Quarzite

[ Quarzite | Blanks Festung | Ratsgebäude ] Kanto Garison, Korin Vesh, Halcyon Rak (NPC), Sekretärin Sinta (NPC)


In seiner ruhigen, reservierten Art bestätigte der kulturelle Attaché noch einmal, dass er alle besprochenen Punkte bearbeiten und eine strukturierte Rückmeldung geben würde. Und dass er einen geeigneten Künstler für die Truuiner Gala auswählen würde. Dann dankte er für die Zeit und verabschiedete sich förmlich.

Kanto entschied, dem Kage die Ehre zu erweisen und zur Verabschiedung aufzustehen. Natürlich würde er dem Alien nicht die Hand schütteln, dass ginge zu weit. Stattdessen neigte er knapp den Kopf und lächelte noch einmal geschäftsmäßig.


„Ich habe den Eindruck, dass meine Zeit hier sinnvoll investiert ist. Ich hoffe, dieser Eindruck trügt nicht“, fügte er spielerisch hinzu.

„Ich werde Ihnen eine Nachricht zukommen lassen, sobald ich genau weiß, wann ich nach Truuine abreise. Und ich werde Ihren ersten Bericht mit Spannung erwarten.
Bis dahin, Herr Vesh, nochmals willkommen in der imperialen Verwaltung. Lang lebe das Imperium.“


Mit diesen Worten entließ er den Kage. Als sich die Tür hinter dem Mann geschlossen hatte und auch die Sekretärin nicht mehr im Raum war, drehte sich Kanto zu Halcyon Rak um.

„Na, was denkst du? Ich bin, ehrlich gesagt, positiv überrascht.“

Der ältere Mann mit dem ergrauenden, kurzrasierten Haar schmunzelte. „Er wirkt jedenfalls professionell. Fast zu professionell. Ich bin mir nicht sicher, ob er mit diesem kühlen Auftreten Nervosität überspielt, oder ob es einfach die typische Art der Kage ist.“

Kanto überlegte. „Moora Nima ist nicht so reserviert. Und der Landwirtschafsminister, Luumo Suli zum Beispiel, ist zwar ein wohlüberlegender, aber doch spürbar leidenschaftlicher Mann. Vielleicht ist Herr Vesh auch einfach persönlich so.“

Halcyon nickte bedächtig und stand auf. „Ja, vielleicht. Jedenfalls scheint er mir ein sehr vorsichtiger Mann zu sein. Das kann gut sein. Ich denke, seine spezielle Rolle verlangt eine gewisse Zurückhaltung. Aber es ist verdammt schwer, ihn zu lesen. Und ich mag es nicht, wenn ich jemanden nicht einschätzen kann…“

Der Telbun warf sich seinen leichten Mantel über und steckte sein Datapad ein. Kanto streifte seine Gouverneursuniform glatt und gemeinsam verließen sie den Besprechungsraum. Sein nächster Termin würde weniger kommunikativ, aber ebenso interessant werden.





[ Quarzite | Äquatorregion | Flechtengärten von Parapito ] Kanto Garison, Landwirtschaftsminister Luumo Suli (NPC), sowie zahlreiche Arbeiter (NPCs)


Die Flechtengärten von Parapito eröffneten dem Gouverneur eine weitere, faszinierende Facette von Quarzite und er musste anerkennen, dass er den Planeten tatsächlich – so wie er es auch Korin Vesh gestanden hatte – unterschätzt hatte.

Hier, in der Äquatorregion des Planeten, zeigte sich wohl am deutlichsten die Eigenartigkeit von Quarzite. Natürlich hatte Kanto schon vor seinem Antritt als Gouverneur über den Aufbau des Planeten gelesen, und natürlich spürte er auch bei jeder Fahrt mit dem Weltraumaufzug den seltsamen Gravitations-Shift, wenn man die Dichtezone passierte. Aber hier, in Parapito zeigte sich auch optisch, was man sich in der Theorie schwer vorstellen konnte: Quarzite war wie ein Ball mit harter, schwerer Schale und leichtem, löchrigem Inneren.

Im Grunde, wie eine Kokosnuss. Ganz außen, die ultradichte Atmosphäre, wie die faserige Umhüllung der Nuss. Aber so dicht und stürmisch, dass am Boden, also am Übergang von Atmosphäre zu Felsoberfläche, der Druck so gut wie alles Lebende oder Hohle zerquetschte. Dann die harte Schale. Sie bestand überwiegend aus großen Mengen Schwermetallen, manche davon durchaus wertvoll, wie das in der Bannista-Mine gewonnene Quadanium. Und dann folgte der Kern des Planeten, der jedoch aus leichten Mineralien bestand und von unzähligen Höhlen durchzogen war. Dies führte dazu, dass die weit überwiegende Masse des Planeten in der Schale steckte und damit auch die Gravitation von dieser ausging, anstatt wie gewöhnlich vom Kern. Und das wiederum bedeutete, dass man hier auf Quarzite sozusagen auf der Innenseite der Planetenschale herumlief und „über sich“ den porösen Planetenkern hatte. Wäre es anders, würde auch die dichte Atmosphäre sofort in die Kavernen des Planetenkerns eindringen, anstatt sozusagen von außen auf die Schale zu drücken.

Soweit Kanto gelesen hatte, war sich die Wissenschaft darüber, wie Quarzite entstanden war, nicht einig. Aber die gängigste Theorie war, dass der Planet zu einer Zeit, als seine Masse noch heiß und flüssig war ein aufschlagender Komet in eine starke Drehung versetzt worden war. Durch die entstehende Zentrifugalkraft wurden die schweren, festen Bestandteile nach außen gedrückt, während im Inneren die leichteren „aufschwammen“ und sich mit der Abkühlung nach und nach ausgedehnte Risse und Hohlräume bildeten. Die dichte Atmosphäre außerhalb der Schale führte durch die hohe Reibung zu einem Abbremsen der Rotation, wobei diese Theorie nicht abschließend erklären konnte, wie es überhaupt zu der dichten Atmosphäre gekommen war.

