Quarzite

[ Quarzite | Blanks Festung | Ratsgebäude ] Kanto Garison, Korin Vesh, Halcyon Rak (NPC), Sekretärin Sinta (NPC)


In seiner ruhigen, reservierten Art bestätigte der kulturelle Attaché noch einmal, dass er alle besprochenen Punkte bearbeiten und eine strukturierte Rückmeldung geben würde. Und dass er einen geeigneten Künstler für die Truuiner Gala auswählen würde. Dann dankte er für die Zeit und verabschiedete sich förmlich.

Kanto entschied, dem Kage die Ehre zu erweisen und zur Verabschiedung aufzustehen. Natürlich würde er dem Alien nicht die Hand schütteln, dass ginge zu weit. Stattdessen neigte er knapp den Kopf und lächelte noch einmal geschäftsmäßig.


„Ich habe den Eindruck, dass meine Zeit hier sinnvoll investiert ist. Ich hoffe, dieser Eindruck trügt nicht“, fügte er spielerisch hinzu.

„Ich werde Ihnen eine Nachricht zukommen lassen, sobald ich genau weiß, wann ich nach Truuine abreise. Und ich werde Ihren ersten Bericht mit Spannung erwarten.
Bis dahin, Herr Vesh, nochmals willkommen in der imperialen Verwaltung. Lang lebe das Imperium.“


Mit diesen Worten entließ er den Kage. Als sich die Tür hinter dem Mann geschlossen hatte und auch die Sekretärin nicht mehr im Raum war, drehte sich Kanto zu Halcyon Rak um.

„Na, was denkst du? Ich bin, ehrlich gesagt, positiv überrascht.“

Der ältere Mann mit dem ergrauenden, kurzrasierten Haar schmunzelte. „Er wirkt jedenfalls professionell. Fast zu professionell. Ich bin mir nicht sicher, ob er mit diesem kühlen Auftreten Nervosität überspielt, oder ob es einfach die typische Art der Kage ist.“

Kanto überlegte. „Moora Nima ist nicht so reserviert. Und der Landwirtschafsminister, Luumo Suli zum Beispiel, ist zwar ein wohlüberlegender, aber doch spürbar leidenschaftlicher Mann. Vielleicht ist Herr Vesh auch einfach persönlich so.“

Halcyon nickte bedächtig und stand auf. „Ja, vielleicht. Jedenfalls scheint er mir ein sehr vorsichtiger Mann zu sein. Das kann gut sein. Ich denke, seine spezielle Rolle verlangt eine gewisse Zurückhaltung. Aber es ist verdammt schwer, ihn zu lesen. Und ich mag es nicht, wenn ich jemanden nicht einschätzen kann…“

Der Telbun warf sich seinen leichten Mantel über und steckte sein Datapad ein. Kanto streifte seine Gouverneursuniform glatt und gemeinsam verließen sie den Besprechungsraum. Sein nächster Termin würde weniger kommunikativ, aber ebenso interessant werden.





[ Quarzite | Äquatorregion | Flechtengärten von Parapito ] Kanto Garison, Landwirtschaftsminister Luumo Suli (NPC), sowie zahlreiche Arbeiter (NPCs)


Die Flechtengärten von Parapito eröffneten dem Gouverneur eine weitere, faszinierende Facette von Quarzite und er musste anerkennen, dass er den Planeten tatsächlich – so wie er es auch Korin Vesh gestanden hatte – unterschätzt hatte.

Hier, in der Äquatorregion des Planeten, zeigte sich wohl am deutlichsten die Eigenartigkeit von Quarzite. Natürlich hatte Kanto schon vor seinem Antritt als Gouverneur über den Aufbau des Planeten gelesen, und natürlich spürte er auch bei jeder Fahrt mit dem Weltraumaufzug den seltsamen Gravitations-Shift, wenn man die Dichtezone passierte. Aber hier, in Parapito zeigte sich auch optisch, was man sich in der Theorie schwer vorstellen konnte: Quarzite war wie ein Ball mit harter, schwerer Schale und leichtem, löchrigem Inneren.

