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Brasso Nunkai stellte sich ein weiteres Mal vor und diesmal deutete Tenia eine leichte Verbeugung an. Jetzt, da sie ihn das erste Mal genauer ansehen konnte, waren da viele kleine Details die ihr jetzt erst bewusst wurden, oder die noch deutlicher hervortraten. Der Mann vor ihr wirkte wie jemand, der das raue Leben auf der Straße kannte oder wie jemand, der hart und viel gearbeitet hatte. Sein Gesichtsausdruck, die sichtbaren Narben, ja seine ganze Haltung deuteten darauf hin. Obwohl Brasso groß war, wirkte er beinahe klein, denn er stand nicht ganz aufrecht und Tenia war sicher, dass das nicht mit der Schlägerei von eben zu tun hatte. Sie konnte nicht einschätzen, wie alt ihr Gegenüber war, sie hatte noch immer keine Ahnung, welcher Spezies Brasso angehörte. Doch Tenia war überzeugt, dass Brasso jünger war, als sie ihn schätzen würde. Ihr Blick wanderte schließich zu der Händlerin. „Ich danke Euch, dass ihr geblieben und geholfen habt“. Sie hätte genausogut die Flucht ergreifen können, vielleicht schon lange bevor die Halunken ihr Spiel getrieben hatten. Doch die Händlerin war geblieben, war noch immer hier.

Waren Schmerzen ehrlich, wie Brasso erwähnte? Vielleicht. Aber oft genug waren sie nur eine Andeutung dessen, was wirklich war oder kam. Ihre eigene Narbe war das beste Beispiel dafür. Als die Blitze von Zion sie getroffen hatten, war der Schmerz unerträglich gewesen. Das was sie ausgelöst hatten, die Narbe, war bis dahin nicht zu erahnen gewesen. In jedem Fall lag auch das in der Vergangenheit. Gas, Dämpfe und Bracca (Tenia wusste nicht, was das war), lagen wohl auch in der Vergangenheit, die, wie der andere richtig feststellte, das Schiff nicht verändern würde.
„Ich schätze, nichts verändert die Vergangenheit.“ Kein Wunsch, kein Wesen, kein Jedi, niemand. Das, was war, war. Es lies sich nicht verändern und das zu akzeptieren war das Beste, was man tun konnte. Es galt das Jetzt zu verändern und genau das tat Brasso, der seinen Wagen reparieren wollte. Steven und Tenia brauchten ihre Hilfe gar nicht erst anzubieten – die Griffe des anderen waren so geschickt und flink, dass sie ihm vermutlich nur im Weg gestanden hätten.
Dass sie Gauner von eben wieder kommen würden, war leider mehr eine Sicherheit als eine Befürchtung und so warf Tenia Steven einen Blick zu. Sie würden nicht ewig hier bleiben können, aber vielleicht waren diese zwei Tage eine Option? Eigentlich gefiel Tenia der Gedanke nicht, zwei Tage zu bleiben, um dann wieder mit der Gewissheit zu verschwinden, dass wieder alles seien gewohnten Bahnen gehen würde. Aber auch diese Tatsache war eine, die es besser zu akzeptieren galt.
„Wisst ihr, mit welchen Leuten wir sprechen sollen?“ In diesem Stadtteil gab es so viele, dass es unmöglich sein würde, die „richtigen“ Leute anzusprechen. Vermutlich hatte jeder, der hier Handel trieb schon einmal ein Problem gehabt.

Es war gut, dass Brasso Nunkai seine Lunge prüfen lassen würde, doch seine Metapher über Hoffnung und Credits, vor allem aber seine Aussage darüber, dass er nicht einfach gehen würde, nun, das war weniger gut. Auch wenn ihn ehrte, jeden Ort ein bisschen besser machen zu wollen – klug war das nicht. Tenia überlegte, ob sie ihm offen widersprechen sollte und sah noch einmal kurz zu Steven. Sie wollte nichts Falsches sagen, aber auch nicht schweigen. Irgendwie funktioniert leider nicht immer“, war das Einzige, was ihr einfiel. Die Nullianerin war noch nie sonderlich geschickt darin gewesen, diplomatische Worte zu finden. Sie wollte den anderen nicht belehren, vor allem nicht, da er wirkte, als hätte er einen Haufen Lebenserfahrung.

„Wir werden morgen früh da sein.“ Beinahe hätte sie erneut zu Steven gesehen, immerhin entschied sie gerade für ihn, aber vielleicht war das etwas, was sie später noch besprechen konnten.


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Der Morgen kam nicht mit einem Versprechen, sondern mit Arbeit. Ketaris Prime roch um diese Stunde nach feuchtem Stein, kaltem Metall und dem fernen Hauch von Gewürzen, die erst später ihre Schärfe entfalten würden. Das Handelsforum lag noch halb im Schlaf, die Gassen gedehnt wie Glieder nach einer Nacht auf hartem Boden. Brasso Nunkai war bereits wach gewesen, lange bevor das Licht zwischen die Dächer kroch. Sein Atem brauchte Anlauf, wie immer, ein flaches Tasten, bis die Lunge den Takt fand, den sie ihm noch zugestand. Er blieb einen Moment stehen, die Stirn gegen das kühle Blech der Werkhallentür mit dem grünen Glas gelehnt, und hörte dem Viertel zu. Tropfen. Ein frühes Hoverfahrzeug. Schritte, vorsichtig, nicht neugierig. Der Takt war da. Nicht gut. Aber brauchbar.

Er dachte an die Namen, die er gestern gehört hatte.
Steven Crant. Tenia Lumiran. Sie hatten Gewicht. Nicht wie Titel, eher wie Werkzeuge, die man nicht jeden Tag in der Hand hielt. Jedi. Das Wort hatte sich erst spät in seinem Kopf festgesetzt, nicht mit Ehrfurcht, sondern mit Vorsicht. Macht war etwas, das Dinge schneller kaputtmachen konnte, wenn man sie falsch ansetzte, so wie bei einem Hebel zu viel Gewicht und Kraft zu verwenden, sodass dieser abbricht. Aber gestern hatten sie nicht gedrückt. Sie hatten gestanden und war das, was zählte.
Brasso zog die Handschuhe über, prüfte die Riemen der Stromlanze, ließ sie hängen. Heute würde er sie nicht brauchen, wenn alles gut lief. Er trat hinaus in die Gasse, die gestern noch ein trockener Fluss gewesen war. Jetzt trug sie Bewegung. Ein Duros schob Kisten, eine alte Frau kehrte den Staub zusammen, als könne man ihn bändigen, wenn man ihn nur ordentlich sammelte. Die Händlerin von gestern war schon da. Ihr Karren stand ruhig, die Keile hielten. Sie sah Brasso kommen und nickte, ein Nicken, das mehr sagte als Dank.

„Hält“, sagte er, mehr zur Halterung als zu ihr.

„Hält“, antwortete sie und lächelte, klein, aber echt.

Er machte sich auf den Weg zum westlichen Sammelschacht. Zwei Ebenen tiefer wurde der Lärm dumpf, wie er gesagt hatte. Die Filterleitung war alt, die Dichtung spröde, das Gehäuse müde. Brasso arbeitete langsam, mit Respekt vor dem Material. Er sprach leise mit der Leitung, wie man es tat, wenn man wollte, dass etwas mitarbeitete. Fünf Schraubzüge, neue Lastverteilung. Der Rost gab nach. Der Husten meldete sich, er ließ ihn warten. Nicht jetzt. Als er fertig war, setzte er sich auf den Rand des Schachts, trank einen Schluck, sah dem Dampf zu, wie er sauber abzog. Ein paar Arbeiter hatten stehengeblieben, beobachteten, nickten. Einer fragte nach dem Trick. Brasso erklärte ihn, ohne Geheimnis. Wissen hielt länger, wenn man es teilte. Er dachte an die Frist. Zwei Tage. Heute war der erste. Die Drei würden nicht kommen, zumindest nicht offen. Vielleicht ein Blick zu viel, ein falsches Gerücht, ein Preis, der plötzlich kippte. Er würde zuhören. Das Prinzip des Scanners war kein Gerät. Es war Aufmerksamkeit.

