter dessen dunklerer Flanke weiterer Raum sichtbar zu werden. Zunächst erschien nur ein schmaler Streifen Sterne, durchzogen von Positionslichtern und den fernen Bewegungen kleiner Schiffe, ehe sich die Hauptreede mit jeder weiteren Kurskorrektur öffnete.
Ein Keldabe-Schlachtschiff lag so nahe an ihrer Route, dass sein Rumpf für eine Weile einen beträchtlichen Teil des Fensters einnahm.
Die Jai’Galaar passierte nicht unmittelbar an ihm, doch die Entfernung genügte, um die Dimensionen des Schiffes mit etwas anderem als abstrakten Zahlen zu erfassen. Ein Dockarm, der aus größerer Entfernung noch wie eine eigenständige Station gewirkt hatte, lag nun an seiner Flanke wie ein angelegtes Werkzeug. Crusader bewegten sich unterhalb des massiven Bugs und erschienen dort plötzlich kaum größer als Beiboote, während aus einem geöffneten Hangar mehrere Fang-Jäger nacheinander hervorstießen, beschleunigten und binnen Sekunden auseinanderzogen.
Er war nur einer von sechs.
Die übrigen Keldabes lagen über die Hauptreede verteilt, manche zwischen den ausgedehnten Versorgungsanlagen, andere in größerer Entfernung mit ihren Begleitschiffen im freien Raum. Zwischen ihnen liefen kleinere Verbände ein und aus, Jägerstaffeln kreuzten ihre Flugbahnen und Kom’rks bewegten sich zwischen den schweren Rümpfen, während Schlepper, Tanker und Versorgungsschiffe ihre Arbeit verrichteten.
Zwischen den jüngeren Schlachtschiffen lagen auch ältere Formen.
Ein Kyramud stand teilweise hinter einem Versorgungsgerüst, breit und schwer, mit jenem gedrungenen Erscheinungsbild, das noch unverhohlener an die alten Basilisken erinnerte. Ein zweiter lag weiter oberhalb, seine Silhouette nur teilweise sichtbar zwischen mehreren kleineren Schiffen und den Ausläufern eines Docks. Beide trugen die Spuren zahlloser Umbauten offen zur Schau. Neue Sensorfelder lagen auf alten Panzersektionen, Waffenstände saßen dort, wo die ursprünglichen Konstrukteure andere Systeme vorgesehen hatten, und manche Teile des Rumpfes unterschieden sich in Material und Oberflächenstruktur deutlich von den angrenzenden Segmenten.
Ral sah darin wenig Ungewöhnliches. Auch eine gute beskar’gam blieb schließlich nicht deshalb dieselbe Rüstung, weil man jedes Teil unangetastet ließ.
Die Jai’Galaar änderte erneut leicht ihren Kurs.
Ein großer orbitaler Komplex wanderte langsam seitlich aus dem Fenster und gab dahinter eine dunkle Fläche frei, die sich zunächst kaum von den massiven Gerüsten unterschied.
Während die Station vor ihr weiterzog, blieb diese Dunkelheit scheinbar unbewegt stehen, bis an ihrem oberen Rand eine gerade Linie sichtbar wurde und wenige Augenblicke später eine zweite. Erst mit der fortgesetzten Bewegung der Jai’Galaar löste sich daraus die gewaltige Staffelung eines Bugs.
Der Kandosii lag mehrere Kilometer entfernt und füllte trotzdem einen erheblichen Teil des Blickfeldes.
Ein Keldabe stand weit dahinter auf einem anderen Vektor, groß genug, dass er noch kurz zuvor den gesamten Maßstab des Orbits bestimmt hatte, und wirkte nun neben dem alten Dreadnaught beinahe zurückgenommen. Über dem breiten Kandosii-Rumpf lagen Panzerflächen unterschiedlicher Generationen, manche glatt und dunkel, andere von zusätzlichen Segmenten, modernen Sensorfeldern und Waffenstellungen unterbrochen. Antennen und Kommunikationsmasten erhoben sich aus Bereichen, die bei seiner ursprünglichen Konstruktion für vollkommen andere Systeme ausgelegt worden waren, und entlang seiner Flanken glommen Positionslichter über Entfernungen hinweg, die den Rumpf beinahe wie eine eigene Landschaft erscheinen ließen.
Die Darasuum.
Ral kannte Stellen auf diesem Schiff, an denen die Panzerung jünger war als manche ihrer heutigen Besatzungsmitglieder, ebenso wie Sektionen, deren Grundstruktur bereits uralt gewesen war, als seine eigene Familie vor Generationen begann, sie erneut umzubauen. Er erinnerte sich daran, wie das Heck einmal über Monate geöffnet dagelegen hatte, als Reaktorkomponenten ersetzt worden waren, und an die kahlen Ausschnitte in der Außenhaut, nachdem Waffenstände herausgeschnitten worden waren, deren Technik längst niemand mehr im Gefecht einsetzen wollte. Von der ursprünglichen technischen Ausstattung mochte kaum noch etwas übrig sein, doch unter all den Schichten aus Reparaturen, Verstärkungen und Erneuerungen trug die Darasuum noch immer denselben Kiel.
Aus einem ihrer Hangarbereiche löste sich gerade eine Staffel Fang-Jäger. Die Maschinen erschienen zunächst winzig vor der Flanke des Dreadnaughts, sammelten sich außerhalb des Rumpfes und kippten dann gemeinsam in einen neuen Vektor, während weiter hinten Transporter anlegten und mehrere Schlepper zwischen Darasuum und den angrenzenden Versorgungsanlagen arbeiteten.
