Coruscant

(Maciek Lavoro)

- Coruscant – Obere Ebenen – Restaurant „Victorias“ - Mit Exodus, Giselle, Yuna und Florena -

Es war ein ruhiger Abend gewesen, bisher. Sie hatten Florena am späten Nachmittag von Ihrer Mutter abgeholt, waren im Zoofachgeschäft gewesen um sich dutzende von Fischen in allen möglichen Formen und Farben anzusehen (Florena wünschte sich schon seit Monaten ein Aquarium zum Geburtstag) und waren anschließend zum Essen ins Victorias gefahren, um den Tag angenehm ausklingen zu lassen. Yuna liebte es, hierher zu kommen und Maciek hatte das gut besuchte - und ziemlich teure - Restaurant ebenfalls schätzen gelernt, seit sie ihn zum ersten Mal dorthin geschleppt hatte. Nur Florena war egal, wo sie essen gingen, hauptsache es gab heisse Maisknödel, hatte sie verkündet, ihr neuestes Leibgericht. Sie war jetzt sieben und ihr Geschmack und ihre Meinung, ganz egal worum es ging, änderte sich wöchentlich. Letzte Woche noch hatte sie Sängerin werden wollen, seit gestern plötzlich Computerexpertin. Einzig in ihrem Wunsch nach einem Aquarium war sie konstant geblieben. Das sollte einer verstehen. Es war also ein schöner Abend gewesen, nur Florena, Yuna und er. Yuna verstand sich wunderbar mit seiner Tochter. Die beiden waren gleichermaßen vernarrt ineinander. Die traute Dreisamkeit wurde erst jäh unterbrochen, als er auftauchte. Er, Exodus Wingston. Auf dem Papier war Yuna noch mit ihm verheiratet, doch ihre Ehe war vorbei gewesen lange bevor Yuna Maciek kennen gelernt hatte. Sie hatte ihm von ihrem Ex-Mann erzählt, offen und intensiv, und natürlich hatte Maciek von ihm gelesen. Exodus Wingston war ein bekannter Name, nicht nur auf Coruscant.

"Guten Abend."

Höflich erwiderte Maciek den Gruß, der allgemein ausgetauscht wurde. Yuna an seiner Seite wirkte erstaunlich gefasst, Wingston kühl, und seine junge Begleiterin, die ihnen freundlich zulächelte, höflich interessiert. Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, in welch peinliche Situation sie gerade gestolpert war. Die einzige, die sich überhaupt nicht an der Situation interessiert zeigte, war Florena. Sie war hatte nur kurz aufgeschaut und war jetzt wieder fleissig dabei, das Strategiespiel zu lösen, das sie zum Zeitvertreib mitgebracht hatte. Es bestand aus mehreren bunten Kugeln, die in wenigen Zügen der richtigen Farbe zugeordnet aufgereiht werden mussten. Maciek wünschte, er könnte ebenso abtauchen wie sie und sich nur auf das Spiel konzentrieren. Das Leben war bedeutend einfacher, wenn man noch ein Kind war. Yuna wiederum, das wusste Maciek, hatte so manches Mal angedeutet, dass es noch einige Dinge gab, die sie Exodus Wingston gerne eines Tages sagen würde. Doch hätte sie damit gerechnet, dass sie ihn so treffen würde, mit Maciek und Florena im Schlepptau und mit Wingstons neuester Eroberung an seiner Seite? Sicherlich nicht. Es musste sie treffen, ihn so zu sehen, das taten solche Dinge immer, auch wenn sie längst vorbei waren.

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Sie war hübsch, sah genau so aus wie auf dem Foto. Dunkle Haare, helle Haut so delikat wie Porzellan und gutmütige, freundliche Augen, die jedes Geheimnis der Galaxis zu hüten schienen. Das also war Exodus' Vergangenheit. Das war Yuna. Giselle hätte nicht geglaubt, ihr irgendwann einmal zu begegnen. Exodus sprach nur selten von ihr. Hier aber stand sie in Fleisch und Blut und Giselle, so irrational es auch sein mochte, spürte Neid in sich hoch kriechen. Sie wusste, dass sie es war, die heute mit Exodus hier war und die mit ihm nach Hause gehen würde. Sie, nicht Yuna. Und doch hatte die andere Frau so viel mehr als sie. Exodus hatte Yuna einst geliebt. Vielleicht tat er es noch immer. Er hatte zwei Kinder mit ihr gezeugt. Er war ihr Mann gewesen, hatte den Großteil seines Lebens mit ihr geteilt. Mit Yuna hatte Exodus eine gemeinsame Geschichte, mit Giselle verband ihn nichts ausser einem gescheiterten Arbeitsverhältnis und körperlicher Begierde. In seinem Leben, realisierte Giselle, war sie ersetzbar. Er würde eine neue Assistentin einstellen, eine neue Frau kennen lernen hinter der er her jagen konnte, doch es würde nie eine andere Yuna für ihn geben.

"Freut mich, hallo."

Giselle lächelte aufgeschlossen. Niemand der Anwesenden konnte etwas für die Situation, in der sie sich befand, nicht einmal Exodus. Es konnte schwerlich seine Schuld sein, dass er nicht das gleiche empfand wie sie für ihn. Oder doch? Doch Exodus wirkte reserviert, nicht ihr gegenüber, sondern seiner Ex-Frau. Seine Stimme hatte den geschäftlichen Ton eingenommen, den sie hatte wenn er mit seinen Angestellten sprach. Es war der selbe gleichgültige Tonfall gewesen, den er gegenüber Giselle angeschlagen hatte, als sie ihm eine zweite Nacht mit ihr verweigert hatte. Inzwischen wünschte sie, sie hätte es nicht getan. Hätte sie ihm dort, auf Fresia, nachgegeben, vielleicht hätte sich dann allmählich etwas zwischen ihnen entwickelt, etwas das mehr war als das, das Exodus jetzt in ihr sah. Er griff nach ihrer Hand und Giselle blickte überrascht in seine Richtung. Seine Aufmerksamkeit war jedoch voll und ganz auf Yuna fixiert. Einen Moment lang unschlüssig kämpfte Giselle gegen das Gefühl, nur eine Waffe für ihn zu sein. Exodus suchte ihre Nähe, aber nur um Yuna anzugreifen und ihr das gleiche Bild zu zeigen, das sie ihm bot. Er musste ihr beweisen, dass sie ihm egal war, dass er über sie hinweg war. Dass er eine Neue hatte.

"Nein, ich bin nicht von hier."

Aller sie nahezu überflutenden Gefühle zum Trotz gelang es Giselle, gelassen zu antworten.

"Ich bin... eigentlich von nirgendwo."

Sie lachte. Machte sie diese Antwort mysteriös? Half es, sie ein klein wenig besonders und begehrenswert zu machen um Yuna zumindest einen Bruchteil des Neids spüren zu lassen, den sie selbst empfand? Half es, darüber hinweg zu täuschen, dass sie genau wusste, dass sie nicht den gleichen Platz in Exodus' Herz eingenommen hatte wie einst die Mutter seiner Kinder? Sie schob sich einen Zentimeter dichter an Exodus heran, fühlte wie sich ihre Arme berührten und lehnte sich schließlich so weit an ihn, dass er fast gezwungen war, seine Hand aus der ihren zu lösen und stattdessen seinen Arm um sie zu legen. Das Bild, das sie boten, war eine Illusion, aber eine die nur er und Giselle durchschauten.

"Wir haben uns auf Fresia kennen gelernt."

Fuhr sie fort. Sie lächelte noch immer.

"Ich würde gerne behaupten, dass er ein furchtbarer Arbeitgeber ist, doch das würde wohl meine Taten Lügen strafen."

Jetzt lachte sie. Ihre weissen Zähne blitzen fröhlich, doch leider war es nichts als ein Spiel. Wer würde den Ring als der Stärkere verlassen? Würde es Yuna sein, mit ihrem neuen, ernst drein schauenden Mann und dem entzückenden kleinen Mädchen in ihrer Mitte, oder Exodus, reich und mächtig, der es sich leisten konnte, jeden Abend eine andere Frau zu verführen? Giselle wandte den Blick zu ihm und es fiel ihr nicht schwer, trotz dieser Gedanken Zärtlichkeit hinein zu legen. Wäre der Rest doch nur ebenso echt.

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Diese Frau war also von … nirgendwo. Von nirgendwo? So ein Unsinn! Niemand war von nirgendwo, jeder hatte irgendwo eine Heimat. Yuna runzelte die Stirn und fixierte die neue Frau an Exodus‘ Seite – jetzt legte er auch noch seinen Arm um sie! – genauer: Sie schien eigentlich gar nicht wie ein naives Dummchen, ihr Blick wirkte durchaus klug. Aber welchen Grund konnte sie sonst haben, sich so mysteriös auszudrücken? Das war albern.

„Ach, Sie arbeiten für die Wingston Corporation?“

Eigentlich hatte Giselle diese Frage eben schon beantwortet und doch überraschte sie Yuna genug, um noch einmal nachzufragen. Mit dieser Info gab die Blondine zudem eine weitere Antwort auf eine Frage, die sich Yuna eben schon gestellt hatte: Hatte Exodus sich wirklich so wenig Mühe bei der Auswahl ihrer Nachfolgerin gegeben? Ja, ganz offensichtlich schon. Sie war wahrscheinlich die Erstbeste gewesen, die ihm bei dieser Geschäftsreise nach Fresia gefallen hatte. Und sie wiederum … sie hatte sich sicher von dem vielen Geld ihres Ex-Mannes beeindrucken lassen, vermutlich auch von seinem Charme und seiner natürlichen Autorität. Aber sie würde nicht lange bleiben, ganz sicher nicht. Der Zauber des Exodus Wingston würde verfliegen, das tat er immer – bei manchen früher, bei anderen später.

„Was machen Sie genau?“

Yunas Blick wanderte zwischen Exodus und seiner Geliebten hin und her. Sie schmiegte sich so zärtlich an seine Schulter und er hatte seinen Arm so schützend um sie gelegt, dass Yuna schlucken musste. In vielen Momenten in ihrem Leben hatte sie sich genau diese starke Schulter von ihm gewünscht. Wieso vergab er sie bloß so leichtfertig an irgendwelche dahergelaufenen Frauen, war für sie aber nie dauerhaft und verlässlich da gewesen? Wieso bloß?! Irgendwas musste im Kopf dieses Mannes doch völlig falsch laufen!

„Ich habe das eben nicht so richtig verstanden.“

gab Yuna sich spitzzüngig.

„Sie stammen von … nirgendwo?“

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Für jene, die ein Zuhause hatten, den sicheren Hafen eines festen Wohnsitzes, in dem sie geboren und aufgwachsen waren, musste es seltsam klingen, wenn man sagte, man käme von nirgendwo wirklich her. Haiur hatte es anders ausgedrückt, positiver: “Giselle von überall“ hatte er sie genannt, doch sie glaubte nicht, dass Yuna diesen Spitznamen verstehen würde und wollte ihn auch nicht mit ihr teilen. Es schien ihr etwas persönliches zu sein, etwas zwischen ihr und ihrem Freund, dem Mon Calamari.

