[Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine-System | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | Ausstellungsflächen | Stand von Imperialis Sensus]
Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d'Oridin, Kanto Garison, Kael Reed; weiter entfernt Ridley Solaris, Kal Andrim, Lucien Velcrest, Agustin Prada, Aren Vayliuar, T'rsop, Lucien Velcrest, Cestus Varro, Nira Merash, Matthew Severide und allerhand weiterer Gäste
Theranos hatte Kaels Ausführungen mit wachsendem Interesse verfolgt. Der Lieutenant nahm seine Aufgabe offensichtlich ernst, und bereits nach den ersten Kostproben wurde deutlich, dass er keineswegs vorhatte, sich auf einige gefällige Bemerkungen zu beschränken. Er prüfte die verschiedenen Ausführungen, verglich ihre Eigenschaften und stellte Fragen, die weit über jene hinausgingen, die Theranos bei einer gewöhnlichen Verkostung erwartet hätte. Besonders gefiel ihm, dass Reed die Unterschiede zwischen den Weinen nachvollziehbar beschrieb und dabei offenbar wenig Interesse daran hatte, dem Gastgeber lediglich dessen eigene Produktbeschreibungen zu bestätigen.
Als Kael anmerkte, er wolle bei den kommenden Sorten zunächst nur wissen, was sich in seinem Glas befinde, nickte Theranos zustimmend. Der Wunsch war verständlich. Schließlich konnte eine ausführliche Beschreibung bereits Erwartungen schaffen, bevor der erste Tropfen überhaupt die Zunge berührt hatte.
„Einverstanden, Lieutenant. Dann werde ich mich bei den nächsten Proben auf die Bezeichnung beschränken. Was wir uns bei der Entwicklung gedacht haben, können wir anschließend gerne besprechen. Ich bin ohnehin neugierig, ob Ihre Eindrücke mit unseren Vorstellungen übereinstimmen.“
Die anschließende Beurteilung der speziell angefertigten Gläser nahm Theranos mit besonderer Aufmerksamkeit auf. Dass Kael deren gestalterischen Anspruch anerkannte, freute ihn, doch wesentlich interessanter war dessen nüchterner Hinweis auf die tatsächliche Funktion. Ein gutes Glas durfte einem Wein durchaus helfen, seine Eigenschaften zur Geltung zu bringen. Die Vorstellung, damit geschmackliche Schwächen kaschieren zu können, wäre allerdings auch Theranos reichlich fragwürdig erschienen.
„Da bin ich vollkommen Ihrer Meinung. Unsere Gläser sollen in erster Linie ihren Zweck erfüllen und darüber hinaus schön anzusehen sein. Ein guter Entwurf sollte schließlich beides miteinander verbinden können.“
Bei Kaels Bemerkung über angeblich geschmacksverändernde Kelchränder musste Theranos schmunzeln.
„Wenn wir irgendwann behaupten sollten, unsere Gläser könnten aus einem schlechten Wein einen hervorragenden machen, dürfen Sie mich gerne persönlich zur Verantwortung ziehen. Ich hoffe allerdings, dass wir niemals in die Verlegenheit geraten, mit solchen Versprechen werben zu müssen.“
Dass der Lieutenant daraufhin den Classic ausdrücklich in einem neutralen Verkostungsglas und in der dafür vorgesehenen Ausführung von Imperialis Sensus vergleichen wollte, gefiel Theranos. Einen tatsächlichen Unterschied zu untersuchen war ihm wesentlich lieber, als sich ausschließlich auf die Behauptungen eines Herstellers zu verlassen. Er gab dem Personal deshalb die entsprechende Anweisung und überließ Kael anschließend wieder dessen Arbeit.
Während der Lieutenant sich durch die verschiedenen Weine probierte, hielt Theranos sich mit weiteren Erklärungen bewusst zurück. Er beobachtete lediglich gelegentlich, welche Proben Reed länger beschäftigten, welche er ein zweites Mal ansetzte und bei welchen sein Blick für einen Moment nachdenklicher wurde. Mehr als einmal hätte Theranos gerne schon nachgefragt, doch er widerstand der Versuchung. Schließlich hatte er selbst um eine möglichst unbeeinflusste Beurteilung gebeten.
