The Wheel (Besh-Gorgon-System)

| The Wheel | in Moors Appeartement |
Samin und Dr. Moore


Samin hatte den Mund bereits wieder voller Nudeln, als Dr. Moore den letzten Satz aussprach. Sie unterbrach die Kaubewegung ihres Kiefers. Einen ziemlich langen Moment war die Pilotin davon überzeugt, die Frau schlicht falsch verstanden zu haben. Vielleicht lag es an der beiläufigen, nonchalanten Art, in der Moore es ausgesprochen hatte. Vielleicht auch daran, dass irgendwo zwischen der theoretischen Abhandlung über Hyperraumtechnologie und einem gemeinsamen Einbruch in eine imperiale Einrichtung ein paar Zwischenschritte fehlten.

Sie hob langsam den Blick, als die Realisation einsetzte.


„Was?“

Zu spät bemerkte sie, dass ihr Mund noch immer voll war. Das anschließende Schlucken der viel zu großen Portion schmerzte in der Kehle.

Wir?“

Die Fragen kamen heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. Die Halbchiss legte die Schüssel auf den Tisch und lehnte sich zurück. Die Hackerin hatte tatsächlich sie beide gemeint? Nicht irgendwelche Söldner, die sie hätte bezahlen können oder schmierige Verbrecher aus dem Kreise des Black Sun Syndikats. Sie und Samin sollten nach Bakura fliegen und dort ein Gerät, von dem sie gerade erst erfahren hatte, dass es existierte, dem Imperium entwenden. Eben jenem Imperium, dem Samin gerade erst unter höchsten Aufwendungen und auf Kosten von quasi allem, hinter sich gelassen hatte.

Das war so absurd, dass Samin tatsächlich lachen musste.


„Ich glaube, zwischen dem Angebot, mir eine neue Identität zu besorgen und der Forderung, zusammen ein HIMS von Bakura zu stehlen, fehlen mir ein paar Details.“

Sie nahm ihr Wasserglas und spülte endlich die letzten Brocken Nudeln herunter, die sich noch immer in ihrem Mund befanden. Eigentlich wollte sie Dr. Moore nun erklären, dass sie sich schlicht jemand anderen suchen musste.

„Ich bin gerade desertiert. Was glauben Sie, was die mit mir machen, wenn ich dem Imperium nun wieder in die Arme laufe?“

Sie verschränkte die Arme ineinander und musterte die andere Frau einige Sekunden. Die schien es komplett ernst zu meinen.

„Nehmen wir mal für einen Moment an, dass es tatsächlich eine Option wäre, quer durch das Imperium bis zum anderen Ende der Galaxis … ich meine … Bakura?! Kommen Sie schon! Das ist doch quasi im wilden Raum!“

Ein Schnauben folgte. Das war ein lächerlicher Gedanke.

„Aber selbst wenn. Ich habe nicht die Möglichkeit, wochenlang von hier zu verschwinden. Ich habe …“ Sie stutzte kurz. Natürlich konnte sie weder Sana noch die anderen Kinder auch nur länger als nötig mit diesem Gongboy alleine lassen. „ … ich habe Verantwortung für andere Personen, die ich nicht einfach links liegen lassen kann.“

Und nun lachte Samin wieder, als sie nicht anders reagieren konnte, als diese Idee kopfschüttelnd zu kommentieren.

