[ Outer Rim / Savareen-Sektor / Christoph-System / Christophsis / Crystal City / Landeplattform der NR-Botschaft ] Varek Tor (Tovek Mar), Pavul Todre (Arkadi), Lira Sandren (Leela) und Natt Fero (Arlen) sowie (NPCs) Voorpak, Loth-Cat und das Begrüßungskomitee
Tovek Mar hatte sich inzwischen an vieles auf Christophsis gewöhnt. An die Hitze, die sich tagsüber zwischen den kristallinen Fassaden von Chaleydonia staute, ebenso wie an die eigentümliche Vorliebe der Einheimischen, selbst alltäglichen Gegenständen eine symbolische Bedeutung zuzuschreiben. Nur das Licht gehörte noch immer zu den Dingen, mit denen er keinen Frieden geschlossen hatte.
Es brach sich an den Türmen der Hauptstadt, wanderte über Fassaden und Plätze und wurde von den glatten Flächen der Landeplattform in zahllosen Winkeln zurückgeworfen. Selbst die Sonnenbrille auf Toveks breitem Gesicht konnte nicht verhindern, dass seine dunkelgrünen Augen sich etwas verengten, als die erwartete Yacht zwischen den kristallinen Hochhäusern auftauchte.
Neben ihm hatte Pavul Todre bereits jene freundliche Haltung angenommen, die ausgezeichnet zu einem Mitarbeiter der Botschaft passte. Pavul stand etwas lockerer, lächelte häufiger und schien selbst dann kurz vor einer freundlichen Bemerkung zu stehen, wenn niemand mit ihm sprach. Eine überzeugende Rolle, gerade weil sie sich nicht auf einen anderen Namen und ein verändertes Äußeres beschränkte.
Tovek selbst benötigte an diesem Tag wesentlich weniger Schauspiel.
Die hochwertige
Kleidung in gedeckten Braun- und Grautönen entsprach tatsächlich seinem Geschmack, ebenso der leichte Schal, der locker um Hals und Schultern lag und einen Teil seiner kräftigen Gestalt weicher erscheinen ließ. Eine kunstvoll gearbeitete Brosche aus christophsianischem Kristall saß auf Brusthöhe und verlieh seinem Auftreten gerade genug lokale Verbundenheit.
Für die Öffentlichkeit und einen guten Teil der Botschaft hieß der Gotal Varek Tor. Unter diesem Namen war er als kultureller Berater der Neuen Republik geführt und beschäftigte sich mit Traditionen, gesellschaftlichen Gepflogenheiten, sprachlicher Vermittlung und symbolischer Diplomatie. Die Identität verlangte Tovek nicht besonders viel ab, weil genügend von ihr tatsächlich seinen Fähigkeiten entsprach. Lediglich die Frage, weshalb die Botschaft für solche Aufgaben ausgerechnet einen Gotal wie Varek Tor benötigte, beantwortete er gewöhnlich etwas ungenauer, doch jeder, der sich mit seiner Spezies auskannte, konnte zumindest einen Teil der Antwort erahnen.
Das tiefer werdende Summen der Repulsoren zog seine Aufmerksamkeit zurück zur Yacht. Während das Schiff zur Landung ansetzte, mischten sich seine technischen Emissionen mit dem beständigen Hintergrundrauschen der Stadt. Kommunikationssysteme, Energieleitungen, Fahrzeuge und unzählige elektronische Geräte überlagerten einander zu einem Geflecht, das für Toveks Sensorhörner so selbstverständlich zur Umgebung gehörte wie Stimmen und Gerüche für andere Spezies. Dazwischen lagen die schwerer einzuordnenden Muster der Lebewesen, die sich beständig veränderten und gerade deshalb interessanter waren als das berechenbare Rauschen der Technik.
