Faith
Erons gute Seite
[ Coruscant I Tempel-Distrikt I Tiefere Ebenen | Verkehrsschacht ]
Faith, Zweibein, Jorti und eine Swoop-Gang
Als das Echo des Blasterschusses durch den Verkehrsschacht hallte und sich zwischen das Röhren und Zischen der Fahrzeugtriebwerke mischte, biss Faith sich auf die Unterlippe. Das hätte sie verhindern sollen. Ihr Blick glitt zu Jorti, der sich mit beiden Händen an sein verletztes Bein klammerte. Sein Schrei ging ihr dabei nicht nur unangenehm unter die Haut, sie spürte seinen Schmerz auch in der Macht. Sie hatte gehofft, mit ihrem Auftreten als Jedi wenigstens genug Eindruck zu machen, um die Mitglieder der Gang zu einer Unterredung zu zwingen. Die Barabel hatte ihr nun allerdings ziemlich deutlich gezeigt, was diese Hoffnung wert gewesen war. Nun standen vier körperlich eindrucksvolle Gestalten um die Padawan herum, während die fünfte noch immer bei dem Zeltron blieb, der nun ohnehin nicht mehr davonlaufen konnte.
Faith hielt ihre Hände zunächst offen vor dem Körper und verlagerte ihr Gewicht möglichst unauffällig auf die Fußballen. Gegen den Wookiee würde sie sich auf kein Kräftemessen einlassen. Das war Wahnsinn. Auch der Gamorreaner konnte sie mit einem ordentlich platzierten Schlag sofort außer Gefecht setzen. Irgendwie musste sie aber zu Jorti gelangen und von hier verschwinden, bevor einer von ihnen auf die Idee kam, auch ihr ins Knie zu schießen.
„Sehr mutig, auf einen unbewaffneten Mann zu schießen“, kommentierte Faith, während ihre Aufmerksamkeit auf dem ausgestreckten Waffenarm des Wortführers blieb.
„Er braucht einen Heiler. Lasst mich zu ihm.“
Viel Hoffnung steckte nicht hinter der Aufforderung. Die Worte hatten viel mehr den Zweck, ihr etwas Zeit zu verschaffen, während sie ihre Sinne über die Gruppe hinaus ausbreitete. Diese Leute wussten wer sie war, und sie hatten ihr mehr verraten, als beabsichtigt gewesen sein konnte. Truuine. Das Kopfgeld. Jemand wollte an Arlen heran, aber auch an sie. Hinter den Gangmitgliedern fuhr der Verkehr durch den röhrenförmigen Schacht. Fahrzeuge aller Art schoben sich auf kreisenden Bahnen nach oben. Faith suchte nach einer Möglichkeit, das Ganze hier zu einem möglichst unblutigen Ende zu bringen. Sie schätzte die Abstände zwischen sich, Jorti und den gezogenen Waffen ab. Hinter ihrem Rücken regte sich Zweibein an seiner Halterung.
Und dann geschah alles ganz schnell. Die Macht kündigte ihr die Bewegung des Waffenarms früh genug an. Faith verstärkte die Kraft ihrer Beine, schnellte in einer unmenschlichen Geschwindigkeit voran, griff nach dem Blaster des Weequays und drückte die Mündung mit einem einzigen Ruck nach unten. Gleichzeitig schwang sie sich aus der Schusslinie, packte das Handgelenk und stieß den Unterarm gegen seine eigene Hüfte. Das Einzige, was er erwischte, war sein eigener Fuß. Zwischen dem Verkehrslärm hörte sie das erschrockene Piepen Zweibeins, der sich bereits von ihrem Rücken löste. Viel Gelegenheit, sich über den gelungenen Anfang zu freuen, blieb ihr aber nicht. Der zweite Weequay befand sich nah genug, um nach ihr zu greifen. Die Padawan zog den Kopf ein, ließ seinen Arm über ihre Schulter gleiten und trat ihm mit der Sohle ihres Stiefels gegen das Knie. Das genügte zwar, um an ihm vorbeizukommen, aber seine wild herumschwingenden Finger erwischten ihre Robe und hielten sie fest.
Sie spürte, wie der Stoff ihrer Kapuze sich um ihren Hals spannte, während sie herumgerissen wurde. Führ einen Moment japste sie nach Luft, machte aber einfach weiter, indem sie seinen Arm mit beiden Händen packte, sich in den Griff hineindrehte und die Macht ihre Bewegung unterstützen ließ. Der Weequay verlor ihre Robe aus den Händen, als sie sein Handgelenk nach außen drückte und sich unter seinem Arm hindurchduckte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie nun, dass der Wookiee auf sie zukam.
Zweibein erkannte es auch. Der Droide sauste ihm quer vor das Gesicht und entlud einen kurzen Energieblitz aus einem seiner kleinen Arme. Dankbar für die Ablenkung stieß Faith sich mit beiden Beinen vom Boden ab und rammte den Gamorreaner, der ihr den Weg zu Jorti versperrte, gegen den zweiten Weequay. Die beiden hatten Mühe, nicht übereinander zu purzeln und versperrten dem Wookiee für einen weiteren Augenblick mit wedelnden Armen den Blick. Mehr brauchte sie nicht. Sie lief los, während die Barabel ihren Blaster bereits von Jorti auf sie herumzog.