Als er zurück nach oben kam, stand das Licht schon höher. Die Gasse war wieder Markt. Stimmen, Schritte, das Klacken von Kisten. Und am Ende der Gasse, nicht drängend, nicht protzend, sah er sie. Jedi Ritterin
Tenia Lumiran. Sie stand, wie sie bereits am Vortag gestanden hatte. Diese Gravitas, diese Körperhaltung. Wesen, die es nicht mehr gewohnt waren gebückt und geduckt durch das Leben zu gehen. In seinen Augen war dies Segen und Fluch zugleich. Brasso blieb einen Moment stehen, ließ die Lunge nachziehen, dann ging er auf sie zu.

„Morgen,“ sagte er schlicht. „Ich hoffe eure Nacht war angenehm.“ Er deutete mit dem Kinn zur Gasse.

„Wir fangen klein an. Zwei Gespräche. Drei, wenn sie bleiben. Danach sehen wir, was der Markt uns sagt.“ Er wartete nicht auf Zustimmung. Er ging los, langsam genug, dass sie mitgehen konnten. Nicht voran, sondern im Gleichschritt neben der Menschenfrau.

„Wo ist denn euer Begleiter?“, sprach Brasso die Abwesenheit des anderen Jedi an.

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Sie verabschiedeten sich vorerst von Brasso, mit dem sie sich am nächsten Morgen verabredet hatten. Kaum, dass sie ein paar Schritte gegangen waren, und bevor jemand etwas hätte sagen können, meldete sich Stevens Com und während er die Nachricht las, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, spannte sich deutlich an. Das änderte sich auch nicht, als sein Blick zu Tenia glitt. Ein Notfall, die Bitte an ihn, so schnell wie möglich abzureisen. So schnell wie möglich war selbstverständlich jetzt, andernfalls wäre es, was auch für Jedi unmöglich war, gestern gewesen. Tenia kam nicht umhin, Bedauern zu empfinden, noch bevor sie wusste, um welche Mission, um welchen Notfall es sich handelte. Sie hatte Zeit mit Steven gewollt, vor allem, nach ihrem Gespräch, das sie schon hatten unterbrechen müssen. Die Nullianerin hatte gespürt, dass Brasso, dessen Namen sie nun kannte, in Schwierigkeiten steckte und jetzt war da, irgendwo, wieder jemand, der Hilfe benötigte.

Du musst gleich gehen, oder?“,

war mehr Feststellung als Frage und Tenia glaubte, das gleiche Bedauern auch in Stevens Gesicht zu sehen, als er bejahte.

„Dann bleibt mir wohl nur der Standardspruch: möge die Macht mit dir sein.“

Immerhin, brachte er beide zu einem Lächeln und dann zu einer Umarmung, in der sich Tenia seltsam verloren fühlte.

Als Steven in sein Schiff stieg, sah sie diesem noch nach, als es längst nicht mehr zu sehen war und fragte sich, ob sie beide je die Chance haben würde, wirklich zu definieren, was sie waren. Als bräuchte es eine Definition, schoss der Nullianerin durch den Kopf. Was es brauchte, was sie brauchten, war Mut, doch keiner von beiden schien genug aufzubringen, um den ersten Schritt zu tun. ‚Vielleicht bin ich schon damals seit Mon Calamari in dich verliebt, Tenia‘, hatte er gesagt, das war noch auf Coruscant gewesen, bevor Akani zum Ritter geschlagen worden war und sie hatte bloß erwidert, dass sie schon einmal verliebt gewesen war, das nicht noch einmal konnte und, dass die Zeit zeigen würde, was sie sein oder werden konnten. Die Zeit. Tenia seufzte. Als wäre die Zeit ein Chrono, das ihnen etwas anzeigte. Entweder, sie würden die Zeit nutzen, oder sie verstreichen lassen.
Aber was brachte diese neunmalkluge Erkenntnis? Sie vertrieb Tenias Angst nicht und da half auch keine weitere Weisheit darüber, dass Angst kein guter Begleiter war.
Denn so lange sie und Steven nur Freunde waren, so lange sie sich nur als das definierten und verhielten, lief sie nicht Gefahr, verletzt zu werden und diese Sicherheitsgarantie war das einzige, auf das Tenia sich verlassen konnte.

In der Nacht schlief Tenia unruhig, dachte über den nächsten Morgen mit Brasso und natürlich über Steven nach und obwohl sie ersterem sicher mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, gelang eben das nicht. Als sie schließlich erwachte, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, fühlte sich die Nullianerin alles andere als erholt und verließ das Schiff des Ordens vorerst für einen kleinen Spaziergang, um die Müdigkeit zu vertreiben.
Eine Stunde später, erneut zivil gekleidet, diesmal mit Schuhen an den Füßen, verließ die junge Frau erneut das Schiff, um zurück zu der Gasse zu kehren, in der sie gestern Brasso Nunkai getroffen hatte. Noch schien die Gasse, genau wie der Markt, zu erwachen. Die Händler waren dabei, ihre Stände aufzubauen, andere holten ihre Waren hervor. Tenia spürte Brasso noch bevor sie ihn kommen sah.

„Guten Morgen“,
erwidert sie, folgte erst seinem Nicken und lief dann neben Brasso.

„Er wurde kurzfristig zu einer anderen Mission gerufen.“

Ihr gelang es, kein Bedauern durch ihre Stimme sickern zu lassen. Ihre persönlichen Gefühle zu ihm hatten nun keinen Raum mehr. Jetzt galt die Aufmerksamkeit der Nullianerin ihrem Gegenüber.

Ihr habt viel Erfahrung, was den Markt betrifft?“,
fragte sie schließlich.



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Brasso Nunkai ließ den Blick über den Markt gleiten, bevor er der Jedi antwortete. Nicht suchend, eher prüfend, als würde er den Rhythmus einer Maschine fühlen, den er gut kannte. Die Gasse hatte inzwischen Farbe angenommen. Nicht die saubere, glänzende Farbe der oberen Ebenen, sondern die gedämpfte Vielfalt aus Stoffbahnen, Kistenholz, Metallresten und improvisierten Schildern, deren Buchstaben aus mehreren Alphabeten zusammengesetzt waren. Es tummelten sich Aurebesh, Huttisch und auch Bocce unter den zahlreichen Zeichen und Lettern, die hier zum Teil mit Farbe, in Neon oder holografisch gesprochene Sprache festhielten. Nichts hier war einheitlich, und genau darin lag seine Ordnung.

„Erfahrung“, sagte er schließlich und zog das Wort ein wenig in die Länge, als koste er es ab. „Ja. Aber nicht, weil ich lange hier bin. Märkte ähneln sich, folgen einem System, dass in der Natur der Sache liegt. Sie haben Gesichter, aber sie folgen denselben Regeln.“
Der Markt füllte sich mit Geräuschen, die nichts mit Sprache zu tun hatten. Das rhythmische Klacken von Kreditstäben auf Metall, das leise Zischen geöffneter Kühlbehälter, das tiefe Brummen alter Generatoren, die nur dann zuverlässig liefen, wenn man sie nicht ansah. Über allem lag der Geruch von heißem Öl, getrockneten Gewürzen und etwas Süßlichem, das aus einer Kiste mit importierten Früchten sickerte, deren Herkunft niemand so genau wissen wollte.

Er nickte nach links, wo ein Duros gerade mit übertriebener Sorgfalt eine Reihe kleiner Generatorzellen auslegte. „Der da heißt Vek. Verkauft Energiekerne, die er selbst nicht ganz versteht. Rechnet fair, solange man ihn nicht hetzt. Wenn er anfängt zu reden, stimmt der Preis. Wenn er still wird, prüft er, ob er übers Ohr gehauen wird.“ Dann nach rechts, wo eine Twi’lek mit geflochtenen Lekku Stoffrollen sortierte. „Nara. Sie tauscht lieber als dass sie verkauft. Hat gestern noch so getan, als hätte sie nichts gesehen. Heute wird sie dir sagen, dass sie alles gesehen hat. Beides stimmt.“

Der Anflug eines Lächelns lässt seine beiden Fleischfortsätze an seinen Mundwinkeln wackeln. die Ein paar Schritte weiter stand der Nikto von gestern nicht, aber Brasso sah dennoch kurz dorthin, wo er gestanden hatte. „Und dann gibt es Lücken. Orte, an denen jemand stehen sollte, aber nicht da ist. Das sind die Stellen, an denen der Markt nervös wird.“

Ein Händler pries getrocknetes Nuna-Fleisch an, dunkel und hart, in Streifen geschnitten, die mehr nach Reise als nach Mahlzeit aussahen. Daneben lagen versiegelte Rationen aus republikanischen Beständen, umetikettiert, das Haltbarkeitsdatum mit Absicht unleserlich gemacht. Wer genau hinsah, erkannte den Unterschied zwischen Ware für Durchreisende und Ware für jene, die bleiben mussten.

