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Brasso Nunkai stellte sich ein weiteres Mal vor und diesmal deutete Tenia eine leichte Verbeugung an. Jetzt, da sie ihn das erste Mal genauer ansehen konnte, waren da viele kleine Details die ihr jetzt erst bewusst wurden, oder die noch deutlicher hervortraten. Der Mann vor ihr wirkte wie jemand, der das raue Leben auf der Straße kannte oder wie jemand, der hart und viel gearbeitet hatte. Sein Gesichtsausdruck, die sichtbaren Narben, ja seine ganze Haltung deuteten darauf hin. Obwohl Brasso groß war, wirkte er beinahe klein, denn er stand nicht ganz aufrecht und Tenia war sicher, dass das nicht mit der Schlägerei von eben zu tun hatte. Sie konnte nicht einschätzen, wie alt ihr Gegenüber war, sie hatte noch immer keine Ahnung, welcher Spezies Brasso angehörte. Doch Tenia war überzeugt, dass Brasso jünger war, als sie ihn schätzen würde. Ihr Blick wanderte schließich zu der Händlerin. „Ich danke Euch, dass ihr geblieben und geholfen habt“. Sie hätte genausogut die Flucht ergreifen können, vielleicht schon lange bevor die Halunken ihr Spiel getrieben hatten. Doch die Händlerin war geblieben, war noch immer hier.

Waren Schmerzen ehrlich, wie Brasso erwähnte? Vielleicht. Aber oft genug waren sie nur eine Andeutung dessen, was wirklich war oder kam. Ihre eigene Narbe war das beste Beispiel dafür. Als die Blitze von Zion sie getroffen hatten, war der Schmerz unerträglich gewesen. Das was sie ausgelöst hatten, die Narbe, war bis dahin nicht zu erahnen gewesen. In jedem Fall lag auch das in der Vergangenheit. Gas, Dämpfe und Bracca (Tenia wusste nicht, was das war), lagen wohl auch in der Vergangenheit, die, wie der andere richtig feststellte, das Schiff nicht verändern würde.
„Ich schätze, nichts verändert die Vergangenheit.“ Kein Wunsch, kein Wesen, kein Jedi, niemand. Das, was war, war. Es lies sich nicht verändern und das zu akzeptieren war das Beste, was man tun konnte. Es galt das Jetzt zu verändern und genau das tat Brasso, der seinen Wagen reparieren wollte. Steven und Tenia brauchten ihre Hilfe gar nicht erst anzubieten – die Griffe des anderen waren so geschickt und flink, dass sie ihm vermutlich nur im Weg gestanden hätten.
Dass sie Gauner von eben wieder kommen würden, war leider mehr eine Sicherheit als eine Befürchtung und so warf Tenia Steven einen Blick zu. Sie würden nicht ewig hier bleiben können, aber vielleicht waren diese zwei Tage eine Option? Eigentlich gefiel Tenia der Gedanke nicht, zwei Tage zu bleiben, um dann wieder mit der Gewissheit zu verschwinden, dass wieder alles seien gewohnten Bahnen gehen würde. Aber auch diese Tatsache war eine, die es besser zu akzeptieren galt.
„Wisst ihr, mit welchen Leuten wir sprechen sollen?“ In diesem Stadtteil gab es so viele, dass es unmöglich sein würde, die „richtigen“ Leute anzusprechen. Vermutlich hatte jeder, der hier Handel trieb schon einmal ein Problem gehabt.

Es war gut, dass Brasso Nunkai seine Lunge prüfen lassen würde, doch seine Metapher über Hoffnung und Credits, vor allem aber seine Aussage darüber, dass er nicht einfach gehen würde, nun, das war weniger gut. Auch wenn ihn ehrte, jeden Ort ein bisschen besser machen zu wollen – klug war das nicht. Tenia überlegte, ob sie ihm offen widersprechen sollte und sah noch einmal kurz zu Steven. Sie wollte nichts Falsches sagen, aber auch nicht schweigen. Irgendwie funktioniert leider nicht immer“, war das Einzige, was ihr einfiel. Die Nullianerin war noch nie sonderlich geschickt darin gewesen, diplomatische Worte zu finden. Sie wollte den anderen nicht belehren, vor allem nicht, da er wirkte, als hätte er einen Haufen Lebenserfahrung.