Ganz anders verlief die Verkostung offenbar für seine beiden übrigen Gäste.
Lilivienne hatte sich zunächst höflich auf seine Ausführungen eingelassen und mehrere Proben gekostet, bevor sie mit einem durchaus verständlichen Pragmatismus erklärte, dass ihr der Wein gefalle und sie ihm die weitere Auswahl für ihren Keller auf Bastion überlassen wolle.
Theranos empfand darüber keine Enttäuschung, wenngleich er für einen Augenblick bedauerte, dass sie sich weniger für die geschmacklichen Einzelheiten interessierte, als er ursprünglich angenommen hatte. Andererseits hatte sie ihn ausdrücklich um eine Vorstellung gebeten, und ein Gast durfte schließlich selbst entscheiden, wie ausführlich er sich mit einem Getränk beschäftigen wollte.
Vor allem aber hatte sie ihm gerade das Vertrauen ausgesprochen, eine geeignete Auswahl für ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen zusammenzustellen. Das war für Theranos als Gastgeber und Unternehmer durchaus ein schönes Kompliment.
„Sehr gerne, Gouverneurin. Ich werde Ihnen eine abwechslungsreiche Auswahl zusammenstellen lassen, damit Sie für unterschiedliche Anlässe entsprechend ausgestattet sind. Ich denke, es wäre schade, Ihren Gästen auf Bastion ausschließlich jene Sorten anzubieten, die wir heute bereits gemeinsam probieren konnten.“
Er wandte sich kurz an eine Mitarbeiterin seines Standes und bat sie, eine entsprechende Zusammenstellung vorzubereiten. Diese sollte neben den einzelnen Produktlinien auch Empfehlungen für gesellschaftliche Anlässe, Speisenbegleitungen und die jeweiligen Stillwein- beziehungsweise Frizzante-Ausführungen enthalten.
Theranos ließ seinen Blick kurz über die Präsentation wandern.
„Ihre Majordomus kann die Aufstellung gerne mit unserem Personal durchgehen und gegebenenfalls anpassen lassen. Um die sichere Lieferung nach Bastion werden wir uns anschließend kümmern.“
Das Angebot einer angemessenen Kompensation nahm er mit einem freundlichen Lächeln entgegen.
„Was die Bezahlung betrifft, bleibt mein Versprechen vom gestrigen Abend selbstverständlich bestehen. Die bereits zugesagten Flaschen betrachten Sie bitte als Geschenk. Sollten Sie darüber hinaus Ihren Keller mit noch mehr Flaschen von Imperialis Sensus ausstatten wollen, finden wir für eine größere bzw. immer wiederkehrende Bestellungen gewiss eine für beide Seiten angenehme Lösung.“
Dass Lilivienne ihm die Auswahl überließ, nahm Theranos durchaus ernst. Er würde sich bei der Zusammenstellung nicht allein an den teuersten oder repräsentativsten Produkten orientieren, sondern tatsächlich darauf achten, dass die verschiedenen Weine sinnvoll miteinander harmonierten und unterschiedliche Geschmäcker abdeckten. Ein gut ausgestatteter Weinkeller sollte seinen Besitzer schließlich auch dann nicht im Stich lassen, wenn dessen Gäste andere Vorlieben besaßen als er selbst.
Als die Gouverneurin anschließend vorschlug, gemeinsam mit Kanto den gegenüberliegenden Stand von Quarzite zu besichtigen, nickte Theranos verständnisvoll.
„Aber selbstverständlich. Ich möchte Sie keineswegs davon abhalten, sich auch die anderen Ausstellungen anzusehen. Gouverneur Garison hat Ihnen schließlich ebenfalls einiges im Bereich von Quarzite zu zeigen, und ich bin überzeugt, dass Sie dort noch die eine oder andere interessante Entdeckung machen werden.“
Er wandte sich kurz Kanto zu.
„Und Gouverneur Garison, vergessen Sie das Getränk den Governor nicht. Ich habe Ihnen eine Verkostung zugesagt, und diese würde ich später oder gerne in Ihrem Beisein durchführen. Ich werde mich später gerne persönlich davon überzeugen, was Ihre Quarzite-Essenz mit unserem Luxa Solis anstellt.“
Ein amüsiertes Lächeln begleitete die Worte.