Sie kamen an dem Karren der Händlerin vorbei. Die Halterung, die er gestern montiert hatte, hielt. Die Frau bemerkte den Abednedo, hob kurz die Hand, ohne den Kunden aus den Augen zu verlieren. Kein Lächeln, aber ein Zeichen. Der Tech-Nomade erwiderte es kaum merklich. „Sie heißt Dela“, sagte er leise. „War gestern mutiger, als sie sich selbst zutraut. Heute tut sie so, als wäre nichts gewesen. Das ist keine Feigheit. Das ist Überleben.“

Ein alter Ugnaught saß auf einem niedrigen Hocker und zerlegte schweigend ein Servomotor-Gehäuse. Er verkaufte nichts direkt, zumindest nicht auf den ersten Blick. Wer jedoch lange genug stehen blieb, bekam ein Ersatzteil zugeschoben, das exakt passte, ohne dass je über den Preis gesprochen wurde. Solche Geschäfte wurden nicht abgeschlossen, sie wurden verstanden.

Er blieb kurz stehen, bückte sich, hob ein loses Stück Draht auf und legte es an den Rand eines fremden Standes, wo es hingehörte. Eine kleine Ordnung, kaum sichtbar.
„Der Markt funktioniert nicht, weil alle ehrlich sind“, fuhr er fort. „Er funktioniert, weil sich die meisten erinnern. Wer hilft. Wer wegsieht. Wer Preise macht, die nicht nur Credits kosten.“

Er sah Tenia nun direkt an. „Die Drei von gestern kannten diese Gasse. Sie wissen wo es weh tut, wo sie das System dieses Markts stören können. Sie drücken nicht Druck auf Personen, sie drücken auf Abläufe. Lieferungen. Fristen. Angst. Und sie zählen darauf, dass jeder denkt, jemand anderes wird schon etwas sagen.“

Brasso setzte sich wieder in Bewegung, langsam, damit sie den Rhythmus mitgehen konnte. „Wenn ihr fragt, mit wem man reden sollte“, sagte er, dann nicht mit denen, die laut sind. Redet mit denen, die morgens zuerst da sind und abends zuletzt gehen. Mit denen, die ihre Stände reparieren, statt neue zu fordern. Mit denen, die gestern gesehen haben, was passiert ist, und heute trotzdem verkaufen.“

Zwischen zwei Ständen huschte ein Kind hindurch, einen Stapel Datapads unter dem Arm, deren Displays flackerten. Gebrauchte Navigationskarten, angeblich aktuell, mit kleinen Korrekturen in den Randdaten. Niemand glaubte ihnen ganz, aber alle wussten, dass eine halbe Wahrheit im Hyperraum manchmal besser war als gar keine. Es lief an ihnen vorbei, zu schnell, um nicht neugierig zu sein. Brasso legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, lenkte es sanft aus dem Weg eines Transportwagens. Der Fahrer nickte dankbar. Der Markt merkt sich so was“, murmelte Brassomehr zu sich selbst als zu Tenia.

Dann sah er wieder zu ihr. „Ihr wollt helfen“, sagte er ruhig. „Schenkt den Wesen hier euer Gehör und bleibt sichtbar, ohne im Weg zu stehen. Das reicht manchmal schon, damit Dinge ins Gute kippen. Nicht schnell. Aber nachhaltig.“

Forschend sah der Abednedo Tenia an, ohne weiterzugehen. „Was glaubt ihr“, fragte er ruhig, „wer zahlt heute zuerst den Preis für gestern?“

Immer wieder blieb jemand stehen, nur kurz, um einen Blick zu wechseln, ein kaum sichtbares Nicken, ein Zögern vor einer Entscheidung. Manche Waren wurden heute schneller verkauft als sonst, andere blieben auffällig lange liegen. Preise verschoben sich nicht offen, sondern im Tonfall, im fehlenden Feilschen, im zu schnellen Einpacken. Der Markt lebte nicht von Angebot und Nachfrage allein. Er lebte von Erinnerung. Von gestern. Von dem, was passiert war und von dem, was noch kommen konnte.


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Tenia hatte Märkten nie besonders viel abgewinnen können. Auf Null gab es Märkte, aber dieser hier, auf Ketaris, war anders. Während auf Null, zumindest in der Gegend, aus der Tenia stammte, vor allem Fleisch, aber auch Obst und Gemüse verkauft worden war, gab es hier eine ganze Menge anderer Waren, die auch technischer Natur waren. Der Markt auf Null hatte vor allem Nullianer oder Touristen angezogen, die spezielles Fleisch wollten. Tenia hatte das Jagen schon immer gehasst und sie hätte sich niemals freiwillig hinter einen Stand gestellt, um Erbeutetes zu verkaufen. Auch dann nicht, wenn es Obst gewesen wäre. Nein, sie hatte Touristen die Wälder gezeigt und darin eine Aufgabe gefunden, die sie viel mehr erfüllt hatte, als das, was das Gros an Nullianer:innen für wichtig hielt. Jagd und das Handwerk der Steinmetze. Sie begriff bis heute nicht, was an diesen beiden Dingen so wichtig sein sollte, warum es zur Kultur gehörte zu töten und was sonst war die Jagd? Vielleicht hatte sie auch die Kunst des Handwerks deshalb nie vollkommen begeistern können, weil sie im Vergleich zu allen anderen ihrer Spezies so klein war. Sie hatte nie die Kraft gehabt, all die großen Steine zu heben und mit kleinen Händen war es viel schwieriger gewesen, all die Werkzeuge zu halten, die eigentlich für Pranken vorgesehen waren.

Touristen die Wälder zu zeigen, es hatte nie etwas mit Körpergröße zu tun gehabt, sie nie darauf reduziert und deswegen hatte sie sich damit besonders wohlgefühlt. Die meisten Touristen waren keine Riesen gewesen und damit war Tenia nicht als Zwerg aufgefallen. Sie hatte sich schneller und vor allem lautloser bewegen können, als die meisten ihrer Spezies (was sie vermutlich zur perfekten Jägerin gemacht hätte) und diesen Vorteil hatte Tenia genutzt, sich so oft es ging, zurückzuziehen. Im Grunde war sie das, was man besten Gewissens als Hinterwäldlerin hätte bezeichnen können. So hörte sie Brasso aufmerksam zu, der davon berichtete, dass Märkte sich ähnelten und einem System folgten.
Ihr Blick glitt zu Vek, der Energiekerne verkaufte und Tenia musste unwillkürlich lächeln, denn vermutlich wäre sie eine gute Abnehmerin seiner Waren gewesen. Ebenso ahnungslos wie er selbst, hätte niemand den anderen übers Ohr gehauen und es doch getan. Dann zu Nara, der Twi'lek, die lieber tauschte, als verkaufte und zu Dela, die Tenia als die Händlerin von gestern wiedererkannte. Dann war da noch ein kleineres Wesen, mit hängenden Wangen, das wahrscheinlich ein Techniker war und Dinge reparierte.

Der Markt wirkte in jedem Fall so, wie Brasso ihn beschrieb: ein System, das funktionierte. Tenia wäre die Lücke nicht als Störung aufgefallen, weil sie das System nicht kannte und sie sich so nicht erinnern konnte. Dass die drei von gestern Bescheid wussten und gerade deswegen stören konnten, ergab Sinn, denn zumindest das war etwas, das Tenia auch von ihren Touren kannte. Wenn Touristen anderes sehen wollten, als das, was sie ihnen zeigen wollte, wenn es Trödler gab, wie Jaffan damals, hatte sich auch ihr System verändert und damit das all derer, denen sie Plätze zeigen wollte. Die Route wurde gestört, die Zeit damit durcheinandergebracht. Machte das nicht deutlich, dass die gesamte Galaxis sehr ähnlich funktionierte? Nach mehr oder weniger festen Abläufen?