„Wir werden morgen früh da sein.“ Beinahe hätte sie erneut zu Steven gesehen, immerhin entschied sie gerade für ihn, aber vielleicht war das etwas, was sie später noch besprechen konnten.


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Der Morgen kam nicht mit einem Versprechen, sondern mit Arbeit. Ketaris Prime roch um diese Stunde nach feuchtem Stein, kaltem Metall und dem fernen Hauch von Gewürzen, die erst später ihre Schärfe entfalten würden. Das Handelsforum lag noch halb im Schlaf, die Gassen gedehnt wie Glieder nach einer Nacht auf hartem Boden. Brasso Nunkai war bereits wach gewesen, lange bevor das Licht zwischen die Dächer kroch. Sein Atem brauchte Anlauf, wie immer, ein flaches Tasten, bis die Lunge den Takt fand, den sie ihm noch zugestand. Er blieb einen Moment stehen, die Stirn gegen das kühle Blech der Werkhallentür mit dem grünen Glas gelehnt, und hörte dem Viertel zu. Tropfen. Ein frühes Hoverfahrzeug. Schritte, vorsichtig, nicht neugierig. Der Takt war da. Nicht gut. Aber brauchbar.

Er dachte an die Namen, die er gestern gehört hatte.
Steven Crant. Tenia Lumiran. Sie hatten Gewicht. Nicht wie Titel, eher wie Werkzeuge, die man nicht jeden Tag in der Hand hielt. Jedi. Das Wort hatte sich erst spät in seinem Kopf festgesetzt, nicht mit Ehrfurcht, sondern mit Vorsicht. Macht war etwas, das Dinge schneller kaputtmachen konnte, wenn man sie falsch ansetzte, so wie bei einem Hebel zu viel Gewicht und Kraft zu verwenden, sodass dieser abbricht. Aber gestern hatten sie nicht gedrückt. Sie hatten gestanden und war das, was zählte.
Brasso zog die Handschuhe über, prüfte die Riemen der Stromlanze, ließ sie hängen. Heute würde er sie nicht brauchen, wenn alles gut lief. Er trat hinaus in die Gasse, die gestern noch ein trockener Fluss gewesen war. Jetzt trug sie Bewegung. Ein Duros schob Kisten, eine alte Frau kehrte den Staub zusammen, als könne man ihn bändigen, wenn man ihn nur ordentlich sammelte. Die Händlerin von gestern war schon da. Ihr Karren stand ruhig, die Keile hielten. Sie sah Brasso kommen und nickte, ein Nicken, das mehr sagte als Dank.

„Hält“, sagte er, mehr zur Halterung als zu ihr.

„Hält“, antwortete sie und lächelte, klein, aber echt.

Er machte sich auf den Weg zum westlichen Sammelschacht. Zwei Ebenen tiefer wurde der Lärm dumpf, wie er gesagt hatte. Die Filterleitung war alt, die Dichtung spröde, das Gehäuse müde. Brasso arbeitete langsam, mit Respekt vor dem Material. Er sprach leise mit der Leitung, wie man es tat, wenn man wollte, dass etwas mitarbeitete. Fünf Schraubzüge, neue Lastverteilung. Der Rost gab nach. Der Husten meldete sich, er ließ ihn warten. Nicht jetzt. Als er fertig war, setzte er sich auf den Rand des Schachts, trank einen Schluck, sah dem Dampf zu, wie er sauber abzog. Ein paar Arbeiter hatten stehengeblieben, beobachteten, nickten. Einer fragte nach dem Trick. Brasso erklärte ihn, ohne Geheimnis. Wissen hielt länger, wenn man es teilte. Er dachte an die Frist. Zwei Tage. Heute war der erste. Die Drei würden nicht kommen, zumindest nicht offen. Vielleicht ein Blick zu viel, ein falsches Gerücht, ein Preis, der plötzlich kippte. Er würde zuhören. Das Prinzip des Scanners war kein Gerät. Es war Aufmerksamkeit.