“Ich wurde auf Ambria geboren.“

Antwortete sie stattdessen wahrheitsgemäß und allein der Name des Planeten schien ihr die trockene Hitze des warmen Wüstenwindes für eine Sekunde ins Gesicht zu blasen, sodass sie sich zurück versetzt fühlte in die erste Phase ihrer Kindheit.

“Aber dort ist nicht meine Heimat, weswegen ich nicht aufrichtig behaupten kann, von dort zu stammen. Ich bin viel herum gekommen.“

Schulterzuckend und mit einem Lächeln tat Giselle den Rest der theoretisch noch offen stehenden Frage ab. Normalerweise war sie nicht schüchtern oder zurückhaltend, von sich zu erzählen. Sie mochte es, neue Leute kennen zu lernen, ihre Geschichten zu erfahren und auch ihre eigenen – bis zu einem gewissen Grad – zu teilen. Zwischen ihr und Yuna bestand jedoch eine Barriere, die bereits da gewesen war, bevor sie sich hier getroffen hatten. Yuna war Giselles Vorgängerin. Sie war die Frau, an der Exodus alle anderen Frauen messen würde, während Giselles Welt nicht weiter von der seinen entfernt sein konnte. Sie hatte es indirekt von seinem Vater gehört und sie wollte es ganz sicher nicht auch noch von Yuna hören. Im Gegensatz zu Giselle war Yuna ganz sicher nicht von Alad Wingston aus seinem Penthouse verwiesen worden.

“Ich habe für Exodus gearbeitet, inzwischen tue ich es nicht mehr.“

Stellte sie schließlich klar.

“Aber es tut mir nicht Leid darum.“

Giselle schielte zu Exodus hinüber. Das war keineswegs negativ gemeint. Ihre Lippen kräuselten sich leicht.

“Ich würde fast sagen, wir verstehen uns noch besser, seit ich gekündigt habe.“

Es war nicht ihre Idee gewesen, Yuna eifersüchtig machen zu wollen. Eigentlich passte so etwas ganz und gar nicht zu Giselle, doch nachdem Exodus Initiative gezeigt und nach ihrer Hand gegriffen hatte, hatten sich die Worte in ihrem Mund wie von selbst gebildet. Zum Teil hatte sie ihn unterstützen wollen. Wenn es ihm wichtig war, ein starkes Bild gegenüber seiner Ex-Frau abzugeben, dann würde sie ihn nicht im Stich lassen. Auf der anderen Seite tat es Giselle jedoch auch gut, sich selbst gegenüber der Frau zu behaupten, die in ihren Augen alles hatte. Ja, Yuna lebte von Exodus getrennt, doch sie hatte einen neuen Mann gefunden, sorgte für dessen kleine Tochter und hatte zudem noch zwei erwachsene Kinder mit Exodus, über die sie immer zu ihm verbunden sein würde. Das Band zwischen ihr und ihm würde nie ganz abreißen und Giselle würde Exodus niemals besitzen.

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Giselles Worte wirkten wie ein geheimes Codewort auf Exodus – als hätten sie zuvor vereinbart, dass sie gegenüber Yuna erwähnte, wie gut sie sich verstanden und er daraufhin ebenfalls seine Zuneigung zu ihr demonstrieren sollte. So war es natürlich nicht. Er wusste nicht, wieso Giselle die Dinge sagte, die sie sagte – aber es war klar, dass er in dieser Situation forscher sein konnte als gewöhnlich. Sie würde ihn nicht abweisen, nein, sie würde es genießen oder es zumindest geschehen lassen. Denn irgendwie schien ihr diese Sache hier zu gefallen. Also zog Exodus die Vahla noch ein wenig näher zu sich heran und drückte ihr ohne zu Zögern einen Kuss auf die Schläfe, sog ihren Duft ein, während er sich langsam wieder zurücklehnte. Dann blickte er mit breitem Lächeln zum Tisch und zu seiner Ex-Frau zurück.
Wenn Yuna noch etwas hatte sagen wollen, so sah sie jetzt davon ab. Stattdessen starrte sie das so offensichtlich verliebte Pärchen mehrere Sekunden schweigend an. Dann sagte sie:


„Ich verstehe.“

Das war ein Sieg. Ein Sieg für Exodus und Giselle, denn Yuna schien sich nicht zu Maciek herüber beugen und ihm ebenfalls einen zärtlichen oder leidenschaftlichen Kuss geben zu wollen. Das war nicht ihr Stil. Auch früher schon war es ihr immer unangenehm gewesen, in der Öffentlichkeit allzu deutlich zu turteln. Exodus beobachtete sie einen Moment lang, während sich eine unangenehmer werdende Stille ausbreitete. Es schien niemand mehr etwas sagen zu wollen – also war es wohl an der Zeit zu gehen, bevor das Schweigen noch peinlicher wurde. Gerade als er zu einer Verabschiedung ansetzen wollte, durchbrach Yuna die Stille mit leiser Stimme:

„Hast du etwas von den Kindern gehört?“

Die Überraschung über diese Frage ließ Exodus unwillkürlich den Arm senken, den er eben noch so innig um Giselles Schulter gelegt hatte. Sein Blick suchte einen imaginären Punkt im Restaurant, ehe er sein übliches Grinsen wiederfand und Yuna ansah.

„Naja, von Adrian natürlich. Wir schreiben uns regelmäßig.“

Eine vollkommene Übertreibung. Auf Fresia hatte er ein paar Nachrichten mit seinem Sohn ausgetauscht, doch was genau im Leben von Adrian passierte, konnte er nicht sagen. Aber er wollte Yuna in dieser Hinsicht nicht nachstehen, denn sie hatte mit Sicherheit intensiven Kontakt zu ihrem Sohn. Oder doch nicht? Der kurze Schatten, der über ihr Gesicht huschte, verriet ihm, dass sich Adrian vielleicht doch schon länger nicht mehr bei seiner Mutter gemeldet hatte.

„Von Alisah habe ich nichts gehört.“

gestand Exodus wahrheitsgemäß, in dem winzigen Versuch, sie aufzubauen. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass er etwas zu seiner Ex-Frau sagte, was nicht darauf abzielte sie zu verletzen.

„Hm.“

machte Yuna nur und schien plötzlich ganz weit weg. Erst Maciek holte sie zurück ins Jetzt, als er mit seiner Hand zu ihrem Arm langte und sanft darüber strich. Yuna schenkte ihm ein kurzes Lächeln und sah dann zu Florena.

„Florena erinnert mich immer ein bisschen an Alisah, als sie jünger war.“

Exodus legte den Kopf leicht schief und spürte, dass sein Gesicht einen irritierten Ausdruck annahm. Was sollte das jetzt? War das doch wieder eine kleine Spitze gegen ihn, den miserablen Vater, der nie wirklich miterlebt hatte, wie seine Kinder aufgewachsen waren? Seine Erinnerungen der jungen Alisah waren sehr spärlich – war das etwas, worauf Yuna ihn gerade hinweisen wollte? Waren sie etwa doch noch im Kampfmodus? Augenblicklich streckte Exodus das Kinn und legte seinen Arm wieder pflichtbewusst um Giselles Schulter. Diese Bewegung veranlasste Yuna dazu zu dem augenscheinlichen Paar hinüber zu sehen. Mit einem strahlenden Lächeln, von dem Exodus nicht genau sagen konnte, ob es echt war, sprach sie schließlich die Vahla an:

„Kinder sind toll, nicht wahr, Giselle? Es geht doch nichts über eine richtige Familie.“

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Es war ein kleiner Triumph, als Yuna die Worte auszugehen schienen und sie davon absah, Giselle weiter auszufragen. Sie sah ihren Ex-Mann nur an und vielleicht verstand sie in genau diesem Moment, dass es für immer vorbei war zwischen ihnen. Für einen winzigen Augenblick fühlte sich Giselle, als habe sie etwas gewonnen, nur dass es in Wirklichkeit nicht so war. Exodus und sie waren das perfekte Team, sie hatten glaubhaft vermittelt, was sie in Wirklichkeit nicht waren, doch wer hatte wirklich etwas davon? War es Exodus, der behaupten konnte, sein Gesicht gewahrt zu haben? Seine Frau hatte ihn verlassen, präsentierte ihm den neuen Mann an ihrer Seite und er konnte gleich ziehen, indem er seine angebliche junge, hübsche Geliebte vorzeigte. Yuna dagegen mochte sich gekränkt fühlen, eingeholt von der Realität, in der die Erinnerung an sie mit Leichtigkeit durch eine jüngere Frau ausgetauscht werden konnte. Und dann war da noch Giselle, die etwas wollte, das sie nicht haben konnte und die von den kleinen Momenten der Liebkosung zehrte, die Exodus ihr hinwarf wie strategisch platzierte Köder. Im Grunde hatte sie längst verstanden, dass sie von ihm nicht bekommen würde wonach sie sich sehnte, doch dies auch ihrem Herz begreiflich zu machen, hatte ihr Verstand bisher nicht geschafft. Sie spürte noch immer Exodus' zarten Kuss auf ihrer Schläfe, eine Berührung die sie nur hier hatte erwarten können, in einem Spiel in dem er seine Rolle zu erfüllen hatte. Sobald sie wieder alleine sein würden, würde er wieder der Mann sein, der nur die eine bestimmte Sache von ihr wollte. Und Giselle wollte es auch. Sie wollte das und so viel mehr.

Sie war bereit zu gehen und spürte an Exodus' Körperhaltung, dass auch er sich dem Ausgang zuwandte. Doch ganz so einfach war es dann dich nicht. Da waren noch die Kinder, Adrian und Alisah. Yuna fragte nach ihnen und Exodus Arm glitt wie tot von Giselles Schulter. Jeder Kontakt zwischen ihnen erstarb. Ja, er würde immer ein Teil von Yuna sein. Es würde immer diese eine, untrennbare Verbindung zwischen ihnen geben. Und doch belog er sie, log weil er behauptete, in ständigem Kontakt zu Adrian zu stehen, obwohl Giselle sich sicher war, dass es nicht so war, und festigte damit selbstbewusst die Position eines Mannes, der alles hatte und jede Schlacht gewann. In Yunas Augen flackerte etwas, das Giselle von sich selbst kannte - Wehmut, und sie realisierte, das sie alle ihr Schicksal zu tragen hatten, selbst jene die alles zu haben schienen. Dieser Funken der Verbundenheit sollte jedoch nicht lange währen. Er erlosch so schnell wieder, wie er gekommen war und hinterließ nichts als ein freundliches Lächeln auf Yunas Gesicht, fast so als wäre dort nie etwas anderes gewesen.


“Eine Familie zu haben ist ein Segen.“

Antwortete Giselle auf Yunas letzte Bemerkung. Exodus hatte seinen Arm wieder um sie gelegt, doch der war plötzlich nichts mehr als ein schweres Gewicht auf ihren zu schmalen Schultern. Sie hatte Yunas Worte verstanden und sie schnitten tief in Giselles Fleisch. Trotzdem hielt sie den Blickkontakt aufrecht.

“Dort wo ich herkomme, hatten wir ein Sprichwort: Das Wohl deiner Familie ist das Wohl der Welt. Ich habe diese Worte immer auf verschiedene Weise interpretiert, einmal auf den Erhalt der Gesellschaft bezogen, aber auch auf das persönliche Leben innerhalb einer Familie… und natürlich auch auf die eigene Zukunft.“

Giselle lächelte, fast ein bisschen traurig. Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn die eigene Familie zerbarst und man plötzlich alleine war. Man fühlte sich verloren.

“Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, die Beziehung zu Ihren Kindern wieder zu kitten.“

Nur flüchtig streifte ihr Blick Exodus. Diese Worte betrafen auch ihn.

“Und ich bin mir sicher, Ihre Kinder wünschen es sich auch.“

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Was Yuna mit ihrer Frage hatte bewirken wollen, blieb Exodus ein Rätsel. Ein Angriff gegen ihn, der seine Familie so sträflich vernachlässigt hatte? Eine Spitze gegen Giselle, die mit Exodus keine Familie hatte – anders als Yuna selbst? Das war doch Quatsch. Yuna und er hatten Kinder, ja. Aber keine Familie. So traurig das auch war: Es hatte kaum eine Zeit in ihrem Leben gegeben, wo man den Verbund von ihm, ihr und den Zwillingen als Familie hätte bezeichnen können. Giselle schaffte es allerdings spielend, Yunas Frage, ob nun als Spitze gemeint oder nicht, vollkommen zu entschärfen. Statt pikiert oder angegriffen zu reagieren, zeigte sie Verständnis für Exodus‘ Ex-Frau – und noch mehr als das: Sie machte der anderen Frau Mut. Die Vahla war sich sogar sicher, dass auch Adrian und Alisah die Beziehung zu ihren Eltern irgendwann wieder in Ordnung bringen wollten. So wie das sagte, aus vollster positiver Überzeugung, hätte Exodus sie gleich noch einmal in den Arm nehmen können. Nicht zum Schein vor seiner Ex-Frau – sondern einfach so, weil sie daran glaubte, dass sich auch Exodus‘ Schicksal zum Guten entwickeln würde. Auch Yuna schien von Giselles Aufrichtigkeit überzeugt. Sie sah die Vahla lange an, ehe sie antwortete und dabei sogar ein kleines Lächeln zustande brachte.

„Danke.“

Es war nur ein Wort, doch es war ehrlich gemeint, das hörte Exodus sofort. Hatte Giselle gerade tatsächlich dafür gesorgt, dass diese Szene ohne eine große Explosion auskam? Es schien fast so. Diese Gunst mussten sie nutzen.

„Tja, nun …“

setzte Exodus an und warf einen fragenden Blick zu Giselle – sie würde nichts dagegen haben, von hier zu verschwinden, das war klar. Trotzdem schien es ihm irgendwie angemessen, sie in diese Entscheidung mit einzubeziehen.

„Wir sollten dann mal los, oder?“

Langsam löste er seinen Arm von ihrer Schulter und strich mit der Hand leicht über ihren Rücken, als er sie zurückzog.

„Ihr wollt ja sicher auch zu Ende essen.“

Sein Blick wanderte von Yuna zu Maciek und schließlich zu dem kleinen Mädchen, Florena, das dem ganzen Gespräch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Vielleicht war sie wirklich wie Alisah, völlig in ihrer eigenen Welt …

„Mach‘s gut, Exodus.“

Yuna sah ihren Ex-Mann an, allerdings ohne direkten Blickkontakt aufzunehmen. Das Lächeln, das sie eben noch gezeigt hatte, war schon wieder verstorben. Sie wirkte traurig, wie so oft. Die Zwillinge waren ein Thema, an dem sie immer wieder zu knabbern hatte. Aber heute Abend musste Exodus sich nichts vorwerfen: Die Frage nach Adrian und Alisah hatte seine Ex-Frau selbst aufgeworfen.

„Und Sie auch, Giselle.“

Exodus nickte und sah hinüber zur Vahla, seine Hand noch immer auf ihrem Rücken ruhend.

„Euch noch einen schönen Abend.“

erwiderte er höflich, auch wenn er wusste, dass es für Yuna kein schöner Abend mehr werden würde. Den hatten sie ruiniert – oder sie sich selbst, wie man es nahm. Sie war nicht so wie Giselle, die die Dinge viel häufiger positiv sah und Rückschläge nie auf die schwere Schulter zu nehmen schien. In dieser Hinsicht war die Vahla eine ganz schön unkomplizierte Frau. In manch anderer Beziehung verstand Exodus sie allerdings so wenig wie jede andere Frau. Es würde sich zeigen, welche Seite Giselle ihm heute Abend noch präsentieren würde. Eins war zumindest klar: Nicht nur Yunas Stimmung war nachhaltig eingebrochen. Von dem perfekten Abend, den Exodus ursprünglich geplant hatte, waren sie mittlerweile meilenweit entfernt.

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- Coruscant – Obere Ebenen – Straße vor dem „Victorias“ - Mit Exodus –

Der Wind draußen war eisiger als zuvor, als hätte die Kälte sich in den wenigen Minuten, in denen sie bei Exodus‘ früherer Frau verbracht hatten, verändert. Vielleicht aber gelang es ihr auch einfach, tiefer in Giselle einzudringen als zuvor. Das Wetter war die ungemütliche Seite Coruscants, besonders nach dem herrlichen, tropischen Klima auf Fresia. War es wirklich erst heute morgen gewesen, dass sie von dort aufgebrochen waren? Die Vahla steckte ihre Hände in die Taschen ihrer Jacke. Jeder Körperkontakt zu Exodus war wieder erloschen, sobald sie aus der Tür des Restaurants getreten waren und dabei konnte sie gar nicht mal genau sagen, ob diese Entwicklung von ihm oder von ihr ausgegangen war, oder vielleicht sogar von ihnen beiden. Das Schauspiel war vorbei, sobald sie außer Sichtweite von Yuna getreten waren. Es gab keinen Grund mehr, noch immer so zu tun, als wäre da mehr zwischen ihnen.

“Danke für die Einladung.“

Sagte sie und ignorierte damit die Begegnung mit Yuna. Das war etwas gewesen, in das sie nur zufällig hinein geraten war und sie war nicht sicher, ob Exodus darüber sprechen wollte. Vielleicht war es ihm lieber, sich darüber auszuschweigen, weil seine Gefühle aufgewühlt waren, oder weil ihm die Situation unangenehm gewesen war. Giselle hatte zwar nicht die leiseste Ahnung, was genau er darüber dachte, doch es war auch keine Frage, dass die letzten Minuten so ganz sicherlich nicht geplant gewesen waren. Oder… vielleicht doch? Nein, Exodus hatte nicht wissen können, dass Yuna heute hier sein würde. Er hatte seit Monaten nicht mit ihr gesprochen. Er konnte Giselle nicht absichtlich hierher gebracht haben, um gleichzeitig ein Treffen mit seiner Ex-Frau zu inszenieren und dieser, einem Racheakt gleich, seine neue „Geliebte“ vorzuführen. Das Treffen mit Yuna war Zufall gewesen, ganz gewiss. Aber konnte das wirklich sein? Wenn man bedachte, wie riesig Coruscant war, dann wurde schnell klar, dass es fast unmöglich war, sich hier über den Weg zu laufen, ohne es geplant zu haben. Giselle schwirrte der Kopf und sie wusste nicht mehr recht, was sie glauben sollte. Prüfend sah sie Exodus an. Es war so verdammt schwer zu erahnen, was ihn ihm vor ging.

“Exodus, du wusstest doch nicht, dass sie hier sein würde, nicht wahr?“

Fragte sie ihn gerade heraus. Natürlich schwang in diesen Worten eine Anklage mit, doch Giselle musste es einfach wissen. Sie wollte nicht darüber rätseln müssen, ob er ehrlich zu ihr war oder nicht. Sie wollte es von ihm hören. Er sollte ihr sagen, wie es gewesen war und sie würde ihm glauben. Sie sah wieder Yuna vor sich, ihre hübschen Augen und das falsche Lächeln, hinter dem sie ihre eigenen Probleme verbarg. Sie hatte Giselle mit ihren Worten verletzt und Giselle hatte es über sich ergehen lassen. Sie hatte es ertragen, Exodus zu liebe, und das war für sie in Ordnung. Sie wollte nur nicht erfahren, dass er sie all dem absichtlich ausgesetzt und sie ausgenutzt hatte, nur um sich selbst zu profilieren.

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[ Coruscant – City – Obere Ebenen – Vor dem „Victorias“ | Exodus und Giselle ]

„Was?!“

Der Wind zerzauste Exodus‘ kurze Haare, als er sich mit verwunderter Miene zu Giselle herumdrehte. Sie standen vor dem Restaurant und warteten auf ihren Chauffeur. Durch all das Drama mit seiner Ex-Frau hatte Exodus völlig vergessen, seinem Piloten pünktlich Bescheid zu geben – und jetzt standen sie hier draußen in der Kälte. Eine Kälte, die sich nicht nur durch den Wind bemerkbar machte. Mit Yuna war auch die Nähe und Wärme zwischen ihm und Giselle gegangen. Das schien eine paradoxe Entwicklung, zumindest wenn man die Dinge nicht verstand und sie bloß oberflächlich betrachtete. Und Giselle schien sich selbst nicht sicher, ob sie verstand oder nicht – oder wie es zu verstehen war. Dabei war es doch ganz einfach: Er war zufällig seiner Ex-Frau in die Arme gelaufen. Nicht mal er war es, der das Gespräch eröffnet hatte – das war Yuna gewesen. Sie hatte ihn von der Seite angesprochen, andernfalls wäre er vermutlich einfach an ihr und ihrem neuen, tollen, bodenständigen Freund vorbeigelaufen.

„Woher hätte ich das denn wissen sollen?“

Sein Ton war schärfer als gewollt, doch die Anklage, die sie ihm hier unterstellte, ließ ihn unwillkürlich wütend werden. Verdammt nochmal, hätte Yuna ihn doch einfach ziehen lassen! Sie hatte ihn vor ein paar Monaten verlassen - wieso hatte sie es nicht heute ebenso tun können? Der Abend war zwar auch so schon nicht perfekt gewesen, aber allemal besser als jetzt. Die Stimmung war am Boden. Giselle war die einzige, die ihn jetzt noch hätte aufmuntern können - wenn sie es nur wollte. Scheinbar wollte sie nicht.

„Ich habe Yuna seit Monaten nicht gesehen – und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten es noch einige Monate mehr werden können.“

erklärte er sich weiter, während er sich komplett zu ihr herumgedreht hatte und direkt vor ihr stand. Mit der rechten Hand machte er eine wegwerfende Bewegung, um zu unterstreichen: Yuna brauchte er nicht mehr. Yuna bedeutete ihm nichts mehr. Yuna war Vergangenheit.
Sein Blick fixierte die Vahla, deren langes Haar vom Wind hin und her geweht wurde. Einige Strähnen schlugen ihr immer wieder ins Gesicht und Exodus musste den Impuls unterdrücken, sie Giselle hinters Ohr zu streichen.