Jedenfalls war es hier in Parapito, dass Kanto Garison die Bedeutung dessen zum ersten Mal wirklich begreifen konnte. Am Äquator des Planeten, wo die Zentrifugalkraft am stärksten gewirkt hatte, war nicht nur die Planetenschale am dicksten und damit die Schwerkraft spürbar höher, sondern es hatten sich auch wesentlich höhere – oder bessergesagt tiefere – Hohlräume in den Kern aufgetan. Kanto hatte den Kopf in den Nacken gelegt und ließ den Blick beeindruckt in die Planetentiefe schweifen. Dieser breite Riss, der von seiner Perspektive nach oben führte, bildete eine langgezogene, breite Höhle, die keine sichtbare Decke hatte. An den steilen Wänden, die aufeinander zuliefen, ohne sich jedoch zu berühren - zumindest nicht, soweit er sehen konnte – erblühten gewaltige Kristallformationen, deren Leuchten vom üblichen Violett ins Gelb tendierte. Die ganze Landschaft war in ihr warmes Licht getaucht und Parapito war der hellste Ort, den er bisher auf Quarzite gesehen hatte. Und in diesem Licht gedieh der Grund, warum er hier war. Quarzflechten.

Landwirtschafsminister Luumo Suli, ein Kage fortgeschrittenen Alters, der in einen schlichten, mit zurückhaltenden traditionellen Symbolen verzierten Mantel gekleidet war, ging vor ihm durch die Flechtengärten. Sie hatten den Repulsorgleiter vor den weitläufigen Gärten abstellen müssen, da die Repulsoren das Wachstum der empfindlichen Flechten stören konnten. Nun wanderten sie durch die mit graugrünen Gewächsen überzogene Ebene, aus der sich gelegentlich gewaltige, gelbleuchtende Kristallgruppen erhoben. In den Feldern sah man einige beluganische Bauern arbeiten.


„Die Quarzflechten sind sehr sensibel und benötigen intensive Pflege, um die gewünschte Qualität zu haben. Außerdem wachsen sie langsam. In diesem Abschnitt sind die Bauern gerade mit Schädlingsbekämpfung beschäftigt. Vor allem Milbenbefall spielt eine Rolle“, führte Luumo Suli mit seiner knorrigen Stimme aus, während sie sich auf einen Hof inmitten der Gärten zubewegten.

„Aber ich will Sie nicht mit landwirtschaftlichen Details langweilen, Gouverneur. Das wichtigste ist der Standort. Die Quarzflechte gedeiht ausschließlich im Licht der gelben Kristalle. Und diese gibt es nur am Äquator in ausreichender Dichte.“

Kanto, der hinter dem alten Kage herwanderte, nickte bedächtig. „Und ich könnte mir vorstellen, dass es sehr schwierig ist, diese Bedingungen irgendwo außerhalb Quarzites zu rekonstruieren.“

Der Kage warf ihm einen zustimmenden Blick über die Schulter zu. „In der Tat halte ich das für sehr unwahrscheinlich und wenn doch, sehr kostspielig.“

Kanto schmunzelte zufrieden. Sehr gut. Das bedeutete ein galaxisweites Monopol.

Sie erreichten den Hof, der aus mehreren, quaderförmigen Gebäuden bestand, von denen einige ein Dach aus dem leuchtenden, gelben Kristall hatten. Luumo Suli führte ihn zum höchsten Gebäude, einem schmalen, quadratischen Turm.


„Dies ist die Distille. Die fermentierten Flechten werden hier geläutert. So erhalten wir die Essenz.“

Das innere des Turms war ausgefüllt von Rohrleitungen, Kesseln und Tanks. Die Konstruktion wirkte so altertümlich wie ausgeklügelt. Der Landwirtschaftsminister ging zu einem kleinen Hahn und ließ ein paar Tropfen einer zähen Flüssigkeit in ein kleines Glaß rinnen. Dann reichte er es dem Gouverneur.

„Hier, probieren Sie. Essenz erster Güte.“

Kanto schnupperte an dem Glas. Die Flüssigkeit roch… frisch. Irgendwie grün. Durchaus angenehm. Luumo Suli nickte aufmunternd. Kanto nippte. Die Substanz war ölig und schmeckte bitter, aber nicht unangenehm. Der Geschmack war eher… interessant. Er leerte das Gläßchen.

„Es ist seit jeher ein Heilmittel, sowohl der Kage, als auch der Beluganer. Eingesetzt bei Übelkeit, allgemeinem Unwohlsein, Kreislaufschwäche und zahllosen weiteren Beschwerden. Ein altes Sprichwort besagt: Ein Tropfen Essenz erhält die Existenz."

Kanto lächelte. Vielleicht kein übler Werbeslogan. Nachdenklich ließ er den Blick über die Distille schweifen. Es schien an mehreren Stellen solche kleinen Ablasshähne zu geben. Er deutete darauf.

„Ich nehme an, man kann die Essenz in unterschiedlichen Stadien der… wie habt ihr es genannt… Läuterung abzapfen?“

Der Minister lächelte und nickte. „Ja. Aber nur bei der letzten Stufe spricht man tatsächlich von Essenz. Die Vorstufen werden anders genannt, jedoch gibt es keine Übersetzung der Bezeichnungen in Basic. Grundsätzlich gilt, dass die Wirkung ähnlich, aber schwächer ist. Geruch und Geschmack variieren, vom scharfen Kuzzk, bis hin zum eher süßlichen, Babik. Wobei der Grundtenor immer das Bittere bleibt.“ Der sonst eher ernsthafte Minister ließ bei dem Thema Leidenschaft aufblitzen.