Dass Lilivienne sich schließlich bei Kanto unterhakte und die beiden gemeinsam aufbrachen, entging Theranos natürlich nicht. Offenbar hatten sie tatsächlich einen angenehmen Gesprächspartner im jeweils anderen gefunden. Angesichts ihrer aristokratischen Herkunft und der gemeinsamen gesellschaftlichen Umgangsformen überraschte ihn das kaum. Ein wenig amüsierte ihn allerdings die Selbstverständlichkeit, mit der Kanto innerhalb kürzester Zeit sowohl zu einer geschäftlichen Verbindung mit Bastion als auch zu einer persönlichen Begleitung der Gouverneurin gekommen war.
Der Mann versteht es jedenfalls, Gelegenheiten zu nutzen.
Theranos betrachtete die beiden noch für einen Moment, ehe er sich wieder dem Lieutenant zuwandte. Der Stand Quarzites lag unmittelbar gegenüber, und angesichts der überschaubaren Entfernung bestand ohnehin kein Anlass für eine umfangreiche Verabschiedung. Vermutlich würden sie sich im Verlauf des Nachmittags noch mehrfach begegnen.
Kael war unterdessen zu einer Einschätzung gelangt, die Theranos aufrichtige Freude bereitete.
Der Wein funktionierte.
Es war eine kurze Feststellung, doch gerade aus dem Mund eines Mannes mit Reeds Hintergrund besaß sie Gewicht. Theranos hörte aufmerksam zu, als der Lieutenant die klare Frucht, die feine Perlage und insbesondere den Ausklang des Luxa Solis hervorhob. Dass Kael ausgerechnet jene etwas herbere Limettennote als entscheidenden Gegenpol zur weicheren Frucht betrachtete, gefiel ihm besonders.
„Das freut mich zu hören, Lieutenant. Gerade diese Balance war uns bei Luxa Solis ausgesprochen wichtig. “
Als Reed anschließend die Unterschiede zwischen Stillwein und Frizzante ansprach, nickte Theranos langsam. Seine Fragen nach Säurestruktur, Kohlensäure und Herstellungsverfahren waren nachvollziehbar, reichten allerdings bereits tief in die praktische Kellerarbeit hinein.
„Was die analytischen Werte betrifft, können Sie sich selbstverständlich gerne unsere technischen Produktdatenblätter ansehen. Die haben wir für sämtliche Linien hier am Stand verfügbar. Dort finden Sie die entsprechenden Angaben zu den einzelnen Weinen, darunter auch die relevanten Werte für Säure, Restzucker, Alkoholgehalt und die jeweiligen Frizzante-Ausführungen.“
Theranos deutete auf den Beratungsbereich, in dem die Produktunterlagen bereitgehalten wurden.
„Die Unterlagen können Sie gerne in Ruhe durchgehen. Wenn Sie darüber hinaus Fragen zu einzelnen Verfahren oder Entscheidungen während der Vinifikation haben, würde ich Sie gerne mit Caelis Marron zusammenbringen. Er verantwortet einen wesentlichen Teil unserer praktischen Weinentwicklung und könnte Ihnen manche Einzelheit sicherlich präziser erläutern als ich.“
Ein leichtes Lächeln folgte.
„Bei unseren vollständigen Kellerprotokollen würde ich mich allerdings zunächst mit ihm abstimmen. Sie werden verstehen, dass wir einige Details unserer Herstellung durchaus als Betriebswissen betrachten. Ich möchte Ihnen ungern aus Begeisterung für dieses Gespräch Informationen überlassen, die mein Geschäftspartner anschließend mit wesentlich weniger Begeisterung vermisst.“
Das war keineswegs als Misstrauen gegenüber Kael gemeint. Theranos schätzte dessen offenes Interesse und war bereit, die freigegebenen Analysedaten zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig betrieb er gemeinsam mit Caelis ein Unternehmen, dessen Entwicklung und wirtschaftliche Interessen er ernst nahm. Gerade ein Vertreter eines etablierten Getränkeunternehmens dürfte nachvollziehen können, weshalb nicht sämtliche Produktionsunterlagen ohne Weiteres öffentlich zugänglich waren.
Wesentlich unerwarteter fand Theranos hingegen Kaels anschließende Überlegungen zu einer möglichen Signaturrebe.