„Natürlich gibt es da positive Erinnerungen – aber die reichen nicht aus, um die negativen auszugleichen. Ich wollte sie nicht sehen.“

Ein Teil von ihm fragte sich, wie Giselle überhaupt auf solch abstruse Ideen und Fragen kommen konnte – ein anderer Teil aber wusste ganz genau, was Ursprung dieser Skepsis war. Und dass er ihr Misstrauen im Grunde nur verdient hatte. Langsam senkten sich seine Schultern, ob in Demut oder aus Kraftlosigkeit konnte er selbst nicht genau sagen. Er war nicht ehrlich mit Giselle gewesen, auf Fresia nicht und heute Abend hatte er ihr schon wieder etwas vorgemacht. Vor seiner Ex-Frau hatte er mit ihr das verliebte Pärchen gemimt – aber das waren sie nicht, würden es vermutlich auch niemals sein. Und trotzdem entsprach dabei eine Sache der Wahrheit:

„Ich wollte den Abend nur mit dir verbringen.“

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Vielleicht war Exodus' erste, instinktive Reaktion verständlich. Er fühlte sich angegriffen, sah die Notwendigkeit sich zu verteidigen und antwortete schroffer als notwendig gewesen wäre. Dabei erklärte er vehement, dass er keinen Grund gehabt hätte, Yuna sehen zu wollen. Dem konnte sich Giselle nur bedingt anschließen, doch wenn er sagte, dass es wirklich ein zufälliges Treffen gewesen war, dann glaubte sie ihm. Sie hatte ja keinen Grund ihn anzuzweifeln.

"Ich wollte es einfach nur wissen."

Erwiderte sie ruhig.

"Besser, es offen anzusprechen als es im Verborgenen schwelen zu lassen, oder nicht?"

"Sie zog ihre Schultern, als Reaktion auf die Kälte, hoch, und begann auf den Zehenspitzen zu wippen. Was das Wetter betraf hatte Coruscant sich ihr gegenüber bisher nicht besonders gastfreundlich gezeigt und auch so war ihr erster Tag durchwachsen gewesen. Giselle war auf Ablehnung bei Exodus' Vater gestoßen, auf ähnliche Gefühle bei seiner Ex-Frau und selbst ihre Beziehung zu ihm selbst war weiterhin von Aufs und Abs geprägt. Mal stritten sie, dann fielen sie übereinander her, aber selbst das schien nie lange gut gehen zu wollen. Sie fragte sich, ob das ein wiederholtes Zeichen für sie war, die Notbremse zu ziehen. Auf Fresia war ihr noch klar gewesen, dass sie sich nicht weiter auf Exodus einlassen durfte. Körperliche Begierde war in Ordnung, wenn man sich einig war, dass es nicht darüber hinausgehen würde. Exodus und Giselle waren sich jedoch nicht einig und sie wusste genau, wen dies am Ende verletzen würde. Aus reinem Selbstschutz hätte sie sich längst von ihm distanzieren sollen, doch die konnte nicht. Sie wollte so viel von ihm mitnehmen wie nur möglich und die Hoffnung so lange es ging aufrecht erhalten. Vielleicht brauchte sie das, um positiv zu bleiben. In ihrem Leben hatte sie schon so viele Freunde und Geliebte verloren, sie wollte nicht, dass es noch mehr wurden.

"Es war übrigens ein schöner Abend, Exodus, abgesehen von dem kleinen letzten Teil."

Giselle lächelte. Die schweren Gedanken hinter sich zu lassen war nicht ganz einfach, doch sie wollte sie auch nicht mit sich herum tragen. Sie sah Yunas Gesicht noch vor sich, hörte ihre Stimme und die unterschwelligen Töne in ihren Worten, während sie vorgab über ganz harmlose Dinge tu sprechen, Giselle aber gleichzeitig wissen ließ, was sie voneinander unterschied. Zu ihrer Rechten blendeten Scheinwerfer auf und der Chauffeur brachte den Gleiter exakt vor ihnen zum Stehen.

"Aber ich hatte das Gefühl, auch das haben wir ganz gut hinter uns gebracht, oder nicht?"

Einen Moment zögerte sie.

"Selbst wenn du sie nicht sehen wolltest, hat es nicht trotzdem etwas Klarheit gebracht?"

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[ Coruscant – City – Obere Ebenen – Vor dem „Victorias“ | Exodus und Giselle ]

Obwohl es zunehmend kalt und der Wind schneidend wurde, war Exodus in diesem Moment gar nicht Recht, dass sein Chauffeur den Weg zum Restaurant so schnell zurückgelegt hatte. Es war eine einfache Rechnung: Stiegen sie erst einmal ein, waren sie bald zurück im Penthouse – und dort erwartete ihn bei der jetzigen Stimmung nicht seine ursprüngliche Vorstellung vom Abschluss dieses Abends. Sie würden wohl kaum mitten von dem ernsten Gespräch, das sie gerade führten, zur wilden Verführung übergehen. Das passte einfach nicht, selbst für ihn selbst nicht. Er nrauchte Zeit. Zeit um das hier wieder in Ordnung zu bringen, in positivere Bahnen zu lenken. Giselle betonte zwar, es wäre ein schöner Abend gewesen – bis auf den letzten Teil – doch er wusste nicht, wie er diese Aussage von ihr deuten sollte: Dass der Abend definitiv zu Ende war – denn wieso sollte sie ansonsten schon ein Fazit ziehen? – oder dass sie ihn gerne noch in angenehmerer Atmosphäre fortsetzen wollte?

„Ich weiß auch nicht.“

antwortete er unentschlossen zu Giselles Einschätzung, das überraschende Treffen mit Yuna und ihrer neuen Familie gut überstanden zu haben. Der Gleiter hatte längst vor ihnen gehalten und Exodus war bewusst, dass sie jetzt einsteigen mussten. Mit einer losen Geste bat er sie zuerst ins Innere des Gleiters zu steigen und wog nachdenklich den Kopf hin und her.

„Vielleicht.“

Die Vahla trat an ihm vorbei und nahm auf der hinteren Sitzbank des Gleiters Platz. Welche Erkenntnisse hatte ihm die Begegnung mit Yuna denn gebracht? Dass er über sie hinweg war? Das stimmte nicht. Dass er sie nicht sehen wollte? Schon eher. Er wollte sie nicht sehen, weil sie ihn an all das erinnerte, was schief gelaufen war. Es war schon komisch: Während ihrer glücklichen gemeinsamen Zeit war sie, trotz der Probleme mit den Zwillingen, ein Leuchtturm für ihn gewesen – durch Yuna hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, die Dinge in Ordnung bringen zu können. So war es ihm leichter gefallen, mit den Konsequenzen seiner Verfehlungen umzugehen. Aber jetzt hatte sie sich in das Gegenteil verwandelt. Sie war kein Hoffnungsschimmer mehr – sie war nur ein weiterer Punkt auf Exodus‘ langer Liste an Dingen, die er nie richtig hingekriegt hatte.

„Vielleicht hat es das.“

murmelte er dem Wind entgegen und folgte Giselle auf die bequeme Sitzbank. Mit einem kaum hörbaren Zischen schloss sich die Tür des Gleiters und sein Chauffeur begrüßte ihn freundlich. Exodus erwiderte den Gruß höflich, aber knapp. Per Knopfdruck ließ er die Scheibe zwischen der Fahrerkabine und der hinteren Sitzbank hochfahren. Es gab schon genug Gerüchte über ihn – da konnte er es nicht gebrauchen, wenn sich noch ein paar unangenehme Wahrheiten dazu gesellten.

„Hat der Abend auch für dich etwas Klarheit gebracht?“

Exodus versuchte es mit einem Lächeln, spürte aber, dass ihm der lockere Plauderton, den er hatte anschlagen wollen, noch nicht so recht gelang. Unschlüssig zuckte er mit den Schultern und sah hinaus zum Fenster. Coruscant hatte vorhin noch so schön und strahlend gewirkt. Jetzt war es Grau. Ein Grau durchsetzt von verwischten Lichtern, die hektisch blinkten und jede Anmut verloren hatten.

„Eine neue Erkenntnis über Exodus Wingston vielleicht?“

[ Coruscant – City – im Gleiter | Exodus und Giselle ]
 
- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -

Jetzt, da sie die für sie wichtige Frage gestellt und Exodus sie beantwortet hatte, spürte Giselle langsam die Erleichterung über den Ausfall seiner Antwort über sich einrollen. Hätte er hier gestanden, dass er all das mit Yuna absichtlich inzeniert hätte, sie hätte sich sehr ausgenutzt gefühlt. Aber so war es nicht gewesen und die Art, wie er nun darüber sprach, bestätigte diesen Eindruck noch mehr: Exodus war sich selbst nicht sicher, was er von dieser Begegnung gewonnen hatte, das wurde jetzt deutlich, auch wenn er vorhin noch wie der Sieger gewirkt hatte, in dem ihm so gut stehenden Stolz und der geraden Körperhaltung. Vielleicht aber war er auch einfach nur besonders gut darin, wie der Stärkere zu wirken, selbst wenn er es gar nicht war. Vielleicht war es das, was er sein wollte, weil er sich der Fehler, die er früher gemacht hatte, so deutlich bewusst war.

“Ich denke, ich habe die ein oder andere Sache gelernt.“

Giselles Antwort war absichtlich wage, als Exodus von ihr wissen wollte, ob der Abend auch für sie Klarheit gebracht hätte – im Allgemeinen, oder speziell was ihn betraf. Sie richtete ihren Blick aus dem Fenster, weg von Exodus. Er hatte die Trennwand zwischen dem Fahrer und ihnen, die sie im Passagierbereich saßen, per Knopfdruck geschlossen. Das war ein vertrautes Gespräch und sie war froh, dass niemand mithören konnte. An ihr vorbei zog Coruscant, eine Stadt die der Uhrzeit entsprechend eigentlich dunkel sein sollte, aber doch so sehr von Lichtern erhellt wurde, dass sie wirkte wie das lebendige Bild eines gut besuchten Jahrmarktes. Hier zu leben wäre, als hätte man nie auch nur eine Minute für sich.

“Über dich, und über mich.“

Sie wandte ihm ihr Gesicht nicht zu. Ausnahmsweise hatte sie nicht das Bedürfnis, ihn anzusehen. Es hatte diesen einen Moment gegeben, erinnerte sie sich, in dem sie ihm so nahe gewesen war, so ähnlich, dass es ihr rückblickend wie pure Einbildung vorkam. Sie dachte an jenen Tag, an dem sie zusammen von den Klippen aus ins Meer gesprungen waren. In diesen kurzen Sekunden hatten sie so viel Freiheit und so viele unerfüllte Wünsche geteilt, dass sich ihre Seelen für einen Moment lang berührt haben mussten. Sie hatten sich beide einfach fallen gelassen, alles hinter sich gelassen und genommen, was das Schicksal ihnen für die Zukunft bot, zumindest für ein paar Sekunden. Dann hatte Exodus Giselle aus den Fluten gerettet, als die Vehemenz der Wellen sie überrascht hatte und sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt und bewundernd zu ihrem Retter aufgeschaut. Wenn das nicht der Augenblick gewesen war, in dem sie sich in ihn verliebt hatte, dann wusste sie nicht, wann es sonst geschehen sein sollte. Und heute? Heute hatte sie seinen Einblick bekommen in all die Dinge, die sie voneinander trennten.

“Aber das war auch der Sinn meines Besuchs, nicht wahr? Du wolltest mir deine Heimat zeigen, ich wollte mehr über dich erfahren.“

Giselle gab sich Mühe, ihren Tonfall leicht klingen zu lassen, konnte jedoch nicht einschätzen, wie gut ihr dies gelang.