Im Grunde, wie eine Kokosnuss. Ganz außen, die ultradichte Atmosphäre, wie die faserige Umhüllung der Nuss. Aber so dicht und stürmisch, dass am Boden, also am Übergang von Atmosphäre zu Felsoberfläche, der Druck so gut wie alles Lebende oder Hohle zerquetschte. Dann die harte Schale. Sie bestand überwiegend aus großen Mengen Schwermetallen, manche davon durchaus wertvoll, wie das in der Bannista-Mine gewonnene Quadanium. Und dann folgte der Kern des Planeten, der jedoch aus leichten Mineralien bestand und von unzähligen Höhlen durchzogen war. Dies führte dazu, dass die weit überwiegende Masse des Planeten in der Schale steckte und damit auch die Gravitation von dieser ausging, anstatt wie gewöhnlich vom Kern. Und das wiederum bedeutete, dass man hier auf Quarzite sozusagen auf der Innenseite der Planetenschale herumlief und „über sich“ den porösen Planetenkern hatte. Wäre es anders, würde auch die dichte Atmosphäre sofort in die Kavernen des Planetenkerns eindringen, anstatt sozusagen von außen auf die Schale zu drücken.

Soweit Kanto gelesen hatte, war sich die Wissenschaft darüber, wie Quarzite entstanden war, nicht einig. Aber die gängigste Theorie war, dass der Planet zu einer Zeit, als seine Masse noch heiß und flüssig war ein aufschlagender Komet in eine starke Drehung versetzt worden war. Durch die entstehende Zentrifugalkraft wurden die schweren, festen Bestandteile nach außen gedrückt, während im Inneren die leichteren „aufschwammen“ und sich mit der Abkühlung nach und nach ausgedehnte Risse und Hohlräume bildeten. Die dichte Atmosphäre außerhalb der Schale führte durch die hohe Reibung zu einem Abbremsen der Rotation, wobei diese Theorie nicht abschließend erklären konnte, wie es überhaupt zu der dichten Atmosphäre gekommen war.

Jedenfalls war es hier in Parapito, dass Kanto Garison die Bedeutung dessen zum ersten Mal wirklich begreifen konnte. Am Äquator des Planeten, wo die Zentrifugalkraft am stärksten gewirkt hatte, war nicht nur die Planetenschale am dicksten und damit die Schwerkraft spürbar höher, sondern es hatten sich auch wesentlich höhere – oder bessergesagt tiefere – Hohlräume in den Kern aufgetan. Kanto hatte den Kopf in den Nacken gelegt und ließ den Blick beeindruckt in die Planetentiefe schweifen. Dieser breite Riss, der von seiner Perspektive nach oben führte, bildete eine langgezogene, breite Höhle, die keine sichtbare Decke hatte. An den steilen Wänden, die aufeinander zuliefen, ohne sich jedoch zu berühren - zumindest nicht, soweit er sehen konnte – erblühten gewaltige Kristallformationen, deren Leuchten vom üblichen Violett ins Gelb tendierte. Die ganze Landschaft war in ihr warmes Licht getaucht und Parapito war der hellste Ort, den er bisher auf Quarzite gesehen hatte. Und in diesem Licht gedieh der Grund, warum er hier war. Quarzflechten.

Landwirtschafsminister Luumo Suli, ein Kage fortgeschrittenen Alters, der in einen schlichten, mit zurückhaltenden traditionellen Symbolen verzierten Mantel gekleidet war, ging vor ihm durch die Flechtengärten. Sie hatten den Repulsorgleiter vor den weitläufigen Gärten abstellen müssen, da die Repulsoren das Wachstum der empfindlichen Flechten stören konnten. Nun wanderten sie durch die mit graugrünen Gewächsen überzogene Ebene, aus der sich gelegentlich gewaltige, gelbleuchtende Kristallgruppen erhoben. In den Feldern sah man einige beluganische Bauern arbeiten.


„Die Quarzflechten sind sehr sensibel und benötigen intensive Pflege, um die gewünschte Qualität zu haben. Außerdem wachsen sie langsam. In diesem Abschnitt sind die Bauern gerade mit Schädlingsbekämpfung beschäftigt. Vor allem Milbenbefall spielt eine Rolle“, führte Luumo Suli mit seiner knorrigen Stimme aus, während sie sich auf einen Hof inmitten der Gärten zubewegten.

„Aber ich will Sie nicht mit landwirtschaftlichen Details langweilen, Gouverneur. Das wichtigste ist der Standort. Die Quarzflechte gedeiht ausschließlich im Licht der gelben Kristalle. Und diese gibt es nur am Äquator in ausreichender Dichte.“

Kanto, der hinter dem alten Kage herwanderte, nickte bedächtig. „Und ich könnte mir vorstellen, dass es sehr schwierig ist, diese Bedingungen irgendwo außerhalb Quarzites zu rekonstruieren.“

Der Kage warf ihm einen zustimmenden Blick über die Schulter zu. „In der Tat halte ich das für sehr unwahrscheinlich und wenn doch, sehr kostspielig.“

Kanto schmunzelte zufrieden. Sehr gut. Das bedeutete ein galaxisweites Monopol.