Tovek hatte bereits vor langer Zeit gelernt, wie gefährlich es war, einzelnen Reaktionen zu viel Bedeutung beizumessen. Nervosität konnte auf eine Lüge hinweisen, ebenso gut jedoch auf Hitze, Erschöpfung oder die unangenehme Erkenntnis, dass man soeben einem wichtigen Diplomaten den falschen Titel genannt hatte. Angst machte niemanden schuldig und Ruhe niemanden ehrlich. Erst wenn mehrere Reaktionen zusammenpassten, wenn Worte, Verhalten und jene schwer kontrollierbaren Veränderungen einander ergänzten oder widersprachen, entstand daraus etwas, das seine Aufmerksamkeit verdiente.
Die Rampe der Yacht senkte sich, und Tovek verschränkte die kräftigen Hände hinter dem Rücken, während die ersten Gestalten in das gleißende Licht von Christophsis traten. Das Team war ihm in seinen Grundzügen bekannt. Pavul kannte er ohnehin, und auch über die Neuankömmlinge hatte man ihn mit allem versorgt, was für seine Aufgabe notwendig erschien. Voorpak und Loth-Cat konnte er deshalb ohne Mühe zuordnen. Bei den beiden übrigen Personen waren seine Informationen deutlich begrenzter.
Tooka und Gizka.
Zwei Decknamen, zwei Personen und vorerst keine Zuordnung, die Tovek benötigt hätte. Ihm war bekannt, dass beide zum eintreffenden Team gehörten, und damit war für den Augenblick das Wesentliche gesagt. Namen waren ohnehin nur eine von vielen Möglichkeiten, einen Menschen einzuordnen, und nach Toveks Erfahrung selten die interessanteste.
Dr. Lira Sandren trat gemeinsam mit einem Mann von der Rampe, der sich wenig später als Natt Feero vorstellen würde. Tovek betrachtete beide mit derselben ruhigen Aufmerksamkeit, ohne seinen Blick länger als notwendig auf einem von ihnen ruhen zu lassen. Es bestand kein Anlass für Misstrauen. Sie waren erwartet worden, ihre Ankunft war abgestimmt und die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen längst getroffen worden. Trotzdem konnte Tovek seine Wahrnehmung ebenso wenig abstellen wie ein Mensch sein Gehör, nur weil gerade niemand mit ihm sprach.
Pavul übernahm unterdessen die Begrüßung und empfing die Neuankömmlinge mit jener Mischung aus Höflichkeit und leicht übertriebener Herzlichkeit. Tovek hörte nur mit halber Aufmerksamkeit auf die ausgetauschten Worte und ließ stattdessen die Menschen vor sich auf sich wirken. Stimmen, Bewegungen und kleine Veränderungen in der Haltung verbanden sich mit jenem schwerer zu beschreibenden Geflecht elektromagnetischer Eindrücke, das seine Sensorhörner aus der Umgebung herausfilterten. Nichts davon lieferte ihm fertige Antworten, dafür war seine Wahrnehmung zu vielschichtig und waren Lebewesen zu widersprüchlich. Sie gab ihm lediglich zusätzliche Teile eines Bildes, dessen Bedeutung sich manchmal erst Stunden später erschloss. Gerade deshalb waren für Tovek selten die Worte selbst das Interessanteste, sondern die Menschen, die sie aussprachen.
Als Pavul sich Dr. Sandren zuwandte, veränderte sich etwas in dessen Auftreten. Das Lächeln wurde kaum merklich breiter, die Stimme gewann eine Wärme, die bei Voorpak und Loth-Cat noch nicht vorhanden gewesen war. Toveks Blick glitt für einen Moment zu Pavul und anschließend wieder zu Sandren. Für sich genommen bedeutete die Reaktion wenig, doch sie war deutlich genug, um in Erinnerung zu bleiben. Er kannte Pavul gut genug, um zu wissen, dass solche Abweichungen bei ihm gewöhnlich einen Grund hatten, und ebenso gut, um ihm die Höflichkeit zu erweisen, diesen Grund nicht mitten auf einer Landeplattform ergründen zu wollen.
