Nun ja, wenn man denkt, dass man in seinem bisherigen Leben schon viel erlebt hat, dann wird man doch eines Besseren belehrt.
Es ist so, dass in den letzten Jahren mein Schlaf wegen diverser Probleme (Prostata-Beschwerden, zuvor jahrelange Schichtarbeit, Stress, psychischer Erkrankungen etc.) noch schlechter geworden ist, als er ohnehin schon war. An ein normales Durchschlafen ist für mich schon seit Längerem gar nicht mehr zu denken. Es kommt nur noch ganz selten vor, dass ich drei oder vier Stunden durchschlafe. Das letzte Mal, als ich vier, knapp fünf Stunden am Stück geschlafen habe, hatte ich zu viel Bier auf einer Feier getrunken. Aber Alkohol bekommt mir gar nicht mehr gut und wäre überhaupt keine Lösung für meine Schlafprobleme.
Auch sorgen nächtliche Geräusche bei mir für enorme Unruhe, wenn ich ehrlich bin. Das liegt unter anderem daran, dass wir 2018 einmal Eichhörnchen in einer Dachschräge hatten, die dort ihr Nest hatten. Wochenlang konnte man im oberen Stockwerk Geräusche vernehmen, da die Eichhörnchen von der Dachschräge hinter die Vertäfelungen/Hohlschicht gelangten und von dort sogar auf den Dachboden. Das war quasi ihre Spielwiese. Und man wusste ja auch nicht, ob die irgendwelche Stromkabel anknabbern und womöglich einen Brand verursachen würden. Um ehrlich zu sein, fühlte man sich zu dieser Zeit regelrecht terrorisiert. Zum Glück hat sich am Ende die gesamte Eichhörnchenfamilie nur noch im Garten aufgehalten – und ich konnte den Spalt unter dem Dachüberstand verschließen. Das Komische ist allerdings: Seit dieser Spalt zu ist, haben wir auch keinerlei Mäuse mehr auf dem Dachboden. Vorher über Jahrzehnte, vorwiegend zum Herbst und Winter hin. Fallen aufstellen und das ganze Theater. Das beweist, dass Mäuse an rauen Mauern hochkommen. In den 80er-Jahren waren dort Fledermäuse drin. Daher haben wir den unscheinbaren Spalt nie zugemacht.
Drei Jahre später versuchte dann ein Steinmarder mitten in der Nacht (auch um 3 Uhr) unter die Dachpfannen zu gelangen. Ich lag seinerzeit wach im Bett und hörte, wie etwas über mir auf die Dachpfannen sprang und geräuschvoll hoch zum First hüpfte. Dann begann eine wahre Kratzorgie. Unser Haus ist ziemlich hellhörig, kaum isoliert. (Da ist tagsüber fast jeder Vogel auf den Pfannen zu hören, auch auf der Satellitenschüssel, die am Mast der alten terrestrischen Antenne montiert ist.) Ich wusste erst gar nicht, was los war und habe mich mit einer Taschenlampe aus dem Dachfenster gelehnt. Und da sah ich ihn auf dem First sitzen. Zuerst schien es, als wolle er sich nicht verscheuchen lassen, doch dann hüpfte er die Dachschräge hinunter und sprang wie Spiderman in eine nahe am Haus stehende Tanne. Die habe ich tags darauf natürlich sofort gefällt. Die anderen am Haus sowie eine Zypressenhecke, die durch die extreme Trockenheit 2018/19 stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, hat eine Gartenfirma gleich mitentfernt. Anschließend noch Marderabwehrgürtel um die Fallrohre und seitdem ist Ruhe.
Lange Rede, kurzer Sinn…
In der Nacht von Samstag auf Sonntag (kurz nach 3 Uhr) wurde ich durch Geräusche geweckt. Ich dachte zuerst, es wäre wieder ein Marder oder so, und habe mit der Taschenlampe durch das offene Dachfenster aufs Dach geschienen. Da vernahm ich auf einmal ein kratzendes Geräusch von unten vom Fallrohr (was von dieser Perspektive aus unter dem Dachüberstand liegt und nicht zu sehen ist). Ich dachte immer noch, das wäre ein Marder, der versucht, am Fallrohr hochzuklettern. Als ich schließlich den Rollladen hochzog und das Schlafzimmerfenster öffnete, traute ich zuerst meinen Augen nicht. Im hellen Schein der nahen Straßenlaterne (wir wohnen in einer Sackgasse) stand eine vermummte Person mit einem großen Brecheisen im Vorgarten, ein Stockwerk tiefer, drei Meter von mir entfernt, die versuchte, das Fallrohr abzubekommen. Aber das wirklich Verstörende daran war, dass die Person keinerlei Anstalten von Angst oder Panik zeigte. Sie ließ erst vom Fallrohr ab, als ich sie anschrie. Sie trottete dann seelenruhig in den angrenzenden Grünstreifen zu einem sich dahinter verlaufenden Radweg mit Straße. Dort raffte sie laut scheppernd andere, offenbar zuvor geklaute, Fallrohre zusammen.