Arvessa.
Er wiederholte den Namen gedanklich, während Reed die Eigenschaften von Petite Arvine und Nascetta erläuterte. Die Vorstellung, bestimmte gewünschte Eigenschaften langfristig stärker in einer eigenen Rebe zu verankern, hatte durchaus ihren Reiz. Theranos beschäftigte sich gerne mit Innovationen, sofern sie auf einem nachvollziehbaren Ziel beruhten und mehr versprachen als einen werbewirksamen Namen.
Als Kael später mit Erbaluce und Timorasso sogar einen zweiten Ansatz für Classic vorstellte, wurde sein Interesse noch größer.
„Arvessa und Valeruce. Ich muss gestehen, die Namen gefallen mir bereits.“
Theranos lächelte kurz, ehe seine Miene wieder nachdenklicher wurde.
„Und Ihre Überlegungen dahinter finde ich tatsächlich spannend. Eine eigene Rebe mit einer entsprechend charakteristischen Aromatik könnte langfristig natürlich ein ausgesprochen interessantes Alleinstellungsmerkmal werden. Allerdings wäre das ein Projekt, bei dem wir vermutlich über viele Jahre sprechen und dessen Erfolg sich nicht einfach anhand eines Entwicklungsplans garantieren ließe.“
Er betrachtete den verbliebenen Luxa Solis in seinem Glas.
„Ich würde nur ungern den Eindruck vermitteln, als wäre eine eigene Rebsorte die Voraussetzung dafür, einen unverwechselbaren Wein zu schaffen. Ich glaube durchaus, dass Herkunft, Auswahl, Verarbeitung und eine über Jahre konsequent gepflegte Handschrift ebenfalls einen eigenständigen Charakter ergeben können.“
Sein Blick kehrte zu Kael zurück.
„Aber als Weiterentwicklung? Durchaus. Ich werde mir beide Vorschläge notieren und mit Caelis besprechen. Vielleicht ergibt sich daraus tatsächlich ein gemeinsames Forschungs- oder Züchtungsprojekt. Und sollte es so weit kommen, wäre ich durchaus daran interessiert, Ihre Überlegungen genauer kennenzulernen.“
Dass Theranos solche Ideen nicht sofort in konkrete Vorhaben verwandelte, hatte weniger mit mangelnder Begeisterung als mit Erfahrung zu tun. Gerade in seiner politischen Arbeit hatte er oft genug erlebt, wie einfach große Visionen formuliert und wie schwierig sie anschließend wirtschaftlich umgesetzt werden konnten. Ein Unternehmen musste wissen, wann es wachsen wollte und wann es vernünftiger war, zunächst die Qualität des bereits Geschaffenen zu sichern.
Bei Classic fiel Kaels Urteil schließlich besonders positiv aus.
Theranos hatte bereits während der Verkostung bemerkt, dass Reed dieser Linie etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte. Dass ihm der zurückhaltendere, trockenere Charakter persönlich besser gefiel als Luxa Solis, überraschte ihn daher kaum.
Auch die Bemerkung über die Glasform freute ihn ebenfalls. Kael hatte den Unterschied geprüft und einen nachvollziehbaren, wenn auch kleinen Effekt festgestellt. Genau darauf hatte Theranos gehofft.
„Und dass unsere Glasform Ihren Vergleich bestanden hat, freut mich besonders. Gerade weil der Unterschied offenbar nicht übertrieben ausfällt. Ich möchte schließlich ein gutes Glas entwickeln lassen, kein technisches Wunderwerk versprechen, das anschließend nur in der Werbung funktioniert.“
Kaels Fragen zur Nussigkeit und biologischen Säureumwandlung nahm er erneut für die technische Besprechung mit Caelis auf. Theranos kannte die angestrebten Eigenschaften und die wesentlichen Entwicklungsentscheidungen, doch er würde keine detaillierten Kellerverfahren aus dem Gedächtnis behaupten, solange die genauen Produktionsaufzeichnungen wenige Schritte entfernt verfügbar waren.
Auch Rosa Aurea erhielt eine Beurteilung, die Theranos zunächst zufriedenstellend fand, wenngleich Kael einen durchaus berechtigten Einwand formulierte.
Warum sollte ein Kunde in einigen Jahren ausgerechnet diesen Rosé kaufen?