Als er zurück nach oben kam, stand das Licht schon höher. Die Gasse war wieder Markt. Stimmen, Schritte, das Klacken von Kisten. Und am Ende der Gasse, nicht drängend, nicht protzend, sah er sie. Jedi Ritterin
Tenia Lumiran. Sie stand, wie sie bereits am Vortag gestanden hatte. Diese Gravitas, diese Körperhaltung. Wesen, die es nicht mehr gewohnt waren gebückt und geduckt durch das Leben zu gehen. In seinen Augen war dies Segen und Fluch zugleich. Brasso blieb einen Moment stehen, ließ die Lunge nachziehen, dann ging er auf sie zu.

„Morgen,“ sagte er schlicht. „Ich hoffe eure Nacht war angenehm.“ Er deutete mit dem Kinn zur Gasse.

„Wir fangen klein an. Zwei Gespräche. Drei, wenn sie bleiben. Danach sehen wir, was der Markt uns sagt.“ Er wartete nicht auf Zustimmung. Er ging los, langsam genug, dass sie mitgehen konnten. Nicht voran, sondern im Gleichschritt neben der Menschenfrau.

„Wo ist denn euer Begleiter?“, sprach Brasso die Abwesenheit des anderen Jedi an.

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Sie verabschiedeten sich vorerst von Brasso, mit dem sie sich am nächsten Morgen verabredet hatten. Kaum, dass sie ein paar Schritte gegangen waren, und bevor jemand etwas hätte sagen können, meldete sich Stevens Com und während er die Nachricht las, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, spannte sich deutlich an. Das änderte sich auch nicht, als sein Blick zu Tenia glitt. Ein Notfall, die Bitte an ihn, so schnell wie möglich abzureisen. So schnell wie möglich war selbstverständlich jetzt, andernfalls wäre es, was auch für Jedi unmöglich war, gestern gewesen. Tenia kam nicht umhin, Bedauern zu empfinden, noch bevor sie wusste, um welche Mission, um welchen Notfall es sich handelte. Sie hatte Zeit mit Steven gewollt, vor allem, nach ihrem Gespräch, das sie schon hatten unterbrechen müssen. Die Nullianerin hatte gespürt, dass Brasso, dessen Namen sie nun kannte, in Schwierigkeiten steckte und jetzt war da, irgendwo, wieder jemand, der Hilfe benötigte.

Du musst gleich gehen, oder?“,

war mehr Feststellung als Frage und Tenia glaubte, das gleiche Bedauern auch in Stevens Gesicht zu sehen, als er bejahte.

„Dann bleibt mir wohl nur der Standardspruch: möge die Macht mit dir sein.“

Immerhin, brachte er beide zu einem Lächeln und dann zu einer Umarmung, in der sich Tenia seltsam verloren fühlte.

Als Steven in sein Schiff stieg, sah sie diesem noch nach, als es längst nicht mehr zu sehen war und fragte sich, ob sie beide je die Chance haben würde, wirklich zu definieren, was sie waren. Als bräuchte es eine Definition, schoss der Nullianerin durch den Kopf. Was es brauchte, was sie brauchten, war Mut, doch keiner von beiden schien genug aufzubringen, um den ersten Schritt zu tun. ‚Vielleicht bin ich schon damals seit Mon Calamari in dich verliebt, Tenia‘, hatte er gesagt, das war noch auf Coruscant gewesen, bevor Akani zum Ritter geschlagen worden war und sie hatte bloß erwidert, dass sie schon einmal verliebt gewesen war, das nicht noch einmal konnte und, dass die Zeit zeigen würde, was sie sein oder werden konnten. Die Zeit. Tenia seufzte. Als wäre die Zeit ein Chrono, das ihnen etwas anzeigte. Entweder, sie würden die Zeit nutzen, oder sie verstreichen lassen.
Aber was brachte diese neunmalkluge Erkenntnis? Sie vertrieb Tenias Angst nicht und da half auch keine weitere Weisheit darüber, dass Angst kein guter Begleiter war.
Denn so lange sie und Steven nur Freunde waren, so lange sie sich nur als das definierten und verhielten, lief sie nicht Gefahr, verletzt zu werden und diese Sicherheitsgarantie war das einzige, auf das Tenia sich verlassen konnte.