„Sehr interessant. Und vielversprechend. Wie hoch ist die derzeitige Produktion? Planetenweit meine ich.“

Das graue Gesicht des Kage legte sich in nachdenkliche Falten. „Ich habe keine genaue Zahl. Die Produktion deckt den Bedarf. Bei dem hohen Aufwand, wird natürlich nur das produziert, was benötigt wird. Und bevor Sie fragen: Ja, die Produktion ließe sich erweitern, wenn wir Essenz exportieren wollen würden. Aber der Aufbau von neuen Gärten braucht viel Zeit. Die Gewinnung von Sporen ist arbeitsintensiv und es dauert, bis neue Gärten erste Erträge bringen.“

Kanto nickte und trat wieder auf den Hof hinaus. Der Minister folgte ihm.


„Ich verstehe. Ich möchte eine Probe der Essenz sowie aller vorgelagerten Stufen der Flüssigkeit nach Blanks Festung mitnehmen, um eine geeignete Vermarktungsform zu finden.“

Er ließ den Blick noch einmal durch die faszinierende Kaverne gleiten, bevor er sich wieder an den Minister wandte.

„Sie wissen, dass finanzielle Einnahmen Sicherheit für Quarzite bedeuten. Nur wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind, können wir auf lange Sicht in der Galaxis bestehen. Reine Erzexporte sind nicht nachhaltig und wir konkurrieren damit direkt auf dem galaxisweiten Markt. Ein solches Produkt,“ und Kanto deutete auf die Distille, „ist einzigartig. Und schont die natürlichen Ressourcen.“

Persönlich war ihm die Schonung der planetaren Ressourcen völlig egal. Die Galaxis war übersäht von Erzplaneten, auf einer größeren Skala war so etwas eine unendliche Ressource. Aber er wusste, dass besonders den Kage der Einklang mit dem Planeten wichtig war, weshalb der diesen Aspekt besonders betonte.

Der alte Kage nickte verstehend.
„Jawohl, Gouverneur. Ich lasse die Proben zusammenstellen.“ Er winkte einen Arbeiter heran und erteilte die entsprechenden Anweisungen.

Kanto war sehr zufrieden. Als er vor wenigen Tagen zum ersten Mal von dieser Essenz gehört hatte und dass sie aus Flechten gewonnen wurde, hatte er sich ein ekelhaftes Gebräu vorgestellt. Aber aus diesem Geschmack und Geruch würde sich definitiv etwas machen lassen. Er konnte es gar nicht erwarten, das Zeug in einen Pogoya-Cocktail zu mischen.

Vielleicht würde Gouverneur Theranos Zesh nicht der einzige sein, der ein neues Luxusgetränk auf dem Markt brachte…



[ Quarzite | Äquatorregion | Flechtengärten von Parapito ] Kanto Garison, Landwirtschaftsminister Luumo Suli (NPC), sowie zahlreiche Arbeiter (NPCs)
 
Quarzite || Blanks Festung || Ratsgebäude || Calix Maro [alias Korin Vesh] und imperiale Beamte

Die Tür des Besprechungsraumes glitt hinter ihm zu mit jener lautlosen Präzision imperialer Architektur, die jeden Übergang sauber erscheinen ließ, selbst wenn auf der anderen Seite eines solchen Moments ganze Welten gegeneinander arbeiteten. Für einen Atemzug verlangsamte Calix seinen Schritt kaum merklich, nicht genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, aber ausreichend, damit sein Körper die Spannung registrieren konnte, die sich während des Gesprächs in ihm festgesetzt hatte. Sie fiel nicht von ihm ab, dafür war die Anspannung zu hoch. Das war der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Lügner und einem Agenten. Ein Lügner wartete auf Erleichterung. Ein Agent gewöhnte sich daran, dass sie nie vollständig kam.
Die breiten Korridore des Ratsgebäudes lagen ruhig vor ihm, durchzogen vom gedämpften Licht eingelassener Wandstreifen, deren kaltes Weiß die dunklen Steinflächen wie chirurgische Schnitte wirken ließ. Beamte bewegten sich an ihm vorbei, einzelne Sicherheitskräfte nickten ihm mit jener nüchternen Selbstverständlichkeit zu, die er sich in wenigen Stunden bereits erarbeitet hatte. Sein alter ego Korin Vesh begann als Figur im Gedächtnis anderer Menschen zu existieren. Genau darin lag die eigentliche Gefahr solcher Einsätze. Eine Tarnidentität wurde umso belastbarer, je mehr sie sozial verankert war, und zugleich wurde sie mit jeder neuen Begegnung schwerer wieder abzustreifen. Er hielt seinen Gang gleichmäßig, weder hastig noch langsam. Jeder Blick, jede kleine Geste blieb kontrolliert. Selbst jetzt, allein auf dem Weg durch die imperialen Hallen, durfte keine Sekunde entstehen, in der Calix Maro sichtbarer wurde als Korin Vesh.

Die Wohnung, die der NRGD für ihn vorbereitet hatte, lag im oberen Verwaltungsbezirk von Blanks Festung, weit genug von den repräsentativen Regierungsbauten entfernt, um nicht prestigeträchtig zu wirken, und gleichzeitig nah genug, um seine neue Position glaubwürdig zu machen. Der Geheimdienst hatte ganze Arbeit geleistet. Im Eingangsbereich standen Gebrauchsspuren an den richtigen Stellen. Einige Bücher mit Randnotizen in Kageschrift lagen offen auf einem niedrigen Tisch. Kleidung hing ordentlich, aber nicht zu ordentlich im Schrank. Lebensmittelbehälter im Kühlfach trugen Einkaufsmarkierungen aus den vergangenen Wochen. Selbst die Luft hatte diesen schwer greifbaren Geruch eines tatsächlich bewohnten Ortes angenommen, eine Mischung aus Staub, Stoff und den schwachen Rückständen synthetischen Tees. Korin Vesh wohnte bereits seit Monaten hier. Zumindest für jeden, der oberflächlich hinsah.