Sie erreichten den Hof, der aus mehreren, quaderförmigen Gebäuden bestand, von denen einige ein Dach aus dem leuchtenden, gelben Kristall hatten. Luumo Suli führte ihn zum höchsten Gebäude, einem schmalen, quadratischen Turm.


„Dies ist die Distille. Die fermentierten Flechten werden hier geläutert. So erhalten wir die Essenz.“

Das innere des Turms war ausgefüllt von Rohrleitungen, Kesseln und Tanks. Die Konstruktion wirkte so altertümlich wie ausgeklügelt. Der Landwirtschaftsminister ging zu einem kleinen Hahn und ließ ein paar Tropfen einer zähen Flüssigkeit in ein kleines Glaß rinnen. Dann reichte er es dem Gouverneur.

„Hier, probieren Sie. Essenz erster Güte.“

Kanto schnupperte an dem Glas. Die Flüssigkeit roch… frisch. Irgendwie grün. Durchaus angenehm. Luumo Suli nickte aufmunternd. Kanto nippte. Die Substanz war ölig und schmeckte bitter, aber nicht unangenehm. Der Geschmack war eher… interessant. Er leerte das Gläßchen.

„Es ist seit jeher ein Heilmittel, sowohl der Kage, als auch der Beluganer. Eingesetzt bei Übelkeit, allgemeinem Unwohlsein, Kreislaufschwäche und zahllosen weiteren Beschwerden. Ein altes Sprichwort besagt: Ein Tropfen Essenz erhält die Existenz."

Kanto lächelte. Vielleicht kein übler Werbeslogan. Nachdenklich ließ er den Blick über die Distille schweifen. Es schien an mehreren Stellen solche kleinen Ablasshähne zu geben. Er deutete darauf.

„Ich nehme an, man kann die Essenz in unterschiedlichen Stadien der… wie habt ihr es genannt… Läuterung abzapfen?“

Der Minister lächelte und nickte. „Ja. Aber nur bei der letzten Stufe spricht man tatsächlich von Essenz. Die Vorstufen werden anders genannt, jedoch gibt es keine Übersetzung der Bezeichnungen in Basic. Grundsätzlich gilt, dass die Wirkung ähnlich, aber schwächer ist. Geruch und Geschmack variieren, vom scharfen Kuzzk, bis hin zum eher süßlichen, Babik. Wobei der Grundtenor immer das Bittere bleibt.“ Der sonst eher ernsthafte Minister ließ bei dem Thema Leidenschaft aufblitzen.

„Sehr interessant. Und vielversprechend. Wie hoch ist die derzeitige Produktion? Planetenweit meine ich.“

Das graue Gesicht des Kage legte sich in nachdenkliche Falten. „Ich habe keine genaue Zahl. Die Produktion deckt den Bedarf. Bei dem hohen Aufwand, wird natürlich nur das produziert, was benötigt wird. Und bevor Sie fragen: Ja, die Produktion ließe sich erweitern, wenn wir Essenz exportieren wollen würden. Aber der Aufbau von neuen Gärten braucht viel Zeit. Die Gewinnung von Sporen ist arbeitsintensiv und es dauert, bis neue Gärten erste Erträge bringen.“

Kanto nickte und trat wieder auf den Hof hinaus. Der Minister folgte ihm.


„Ich verstehe. Ich möchte eine Probe der Essenz sowie aller vorgelagerten Stufen der Flüssigkeit nach Blanks Festung mitnehmen, um eine geeignete Vermarktungsform zu finden.“

Er ließ den Blick noch einmal durch die faszinierende Kaverne gleiten, bevor er sich wieder an den Minister wandte.

„Sie wissen, dass finanzielle Einnahmen Sicherheit für Quarzite bedeuten. Nur wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind, können wir auf lange Sicht in der Galaxis bestehen. Reine Erzexporte sind nicht nachhaltig und wir konkurrieren damit direkt auf dem galaxisweiten Markt. Ein solches Produkt,“ und Kanto deutete auf die Distille, „ist einzigartig. Und schont die natürlichen Ressourcen.“

Persönlich war ihm die Schonung der planetaren Ressourcen völlig egal. Die Galaxis war übersäht von Erzplaneten, auf einer größeren Skala war so etwas eine unendliche Ressource. Aber er wusste, dass besonders den Kage der Einklang mit dem Planeten wichtig war, weshalb der diesen Aspekt besonders betonte.