Ral bemerkte das zweite Kandosii erst, als dessen Bug zwischen einem Keldabe und einem weit entfernten Dockkomplex sichtbar wurde. Der dritte lag tiefer, näher an der Umlaufbahn Zanbars, zunächst nur an einer Reihe heller Triebwerksfelder zu erkennen, bevor die Bewegung der Jai’Galaar auch dessen schwere Konturen aus dem Hintergrund löste.
Sein Blick wanderte von einem zum anderen und kehrte schließlich zur Darasuum zurück.
Die Tasse auf dem Tisch blieb vergessen.
Währenddessen schob sich hinter den Schiffen etwas Helles über den Rand des Planeten.
Zunächst war es nur eine schmale, grünlich leuchtende Sichel. Mit jedem Grad, den die Jai’Galaar auf ihrem Anflug zurücklegte, wuchs sie weiter aus der Verdeckung hervor, bis aus dem hellen Rand eine Welt wurde und Zanbar sich hinter seiner eigenen Flotte in das Fenster schob.
Wo eben noch schwarze Leere zwischen Keldabes, Kandosii und Stationen gelegen hatte, breitete sich nun Oberfläche aus. Unter einem der Schlachtschiffe zogen sich dunkle Sumpflandschaften hinweg, durchzogen von breiten Wasserläufen und spiegelnden Seen, während weiter links gewaltige Felsplateaus aus dem Grün emporstiegen. Ihre Flanken lagen in breiten, horizontalen Gesteinsschichten übereinander, an manchen Stellen von Dunst verhangen, an anderen so steil abfallend, dass die Niederungen darunter schon aus dieser Höhe im Schatten verschwanden.
Einige Hochflächen waren unberührt, andere trugen Anlagen.
Befestigte Landeplätze und kompakte Siedlungsbereiche lagen wie scharf geschnittene geometrische Formen auf dem Fels, verbunden durch Straßen und schmale Verkehrsadern, während weiter draußen vereinzelte Einrichtungen beinahe vollständig zwischen Vegetation und Stein verschwanden. Über den Sümpfen bewegten sich kleine Punkte, zu weit entfernt, um einzelne Maschinen sicher zu erkennen, doch ihre Flugmuster verrieten Übungsbetrieb.
Die Phalanx, die eben noch vor den Sternen gelegen hatte, zeichnete sich nun dunkel gegen Zanbar ab. Keldabes schwebten über den Sumpfflächen, Crusader zogen als kleine bewegte Formen über hellere Regionen hinweg und selbst die Darasuum verlor für einen Augenblick etwas von ihrer überwältigenden Größe, als hinter ihr die Krümmung einer ganzen Welt sichtbar wurde.
Ral lehnte sich etwas tiefer zurück.
Je weiter die Jai’Galaar sank, desto stärker löste sich die Oberfläche aus der Entfernung. Aus geschlossenen dunklen Flächen wurden Baumkronen, aus schmalen silbernen Linien Wasserläufe und aus den Plateaus gewaltige Mauern aus Stein, an deren oberen Rändern Nebel und Wolkenreste hängen blieben. Hier und dort blitzten Lichter von Anlagen durch den Dunst, während die orbitalen Stationen hinter ihnen langsam höher über den Horizont wanderten.
Auf einem der größeren Plateaus zeichneten sich schließlich Linien ab, die zu gerade verliefen, um natürlichen Ursprungs zu sein.
Mit sinkender Höhe wurden daraus Mauern und befestigte Terrassen. Dahinter schoben sich Landefelder aus dem Stein, breite Hallen lagen halb in den Fels eingelassen und weitere Gebäude staffelten sich in mehreren Ebenen über die Hochfläche hinweg, bis schwer auszumachen war, wo das Plateau endete und Watchpoint begann. Teile der Bebauung lagen offen auf dem Fels, andere verschwanden in ihm, verbunden durch Verkehrsadern, die sich wie helle Schnitte zwischen dunklerem Gestein und den ersten Ausläufern der Sumpflandschaft hindurchzogen.
Am äußeren Rand lag der Raumhafen.
Selbst aus dieser Höhe waren die großen geschlossenen Dockingbuchten zu erkennen, in denen eine schwere Crusader wie die Jai’Galaar vollständig verschwinden konnte. Dahinter lagen weitere Landeflächen, Versorgungsanlagen und die ersten hohen Strukturen der Stadt, während weiter entfernt über einem anderen Abschnitt des Plateaus der schwache Dunst industrieller Abwärme hing.
Ral kannte den Weg von dort zu den Schmieden, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Für einen Moment meinte er beinahe schon den Geruch in Erinnerung zu haben, der ihn unten erwarten würde. Warmes Metall und Schmiermittel, erhitzter Stein und die schwere Feuchtigkeit aus den Sumpfniederungen, wenn der Wind sie bis nach Watchpoint hinauftrug.
Die ersten dünnen Schleier der Atmosphäre begannen über das Transparistahl zu laufen. Hinter ihnen rückte die Hausphalanx höher über den Horizont, ihre Schiffe und Stationen mit jeder Minute kleiner werdend, während vor ihnen das Plateau anwuchs und die großen Dockanlagen des Raumhafens deutlicher hervortraten.
Ral betrachtete Watchpoint noch einige Augenblicke und sah dann zu Etara.
Diesmal war das Lächeln nicht nur angedeutet.
„Willkommen auf Zanbar, Etara von der Schwarzen Sonne.“
[Äußerer Rand | Mandalore-Sektor | Zanbar | im Anflug auf Watchpoint | Jai’Galaar | Quartier] Etara, Ral A’kazz