Dass Brasso sich auskannte, wurde auch deutlich, als er ein Kind zu einem Transporter lenkte, dessen Fahrer dankbar nickte. Bekannte Abläufe, bekannte Gesichter. Für Brasso war all das bekannt und Tenia war sicher, dass die Macht ihm dabei half, alles noch schärfer wahrzunehmen, kleinste Nuancen zu erkennen. Etwas, auf das er, würde er wollen, perfekt aufbauen konnte.

Wer zuerst den Preis bezahlen würde, wollte der andere schließlich wissen und sein Blick sorgte dafür, dass Tenia sich ein wenig so vorkam, als prüfe er genau, als teste er sie. Ihr Blick glitt noch einmal über den Markt, zu jenen, die Brasso vorgestellt hatte und zu denen, die er unerwähnt gelassen hatte. Als Steven und sie gestern aufgetaucht waren, hatten sie Brasso und Dela in einer misslichen Lage wiedergefunden und der Abednedo war das Opfer gewesen. Vermutlich hatte er der Händlerin geholfen und so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Damit hatte er das System gestört. Doch wenn der Markt sich erinnerte und Dela gezwungen war zu schweigen, war vermutlich sie diejenige, die als Nächstes zahlen würde. Denn Brasso hatte sich als wehrhaft erwiesen und die anderen? Taten sie nicht das, was sie immer taten?

"Ihr habt gestern bereits bezahlt." Auch daran würde sich der Markt erinnern.
Wenn Brasso gestern eingegriffen hatte, wäre Dela vermutlichdie Erste gewesen und dsmur fiel sie heute eigentlich aus.

"Es würde Sinn ergeben, wenn Dela heute die Nächste wäre. Denn sie war gestern mutiger als sonst, was das System stört und bevor sie hätte bezahlen können, habt Ihr ihre Rechnung beglichen. Aber sie hat schon bezahlt, mehr oder weniger."


Alle bezahlten, jeden Tag, mit ihrem Schweigen und damit hätte jeder der nächste sein können, was es umso schwerer machte, eine Antwort zu geben.

"Ich weiß es nicht",
war damit die ehrlichste Antwort.
"Es könnte jeder sein". Vielleicht ...

"Vielleicht am ehsten die Person, die lieber tauscht, Nara, weil sie das System viel eher stört, wenn sie eher tauschte, als verkauft und wenn sie gestern etwas anderes weiß, als heute."


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Der Markt zeigte sich der Jedi nun tatsächlich so, wie Brasso Nunkai ihn beschrieben hatte: Nicht als Ansammlung einzelner Stände, sondern als ein lebender Zusammenhang, ein fein austariertes Gefüge aus Wegen, Blicken, Gewohnheiten. Tenia hätte die Lücken nicht als solche erkannt, nicht als Störung, sondern höchstens als Zufälligkeit. Ihr fehlte die Erinnerung, an der sich Abweichungen messen ließen. Für Brasso jedoch war Erinnerung das eigentliche Koordinatensystem dieses Ortes. Er wusste, wer sonst hier stand, wer wann erschien, wer blieb, obwohl es klüger gewesen wäre zu gehen. Der Abednedo hörte ihr zu, ohne sie dabei anzusehen. Sein Blick blieb auf dem Markt, auf den kleinen Verschiebungen, die man nur wahrnahm, wenn man lange genug an einem Ort blieb, um ihn altern zu sehen. Ein Preis, der heute nicht genannt wurde. Eine Kiste, die weiter hinten stand als sonst. Ein Gruß, der kürzer ausfiel. Der Markt sprach nicht laut, er flüsterte. Man musste ihm Zeit geben.
Dass die drei von gestern genau dort angesetzt hatten, wo dieses System empfindlich war, erschien ihr nun folgerichtig. Sie kannte das von ihren eigenen Wegen, von den Touren, die sie einst geführt hatte. Wenn jemand die Route nicht akzeptierte, wenn jemand länger stehen blieb, Fragen stellte, andere Bilder suchte als die vorgesehenen, dann geriet nicht nur der Ablauf ins Wanken, sondern auch das fragile Gleichgewicht zwischen Zeit, Aufmerksamkeit und Erwartung. Vielleicht funktionierte die Galaxis tatsächlich überall gleich. Nicht nach Gesetzen, sondern nach Gewohnheiten.


„Ja“, sagte er schließlich, ruhig, fast beiläufig. „So fühlt es sich an, wenn ein System merkt, dass es beobachtet wird.“

Sie gingen ein paar Schritte weiter. Brasso blieb kurz stehen, als ein Händler zwei Stände weiter eine Plane fester zog, als nötig gewesen wäre. Nicht aus Angst vor Wind. Aus Nervosität. „Gestern war Lärm“, fuhr Brasso fort. „Heute ist Vorsicht. Das ist die Phase danach. Die, in der Fehler gemacht werden.“

Er deutete nicht auf Nara, nannte ihren Namen nicht. Stattdessen blieb sein Blick auf ihren Stoffen hängen, auf der Art, wie sie eine Rolle beiseitelegte, ohne sie zu tauschen, obwohl jemand danach gefragt hatte. „Tausch bringt Unruhe“, sagte er leise. „Nicht, weil er unfair ist. Sondern weil er sich nicht so leicht buchen lässt. Wer tauscht, entzieht sich Tabellen.“

Ein paar Schritte weiter stand Vek, der Duros, die Hände auf den Generatorzellen, als wären sie Karten, die er mischte. Er redete zu viel heute. Ein Zeichen. Brasso blieb stehen, nur einen Atemzug lang, und Vek verstummte sofort. Keine Worte. Nur ein Blick. Der Markt nahm das zur Kenntnis.

„Niemand hier ist unschuldig", sagte Brasso nach einer Weile. „Aber nicht jeder ist gleich belastbar. Manche haben Puffer. Andere nicht. Dela hatte keinen. Gestern nicht. Heute schon ein wenig.“ Er zog die Schultern kaum merklich hoch. „Nicht wegen mir. Wegen euch. Das verschiebt Dinge. Kurzfristig.“

Sie kamen an einem Stand vorbei, an dem gebrauchte Datapads lagen, die Displays gedimmt, als wollten sie sich unsichtbar machen. Ein Kunde nahm eines hoch, legte es wieder zurück, ging. Der Händler ließ ihn gehen. Kein Feilschen. Das war neu.
„Morgen“, sagte er, neutral, fast beiläufig.

Nara hob den Blick. Nur kurz. Zu kurz.

„Morgen“, erwiderte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber sie hielt die letzte Silbe einen Hauch zu lange, als müsste sie prüfen, ob jemand zuhörte. Dann sah sie Tenia an, musterte sie einen Augenblick, in dem mehr ablief, als Worte tragen konnten. Jedi oder nicht, dachte der Abednedo. Sie wusste, dass gestern etwas verschoben worden war.

„Kein Tausch heute“, begann der Tech-Nomade die Konversation, immer noch nicht zu ihr gewandt.

Naras Finger hielten inne. Ein kaum sichtbares Zögern, dann ein Lächeln, das nicht ganz ankam.
„Man kann nicht jeden Tag tauschen“, sagte sie. „Manchmal braucht man feste Zahlen.“

„Zahlen sind bequem“, erwiderte Brasso. „Aber sie erzählen wenig.“

Jetzt sah sie ihn an. Länger. Ihre Lekku bewegten sich unruhig. „Ihr habt gestern laut gearbeitet“, sagte sie leise und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. Kein Vorwurf. Eine Feststellung.

„Heute arbeite ich leise“, antwortete er. „Und höre zu.“

Ein Kunde trat näher, ein Bothaner mit nervösen Augen. Er sah die drei, sah Naras Gesicht, und blieb stehen, als habe er plötzlich vergessen, was er wollte. Nara schüttelte kaum merklich den Kopf. Der Bothaner nickte hastig und ging weiter. Brasso registrierte es.

„Ihr habt gestern etwas gesehen“, sagte Brasso nun und sah sie endlich direkt an. Nicht hart. Klar.

