Lagerfeuergeschichten...
Rückt näher ans Feuer. Noch, näher. So. Und hört auf, ständig in die Bäume zu schauen. Wenn dort etwas steht, wollt ihr es ohnehin nicht sehen. Noch nicht. Ihr seid jung. Ihr glaubt, die Schattenlande seien einfach nur ein tieferer Teil des Waldes. Dunkler vielleicht. Gefährlicher. Aber immer noch Kashyyyk. Das glauben alle Jungen. Bis sie das erste Mal dort unten sind. In den Schattenlanden gibt es keinen Morgen. Es gibt auch keinen Abend. Es gibt nur Stellen, an denen es ein wenig heller ist, und Stellen, an denen die Dunkelheit so dicht zwischen den Wurzeln hängt, dass selbst ein Wookiee seine eigene Hand vor dem Gesicht kaum sieht. Dort unten wachsen Pilze, die leuchten. Pflanzen, die sich bewegen, obwohl kein Wind weht. Und Tiere, deren Augen ihr erst bemerkt, wenn sie sich schließen. Darum merkt euch drei Dinge.
Geht niemals einer Spur nach, die einfach aufhört.
Schlaft niemals unter einem Baum, in dessen Ästen kein einziges Tier sitzt.
Und wenn ihr dort unten jemanden euren Namen rufen hört …
antwortet nicht.
Nein. Auch nicht, wenn ihr die Stimme kennt. Gerade dann nicht. Warum? Weil es vor langer Zeit einen weißen Wookiee gab. Manche von euch haben bestimmt schon von ihm gehört. Nein, sagt den Namen nicht… Noch nicht… Damals kannte ihn dort unten ohnehin kaum jemand bei seinem Namen. Die Jäger nannten ihn nur den Weißen. Andere nannten ihn den Geist der Tiefe. Die Trandoshaner hatten noch andere Namen für ihn. Die meisten davon sollte man vor Jungen nicht wiederholen. Sein Fell war ungewöhnlich hell, fast silbern. Manchmal, wenn phosphoreszierende Pilze in den Schattenlanden leuchteten, soll er zwischen den Stämmen ausgesehen haben wie etwas, das nicht wirklich dort war. Ein Stück Nebel, ein heller Fleck, Zwei Augen, dann nichts mehr. Er lebte allein. Warum? Das spielt heute keine Rolle, vielleicht wurde er verstoßen, vielleicht wollte er allein sein. Vielleicht wollten ihn die Schattenlande einfach nicht mehr gehen lassen. Die Alten erzählen darüber verschiedene Dinge. Aber alle sind sich in einem Punkt einig:
Er kannte die Tiefe. Er wusste, welche Wurzeln tragen. Welche Ranken schneiden. Welche Pflanzen schlafen. Und welche nur so tun. Er wusste, wie ein hungriger Katarn riecht. Wie eine verletzte Kinrath klingt. Wie Angst schmeckt, wenn sie lange genug in der Luft hängt. Und er wusste, wann etwas im Wald nicht stimmte. Eines Tages kamen drei Trandoshaner hinab. Natürlich waren es drei. In guten Geschichten sind es immer drei. Einer ist zu dumm, um Angst zu haben. Einer ist klug genug, Angst zu bekommen. Und einer begreift zu spät, warum. Diese drei jagten Wookiees. So welche wie euch… Sie hatten zwei junge Jäger von einem Dorf oberhalb der Schattenlande verfolgt und nach unten getrieben. Vielleicht wollten sie sie lebend, vielleicht wollten sie nur Trophäen. Bei Trandoshanern ist das manchmal dasselbe. Der weiße Wookiee fand ihre Spur. Und von da an jagten die Trandoshaner nichts mehr. Sie wussten es nur noch nicht. Zwei Tage folgte er ihnen. Der erste schleifte sein rechtes Bein ein wenig. Der zweite rauchte bitteres Kraut. Den Geruch konnte man noch Stunden später zwischen den Wurzeln finden. Der dritte hinterließ fast keine Spur… Fast.