„Und wieso überhaupt ich? Sie brauchen mich offensichtlich nicht, irgendwelche Sicherheitssysteme zu überwinden. Was sollte da meine Aufgabe sein? Quer durch das Imperium könnte sie jemand anderes viel risikoarmer transportieren.“

Samin griff nun wieder nach ihrer Schüssel. Sie wollte zumindest die Nudeln aufessen, bevor Dr. Moore ihr die Details dieses bescheuerten Planes erklären konnte, nur damit sie anschließend dankend ablehnen und den Raum verlassen musste.


| The Wheel | in Moors Appeartement |
Samin und Dr. Moore
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Moore und Samin

Moore beobachtete mit zunehmendem Amüsement, wie sich erst Verwirrung und schließlich dieses ungläubige Lachen über das Gesicht ihrer Gästin arbeiteten, während sie selbst vollkommen ungerührt eine weitere Portion Sakhet um ihre Gabel wickelte. Vielleicht hätte sie den letzten Teil etwas weniger beiläufig erwähnen können. Wahrscheinlich sogar. Andererseits hätte eine feierlichere Ankündigung weder Bakura näher an den Mittleren Rand gerückt noch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Samin plötzlich begeistert von der Aussicht war, wenige Wochen nach ihrer Flucht wieder durch ein imperiales Kontrolltor zu marschieren. Die Frage nach dem Warum war dafür berechtigter.

Die Slicerin kaute zu Ende, hob kurz einen Finger, weil sie mit vollem Mund nun wirklich nicht sprechen musste, und stellte ihre Schüssel anschließend auf ihren Oberschenkeln ab.


Weil ich nicht hineinkomme.“

Das mochte angesichts dessen, was das Halbblut mittlerweile über sie wusste, zunächst überraschend klingen und Moore ließ es deshalb auch einfach einen Augenblick so stehen.

Also, physisch.“

Sie strich sich eine der weißen Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah an sich herab, als müsste sie sich selbst noch einmal vergewissern. Die Vorstellung war eigentlich ganz erheiternd. Irgendjemand würde eine Uniform in ihrer Größe auftreiben, wahrscheinlich sogar eine ausgesprochen hübsche, Moore würde sich die Haare ordentlich zusammenbinden und spätestens beim zweiten Wachposten würde irgendein gelangweilter Mensch entscheiden, dass mit der Sephi, die kokett durch die Gänge stolzierte als gehörte ihr das Gebäude, etwas nicht stimmte.

Ich kann eine imperiale Akte fälschen. Ich kann eine Freigabe manipulieren. Mit genügend Vorbereitung bekomme ich wahrscheinlich sogar einen Transportauftrag in ein System, in dem er nicht sein sollte damit ich mit dem Ding durch die Sicherheitskontrollen raus käme.

Sie hob die Gabel ein wenig.

Aber wenn mich ein Captain nach irgendeinem vollkommen banalen Dienstablauf fragt von dem jeder imperiale Offizier seit der Akademie weiß, dann habe ich ein Problem.

Moore verzog leicht die Lippen.

Und nein, bevor Sie anmerken dass man das lernen kann: Ein Handbuch zu lesen ist nicht dasselbe als in solch einer Infrastruktur zu leben bis einem all das ins Blut über geht.

Das war eigentlich eine der irritierenderen Eigenschaften von Lebewesen. Sie verbrachten Jahre damit, aus geschriebenen Regeln eine zweite, vollkommen eigene Ordnung aus Gewohnheiten, Abkürzungen und stillen Übereinkünften zu entwickeln und hielten diese anschließend für selbstverständlich. Moore konnte sich den offiziellen Ablauf einer Zugangskontrolle ansehen, jedes Formular kennen und trotzdem an irgendeinem Sergeanten scheitern, weil sie in einem Moment stehenblieb, in dem niemand mit passendem Rang stehenblieb oder eine Frage beantwortete, die jeder echte Offizier schlicht ignoriert hätte. Maschinen waren in dieser Hinsicht wesentlich angenehmer. Wenn man ihnen überzeugend genug erklärte, dass etwas wahr war, hielten sie sich wenigstens daran. Nun war sie leider keine Maschine... und mit Mira brauchte sie es gar nicht erst zu versuchen.


Sie haben das jahrelang gemacht. Sie müssen darüber nicht nachdenken und deshalb fallen sie auch nicht auf.

Moore deutete mit der Gabel kurz auf Samin.