In der Nacht schlief Tenia unruhig, dachte über den nächsten Morgen mit Brasso und natürlich über Steven nach und obwohl sie ersterem sicher mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, gelang eben das nicht. Als sie schließlich erwachte, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, fühlte sich die Nullianerin alles andere als erholt und verließ das Schiff des Ordens vorerst für einen kleinen Spaziergang, um die Müdigkeit zu vertreiben.
Eine Stunde später, erneut zivil gekleidet, diesmal mit Schuhen an den Füßen, verließ die junge Frau erneut das Schiff, um zurück zu der Gasse zu kehren, in der sie gestern Brasso Nunkai getroffen hatte. Noch schien die Gasse, genau wie der Markt, zu erwachen. Die Händler waren dabei, ihre Stände aufzubauen, andere holten ihre Waren hervor. Tenia spürte Brasso noch bevor sie ihn kommen sah.

„Guten Morgen“,
erwidert sie, folgte erst seinem Nicken und lief dann neben Brasso.

„Er wurde kurzfristig zu einer anderen Mission gerufen.“

Ihr gelang es, kein Bedauern durch ihre Stimme sickern zu lassen. Ihre persönlichen Gefühle zu ihm hatten nun keinen Raum mehr. Jetzt galt die Aufmerksamkeit der Nullianerin ihrem Gegenüber.

Ihr habt viel Erfahrung, was den Markt betrifft?“,
fragte sie schließlich.



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Brasso Nunkai ließ den Blick über den Markt gleiten, bevor er der Jedi antwortete. Nicht suchend, eher prüfend, als würde er den Rhythmus einer Maschine fühlen, den er gut kannte. Die Gasse hatte inzwischen Farbe angenommen. Nicht die saubere, glänzende Farbe der oberen Ebenen, sondern die gedämpfte Vielfalt aus Stoffbahnen, Kistenholz, Metallresten und improvisierten Schildern, deren Buchstaben aus mehreren Alphabeten zusammengesetzt waren. Es tummelten sich Aurebesh, Huttisch und auch Bocce unter den zahlreichen Zeichen und Lettern, die hier zum Teil mit Farbe, in Neon oder holografisch gesprochene Sprache festhielten. Nichts hier war einheitlich, und genau darin lag seine Ordnung.

„Erfahrung“, sagte er schließlich und zog das Wort ein wenig in die Länge, als koste er es ab. „Ja. Aber nicht, weil ich lange hier bin. Märkte ähneln sich, folgen einem System, dass in der Natur der Sache liegt. Sie haben Gesichter, aber sie folgen denselben Regeln.“
Der Markt füllte sich mit Geräuschen, die nichts mit Sprache zu tun hatten. Das rhythmische Klacken von Kreditstäben auf Metall, das leise Zischen geöffneter Kühlbehälter, das tiefe Brummen alter Generatoren, die nur dann zuverlässig liefen, wenn man sie nicht ansah. Über allem lag der Geruch von heißem Öl, getrockneten Gewürzen und etwas Süßlichem, das aus einer Kiste mit importierten Früchten sickerte, deren Herkunft niemand so genau wissen wollte.