Faith hob die linke Hand. Ihr Machtgriff erwischte den Waffenarm der Reptiloiden und zwang ihn nach außen, gerade rechtzeitig, bevor ein Bolzen an ihr vorbeifuhr. Mit schnellen, machtverstärkten Schritten überbrückte sie den restlichen Abstand und rammte auch der Echse ihre Schulter in die Brust. Der Zusammenstoß tat ihr abermals selbst weh, doch er brachte sie nahe genug heran, um das Handgelenk der Barabel festzuhalten. Derweil kam Zweibein hinter ihr angeschossen. Die Padawan durckte sich, ehe der Droide sich mit seinen Greifarmen gegen den Kopf ihrer Gegnerin warf. Nun ließ Faith sie los, verpasste ihr einen Machtstoß, der sie aus dem Gleichgewicht brachte und ging neben Jorti auf ein Knie. Ihre Schulter pochte, der Atem ging zu schnell und hinter ihr rappelten sich die Gangmitglieder bereits wieder auf.
„Das wird wehtun“, sagte sie dicht an seinem Gesicht und schob einen Arm unter sein Knie, während sie den anderen Arm um seinen Rücken legte. Sie hätte ihm gern zumindest einen Teil des Schmerzes genommen, aber dazu hätte sie sich konzentrieren müssen. Und für das, was nun kam, brauchte sie alles, was sie hatte.
Faith spannte die Beine an, ließ die gewaltigen Kräfte der Macht durch ihren Körper fließen und hob ihn hoch. Das Gewicht zog unmittelbar an ihren Armen. Sie korrigierte den Griff ein wenig, presste ihn näher an sich und wandte sich dem offenen Verkehrsschacht zu. In Windeseile machte sie einen Lastgleiter mit offener Ladefläche aus, der sich auf der ansteigenden Fahrbahn annäherte. Die Padawan lief die letzten Schritte bis zum Rand und drückte sich ab.
Diesen freien Nachmittag hatte sie sich völlig anders vorgestellt. Während sie über die wenigen Meter zwischen Rand und Fahrzeug sprang, unter denen es aber mehrere hundert Meter offen nach unten führte , ruderten ihre Beine durch die Luft. Ihr Mund verzog sich, und gerade als ihr Zweifel daran kommen wollten, ob sie diesen Sprung mit einem Zeltron auf den Armen tatsächlich schaffen konnte, landeten sie krachend zwischen niedrigen Behältern. Eine harte Kiste rammte ihr gegen die Hüfte und Jorti musste selbst seinen Kopf mit den Händen schützen, um nicht ebenfalls hart gegen etwas zu schlagen.
Hinter ihr schlug ein Blasterbolzen in die äußere Kante der Ladefläche. Während aus der Fahrerkabine wütende Rufe ertönten, tauchte Zweibein über der Bordwand auf und landete mit einem Schwall aus empörtem Binär neben ihr. Faith hielt eine Hand schützend an Jortis Schulter und schaute erst wieder über den Rand, als die Gang weit unter ihnen zurückblieb.
„Gut gemacht“, sagte sie schließlich und legte ihrem Droiden kurz eine Hand auf das Gehäuse.
Es kostete anschließend einige Erklärungen und eine nachfolgende Diskussion unter entschuldigenden Blicken, ehe der Fahrer dazu einwilligte, sie zum Jedi-Tempel zu bringen. Erst dann konnte sie ihre volle Aufmerksamkeit auf Jortis Knie lenken. Die Wunde sah schlimm aus. Faith hielt ihre Hand darüber und ließ vorsichtig heilende Energie in das Gewebe und die darunterliegenden Knochen wandern. Sie beschränkte sich auf das, was ihm die nächsten Minuten erleichtern konnte und musste von dem Versuch ablassen, sobald die Anstrengung sie übermannte. Der Einsatz der Macht hatte sie inzwischen völlig ausgelaugt. Müde sackte sie neben dem Zeltron zusammen und atmete schwer, wobei Schweißtropfen ihre Haarspitzen entlangwanderten und zwischen ihre Beine fielen. Sie zog den Holoprojektor aus ihrer Robe, ging sicher, dass er den Sprung überstanden hatte, und verstaute ihn wieder sicher.
Am Tempel benötigte Faith keinen langen Anlauf, um Hilfe zu erhalten. Sobald sie auf dem Plateau aufsetzten, kamen sofort Sicherheitskräfte und mehrere Jedi heran, die sich dort gerade zufällig aufhielten. Sie gab an, wer sie war, erklärte die Schussverletzung, bedankte sich bei dem Fahrer des Lastengleiters und blieb bei Jorti, bis er auf einer Repulsortrage lag. Erst dann merkte sie, wie sehr ihre Unterarme schmerzten. Während sie ihn zur Krankenstation begleitete, berichtete sie einer hinzugeilten Heilerin knapp, dass der Zeltron außerdem Drogen genommen hatte und sie bereits zuvor Auffälligkeiten in seinem Blut gespürt hatte. Was genau er hinter dem Müllcontainer konsumiert hatte, wusste sie nicht. Das würde Jorti ihr im Zweifel selbst erzählen müssen. Als sie schließlich Platz machen musste, damit man ihn untersuchen konnte, trat sie ein wenig widerwillig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, um dem Drang zu widerstehen, helfen zu wollen.
„Ich komme nachher wieder nach dir sehen“, sagte sie zu dem Zeltron, bevor sie den Behandlungsbereich verließ. „Lass dir bitte helfen.“
Draußen lehnte sie sich zunächst an eine Wand, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch. Ihre Schulter tat weh, an ihrer Hüfte würde vermutlich ein ordentlicher blauer Fleck entstehen und ihre Robe hatte auch schon bessere Tage gesehen. Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Morgen würde sie dem Jedi-Orden einen ordentlichen Bericht über die Ereignisse abgeben müssen. Die Nachricht von Truuine, die unbekannte Frau und schließlich die Gang, die Faith offenbar gezielt gesucht hatte. Das war nichts mehr, was sie für sich behalten sollte. Der Orden musste davon wissen und die Angelegenheit in Hände legen, die damit mehr anfangen konnten, als eine meisterlose Padawan. Sie glaubte jedoch, in Anbetracht der Tatsache, dass viele der Jedi heute mit dem Gedenken an Ahna Rigby beschäftigt waren, dass morgen früh ein besserer Zeitpunkt dafür wäre. Arlen konnte allerdings nicht so lange warten. Bis vor wenigen Stunden hatte sie ihn nicht mit irgendwelchen Geschichten von Coruscant behelligen wollen. Aber jetzt hatte jemand einen Mann angeschossen und offensichtlich versucht, sie nach Truuine zu verschleppen. Das war eine erwähnenswerte Lage, fand sie.