Nara atmete ein. Wieder aus.
„Der Markt sieht viel“, entgegnete sie und sah sich nervös um. „Nicht alles will gesehen werden.“

„Manches will gehört werden“, versuchte der Abednedo ermunternd auf sie einzuwirken.

Ein Schatten löste sich am Rand der Gasse. Kein klares Gesicht, nur Bewegung, die zu lange stehenblieb, um zufällig zu sein. Gespräche wurden leiser. Ein Generator stotterte kurz und fing sich wieder.
Nara beugte sich vor, als wolle sie einen Stoff neu ausrichten. Ihre Stimme war nun kaum mehr als ein Hauch. „Sie haben heute Morgen gefragt, warum ich gestern getauscht habe“, sagte sie. „Nicht wer. Warum.“

Brasso spürte, wie sich etwas in ihm spannte. Fragen nach dem Warum kamen nicht von Laufburschen. In diesem Moment fiel etwas aus einer oberen Ebene. Kein großes Teil, nur ein Stück Metall, das aufschlug und klirrte. Zu laut für Zufall. Der Tech-Nomade hob den Blick zu Tenia. Und irgendwo, ganz am Ende der Gasse, bewegte sich der Schatten erneut. Diesmal näher.

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Nach allem, was Brasso am Vortag gesagt hatte, war Tenia viel eher davon ausgegangen, dass am heutigen Tage nichts geschehen würde. Die Gauner hatten gesehen, dass zwei Jedi unterstützt hatten und wenn die Nullianerin das ummünzte, auf ihre Erfahrungen mit Mobbing, wäre es folgerichtig gewesen, dass heute Ruhe blieb.
Greife an, wenn dein Opfer wieder alleine ist. Das war die Regel gewesen. Hätte es jemanden gegeben, der unterstützt hätte, die Situationen wären vermutlich ganz anders ausgegangen.
Was in jedem Fall fest stand war, dass alle täglich den Preis zahlten, für ihr Schweigen und ihr wegsehen. Brasso hatte doppelt bezahlt, weil er sich eingemischt und geholfen hatte. Dass gestern Lärm und heute Vorsicht herrschte, klang absolut logisch. Doch bei dem, was Brasso weiter ausführte, wäre Tenia wieder von etwas anderem ausgegangen. Sorgte Vorsicht nicht gerade dafür, dass weniger Fehler entstanden? Sie hatte gelernt, dass es klüger war, auf die Erfahrungen anderer zu vertrauen und das Brasso wusste, wovon er sprach, sah und spürte sie. Er wirkte wie ein Kind der Straße, wie jemand, der den Markt so kannte, wie die eigene Westentasche.

Tausch brachte Unruhe, und auch wenn die Zahlung mit Credits im Grunde auch ein Tausch war, stimmte es. Wer tauschte, hatte andere Möglichkeiten, musste sich nicht an fixe Zahlen halten. Und vielleicht machte es gerade das, ungleich schwieriger. Bloß wusste Tenia bis jetzt nicht, worum es den Gaunern überhaupt ging. Credits? Waren? Den besten Platz auf dem Markt? Kontrolle? Eine Mischung aus allem schien möglich, und noch schwieg Tenia, folgte Brasso und beobachtete stumm, nahm die Szenerie in sich auf. Sie spürte Nervosität und Unruhe, aber auch so etwas wie Gleichgültigkeit. Wenn das, was gestern geschehen war, immer wieder stattfand, kein Wunder. Denn auch das war ein Wirkmittel, dass den Kreislauf stärkte. Gleichgültigkeit. Es geschieht, was geschieht, es passiert, was passieren muss, fertig.

Am Stand von Nara, gab auch Tenia einen Gruß von sich und hielt der Musterung der Twi’lek stand, schenkte ihr ein ehrliches Lächeln. Sie gehörte zu einer der wenigen Spezies, die Tenia tatsächlich bekannt waren, schon auf Null und so erkannte die junge Frau an den Lekku der andere zusätzlich deren Nervosität. Sie und Brasso sprachen direkt, auch wenn sie aussparten. Ein Dialog, der ähnlich der, der Gauner von gestern war. Auch dieser Austausch wirkte auf gewisse Weise eingeübt. Etwas, was nicht gesehen, aber gehört werden wollte. Zuhören, davon hatte der Abednedo schon gestern gesprochen und er bot sich an, nicht das erste Mal, wie Tenia glaubte.
Die Twi’lek wurde leise, kaum hörbar, ihre Nervosität stieg und auch die Nullianerin selnst spürte, wie sich leichte Unruhe in ihr breit machte. Sie fühlte sich zunehmend beobachtet.
Nara erklärte, dass man sie heute Morgen gefragt habe, warum sie getauscht hatte und noch ehe Brasso darauf etwas hätte erwidern können, löste sich eine Gestalt, schattengleich am Rande einer der Gassen. Dann, nur Sekunden später, fiel ein Stück Metall zu Boden und sorgte dafür, dass die Gespräche um sie herum verstummten. Die Nullianerin erwiderte den Blick den anderen, sah dann entschlossen zu der Twi’lek und folgte dem Schatten, der näher kam.
Ihre Sinne waren geschärft und Tenia tat das einzig logische. Sie wartete ab, veränderte ihre Körperhaltung, war nun mehr, als eine stille Beobachterin.


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Der Klang des aufschlagenden Metallstücks war so unscheinbar, dass er beinahe im allgemeinen Rauschen des Marktes untergegangen wäre. Ein heller, kurzer Ton, wie er zwischen vibrierenden Kühlaggregaten, klappernden Transportkisten und schlecht verschraubten Standstreben dutzendfach am Tag entstand. Und doch war es genau dieser Laut, der Brasso Nunkai innehalten ließ, weil er nicht zufällig wirkte. Er war zu sauber gefallen, zu sichtbar zur Ruhe gekommen, als hätte ihn jemand nicht verloren, sondern platziert. Der Markt reagierte nicht mit offenem Schrecken, sondern mit etwas viel Beunruhigenderem: Mit Gewöhnung. Gespräche brachen nicht abrupt ab, sie versickerten nur, Stimmen senkten sich um eine Nuance, Blicke wanderten zur Seite und blieben dort. Niemand fragte, niemand empörte sich. Die Reaktion war kein Chaos, eher vergleichbar mit Erwartung.

Brasso stand neben Tenia Lumiran, deren Haltung sich so subtil verändert hatte, dass nur jemand, der Bewegungen las wie Schaltpläne, es bemerkte. Sie war nicht mehr bloß Beobachterin, sie war bereit zu agieren. Er selbst zwang seine Atmung in einen ruhigen Rhythmus, obwohl die Luft schwer war von Gewürzstaub, erhitztem Schmieröl und dem süßlich-metallischen Geruch überlasteter Energieleitungen. Er spürte das Kratzen in seinen angegriffenen Atemwegen, spürte wie ein Huster sich in seiner Kehle bereit machte herauszubrechen. Ein leises Kratzen setzte sich in seiner Brust fest, doch er ließ es nicht nach außen dringen. Nicht jetzt. Unter der breiten Krempe seines Metallhutes hoben sich seine graublauen Augen langsam, nicht suchend, er war kein Späherdroide, es war eher messend, als der Schatten aus der Gasse trat. Der Mann bewegte sich ohne Hast, als gehöre ihm der Raum zwischen den Ständen. Breite Schultern, ein verstärkter Armschutz aus billigem Chromstahl, keine gezogene Waffe. Warum auch, er brauchte keine, denn seine Präsenz genügte.


„Ihr habt gestern gestört“, sagte der Mann schließlich, und seine Stimme trug keinen Zorn, sondern lediglich Anspruch.

Brasso ließ die Worte in der Luft hängen, als prüfe der Abednedo ihre linguistische Statik. „Wir haben gehandelt“, antwortete er ruhig. „Gestört wurde niemand.“

Seine Stimme war nicht laut, aber sie war fest genug, um gehört zu werden. Der Tech-Nomade sprach nicht nur zu dem Mann vor sich, sondern in den Raum hinein, in das Netz aus Lauschen und Schweigen, das sich um sie gelegt hatte. Während er sprach, glitt sein Blick scheinbar beiläufig an dem Schläger vorbei, tastete die Ränder der Szene ab. Nara stand hinter ihrer Auslage wie eine Figur aus Glas, ihre Lekku enger am Rücken als zuvor. Zwei Stände weiter sortierte ein devaronianischer Händler Kisten mit einer Sorgfalt, die nicht zu seiner zitternden Hand passte. Und an einem Gewürzstand hielt eine menschliche Frau den Blick gesenkt. Ihre Ruhe war nicht die Ruhe eines Opfers, sondern die eines Wartenden.