“Bisher ist es genau so gekommen. Fehlt nur noch der Empfang morgen. Sobald wir den auch noch abgehakt haben, ist alles erledigt, was wir uns vorgenommen haben.“

Und dann, was würde dann geschehen? Sie wusste es nicht. Giselle Givenchy hatte nichts geplant. Sie würde sich einfach treiben lassen, wie so häufig, und es dem Schicksal überlassen, ob es sie von Exodus Wingston weg führen würde oder nicht.

- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -
 
[ Coruscant – City – im Gleiter | Exodus und Giselle ]

Was sie gelernt hatte, darüber schwieg Giselle sich aus. Aber sie nahm etwas mit, über Exodus und sich selbst. Gerade letzteres überraschte den Vize-Präsidenten. Was hatte sie wohl aus dem heutigen Tag an Selbsterkenntnis erlangt? Dass Coruscant nicht ihre Stadt, nicht ihre Welt war? Oder dass Exodus' Leben und die Menschen, die dazu gehörten, ihr nicht gefielen?

"Ich schätze Coruscant hat sich heute nicht von seiner besten Seite gezeigt."

gestand er mit einem schiefen Lächeln ein.

"Vielleicht ist es aber auch einfach nicht der schönste Planet."

Das Treffen mit Yuna hatte ihn wehmütig gemacht. Was zuvor noch strahlend gewesen war, schien jetzt stumpf und matt. Coruscant war nicht so organisch wie der Dschungel, nicht so natürlich. Es war ein riesiges Gebilde von Dingen, die nicht zusammengehörten. So wie Exodus und Yuna. Nur, dass auf Coruscant irgendwie alles zusammenhielt.

"Ja, morgen ist alles erledigt."

echote er die Worte seiner ehemaligen Assistentin. Giselle hielt also an dem Plan fest. Morgen war es vorbei. Das Zeitfenster, das er sich erarbeitet hatte, war denkbar kurz. Und den heutigen Tag konnte er nicht gerade als Erfolg verbuchen. Sein Vater hatte in seinem Egoismus versucht, Exodus' gemeinsame Zeit mit Giselle zu sabotieren. Und das überraschende Treffen mit Yuna hatte es nicht besser gemacht, im Gegenteil. Auch dahinter konnte man fast Absicht vermuten.

"Was willst du heute Abend noch machen?"

Fragte er Giselle gerade heraus. Vielleicht war das eine Möglichkeit, das sich schließende Zeitfenster noch ein Stück weiter zu öffnen. Und wenn nicht, dann konnten sie hoffentlich noch einen besseren Abschluss des Abends finden - Exodus' eigene Ideen hatten in dieser Hinsicht schließlich kläglich versagt. Er sah zu ihr hinüber, weg vom verregneten kalten Coruscant, das draußen wartete. Er musste die Welt einfach ausschließen und nur noch Giselle sehen.

"Irgendetwas wird es doch noch geben?"

[ Coruscant – City – im Gleiter | Exodus und Giselle ]
 
- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -

Was wollte sie noch erleben, an diesem Tag? Wollte sie überhaupt noch irgendetwas tun? Giselle war nicht müde, doch in ihr Gemüt hatte sich eine gewisse Schwere geschlichen. Die Gespräche der letzten Minute nagten noch an ihr, die Begegnung mit Yuna hatte ihre Gedanken neu aufgewühlt. Auch an Exodus waren Teile davon haften geblieben und zu ihrer Erleichterung tat er auch gar nicht erst so, als hätte ihn davon nichts berührt. Dafür kannten sie sich inzwischen schon zu gut. Darüber sprechen wollte Giselle indes nicht, nicht weil sie ihm nicht zuhören wollte, sondern weil sie sich nicht weiter damit auseinander setzen wollte, welche Rolle diese ganzen Dinge für sie spielten. Die meisten davon waren einfach zu enttäuschend.

“Ich weiß nicht.“

Antwortete sie daher wahrheitsgemäß. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie dieser Abend enden sollte. Ursprünglich, als die Stimmung noch gut gewesen war, hätte sie gewisse Ideen gehabt... aber jetzt? Sie dachte an die kurzen leidenschaftlichen Minuten vom Mittag, als sie kurz nach ihrer Ankunft von Exodus' Vater bei etwas überrascht worden war, bei dem man sich in der Regel keine Zuschauer wünschte. Giselle tat es jedenfalls nicht. Hätte Alad Wingston nicht plötzlich hinter ihnen gestanden, wohin hätte sie ihre Abenteuerlust dann geführt? Hätten sie sich schließlich nackt auf dem Sofa gerollt? Wären sie in Exodus' Schlafzimmer gelandet, mit Yunas Blick auf ihnen, die aus ihrem Bild, das auf der Kommode stand, auf sie herunter gestarrt hätte?

“Was tut man denn auf Coruscant üblicherweise so, abends bei schlechtem Wetter, zu Hause?“

Gegen die Fensterscheiben des Gleiters schlugen vereinzelte Regentropfen. Giselle fuhr sich mit der Hand durch die Haare und jetzt endlich wandte sie sich auch wieder Exodus zu. Man konnte das tun, was man überall tun konnte, unter solchen Voraussetzungen. Der Ort spielte dafür so gut wie keine Rolle. Inzwischen war es nicht einmal mehr die Frage, ob es klug war, es zu tun. Die Frage war nur noch, ob es sie wieder näher zu ihm bringen würde – oder für wie lange.

- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -
 
[ Coruscant – City – im Gleiter | Exodus und Giselle ]

Giselles Antwort ließen Exodus‘ Mundwinkel zucken, doch es war mehr ein gequältes, denn ein belustigtes Lächeln – in der Vorahnung, gleich den nächsten Fehlschritt zu tun, zog sich seine Stirn kraus. Giselle wusste es nicht, sie hatte keine Vorstellung davon, was sie heute Abend noch tun wollten. Oder sie hatte Ideen, äußerte diese aber nicht. Was auch immer das heißen mochte, es blieb an ihm hängen die Entscheidung zu treffen. Wenn sich der Abend so fortsetzte, wie er begonnen hatte, konnte er entweder nur die falsche Wahl treffen oder die richtige wurde durch irgendeinen Störenfried pünktlich zum Höhepunkt unterbrochen. Was also tun?

„Naja, man kann zum Beispiel das persönliche Heim-Holokino besuchen und sich einen Film anschauen.“

Mit Yuna hatte er viele faule Abende mit Filmen verbracht. Eigentlich eine schöne und entspannende Tätigkeit, auch wenn Exodus lange nicht mehr auf dem Laufenden war, was aktuelle Holo-Produktionen anging. Aber heute Abend? An seinem freien Abend mit Giselle? Nein, da musste es etwas anderes geben. Er ließ seinen Worten ein Schulterzucken folgen, um zu unterstreichen, dass er von dieser Idee selbst nicht sonderlich überzeugt war.

„Und ansonsten …“

Ein Knacken der Sprechanlage zum Fahrer unterbrach ihn und ihr Chauffeur gab kurz durch, dass sie gleich ihr Ziel erreichen würden. Exodus wollte den Wingston Tower mit einem Plan betreten, mit einer Vorstellung davon, wie dieser Abend weitergehen konnte. Er wollte nicht dort oben stehen und Giselle in alle ihrer beider Planlosigkeit in ihr Gästezimmer entlassen. Also musste eine Entscheidung her.

„Wenn das Wetter so schlecht ist wie heute …“

Er klopfte mit den Handknöcheln sacht gegen das Fenster, um auf den Regen hinzudeuten. Eine Entscheidung, sie brauchten eine Entscheidung! Vielleicht musste doch seine alte Strategie herhalten, eine typische Exodus Wingston Taktik: Die Flucht nach vorn.

„… kann man sich natürlich auch im Bett verkriechen und es sich gemütlich machen.“

Es war diese Art von aggressivem Vorgehen, die Giselle auf Fresia so häufig abgeblockt hatte. Sie wollte, wie jede Frau, umworben und erobert werden – das hatte er mittlerweile verstanden. Aber die Zeit drängte und er würde sie nicht gehen lassen, ohne noch einmal die denkwürdige Nacht von Fingers Mark zu wiederholen. Sie durfte nicht gehen. Und außerdem: Mehr als einmal hatte sie seinem Drängen schon nachgegeben. Wieso sollte es also heute Abend nicht noch einmal klappen?

[ Coruscant – City – im Gleiter | Exodus und Giselle ]
 
- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -

Heim-Holokino? Was genau war das? War es wie eines dieser öffentlichen Holo-Film-Theater, die man in jeder großen Stadt besuchen konnte? Giselle war erst ein einziges Mal in einem solchen Kino gewesen und sie hatte es sehr gewöhnungsbedürftig gefunden. Es war nicht so, dass es ihr nicht gefallen hatte, doch es war so dunkel gewesen, abgesehen von der erhellten Leinwand, auf der sich Dinge abspielten, die in der Realität nicht existierten. Giselle bevorzugte Kunst, die man anfassen konnte. Sie bevorzugte Licht und Lebendigkeit und Bewegungen, die in diesem Augenblick vor ihr vollführt wurden und nicht an einem Ort aufgenommen worden waren, den sie nur in einem Abbild seiner selbst erleben konnte.

“Ich habe die Faszination an Holo-Filmen bis heute nicht so ganz verstanden.“

Gab sie zu, den Blick wieder aus dem Fenster gewandt, obwohl sie dort draußen kaum etwas erkennen konnte, nur verschwommene Kulturen hinter den mittlerweile nassen Scheiben und die Reflektionen der Leuchtreklamen.

“Vielleicht bin ich zu alt gewesen, als ich das erste Mal einen gesehen habe.“

Sie zuckte mit den Schultern. Andererseits hätte sie gerade deswegen besonders begeistert sein können. Auch das war wieder einer dieser Unterschiede zwischen ihnen: viele Dinge, die für Exodus oft so selbstverständlich waren, hatte Giselle erst während ihrer Jugendjahre kennen gelernt. Ihr Aufwachsen innerhalb eines Volkes, das nur die grundlegendsten technischen Entwicklungen gekannt hatte, war ihr ein richtiges Manko gewesen, als sie nach Alderaan gekommen war und auch später, als sie ihre Grundausbildung bei der Flotte begonnen hatte, hatte sie noch unheimlich viele Dinge lernen müssen. Die meisten dieser technischen Erfindungen waren ihr wie Wunderwerke vorgekommen: Astromechdroiden und Laserkanonen, Apparate, die Fotoaufnahmen in Holo-Format machen konnten, Lanstreckentransmitter und Türen, die sich automatisch öffneten und schlossen. Sie war ohne diese Dinge ausgekommen, als sie noch mit ihrem Clan gelebt hatte, doch die Galaxis war voll davon und schien ohne sie nicht existieren zu können.

“Da scheint mir die andere Variante reizvoller.“

Es war eine Anspielung gewesen, oder nicht? Exodus wollte, was sie wollte. Natürlich tat er das. Er hatte mehr als einmal versucht, sie dazu zu überreden. Der Gleiter kam zum Stehen und Giselle spürte, wie das leise Summen des Fahrzeugs unter ihnen verstummte. Sie waren da.