Am dritten Tag verschwanden die Geräusche der Trandoshaner. Nicht langsam, nicht nach und nach. Einfach… fort. Der weiße Wookiee fand ihr Lager kurz darauf. Drei Schlafstellen, Drei Taschen, Drei Waffen, iin Heizgerät. Fleisch über einer kleinen Flamme, noch warm. Aber keine Trandoshaner...
Er ging nicht hinein. Das ist wichtig. Er ging nicht hinein. Warum nicht? Weil etwas fehlte. Nicht die Trandoshaner. Etwas anderes. Geräusche. Kein Rascheln, kein Krabbeln, keine Insekten. Nicht einmal die kleinen Wesen, die sonst immer irgendwo zwischen den Wurzeln scharren. Der Wald hielt still. Und wenn der Wald still wird, obwohl ihr selbst keinen Grund dafür seht …
dann hat meistens jemand anderes einen.
Der weiße Wookiee wartete. Ein Tropfen fiel ihm auf den Kopf, warm. Er strich darüber. Blut. Jetzt könnt ihr wieder in die Bäume schauen, wenn ihr unbedingt wollt. Er tat es auch. Hoch über ihm hing der erste Trandoshaner. Zwischen zwei Ästen. Falsch herum. Der Kopf nach unten. Eine Hand fehlte. Sein Körper war voller Wunden. Aber kaum gefressen. Das war das Erste, was nicht stimmte. Ein Tier tötet aus Hunger, manchmal aus Angst. Manchmal, weil man seinem Nachwuchs zu nahekommt. Aber dieses Ding hatte einen schweren Trandoshaner viele Meter hoch in einen Baum getragen und ihn dort hängen lassen. Warum? Der weiße Wookiee wusste es nicht. Dann hörte er die Stimme. Weit entfernt. Eine Wookiee-Stimme.
Hilfe.
Er drehte sich um.
Hilfe.
Wieder. Genau gleich. Nicht nur dieselben Worte. Derselbe Atemzug. Dasselbe Zittern. Derselbe kleine Bruch am Ende des Rufes. Stellt euch vor, jemand ruft zweimal euren Namen. Niemand ruft ihn zweimal genau gleich. Versucht es später. Ihr werdet sehen. Aber diese Stimme tat es. Ein drittes Mal. Diesmal von rechts.
Hilfe.
Der weiße Wookiee ging nicht hin. Er ging zur Seite, langsam. Um die Stimme herum. Etwas wollte, dass er geradeaus ging. Er wollte wissen, warum. Dort fand er einen Abdruck. Vier lange Zehen, tief im Schlamm. Größer als seine Hand. Er kniete sich hin, sah ihn an, roch daran. Nichts. Gar nichts. Jetzt lacht nicht. Alles riecht. Schlamm riecht. Moos riecht. Nasse Rinde riecht. Stein riecht. Angst riecht. Tod riecht…
Aber dieser Abdruck roch nach nichts. Als hätte etwas dort gestanden, das gar nicht zur Welt gehörte. Hinter ihm knackte ein Ast. Der weiße Wookiee sprang zur Seite. Etwas fiel aus der Dunkelheit. Nicht das Monster. Der zweite Trandoshaner. Lebendig… Gerade so. Er landete im Schlamm und versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht. Seine Waffe zitterte in den Händen. Der weiße Wookiee hob seinen Bowcaster. Der Trandoshaner ließ den Blaster fallen. Hob die Hände. Ergebung. Und der Weiße hatte Regeln. Selbst dort unten. Also schoss er nicht. Der Trandoshaner zeigte hinter ihn. Nicht wild. Nicht panisch. Ganz langsam... Der weiße Wookiee sah nicht hin, noch nicht. Er sah dem Trandoshaner in die Augen. Die Pupillen wanderten. Von links nach rechts. Über seinen Kopf hinweg. Etwas bewegte sich hinter ihm. Langsam. So langsam, dass es geglaubt haben musste, niemand könne es hören. Dann ließ es los…
Es fiel. Der weiße Wookiee sprang. Das Ding traf den Boden. Manche erzählen, es hatte vier Beine. Andere sagen sechs. Mein Großvater sagte fünf. Aber mein Großvater hat auch behauptet, er habe einmal einen Rancor mit einem Steinmesser vertrieben. Also glauben wir ihm nicht alles.