„Ihr habt sie heute Morgen gefragt, warum sie getauscht hat“, sagte Brasso weiter, als spreche er über eine logistische Abweichung. „Das bedeutet, ihr wusstet es sehr schnell.“

Er sah die minimale Reaktion nicht bei dem Mann vor sich, sondern am Rand: Der Devaronianer hielt für einen Augenblick inne, zu kurz für Ungeübte, doch lang genug für jemanden, der sein Leben damit verbracht hatte, Spannungsrisse im Metall zu erkennen. Die Gewürzverkäuferin hob den Blick nicht zu ihm, sondern zu Tenia, prüfend, abschätzend, bevor sie ihn wieder senkte. Nicht Angst, dachte Brasso. Bewertung.

Ein leises Ziehen durchlief ihn, ein kaum greifbares Vibrieren, wie das Summen eines überlasteten Energiekerns hinter einer Wand. Es war kein klarer Gedanke, eher ein Druck, der ihm sagte, dass die Struktur dieses Marktes an einer Stelle falsch verschraubt war.
„Wer informiert euch?“ fragte er schließlich, ohne Anklage, ohne Drohung, nur als logische Konsequenz der vorangegangenen Feststellung.

Die Frage war wie ein feiner Riss in einer tragenden Strebe. Der Mann verschränkte die Arme und erwiderte nichts, doch der Abednedo achtete längst nicht mehr auf ihn. Er beobachtete die Umstehenden, ließ den Blick über Gesichter gleiten, die sich bemühten, neutral zu wirken. Die Gewürzverkäuferin bewegte eine Hand unter ihre Theke, tastete kurz nach etwas, das nicht sichtbar war vielleicht ein Komlink, vielleicht nur eine Gewohnheit. Doch sie suchte Bestätigung, nicht Schutz.


„Ein Markt funktioniert nur, wenn Vertrauen fließt“, sagte der Tech-Nomade ruhig, als würde er über die Kühlung eines Reaktors sprechen. „Wenn Information gegen Sicherheit getauscht wird, entsteht Widerstand.“ Seine Worte waren nicht heroisch, nicht pathetisch, sondern sachlich, und gerade deshalb hatten sie Gewicht.

Er zog sein zerkratztes Notizbuch hervor, schlug es auf und ließ die Spitze seines Metallstifts über das Papier kratzen, ohne tatsächlich etwas zu schreiben. Das Geräusch allein genügte. Die Gewürzverkäuferin presste unmerklich die Lippen zusammen, ihre Schultern spannten sich für einen Herzschlag an.

Brasso klappte das Buch wieder zu.


„Niemand wird hier gezwungen zu tauschen“, sagte er lauter, sodass auch die Lauscher am Rand es hören konnten. „Und niemand wird gezwungen, Informationen zu verkaufen. Wer das tut, verkauft den Frieden des Marktes.“

Das Wort Frieden lag nicht wie ein Ideal in der Luft, sondern wie eine technische Notwendigkeit. Der Mann vor ihm musterte ihn einen Moment länger, als hätte er erkannt, dass die eigentliche Gefahr nicht in offener Konfrontation lag, sondern in der langsamen, methodischen Aufdeckung. Dann trat er zurück, ohne Eile, als vertage er die Entscheidung. Als der Schatten wieder in der Gasse verschwand, kehrten die Geräusche des Marktes zögernd zurück, wie Strom, der nach einer Unterbrechung langsam wieder anliegt. Brasso blieb stehen und sah nicht dem Schläger nach, sondern zu der Gewürzverkäuferin, deren Blick nun flackerte, als hätte jemand eine Sicherung verschoben.

Er hob den Kopf ein wenig und ließ den Blick über die improvisierten Energieleitungen, die flackernden Hologramme und die provisorischen Stände wandern, als betrachte er ein beschädigtes Schiff im Dock.


„Ein Markt ist wie ein Rumpf“, sagte er leise zur Ritterin. „Das Leck zeigt sich nicht am Loch, sondern am Wasserstand.“ Seine graublauen Augen verengten sich unter der Metallkrempe. „Wir finden es.“

Was nun vor ihnen lag, war kein offener Schlag, sondern Geduld. Sie konnten den Verdacht nicht wie eine Waffe ziehen – sie mussten ihn wie eine lose Schraube langsam freilegen, ohne das Gehäuse zu zerbrechen. Ritterin Lumiran würde sich unter die Händler mischen, scheinbar beiläufig Fragen stellen, Präsenz zeigen, Nähe schaffen nicht als Jedi, sondern als Zuhörerin. Sie sollte fühlen, wo Gespräche stockten, wo Blicke auswichen, wo sich Furcht nicht vor Gewalt, sondern vor Entdeckung regte. Brasso hingegen würde den Markt technisch lesen: lose verlegte Leitungen prüfen, nach ungewöhnlichen Frequenzen lauschen, versteckte Komlinks oder Signalverstärker ausfindig machen, die nicht zu den improvisierten Strukturen passten. Wenn jemand Informationen weitergab, dann brauchte es ein Echo, ein Flackern im Netz, eine minimale Störung im Strom der Kommunikation. Sie würden nichts erzwingen. Sie würden beobachten, Muster vergleichen, Reaktionen provozieren, vielleicht einen harmlosen Tausch inszenieren, der sich wie ein Köder verhielt. Und wenn die Information darüber schneller bei den Schlägern landete, als es Zufall erlaubte, dann würden sie wissen, wo das Leck war. Nicht durch Druck, sondern durch Geduld würden sie den Markt zwingen, sich selbst zu offenbaren und erst dann könnten sie beginnen, Frieden nicht nur zu fordern, sondern zu stabilisieren.

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Der Mann, der schließlich vortrat, wirkte anders, als die Schläger von gestern. Beinahe wirkte er harmlos, wie er auf Brasso und Tenia zuging, ohne eine offensichtliche Waffe bei sich zu tragen, ohne das Gehabe von den Männern vom Vortag. Auch seine Ansprache wirkte nüchtern, feststellend, als er anmerkte, dass Brasso gestern gestört hatte. Der Abednedo selbst wartete ab, war eben Metall gefallen, hing es jetzt Sekunden in der Luft. Sie hätten gehandelt, nicht gestört. Eine klare Richtigstellung und Brasso brachte die Worte so ruhig hervor, dass Tenia sich fragte, ob sie nicht gerade deswegen als Provokation empfunden werden konnten. Wäre sie wieder siebzehn und in der Schule, wäre Brasso ein Klassenkamerad gewesen, den nach diesen Worten mindestens die Hälfte aller, als Klugscheißer bezeichnet hätte. Niemand mag Klugscheißer, hörte sie Arlon sagen und konnte sogar dessen Gesicht sehen, während Brasso weitersprach. Diesmal galten seine Worte allen und Tenia kam nicht umhin, einmal mehr festzustellen, dass der andere Mut besaß. Brasso sprach zum Markt, doch niemand stand für ihn ein, niemand sagte etwas. Da waren Reaktionen, ein kurzes innehalten, Blicke, die sich starr auf die Waren richteten, zählten, was schon längst gezählt worden war. Dann die direkte Frage an den Mann. Wer informierte.