Als anschließend Natt Feero vorgestellt wurde, wandte Tovek ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu. Erst im Zusammenspiel seiner verschiedenen Eindrücke entstand dabei eine leichte Irritation, die sich nicht unmittelbar einordnen ließ. Was seine Augen wahrnahmen und was der Mann durch Bewegung, Präsenz und die zahlreichen kleinen Signale seines Körpers vermittelte, schien nicht vollkommen ineinanderzugreifen. Der Unterschied war zu gering, um daraus eine belastbare Schlussfolgerung zu ziehen, und Tovek wusste besser, als eine Erwartung zu erschaffen und anschließend nur noch nach Beweisen für sie zu suchen.
Er ließ den Eindruck deshalb dort, wo er hingehörte: im Hinterkopf. Nicht jede Beobachtung musste sofort zu einer Frage werden, denn manche wurden wertvoller, wenn man ihnen Zeit gab.
Nachdem Pavul seine Begrüßung beendet hatte, trat Tovek selbst einen Schritt nach vorne. Mit beinahe zwei Metern Körpergröße und seiner breiten Statur überragte der Gotal einen guten Teil der Anwesenden, doch seine ruhigen Bewegungen und der beinahe freundliche Ausdruck nahmen seiner Erscheinung viel von dem, was andernfalls einschüchternd hätte wirken können.
Zuerst reichte er Sandren die Hand.
„Varek Tor. Kulturelle Angelegenheiten. Es freut mich, Sie auf Christophsis begrüßen zu dürfen, Doktor Sandren.“
Seine tiefe Stimme klang warm und ruhig, während er den Händedruck mit einem höflichen Nicken begleitete. Vielleicht verbarg sich Tooka hinter dem Namen Lira Sandren, vielleicht stand Gizka vor ihm. Tovek verspürte wenig Drang, die Frage durch bloßes Raten zu beantworten. Die entsprechende Zuordnung würde sich früh genug ergeben.
Anschließend wandte er sich Feero zu und nahm auch dessen Hand.
„Mister Feero. Willkommen auf Christophsis.“
Der Händedruck dauerte nicht länger, als es die Höflichkeit verlangte. Dennoch bot die unmittelbare Nähe Tovek einen weiteren Eindruck jenes schwer greifbaren Widerspruchs, den er zuvor wahrgenommen hatte. Wieder war da nichts, das er hätte benennen können, und schon gar nichts, das Misstrauen gerechtfertigt hätte. Feero war ein Mitglied ihres eigenen Teams, kein Gefangener auf der anderen Seite eines Verhörtisches.
Tovek ließ seine Hand wieder los und schenkte ihm ein schwaches, durchaus freundliches Lächeln. Es gab kaum einen zuverlässigeren Weg, eine Beobachtung zu verderben, als unbedingt etwas finden zu wollen.
Pavul hatte inzwischen vier Sonnenbrillen hervorgeholt und überreichte sie mit einer Feierlichkeit, die dem Anlass vollkommen unangemessen war. Toveks Mundwinkel zuckte amüsiert, während er einen kurzen Blick über die kristallene Plattform warf.
„Nehmen Sie seinen Rat ernst.“, ergänzte er mit seiner tiefen Stimme.
„Christophsis gewinnt jeden Wettbewerb gegen die menschliche Netzhaut.“
Danach überließ er Pavul wieder die Führung.
Im Inneren der Botschaft wurde das Licht angenehmer. Die Architektur orientierte sich bewusst an christophsianischen Formen, ohne den republikanischen Charakter des Gebäudes zu verbergen. Geschliffene Kristallelemente verliefen entlang der Wände und brachen das nun gedämpfte Licht in blassen Blau- und Violetttönen, während dazwischen Kunstwerke verschiedener lokaler Schulen standen.
Tovek mochte diesen Teil des Gebäudes. Nicht unbedingt wegen seiner Schönheit, obwohl selbst er zugeben musste, dass die Architekten gute Arbeit geleistet hatten. Vielmehr erzählte die Gestaltung etwas darüber, wie die Neue Republik hier wahrgenommen werden wollte. Man hatte sich der lokalen Kultur angenähert, ohne sich vollständig in ihr aufzulösen. Respekt ohne Unterwerfung, Vertrautheit ohne Anspruch auf Zugehörigkeit.