Calix schloss die Tür hinter sich und blieb reglos stehen, dann begann die eigentliche Ankunft. Er legte weder Mantel noch Datentasche ab, stattdessen glitt sein Blick langsam durch den Raum, während sich seine Aufmerksamkeit von der Rolle löste und in den Modus überging, der tiefer saß als jede Legende. Seine Finger wanderten unter die Kanten des Tisches, prüften die Unterseite der Sitzflächen, die Lüftungsschlitze, die Rahmen der Lichtleisten. Danach holte er aus seiner Tasche einen schmalen Signalscanner hervor, kaum größer als ein Datenstift, und ließ ihn lautlos über die Frequenzbereiche laufen. Der Apparat reagierte nur mit schwachen Ausschlägen gewöhnlicher Gebäudetechnik. Keine aktiven Wanzen. Keine improvisierten Sender. Dennoch überprüfte er auch die Wasserleitungen und die Stromverteiler hinter der Küchenwand. Paranoia war im Nachrichtendienst nur ein anderer Begriff für Erfahrung.

Erst danach setzte er sich.

Das Sofa gab unter seinem Gewicht leicht nach, während er den Kopf gegen die Rückenlehne sinken ließ und die Augen für einen Moment schloss. In seinem Geist begann das Gespräch mit Garison bereits, sich in verwertbare Fragmente aufzuspalten. Truuine und die dazugehörige Gala imperialer Würden- und Amtsträger. Dazu die persönliche Lambda-Fähre des Gouverneurs sowie die Bereitschaft des Gouverneurs, einen kageischen Künstler mitzunehmen. Dazu die geplanten Verwaltungsverlagerungen, die Idee eines Zensus, mögliche externe Beamte. Einzelne Maßnahmen wirkten harmlos. Zusammengenommen bildeten sie ein neues Bewegungsmuster imperialer Verwaltung auf Quarzite.
Die Priorität war klar. Die Skulptur samt des Künstlers. Ein Kunstwerk bedeutete Transport. Transport bedeutete Freigaben, Begleitpersonal, Sicherheitsprüfungen, Frachtlisten, Übergänge zwischen militärischer und ziviler Infrastruktur. Vor allem aber bedeutete es Zugang. Wer die richtige Person auswählte, konnte eine operative Plattform direkt in die Nähe hochrangiger imperialer Netzwerke bringen. Vielleicht nur für Beobachtung. Vielleicht für mehr. Dazu noch der Künstler, der mit richtiger Vorbereitung auch aus der Hand des NRGD stammen könnte. Abhörgeräte wären bei einem solchen Treffen reiner Selbstmord, doch welches Abhörgerät war besser als die beiden Ohren, die ein Kage besaß? Zwar konnte er nicht bis in die tiefsten Zirkel der Macht vordringen, doch jede Information, jede Temperaturmessung im Raum war ein Erkenntnisgewinn. Solche Agenten, auch "Schwämme" genannt, waren dazu da alle Informationen, die sie abgreifen konnten, abzugreifen, wo Technik versagen oder enttarnt werden würde.
Calix öffnete die Augen wieder. Garison hielt die Idee für kulturelle Repräsentation. Der NRGD würde darin einen Kanal sehen. Langsam stand er wieder auf und trat an das schmale Fenster der Wohnung. Jenseits der transparenten Scheibe erhoben sich die violett schimmernden Kristallformationen der Kavernenstadt wie gefrorene Wellen. Dazwischen bewegten sich Förderplattformen und Lichterketten durch die Dunkelheit. Quarzite wirkte aus der Ferne beinahe ruhig. Genau das machte den Planeten gefährlich. Ruhe verbarg Bewegungen besser als Chaos.

Die Kontaktaufnahme mit seinen Vorgesetzten folgte keinem direkten Muster. Sie durfte es nicht. Zunächst aktivierte er ein gewöhnlich wirkendes Verwaltungsdatapad und öffnete ein Formular des Infrastrukturministeriums, das für Materialbedarfslisten vorgesehen war. Dort änderte er zwei Zahlenkolonnen in einer Weise, die für jeden Außenstehenden wie ein simpler Übertragungsfehler wirkte. Tatsächlich entstand dadurch ein mathematischer Marker innerhalb eines automatisierten Verwaltungsnetzwerks, den nur ein bestimmter Filter des NRGD erkannte. Ein statistischer Fehler an der richtigen Stelle. Danach verließ er die Wohnung erneut für wenige Minuten, kaufte an einem Straßenstand eine billige lokale Zeitung und ließ sie in einem öffentlichen Leseterminal liegen, aufgeklappt auf einer bestimmten Seite. Der eigentliche Code lag nicht im Inhalt des Artikels, sondern in der Uhrzeit des Abrufs und der Position des Terminals innerhalb der Stadt. Erst die Kombination beider Signale erzeugte die vollständige Botschaft: Treffen erforderlich. Priorität erhöht.

Als er in die Wohnung zurückkehrte, war äußerlich nichts geschehen, doch irgendwo im Schatten der republikanischen Netzwerke hatte bereits jemand verstanden, dass Korin Vesh heute wertvoller geworden war als am Morgen zuvor.


Quarzite || Viertel anliegend an Blanks Festung || Korin Veshs Wohnung || Calix Maro, allein
 
[ Quarzite | Blanks Festung | Dachterrasse der Gouverneursvilla ] Kanto Garison und Halcyon Rak (NPC)


Der Gouverneur und sein engster Berater hatten es sich auf der großzügigen Dachterrasse der Villa gemütlich gemacht. Kanto war noch nicht oft hier oben gewesen, obwohl die Aussicht wirklich hervorragend war: Da ein Teil der Villa direkt in die alte Festungsmauer integriert war, befanden sie sich hier auf dem Dach sozusagen auf der Mauer und konnten sowohl in die Stadt hinein, als auch auf das Vorland hinausblicken. Die kleine, gemütliche Sitzgruppe, die von großen Pflanzkästen mit Kristallen und Pilzen etwas abgeschirmt wurde, war noch von seinem Vorgänger, Ex-Gouverneur Labruzza hier. Aber Kanto und Halcyon standen noch an der Mauerbrüstung und ließen die Blicke über die Pilzfelder des Vorlands schweifen.