Er nickte nach links, wo ein Duros gerade mit übertriebener Sorgfalt eine Reihe kleiner Generatorzellen auslegte. „Der da heißt Vek. Verkauft Energiekerne, die er selbst nicht ganz versteht. Rechnet fair, solange man ihn nicht hetzt. Wenn er anfängt zu reden, stimmt der Preis. Wenn er still wird, prüft er, ob er übers Ohr gehauen wird.“ Dann nach rechts, wo eine Twi’lek mit geflochtenen Lekku Stoffrollen sortierte. „Nara. Sie tauscht lieber als dass sie verkauft. Hat gestern noch so getan, als hätte sie nichts gesehen. Heute wird sie dir sagen, dass sie alles gesehen hat. Beides stimmt.“

Der Anflug eines Lächelns lässt seine beiden Fleischfortsätze an seinen Mundwinkeln wackeln. die Ein paar Schritte weiter stand der Nikto von gestern nicht, aber Brasso sah dennoch kurz dorthin, wo er gestanden hatte. „Und dann gibt es Lücken. Orte, an denen jemand stehen sollte, aber nicht da ist. Das sind die Stellen, an denen der Markt nervös wird.“

Ein Händler pries getrocknetes Nuna-Fleisch an, dunkel und hart, in Streifen geschnitten, die mehr nach Reise als nach Mahlzeit aussahen. Daneben lagen versiegelte Rationen aus republikanischen Beständen, umetikettiert, das Haltbarkeitsdatum mit Absicht unleserlich gemacht. Wer genau hinsah, erkannte den Unterschied zwischen Ware für Durchreisende und Ware für jene, die bleiben mussten.

Sie kamen an dem Karren der Händlerin vorbei. Die Halterung, die er gestern montiert hatte, hielt. Die Frau bemerkte den Abednedo, hob kurz die Hand, ohne den Kunden aus den Augen zu verlieren. Kein Lächeln, aber ein Zeichen. Der Tech-Nomade erwiderte es kaum merklich. „Sie heißt Dela“, sagte er leise. „War gestern mutiger, als sie sich selbst zutraut. Heute tut sie so, als wäre nichts gewesen. Das ist keine Feigheit. Das ist Überleben.“

Ein alter Ugnaught saß auf einem niedrigen Hocker und zerlegte schweigend ein Servomotor-Gehäuse. Er verkaufte nichts direkt, zumindest nicht auf den ersten Blick. Wer jedoch lange genug stehen blieb, bekam ein Ersatzteil zugeschoben, das exakt passte, ohne dass je über den Preis gesprochen wurde. Solche Geschäfte wurden nicht abgeschlossen, sie wurden verstanden.

Er blieb kurz stehen, bückte sich, hob ein loses Stück Draht auf und legte es an den Rand eines fremden Standes, wo es hingehörte. Eine kleine Ordnung, kaum sichtbar.
„Der Markt funktioniert nicht, weil alle ehrlich sind“, fuhr er fort. „Er funktioniert, weil sich die meisten erinnern. Wer hilft. Wer wegsieht. Wer Preise macht, die nicht nur Credits kosten.“

Er sah Tenia nun direkt an. „Die Drei von gestern kannten diese Gasse. Sie wissen wo es weh tut, wo sie das System dieses Markts stören können. Sie drücken nicht Druck auf Personen, sie drücken auf Abläufe. Lieferungen. Fristen. Angst. Und sie zählen darauf, dass jeder denkt, jemand anderes wird schon etwas sagen.“

Brasso setzte sich wieder in Bewegung, langsam, damit sie den Rhythmus mitgehen konnte. „Wenn ihr fragt, mit wem man reden sollte“, sagte er, dann nicht mit denen, die laut sind. Redet mit denen, die morgens zuerst da sind und abends zuletzt gehen. Mit denen, die ihre Stände reparieren, statt neue zu fordern. Mit denen, die gestern gesehen haben, was passiert ist, und heute trotzdem verkaufen.“

Zwischen zwei Ständen huschte ein Kind hindurch, einen Stapel Datapads unter dem Arm, deren Displays flackerten. Gebrauchte Navigationskarten, angeblich aktuell, mit kleinen Korrekturen in den Randdaten. Niemand glaubte ihnen ganz, aber alle wussten, dass eine halbe Wahrheit im Hyperraum manchmal besser war als gar keine. Es lief an ihnen vorbei, zu schnell, um nicht neugierig zu sein. Brasso legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, lenkte es sanft aus dem Weg eines Transportwagens. Der Fahrer nickte dankbar. Der Markt merkt sich so was“, murmelte Brassomehr zu sich selbst als zu Tenia.