“Weißt du, ob dein Vater zu Hause ist?“

Fragte sie plötzlich. Sie war nicht erpicht darauf, Alad Wingston heute noch einmal über den Weg zu laufen und hoffte andererseits doch, ihn zu sehen, aus dem einfachen Grund ihm zu zeigen, dass sie noch immer da war. Dass sie nicht nur ein kurzes Vergnügen für seinen Sohn war. Dass sie Yuna getroffen und ihr die Stirn geboten hatte. Dass sie eine Chance verdient hatte. Sie öffnete die Tür auf ihrer Seite, noch ohne Exodus' Antwort abzuwarten. Ihr blieb noch dieser eine Abend der Zweisamkeit mit ihm, nur diese eine Gelegenheit, und sie wollte verdammt sein, wenn sie sie nicht nutzte.

- Coruscant – Obere Ebenen – Wingston Tower - Hangar– Mit Exodus -
 
[ Coruscant – City – Wingston Corp. – Hangar | Exodus und Giselle ]

Man hätte meinen können, die gemeinsame Zeit mit Giselle auf Fresia hätte dazu geführt, dass Exodus die Vahla mittlerweile sehr gut kannte – oder zumindest halbwegs voraussehen konnte, wie sie auf bestimmte Dinge reagierte. Das konnte er nicht. Wie oft hatte er sich schon darüber gewundert, dass ihn diese Frau immer wieder aufs Neue überraschte? Und wie oft hatte er daraufhin gedacht: „Beim nächsten Mal nicht mehr, jetzt weiß ich es besser“? Es stimmte einfach nicht. Giselle hielt immer wieder Überraschungen bereit, mal gute und mal schlechte. Mit ihrer Andeutung es sich lieber mit ihm im Bett gemütlich machen zu wollen, als einen Holofilm zu schauen, hätte Exodus absolut nicht gerechnet – und es trotzdem vorgeschlagen. Er hatte es gewagt und er hatte gewonnen. Diese Überraschung war definitiv eine der besten, die Giselle ihm bisher präsentiert hatte.
Der Geschäftsmann folgte seiner Begleiterin aus dem Fahrzeug, rief dem Chauffeur einen knappen Gruß zu und umrundete schließlich den Gleiter.


„Mein Vater ist nicht zu Hause.“

sagte er, als er zu Giselle aufgeschlossen und noch bevor er wirklich darüber nachgedacht hatte. Den Terminkalender seines Vaters kannte er nicht, auch wenn es Möglichkeit gegeben hätte, ihn abzurufen. Doch Exodus verfügte über die Macht – und diese verriet ihm, dass Alad nicht hier war. Er wusste es einfach, dafür war das Band zu seinem Vater stark genug. Von ihrer Zusage ermutigt, legte er ihr die Hand auf den Rücken – zum symbolischen Schutz vor der schneidenden Kälte, die ihnen unnachgiebig in den Hangar gefolgt war. Immerhin waren es nur wenige Meter, bis sie endgültig ins Innere des Towers schlüpfen konnten.

„Vielleicht sollten wir uns trotzdem eher in meinem Privatbereich aufhalten.“

Man wusste ja nie. Auch Miku wohnte schließlich im Penthouse und dass seine Familie ein besonderes Talent für unangenehme Unterbrechungen in wichtigen Situationen besaß, war Exodus spätestens heute wieder sehr bewusst. Vor der Eingangstür angelangt, zückte er seine Keycard und verschaffte ihnen damit Zutritt, ohne jemanden vom Sicherheitspersonal kontaktieren zu müssen. Dieser Abend sollte fortan so privat wie möglich verlaufen. Wenn er bis morgen früh niemand anderen mehr außer Giselle zu Gesicht bekäme, wäre das das beste was ihm passieren konnte.

„Hereinspaziert!“

Plötzlich wieder von guter Laune erfasst, wies er der Vahla den Weg ins Innere des Towers. Sie kannte diesen Weg schon, sie waren ihn bei ihrer Ankunft ebenfalls gegangen. Und trotzdem: Auf einmal machte ihm das Gentleman-Gehabe wieder Spaß, diese kleinen großen Gesten, die Details eines gelungenen Abends. Gemeinsam stiegen sie in den Turbolift, der sie endlich – endlich! – wieder hinauf zum Penthouse brachte. Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu – denselben Weg waren sie vor wenigen Stunden schon einmal gemeinsam gegangen. Allerdings mit anderen Vorzeichen: Am Nachmittag waren sie wütend in den Lift gestiegen, nur um wenige Minuten später im Wohnzimmer übereinander herzufallen. Jetzt standen sie erneut nebeneinander und betrachteten sich im großen Spiegel der Liftkabine. Sie sahen gut nebeneinander aus, beide mit dem Hauch eines zufriedenen Lächelns auf den Lippen. Diesmal gab es keine Wut, die in Leidenschaft umschlagen konnte. Hoffentlich konnten sie dennoch zu Ende führen, was sie begonnen hatten.

Begleitet von einem klaren Pingen sprang die Anzeige des Turbolifts auf die oberste Etage. Die Tür öffnete sich und sie betraten das leere Penthouse. Exodus‘ Blick fiel auf die Couch, über deren Rückenlehne sich Giselle am Nachmittag so grazil hatte fallen lassen – und wo sie sich leidenschaftlich geküsst hatten. Doch für den Moment sah er davon ab, das Spiel auf diese einfache Art zu wiederholen. Giselle hatte einem gemütlichen Abend im Bett zugestimmt, also würde er ihr auch genau das bieten. Galant nahm er ihr den Mantel ab, zog seinen eigenen ebenfalls aus und ging dann leichten Schrittes in die Küche. Dort entkorkte er eine Flasche Wein, griff nach einigen leckeren Früchten, sowie zwei Gläsern und platzierte alles gemeinsam auf einem großen Tablett.


„Du kennst den Weg zu deinem Zimmer ja.“

forderte er sie grinsend auf, zu seinem Privatbereich voran zu gehen, als er wieder zurück ins Wohnzimmer kam. Mit Blick auf das Tablett erklärte er nur kurz.

„Ich dachte, das gehört zu einem verregneten Tag einfach dazu.“

Sein Grinsen hätte schelmischer kaum sein können, als er hinzufügte:

„Oder was sonst sollte man um diese Uhrzeit schon sonst im Bett machen, als etwas zu essen und zu trinken?“

[ Coruscant – City – Wingston Corp. – Penthouse | Exodus und Giselle ]
 
- Coruscant – Obere Ebenen – Gleiter – Mit Exodus -

Der Weg zum Penthouse war begleitet gewesen von Schweigen. Giselle musste an den Nachmittag denken, als sie schon einmal in diesem Lift gestanden, schon einmal die geräumige Wohnung betreten hatte, die größer und luxuriöser war als alle Domizile, die sie je gesehen hatte. Spontan fragte sie sich, ob sie an einem solchen Ort leben konnte, unabhängig davon ob es auf Coruscant war oder auf einem anderen Planeten. Für sie, die sie nie eine eigene Wohnung besessen hatte, war es schwer vorstellbar, aber hier waren sie wieder, in Exodus Zuhause, zurück in dem Wohnzimmer, in dem der Tag eine Wendung genommen hatte und in dem er es wieder tun würde. Vielleicht. Exodus überließ ihr galant den Vortritt. Sein Vater war nicht Zuhause, hatte er gesagt. Würde sie ihn morgen früh sehen, wenn sie nichts trug als ein Hemd von Exodus oder noch weniger? Es war der gleiche Drang, sich beweisen zu müssen, wie sie ihn gegenüber Yuna verspürt hatte. Mit einem leichten Kopfschütteln vertrieb Giselle ihn aus ihrem Kopf, als Exodus ihr den Rücken zuwandte. Zielstrebig bewegte er sich auf die Küche zu. Die Jacke hatte er ihr bereits abgenommen, seinen eigenen Mantel ausgezogen. Sie liebte es, wenn er diese gut geschnittenen Hemden trug. Sie betonten alles, was sie an ihm mochte. Unschlüssig blieb Giselle stehen, mitten im Raum. Sie könne schon zu ihrem Zimmer vorgehen, schlug er vor. Den Weg kannte sie ja. Langsam schickte sich Giselle an, genau das zu tun, übertrat die Schwelle, die in seinen Privatbereich führte, blieb dann jedoch vor den sich gegenüber liegenden Türen, die in sein Schlaf- und in ihr Gästezimmer führten, stehen. Auf einmal fühlte sie sich wieder wie zuvor. Die Erkenntnis, die sie heute erlangt hatte, holte sie ein: am Ende des Tages war sie doch nur irgendeine Frau, eine von vielen. Sie war eine, die tat, was Exodus wollte, eine, der er keine Verpflichtung gegenüber hatte. Sie war die, mit der er die Nacht verbrachte, doch er nahm sie nicht mit in sein Schlafzimmer.

Giselle starrte ihn an, wie er plötzlich wieder vor ihr stand. Er balancierte ein Tablett, hatte Wein besorgt, zwei Gläser und eine Schale mit frischem Obst. Das alles waren seine Spielregeln, begriff sie, Tricks die er vermutlich schon oft angewandt hatte um eine Frau zu betören, aber sie wollte nicht danach spielen. Sie war keine Marionette. Sie war nicht seine Gespielin und egal was er, sein Vater oder Yuna dachten, sie war nicht wie alle anderen. Festen Schrittes ging sie auf ihn zu.


“Ich will keinen Wein.“

Sagte sie, ihre Stimme fast wütend. Sie stand genau vor ihm, konnte das Lächeln aus seinem Gesicht verschwinden sehen und eine unheimliche Genugtuung erfasste sie. Ja, so fühlte es sich an, wenn man die Kontrolle entzogen bekam. Dieses Gefühl kannte er nicht. Ohne zu überlegen streckte Giselle beide Hände aus, griff nach dem Tablett und riss es Exodus mit einer ruckartigen Bewegung aus den Händen. Gläser und Flasche zersplitterten hinter ihr auf dem Boden. Für eine Sekunde betäubte der Lärm ihre Ohren. Sie spürte ihren eigenen, intensiven Atem, als wäre sie gerannt. Dann fasste sie nach ihm, schlang einen Arm um seinen Hals und schob sich zu ihm. Unter ihren Füßen breitete sich eine rote Pfütze aus.

“Du hast zwei Möglichkeiten.“

Raunte sie ihm zu und ihre Lippen streiften die seinen.

“Spiel nach meinen Regeln, oder lass es ganz sein. Du kannst heute alles bekommen - oder nichts.“

Sie küsste ihn, so stürmisch wie am Nachmittag. Sie wollte die Nähe zurück, die sie auf Fresia zu ihm gespürt hatte! Scherben zersprangen knirschend unter ihren Füßen, als sie Exodus mit sich zog, hinein in sein Schlafzimmer. Sie wollte nicht, was er für sie vorbereitet hatte. Nicht dieses Mal. Bebend presste sie sich an ihn und mit einem Zischen, einem zufriedenen Seufzen gleich, schloss sich die Tür hinter ihnen.