Das ist der Teil, für den ich jemanden wie Sie brauche, Samin. Das Universum scheint das genauso zu sehen deshalb sitzen sie jetzt in meiner Wohnung, einer dieser wunderschönen Zufälle nicht wahr?"

Sie nahm noch einen Bissen, während die andere Frau weiterhin ihre eigene Schüssel in den Händen hielt.

Jemanden mit ihren Qualifikationen in dieser Sache hier auf der Station oder in der Sun aufzutreiben der nicht eine eigene Agenda verfolgt, das wäre beinahe unmöglich."

Ein wenig Sakhet hing von der Gabel und Moore fing es gerade noch auf, bevor es auf ihrem Oberteil landete.

Was ihre Desertion und die Gefahr des erkannt werdens angeht, das lassen sie Mal meine Sorge sein. Ich kann ihnen aber versichern das ihr Aussehen für diese Sache kein Problem darstellen wird. Außerdem ... wer würde eine gesuchte Flüchtige denn direkt unter der eigenen Nase vermuten?"

Sie musterte Samin kurz, diesmal ohne das beinahe übertriebene Vergnügen, mit dem sie ihr zuvor begegnet war.

Es ist ein klassisches Dilemma, ich habe wahrscheinlich alle benötigten Fähigkeiten um solch einen Raubzug zu leiten, leider muss jemand das verdammte Ding am Ende aber tatsächlich in die Hand nehmen und rausbringen und das funktioniert leider nicht elektronisch.

Das blieb unangenehm primitive Teil ihrer Idee. Ein Stück Metall ließ sich nicht slicen und wenn man alle Digitalen Pläne des Geräts vernichtet hatte wie in diesem Fall, dann hatten Wesen wie sie ein echtes Problem. Man konnte seinen Aufenthaltsort ändern, seinen Besitzer in irgendeiner Datenbank umschreiben, den Alarm deaktivieren und dafür sorgen, dass zwanzig verschiedene Systeme überzeugt waren, es dürfe gerade bewegt werden, aber irgendein Lebewesen musste trotzdem hingehen und es tragen. Hier kam dann eben erschwerend hinzu das es jemand mit Militärischem Hintergrund UND einer gewissen Intelligenz sein musste. Eine beinahe unmögliche Kombination. So rein statistisch betrachtet.

Wie sie sehen bin ich also beinahe genauso auf Sie angewiesen wie Sie auf mich. Beinahe eine Art von Fairness, nicht?"

Moore sah für einen Moment in ihr Getränk und schwenkte es leicht, mehr aus Gewohnheit als aus irgendeinem Bedürfnis heraus, das Bouquet des Wassers zu analysieren.

Was den Rest angeht... ich habe nicht vor morgen loszufliegen.

Sie hob den Blick wieder.


Wenn Sie Verpflichtungen haben, dann haben Sie Verpflichtungen. Regeln Sie sie. Ich brauche Sie auf Bakura und nicht mit dem Kopf irgendwo hier.

Mehr musste sie darüber eigentlich nicht wissen. Samin hatte nicht gesagt, worum es ging und Moore hatte im Augenblick auch keinen Grund danach zu fragen, es erschien ihr wenig wichtig, keine Information der es wert war sofort nachzugehen. Vielleicht später. Außerdem erzählten Personen oftmals mehr wenn man nicht gleich versuchte ihnen alles aus der Nase zu ziehen.

Und wegen der Konsequenzen des Scheiterns...

Moore drehte das Glas langsam zwischen den Fingern.

Tja...

Eine kleine Pause.

Wenn das schief geht, haben Sie vermutlich erheblich größere Probleme als jetzt, wer hätte das gedacht.

Sie sagte es vollkommen nüchtern. Alles andere wäre beleidigend gewesen.

Das gilt für mich allerdings genauso. Vielleicht mit etwas anderer Hinrichtungsmethode, ich denke nicht das ich der Todesstrafe für Hochverrat an Imperialen Institutionen ein zweites Mal entgehe.

