Das Ende der Sterne
Ridley Scott ist inzwischen 88 Jahre alt und dreht immer noch Filme in einem Tempo, bei dem man sich fragt, ob der Mann zwischendurch eigentlich auch mal etwas anderes macht. Nun also die Postapokalypse. Ein Genre, bei dem man angesichts der vergangenen Jahre nicht unbedingt behaupten kann, dass dringender Nachholbedarf bestanden hätte. Trotzdem hat mich Das Ende der Sterne ziemlich schnell bekommen. Vor allem deshalb, weil Scott ausgerechnet das Ende der Welt erstaunlich entspannt angeht.
Die Menschheit ist nach einer Pandemie weitgehend Geschichte. Hig lebt mit seinem Hund Jasper und Bangley auf einem verlassenen Flugplatz. Bangley bewacht das Gelände und hält grundsätzlich jeden Fremden für eine potenzielle Bedrohung. Hig sieht die Sache etwas anders. Er steigt regelmäßig in seine kleine Cessna und fliegt über die menschenleere Landschaft, immer in der Hoffnung, irgendwo noch andere Überlebende zu finden.
Viel mehr passiert am Anfang tatsächlich nicht. Und das meine ich positiv. Hig fliegt ein bisschen herum, kümmert sich um seinen Hund, beschafft Vorräte, erinnert sich an seine verstorbene Frau und versucht irgendwie, mit dem klarzukommen, was von der Welt übrig geblieben ist. Zwischendurch tauchen Menschen auf, bei denen Bangley lieber erst schießt und vermutlich irgendwann später nachfragt. Falls dann noch jemand da ist, den man fragen könnte.
Gerade diese ruhigen Passagen haben mir ausgesprochen gut gefallen. Scott verzichtet weitgehend darauf, uns die Vorgeschichte mit langen Erklärungen um die Ohren zu hauen. Die Welt ist eben kaputt. Wie genau alles abgelaufen ist, muss man nicht bis ins letzte Detail wissen. Auch über Bangley erfährt man erstaunlich wenig. Ein paar Hinweise gibt es, den Rest darf man sich selbst zusammenreimen.
Hig und Bangley sind ohnehin das Herz der Geschichte. Hig hält an seiner Menschlichkeit fest und glaubt weiterhin daran, dass irgendwo noch etwas Gutes zu finden sein könnte. Bangley hat dieses Kapitel offenbar längst abgeschlossen. Für ihn besteht die Restmenschheit vor allem aus Leuten, die möglicherweise vorbeikommen und Ärger machen. Die beiden ergänzen sich trotzdem hervorragend. Hig repariert Dinge, Bangley sorgt dafür, dass anschließend wieder etwas zum Reparieren da ist.
Jacob Elordi gefällt mir dabei vor allem in den stillen Momenten. Hig trägt seine Trauer ständig mit sich herum, ohne dass der Film daraus pausenlos großes Drama machen muss. Elordi kann diesen traurigen, etwas verlorenen Blick jedenfalls ziemlich gut. Josh Brolin hat für mich trotzdem die dankbarere Rolle. Sein Bangley ist grimmig, misstrauisch und mit Sicherheit niemand, den ich nach dem Weltuntergang unbedingt als Nachbarn haben möchte. Andererseits wäre ich vermutlich ganz froh, wenn er auf meiner Seite des Zauns wohnt.
Später trifft Hig auf Pops und dessen Tochter Cima. Auch Pops begrüßt Fremde nicht gerade mit Kaffee und Kuchen, aber bei ihm steckt hinter dem Misstrauen vor allem der Wunsch, seine Tochter und das bisschen Normalität zu beschützen, das ihnen geblieben ist. Guy Pearce fand ich in diesen Szenen richtig stark.
Zwischen Hig und Cima entwickelt sich schließlich auch eine vorsichtige Beziehung. Zum Glück macht Scott daraus keine große Schicksalsromanze. Da sind einfach zwei Menschen, die ihre Partner verloren haben und feststellen, dass Nähe vielleicht doch noch eine ganz nette Sache ist.
Überhaupt funktioniert
Das Ende der Sterne für mich immer dann am besten, wenn Scott gar nicht erst versucht, einen großen Endzeitfilm daraus zu machen. Die Flüge mit der Cessna, die Berge, Wälder und menschenleeren Landschaften sehen fantastisch aus. Stellenweise könnte man fast vergessen, dass der größte Teil der Menschheit gerade ausgestorben ist. Ich hätte Hig durchaus noch eine ganze Weile beim Herumfliegen, Vorräte beschaffen und Nachdenken zuschauen können.