- Coruscant – Obere Ebenen – Wingston Tower – Exodus' Schlafzimmer – Mit Exodus -
 
[ Coruscant – City – Wingston Corp. – Penthouse | Exodus und Giselle ]

Sie hatten nach Giselles Regeln gespielt. Und er hatte alles bekommen. Genau wie von ihr versprochen, nachdem sie das Tablett zu Boden geschleudert hatte – Giselle Givenchy hielt ihre Versprechen, auch wenn es in diesem Fall von einer Menge Scherben, zerplatzten Früchten und teurem Wein auf teurem Parkett begleitet worden war. Schon auf Fresia war sie mit einem Versprechen an seine Tür getreten, dem Versprechen genau die zu sein, die er haben wollte. Beide Nächte waren unglaublich gewesen – und unterschieden sich doch. In ihrer gemeinsamen Nacht auf Fresia hatte Giselle ihm jeden Wunsch erfüllt, sie hatte sich ihm geschenkt, als Dank für die Dinge, die er für sie getan hatte. Und heute Nacht? Wiederum war ihr Versprechen, er könne alles haben, wenn er nur nach ihren Regeln spielte, der Nacht vorangegangen. Aber gleichzeitig hatte Exodus das Gefühl, sie hatte sich vor allem selbst genommen, was sie haben wollte. Sie hatte es sich genommen und Exodus keinen Moment gezögert, es ihr zu geben. Erstaunlicherweise waren ihren Vorstellungen dabei sehr deckungsgleich gewesen. Bei der Macht, diese Frau hatte ihm die perfekte Nacht geliefert!
Das getrocknete Blut an seinen Fußsohlen fiel Exodus erst am nächsten Morgen auf. Er musste wohl auf dem Weg in ihr Schlafzimmer ohne es zu merken auf die Scherben getreten sein, die Giselle in dieser wüsten, leidenschaftlichen Geste produziert hatte. Aber an diesem Morgen konnten ihn keine Schnittwunden, keine Scherben und keine Weinflecken an seinen Wänden stören. Irgendwer würde sich schon darum kümmern. Anders als nach ihrer gemeinsamen Nacht auf Fresia war Giselle diesmal an seiner Seite geblieben und nicht sofort wieder verschwunden – zwangsläufig zwar, denn außer der Wingston Corporation gab es keinen Ort, an den sie hätte gehen können, doch trotzdem freute Exodus diese Konstellation. Es bot ihm die Möglichkeit auch den Morgen mit Giselle zu verbringen – und nicht nur das: Eigentlich stand ihm der ganze Tag zur Verfügung, sofern er sich von diversen Terminplänen, in die sein Vater ihn mit Sicherheit schon eingeplant hatte, loseisen konnte. Noch während er neben Giselle im Bett lag, fasste er den Entschluss, außer Hauses zu frühstücken und auch danach den Tag nicht innerhalb des Wingston Towers zu verbringen – so konnte er seinem Vater am besten aus dem Weg gehen und ihn mit kurzen Com-Nachrichten abspeisen, sollte er auf die Idee kommen seinen Sohn zurückpfeifen zu wollen. Ein simpler, egoistischer, aber wirksamer Plan: Sie begegneten seinem Vater und Miku nur kurz, tauschten höfliche Grüße aus und warfen einander vielsagende Blicke zu. Wie seine Halbschwester über Giselle dachte, konnte er aus der knappen Begegnung nur schwer herauslesen. Exodus beschlich allerdigns das Gefühl, sein Vater musste sich mit zusammengepressten Lippen ein verärgertes Kopfschütteln verkneifen. Aber das war es auch – es folgte kein Streit, kein Gemecker und keine versteckte Spitze. Sein Vater hatte die Botschaft wohl verstanden: Giselle war hier um zu bleiben.

Der weitere Tag verlief, wie sich Exodus auch schon die letzten 24 Stunden gewünscht hätte: Statt in Konferenzräumen zu sitzen und über Zahlenblöcken und anderen Analysen zu brüten, besuchte er mit Giselle einige Sehenswürdigkeiten. Schon gestern Abend hätte er einen groben Plan parat gehabt, für den Fall, dass sie noch etwas vom Planeten hätte sehen wollen. Da das nicht der Fall gewesen war – womit Exodus rückblickend allerdings auch sehr zufrieden war – konnte er nun einfach die geplante Route des Vorabends mit ihr verfolgen. Ihre Tour startete mit einem Besuch des CCCM, dem Central Coruscant City Museum, wo Exodus Giselle vor allem die Ursprünge des Planeten zeigen wollte. Coruscant war nicht immer der Stadtplanet gewesen, den sie heute bewohnten und er erhoffte sich, Giselle über diese Weise einen neuen Zugang und einen anderen Blickwinkel auf den Planeten zu ermöglichen. Die ursprüngliche von Vulkanen überzogene Oberfläche war heutzutage nahezu komplett verdeckt – nur die Polkappen bestanden noch immer als letzter Hinweis darauf, was sich einmal unter den tausenden Ebenen aus Glas und Metall befunden hatte. Coruscant war kein schöner Planet gewesen – und trotzdem war Exodus sich fast sicher, dass Giselle der unwirtlichen Erdkruste, den Ozeanen und den eisigen Polen mehr Faszination abgewinnen konnte als dem künstlichen Aufsatz, den Menschen und andere Spezies über die Zeit geschaffen hatten. Eigentlich konnte er es ihr nicht verübeln. Coruscant hatte alles – nur keine Natürlichkeit mehr. Der Planet war wie eine Frau, die zu viel Make-Up trug und deren wahres Gesicht man unter den Schichten aus Schminke und Farbe nicht mehr erkennen konnte. Diese Falschheit, dieses Aufgesetzte traf leider nur zu gut auf viele Bewohner des Stadtplaneten zu. Exodus konnte nicht sagen, ob es an Giselles Anwesenheit lag, doch der gemeinsame Besuch des CCCM rührte dieselben Gefühle bei ihm, wie das Durchsehen alter Holos aus der Kindheit: Auch wenn er den Planeten niemals in seiner ursprünglichen Form erlebt hatte, so verspürte er eine gewisse Wehmut, dass diese Zeit endgültig vorbei war und nie wieder zurückgeholt werden konnte. Coruscant war seinen unschuldigen Zeiten längst entwachsen.

Lange erlaubte er sich den Hauch von Wehmut allerdings nicht, auch wenn er das Museum mit dem guten Gefühl verließ, in dieser Hinsicht einen Schritt auf Giselle zugemacht zu haben. Vielleicht hatte auch sie seine Liebe zu dem Planeten, an dem eigentlich nicht viel Liebenswertes war, etwas besser verstanden. In jedem Fall verbuchte er den Besuch als Erfolg.
Danach folgte Kontrastprogramm: Vom CCCM aus führte Exodus seine Begleiterin zu einigen der exklusiven Shopping-Malls in den oberen Ebenen. Da die Zeit nicht drängte, konnten sie gemütlich an den Schauenfestern vorbei schlendern, während Exodus Giselle gelegentlich auf verschiedene Kleider aufmerksam machte, die seinem Eindruck nach für den Abend angemessen waren. Er war sich nicht sicher, wie sie darüber dachte, dass er ihr erneut etwas schenken wollte, doch in diesem Fall bestand er darauf, für sie einzukaufen – es war seine Bitte an sie gewesen, ihn zu begleiten, also musste er auch dafür sorgen, dass sie über die entsprechende Garderobe verfügte. Exodus stattete sich selbst mit einem neuen Smoking aus. Nicht, weil er ihn gebraucht hätte, sondern mehr um Giselle das Gefühl zu geben, dass er auch für sich selbst Geld ausgab – und außerdem, weil es ihm erstaunlichen Spaß bereitete, sich modisch von ihr beraten zu lassen. Nachdem sie beide fündig geworden waren, ließen sie die Kleidungsstücke von der Boutique sofort zum Wingston Tower schicken – Exodus war kein Freund davon, vollbeladen durch die oberen Ebenen zu spazieren. Das war einfach ungemütlich.

Ihre nächste Station war der Skydome, eine Aussichtsplattform, die sogar die meisten Wolkenkratzer Coruscants noch um einige Meter überragte und damit einen wunderbaren Blick über die Struktur des Planeten bot. Nach ihrem Besuch im Museum hätte Exodus sich zwar gewünscht, bis zu den Polkappen gucken zu können, doch auch ohne Krümmung des Planeten hätten sie davon, dank der großen Wasseraufbereitungsanlagen an den Polen, nicht viel gesehen. Coruscant gab sich alle Mühe die Natur zu verstecken, auch jene, die noch existierte. Immerhin wurde ihr Besuch des Skydome von einem Wetterumschwung begleitet. Die trübe Wolkendecke, die sich seit dem vorherigen Abend am Himmel gehalten hatte, brach endlich auf und erlaubte einigen Sonnenstrahlen das einheitliche Grau Coruscants aufzuhellen. Nachdem sie sich an der Skyline der Stadt satt gesehen hatten, besuchten sie als letztes einen Ort, mit dem Exodus ganz besondere Erinnerungen verband: Den alten Jedi-Tempel.
Schon von der Terrasse des Victorias aus hatte er Giselle die berühmte Silhouette des Tempels gezeigt und vom Skydome aus war der Blick noch besser gewesen. Aber das reichte ihm nicht. Er wollte der Vahla das Bauwerk aus nächster Nähe zeigen – von so nah, wie es legal möglich war zumindest. Der Tempel hatte zwar noch um einiges prachtvoller ausgesehen, als er von den Jedi bewohnt worden war, doch der lange Weg hinauf zum Haupteingang, den er damals gegangen war, schien nahezu unverändert. Also erzählte er Giselle die Anekdote seiner Ankunft im Tempel, vom ersten Tag bei den Jedi, dem Tag, der sein Leben so auf den Kopf gestellt hatte – und dass er durch einen Kampf, der zwischen Jedi und Sith in der Eingangshalle ausgebrochen war, beinahe einfach wieder kehrt gemacht und nach Hause zurückgegangen wäre. Es war eine merkwürdige Geschichte, denn auch heute konnte Exodus nicht mit Sicherheit sagen, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er den komfortablen Weg zurück zum Wingston Tower gewählt. Und trotzdem musste er bei der Erinnerung, wie er zusammengekauert vor der Eingangshalle gesessen hatte, immer wieder lachen. Umso mehr freute ihn, dass Giselle auch ihre Freude an der Geschichte hatte, trotz ihres auf Fresia gezeigten Unverständnis für die Welt der Jedi und Sith. Aber hier, direkt vor dem monumentalen Bauwerk, waren diese Dinge greifbarer, als im Dschungel auf Fingers Mark. Insgeheim fragte er sich, ob Giselle das starke Echo der Macht, welches noch immer in den Hallen des Tempels widerzuhallen schien, ebenfalls spüren konnte. Ihm selbst jagte dieses Gefühl jedes Mal wieder eine Gänsehaut über den Rücken. Auch wenn Coruscant dem Imperium gehörte – der Tempel, dessen war er sich sicher, würde es niemals sein.