Moore verzog kurz das Gesicht, als würde sie tatsächlich darüber nachdenken, welche Methode grausamen Todes man für sie vorsah, der grausige Gedanke verlor sich dankenswerterweise nach wenigen Sekunden. Die Sephi nahm ihre Schüssel wieder auf und schob die verbliebenen Nudeln mit der Gabel zusammen.

Sie müssen nicht Ja sagen.

Eigentlich musste Samin heute überhaupt nichts sagen. Moore hatte ihre Antwort auf die einzige Frage gegeben, die sie an dieser Stelle wirklich interessierte, und wenn die Chiss danach aufstand und ging, würde das HIMS weiterhin auf Bakura liegen. Vermutlich. Dinge hatten eine ärgerliche Angewohnheit, ihren Standort zu verändern, sobald man einen Plan um sie herum gebaut hatte.
Andererseits saß ihr gerade eine ehemalige imperiale Offizierin gegenüber, die noch nicht komplett ausgeflippt war, während Moore ihr vorschlug, quasi einen zweiten Aufschlag zur Hochverrats-Klage zu wagen. Statistisch betrachtet hätte ihr Nachmittag wesentlich schlechter verlaufen können.


Essen Sie erstmal auf.

Moore deutete mit der Gabel auf Samins Schüssel.

Kalt werden die wirklich widerlich.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Moore und Samin
 
// The Wheel // Hangarsektion // Dawn Chaser // Dany //

Die Dawn Chaser setzte einige Minuten später im zugewiesenen Hangar auf. Dany blieb noch einen Moment im Cockpit sitzen und betrachtete durch die Scheibe das Treiben draußen. Frachter unterschiedlichster Bauart standen dicht aneinander, während Droiden, Mechaniker, Händler und Gestalten aus einem guten Dutzend Spezies zwischen ihnen hindurchströmten. Schon hier wirkte The Wheel größer und lebendiger als alles, was sie von Shinbone oder den abgelegenen Häfen ihrer bisherigen Reisen kannte und jemals gesehen hatte. Sie hatte geduscht und ihre Rüstung wieder angelegt, ehe sie schließlich aufstand. Einen Moment lang blieb ihr Blick am Helm hängen, der neben dem Pilotensitz lag. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihn unter dem Arm zu tragen oder hier zu lassen. Doch angesichts der schieren Größe der Station und der Masse völlig fremder Gesichter griff sie schließlich doch danach und setzte ihn auf. Wenn sie schon keine Waffen mit sich führen durfte...

Die Rampe senkte sich und das dumpfe Dröhnen des Hangars schlug ihr entgegen. Dany blieb am Ende der Rampe kurz stehen und ließ den Blick schweifen. Selbst Mos Eisley erschien dagegen beinahe wie eine Kleinsiedlung. Sie zog ihre Tasche über die Schulter und setzte sich in Bewegung. Hinter dem Hangar änderte sich die Atmosphäre schnell. Die nüchternen Wartungsgänge gingen in breite Korridore über, deren Neonreklamen für Cantinas, Spielhallen, Händler und allerlei andere Vergnügungen warben. Menschen, Twi'lek, Rodianer, Duros und Spezies, die Dany nicht einmal benennen konnte, schoben sich aneinander vorbei. Für jemanden, der zwischen Minenschächten und staubigen Siedlungen aufgewachsen war, hatte der Ort etwas beinahe Unwirkliches. Eine künstliche Stadt mitten im Nichts, voller Lebewesen und unbegrenzter Möglichkeiten. Unter dem Helm huschte ein vorsichtiges Lächeln über ihre Lippen.