Wir wissen nur:
Es war lang.
Grau.
Nackt.
Die Gliedmaßen waren zu dünn für seine Größe. Der Kopf hatte keine Augen. Und wo ein Mund sein sollte, war nur ein schmaler dunkler Spalt. Der Spalt öffnete sich. Und daraus kam wieder die Stimme.
Hilfe.
Der weiße Wookiee feuerte. Das Wesen zuckte zurück und verschwand zwischen den Wurzeln. Kein Schrei. Kein Knurren. Nur plötzlich eine andere Stimme. Ein Trandoshaner. Dann ein Wookiee. Dann ein Kind. Links. Rechts. Über ihnen. Hinter ihnen.
Der verletzte Trandoshaner begann zu zittern. Eine Stimme rief seinen Namen. Die Stimme seines Gefährten. Einmal, dann wieder. Genau gleich. Der Trandoshaner stand auf. Der weiße Wookiee packte ihn. Der Trandoshaner riss sich los. Sein Freund rief wieder. Also rannte er. Fünf Schritte… Zehn...
Dann hörte man ihn schreien. Einmal. Lange… Dann Stille. Der weiße Wookiee wartete. Und nach einigen Herzschlägen kam derselbe Schrei aus einem Baum direkt über ihm. Genau gleich.
Da wusste er:
Das Wesen lernte nicht nur Stimmen.
Es sammelte sie.
Und plötzlich wusste er auch, warum der tote Trandoshaner im Baum hing. Nicht als Nahrung. Nicht nur. Als Vorrat. Der weiße Wookiee kehrte ins Lager zurück. Er nahm die Energiezelle des Heizgerätes. Warf sie in die Dunkelheit. Schoss. Das Licht der Explosion füllte für einen Atemzug den Wald. Und in diesem Atemzug sah er alles. Das erste Wesen am Stamm. Ein zweites zwischen den Wurzeln. Ein drittes hinter sich. Und hoch oben …
Körper. Viele. Tiere. Trandoshaner. Wookiees. Manche frisch. Manche alt. Manche kaum noch mehr als Knochen und Fell. Aber ihre Münder standen offen. Alle. Als würden sie noch immer etwas sagen wollen. Als würden sie noch immer schreien, tonlos...
Dann wurde es wieder dunkel. Das dritte Wesen sprang. Der weiße Wookiee wich aus. Später fragte man ihn vielleicht, woher er wusste, dass es kam. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Vielleicht bewegte sich die Luft. Vielleicht knackte eine Wurzel. Vielleicht war es nur Instinkt. Oder etwas anderes. Aber manchmal, wenn die Alten diese Stelle erzählen, machen sie danach eine Pause.
So wie ich jetzt.
…
…
...
Warum?
Weil manche Fragen besser unbeantwortet bleiben.
Das Wesen packte ihn. Der weiße Wookiee packte zurück. Sie stürzten gegen einen Stamm. Holz knackte. Krallen rissen Fell. Dann öffnete sich der Spalt im Gesicht der Kreatur direkt vor ihm. Und diesmal kam keine fremde Stimme heraus. Keine unbekannte. Keine Stimme eines Trandoshaners. Es war eine alte Wookiee-Frau. Warm, leise. Eine Stimme, die er seit vielen Jahren nicht mehr gehört hatte. Sie sagte nur ein Wort…. Seinen Namen.