Theranos ließ die Frage einen Augenblick auf sich wirken.
„Das ist tatsächlich ein Punkt, den wir uns langfristig stellen müssen. Gerade bei einem zugänglichen Rosé reicht es nicht, dass er bei einer ersten Verkostung gefällt. Die Gäste müssen sich später auch an ihn erinnern und einen Grund haben, wieder danach zu fragen.“
Seine Stimme wurde etwas nachdenklicher.
„Allerdings ist Rosa Aurea gerade erst vorgestellt worden. Ich möchte zunächst sehen, wie er außerhalb unseres unmittelbaren Umfeldes aufgenommen wird. Vielleicht werden wir an seinem Profil noch einzelne Dinge verfeinern. Vielleicht zeigt sich aber auch, dass gerade seine Ausgewogenheit von unseren Kunden geschätzt wird, die Zeit wird es Zeigen.“
Er lächelte leicht.
„Nicht jede unserer Kreationen muss zwingend die ungewöhnlichste Flasche auf einem Empfang sein. Manchmal ist es durchaus ein Vorteil, wenn ein Wein einfach angenehm zu trinken ist.“
Argentum schien bei Reed dagegen deutlich mehr Neugier zu wecken, was Theranos wiederum besonders freute. Der ungewöhnliche Vin Gris gehörte zu jenen Kreationen, bei denen er selbst gespannt gewesen war, ob die Zurückhaltung in der Aromatik als Eleganz oder als mangelnde Eigenständigkeit aufgefasst werden würde.
Dass Kael die feinere Struktur und die zurückhaltende Frucht ausdrücklich würdigte, nahm er daher mit Genugtuung zur Kenntnis.
Bei dessen Einordnung der Farbe und der Bezeichnung Ramato musste Theranos einen Augenblick überlegen. Gerade die Wahrnehmung solcher feinen Farbtöne hing stark von Beleuchtung, Glas und Hintergrund ab, und der Lieutenant hatte seine Beobachtung durchaus nachvollziehbar begründet.
„Ihre Beschreibung der Farbgebung finde ich interessant. Gerade hier am Stand wirkt Argentum je nach Licht tatsächlich etwas unterschiedlich. Dass Sie stärker einen kupferrosa Einschlag wahrnehmen, werde ich mir jedenfalls ansehen. Auch Ihre Anmerkungen zur Phenolik und zur Maischestandzeit nehme ich gerne mit.“
Er betrachtete die entsprechende Flasche.
„Argentum soll zurückhaltend bleiben. Deshalb möchte ich auch vermeiden, dass wir seine feineren Eigenschaften bei späteren Anpassungen durch zu viel Intensität verlieren. Ich bin gespannt, wie sich diese Linie langfristig entwickelt.“
Bei Rubor Nobilis wurde das Gespräch schließlich etwas interessanter.
Theranos hörte zu, als Kael die weiche Tanninstruktur und die ausgeprägte Frucht bestätigte, anschließend jedoch die fehlende Spannung bemängelte.
Die Frage blieb für einen Moment in seinem Kopf hängen.
Theranos musste zugeben, dass ihn diese Formulierung ein wenig störte. Schließlich waren die Samtigkeit, die weichen Gerbstoffe und der harmonische Charakter genau jene Eigenschaften gewesen, die er und Caelis bei Rubor Nobilis hatten erreichen wollen. Dass der Lieutenant sie nun beinahe als Schwäche betrachtete, ließ ihn für einen Augenblick die Stirn runzeln.
Er hielt die Kritik keineswegs für unberechtigt. Aber sie widersprach zumindest teilweise seiner eigenen Vorstellung davon, was dieser Wein sein sollte.
„Bei Rubor Nobilis möchte ich Ihnen allerdings in einem Punkt widersprechen, Lieutenant.“
Theranos sagte es ruhig, ohne den freundlichen Tonfall ihrer bisherigen Unterhaltung zu verlieren.
„Dass der Wein weich, harmonisch und zugänglich ausfällt, war durchaus beabsichtigt. Ich schätze kräftigere Rotweine ausgesprochen, aber ich wollte bei dieser Linie gerade vermeiden, dass man sich erst durch eine ausgeprägte Tanninstruktur oder eine besonders dominante Würze arbeiten muss, um Freude daran zu haben.“
Er nahm das entsprechende Glas zur Hand und betrachtete den dunkelroten Inhalt.