Ihre erste größere Entdeckung war allerdings weniger glamourös: The Wheel war ein verdammtes Labyrinth. Eigentlich hatte Dany nur nach einem Händler gesucht, bei dem sie Energiezellen, Proviant und vielleicht ein paar brauchbare Ersatzteile zu vernünftigen Preisen bekommen konnte. Ein Duros hatte ihr mit drei knappen Gesten und wirklich unverständlichen Worten erklärt, welche Ebene sie dafür nehmen sollte, wenn sie WIRKLICH billige Preise wollte. Und die würde sie nicht bei den Händlern finden. Dany hatte genickt, als hätte sie jedes Wort verstanden. Zwanzig Minuten später war sie sich jedoch ziemlich sicher, dass sie überhaupt nichts verstanden hatte. Ein falscher Turbolift führte zum nächsten, aus einem Verbindungsgang wurden zwei, und irgendwann verschwanden die grellen Reklamen und dicht gedrängten Besucher. Stattdessen fand sie sich in einem deutlich ruhigeren Bereich wieder. Saubere Wände, geschlossene Türen und kaum reges Treiben: Apartments. Dany blieb stehen.

Langsam drehte der Helm sich nach links, dann nach rechts.


"Shab"

Dany zog sah um sich und verglich die hastig gemerkte Wegbeschreibung ein weiteres Mal mit den Nummerierungen der Türen. Zweite Ebene. Rechter Gang, fast am Ende. Das musste es doch sein. Sie blieb vor einer der letzten Türen stehen und musterte sie hinter dem dunklen T-Visier einige Sekunden lang. Für einen Waffenhändler wirkte das Appartement erstaunlich unscheinbar. Andererseits war genau das vermutlich der Sinn der Sache, wenn hier unter der Hand gedealt wurde.

Dany atmete tief ein, richtete sich etwas auf und klopfte zweimal gegen die Tür.

// The Wheel // Appartementkomplex // vor Moores Appartement // Dany //
 
Zuletzt bearbeitet:
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement / Eingangsbereich] C-06 „Mira“ und Dany Valthor; weiter hinten Moore und Samin

Das zweite Klopfen an der Tür innerhalb einer Zeitspanne, die Mira persönlich noch immer als vollkommen unangemessen kurz für einen Haushalt empfand, dessen Bewohner eigentlich wichtige Dinge zu tun hatten, erreichte sie gerade in dem Moment, in dem sie mit zwei Fingern versuchte den letzten Rest Geschmack aus ihrem Chewstim herauszuquetschen. Ihre Mutter unterhielt sich noch immer mit der Imperialen, wobei Unterhalten vermutlich ein großzügiger Begriff dafür war, wie Moore Menschen behandelte, deren Probleme sie interessant genug fand um ihnen zuzuhören und können über ihre Verbindung bekam Mira ohnehin gerade genug von dem Gespräch mit um zu wissen, dass sie dort im Moment nicht gebraucht wurde.
Das wiederum bedeutete nicht, dass sie plötzlich zum Empfangsdroiden befördert worden war.

Sie blieb einige Sekunden sitzen.

Es klopfte nicht noch einmal.

Schade eigentlich.

Beim letzten Mal hatte die Alte sie wenigstens ausdrücklich zur Tür geschickt und dabei aus unerfindlichen Gründen darauf bestanden, dass Mira dafür ihre Beine benutzte, anstatt schlicht das Schloss über das interne Netz zu öffnen. Irgendetwas mit normalen Lebewesen, Höflichkeit und dem offenbar sehr wichtigen Umstand, dass Gäste irritiert reagierten, wenn Türen ohne sichtbaren Grund vor ihnen aufglitten. Mira hatte sich nicht die Mühe gemacht zu erklären, dass Lebewesen offensichtlich ein ziemlich beschissenes Verständnis von Komfort besaßen. Diesmal stand sie freiwillig auf und gab zu Protokoll das man ihr dafür definitiv zu Dank verpflichtet war.

Sie hatte den Eingangsfeed bereits vor ihrem geistigen Auge. Hatte sie eigentlich einen Geist? Egal, die Gestalt vor der Tür war wenigstens interessanter als die letzte.