„Bei der Lösung des Logistik-Problems sind wir immer noch nicht weitergekommen. Für NoiTec scheint der Auftrag nicht interessant zu sein. Und die anderen Firmen, die wir noch angefragt haben, schrecken vor der Unsicherheit der Routen zurück.“

Kanto nickte zustimmend. Es war ein drängendes Thema, weil es nahezu all ihre Pläne betraf. Den Bau des Raumhafens genauso wie die Rohstofflieferungen für Sagar und Prefsbelt IV. Er zögerte noch einen Moment, bevor er aussprach, was er sich während der letzten Tage überlegt hatte.

„Ja. Und in der derzeitigen politischen Lage, die wohl eher noch unsicherer wird, stelle ich mir die Frage, ob wir überhaupt ein Transportunternehmen finden werden, das sich mit Quarzite befassen wird. Es ist ja nicht anzunehmen, dass unsere Transportrouten nach Prefsbelt oder Truuine sicherer werden, eher das Gegenteil.

Ich habe mir deshalb folgendes überlegt. Wir gründen selbst ein entsprechendes Unternehmen, genau zugeschnitten auf unsere Bedürfnisse.“


Er hob die Hand um den Einwänden Halcyons zuvorzukommen. „Ich weiß. Wir haben keinen einzigen Credit übrig für so etwas, im Gegenteil. Das ganze Aufzugprojekt läuft ja schon mehr oder weniger auf Pump. Mein Vorschlag: Wir gründen eine Firma, die zu fünfzig Prozent uns, und zu fünfzig Prozent Gouverneur Theranos Zesh gehört. Soweit ich weiß, verfügt er über ausreichend Geldreserven. Und so wie ich ihn persönlich einschätze, ist er ein Mann, der eine Geschäftsgelegenheit ergreift, wenn sie sich ihm bietet.
Meine fünfzig Prozent leihe ich mir bei der Familie. Natürlich wird Mutter das Geld nicht auf der hohen Kante haben, aber es sollte kein Problem für sie sein, einen entsprechenden Kredit auf Kuat zu erhalten.
Meine Idee dabei ist: Wenn sich die Firma auf Transportrouten mit erhöhtem Risiko spezialisiert, könnte das in Zukunft sehr lukrativ sein. Das ist ein wachsender Markt, da bin ich sicher.“


Halcyon nickte und sagte nachdenklich: „Die wachsende Instabilität der Galaxis schadet uns grundsätzlich. Aber das muss ja nicht zwingend so bleiben.“

Kanto lächelte zufrieden. Wenn die Idee seinen Telbun überzeugte, war der schwerste Teil fast schon geschafft.

„Wir sollten umgehend einen genauen Fahrplan für diese Unternehmensgründung aufstellen. Vor Allem musst du Kontakt mit Gouverneur Zesh und deiner Mutter aufnehmen, um die Finanzierung zu klären.“


Das Klirren von Gläsern unterbrach die beiden. Mellis Nival, Kantos langjährige persönliche Kammerdienerin kam mit einem Servierwagen mit einer Auswahl an Alkohol, Mischgetränken und Eiswürfeln und schob ihn neben den niedrigen Tisch. Ihre Mine ließ nicht erkennen, was sie davon hielt, aber Kanto kannte sie gut genug, um es sich selbst denken zu können.

Er grinste frech und setzte sich an den Tisch.


„Vielen Dank, Mellis.“ Dann sagte er zu Halcyon: „Umgehend ist doch ein dehnbarer Begriff, oder? Zuerst wollen wir das Geschäftliche mit dem Angenehmen verbinden.“

Der ältere Mann schmunzelte und ließ sich auf einen der bequemen Sessel nieder. „Also gut, was haben wir da alles… Chandrilanischer Brandy, Ambrostine, Graßrum von Dantooine und Ithor-Gin… Das ist unser Bestand? Eine klassische Ansammlung uninspirierter Geschenke, würde ich sagen. Ah, und dein Corellianischer Whiskey natürlich.“ Halcyon schwenkte die Flasche, die bereits zur Hälfte leer war. Er überflog die Fruchtsäfte und Softdrinks und entdeckte eine fein gearbeitete Kassette im unteren Fach des Wagens.

„Und was ist das? … Imperial Sensus.“ Er nahm das schwere Kistchen auf seinen Schoß und warf Kanto einen fragenden Blick zu.
Der beugte sich vor, um die Kassette ebenfalls zu betrachten und sagte:
„Eine Probe des neuen Schaumweins von Gouverneur Theranos Zesh. Ich habe dir doch von den Kristallgläsern erzählt, die wir für ihn herstellen wollen. Die erste Kollektion ist auch schon fertig, werde ich jetzt dann nach Prefsbelt IV schicken lassen."

Halcyon öffnete den Verschluss der edlen Kassette mit einem hörbaren Schnappen. Darin befanden sich zwei Flaschen, eine weiß, eine schwarz. Er laß: „Imperial Sensus, Luxa Solis und Classic. Wenn wir die aufmachen, müssen wir Mellis fast dazu holen. Es ist sowieso überfällig, deinen Einstand hier auf Quarzite zu feiern!“

Er grinste seinen Schützling väterlich an und legte die Kassette vorerst zur Seite. Dann holte er eine kleine, dunkelgrüne Flasche vom Servierwagen und hielt sie prüfend ins violette Licht der Höhlenkristalle.

„Und das hier ist diese ‚Essenz‘? Das Flechtengebräu?“

Kanto nickte. „Ja, aber verdünnt. Die Einheimischen nehmen es tropfenweise als Arznei. Aber zum Mischen wäre das zu schwer zu dosieren. Probier’s mal!“

Halcyon entkorkte das Fläschen und roch daran. „Hm, riecht gut. Nach Frühling auf den Drebin-Weiden.“ Dann schenkte er einen winzigen Schluck in ein Glas und nippte daran. Und nickte anerkennend.

