Vier minus drei
Barbara verliert bei einem Unfall an einem Bahnübergang ihren Mann Heli und ihre beiden Kinder Thimo und Fini.
Vier minus drei basiert auf Barbara Pachl-Eberharts autobiografischem Buch und erzählt davon, wie sie danach überhaupt wieder einen Weg ins Leben findet.
Barbara und Heli sind Clowns. Er träumt von großen Auftritten und hält stur an seinen künstlerischen Vorstellungen fest, auch wenn damit nicht gerade viel Geld zu verdienen ist. Barbara arbeitet als Krankenhausclownin und sorgt für ein regelmäßigeres Einkommen. Mit ihren beiden Kindern führen sie ein etwas ungewöhnliches, aber ziemlich normales Familienleben. Es wird gelacht und herumgealbert, aber auch über Geld und Helis berufliche Vorstellungen gestritten. Mir hat gut gefallen, dass der Film daraus im Rückblick keine perfekte Familie macht. Heli wird nach seinem Tod nicht zum makellosen Ehemann und Vater. Gerade dadurch versteht man, was Barbara verloren hat.
Dass eine Clownin im Mittelpunkt einer Geschichte über Trauer steht, könnte schnell bemüht wirken. Der traurige Mensch hinter dem geschminkten Lächeln wäre schließlich eine ziemlich naheliegende Richtung. Zum Glück geht der Film diesen Weg nicht. Humor gehört tatsächlich zu Barbaras Art, mit dem Leben umzugehen, und daran hält sie auch nach dem Tod ihrer Familie fest.
Besonders deutlich wird das bei der Beerdigung. Barbara möchte keinen rein düsteren Abschied, sondern eine Feier, die zu Heli und ihrem gemeinsamen Leben passt. Clowns kommen, es wird Musik gemacht und Seifenblasen steigen auf. Das hätte leicht furchtbar kitschig werden können, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Szene ist traurig und gleichzeitig voller Wärme.
Danach versucht Barbara schnell, wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Sie möchte sogar wieder als Krankenhausclownin arbeiten. Dort will man sie jedoch vorerst nicht einsetzen. Ihr Schicksal ist inzwischen bekannt und man befürchtet, dass die Kinder in ihr nicht mehr Heidi Appenzeller sehen würden, sondern die Frau, die gerade ihre Familie verloren hat. Damit fällt ausgerechnet die Arbeit weg, die ihr etwas Halt geben könnte.
Gut gefällt mir, dass ihre Trauer nicht so dargestellt wird, wie man es aus vielen Filmen kennt. Barbara funktioniert zunächst erstaunlich gut. Erst nach und nach merkt man, dass sie vieles überhaupt noch nicht an sich herangelassen hat. Sie klammert sich zeitweise an die Vorstellung, möglichst schnell wieder ein Kind bekommen zu müssen, sucht die Nähe zu Männern und trifft Entscheidungen, die von außen kaum vernünftig erscheinen. Der Film erklärt nicht jedes Verhalten und verurteilt sie auch nicht dafür. Trauer muss schließlich nicht vernünftig sein.
Valerie Pachner spielt Barbara hervorragend. Gerade in den ruhigen Szenen merkt man, wie viel unter der Oberfläche passiert. Sie kann lachen und gefasst wirken, trotzdem hat man das Gefühl, dass diese Kontrolle jederzeit zusammenbrechen könnte. Wenn das schließlich geschieht, sind das die stärksten Momente des Films. Pachner übertreibt dabei nie und macht selbst Barbaras schwer nachvollziehbare Entscheidungen glaubwürdig.
Auch Robert Stadlober gefällt mir als Heli sehr gut. Durch die vielen Rückblenden bleibt er über weite Strecken präsent. Er spielt ihn als liebenswerten, etwas verschrobenen Idealisten, der mit seinen Vorstellungen seiner Frau durchaus auf die Nerven gehen kann. Dadurch wirkt ihre Beziehung nicht wie eine große Filmromanze, sondern wie eine echte Ehe, in der zwei Menschen sich lieben und trotzdem aneinandergeraten.
Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. Der Film springt zwischen der Zeit vor und nach dem Unfall hin und her. Anfangs musste ich mich daran etwas gewöhnen, später fand ich diese Erzählweise sehr passend. Erinnerungen tauchen schließlich auch nicht ordentlich nach Datum sortiert auf. Die früheren Szenen sind meistens wärmer und farbiger, während die Gegenwart deutlich kühler aussieht.
Etwas schwächer fand ich das letzte Drittel. Da verliert der Film ein wenig von seiner Konzentration. Barbara versucht, neue Kontakte zu knüpfen und ihrem Leben eine Richtung zu geben. Dabei kommt auch der Schauspieler Friedrich ins Spiel, mit dem sich langsam eine Beziehung entwickelt. Anfangs konnte ich mit dieser Geschichte nicht allzu viel anfangen, später funktioniert die Figur besser. Trotzdem hätte der Film hier etwas kürzer sein dürfen.
Gut finde ich wiederum, dass es am Ende keinen großen Moment gibt, in dem Barbara ihre Trauer endgültig bewältigt hat und nun ihr neues Leben beginnt. Sie muss vielmehr akzeptieren, dass ihr bisheriges Leben nicht zurückkommen wird. Heli und die Kinder verschwinden deshalb aber nicht aus ihren Erinnerungen.
Bei dieser Geschichte könnte man erwarten, zwei Stunden lang regelrecht niedergeschlagen zu werden. So habe ich
Vier minus drei überraschenderweise nicht empfunden. Einige Szenen gehen ziemlich an die Nieren, trotzdem bleibt der Film auch lebensbejahend. Das passt zu Barbara und zur Welt der Clowns, die hier erfreulich ernst genommen wird.
Für mich ist
Vier minus drei vor allem deshalb gelungen, weil aus dieser unglaublichen Tragödie kein großes Rührstück wird. Der Film zeigt eine Frau, die nach einem kaum vorstellbaren Verlust weiterleben muss und dabei keineswegs immer nachvollziehbar handelt. Valerie Pachner ist großartig. Ein trauriger, manchmal unangenehmer, am Ende aber erstaunlich warmer Film, der noch eine ganze Weile nachwirkt.