[Imperiale Kronsektoren / Borosk-System / Borosk / Operator-Trainingseinrichtung des Imperialen Geheimdienstes „ZENTRUM“] Agent Raye Ellis und Ausbildungspersonal
Der Rückflug zum ZENTRUM hatte gerade lange genug gedauert, dass das schmerzhafte Brennen in Fingern und Gesicht langsam nachließ, während die eigentliche Erschöpfung erst beim Aufstehen von der schmalen Sitzbank vollständig bemerkbar wurde und Raye mit jedem Schritt über die Rampe daran erinnerte, wie viel leichter sich mehrere Kilometer Umweg, Stunden im Schnee und kurze Gefechtskontakte als Linien und Zeitfenster auf einer Karte betrachten ließen. Ihr Verbindungsmann verschwand nach der Landung mit einem Teil des Ausbildungspersonals in eine andere Richtung, die Sicherungskräfte machten sich mit derselben Selbstverständlichkeit an ihre eigenen Abläufe und Raye bekam lediglich den Zeitpunkt ihrer Nachbesprechung genannt, verbunden mit der Aufforderung, bis dahin ihre Ausrüstung abzugeben und etwas zu essen.
Letzteres erwies sich schon auf dem Weg zur Kantine als überraschend überzeugendes Argument. Der Hunger hatte sich während der Übung hinter Kälte, Konzentration und Bewegung weitgehend zurückgehalten und meldete sich nun mit einer Konsequenz zurück, die selbst Rayes Neigung überlagerte, den Verlauf der letzten Stunden bereits auf dem ersten erreichbaren Datapad noch einmal auseinanderzunehmen. Sie nahm entsprechend wenig Rücksicht darauf, was von den angebotenen Gerichten besonders reizvoll aussah, stellte ein Tablett zusammen, das vor allem warm und reichlich sein musste, und bemerkte nach den ersten Bissen, wie schnell sich der eigene Anspruch an ein vernünftiges Essen verschob, wenn man den größten Teil des Tages damit verbracht hatte, halb eingefroren durch Borosks Schneelandschaft zu laufen.
Erst beim Caf kehrte langsam jene innere Unruhe zurück, die aus einem erledigten Vorgang fast automatisch einen noch nicht vollständig ausgewerteten machte. Die Relaisstation, der Weg des Verbindungsmannes zur manipulierten Sensoreinheit, die beiden möglichen Verfolger, die spätere Umgehung und schließlich der Anflug auf die LZ liefen noch einmal in anderer Reihenfolge durch ihren Kopf, diesmal ohne Wind, Schnee oder die Notwendigkeit, innerhalb weniger Sekunden tatsächlich eine Entscheidung zu treffen. Raye griff beinahe nach ihrem Datapad, ließ die Hand jedoch wieder sinken und begnügte sich damit, den letzten Rest Caf auszutrinken. Die Aufzeichnungen würden ohnehin auf sie warten und mit ziemlicher Sicherheit mehr über ihre eigenen Bewegungen enthalten, als sie selbst zu diesem Zeitpunkt rekonstruieren konnte.
Bis zu ihrem Quartier hatte die Wärme der Gebäude endgültig dafür gesorgt, dass sich die feuchte Winterausrüstung nur noch schwer und unangenehm anfühlte. Raye brachte den größten Teil davon zur vorgesehenen Rückgabe, behielt lediglich ihre persönliche Kleidung und verschwand anschließend unter einer Dusche, deren heißes Wasser zunächst beinahe schmerzhaft gegen Hände und Gesicht schlug. Erst dort zeigte sich deutlicher, was die vergangenen Stunden hinterlassen hatten: blaue Flecken an Knien und Unterarmen, Druckstellen vom Gurtzeug und ein dumpfes Ziehen in Schultern und Hüfte, das während der Bewegung kaum aufgefallen war und jetzt umso deutlicher hervortrat. Nichts davon war besonders bemerkenswert, aber genug, dass frische Dienstkleidung und trockene Haare sich danach bereits wie ein erheblicher Fortschritt anfühlten.