In ihrem Quartier legte Faith den Holoprojektor auf den Tisch und kramte ihr Com heraus. Sie übertrug die Aufnahme, prüfte, ob sie der Nachricht beigefügt war und blieb dann einen Moment mit dem Daumen über der Schaltfläche zum Starten der Aufnahme sitzen. Noch immer war sie ziemlich verschwitzt. Wenigstens den Atem wollte sie beruhigen, um Arlen nicht unnötig zu verunsichern. Also schloss sie für einen Moment die Augen, nutzte die Jedi-Atemtechnik und fuhr ihren Körper herunter. Erst dann betätigte sie den Knopf.
„Arlen, mir geht es gut, ich bin im Jedi-Tempel“, begann sie, um direkt die Schärfe aus der Nachricht zu nehmen.
„Ein Zeltron namens Jorti Conoc, hat mir heute die beigefügte Holo-Aufnahme gebracht. Er behauptet, der Gefangene sei dein Vater und du könntest ihn auf Truuine abholen. Außerdem sollst du für irgendwelche Schäden aufkommen. Damit ist wohl der Gefangenentransport gemeint. Ich weiß nicht, was daran stimmt oder auch nicht. Geschickt wurde er nach seiner Aussage von einer blauen Frau mit Kiemen. Zweibein hat ihren Gleiter verfolgt, aber verloren.“
Faith unterbrach die Aufnahme kurz, hörte sich den Anfang noch einmal an und nahm dann den Rest auf.
„Ich bin Jorti gefolgt, weil er noch seine Bezahlung abholen wollte. Dabei sind wir an eine Swoop-Gang geraten, die meinen Namen kannte und mein Kopfgeld einsacken wollte. Einer von ihnen hat ausdrücklich Truuine genannt. Sie haben Jorti ins Knie geschossen. Ich habe ihn rausgeholt und bei den Jedi-Heilern abgegeben. Morgen werde ich über die Sache einen Bericht einreichen. Bitte sieh dir das Holo an und melde dich, sobald du kannst. Ich wollte dich nicht unnötig behelligen, aber das hier solltest du erfahren. Pass auf dich auf. Mach nichts Dummes! Ich liebe dich.“
Abermals prüfte sie, dass die Aufnahme beigefügt war und schickte die Nachricht dann ab. Anschließend blieb sie noch eine Weile sitzen, obwohl sie wusste, dass das Com dadurch nicht schneller eine Antwort erhalten würde.
Erst der Blick auf das Chrono brachte Faith dazu, aufzustehen. Die Gedenkfeier für Ahna Rigby stand kurz bevor. Also wusch sie sich und wechselte die beschädigte Robe in eine angemessene Trauerrobe. Ihre Gedanken gingen dabei immer wieder zu dem gefesselten Aleen auf dem Holo und zu Arlen, der irgendwo weit entfernt seine eigene Mission zu erledigen hatte. Sie konnte ihm die Nachricht schicken und darauf achten, dass Jorti Hilfe annahm. Für den Moment war da nichts mehr, was sie tun konnte.
Auf dem Weg zur großen Halle wurden ihre Schritte langsamer. Sie hatte Zweibein in ihrem Quartier gelassen, er musste aufladen. Sie hatte Ahna nicht persönlich gekannt, aber wollte ihr zumindest Respekt erweisen. Bei dem Gedanken an die verstorbene Rätin mischte sich unweigerlich die Erinnerung an Chesara hinzu. Abermals an diesem Tag atmete Faith durch, ehe sie die Kapuze absetzte und in die Halle trat. Sie blieb zunächst am Rand des Eingangs stehen, um sich zu orientieren und anderen Jedi nicht den Weg zu versperren.
Die Große Halle war bereits ziemlich gut gefüllt. Zwischen den Sitzreihen standen noch kleinere Gruppen zusammen, während andere bereits ihre Plätze ausgesucht hatten und sich mit ihren Sitznachbarn unterhielten. Selbst auf den Galerien und Balkonen hatten sich Jedi versammelt. Faith ließ ihren Blick an den hohen Säulen hinaufwandern, ehe sie sich wieder den Anwesenden zuwandte. Nach dem Lärm im Verkehrsschacht empfand sie das gedämpfte Treiben an diesem Ort als angenehm. Sie musste sich trotzdem bewusst dazu bringen, sich vom Eingang zu lösen. Sie war hier im Tempel und wieder in Sicherheit. Sie brauchte nicht mehr nach einem Fluchtweg Ausschau halten.
Viele der Gesichter sagten ihr nichts. Faith kannte inzwischen natürlich mehr Jedi als früher, aber zwischen all den Leuten hier, wurde ihr bewusst, wie klein ihr Kreis an Bekanntschaften noch war. Weiter vorne erkannte sie Rat Janson. Sein Anblick rief ihr das Gespräch in Erinnerung, mit dem ihre Zeit bei der Armee begonnen hatte. Damals hatte sie gehofft, herauszufinden, wohin sie gehörte. Jetzt stand sie wieder hier, mit schmerzender Schulter, ohne Lichtschwert und mit einer ganzen Reihe von Dingen, die sie morgen dem Orden erklären musste. Immerhin war die Frage, ob sie überhaupt Jedi werden wollte, inzwischen mehr als beantwortet.