Der alte Kage nickte verstehend.
„Jawohl, Gouverneur. Ich lasse die Proben zusammenstellen.“ Er winkte einen Arbeiter heran und erteilte die entsprechenden Anweisungen.

Kanto war sehr zufrieden. Als er vor wenigen Tagen zum ersten Mal von dieser Essenz gehört hatte und dass sie aus Flechten gewonnen wurde, hatte er sich ein ekelhaftes Gebräu vorgestellt. Aber aus diesem Geschmack und Geruch würde sich definitiv etwas machen lassen. Er konnte es gar nicht erwarten, das Zeug in einen Pogoya-Cocktail zu mischen.

Vielleicht würde Gouverneur Theranos Zesh nicht der einzige sein, der ein neues Luxusgetränk auf dem Markt brachte…



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Quarzite || Blanks Festung || Ratsgebäude || Calix Maro [alias Korin Vesh] und imperiale Beamte

Die Tür des Besprechungsraumes glitt hinter ihm zu mit jener lautlosen Präzision imperialer Architektur, die jeden Übergang sauber erscheinen ließ, selbst wenn auf der anderen Seite eines solchen Moments ganze Welten gegeneinander arbeiteten. Für einen Atemzug verlangsamte Calix seinen Schritt kaum merklich, nicht genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, aber ausreichend, damit sein Körper die Spannung registrieren konnte, die sich während des Gesprächs in ihm festgesetzt hatte. Sie fiel nicht von ihm ab, dafür war die Anspannung zu hoch. Das war der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Lügner und einem Agenten. Ein Lügner wartete auf Erleichterung. Ein Agent gewöhnte sich daran, dass sie nie vollständig kam.
Die breiten Korridore des Ratsgebäudes lagen ruhig vor ihm, durchzogen vom gedämpften Licht eingelassener Wandstreifen, deren kaltes Weiß die dunklen Steinflächen wie chirurgische Schnitte wirken ließ. Beamte bewegten sich an ihm vorbei, einzelne Sicherheitskräfte nickten ihm mit jener nüchternen Selbstverständlichkeit zu, die er sich in wenigen Stunden bereits erarbeitet hatte. Sein alter ego Korin Vesh begann als Figur im Gedächtnis anderer Menschen zu existieren. Genau darin lag die eigentliche Gefahr solcher Einsätze. Eine Tarnidentität wurde umso belastbarer, je mehr sie sozial verankert war, und zugleich wurde sie mit jeder neuen Begegnung schwerer wieder abzustreifen. Er hielt seinen Gang gleichmäßig, weder hastig noch langsam. Jeder Blick, jede kleine Geste blieb kontrolliert. Selbst jetzt, allein auf dem Weg durch die imperialen Hallen, durfte keine Sekunde entstehen, in der Calix Maro sichtbarer wurde als Korin Vesh.

Die Wohnung, die der NRGD für ihn vorbereitet hatte, lag im oberen Verwaltungsbezirk von Blanks Festung, weit genug von den repräsentativen Regierungsbauten entfernt, um nicht prestigeträchtig zu wirken, und gleichzeitig nah genug, um seine neue Position glaubwürdig zu machen. Der Geheimdienst hatte ganze Arbeit geleistet. Im Eingangsbereich standen Gebrauchsspuren an den richtigen Stellen. Einige Bücher mit Randnotizen in Kageschrift lagen offen auf einem niedrigen Tisch. Kleidung hing ordentlich, aber nicht zu ordentlich im Schrank. Lebensmittelbehälter im Kühlfach trugen Einkaufsmarkierungen aus den vergangenen Wochen. Selbst die Luft hatte diesen schwer greifbaren Geruch eines tatsächlich bewohnten Ortes angenommen, eine Mischung aus Staub, Stoff und den schwachen Rückständen synthetischen Tees. Korin Vesh wohnte bereits seit Monaten hier. Zumindest für jeden, der oberflächlich hinsah.

Calix schloss die Tür hinter sich und blieb reglos stehen, dann begann die eigentliche Ankunft. Er legte weder Mantel noch Datentasche ab, stattdessen glitt sein Blick langsam durch den Raum, während sich seine Aufmerksamkeit von der Rolle löste und in den Modus überging, der tiefer saß als jede Legende. Seine Finger wanderten unter die Kanten des Tisches, prüften die Unterseite der Sitzflächen, die Lüftungsschlitze, die Rahmen der Lichtleisten. Danach holte er aus seiner Tasche einen schmalen Signalscanner hervor, kaum größer als ein Datenstift, und ließ ihn lautlos über die Frequenzbereiche laufen. Der Apparat reagierte nur mit schwachen Ausschlägen gewöhnlicher Gebäudetechnik. Keine aktiven Wanzen. Keine improvisierten Sender. Dennoch überprüfte er auch die Wasserleitungen und die Stromverteiler hinter der Küchenwand. Paranoia war im Nachrichtendienst nur ein anderer Begriff für Erfahrung.