Ja, seinen Namen. Und für einen einzigen Herzschlag bewegte er sich nicht. Woher kannte das Wesen seinen Namen? Vielleicht glaubte ein Teil von ihm, diese Stimme könne wirklich dort sein. Vielleicht hatte er einfach Angst. Ja, auch der weiße Wookiee kannte Angst. Wer etwas anderes behauptet, weiß nicht, was Mut ist. Dann griff das Wesen nach seinem Gesicht. Der Wookiee brüllte. Er rammte seinen Kopf dagegen. Einmal, noch einmal. Er packte eine der langen Gliedmaßen. Drehte, zerrte und zog. Etwas brach. Und das Wesen begann zu schreien. Aber nicht mit seiner Stimme. Ein Kind schrie, dann ein alter Mann. Dann eine Frau. Dann ein Wookiee. Viele Stimmen. Immer schneller. Als würde alles, was es jemals gehört hatte, gleichzeitig aus seinem Mund fliehen wollen.
Der Weiße zog weiter. Der Arm riss. Etwas Dunkles spritzte über sein Fell. Dann setzte er den Bowcaster an. Ganz nah… Das Wesen fiel. Still. Zum ersten Mal wirklich still. Die beiden anderen verschwanden. Der Wookiee blieb lange neben dem Körper stehen. Er sah auf den schmalen Spalt im Gesicht. Dahinter waren keine Zähne. Nur dünne Häute. Viele, wie kleine Kehlen. Er berührte sie nicht. Das solltet ihr auch nie tun. Falls ihr je eines findet.
Was?
Nein.
Ich habe nie eines gesehen. Und ich möchte auch keines sehen. Der Wookiee wandte sich zum Gehen. Da sagte jemand hinter ihm: seinen Namen in seiner eigenen Stimme… Er blieb stehen. Das tote Wesen lag vor ihm. Wieder sein Namne, weiter weg diesmal. Zwischen den Bäumen. Dann noch einmal, von links.
Dann rechts.
Dann über ihm.
Immer seine eigene Stimme. Immer genau gleich. Der weiße Wookiee hob langsam den Bowcaster. Und irgendwo in der Dunkelheit begann etwas zu lachen. Nicht wirklich zu lachen. Es hatte wahrscheinlich niemals einen Wookiee lachen hören. Es versuchte es nur. Stellt euch ein Lachen vor, bei dem jedes Geräusch richtig ist …
aber die Pausen dazwischen falsch.
Ha.
Ha.
Ha.
Zu langsam, zu gleichmäßig. Als hätte etwas gelernt, was Lachen ist, aber nicht warum. Der Wookiee zeigte die Zähne. Dann ging er hinein in die Dunkelheit.
Hier endet die Geschichte.
Nein.
Niemand weiß, was danach geschah.
Natürlich kam der Wookiee irgendwann wieder aus den Schattenlanden. Sonst würden wir seinen Namen heute nicht kennen. Aber er erzählte nie, was er dort unten gefunden hatte. Und wenn man ihn fragte, ob es diese Wesen wirklich gab …
soll er immer dasselbe getan haben.
Nichts. Nur ansehen. Sehr lange. Warum? Vielleicht gab es keine Monster. Vielleicht war alles nur eine Geschichte. Vielleicht hatten die Trandoshaner sich gegenseitig getötet. Vielleicht hatte der weiße Wookiee zu lange allein in der Tiefe gelebt. Das könnt ihr euch sagen, wenn ihr heute schlafen geht.
Aber wenn das Feuer später kleiner wird …
und die anderen eingeschlafen sind …
und ihr draußen zwischen den Stämmen etwas hört …
dann erinnert euch an die drei Regeln.
Folgt keiner Spur, die einfach endet.
Schlaft nicht unter einem Baum, in dessen Ästen nichts lebt.
Und wenn euch jemand aus der Dunkelheit ruft …
antwortet nicht.
Auch nicht, wenn es eure Mutter ist.
Auch nicht, wenn es euer Vater ist.
Auch nicht, wenn es meine Stimme ist.
Und vor allem …
wenn ihr irgendwann draußen im Wald eure
eigene Stimme euren Namen rufen hört …
dann schaut nicht nach, woher sie kommt.
Denn vielleicht steht dort nichts. Vielleicht steht dort eines dieser Wesen.
Oder vielleicht …
steht dort seit all den Jahren noch immer der weiße Wookiee.
Und wartet darauf, dass etwas antwortet.