Die verschränkten Arme des Mannes passten zur Situation, denn im Grunde taten sie alle, jeder, der hier schwieg, genau das Gleiche. Sie verschränkten die Arme. Ein Schutzmechanismus. Bloß nicht antworten. Ihr Schweigen waren die verschränkten Arme. Die Situation wäre so viel einfacher und so viel erträglicher gewesen, wenn nur einer einen Bruchteil Brassos Mut besessen hätte. Und er sprach weiter, erklärte, wie der Markt funktioniert, dass Vertrauen der Dreh- und Angelpunkt war. Wie konnte es sein, dass so viele dennoch schwiegen? Das niemand den Mut aufbrachte, Brasso zur Seite zu stehen? Ein Schritt einer anderen Person und weitere hätten viel einfacher folgen können. Innerlich schüttelte die Nullianerin den Kopf. Wieder fühlte sie sich, als wäre sie siebzehn. Denn alle hier agierten als wären sie in diesem Alter. Beinahe erwachsen, sonst bestimmt vorlaut genug, so zu tun, als wären sie es und wenn es darauf ankam eben doch nur feige halbwüchsige. Tenia ärgerte sich doppelt darüber, weil sie damals genau zu diesen feigen gehört hatte. Brasso sprach weiter, doch kein Schaubild, das er vortragen konnte, half. Er lockte niemanden aus der Reserve. Das Schauspiel von gestern ging nahtlos weiter – denn diese Ignoranz war nicht improvisiert, sie war erlernt. Der Mann verzog sich und so wie er verschwand, sickerten auch Brassos Worte in ausgedörrten Boden und ließen nicht einmal einen Abdruck zurück.
War es an dieser Stelle mutig oder töricht zu meinen, das Leck zu finden?

Brasso hatte bereits gesagt, dass es darum ging, zuzuhören und daher war klar, welche Aufgabe Tenia nun hatte. Sie nickte Brasso zu, atmete leise tief ein und aus und öffnete sich der Macht um mehr zu sehen, mehr zu verstehen. Konnte sie mehr wahrnehmen als das, was auf den ersten Blick offensichtlich war? Sie fühlte sich beinahe erdrückt von all den Emotionen, die jetzt, nahezu ungefiltert auf sie einprasselten. Macht-Empathie war eine seltsame Fähigkeit, von der die Nullianerin lange nur geahnt und die sie, wenn sie sie zufällig genutzt hatte, aus egoistischen Gründen angewandt hatte. Ihr Kopf war heute eindeutig zu oft in der Vergangenheit. Als Tenia sich zum ersten Händler begab, schirmte sie sich wieder ab, nahm das Echo, das geblieben war, als Wegeweiser.

Sie trat an den Gewürzstand und ließ ihren Blick über die kleinen Behälter wandern, die sorgfältig geordnet waren. Getrocknete Schoten, bunte Pulver, eigene Mischungen in kleinen Behältnissen.
Die Nullianerin griff nach eine von ihnen.

„Ich habe schon lange keine Gewürze mehr auf einem Markt gekauft“, begann sie. Noch viel länger hatte sie vermutlich nicht selbst gekocht, sondern schlicht in der Kantina gegessen. „Dieses kann ich Euch nur empfehlen, wenn ihr Scharfes gut vertragt“, erwiderte die Händlerin. „Es stammt von Ithor, der Boden dort ist besonders gut geeignet, für scharfe Pflanzen. Nicht jedermanns Sache.“ Tenia stellte das Gefäß zurück. „Dann sollte ich besser vorsichtig sein. Heute erscheint mir das allgemein angebracht.“ Sie griff nach einem anderen Gewürz. „Könnt ihr mir ein milderes empfehlen? Das für Gemüse geeignet ist.“

Für Gemüse“, wiederholte die Händlerin und musterte die Nullianerin einen Moment länger, als es für eine einfache Kaufberatung nötig gewesen wäre. „Dann nehmt diese Mischung hier. Nicht zu dominant. Nicht zu schwach. Sie hebt den Eigengeschmack, ohne ihn zu überdecken.“

Tenia öffnete das kleine Gefäß und roch daran. Blumiger als erwartet mit einem Hauch Schärfe, der sofort zu verschwinden schien, sobald man ihn bemerkt hatte. „Man muss also wissen, wie viel man davon verwendet“, sagte sie leise. „Wie von allem“, erwiderte die Händlerin. Tenia ließ das Gewürz zwischen den Fingern kreisen. Eigentlich war es keine Frage, die sie hätt stellen müssen, weil die Antwort logisch war und doch entschied Tenia, sich einen Schritt nach vorne zu wagen. „Und wenn man zu viel nimmt?“ Die Händlerin zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Dann wird Euer Gericht nicht mehr schmecken.“ Ein kurzes Schweigen folgte, als Tenia sich fragte, ob sie sich zu weit vorgewagt hatte, oder noch einen Schritt weiter gehen sollte. „Manchmal“, sagte sie schließlich, „ist es nicht das Gewürz, das dafür sorgt, dass das Gericht nicht mehr schmeckt. Sondern das, was im Hintergrund mitkocht.“

Jetzt hob die Händlerin den Blick. Nur kurz. Nicht empört. Eher prüfend. „Ihr seid nicht von hier“, stellte sie fest. „Nein“, gab Tenia zu. „Ihr seid schon gestern hier gewesen und habt nichts gekauft und um ehrlich zu sein, wirkt Ihr nicht wie jemand, der an Gewürzen interessiert ist.“ Hatte die Händlerin ihren Blick eben nur kurz gehoben, sah sie Tenia nun länger an. Durchdringender. Das ‚Sondern?‘ lag in der Luft, obwohl Tenia es nicht aussprach. „Hier läuft alles wie immer“, sagte die Händlerin dann, als ahnte sie, dass dieses Gespräch mehr war, als tatsächliches Interesse an ihren Waren. Natürlich, sie hatte gesehen, wie Tenia Brasso zusammengekommen waren und vermutlich hatte sie auch gestern von den Dächern hinabgesehen. „Ich wollte mich nicht aufdrängen. Ihr habt recht. Ich koche zu selten und es muss den Anschein erwecken, als schnüffle ich nicht nur an den Gewürzen.“ Eine kurze Pause entstand und Tenia nahm etwas wahr, dass sie nur schwerlich definieren konnte. „Manchmal ist es besser, bei dem zu bleiben, was man versteht und Ihr versteht nicht. Beide“, womit auch Brasso gemeint war. „Ihr stört den Frieden des Marktes während Ihr vorwerft, einer von uns würde ihn verkaufen. Vertrauen fließt? Und Ihr stört den Fluss mit Eurem Gehabe.“ Jetzt sprach sie laut genug, dass es auch die anderen hören konnten.

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Brasso hatte sich nicht eingemischt, als Jedi Ritterin Lumiran das kleine Gewürzgefäß zwischen den Fingern drehte, es gegen das Licht hielt und mit einer Ernsthaftigkeit daran roch, die so gar nicht zu einer flüchtigen Käuferin passte. Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel, während er scheinbar damit beschäftigt war, den Verlauf einer losen Energieleitung an einem benachbarten Stand zu prüfen. In Wahrheit registrierte er jede Nuance ihres Vorgehens. Sie fragte nicht frontal, klagte auch nicht an, sondern wählte Analogien und Bilder. Sie sprach verschlüsselt und doch war der Inhalt ihres Codes klar. Sie nutzte Geschmack. Maß. Das Zuviel. Das Mitkochen im Hintergrund. Es war klug. Nicht wie ein Verhör. Eher wie ein Spiegel, den sie der Händlerin hinhielt, ohne ihn als solchen zu benennen. Brasso erkannte darin eine andere Form des Handwerks. Er verstand Schaltkreise und Druckverhältnisse und die Ritterin verstand Strömungen, die nicht aus Kabeln bestanden. Sie tastete, statt zu schneiden und lockte, statt zu stoßen. Während sie sprach, verschob sich etwas im Raum. Es war zunächst nicht offen sichtbar, aber spürbar wie ein kaum wahrnehmbares Gefälle.
Die Händlerin jedoch ließ sich nicht treiben. Ihr anfängliches prüfendes Schweigen wandelte sich in eine Haltung, die
Brasso nur zu gut kannte: Verteidigung durch Umkehr. Ihre Worte wurden fester, ihre Stimme klarer, und als sie schließlich davon sprach, dass nicht sie, sondern die Fremden den Frieden störten, war darin kein Zittern mehr. Es war der Versuch, das Narrativ zu drehen, bevor es sich festsetzte. Der Tech-Nomade trat nun doch näher, langsam, ohne Hast. Seine Bewegungen waren nie elegant gewesen, eher funktional, und in der Art, wie sich sein zusammengeflickter Isolatoranzug bewegte, lag etwas Rohes, Unverziertes. Er nahm den breiten Metallhut ab und hielt ihn locker in der Hand, als wollte er zeigen, dass er sich nicht verbarg. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe weich, als er ansetzte.

