Bevor ich über mein gestriges Filmerlebnis schreibe, muss ich etwas vorwegschicken. Den Roman, auf dem der Film basiert, habe ich nicht gelesen. Meine einzige inhaltliche Vorbereitung bestand darin, dass ich nach dem ersten Trailer die Inhaltszusammenfassung des Romans auf Wikipedia gelesen habe. Ich wusste also grob, worum es geht und welche Figuren wichtig sind, aber ich habe keine emotionale Bindung an der literarischen Vorlage. Ich konnte den Film in dieser Hinsicht deshalb ziemlich unvoreingenommen sehen.
Was ich allerdings sehr gut kenne, ist Der Marsianer. Den Film habe ich mittlerweile unzählige Male gesehen, auch im Unterricht mit Schülern. Für mich gehört er längst zu meinen Lieblingsfilmen. Ich mag seine Mischung aus Humor, wissenschaftlicher Neugier, Spannung und erstaunlich viel Menschlichkeit. Wenn also ein neuer Science-Fiction-Film aus derselben erzählerischen Ecke kommt, ist es fast unvermeidlich, dass ich ihn innerlich an Ridley Scotts großartigem Film messe. Und genau das passiert bei Der Astronaut praktisch von der ersten Minute an.
Es gibt Filme, bei denen man während des Schauens ziemlich genau merkt, dass eigentlich mehr in ihnen steckt, als am Ende herauskommt. Der Astronaut ist für mich genau so ein Fall. Es ist kein schlechter Film. Im Gegenteil. Er ist oft unterhaltsam, sieht fantastisch aus und hat mit Rocky eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto stärker bleibt bei mir das Gefühl, dass dieser Film zwar sehr viel will, aber sich nie ganz entscheiden kann, was er eigentlich sein möchte.
Im Zentrum steht Ryland Grace, gespielt von Ryan Gosling, der auf einem Raumschiff aufwacht und erst nach und nach begreift, in was für einer Lage er steckt. Die Erde ist bedroht, die Mission ist gigantisch, und er ist plötzlich der Mann, von dem alles abhängt. Aus diesem Ausgangspunkt macht der Film zunächst ziemlich viel richtig. Die ersten Szenen haben Tempo, Witz und eine angenehme Leichtigkeit. Gosling spielt diese Mischung aus Verwirrung, Überforderung und trockenem Humor sehr souverän. Das trägt den Anfang enorm.
Überhaupt ist der Film in seiner ersten Hälfte oft erstaunlich locker. Vieles ist auf Unterhaltung gebaut. Es gibt flotte Dialoge, komische Momente und einen Ton, der eher auf Sympathie als auf Ehrfurcht setzt. Das funktioniert auch eine ganze Weile gut. Nur erzählt Der Astronaut eben nicht irgendeine kleine Geschichte, sondern eine, in der es um das Überleben der Menschheit geht. Und genau da beginnt für mich das eigentliche Problem.
Der Film behandelt seinen Stoff nach meinem Geschmack oft zu leichtfüßig. Er will ein großes Weltraumabenteuer sein, ein emotionales Drama, eine Geschichte über Verantwortung, Freundschaft und den Umgang mit dem Unbekannten. Gleichzeitig bleibt er in vielen Szenen auffällig verspielt. Das muss nicht falsch sein. Ein Science-Fiction-Film darf Humor haben. Der Marsianer hatte den ja auch. Aber dort passte das alles viel besser zusammen. Der Humor entstand aus der Situation, aus der Figur, aus dem Überlebenskampf selbst. In Der Astronaut habe ich öfter das Gefühl, dass der Film die Schwere seines eigenen Themas gar nicht wirklich aushält und sie deshalb immer wieder mit lockeren Sprüchen oder niedlichen Momenten auffängt.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der mich beim Zuschauen immer wieder beschäftigt hat. Der Film wirkt auf mich insgesamt zu schnell erzählt. Viele Probleme tauchen auf und sind kurz darauf auch schon wieder gelöst. Ich hätte mir gewünscht, dass man dem Prozess des Nachdenkens mehr Raum gibt. Gerade bei einer Geschichte über einen Wissenschaftler im All wäre es spannend gewesen zu sehen, wie Schwierigkeiten Schritt für Schritt durch wissenschaftliches Vorgehen überwunden werden. Wie Hypothesen aufgestellt werden, wie Experimente scheitern, wie Lösungen mühsam erarbeitet werden. Stattdessen hat man häufig das Gefühl, dass der Film schon beim nächsten Handlungspunkt angekommen ist, bevor man die vorherige Herausforderung wirklich begreifen konnte.