„Ich verstehe, was Sie mit zusätzlicher Spannung meinen, und ich möchte keineswegs ausschließen, dass sich hier noch etwas verbessern lässt. Aber ich würde ungern aus jedem unserer Weine eine geschmackliche Herausforderung machen. Ein Wein darf seinen Gästen gelegentlich auch einfach gefallen, ohne sie erst von seiner Komplexität überzeugen zu müssen.“
Ein kleines Schmunzeln begleitete den letzten Satz.
„Vielleicht ist das in diesem Fall tatsächlich eine Frage unterschiedlicher Vorlieben. Sie bevorzugen offenbar eine etwas ausgeprägtere Struktur, während ich bei Rubor Nobilis bewusst einen weicheren Charakter angestrebt habe.“
Theranos stellte das Glas wieder ab.
„Ihre Hinweise zur Frizzante-Ausführung finde ich trotzdem interessant. Gerade dort könnte eine andere Balance zwischen Frucht, Gerbstoffen und Perlage durchaus sinnvoll sein. Ich werde das mit Caelis besprechen. Und wer weiß, vielleicht entsteht aus Ihren Überlegungen irgendwann sogar eine zusätzliche, etwas kräftiger strukturierte Rotweinlinie.
Ich verspreche Ihnen allerdings nicht, dass wir Rubor Nobilis deshalb sofort vollständig verändern. Dafür mag ich ihn in seiner gegenwärtigen Form zu sehr, dennoch könnte man überlegen, eine Alternative Variante zu machen.“
Die Bemerkung war halb scherzhaft gemeint, doch Theranos stand tatsächlich dahinter. Er hatte Kael um eine ehrliche Einschätzung gebeten und würde dessen Hinweise ernst nehmen. Gleichzeitig wollte er nicht sämtliche Entscheidungen über die Identität seiner Produkte aus der Hand geben, nur weil ein erfahrener Fachmann andere persönliche Vorlieben besaß.
Als Kael schließlich seine Gesamtbeurteilung zusammenfasste, hörte Theranos aufmerksam zu.
Luxa Solis als vermutlich stärkstes Verkaufsargument, Classic als persönlicher Favorit des Lieutenants, Rosa Aurea als zugänglicher Rosé mit noch ausbaufähiger Eigenständigkeit, Argentum als interessante Entwicklung und Rubor Nobilis als jener Wein, über den man sich vermutlich am längsten streiten könnte.
Das war insgesamt ein erfreuliches Urteil.
Vielleicht sogar ein besseres, als Theranos vor der Verkostung erwartet hatte.
Dennoch merkte er, dass sein eigener Stolz bei manchen Bemerkungen noch immer ein wenig mitsprach. Gerade bei Rubor Nobilis hätte er Kael am liebsten noch einige weitere Argumente für dessen bewusst harmonischen Charakter geliefert. Er ließ es aber lieber bleiben. Nicht jede Meinungsverschiedenheit musste unmittelbar ausdiskutiert werden, und vielleicht würde er nach einem späteren Gespräch mit Caelis selbst manches anders beurteilen.
„Dann möchte ich mich zunächst einmal für Ihre ausführliche und vor allem ehrliche Einschätzung bedanken, Lieutenant. Sie haben mir durchaus einige interessante Überlegungen mitgegeben.“
Theranos warf einen Blick auf die verschiedenen Gläser.
„Besonders freut mich, dass Sie in Classic und Argentum offenbar jene Eigenständigkeit erkennen, die wir erreichen wollten. Und bei Luxa Solis scheint zumindest unsere Vorstellung eines zugänglichen, fruchtbetonten Weines mit einem klareren Ausklang aufgegangen zu sein.“
Er lächelte leicht.
„Was Rosa Aurea und Rubor Nobilis betrifft, haben wir nun jedenfalls genügend Gesprächsstoff für unsere nächste interne Verkostung. Ich bin mir sicher, dass Caelis Ihre Anmerkungen mit Interesse aufnehmen wird, auch wenn er Ihnen möglicherweise ebenso wenig in jedem Punkt zustimmt wie ich.“
Für einen Moment ließ Theranos die Eindrücke Revue passieren.