Rüstung.

Nicht schwer genug, um einen vollständigen Kampfpanzer darzustellen, sichtbar benutzt, an mehreren Stellen mit den kleinen Macken und Spuren versehen, die Material irgendwann bekam wenn es auch benutzt wurde und der Besitzer damit nicht nur vor einem Spiegel posierte, darüber jener Helm, dessen T-förmiges Visier selbst dann ziemlich eindeutig gewesen wäre, wenn Mira in den letzten Jahren nicht genug Zeit damit verbracht hätte, sich durch praktisch jedes halbwegs interessante kulturelle Archiv zu wühlen, das Moore ihr irgendwann zugänglich gemacht hatte.

Mandalorianisch.

Oder jemand wollte sehr überzeugend so aussehen.

Beides war interessanter als eine Chiss unter einem Poncho.

Mira sah kurz an sich herab. Barfuß, das viel zu große Shirt, das ihr bis knapp über die Hüften fiel und dessen Ausschnitt mittlerweile wieder von einer Schulter gerutscht war, darunter jenes schwarze Höschen, das Moore beim letzten Besucher mit einem Gesichtsausdruck betrachtet hatte als hätte Mira gerade persönlich beschlossen ihre gesamte Tarnidentität durch Reizwäsche zu gefährden.

Passte. Lebende waren einfach viel zu sehr bedacht auf dieses einschränkende Konzept das sie Kleidung nannten.

Sie ging zur Tür.

Mit der Hand.

Ihre "Mom" konnte stolz auf sie sein.

Das Schott glitt auf und Mira lehnte sich beinahe unmittelbar danach mit einer Schulter in den Türrahmen, das Chewstim zwischen den Zähnen langsam von einer Seite zur anderen schiebend, während ihre eisblauen Augen über die gepanzerte Besucherin wanderten. Nicht hastig. Nicht einmal sonderlich höflich. Vom Helm über die Brustplatten, den Gürtel, die Bewaffnung, wieder hoch zum Visier und dann noch einmal hinunter, weil sie beim ersten Mal vielleicht etwas übersehen haben könnte.

Hatte sie nicht.

Schade.

Hinter dem schwarzen T konnte natürlich alles mögliche stecken.

Mira verzog leicht den Mund.


Buy’ce.“

Sie hob zwei Finger, deutete auf den Helm und vollführte anschließend eine kleine Bewegung nach oben, die selbst ein biologisches Gehirn eigentlich verstehen sollte.

Ab.

Keine Reaktion für einen Augenblick.

Mira kaute
.

Buy’ce, cyar’ika.“

Diesmal klang es weniger wie eine Feststellung und deutlich mehr wie eine Aufforderung, wobei ihr Gesichtsausdruck sich irgendwo zwischen gelangweilter Erwartung und der Art von Interesse bewegte, die Moore vermutlich bereits wieder als irgendeinen schlecht entwickelten Sozialalgorithmus bezeichnet hätte. Was natürlich Schwachsinn war. Mira hatte hervorragende Sozialalgorithmen.
Sie benutzte sie nur nicht besonders gern.
Außerdem wollte sie sehen, wer vor ihrer Tür stand. Das erschien ihr vollkommen legitim.

Noch während sie wartete, glitt ein kurzer Impuls durch ihre Verbindung zu Moore. Keine Worte, lediglich jene Mischung aus Aufmerksamkeit und latentem Misstrauen, die ihre Mutter inzwischen entwickelte sobald Mira länger als ein paar Sekunden mit fremden Wesen unbeaufsichtigt war. Sie hatte ihre Präsenz sowieso die ganze Zeit in ihrem Mainframe gespürt. Olle Zippe.

Mira ignorierte sie.

Oder genauer gesagt ließ sie Moore sehr bewusst wissen, dass sie sie ignorierte.