„Wir wollen keinen Ärger machen“, sagte er. „Nur verstehen.“

Er wusste, wie das klang. Wie jemand, der sich über Regeln hinwegsetzen wollte, weil er glaubte, sie besser zu kennen. Und vielleicht war genau das das Problem. Seine Worte waren sachlich gemeint, doch sie trugen die Schwere eines Außenstehenden, der meinte, etwas reparieren zu können, das andere längst als gegeben akzeptiert hatten. Die Händlerin verschränkte die Arme, nicht ängstlich, sondern entschieden.

„Ihr versteht nicht“, entgegnete sie scharf genug, dass es nun auch die hinteren Stände hörten. „Ihr kommt hierher, stellt Fragen, wühlt im Staub und nennt das Hilfe. Wir brauchen keine Reparatur.“

Ein paar zustimmende Geräusche mischten sich unter das allgemeine Murmeln. Keine offenen Rufe, keine klare Unterstützung. Es war das leise Bedürfnis, dass die Unruhe wieder verschwinden möge. Der Abednedo spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog, das nichts mit seiner geschädigten Lunge zu tun hatte. Er kannte diesen Blick. Er hatte ihn auf Bracca gesehen, als er den Gildenrat mit Daten konfrontierte, als er auf Missstände hinwies, die alle kannten und doch keiner hören wollte. Damals wie heute war er kein Teil des Systems. Er war der, der daran rüttelte. Jedes System verteidigte sich gegen das, was es als Riss wahrnahm, selbst wenn dieser Riss ein Hinweis auf Schwäche war oder gar kein Riss sondern eine offene Schleuse, die Hilfe anbot.

„Ein Leck ignorieren macht es nicht dicht“, sagte er dennoch, bemüht, nicht in Härte zu verfallen. „Es wird größer.“

„Und wer entscheidet, dass hier ein Leck ist?“ Die Händlerin machte eine abwehrende Geste in seine Richtung. „Ihr?“

Das Wort traf nicht wie eine Beschuldigung, sondern wie eine Abgrenzung. Ihr. Nicht wir. Er sah es nun klarer als zuvor. Für sie war er kein Verbündeter. Kein Handwerker, der half, das Schiff über Wasser zu halten. Egal wie oft er seine Hilfe anbot, egal wie oft er versuchte bei Missständen, Mangel und Problemen eine helfende Hand anzubieten, wurde sie kurzzeitig genommen um dann eben jene ausgestreckte Hand wegzuschlagen.

„Geht“, sagte sie schließlich, und diesmal war keine Verhandlung mehr in ihrer Stimme. „Ihr beide. Wenn Ihr wirklich Frieden wollt, dann lasst uns in Ruhe.“

Ein Moment entstand, in dem der Markt selbst den Atem anhielt. Brasso hielt ihrem Blick stand, nicht trotzig, sondern suchend, als hoffe er, irgendwo in ihren müden Augen noch ein Einlenken zu finden. Doch da war nur Entschlossenheit und dahinter eine Furcht, die nicht ihm galt, sondern dem, was geschehen würde, wenn er blieb.

Langsam setzte er den Hut wieder auf. Die Bewegung wirkte schwerer als sie war. Er nickte, kaum merklich.
„Wir wollten helfen.“, sagte er leise, fast mehr zu sich selbst als zu ihr.

Doch Hilfe, begriff er einmal mehr, war ein Angebot, das man ablehnen konnte. Auf einem Markt, der gelernt hatte, mit Druck zu leben, war jeder, der diesen Druck sichtbar machte, ein Störfaktor. Er trat einen Schritt zurück, ließ Raum zwischen sich und dem Stand. Die Blicke der Umstehenden klebten an ihm wie feiner Staub. Nicht feindselig. Nicht offen. Aber distanziert. Als hätte er etwas berührt, das nicht berührt werden sollte. Die Jedi wich neben ihm nicht zurück, doch sie folgte seiner Bewegung, und gemeinsam entfernten sie sich einige Schritte vom Stand, ohne Eile. Es wäre übergriffig gewesen nach dieser eindeutigen Botschaft weiter zu bleiben und den eigenen Willen gegen ihren Willen durchzusetzen. Hinter ihnen nahmen die Gespräche wieder Fahrt auf. Er hörte das vorsichtige, gedämpfte Getuschel, als wolle der Markt beweisen, dass er auch ohne sie funktionierte. Der Tech-Nomade spürte das Gewicht dieser Botschaft deutlicher als jede Drohung. Er wollte das System schützen, es stabilisieren, es von innen heraus stärken. Doch für das System selbst war er kein Stabilisator. Er war ein Makel und ein Fremdkörper, der auf Schwächen zeigte, die man lieber mit Schweigen versiegelte.


„Sie schützt nicht sich“, murmelte er leise, mehr zur Jedi als in den Raum hinein. „Sie schützt eine Struktur.“

Während sie sich zwischen den Ständen hindurchbewegten, wurde ihm bewusst, dass die schwierigste Reparatur nicht darin bestand, das Leck zu finden, aber einen Markt davon zu überzeugen, dass es eines gab.

Ein paar Stände weiter blieb
Brasso stehen, nicht abrupt, sondern so, als hätte er lediglich einer besonders kunstvoll geflickten Kühlbox Aufmerksamkeit schenken wollen. Er stellte sich halb seitlich, den Markt im Blick, und ließ die Ereignisse in sich nachhallen wie das Echo eines Schlages auf Metall. Die Händlerin hatte sie nicht nur fortgeschickt, sie hatte sie vor dem Markt zurückgewiesen. Das war kein spontaner Trotz gewesen. Es war Schutz. Schutz für sich selbst oder für etwas Größeres. Der Tech-Nomade dachte nicht in Kränkungen. Er dachte in Funktionen. Ein System, das auf Druck reagierte, indem es den Druckverursacher ausstieß, hatte Angst vor Instabilität. Und Angst bedeutete Abhängigkeit. Seine graublauen Augen wanderten erneut über die Gasse, in der der Mann von zuvor gestanden hatte. Er war nicht mehr sichtbar, doch das war nicht der Punkt. Der Punkt war die Taktung. Die Impulse auf seinem Scanner waren nicht regelmäßig genug gewesen, um eine dauerhafte Überwachung zu sein. Es waren kurze Bestätigungen gewesen, Reaktionen. Das bedeutete, dass Information nicht gesammelt, sondern weitergeleitet wurde, sobald etwas Relevantes geschah. Keine dauerhafte Leitung. Ein Netz aus Beobachtern.

Er zog den Scanner erneut hervor, diesmal ohne ihn offen zu aktivieren, sondern nur um den Verlauf der letzten Ausschläge zu prüfen. Drei Impulse. Immer in dem Moment, in dem sich das Gespräch zuspitzte. Immer aus der gleichen Richtung. Der Gewürzstand war ein Knotenpunkt – aber nicht zwangsläufig der Ursprung. Vielleicht nur der Weiterleiter. Sein Blick blieb an einem unscheinbaren Detail hängen: Eine dünne, beinahe neue Leitung, die vom hinteren Teil des Gewürzstandes nicht wie die anderen offen über den Boden verlief, sondern unter eine lose Bodenplatte führte. Eine Platte, die nicht zum ursprünglichen Belag gehörte. Sie war minimal dunkler, minimal glatter, als wäre sie vor Kurzem eingesetzt worden. Kein Händler auf einem improvisierten Markt investierte in neue Bodenplatten, wenn es nicht nötig war. Der Abednedo spürte, wie sich sein Puls kaum merklich beschleunigte. Ein Markt, der sich selbst überwachte, brauchte keinen einzelnen Verräter. Er brauchte Knotenpunkte.


„Wenn wir frontal drücken, stoßen sie uns wieder ab“, sagte er ruhig. „Also drehen wir den Fluss.“

Er steckte den Scanner weg und richtete sich auf, trotz des leichten Ziehens in seinen Gelenken. „Wir lassen sie glauben, wir seien gegangen.“ Sein Blick glitt weiter über die Rückseiten der Stände, über improvisierte Lagerräume und schmale Durchgänge zwischen Stoffbahnen. „Und dann sehen wir, wohin diese Leitung wirklich führt.“

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