Erst danach setzte er sich.

Das Sofa gab unter seinem Gewicht leicht nach, während er den Kopf gegen die Rückenlehne sinken ließ und die Augen für einen Moment schloss. In seinem Geist begann das Gespräch mit Garison bereits, sich in verwertbare Fragmente aufzuspalten. Truuine und die dazugehörige Gala imperialer Würden- und Amtsträger. Dazu die persönliche Lambda-Fähre des Gouverneurs sowie die Bereitschaft des Gouverneurs, einen kageischen Künstler mitzunehmen. Dazu die geplanten Verwaltungsverlagerungen, die Idee eines Zensus, mögliche externe Beamte. Einzelne Maßnahmen wirkten harmlos. Zusammengenommen bildeten sie ein neues Bewegungsmuster imperialer Verwaltung auf Quarzite.
Die Priorität war klar. Die Skulptur samt des Künstlers. Ein Kunstwerk bedeutete Transport. Transport bedeutete Freigaben, Begleitpersonal, Sicherheitsprüfungen, Frachtlisten, Übergänge zwischen militärischer und ziviler Infrastruktur. Vor allem aber bedeutete es Zugang. Wer die richtige Person auswählte, konnte eine operative Plattform direkt in die Nähe hochrangiger imperialer Netzwerke bringen. Vielleicht nur für Beobachtung. Vielleicht für mehr. Dazu noch der Künstler, der mit richtiger Vorbereitung auch aus der Hand des NRGD stammen könnte. Abhörgeräte wären bei einem solchen Treffen reiner Selbstmord, doch welches Abhörgerät war besser als die beiden Ohren, die ein Kage besaß? Zwar konnte er nicht bis in die tiefsten Zirkel der Macht vordringen, doch jede Information, jede Temperaturmessung im Raum war ein Erkenntnisgewinn. Solche Agenten, auch "Schwämme" genannt, waren dazu da alle Informationen, die sie abgreifen konnten, abzugreifen, wo Technik versagen oder enttarnt werden würde.
Calix öffnete die Augen wieder. Garison hielt die Idee für kulturelle Repräsentation. Der NRGD würde darin einen Kanal sehen. Langsam stand er wieder auf und trat an das schmale Fenster der Wohnung. Jenseits der transparenten Scheibe erhoben sich die violett schimmernden Kristallformationen der Kavernenstadt wie gefrorene Wellen. Dazwischen bewegten sich Förderplattformen und Lichterketten durch die Dunkelheit. Quarzite wirkte aus der Ferne beinahe ruhig. Genau das machte den Planeten gefährlich. Ruhe verbarg Bewegungen besser als Chaos.

Die Kontaktaufnahme mit seinen Vorgesetzten folgte keinem direkten Muster. Sie durfte es nicht. Zunächst aktivierte er ein gewöhnlich wirkendes Verwaltungsdatapad und öffnete ein Formular des Infrastrukturministeriums, das für Materialbedarfslisten vorgesehen war. Dort änderte er zwei Zahlenkolonnen in einer Weise, die für jeden Außenstehenden wie ein simpler Übertragungsfehler wirkte. Tatsächlich entstand dadurch ein mathematischer Marker innerhalb eines automatisierten Verwaltungsnetzwerks, den nur ein bestimmter Filter des NRGD erkannte. Ein statistischer Fehler an der richtigen Stelle. Danach verließ er die Wohnung erneut für wenige Minuten, kaufte an einem Straßenstand eine billige lokale Zeitung und ließ sie in einem öffentlichen Leseterminal liegen, aufgeklappt auf einer bestimmten Seite. Der eigentliche Code lag nicht im Inhalt des Artikels, sondern in der Uhrzeit des Abrufs und der Position des Terminals innerhalb der Stadt. Erst die Kombination beider Signale erzeugte die vollständige Botschaft: Treffen erforderlich. Priorität erhöht.

Als er in die Wohnung zurückkehrte, war äußerlich nichts geschehen, doch irgendwo im Schatten der republikanischen Netzwerke hatte bereits jemand verstanden, dass Korin Vesh heute wertvoller geworden war als am Morgen zuvor.


Quarzite || Viertel anliegend an Blanks Festung || Korin Veshs Wohnung || Calix Maro, allein
 
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