„Nicht übel. Ich muss dir zustimmen, das lässt sich sicher für Cocktails nutzen. Also dann wollen wir mal…“

Er beugte sich über die diversen Zutaten und sie begannen gemeinsam, herumzuprobieren, in welcher Mischung sich die „Essenz“ am besten machte.

Eine Stunde später und gut angeheitert hatten sie ihre Wahl getroffen. Einmal die recht offensichtliche Variante: Rum mit Pogoya-Saft und einem Schuss Quarzite Essenz. Schmeckte fruchtig und sommerlich, aber mit der leicht herben und grasigen Note der Essenz. Außerdem ergab sich ein optisch schöner Farbverlauf vom dunklen Grün am Boden zum sonnigen Orange des Pogoyasafts. Deshalb hatten sie sich auf den gut vermarktbaren Namen „Quarzite Sunrise“ geeinigt. Das war zwar etwas ironisch, da es auf Quarzite ja gar keine Sonnenaufgänge gab, aber das interessierte den Rest er Galaxis wahrscheinlich sowieso nicht.

Die zweite Kreation ebenso schlicht wie effektiv, um den besonderen Geschmack des Flechtendestillats zur Geltung zu bringen: Gin, Essenz und Sodawasser. Besonders zu dem recht kräuterigen Ithor-Gin passte die Essenz sehr gut.

Und schließlich hatten sie noch Gouverneur Zesh’s Schaumwein gekostet. Der wahrlich nicht übel war. Und weil sie nicht nur zum Vergnügen hier waren, hatten sie dann auch diesen noch mit Essenz gemischt. Die intensive Farbe des Flechtendestillats färbte den Sekt leuchtend Grün und verlieh dem Getränk eine herbe Note, die tatsächlich sehr gut zu dem süßeren der beiden Schaumweine passte, dem „Luxa Solis“. Mit Eiswürfeln war es der perfekte Sommerdrink für gehobene Anlässe.

Das fanden zumindest Kanto und Halcyon. Und sogar Mellis, die Kammerdienerin genehmigte sich ein Glas und steuerte den passenden Namen bei:


„Da das quasi das Ergebnis der Arbeit zweier imperialer Gouverneure ist, finde ich Gouverneur als Name passend.“

Sie stießen an und Kanto meinte grinsend: „Ja, das gefällt mir. Der Name hebt den Drink auch gleich auf das ihm angemessene Niveau. Ich werde Zesh eine Flasche Essenz schicken, dann kann er sich selbst davon überzeugen. Und ich muss ihn bitten, die Erlaubnis zu erteilen, dass wir den Drink gleich mit bewerben dürfen."

Mellis Nival wechselte das Thema:

„Wie geht denn die Raumhafen-Baustelle voran?“

Kanto schwenkte die grüne, sprudelnde Flüssigkeit in seinem Glas und seufzte.

„Langsam aber stetig. Es wird derzeit gleichzeitig am Grundgerüst des Raumhafens und an den Aufzugröhren gearbeitet, je nach Material, das gerade verfügbar ist. Die Rohstofflieferungen sind immer noch ein Problem, aber ich habe gerade mit Halcyon einen Plan entwickelt, wie wir in Zukunft damit umgehen werden.“

Er überlegte kurz, dann fuhr er fort. „Mellis, könntest du ein Geschenkpaket an Gouverneur Theranos Zesh vorbereiten? Eine Flasche Essenz inklusive Rezept für den Gouverneur-Drink, die final ausgewählte Kollektion der Kristallgläser und eine Holonachricht, die ich nachher noch aufzeichnen werde. Versuch, es irgendwie Quarzite-typisch aussehen zu lassen."

Mellis nickte.


[ Quarzite | Blanks Festung | Dachterrasse der Gouverneursvilla ] Kanto Garison; Halcyon Rak und Mellis Nival (NPCs)
 
[ Quarzite | Blanks Festung | Villa des Gouverneurs] Kanto Garison, Mellis Nival (NSC)


Mellis Nival, Kantos Kammerdienerin, packte die Koffer für die morgige Reise nach Truuine. Währenddessen verschickte Kanto zwei kurze Nachrichten. Eine an Orbitalingenieurin Thalia Sassameer und eine an den Kulturellen Attaché, Korin Vesh.

Sassameer sollte sich auf die bevorstehende Reise vorbereiten. Sie würde Kanto begleiten und dann auf Truuine verbleiben, um im Auftrag der dortigen Verwaltung einen um den Planeten kreisenden Mond zu erschließen. Im Austausch dafür würde Quarzite Anteile an dem dort entstehenden Minenprojekt erhalten. Im Grunde war das alles schon besprochen, deshalb war die Nachricht entsprechend knapp.

Das gleiche galt für die Botschaft an Korin Vesh. Er sollte den von ihm ausgewählten Künstler auf die Reise vorbereiten und die letzten Spezifikationen, die dieser für den Transport und die Ausstellung seiner Kristallschnitzereien bräuchte, mitteilen.

Als das erledigt war, gab es nur noch eines zu tun: Ein letztes Mal mit Halcyon Rak die wichtigsten Details durchgehen, die während Kantos Abwesenheit wichtig waren. Er würde Kanto vertreten und es würde die längste Abwesenheit des Gouverneurs von Quarzite sein, seit er dieses Amt angetreten hatte. Aber ganz ehrlich: Im Grunde war das nichts Besonderes. Gouverneure waren für gewöhnlich oft kreuz und quer in der Galaxis unterwegs. Aber andere Gouverneure hatten auch einen breit aufgestellten Verwaltungsapparat unter sich. Und das konnte man hier auf Quarzite definitiv nicht behaupten. Aber gut, was solls. Es war Zeit, sich eine kleine Auszeit zu gönnen. Und was wäre dafür geeigneter, als eine Gala der Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste und imperialer Kultur.

Schmunzelnd verließ Kanto die Villa, um sich mit Halcyon im Ratsgebäude zu treffen.