Die Padawan legte ihre Hände ineinander und setzte sich langsam in Bewegung, während ihr Blick weiter durch die Reihen wanderte. Sie erkannte Steven Crant beinahe sofort, als sie ihre Augen auf ihn legte. Er saß neben einer ihr unbekannten menschliche Frau (Elise), in deren unmittelbarer Nähe ein Gehstock lehnte und einem Chiss (Riuen). Für einen Moment musste Faith lächeln. Lianna, die Kantine, Arlen neben ihr und der Jedi-Ritter, neben dem sie damals kaum einen vernünftigen Satz rausbrachte. Sie erinnerte sich an den faden Reisbrei und ihre wenig gebildete Frage danach, was eigentlich ein Baron war. Vor allem aber erinnerte sie sich daran, wie freundlich er zu ihnen gewesen war und dass er selbst auch ein Padawan Chesaras gewesen war. Wie lange war das inzwischen her? Lange jedenfalls. Es tat irgendwie gut, zwischen all den Fremden jemanden aus ihren ersten Tagen im Orden zu erkennen. Sie nahm sich vor, ihn zu begrüßen, sobald sie näher an seine Reihe kam, und ließ ihren Blick zunächst weiter gleiten.
Bei Steven und seinen Sitznachbarn bemerkte Faith außerdem eine silberhaarige Echani, deren Gesicht sie aus den Holo-Nachrichten wiedererkannte. Das musste Brianna Kae sein, deren Name in der Berichterstattung über den Tod des Imperators immer wieder zusammen mit Eowyns gefallen war. Nach Faiths eigenem Aufeinandertreffen mit Darth Angelus fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet haben musste, einem Sith-Imperator gegenüberzustehen. Neben ihr befand sich ein großer Mann (Ganner) in dunklen Roben, den sie nicht kannte. Ihr Blick blieb kurz bei ihm hängen, ohne dass sie einen Namen oder eine Erinnerung mit seinem Gesicht verbinden konnte.
Weiter vorne saß Eowyn El’mireth selbst in einem Schwebestuhl. Faith erkannte ihr Gesicht aus der Übertragung ebenso sicher wie den dunkel gekleideten Mann an ihrer Seite: Ian Dice. Nun, da sie Eowyn tatsächlich vor sich sah, blieb ihre Aufmerksamkeit länger bei ihr hängen, als höflich gewesen wäre. Allerdings stand sie ja recht weit weg. Außerdem war sie nicht die Einzige, die immer wieder Blicke auf die beiden warf. Die Frau, deren Antworten sie im Holo-Feed so aufmerksam verfolgt hatte, war auf einmal nah genug, dass Faith einfach hätte hingehen können. Der Gedanke verursachte ein leichtes Ziehen in ihrer Magengegend. Sie hatte sich seit der Pressekonferenz bereits fest dazu entschlossen, Eowyn darum zu bitten, ihre Ausbildung zu übernehmen. Sie wollte von jemandem lernen, der schwierigen Fragen standhielt und Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernahm. Was sie selbst auf Kelada erlebt hatte, ließ sich einfach nicht mehr mit einer Meisterin vereinbaren, die auf alles eine Antwort wusste, die zu einfach war.
Heute war jedoch weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt, um El‘mireth damit zu behelligen. Heute war Gedenken, Erinnerung und Trauer angesagt. Faith besaß genug Pietät, um den Anlass dieses Abends nicht zu verfremden. Also löste sie ihren Blick wieder und ging weiter an den Sitzreihen entlang. Als sie schließlich auf der Höhe von Steven angelangt war, wandte Faith sich ihm zu.
„Schön, dich wiederzusehen, Steven“, sagte sie leise, nachdem sie die anderen Gespräche abgewartet hatte. „Lange nicht gesehen.“
Sie neigte auch den anderen Anwesenden grüßend den Kopf, ohne sich aufzudrängen. Zu gern hätte sie gefragt, wo er in der Zwischenzeit gewesen war und ob wenigstens er, im Gegensatz zu allen anderen, etwas über Chesara gehört hatte. Doch auch das waren Fragen für später. Faith suchte sich einen freien Platz in der Reihe hinter ihm. Beim Hinsetzten meldete sich ihre Hüfte mit einem dumpfen Ziehen. Sie verzog kurz den Mund, zog den Saum irher Robe ordentlich über das Knie und legte die Hände darauf, bis der Schmerz verzogen war.
Von hier aus konnte sie den vorderen Teil der Halle gut sehen. Sie beobachtete erneut die Ratsmitglieder weiter vorne. Zwischen ihnen fehlte Chesara. Mit diesem Gedanken wurde ihr bewusst, wie sehr sie darauf hoffte, eines Tages wieder ihre Stimme zu hören, oder wenigstens ihr Gesicht zu sehen. Sie senkte den Blick auf ihre ineinandergelegten Hände, als die Trauerfeier begann und der Rat, den sie unter dem Namen Rornan kannte, den Anfang machte. Ihm folgten Rätin Joseline und Rat Janson. Sie alle würdigten das Leben und Schaffen von Ahna Rigby und klangen ernsthaft betroffen, als sie über sie sprachen. Eine Betroffenheit, die sich unmittelbar auch auf Faith legte, obwohl sie die Pauanerin nie persönlich gekannt hatte.