Symbolische Diplomatie war einer jener Begriffe, über die manche seiner Kollegen lächelten, bis eine falsch platzierte Farbe bei einem Empfang plötzlich drei Wochen Verhandlungen kostete.
Während Pavul mit den Neuankömmlingen plauderte, hielt Tovek sich etwas zurück. Er hatte keinen Grund, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Menschen verrieten selten besonders viel, wenn sie glaubten, gerade beobachtet zu werden. Wesentlich aufschlussreicher waren jene Augenblicke, in denen ihre Aufmerksamkeit bei jemand anderem lag.
So erreichte die Gruppe schließlich den vorbereiteten Besprechungsraum. Das Buffet war umfangreich genug, um mehrere Spezies zufriedenzustellen, und enthielt neben vertrauten republikanischen Speisen auch einige lokale Gerichte. Tovek trat an den Tisch und betrachtete gerade ein kleines, mit kristallinem Gewürz bestäubtes Gebäckstück, als Pavul die Neuankömmlinge über eine angebliche Tradition der Botschaft aufklärte.
Tiere, die man gerne in einem Zoo sehen würde.
Bei der Erwähnung des Mylaya wanderte Toveks Blick langsam von dem Gebäck zu Pavul. Sein Gesicht blieb ruhig, doch um seine Mundwinkel zeigte sich für einen Moment ein Anflug von Belustigung. Pavul verkaufte die Geschichte mit genügend Überzeugung, dass Tovek beinahe bereit gewesen wäre, ihm die angebliche Botschaftstradition selbst abzunehmen.
„Bei mir wäre es wohl der Narglatch.“, warf er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme ein, während er eines der kleinen Gebäckstücke nahm.
„Wobei mir bisher nicht bewusst war, wie ernst wir diese Tradition inzwischen nehmen.“
Die Bemerkung kam mit einem schwachen Lächeln und fügte sich beiläufig genug in Pavuls kleine Vorstellung ein. Für jeden Außenstehenden war es kaum mehr als die Antwort eines Botschaftsmitarbeiters, der sich von seinem Kollegen in eine etwas alberne Tradition hineinziehen ließ. Für die richtigen Ohren erfüllte sie einen anderen Zweck.
Tooka und Gizka waren Tovek bekannt, ihre Zuordnung zu Sandren und Feero bislang jedoch nicht. Die Antworten der beiden würden diese Lücke vermutlich gleich schließen, wobei ihn weniger interessierte, ob die vereinbarten Namen fielen, als die Art, auf die sie ausgesprochen wurden. Ein vereinbartes Wort bestätigte schließlich nur, dass jemand ein vereinbartes Wort kannte. Was unmittelbar davor geschah, ließ sich wesentlich schwerer vorbereiten.
Tovek beobachtete deshalb nicht nur die Gesichter, als die Aufmerksamkeit im Raum zu den Neuankömmlingen wanderte. Seine Wahrnehmung galt ebenso den kleinen Veränderungen, die einer Antwort vorausgingen: einem Atemzug, der etwas tiefer wurde, einer unbewussten Anspannung, dem kurzen Suchen nach einer Erinnerung oder jener kaum merklichen Erleichterung, wenn ein vorbereiteter Gedanke an seinen vorgesehenen Platz fiel. Keine dieser Reaktionen hätte allein etwas bewiesen. Zusammengenommen konnten sie jedoch eine Geschichte erzählen, die sehr viel schwerer auswendig zu lernen war als ein Deckname.
Tovek biss von seinem Gebäck ab und stellte überrascht fest, dass es besser schmeckte, als es aussah.
Während Pavul weiterhin die Rolle des freundlichen Gastgebers spielte und die Aufmerksamkeit des Raumes mühelos auf sich zog, blieb der große Gotal etwas abseits beim Buffet stehen. Wer ihn dort betrachtete, sah Varek Tor, einen schweigsamen kulturellen Berater, der seinen neuen Kollegen höflich die Gelegenheit gab, anzukommen.
Tovek hatte nichts dagegen, dass man ihn dafür hielt. Es machte seine eigentliche Arbeit erheblich angenehmer.
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