Genau deshalb ist Der Marsianer für mich auch der deutlich stärkere Film. Er weiß, was er erzählen will, und vertraut darauf, dass Wissenschaft, Figur und Spannung zusammen schon reichen. Vor allem nimmt er sich Zeit. Dort wird gerechnet, ausprobiert, improvisiert und auch mal scheitert ein Plan. Dadurch entsteht nicht nur Spannung, sondern auch Atmosphäre. Der Astronaut dagegen wirkt stellenweise so, als hätte man sehr viele Ideen und Handlungselemente in einen einzigen Film gepresst. Das führt dazu, dass manche Entwicklungen erstaunlich schnell abgehandelt werden und dadurch oberflächlicher wirken, als sie eigentlich sein müssten.
Am besten wird Der Astronaut immer dann, wenn Rocky ins Spiel kommt. Die Beziehung zwischen Grace und diesem fremden Wesen ist das Herz des Films. Das Kennenlernen der beiden, die ersten Kommunikationsversuche, das vorsichtige Annähern, all das hat Witz, Charme. Hier ist der Film plötzlich ganz bei sich. Er kann einfach zeigen, wie zwei sehr unterschiedliche Wesen einander langsam verstehen lernen. Diese Szenen haben Wärme und manchmal sogar etwas wirklich Berührendes.
Rocky ist überhaupt der große Gewinn des Films. Die Figur ist visuell hervorragend gelungen, gleichzeitig fremdartig und sofort liebenswert. Dass man sich so schnell auf sie einlässt, ist eine echte Leistung. Man kauft dem Film die Freundschaft zwischen den beiden Hauptfiguren ab, und das ist wahrscheinlich seine wichtigste erzählerische Aufgabe. Ohne diese Beziehung würde Der Astronaut ziemlich schnell in sich zusammenfallen.
Trotzdem bleibt auch hier ein kleiner Vorbehalt. Rocky ist emotional stark, aber der Film setzt ihn mir irgendwann zu sehr als niedlichen Sympathieträger ein. Er ist dann nicht mehr ganz der eigenständige Gegenpol, der er sein könnte, sondern manchmal eher das Wesen, das den Film weichzeichnet. Das funktioniert auf der Gefühlsebene, aber es nimmt der Geschichte auch etwas von ihrer möglichen Größe.
Ryan Gosling spielt Grace zugänglich, sympathisch und mit Selbstironie. Aber auch seine Figur bleibt für mich am Ende etwas flach. Der Film sagt einem immer wieder, dass man es hier mit einem außergewöhnlich klugen Menschen zu tun hat, zeigt es aber zu selten auf eine Weise, die wirklich interessant wäre. Viele Lösungen sind einfach da. Viele Erkenntnisse kommen schnell. Der Prozess des Denkens, Zweifelns, Herleitens und Scheiterns wird oft abgekürzt. Gerade bei einem Film, der so stark in einer halbwegs realistischen Science-Fiction verankert ist, fand ich das schade.
Denn genau daraus hätte Der Astronaut viel mehr machen können. Er interessiert sich zwar für Wissenschaft, aber eher als Behauptung denn als dramatische Form. Das Tüfteln, das Ausprobieren, das Ringen um Erkenntnis fehlt weitgehend. Dadurch fehlt dem Film nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch Spannung. Es ist eben etwas anderes, ob man einer Figur dabei zusieht, wie sie ein Problem tatsächlich löst, oder ob der Film einfach weiterspringt und signalisiert, dass sie schon wissen wird, was zu tun ist.
Sandra Hüller bringt eine Präsenz mit, die sofort etwas Ernstes und Unnachgiebiges in den Film holt. Einerseits soll sie die knallharte Krisenmanagerin sein, die Entscheidungen trifft, die andere nie treffen könnten. Andererseits will der Film sie immer wieder abmildern, menschlicher machen, emotional zugänglicher.
Visuell sieht Der Astronaut wirklich stark aus. Das Raumschiff, die Bilder des Alls, die Lichtstimmungen, die fremden Oberflächen und Strukturen, all das hat Größe. Der Film hat Bilder, die man sich tatsächlich merken kann. Rein handwerklich ist das ein sehr sauber gemachter, oft beeindruckender Blockbuster.
Am Ende bleibt für mich deshalb ein Film, der sich durchaus lohnt. Er ist gut gespielt, hübsch anzusehen und in seinen besten Momenten sogar richtig schön. Die Szenen zwischen Grace und Rocky funktionieren. Der emotionale Kern ist da. Aber der Film bleibt hinter dem zurück, was ich mir erhofft habe. Mir hat er gefallen, aber in der Liga von Der Marsianer spielt er nicht. Dem Film fehlt das Geheimnisvolle, das Nachhallende.