[ Coruscant I Tempel-Distrikt I Jedi-Tempel | Große Halle ]
Faith; vor ihr in der Reihe Steven, Elise und Riuen, Brianna, Ganner; weiter vorne Eowyn und Wes; und außerdem noch ganz viele andere Jedi
Faith, Zweibein, Jorti und eine Swoop-Gang
Als das Echo des Blasterschusses durch den Verkehrsschacht hallte und sich zwischen das Röhren und Zischen der Fahrzeugtriebwerke mischte, biss Faith sich auf die Unterlippe. Das hätte sie verhindern sollen. Ihr Blick glitt zu Jorti, der sich mit beiden Händen an sein verletztes Bein klammerte. Sein Schrei ging ihr dabei nicht nur unangenehm unter die Haut, sie spürte seinen Schmerz auch in der Macht. Sie hatte gehofft, mit ihrem Auftreten als Jedi wenigstens genug Eindruck zu machen, um die Mitglieder der Gang zu einer Unterredung zu zwingen. Die Barabel hatte ihr nun allerdings ziemlich deutlich gezeigt, was diese Hoffnung wert gewesen war. Nun standen vier körperlich eindrucksvolle Gestalten um die Padawan herum, während die fünfte noch immer bei dem Zeltron blieb, der nun ohnehin nicht mehr davonlaufen konnte.
Faith hielt ihre Hände zunächst offen vor dem Körper und verlagerte ihr Gewicht möglichst unauffällig auf die Fußballen. Gegen den Wookiee würde sie sich auf kein Kräftemessen einlassen. Das war Wahnsinn. Auch der Gamorreaner konnte sie mit einem ordentlich platzierten Schlag sofort außer Gefecht setzen. Irgendwie musste sie aber zu Jorti gelangen und von hier verschwinden, bevor einer von ihnen auf die Idee kam, auch ihr ins Knie zu schießen.
„Sehr mutig, auf einen unbewaffneten Mann zu schießen“, kommentierte Faith, während ihre Aufmerksamkeit auf dem ausgestreckten Waffenarm des Wortführers blieb.
„Er braucht einen Heiler. Lasst mich zu ihm.“
Viel Hoffnung steckte nicht hinter der Aufforderung. Die Worte hatten viel mehr den Zweck, ihr etwas Zeit zu verschaffen, während sie ihre Sinne über die Gruppe hinaus ausbreitete. Diese Leute wussten wer sie war, und sie hatten ihr mehr verraten, als beabsichtigt gewesen sein konnte. Truuine. Das Kopfgeld. Jemand wollte an Arlen heran, aber auch an sie. Hinter den Gangmitgliedern fuhr der Verkehr durch den röhrenförmigen Schacht. Fahrzeuge aller Art schoben sich auf kreisenden Bahnen nach oben. Faith suchte nach einer Möglichkeit, das Ganze hier zu einem möglichst unblutigen Ende zu bringen. Sie schätzte die Abstände zwischen sich, Jorti und den gezogenen Waffen ab. Hinter ihrem Rücken regte sich Zweibein an seiner Halterung.
Und dann geschah alles ganz schnell. Die Macht kündigte ihr die Bewegung des Waffenarms früh genug an. Faith verstärkte die Kraft ihrer Beine, schnellte in einer unmenschlichen Geschwindigkeit voran, griff nach dem Blaster des Weequays und drückte die Mündung mit einem einzigen Ruck nach unten. Gleichzeitig schwang sie sich aus der Schusslinie, packte das Handgelenk und stieß den Unterarm gegen seine eigene Hüfte. Das Einzige, was er erwischte, war sein eigener Fuß. Zwischen dem Verkehrslärm hörte sie das erschrockene Piepen Zweibeins, der sich bereits von ihrem Rücken löste. Viel Gelegenheit, sich über den gelungenen Anfang zu freuen, blieb ihr aber nicht. Der zweite Weequay befand sich nah genug, um nach ihr zu greifen. Die Padawan zog den Kopf ein, ließ seinen Arm über ihre Schulter gleiten und trat ihm mit der Sohle ihres Stiefels gegen das Knie. Das genügte zwar, um an ihm vorbeizukommen, aber seine wild herumschwingenden Finger erwischten ihre Robe und hielten sie fest.
Sie spürte, wie der Stoff ihrer Kapuze sich um ihren Hals spannte, während sie herumgerissen wurde. Führ einen Moment japste sie nach Luft, machte aber einfach weiter, indem sie seinen Arm mit beiden Händen packte, sich in den Griff hineindrehte und die Macht ihre Bewegung unterstützen ließ. Der Weequay verlor ihre Robe aus den Händen, als sie sein Handgelenk nach außen drückte und sich unter seinem Arm hindurchduckte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie nun, dass der Wookiee auf sie zukam.
Zweibein erkannte es auch. Der Droide sauste ihm quer vor das Gesicht und entlud einen kurzen Energieblitz aus einem seiner kleinen Arme. Dankbar für die Ablenkung stieß Faith sich mit beiden Beinen vom Boden ab und rammte den Gamorreaner, der ihr den Weg zu Jorti versperrte, gegen den zweiten Weequay. Die beiden hatten Mühe, nicht übereinander zu purzeln und versperrten dem Wookiee für einen weiteren Augenblick mit wedelnden Armen den Blick. Mehr brauchte sie nicht. Sie lief los, während die Barabel ihren Blaster bereits von Jorti auf sie herumzog.