Also, ich weiß nicht, irgendwie war die ganze Szene völlig skurril. Ein gut genährter Typ in total abgetragenen Klamotten, sein Gesicht verborgen von einer Mütze mit breiten Ohrenklappen. Ähnlich einer Flieger- oder Wintermütze. Das hatte was von einem schlechten Film. Ehrlich.
Wie sich morgens herausstellte, hatte die Person beim Nachbarn direkt nebenan beide Fallrohre entwendet. Unseres zum Grünstreifen hin war zu fest verlötet und montiert. An das Fallrohr auf unserer Einfahrt ist sie nicht drangegangen, und zwar aus gutem Grund: da befindet sich die Überwachungskamera, die auf den ersten Blick meistens nicht zu sehen ist. Die Person wird wahrscheinlich zuvor alles gut ausgekundschaftet haben. Das ist jedenfalls meine Vermutung.
Und was noch verstörender ist, dass meine Vermutung bestätigt wurde, als ich später die Aufzeichnungen der Kamera kontrolliert habe. Drei Tage zuvor war die Person in den frühen Morgenstunden bei uns in der Einfahrt. Es ist zu sehen, wie sie die Lage checkt. Sie geht hinüber zum Hintereingang (Hintertür) und Garage und verweilt dort und blickt anschließend länger aufs Nachbargrundstück. Hierbei ist sie an das Fallrohr mit der Kamera vorbeigegangen, ohne sie scheinbar bemerkt zu haben. Dann geht sie zu unserer Haustür (Licht mit Bewegungsmelder) und dem Postkasten und entdeckt daran den Reolink-24-Hours-Aufkleber und senkt den Blick und verschwindet schließlich. Scheinbar hatte sie die roten LEDs der Kamera bereits gesehen, als sie beim Hintereingang und der Garage stand. Aber: Sie hatte ihre Mütze abgenommen und sich unter dem Arm geklemmt. Als sie auf die Einfahrt trat, hingen diese Ohrenklappen herunter, sie waren nicht unter dem Kinn zusammengebunden.
Ehrlich gesagt ist mir ganz anders geworden, als ich die Kamerabilder entdeckt habe. Der Gedanke, wer da alles bei Nacht und Nebel draußen herumschleicht, bereitet einem wirklich Unbehagen. Was mich jetzt auch wieder ärgert, ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt, wo der Typ auf unsere Einfahrt spaziert ist, garantiert nicht geschlafen habe. Zu einhundert Prozent nicht. Weil das gut eine Dreiviertelstunde vor der Uhrzeit war, an dem ich immer aufstehe. Und ich werde so gut wie immer zwei Stunden vorher wach und kann danach nicht mehr wieder einschlafen. Leider habe ich mir auch in den letzten Wochen angewöhnt, die Pushnachrichten der Kamera zu deaktivieren. Wegen des Akkus, der Vögel, Nachbars Katzen, die nachts auch ihre Runden drehen… Da sieht man gleich, wer sich da unten aufhält. Auch am griffbereiten iPad.
Ich muss doch eingestehen, dass mich das stärker verunsichert hat, als ich dachte. Irgendwie nahm ich an, dass ich auf so einer Situation irgendwie vorbereitet wäre.
Wie auch immer, die ganze Panik und Aufregung war es am Ende doch nicht wert gewesen. Erhöhter Puls und Blutdruck. Nur ein lausiges Fallrohr. Leider haben solche Personen den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss, wenn finstere, skrupellose, brutale Typen ins Haus kommen. Ein Polizist, ein ehemaliger Soldat oder so wäre auf so einer Situation schon eher vorbereitet.
Momentan überlege ich mir irgendwelche Gegenmaßnahmen. Eine zweite Kamera, einen hellen LED-Strahler hinterm Haus zum Grünstreifen hin oder so. Mal schauen. Aber was ich zuvor kaum bis gar keine Beachtung geschenkt hatte, ist, dass nebenan im Grünstreifen Elstern ihren Schlafbaum haben. Es ist so, dass ich sie in letzter Zeit das eine oder andere Mal schimpfen gehört habe, als ich nachts wach im Bett lag. Das muss natürlich jetzt nichts heißen, der Grund kann lediglich eine Katze vom Nachbarn sein. Doch diese Rabenvögel sind sehr intelligent und aufmerksam und haben durch die Laternen am Radweg und der Straße einen guten Blick. Besonders wenn jemand von dort in den Grünstreifen tritt und ihrem Schlafplatz zu nahe kommt. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, könnte jedoch unter gewissen Umständen entscheidend sein.
Nun, was einen nicht umbringt, macht einen nur härter. Auch wenn das im fortschreitenden Alter immer anstrengender wird.