Zur Nachbesprechung erschien sie einige Minuten vor dem angesetzten Zeitpunkt und fand den Raum bereits vorbereitet. Zwei Ausbilder, ein Vertreter des Geheimdienstes und ein Offizier des Sturmtruppenkorps saßen an einem länglichen Tisch, während über der Projektionsfläche in der Mitte zunächst nur eine schematische Karte des Übungsgebietes schwebte. Sobald Raye Platz genommen hatte, füllte sich diese Karte mit Bewegungsdaten, Zeitmarkierungen und später den Aufzeichnungen mehrerer Beobachter, deren Positionen sie während der Übung nur in wenigen Fällen überhaupt vermutet hatte. Die ersten Minuten bestanden beinahe ausschließlich daraus, den Ablauf noch einmal in groben Abschnitten nachzuvollziehen, bevor die einzelnen Entscheidungen herausgelöst und unter deutlich bequemeren Bedingungen betrachtet wurden als jene, unter denen sie getroffen worden waren.
Ihre Entscheidung, den Verbindungsmann nicht über den kürzesten Weg zur Extraktionszone zu führen, wurde dabei länger behandelt als fast alles andere. Die Aufzeichnungen zeigten, dass die beiden Teilnehmer, deren Bewegungen sie während des Marsches bemerkt hatte, ihre Spur tatsächlich verloren hatten, nachdem Raye den Kurs über freigefegtes Gestein nach Westen verlängert und erst später wieder nach Süden korrigiert hatte. Der zusätzliche Weg hatte ihnen damit den unmittelbaren Verfolgerkontakt erspart, gleichzeitig aber mehr Zeit und Kräfte gekostet, als ihr während der Übung selbst bewusst gewesen war. Auf einer zweiten Aufnahme ließ sich später erkennen, wie nah eine der Gruppen ihrem ursprünglichen Bewegungsvektor geblieben war und wie wenig gefehlt hatte, damit der gewonnene Abstand innerhalb des letzten Kilometers wieder vollständig verloren ging.
Ähnlich fiel die Bewertung ihrer Annäherung an die LZ aus. Die westliche Mulde hatte sie aus dem besser überwachten Bereich herausgehalten, während zwei andere Teilnehmer tatsächlich längere Zeit östlich des vorgesehenen Aufnahmeplatzes gelegen und auf den direkten Zugang gewartet hatten. Dass Raye die Landung des Transporters und die dadurch aufgewirbelte Schneefahne für die letzten Meter genutzt hatte, wurde entsprechend positiv bewertet, kritischer fiel die verbliebene Zeitreserve aus. Ein verletzter Verbindungsmann, stärkerer Gegenwind oder eine Verzögerung des Transporters hätten denselben Plan deutlich unangenehmer aussehen lassen, und selbst Raye musste beim Blick auf die eingeblendeten Zeitmarkierungen einräumen, dass zwischen einem funktionierenden und einem zu langen Umweg weniger Abstand lag, als es sich draußen angefühlt hatte.
Auch die Relaisstation tauchte noch einmal auf. Die Manipulation der äußeren Sensoreinheit hatte den gewünschten Effekt erzielt, ohne den Rest der Gruppe unmittelbar zu alarmieren, und ihr Verbindungsmann war tatsächlich aufgrund seiner angenommenen technischen Zuständigkeit hinausgeschickt worden. Länger diskutiert wurde die Frage, wie viel zusätzliche Beobachtung Raye sich nach der Identifizierung der gesuchten Personen noch geleistet hatte und ab welchem Punkt der zu erwartende Informationsgewinn den längeren Aufenthalt nicht mehr rechtfertigte. Dass die spätere Befragung des Verbindungsmannes mehrere ihrer offenen Punkte ohnehin beantwortet hatte, machte im Nachhinein deutlich genug, wie wenig ein vollständiges Bild bereits vor der Kontaktaufnahme erforderlich gewesen war.
Raye hörte sich die Bewertung an, widersprach dort, wo ihr die Annahmen der Ausbilder zu glatt erschienen, und musste an anderen Stellen akzeptieren, dass die Kamerabilder eine wesentlich unbestechlichere Erinnerung besaßen als sie selbst. Besonders unangenehm waren dabei weniger die klaren Fehler als jene Entscheidungen, die funktioniert hatten und trotzdem nur unter den tatsächlich eingetretenen Bedingungen sinnvoll gewesen waren. Draußen hatte sie mehrere davon durchaus für sauber gehalten; hier, mit Sicht auf die Bewegungen aller Beteiligten, ließ sich besser erkennen, wie oft eine gute Entscheidung schlicht bedeutete, mit einer unvollständigen Lage vernünftig genug umgegangen zu sein.