Faith hob die linke Hand. Ihr Machtgriff erwischte den Waffenarm der Reptiloiden und zwang ihn nach außen, gerade rechtzeitig, bevor ein Bolzen an ihr vorbeifuhr. Mit schnellen, machtverstärkten Schritten überbrückte sie den restlichen Abstand und rammte auch der Echse ihre Schulter in die Brust. Der Zusammenstoß tat ihr abermals selbst weh, doch er brachte sie nahe genug heran, um das Handgelenk der Barabel festzuhalten. Derweil kam Zweibein hinter ihr angeschossen. Die Padawan durckte sich, ehe der Droide sich mit seinen Greifarmen gegen den Kopf ihrer Gegnerin warf. Nun ließ Faith sie los, verpasste ihr einen Machtstoß, der sie aus dem Gleichgewicht brachte und ging neben Jorti auf ein Knie. Ihre Schulter pochte, der Atem ging zu schnell und hinter ihr rappelten sich die Gangmitglieder bereits wieder auf.
„Das wird wehtun“, sagte sie dicht an seinem Gesicht und schob einen Arm unter sein Knie, während sie den anderen Arm um seinen Rücken legte. Sie hätte ihm gern zumindest einen Teil des Schmerzes genommen, aber dazu hätte sie sich konzentrieren müssen. Und für das, was nun kam, brauchte sie alles, was sie hatte.
Faith spannte die Beine an, ließ die gewaltigen Kräfte der Macht durch ihren Körper fließen und hob ihn hoch. Das Gewicht zog unmittelbar an ihren Armen. Sie korrigierte den Griff ein wenig, presste ihn näher an sich und wandte sich dem offenen Verkehrsschacht zu. In Windeseile machte sie einen Lastgleiter mit offener Ladefläche aus, der sich auf der ansteigenden Fahrbahn annäherte. Die Padawan lief die letzten Schritte bis zum Rand und drückte sich ab.
Diesen freien Nachmittag hatte sie sich völlig anders vorgestellt. Während sie über die wenigen Meter zwischen Rand und Fahrzeug sprang, unter denen es aber mehrere hundert Meter offen nach unten führte , ruderten ihre Beine durch die Luft. Ihr Mund verzog sich, und gerade als ihr Zweifel daran kommen wollten, ob sie diesen Sprung mit einem Zeltron auf den Armen tatsächlich schaffen konnte, landeten sie krachend zwischen niedrigen Behältern. Eine harte Kiste rammte ihr gegen die Hüfte und Jorti musste selbst seinen Kopf mit den Händen schützen, um nicht ebenfalls hart gegen etwas zu schlagen.
Hinter ihr schlug ein Blasterbolzen in die äußere Kante der Ladefläche. Während aus der Fahrerkabine wütende Rufe ertönten, tauchte Zweibein über der Bordwand auf und landete mit einem Schwall aus empörtem Binär neben ihr. Faith hielt eine Hand schützend an Jortis Schulter und schaute erst wieder über den Rand, als die Gang weit unter ihnen zurückblieb.
„Gut gemacht“, sagte sie schließlich und legte ihrem Droiden kurz eine Hand auf das Gehäuse.
Es kostete anschließend einige Erklärungen und eine nachfolgende Diskussion unter entschuldigenden Blicken, ehe der Fahrer dazu einwilligte, sie zum Jedi-Tempel zu bringen. Erst dann konnte sie ihre volle Aufmerksamkeit auf Jortis Knie lenken. Die Wunde sah schlimm aus. Faith hielt ihre Hand darüber und ließ vorsichtig heilende Energie in das Gewebe und die darunterliegenden Knochen wandern. Sie beschränkte sich auf das, was ihm die nächsten Minuten erleichtern konnte und musste von dem Versuch ablassen, sobald die Anstrengung sie übermannte. Der Einsatz der Macht hatte sie inzwischen völlig ausgelaugt. Müde sackte sie neben dem Zeltron zusammen und atmete schwer, wobei Schweißtropfen ihre Haarspitzen entlangwanderten und zwischen ihre Beine fielen. Sie zog den Holoprojektor aus ihrer Robe, ging sicher, dass er den Sprung überstanden hatte, und verstaute ihn wieder sicher.
Am Tempel benötigte Faith keinen langen Anlauf, um Hilfe zu erhalten. Sobald sie auf dem Plateau aufsetzten, kamen sofort Sicherheitskräfte und mehrere Jedi heran, die sich dort gerade zufällig aufhielten. Sie gab an, wer sie war, erklärte die Schussverletzung, bedankte sich bei dem Fahrer des Lastengleiters und blieb bei Jorti, bis er auf einer Repulsortrage lag. Erst dann merkte sie, wie sehr ihre Unterarme schmerzten. Während sie ihn zur Krankenstation begleitete, berichtete sie einer hinzugeilten Heilerin knapp, dass der Zeltron außerdem Drogen genommen hatte und sie bereits zuvor Auffälligkeiten in seinem Blut gespürt hatte. Was genau er hinter dem Müllcontainer konsumiert hatte, wusste sie nicht. Das würde Jorti ihr im Zweifel selbst erzählen müssen. Als sie schließlich Platz machen musste, damit man ihn untersuchen konnte, trat sie ein wenig widerwillig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, um dem Drang zu widerstehen, helfen zu wollen.
„Ich komme nachher wieder nach dir sehen“, sagte sie zu dem Zeltron, bevor sie den Behandlungsbereich verließ. „Lass dir bitte helfen.“
Draußen lehnte sie sich zunächst an eine Wand, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch. Ihre Schulter tat weh, an ihrer Hüfte würde vermutlich ein ordentlicher blauer Fleck entstehen und ihre Robe hatte auch schon bessere Tage gesehen. Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Morgen würde sie dem Jedi-Orden einen ordentlichen Bericht über die Ereignisse abgeben müssen. Die Nachricht von Truuine, die unbekannte Frau und schließlich die Gang, die Faith offenbar gezielt gesucht hatte. Das war nichts mehr, was sie für sich behalten sollte. Der Orden musste davon wissen und die Angelegenheit in Hände legen, die damit mehr anfangen konnten, als eine meisterlose Padawan. Sie glaubte jedoch, in Anbetracht der Tatsache, dass viele der Jedi heute mit dem Gedenken an Ahna Rigby beschäftigt waren, dass morgen früh ein besserer Zeitpunkt dafür wäre. Arlen konnte allerdings nicht so lange warten. Bis vor wenigen Stunden hatte sie ihn nicht mit irgendwelchen Geschichten von Coruscant behelligen wollen. Aber jetzt hatte jemand einen Mann angeschossen und offensichtlich versucht, sie nach Truuine zu verschleppen. Das war eine erwähnenswerte Lage, fand sie.