Dann sah er wieder zu ihr. „Ihr wollt helfen“, sagte er ruhig. „Schenkt den Wesen hier euer Gehör und bleibt sichtbar, ohne im Weg zu stehen. Das reicht manchmal schon, damit Dinge ins Gute kippen. Nicht schnell. Aber nachhaltig.“

Forschend sah der Abednedo Tenia an, ohne weiterzugehen. „Was glaubt ihr“, fragte er ruhig, „wer zahlt heute zuerst den Preis für gestern?“

Immer wieder blieb jemand stehen, nur kurz, um einen Blick zu wechseln, ein kaum sichtbares Nicken, ein Zögern vor einer Entscheidung. Manche Waren wurden heute schneller verkauft als sonst, andere blieben auffällig lange liegen. Preise verschoben sich nicht offen, sondern im Tonfall, im fehlenden Feilschen, im zu schnellen Einpacken. Der Markt lebte nicht von Angebot und Nachfrage allein. Er lebte von Erinnerung. Von gestern. Von dem, was passiert war und von dem, was noch kommen konnte.


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Tenia hatte Märkten nie besonders viel abgewinnen können. Auf Null gab es Märkte, aber dieser hier, auf Ketaris, war anders. Während auf Null, zumindest in der Gegend, aus der Tenia stammte, vor allem Fleisch, aber auch Obst und Gemüse verkauft worden war, gab es hier eine ganze Menge anderer Waren, die auch technischer Natur waren. Der Markt auf Null hatte vor allem Nullianer oder Touristen angezogen, die spezielles Fleisch wollten. Tenia hatte das Jagen schon immer gehasst und sie hätte sich niemals freiwillig hinter einen Stand gestellt, um Erbeutetes zu verkaufen. Auch dann nicht, wenn es Obst gewesen wäre. Nein, sie hatte Touristen die Wälder gezeigt und darin eine Aufgabe gefunden, die sie viel mehr erfüllt hatte, als das, was das Gros an Nullianer:innen für wichtig hielt. Jagd und das Handwerk der Steinmetze. Sie begriff bis heute nicht, was an diesen beiden Dingen so wichtig sein sollte, warum es zur Kultur gehörte zu töten und was sonst war die Jagd? Vielleicht hatte sie auch die Kunst des Handwerks deshalb nie vollkommen begeistern können, weil sie im Vergleich zu allen anderen ihrer Spezies so klein war. Sie hatte nie die Kraft gehabt, all die großen Steine zu heben und mit kleinen Händen war es viel schwieriger gewesen, all die Werkzeuge zu halten, die eigentlich für Pranken vorgesehen waren.

Touristen die Wälder zu zeigen, es hatte nie etwas mit Körpergröße zu tun gehabt, sie nie darauf reduziert und deswegen hatte sie sich damit besonders wohlgefühlt. Die meisten Touristen waren keine Riesen gewesen und damit war Tenia nicht als Zwerg aufgefallen. Sie hatte sich schneller und vor allem lautloser bewegen können, als die meisten ihrer Spezies (was sie vermutlich zur perfekten Jägerin gemacht hätte) und diesen Vorteil hatte Tenia genutzt, sich so oft es ging, zurückzuziehen. Im Grunde war sie das, was man besten Gewissens als Hinterwäldlerin hätte bezeichnen können. So hörte sie Brasso aufmerksam zu, der davon berichtete, dass Märkte sich ähnelten und einem System folgten.
Ihr Blick glitt zu Vek, der Energiekerne verkaufte und Tenia musste unwillkürlich lächeln, denn vermutlich wäre sie eine gute Abnehmerin seiner Waren gewesen. Ebenso ahnungslos wie er selbst, hätte niemand den anderen übers Ohr gehauen und es doch getan. Dann zu Nara, der Twi'lek, die lieber tauschte, als verkaufte und zu Dela, die Tenia als die Händlerin von gestern wiedererkannte. Dann war da noch ein kleineres Wesen, mit hängenden Wangen, das wahrscheinlich ein Techniker war und Dinge reparierte.