[ Quarzite | Alter Raumhafen | Hangar der Lambda-Fähre „Sternenschweif“ ] Kanto Garison und NSCs Mellis Nival & Thalia Sassameer



~ Am nächsten Tag ~


Der kleine Hangar war bis auf das persönliche Schuttle des Gouverneurs leer, wenn man von den Wachen und dem Raumhafenpersonal absah. Mellis Nival überwachte das Verladen des Gepäcks, während Kanto sich mit der Orbitalingenieurin Sassameer unterhielt.

„Heute Morgen konnten wir den ersten Test der Lastenkabine fahren. Ich muss sagen, dass ich ziemlich froh bin, diesen wichtigen Schritt noch vor meiner Abreise erfolgreich abgeschlossen zu haben“, berichtete sie.

Kanto glaubte daraus eine Mischung aus professioneller Zufriedenheit und leichter Verstimmung herauszuhören. Anscheinend gefiel es der leitenden Ingenieurin nicht, ihr wichtigstes Projekt vor Fertigstellung zu verlassen. Deshalb antwortete er:


„Das klingt, als lägen die schwierigen Bauabschnitte hinter uns. Für eine begabte Wissenschaftlerin wie Sie höchste Zeit, die nächste Herausforderung anzunehmen, oder?“ Er lächelte verschwörerisch. „Sie wären nicht die Erste, die sich auf Quarzite langweilt.“

Aber die Schwarzhaarige stieg nicht auf seinen lockeren Umgangston ein. „Ich halte es für wichtig, dass die leitende Ingenieurin von Anfang bis Ende bei einem Projekt dabei ist. Alles andere ist… unprofessionell. Gerade gegen Ende passieren oft Fehler aufgrund nachlassender Motivation oder Sorgfalt. Völlig unnötig und deshalb umso ärgerlicher.“

Die letzten Worte kamen schon fast heftig und eine leichte Röte zeigte sich in ihrem blassen Gesicht. Kanto unterdrückte ein Seufzen. Wenn er solchen Feuereifer in seine Arbeit legen würde, wäre er sicher nach nicht mal fünf Jahren als Gouverneur ausgebrannt. Er empfand den starken Willen der Frau ein Bisschen lästig. Aber gut. Sie war sehr fähig und so wie Kanto den Gouverneur von Truuine einschätzte, würde Solaris die Motivation der Ingenieurin zu schätzen wissen. Das tat er selbst ja im Grunde auch. Und deshalb hatte er eine kleine Belohnung für Sassameer, um sie noch stärker an ihn persönlich zu binden.

„Da stimme ich Ihnen zu. Aber in diesen Zeiten des wiederaufflammenden Krieges werden gute Leute an allen Orten dringen gebraucht. Und das ist ein ernstgemeintes Lob. Ich schätze die Arbeit die Sie hier geleistet haben sehr und das will ich nicht nur durch leere Worte zeigen. Ich habe veranlasst, dass sie persönlich jeweils 0,1 Prozent Anteile am Quarziter Weltraumaufzug und am zukünftigen Aufzug auf dem Truuiner Salzmond erhalten.“

Er sah, wie sich erst Verwirrung und dann Widerspruch auf ihren Zügen andeutete, aber er kam ihrer Widerrede mit erhobener Hand zuvor.

„Ich weiß! Sie halten nicht viel von Reichtum. Aber gute Arbeit soll entlohnt sein und Sie können damit ja tun, was Sie wollen. Meinetwegen spenden Sie ihre Rendite, oder stecken Sie sie in Forschung. Oder unterstützen Sie Ihre Familie auf Kuat. Das ist allein Ihre Entscheidung. Und ich erwarte auch keinen Dank, denn es bin ja ich, der Danke sagt.“

Mit Amüsement beobachtete er ihr Minenspiel, das erst in Trotz, dann Nachdenklichkeit und schließlich dazu überging, den Impuls zu unterdrücken, sich dennoch zu bedanken. Dann entschied er, sie nicht noch länger zappeln zu lassen und ging zur Einstiegsrampe.

„Und nun kommen Sie. Wir warten nur noch auf diesen Künstler, dann starten wir. Ich hoffe, Sie haben Ihre besten Ballkleider eingepackt, denn auf uns wartet eine Veranstaltung der besonderen Art!“


[ Quarzite | Alter Raumhafen | Hangar der Lambda-Fähre „Sternenschweif“ ] Kanto Garison und NSCs Mellis Nival & Thalia Sassameer
 
Quarzite || Krism Cave || Korin Veshs Wohnung || Calix Maro, allein

Die folgenden Tage vergingen nicht ereignislos. Für die imperiale Verwaltung war Korin Vesh inzwischen ein vertrauter Anblick in den langen Korridoren des Ratsgebäudes. Er erschien pünktlich, verließ Besprechungen mit derselben ruhigen Höflichkeit, mit der er sie betrat, studierte Bauakten, prüfte Wirtschaftspläne und führte Gespräche mit Beamten, deren Namen er sich scheinbar aus Pflichtgefühl einprägte. Tatsächlich legte er sich in Gedanken längst ein anderes Verzeichnis an. Nicht die Namen interessierten ihn, diese waren Schall und Rauch. Diese Hallen beherbergten einen weitaus größeren Schatz, nämlich Netzwerke und Beziehungen. Wer wartete auf wessen Zustimmung? Wer sprach zuerst? Wer schwieg, obwohl er ranghöher war? Verwaltung war selten das, was Organigramme behaupteten. Macht floss beinahe immer entlang persönlicher Gewohnheiten und diese konnte ein Geheimdienst für sich arbeiten lassen.

Die Lagebilder, die Garison gefordert hatte, wuchsen unter seinen Händen tatsächlich zu einer Situations- und Ressourcenanalyse heran, ohne dass der Gouverneur ahnte, wie wörtlich Calix diesen Begriff verstand. Jeder Termin bei einem Dorfältesten, jeder Besuch einer Minengilde, jede Besprechung mit Vertretern der Kage wurde doppelt ausgewertet. Ein Bericht wanderte in die Archive der Gouverneursverwaltung, der andere entstand ausschließlich in seinem Kopf und fand seinen Weg zum NRGD. Dort entstand langsam ein Netz aus Sympathien, alten Feindschaften, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und familiären Bindungen. Genau dort lagen die Hebel, die Nachrichtendienste suchten. Gesellschaften zerfielen niemals entlang offizieller Grenzen.