Als die Karte schließlich verschwand, war der größte Teil des Nachmittags vergangen und Raye hatte eine deutlich genauere Vorstellung davon, warum man eine mehrstündige Übung problemlos noch einmal fast ebenso lange besprechen konnte. Ihr blieb anschließend nur wenig Zeit, bevor sie für das abschließende Gespräch des gesamten Lehrgangs erneut erscheinen sollte, weshalb sie den Umweg über ihr Quartier ausließ und stattdessen noch einmal in der Kantine vorbeisah, diesmal weniger aus Hunger als aus dem Gefühl heraus, dass ein weiterer Caf zwischen ihr und der letzten offiziellen Bewertung der vergangenen Wochen kaum Schaden anrichten konnte.
Das Abschlussgespräch selbst war breiter angelegt und entsprechend weniger an einzelnen Entscheidungen interessiert. Vor den Ausbildern lagen die Bewertungen aus mehreren Wochen Schießausbildung, Orientierung, Überleben, Informationsbeschaffung, Bewegung im Gelände, Führung kleiner Gruppen und jenen Belastungsübungen, bei denen Schlaf offenbar vor allem als Variable betrachtet worden war, die sich so lange reduzieren ließ, bis das Ergebnis für jemanden mit einem Klemmbrett interessant wurde. Ihre anfänglichen Leistungen in den körperlichen und unmittelbar taktischen Anteilen lagen sichtbar hinter denen der Teilnehmer zurück, die bereits aus militärischen Spezialverwendungen kamen, hatten sich im Verlauf jedoch deutlich stabilisiert, während Analyse, Lagebeurteilung und Informationsgewinnung erwartbar zu den Bereichen gehörten, in denen sie erheblich weniger Anlauf benötigt hatte.
Interessanter war für die Ausbilder offenbar die Entwicklung dazwischen. In den ersten Tagen hatte Raye häufig versucht, aus jeder Übung zunächst ein möglichst vollständiges Problem zu machen und erst danach eine möglichst vollständige Lösung zu finden, was unter Zeitdruck erwartbar schlecht funktionierte. Gegen Ende des Lehrgangs waren ihre Entscheidungen schneller geworden, ohne dass die Qualität ihrer Lagebeurteilung im gleichen Maß darunter gelitten hatte, und gerade die letzte Übung diente ihnen als brauchbares Beispiel dafür, dass sie inzwischen bereit war, Informationen als ausreichend zu behandeln, bevor alle offenen Fragen beantwortet waren. Es war kein Urteil, das ihr sonderlich schmeichelhaft oder vernichtend vorkam, sondern eines, mit dem sie ziemlich gut leben konnte, weil es ungefähr dem entsprach, was sich auch aus ihrer eigenen Arbeit der letzten Wochen ergeben hatte. Der Lehrgang galt damit als bestanden.
Raye nahm die Bestätigung nüchterner auf, als sie es sich zu Beginn der vier Wochen vielleicht vorgestellt hatte. Die Ausbildung hatte ihr genügend neue Möglichkeiten gegeben, um sich außerhalb eines Analysezentrums inzwischen sicher genug zu bewegen und auf die praktischen Anforderungen eines Einsatzes selbst reagieren zu können, gleichzeitig aber deutlich gemacht, wie viel Routine hinter Fähigkeiten steckte, die bei anderen Teilnehmern beinahe selbstverständlich wirkten. Für jemanden, dessen beruflicher Schwerpunkt weiterhin aus Informationen, Zusammenhängen und der Auswertung fremder Fehler bestand, war das ein Ergebnis, mit dem sie arbeiten konnte.