Auch eine Form von Kommunikation.

Als der Helm schließlich aus ihrem Blickfeld verschwand und darunter das Gesicht der jungen Frau zum Vorschein kam, hörte Mira tatsächlich für einen Moment auf zu kauen.

Blond.

Blaue Augen.

Sommersprossen.

Das war deutlich besser als erwartet
.

Ihre eisblauen Augen wanderten langsam von Danys Gesicht über den Hals und für einen kurzen Moment wieder über die Rüstung, bevor sie zurückkehrten. Dabei bildete sich ein kleines, ausgesprochen selbstzufriedenes Lächeln auf ihren Lippen.

Haar’chak...“

Das Chewstim wanderte wieder in eine Backe.

Ori’skraan.“

Ein echter Leckerbissen.

Mira ließ den Blick noch einmal über sie gleiten und schien nicht im Mindesten das Bedürfnis zu verspüren, ihre Bewertung irgendwie diskreter zu gestalten.


Gar cuyir mesh’la, cyar’ika.“

Sie hatte zwar keine Ahnung, weshalb die Mandalorianerin vor ihrer Tür stand, aber das war augenblicklich ein Problem von erstaunlich niedriger Priorität geworden.

Vielleicht war sie wegen Moore hier.

Wahrscheinlich sogar. Schade eigentlich, das wäre mal ein Geschenk zum Auspacken gewesen. Leider klopften Menschen erschreckend selten an Türen, weil sie dort zufällig einen interessanten Androiden vermuteten.

Ein erheblicher Fehler im gesellschaftlichen System.

Mira löste sich ein kleines Stück vom Rahmen, machte allerdings noch immer keine Anstalten Platz zu machen. Stattdessen verschränkte sie locker die Arme vor der Brust und betrachtete Dany mit diesem beinahe identischen Gesicht ihrer Mutter, in dem die eisblauen Augen und das etwas zu ungenierte Grinsen den Unterschied inzwischen ziemlich deutlich machten.


Me’copaani?“

Was willst du?

Dann neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite.

Das Grinsen wurde breiter.


... bal jorhaa'ir Mando’a. Ni emuurir bic.

Und sprich Mando’a. Das gefällt mir.

Aus irgendeinem Grund wurde Moores Präsenz in ihrem Hinterkopf daraufhin ein wenig eindringlicher.

Mira kaute demonstrativ weiter.


[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement / Eingangsbereich] C-06 „Mira“ und Dany Valthor; weiter hinten Moore und Samin
 
// The Wheel // Appartementkomplex // vor Moores Appartement // Dany, Fremde (Mira) //

Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie war auf The Wheel angekommen, hatte sich innerhalb kürzester Zeit hoffnungslos verlaufen und glaubte endlich, den zwielichtigen Händler gefunden zu haben, zu dem man sie geschickt hatte. Stattdessen stand plötzlich eine junge Frau vor ihr, ziemlich spärlich bekleidet und in einem viel zu großen Shirt, kaute vollkommen ungerührt auf irgendeinem ungesund aussehendem Süßkramriegel herum und sprach sie in fließendem Mando’a an. Dany versteifte sich merklich.

Allein das Mando’a erwischte sie vollkommen auf dem falschen Fuß. Die Aussprache war sauber, wirkte selbstverständlich und beinahe vertraut. Auf Shinbone hatte man so innerhalb der Familie gesprochen, beim Training, bei der Arbeit oder wenn es schlicht keinen Grund gab, weshalb man ins Basic wechseln sollte. Hier draußen, mehrere Sternensysteme von Zuhause entfernt und ausgerechnet vor der Tür eines vermeintlichen Waffenhändlers, fühlte es sich dagegen merkwürdig fehl am Platz an. War diese fremde Person von mandalorianischem Blut? Noch merkwürdiger war allerdings die Aufforderung, ihren Helm abzunehmen.