In ihrem Quartier legte Faith den Holoprojektor auf den Tisch und kramte ihr Com heraus. Sie übertrug die Aufnahme, prüfte, ob sie der Nachricht beigefügt war und blieb dann einen Moment mit dem Daumen über der Schaltfläche zum Starten der Aufnahme sitzen. Noch immer war sie ziemlich verschwitzt. Wenigstens den Atem wollte sie beruhigen, um Arlen nicht unnötig zu verunsichern. Also schloss sie für einen Moment die Augen, nutzte die Jedi-Atemtechnik und fuhr ihren Körper herunter. Erst dann betätigte sie den Knopf.
„Arlen, mir geht es gut, ich bin im Jedi-Tempel“, begann sie, um direkt die Schärfe aus der Nachricht zu nehmen.
„Ein Zeltron namens Jorti Conoc, hat mir heute die beigefügte Holo-Aufnahme gebracht. Er behauptet, der Gefangene sei dein Vater und du könntest ihn auf Truuine abholen. Außerdem sollst du für irgendwelche Schäden aufkommen. Damit ist wohl der Gefangenentransport gemeint. Ich weiß nicht, was daran stimmt oder auch nicht. Geschickt wurde er nach seiner Aussage von einer blauen Frau mit Kiemen. Zweibein hat ihren Gleiter verfolgt, aber verloren.“
Faith unterbrach die Aufnahme kurz, hörte sich den Anfang noch einmal an und nahm dann den Rest auf.
„Ich bin Jorti gefolgt, weil er noch seine Bezahlung abholen wollte. Dabei sind wir an eine Swoop-Gang geraten, die meinen Namen kannte und mein Kopfgeld einsacken wollte. Einer von ihnen hat ausdrücklich Truuine genannt. Sie haben Jorti ins Knie geschossen. Ich habe ihn rausgeholt und bei den Jedi-Heilern abgegeben. Morgen werde ich über die Sache einen Bericht einreichen. Bitte sieh dir das Holo an und melde dich, sobald du kannst. Ich wollte dich nicht unnötig behelligen, aber das hier solltest du erfahren. Pass auf dich auf. Mach nichts Dummes! Ich liebe dich.“
Abermals prüfte sie, dass die Aufnahme beigefügt war und schickte die Nachricht dann ab. Anschließend blieb sie noch eine Weile sitzen, obwohl sie wusste, dass das Com dadurch nicht schneller eine Antwort erhalten würde.
Erst der Blick auf das Chrono brachte Faith dazu, aufzustehen. Die Gedenkfeier für Ahna Rigby stand kurz bevor. Also wusch sie sich und wechselte die beschädigte Robe in eine angemessene Trauerrobe. Ihre Gedanken gingen dabei immer wieder zu dem gefesselten Aleen auf dem Holo und zu Arlen, der irgendwo weit entfernt seine eigene Mission zu erledigen hatte. Sie konnte ihm die Nachricht schicken und darauf achten, dass Jorti Hilfe annahm. Für den Moment war da nichts mehr, was sie tun konnte.
Auf dem Weg zur großen Halle wurden ihre Schritte langsamer. Sie hatte Zweibein in ihrem Quartier gelassen, er musste aufladen. Sie hatte Ahna nicht persönlich gekannt, aber wollte ihr zumindest Respekt erweisen. Bei dem Gedanken an die verstorbene Rätin mischte sich unweigerlich die Erinnerung an Chesara hinzu. Abermals an diesem Tag atmete Faith durch, ehe sie die Kapuze absetzte und in die Halle trat. Sie blieb zunächst am Rand des Eingangs stehen, um sich zu orientieren und anderen Jedi nicht den Weg zu versperren.
Die Große Halle war bereits ziemlich gut gefüllt. Zwischen den Sitzreihen standen noch kleinere Gruppen zusammen, während andere bereits ihre Plätze ausgesucht hatten und sich mit ihren Sitznachbarn unterhielten. Selbst auf den Galerien und Balkonen hatten sich Jedi versammelt. Faith ließ ihren Blick an den hohen Säulen hinaufwandern, ehe sie sich wieder den Anwesenden zuwandte. Nach dem Lärm im Verkehrsschacht empfand sie das gedämpfte Treiben an diesem Ort als angenehm. Sie musste sich trotzdem bewusst dazu bringen, sich vom Eingang zu lösen. Sie war hier im Tempel und wieder in Sicherheit. Sie brauchte nicht mehr nach einem Fluchtweg Ausschau halten.
Viele der Gesichter sagten ihr nichts. Faith kannte inzwischen natürlich mehr Jedi als früher, aber zwischen all den Leuten hier, wurde ihr bewusst, wie klein ihr Kreis an Bekanntschaften noch war. Weiter vorne erkannte sie Rat Janson. Sein Anblick rief ihr das Gespräch in Erinnerung, mit dem ihre Zeit bei der Armee begonnen hatte. Damals hatte sie gehofft, herauszufinden, wohin sie gehörte. Jetzt stand sie wieder hier, mit schmerzender Schulter, ohne Lichtschwert und mit einer ganzen Reihe von Dingen, die sie morgen dem Orden erklären musste. Immerhin war die Frage, ob sie überhaupt Jedi werden wollte, inzwischen mehr als beantwortet.