Erst nachdem die eigentliche Bewertung abgeschlossen war, schob ihr der anwesende IGD-Offizier ein weiteres Datapad über den Tisch. Raye erwartete administrative Unterlagen zum Abschluss des Lehrgangs, sah stattdessen eine Versetzungsverfügung und blieb einen Augenblick an der Zielangabe hängen, bevor sie sich dem Rest des Textes widmete. Nirauan. Black Sword würde im Zuge der laufenden Neuordnung des Nachrichtendienstapparates dorthin verlegt, näher an die wachsenden imperialen Kolonialgebiete in den Unbekannten Regionen und jene Räume, aus denen mittlerweile genügend militärische, wirtschaftliche und administrative Daten zusammenliefen, um eine dauerhafte Auswertung vor Ort sinnvoll erscheinen zu lassen. Rayes neuer Aufgabenbereich sollte entsprechend einen erheblichen Teil dieses Kolonialgebietes sowie die Chiss Ascendancy umfassen, verbunden mit genau jener Art langfristiger Beobachtung und Datenfusion, für die Black Sword inzwischen ohnehin häufiger eingesetzt wurde.
Sachlich ließ sich daran wenig aussetzen. Nach Koornacht war die westliche Grenze des Imperiums alles andere als bedeutungslos geworden, die Expeditionen in die Unbekannten Regionen nahmen zu und mit jeder neuen Kolonie wuchs die Menge an Informationen, die irgendwo gesammelt, verglichen und im besten Fall verstanden werden mussten. Nirauan lag dafür erheblich günstiger als nahezu jeder Standort tiefer im imperialen Kernraum, und Raye hätte dieselbe Entscheidung vermutlich selbst vertreten, wenn sie in irgendeinem Bericht vor ihr gestanden hätte, nur änderte das wenig daran, dass sie nach den Yevethanern, Monaten innerhalb eines hinter feindlichen Linien operierenden Verbandes, verschiedenen nachrichtendienstlichen Operationen und inzwischen vier Wochen Ausbildung auf Borosk zumindest mit der Möglichkeit gerechnet hatte, künftig häufiger dort eingesetzt zu werden, wo ihre neu erworbenen Fähigkeiten über den Weg zwischen Auswertungsraum und Kantine hinaus gefordert wurden.
Stattdessen schickte man sie noch weiter an den Rand der bekannten Galaxis, wo sie sich allem Anschein nach mit Expeditionsberichten, Kolonialverwaltung, Sensoraufzeichnungen und den politischen wie wirtschaftlichen Eigenheiten eines Gebietes beschäftigen durfte, das schon auf Karten so aussah, als hätte irgendwann jemand aufgehört, sich dafür zu interessieren, was hinter Nirauan eigentlich noch kam. Dass genau solche Datenbestände bisher einen nicht unerheblichen Teil ihrer Laufbahn geprägt hatten, half ihrer Stimmung dabei nur begrenzt. Raye verstand den Nutzen der Versetzung und wusste, dass eine gute Analyse selten erst dort begann, wo bereits jeder erkannt hatte, dass etwas nicht stimmte; trotzdem hätte das Imperium mit einem erneut aufflammenden Krieg gegen die Neue Republik und genügend ungelösten Problemen im bekannten Raum aus ihrer Sicht durchaus Dienstorte besessen, die weniger nach Daten- und Horchdienst am Ende der Galaxis klangen.
Einige Stunden später lag der größte Teil ihrer persönlichen Habe auf dem Bett ihres Quartiers verteilt. Die Winterausrüstung war längst zurückgegeben, einige Kleidungsstücke bereits verstaut und neben den beiden geöffneten Transportkisten lag das Datapad mit den Versetzungsbefehlen. Raye arbeitete sich durch den Rest ihrer Sachen, sortierte Ausrüstung, Kleidung und die wenigen persönlichen Dinge, die sie überhaupt mit nach Borosk gebracht hatte, und bemerkte dabei, wie schnell aus vier Wochen ZENTRUM wieder zwei verschlossene Kisten und ein neuer Dienstort wurden.
Als sie schließlich auch die letzte Uniform zusammenlegte und obenauf legte, blieb ihr Blick noch einmal an dem Datapad hängen. Nirauan bedeutete Black Sword, Datenbestände aus den Kolonien, Expeditionsbewegungen, Kommunikation und vermutlich mehr Verwaltungsberichte, als ihr im Augenblick lieb waren, weit genug entfernt von Bastion und dem eigentlichen Krieg, dass sich ihre Begeisterung weiterhin in überschaubaren Grenzen hielt. Am folgenden Morgen würde der Transport gehen; für den Abend blieb ihr nur noch, die zweite Kiste zu schließen, die Verriegelungen einrasten zu lassen und das Datapad mit den Versetzungsbefehlen obenauf zu legen.
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