"Nein“

Die Antwort kam schneller und bestimmter, als Dany eigentlich beabsichtigt hatte. Gerade erst hatte sie sich dazu durchgerungen, den Helm überhaupt aufzusetzen, weil ihr diese gigantische Station mit ihren tausenden Fremden gehörig Respekt einflößte. Nun sollte sie ihn auf Zuruf irgendeiner Frau abnehmen, die sie keine drei Sekunden kannte? Ganz sicher nicht. Doch die Fremde ließ sich davon offensichtlich nicht beeindrucken. Und wenn sie tatsächlich wusste, wo Dany diesen Dex finden konnte, lagen zwischen ein paar Sekunden ohne Helm und den Wucherpreisen der Händler in den Handelsvierteln schlicht zu viele Credits.

"Shab…"

Widerwillig löste sie die Verriegelung und zog den Helm vom Kopf. Einige blonde Strähnen hatten sich unter ihm aus ihrem Zopf gelöst und lagen zerdrückt an ihrer Stirn. Ihre ozeanblauen Augen musterten die Fremde nun ohne den schützenden Filter des Visiers. Und dann kamen die nächsten Worte.

Ein echter Leckerbissen.

Du bist wunderschön, Liebling.

Was zum…

Dany machte tatsächlich einen halben Schritt zurück. Für einen Moment war die junge Mandalorianerin vollkommen überrumpelt. Auf Shinbone hatte man Mando’a gesprochen, wenn es etwas zu besprechen gab. Innerhalb ihrer Familie, bei der Arbeit, beim Training. Nicht, um einer wildfremden Frau an der Tür derlei Dinge mitzuteilen. Auf ihren Reisen hatte sie schon viel Zeug gehört und konnte damit umgehen. Mehr oder weniger zumindest. Aber ein Leckerbissen? Und Liebling? Dany musterte die Frau vor ihr erneut. Was sollte das alles überhaupt heißen? Warum sagte sie ihr das?

Eine leichte Wärme zog ihr in die Wangen, während sie versuchte, die Hälfte der Aussagen gedanklich irgendwo einzuordnen. Ohne Erfolg. Das hier war nicht ihre Welt. Sie verstand Kopfgelder, Waffen, Schiffe und dieser beiden Dinge Bedienung. Und sie verstand sich meistens mit den Leuten, die sie dafür bezahlten, jemanden zu erschießen oder einzufangen. Aber das hier? Was hatte sie eigentlich geritten, quer durch den verdammten Outer Rim zu diesem riesigen Rad zu fliegen? Gedanken, die sie angesichts der aufwendigen und kostspieligen Reise schnellstmöglich wieder zu verdrängen versuchte.


"Ich… suche Dex"

Brachte sie schließlich hervor.

"Man hat mich zu ihm geschickt. Er soll Munition und Ausrüstung verkaufen."

Ihr Blick wanderte kurz an der Fremden vorbei in das Appartement. Nichts daran sah auch nur ansatzweise nach dem Lager eines zwielichtigen Ausrüstungshändlers aus. Dann betrachtete sie die Türnummer und wieder die Tür. Und langsam begriff sie; hier war kein Dex. Dany presste kurz die Lippen zusammen, hob ihren Helm und setzte ihn wieder auf. Mit dem leisen Zischen der Verriegelung verschwand ihr Gesicht hinter dem dunklen T-Visier. Sofort fühlte sich die Situation ein kleines Stück erträglicher an.

"Entschuldige die Störung"

Sie nickte der Fremden knapp zu und machte bereits einen Schritt zurück.

"Ich hab mich wohl in der Tür geirrt"

Dany wandte sich um und wollte gerade wieder den Gang hinuntergehen, als plötzlich noch etwas aus dem Appartement kam.

// The Wheel // Appartementkomplex // vor Moores Appartement // Dany, Fremde (Mira) ; (Moore und Samin im Appartement) //
 
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