Der Markt wirkte in jedem Fall so, wie Brasso ihn beschrieb: ein System, das funktionierte. Tenia wäre die Lücke nicht als Störung aufgefallen, weil sie das System nicht kannte und sie sich so nicht erinnern konnte. Dass die drei von gestern Bescheid wussten und gerade deswegen stören konnten, ergab Sinn, denn zumindest das war etwas, das Tenia auch von ihren Touren kannte. Wenn Touristen anderes sehen wollten, als das, was sie ihnen zeigen wollte, wenn es Trödler gab, wie Jaffan damals, hatte sich auch ihr System verändert und damit das all derer, denen sie Plätze zeigen wollte. Die Route wurde gestört, die Zeit damit durcheinandergebracht. Machte das nicht deutlich, dass die gesamte Galaxis sehr ähnlich funktionierte? Nach mehr oder weniger festen Abläufen?

Dass Brasso sich auskannte, wurde auch deutlich, als er ein Kind zu einem Transporter lenkte, dessen Fahrer dankbar nickte. Bekannte Abläufe, bekannte Gesichter. Für Brasso war all das bekannt und Tenia war sicher, dass die Macht ihm dabei half, alles noch schärfer wahrzunehmen, kleinste Nuancen zu erkennen. Etwas, auf das er, würde er wollen, perfekt aufbauen konnte.

Wer zuerst den Preis bezahlen würde, wollte der andere schließlich wissen und sein Blick sorgte dafür, dass Tenia sich ein wenig so vorkam, als prüfe er genau, als teste er sie. Ihr Blick glitt noch einmal über den Markt, zu jenen, die Brasso vorgestellt hatte und zu denen, die er unerwähnt gelassen hatte. Als Steven und sie gestern aufgetaucht waren, hatten sie Brasso und Dela in einer misslichen Lage wiedergefunden und der Abednedo war das Opfer gewesen. Vermutlich hatte er der Händlerin geholfen und so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Damit hatte er das System gestört. Doch wenn der Markt sich erinnerte und Dela gezwungen war zu schweigen, war vermutlich sie diejenige, die als Nächstes zahlen würde. Denn Brasso hatte sich als wehrhaft erwiesen und die anderen? Taten sie nicht das, was sie immer taten?

"Ihr habt gestern bereits bezahlt." Auch daran würde sich der Markt erinnern.
Wenn Brasso gestern eingegriffen hatte, wäre Dela vermutlichdie Erste gewesen und dsmur fiel sie heute eigentlich aus.

"Es würde Sinn ergeben, wenn Dela heute die Nächste wäre. Denn sie war gestern mutiger als sonst, was das System stört und bevor sie hätte bezahlen können, habt Ihr ihre Rechnung beglichen. Aber sie hat schon bezahlt, mehr oder weniger."


Alle bezahlten, jeden Tag, mit ihrem Schweigen und damit hätte jeder der nächste sein können, was es umso schwerer machte, eine Antwort zu geben.

"Ich weiß es nicht",
war damit die ehrlichste Antwort.
"Es könnte jeder sein". Vielleicht ...

"Vielleicht am ehsten die Person, die lieber tauscht, Nara, weil sie das System viel eher stört, wenn sie eher tauschte, als verkauft und wenn sie gestern etwas anderes weiß, als heute."


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