Die Padawan legte ihre Hände ineinander und setzte sich langsam in Bewegung, während ihr Blick weiter durch die Reihen wanderte. Sie erkannte Steven Crant beinahe sofort, als sie ihre Augen auf ihn legte. Er saß neben einer ihr unbekannten menschliche Frau (Elise), in deren unmittelbarer Nähe ein Gehstock lehnte und einem Chiss (Riuen). Für einen Moment musste Faith lächeln. Lianna, die Kantine, Arlen neben ihr und der Jedi-Ritter, neben dem sie damals kaum einen vernünftigen Satz rausbrachte. Sie erinnerte sich an den faden Reisbrei und ihre wenig gebildete Frage danach, was eigentlich ein Baron war. Vor allem aber erinnerte sie sich daran, wie freundlich er zu ihnen gewesen war und dass er selbst auch ein Padawan Chesaras gewesen war. Wie lange war das inzwischen her? Lange jedenfalls. Es tat irgendwie gut, zwischen all den Fremden jemanden aus ihren ersten Tagen im Orden zu erkennen. Sie nahm sich vor, ihn zu begrüßen, sobald sie näher an seine Reihe kam, und ließ ihren Blick zunächst weiter gleiten.
Bei Steven und seinen Sitznachbarn bemerkte Faith außerdem eine silberhaarige Echani, deren Gesicht sie aus den Holo-Nachrichten wiedererkannte. Das musste Brianna Kae sein, deren Name in der Berichterstattung über den Tod des Imperators immer wieder zusammen mit Eowyns gefallen war. Nach Faiths eigenem Aufeinandertreffen mit Darth Angelus fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet haben musste, einem Sith-Imperator gegenüberzustehen. Neben ihr befand sich ein großer Mann (Ganner) in dunklen Roben, den sie nicht kannte. Ihr Blick blieb kurz bei ihm hängen, ohne dass sie einen Namen oder eine Erinnerung mit seinem Gesicht verbinden konnte.
Weiter vorne saß Eowyn El’mireth selbst in einem Schwebestuhl. Faith erkannte ihr Gesicht aus der Übertragung ebenso sicher wie den dunkel gekleideten Mann an ihrer Seite: Ian Dice. Nun, da sie Eowyn tatsächlich vor sich sah, blieb ihre Aufmerksamkeit länger bei ihr hängen, als höflich gewesen wäre. Allerdings stand sie ja recht weit weg. Außerdem war sie nicht die Einzige, die immer wieder Blicke auf die beiden warf. Die Frau, deren Antworten sie im Holo-Feed so aufmerksam verfolgt hatte, war auf einmal nah genug, dass Faith einfach hätte hingehen können. Der Gedanke verursachte ein leichtes Ziehen in ihrer Magengegend. Sie hatte sich seit der Pressekonferenz bereits fest dazu entschlossen, Eowyn darum zu bitten, ihre Ausbildung zu übernehmen. Sie wollte von jemandem lernen, der schwierigen Fragen standhielt und Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernahm. Was sie selbst auf Kelada erlebt hatte, ließ sich einfach nicht mehr mit einer Meisterin vereinbaren, die auf alles eine Antwort wusste, die zu einfach war.
Heute war jedoch weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt, um El‘mireth damit zu behelligen. Heute war Gedenken, Erinnerung und Trauer angesagt. Faith besaß genug Pietät, um den Anlass dieses Abends nicht zu verfremden. Also löste sie ihren Blick wieder und ging weiter an den Sitzreihen entlang. Als sie schließlich auf der Höhe von Steven angelangt war, wandte Faith sich ihm zu.
„Schön, dich wiederzusehen, Steven“, sagte sie leise, nachdem sie die anderen Gespräche abgewartet hatte. „Lange nicht gesehen.“
Sie neigte auch den anderen Anwesenden grüßend den Kopf, ohne sich aufzudrängen. Zu gern hätte sie gefragt, wo er in der Zwischenzeit gewesen war und ob wenigstens er, im Gegensatz zu allen anderen, etwas über Chesara gehört hatte. Doch auch das waren Fragen für später. Faith suchte sich einen freien Platz in der Reihe hinter ihm. Beim Hinsetzten meldete sich ihre Hüfte mit einem dumpfen Ziehen. Sie verzog kurz den Mund, zog den Saum irher Robe ordentlich über das Knie und legte die Hände darauf, bis der Schmerz verzogen war.
Von hier aus konnte sie den vorderen Teil der Halle gut sehen. Sie beobachtete erneut die Ratsmitglieder weiter vorne. Zwischen ihnen fehlte Chesara. Mit diesem Gedanken wurde ihr bewusst, wie sehr sie darauf hoffte, eines Tages wieder ihre Stimme zu hören, oder wenigstens ihr Gesicht zu sehen. Sie senkte den Blick auf ihre ineinandergelegten Hände, als die Trauerfeier begann und der Rat, den sie unter dem Namen Rornan kannte, den Anfang machte. Ihm folgten Rätin Joseline und Rat Janson. Sie alle würdigten das Leben und Schaffen von Ahna Rigby und klangen ernsthaft betroffen, als sie über sie sprachen. Eine Betroffenheit, die sich unmittelbar auch auf Faith legte, obwohl sie die Pauanerin nie persönlich gekannt hatte.
[ Coruscant I Tempel-Distrikt I Jedi-Tempel | Große Halle ]
Faith; vor ihr in der Reihe Steven, Elise und Riuen, Brianna, Ganner; weiter vorne Eowyn und Wes; und außerdem noch ganz viele andere Jedi