Es war ein eigenartiger Unterschied, ob man als Sektoradjutant über industrielle Großprojekte sprach oder als Mitgründer eines Weingutes vor einem erfahrenen Fachmann stand, der einem erklärte, was er bei den eigenen Produkten anders machen würde. In seiner politischen Arbeit war Theranos gewohnt, Entscheidungen zu treffen, Prioritäten festzulegen und Verantwortung für deren Umsetzung zu übernehmen. Bei einer Weinverkostung gab es diese Art von Autorität nicht.
Er konnte eine Produktionsentscheidung treffen, eine neue Produktlinie finanzieren oder eine bestimmte Gestaltung durchsetzen.
Ob einem Gast das Ergebnis gefiel, lag allerdings vollkommen außerhalb seiner Macht.
Und auch wenn er sich das gelegentlich anders gewünscht hätte, war vielleicht gerade das einer der reizvollsten Aspekte seiner privaten Leidenschaft.
Theranos nahm einen kleinen Schluck Wasser, bevor er sich wieder vollständig Kael zuwandte.
„Darf ich Ihnen meinerseits eine Frage stellen, Lieutenant?“
Er ließ dem Chiss einen kurzen Augenblick, ehe er fortfuhr.
„Sie haben sich inzwischen einen recht gründlichen Eindruck von unseren Produkten und unserem Auftreten verschafft. Wenn Sie also einmal den rein önologischen Teil für einen Moment beiseitelassen und Imperialis Sensus als Unternehmen betrachten: Was nehmen Sie von dieser kleinen Verkostung und unserer Präsentation insgesamt mit?“
Theranos deutete mit einer offenen Hand auf den Stand.
„Mich interessiert, wo Sie bei einer noch jungen Marke wie unserer die größten Chancen und vielleicht auch die größten Schwierigkeiten sehen.
Schließlich vertreten Sie mit Imperial Spirits ein Unternehmen, das sich bereits in einer wesentlich größeren Größenordnung bewegt. Ich wäre ein schlechter Unternehmer, würde ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, jemanden mit entsprechenden Erfahrungen nach seiner Meinung zu fragen.“
Dabei lag in seiner Stimme weder falsche Bescheidenheit noch der Wunsch, sich bei Kael einzuschmeicheln. Theranos wusste um seine eigenen Stärken in Wirtschaft, Organisation und langfristiger Planung. Gleichzeitig war er realistisch genug, um zu erkennen, dass ein Unternehmen für hochwertige Getränke andere Herausforderungen mit sich brachte als eine planetare Verwaltung oder der Bau einer Großwerft.
„Und wenn ich schon die Gelegenheit habe, würde mich Imperial Spirits selbst ebenfalls interessieren. Ich kenne selbstverständlich den Namen und Ihren geschäftlichen Hintergrund, aber ein Unternehmen ausschließlich aus öffentlichen Informationen zu beurteilen, ist bekanntlich nur bedingt aufschlussreich.“
Ein freundliches, beinahe neugieriges Lächeln trat auf sein Gesicht, er lehnte sich leicht an den Rand des Präsentationstisches und verschränkte die Hände locker vor sich.
Er war tatsächlich gespannt auf die Antwort.
Nicht nur, weil Reed möglicherweise interessante Anregungen für Imperialis Sensus hatte. Theranos mochte Personen, die sich intensiv mit ihrem Fachgebiet beschäftigten und bereit waren, ihre Ansichten auch dann zu vertreten, wenn sie nicht zwangsläufig auf Zustimmung stießen. Der Lieutenant hatte während dieser Verkostung bereits gezeigt, dass er sich weder durch einen Rang noch durch eine aufwendig gestaltete Präsentation davon abhalten ließ, seine eigene Meinung zu formulieren.
Und vielleicht bot sich daraus sogar eine Gelegenheit, die weit über diese erste Verkostung hinausreichte.
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Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d'Oridin, Kanto Garison, Kael Reed; weiter entfernt Ridley Solaris, Kal Andrim, Lucien Velcrest, Agustin Prada, Aren Vayliuar, T'rsop, Lucien Velcrest, Cestus Varro, Nira Merash, Matthew Severide und allerhand weiterer Gäste