Ein Holo-Taxi brachte sie schließlich zurück zum Wingston Tower, wo ihre Einkäufe vom Nachmittag bereits auf sie warteten. Ansonsten fanden sie das Penthouse verlassen vor. Sowohl sein Vater als auch Miku waren anderweitig unterwegs und Exodus hinterfragte diese Tatsache nicht, sondern nahm sie zufrieden hin. Der Tag war so gut verlaufen, dass er ihn sich durch nichts und niemanden kaputt machen lassen wollte, auch nicht durch seinen Vater und wenn es nur ein missbilligender Blick des Präsidenten gewesen wäre. Vermutlich würde er sich später noch einmal mit seinem Vater über dieses Thema auseinander setzen müssen, doch bis dahin war Giselle sein Gast und er würde keine weiteren Spitzen gegen sie dulden. Während er sich umzog, machte er sich zum ersten Mal an diesem Tag ernsthafte Gedanken über den Empfang. Sie besuchten Cedon Alateen, den Inhaber von Alateen Engines, ihrem wichtigsten Zulieferer für Triebwerke. Cedon war kein Mann nach Exodus‘ Geschmack, etwas zu überdreht und extravagant, doch dahinter verbarg sich ein kluger Kopf. Die Kooperation war wichtig für beide Unternehmen und daher erwartete Exodus keine großen Schwierigkeiten, wenn es heute Abend ums Geschäft ging. Im Gegenteil: Den Deal würde er im Vorbeigehen eintüten und dann mit Giselle auf der Tanzfläche verschwinden. Ein Kinderspiel! Was konnte an diesem Abend, nach so einem Tag und so einer Nacht, schon schiefgehen? Exodus Wingston war wieder dort angekommen wo er hingehörte: Auf die Siegerstraße. Und er hatte nicht vor, diesen Pfad heute oder in der nächsten Zeit noch einmal zu verlassen.

Giselle sah in ihrem Kleid und den neuen Schuhen umwerfend aus. Sie war eine dieser Frauen, bei denen Exodus sich nie entscheiden konnte, in welchem Outfit er sie am liebsten hatte: Elegant, lässig oder nur in Unterwäsche. Sie konnte alles tragen, sie verlor ihren Charme nie. Vielleicht lag es an ihrer Tanz-Ausbildung, aber die Vahla schaffte es stets eine gewisse Eleganz und Grazie auszustrahlen. Exodus hätte mit seiner Begleitung nicht zufriedener sein können, als sie endlich bei dem festlichen Empfang von Cedon Alateen ankamen. Die Räumlichkeiten erinnerten Exodus spontan an den Stil des Victorias: es war mit viel Goldverzierungen und edlem Holz gearbeitet worden, dazu fielen sofort die geschwungene Bögen auf, die die einzelnen Räume miteinander verbanden, sowie die Kronleuchter, die die hohen Decken zierten. Es war immer wieder eine Überraschung welcher Stil sich hinter den äußerlich gleichförmigen Wolkenkratzern Coruscants verbarg – und im Gegensatz zu seiner eigenen Erscheinung hatte Cedon Alateen auch ein gutes Händchen mit der Auswahl des Etablissements bewiesen. Der Mensch war etwas jünger als Exodus selbst, doch als er den Vizepräsidenten der Wingston Corporation und seine Begleiterin in der Eingangshalle der Festräume begrüßte, fielen Exodus vor allem die blau gefärbten und mit einigem Gel nach hinten gekämmten Haare seines Geschäftspartners ins Auge. Cedon Alateen hatte ein Faible für ungewöhnliche Haarfarben … heute war es also blau. Nunja, jeder hatte so seine Schwächen.


„Exodus Wingston und eine zauberhafte Begleiterin!“

rief der Gastgeber frohlockend aus, als er den beiden entgegen trat. Alateen hatte merkwürdig spitze Eckzähne, die aufblitzten, als er die neu eingetroffenen Gäste anstrahlte. Exodus fand, dass es ihm etwas raubtierhaftes gab und vermutlich war das gar nicht so unzutreffend. Wenn er wollte, konnte der blauhaarige Mann ein knallharter Geschäftsmann sein.

„Schön euch bei meinem bescheidenen kleinen Empfang begrüßen zu dürfen!“

„Es freut mich auch hier zu sein. Giselle Givenchy gib mir heute die Ehre, mich zu begleiten.“

Exodus reichte dem anderen Mann die Hand, doch die Aufmerksamkeit seines Gegenübers glitt fast augenblicklich zur Vahla hinüber. Alateen musterte Giselle eindringlich, ehe er er noch ein wenig mehr Zähne zeigte.

„Sehr erfreut, Miss Givenchy.“

Mit einer knappen Verbeugung lehnte er sich zur ihr herüber, griff sacht nach ihrer Hand und hauchte ihr einen zarten Kuss darauf. Exodus zog die Augenbrauen zusammen – immer dieses übertriebene Gehabe! Das war mindestens genauso lächerlich wie die blauen Haare.

„Nun – schaut euch um, macht es euch gemütlich, bestellt euch einen Drink. Heute Abend wollen wir doch alle etwas Spaß haben, nicht wahr?“

Wieder blitzte das Raubtiergrinsen auf und noch bevor Exodus etwas erwidern konnte, verschwand der blaue Haarschopf auch schon zu den nächsten Ankömmlingen. Exodus legte Giselle eine Hand auf den Rücken und führte sie langsam in den Raum hinein. Dabei betrachtete er sie im Profil. Ihre grazilen Bewegungen, während sie ging, die schmalen Hüften, das lange blonde Haar … und erinnerte sich an Fresia, wie er sie zum ersten Mal in der Red Square Bar hatte tanzen sehen. Auf Fingers Mark war er noch Giselles dunklem Geheimnis hinterher gejagt – erst im Moment ihrer größtmöglichen Nähe, bei ihrer gemeinsamen Nacht in seiner Hütte, hatte er dieses Rätsel gelüftet: Sie trug die dunkle Seite in sich. Das war Giselles dunkler Kern – ein Kern, den sie heute im Angesichts des Jedi-Tempels vielleicht selbst deutlicher gespürt hatte, als an anderen Orten. Erst kurz vor ihrer Abreise von Fresia hatte sich dieses Bild noch etwas erweitert: Sie trug die Macht nicht nur in sich, sie konnte sie sogar einsetzen. Die Demonstration dieser Fähigkeit war beeindruckend, erregend und gleichzeitig beängstigend für Exodus gewesen. Sie war eine Machtnutzerin, nur keine bewusste. Er hatte versucht es ihr zu erklären, aber in ihrer Welt existierten diese Dinge nicht unter den Namen, die Exodus kannte und benutzte. Nur was hieß das?
In der letzten Nacht hatte er sich nicht nur körperlich mit ihr verbunden – auch über die Macht hatte er sich an ihr gelabt, vermutlich ohne dass es ihr bewusst gewesen war. Dieser Schatten tief in ihrem Inneren hatte Exodus höchste Befriedigung gebracht. Er wusste, dass es falsch war. Schon vor dem Jedi-Tempel hatte er die Versuchung verspürt, die Macht durch jede seiner Poren fließen zu lassen, so wie er es früher getan hatte. Doch ein Teil von ihm hatte Angst vor der Macht, Angst vor dem Verlangen, sie zu benutzen und zu beherrschen. Seit seinem Verlassen der Sith hatte er die dunklen Seite der Macht gemieden und gefürchtet. Aber mit Giselle fühlte er sich sicher. Er konnte davon kosten, ohne zu dem zu werden, der er einmal gewesen war. Sie lieferte ihm den perfekten Zugang zu diesem faszinierenden Gefühl, dem Gefühl von Kontrolle und Sicherheit. Kontrolle. Das war das Stichwort. Denn nach der gestrigen Nacht war umso klarer: Die Vahla durfte nicht gehen. Sie durfte Exodus nicht verlassen. Langsam und ganz in Gedanken versunke, strichen seine Finger über die nackte Haut ihres Oberarms, ehe er sie mit sanftem Druck in Richtung der Bar lenkte. Es hatte einen Moment am vorherigen Tag gegeben, wo er sich der Illusion hingegeben hatte, eine einzige weitere Nacht mit dieser Frau würde ihm reichen. Jetzt wusste er es besser.


[ Coruscant – City – Empfang von Alateen Engines | Exodus und Giselle mit vielen Gästen ]
 
- Coruscant – City – Empfang von Alateen Engines - Mit Exodus und vielen Gästen -

Falls irgendwo im Hintergrund Musik spielte, war sie nicht zu hören. Die Wellen von Stimmen, die über den Saal hinweg rollten, verbargen alles unter sich. Gespräche in fröhlichem Tonfall, begeisterte Ausrufe und schallendes Gelächter drangen an Giselles Ohren. Sie wandte sich halb zu Exodus, um durch seinen Blick zu erkennen, wie sein erster Eindruck der abendlichen Veranstaltung war. Giselle war sich sicher, noch nie auf einer vergleichbaren Feier gewesen zu sein. Alles auf Coruscant schien anders zu sein als anderswo, oder war es wieder nur Exodus' Welt, die so speziell war, so exklusiv? Sie hatten heute einen wunderschönen Tag verbracht. Von dem Moment an, als Giselle Exodus am gestrigen Abend in sein Zimmer gezogen und die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, war nichts mehr schief gegangen. Hätte sie jemand gefragt, Giselle hätte die vergangenen Stunden mit ihm als zauberhaft beschrieben. Sie hatten gemeinsam ein Museum besucht, sich verschiedene Sehenswürdigkeiten der Stadt angesehen, hatten zusammen zu Mittag gegessen und waren einkaufen gewesen. Nun, Exodus hatte eingekauft, aber Giselle hatte ausgesucht. Er hatte ihr unbedingt ein neues Kleid für den Abend kaufen wollen und Giselle hatte sein Geschenk akzeptiert, weil sie gespürt hatte, wie wichtig ihm das war und weil sie sich darauf gefreut hatte etwas zu tragen, das sie von ihm bekommen hatte. So wie die Schuhe. Giselle spürte, wie die schmalen Absätze unter ihren Füßen bei jedem Schritt klackerten, doch es war zu laut um sie herum als dass jemand ausser ihr dieses helle Geräusch hätte hören können.

"Was geschieht als nächstes?"

Wollte Giselle wissen. Sie kannte sich nicht aus mit Feiern dieser Art. Die Festivitäten ihres Clans hatten je nach Anlass die verschiedensten Rituale vor geschrieben. Auf Alderaan dagegen waren die ausgelassenen Abende mit ihren Freunden nichts gewesen als eine lose Zusammenkunft ohne Regeln und die wenigen feierlichen Veranstaltungen, denen sie als Mitglied der republikanischen Flotte beigewohnt hatte, waren einem speziellen Protokoll gefolgt. Es war überall anders. Mal gab es Vorschriften, mal gab es keine.

"Der Mann, der uns begrüßt hat, war das der Gastgeber? Cedon Alateen?"

Beim gemeinsamen Mittagessen hatte Exodus ihr noch einmal grob erzählt, worum es heute Abend ging und wie lange die Wingston Corporation bereits mit dem Unternehmen zusammen arbeitete, das heute zum Empfang geladen hatte. Giselle war nicht sicher, ob Cedon Alateen ein Mensch war, obwohl er so aussah. Was sie irritierten waren seine blauen Haare. So etwas hatte sie an einem Menschen noch nie gesehen. Andererseits hatte sie hier auf Coruscant bereits einige außergewöhnliche modische Erscheinungen gesehen, Kleidung und Frisuren die auf Alderaan undenkbar waren. Ebenfalls außergewöhnlich war die Art, wie er sie begrüßt hatte, denn er hatte ihre Hand geküsst. Das musste eine besondere Höflichkeitsform sein, vermutete Giselle. Bei Exodus hatte er es allerdings nicht getan. Sie sah ihn an und das Bild, das in ihrem Kopf entstand, erheiterte sie. Spontan beugte sie sich zu ihm und küsste ihn flüchtig auf die Wange. Sie war glücklich, hier und jetzt, mit ihm.

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