Ausgerechnet wenn Action angesagt ist, wird es schwächer. Ein Angriff auf den Flugplatz in der Mitte des Films hat mich erstaunlich kaltgelassen und sieht stellenweise auch nicht besonders überzeugend aus. Noch deutlicher wird das später, als Hig einem Funksignal folgt und glaubt, vielleicht endlich eine größere Gemeinschaft gefunden zu haben.
Dieser ganze Abschnitt ist für mich der größte Schwachpunkt des Films. Hig landet an einem seltsam herausgeputzten Ort, bei dem eigentlich sofort eine innere Stimme schreit: Junge, steig wieder in dein Flugzeug und flieg nach Hause. Natürlich hört Hig nicht auf diese Stimme. Wäre vermutlich auch ein ziemlich kurzer Filmabschnitt geworden.
Was anschließend passiert, ist plötzlich wesentlich schriller und makabrer als alles zuvor. Natürlich stellt sich heraus, dass hinter der hübschen Fassade etwas ziemlich Übles steckt. Und natürlich bekommen wir wieder die alte Endzeitweisheit serviert, dass nicht Viren, Naturkatastrophen oder Zombies das eigentliche Problem sind, sondern der Mensch. Das stimmt vermutlich sogar, nur haben mir Film und Fernsehen diese Erkenntnis inzwischen oft genug mitgeteilt.
Vor allem wirkt die Episode, als hätte sie sich aus einem anderen Film hierher verirrt. Bis dahin erzählt Scott eine ruhige, melancholische Geschichte über Verlust, Einsamkeit und die Frage, ob man sich nach dem Ende der Zivilisation noch ein Stück Menschlichkeit bewahren kann. Plötzlich befinden wir uns beinahe in einem durchgedrehten Horrorthriller. Unterhaltsam ist das durchaus. Gebraucht hätte ich es trotzdem nicht.
Das gilt auch für einige Details rund um Higs verstorbene Frau. Seine Trauer funktioniert hervorragend, solange Scott sie einfach stehen lässt. Später wird noch zusätzlich erklärt, was genau in ihren letzten Stunden passiert ist. Für mich wäre das gar nicht nötig gewesen. Ich hatte auch vorher verstanden, dass Hig seine Frau geliebt hat und ihr Tod ihn bis heute verfolgt. Jacob Elordi bekommt das ganz ohne zusätzliche tragische Fußnote hin.
Was ich dem Film dagegen hoch anrechne, ist seine letztlich erstaunlich optimistische Haltung. Ich hatte zwischendurch durchaus damit gerechnet, dass Scott irgendwann den großen Hammer auspackt und uns demonstriert, dass Hoffnung in dieser Welt grundsätzlich eine ziemlich schlechte Idee ist. Macht er aber nicht. Natürlich gibt es Gewalt, Verlust und reichlich kaputte Menschen. Trotzdem bleibt die Möglichkeit bestehen, wieder Gemeinschaft zu finden und vielleicht sogar etwas Neues aufzubauen.
Damit ist
Das Ende der Sterne für mich auch weniger ein Film darüber, wie man nach dem Weltuntergang überlebt. Viel interessanter ist die Frage, warum man überhaupt noch überleben möchte. Nur Nahrung zu beschaffen, das Gelände zu verteidigen und den nächsten Tag zu erreichen, reicht Hig auf Dauer nicht. Irgendwann braucht der Mensch eben doch andere Menschen. Sogar Bangley.
In Scotts Filmografie wird der Film keinen Platz ganz oben bekommen. Dafür ist die Geschichte zu episodisch, einige Motive kennt man inzwischen wirklich zur Genüge und der Ausflug in Richtung Endzeit-Horror passt für mich nur bedingt zum Rest. Wenn irgendwann über Scotts große Filme gesprochen wird, werden Alien, Blade Runner, Gladiator oder Der Marsianer sicherlich früher fallen.
Trotzdem habe ich
Das Ende der Sterne gerne gesehen. Der Film sieht toll aus, nimmt sich Zeit für seine Figuren und besitzt eine Ruhe, die ich bei diesem Genre überhaupt nicht erwartet hatte. Vielleicht ist das sogar seine größte Besonderheit. Die Menschheit ist fast ausgestorben, die Zivilisation liegt am Boden und draußen lauern allerlei unangenehme Zeitgenossen. Und trotzdem hatte ich einen erstaunlich entspannten Kinoabend.