Besonders aufmerksam beobachtete er die sogenannten Beteiligungsformate, die der imperiale Gouverneur ausdrücklich fördern wollte. Nach außen entwickelte Korin Vesh erste Ansätze von Verfahren, die den Kage Mitsprache ermöglichten. Dazu gehörten Arbeitsgruppen, Konsultationen sowie regionale Anhörungen. Intern erkannte Calix darin jedoch dieselben Mechanismen wieder, die auch Geheimdienste nutzten, wenn sie Organisationen lähmen wollten. Ein einziger hartnäckiger Fragesteller konnte Sitzungen um Stunden verzögern. Zwei widersprüchliche Gutachten reichten aus, um Ausschreibungen monatelang aufzuhalten. Mussten zusätzlich traditionelle Rechte geprüft werden, verlor selbst der effizienteste Verwaltungsapparat seinen Takt. Der NRGD begann deshalb bereits, geeignete Persönlichkeiten zu identifizieren. Sie suchten nach Einheimischen, die glaubwürdig Fragen stellten, auf Verfahrensregeln bestanden und dadurch genau jene bürokratische Reibung erzeugten, die das Imperium selbst so liebte. Es war eine Form der Zersetzung, die vollkommen legal aussah.

Parallel dazu arbeitete ein anderer Teil des Geheimdienstes bereits an Garisons neuer Idee: Der Künstler.
Offiziell sichtete Korin Vesh verschiedene Kristallschnitzer aus den kageischen Bezirken. Er besuchte Werkstätten, ließ sich Arbeiten zeigen, sprach über Formen, Traditionen und die Symbolik bestimmter Schliffe. Tatsächlich war jede Begegnung zugleich eine Sicherheitsüberprüfung. Der ausgewählte Mann durfte weder besonders ideologisch sein noch besonders unpolitisch. Er musste ruhig sprechen können, sich an Absprachen halten und vor allem improvisieren können, falls sich Gelegenheiten ergaben.

Die Wahl fiel schließlich auf Zarek Nyr, einen älteren Kristallbildhauer aus den westlichen Kavernen, dessen Werke weit über Quarzite hinaus als außergewöhnlich galten. Seine Skulpturen wirkten schlicht, offenbarten ihre eigentliche Komplexität jedoch erst aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Calix empfand darin beinahe eine Ironie. Der Mann schuf Kunstwerke, die genau nach denselben Prinzipien funktionierten wie gute Legenden.
Der Kage hatte die besten Jahre seines Lebens längst hinter sich gelassen, ohne dabei den Eindruck von Schwäche zu vermitteln. Seine schmale Gestalt wirkte beinahe asketisch, als hätte jedes überflüssige Gramm Gewicht über Jahrzehnte hinweg den Kristallstäuben seiner Werkstatt weichen müssen. Die helle, graublaue Haut seines Volkes war von feinen, beinahe weißen Adern durchzogen, wie Haarrisse in geschliffenem Quarz. Zwischen den hohen Wangenknochen lagen dunkle, tief eingesunkene Augen, deren bernsteinfarbene Iris das Licht der Kristalladern einzufangen schien, ohne es jemals ganz freizugeben. Sein silbergraues Haar trug er lang und locker im Nacken zusammengebunden. Selbst seine Hände wirkten ungewöhnlich: Schmal, ruhig und von zahllosen kleinen Schnitten überzogen, die nur Menschen kannten, die jahrzehntelang mit scharfkantigen Mineralien gearbeitet hatten. Nyr sprach selten laut. Seine Stimme war rau, beinahe trocken, als müsse jedes Wort zunächst an jahrzehntelang eingeatmetem Kristallstaub vorbeifinden. Zwischen seinen Sätzen entstanden Pausen, die nie unbeholfen wirkten. Er schien Gedanken lieber zu schleifen als auszusprechen, bis sie dieselbe Klarheit besaßen wie die Werke, die seine Werkbank verließen. Wer ihn zum ersten Mal traf, konnte diese Zurückhaltung leicht mit Unsicherheit verwechseln. Tatsächlich besaß der Bildhauer eine stille Selbstgewissheit, die keiner Bestätigung bedurfte. Ein Künstler, dessen Werke erst beim zweiten Hinsehen ihre eigentliche Aussage offenbarten, verstand intuitiv etwas, das auch für Nachrichtendienste galt: Die wichtigsten Wahrheiten lagen fast nie an der Oberfläche.

Das eigentliche Briefing geschah während eines langen Spaziergangs durch verlassene Förderstollen, unterbrochen von Gesprächen über Werkzeugstahl, Kristalladern und alte Familiengeschichten. Außenstehende hätten zwei Landsleute gesehen, die über Handwerk sprachen. Tatsächlich erhielt Zarek jede Information in kleinen Fragmenten. Niemals genug, um das Gesamtbild zu erkennen. Er sollte beobachten, nicht suchen. Zuhören, nicht fragen, sich Gesichter merken und Räume beschreiben können sowie Sicherheitsabläufe zählen. Vor allem aber sollte er Künstler bleiben. Ein Agent, der sich wie ein Agent benahm, war verloren. Ein Künstler durfte neugierig sein, malte zuweilen außerhalb der vorgegebenen Linien.

Als Calix den alten Mann schließlich verabschiedete, blieb er noch lange im Tunnel stehen. Gouverneur Garison glaubte, er bereite eine kulturelle Geste vor, die den Zusammenhalt des Planeten stärken würde. In Wahrheit hatte er unbewusst den ersten Stein für eine Operation gelegt, die weit über Quarzite hinausreichen konnte.


Quarzite || Krism Cave || Korin Veshs Wohnung || Calix Maro, allein
 
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