The Wheel (Besh-Gorgon-System)

The Wheel-Landebucht 5-B- Bei der Revenger- mit Essam und P-B6 und den anderen beiden Droiden- Otto in seinem Büro

Der Grosse brauchte also auch eine Idee und profitierte-ebenso wie sie selbst- von dem Bonus, dass sie nicht gesucht wurden, weil man sie für tot hielt. Thatawaya grinste.

“Totgeglaubte leben länger, oder wie war der Spruch? Wir können uns das wunderbar zu Nutze machen”

Dazu kam, dass die meisten Angestellten beim Imperium menschlich waren und so wie Menschen für sie alle gleich aussahen, so sah sie wohl aus wie jede andere Fosh. Zumindest für andere Spezies. Für Essam galt vermutlich das selbe. Definitiv ein Vorteil. Essam erzählte, dass er unter Felsen begraben aufgewacht war. Thatawaya mahlte mit dem Schnabel.

“Mich hat man schwer verletzt allein auf Ziost zurück gelassen. Die glauben nie, dass ich noch lebe. Geschweige denn die Flucht von dort geschafft habe. Drum wage ich diese Aktion überhaupt. Bis die mir auf die Schliche kommen, bin ich eines natürlichen Todes gestorben irgendwo in dem Wissen, den Bewohnern dieser Pyramide die Hölle bereitet zu haben.”

Ihr Federkamm wurde quietschgrün bei der Vorstellung und erneute erfüllte Ungeduld ihre Brust. Sie konnte es kaum erwartet, den Anschlag durchzuführen. Ob ihre letzte Ration schon für Unruhe gesorgt hatte?
Essam bezeichnete die Sith als fehlgeleitete Narren, die an Stärke und Grausamkeit glaubten. Thatawaya sah ihn an.

“Mein….Meister fühlte sich auf jeden Fall so, als wäre er weit über allen anderen. Arrogant und überheblich. Ich hoffe vor allem, dass ich ihn mit meinem Gift treffe.”


Vielleicht sollte sie es wagen, ihn in seinem Quartier zu besuchen. Allerdings würde sie sich damit auf jeden Fall verraten. Also verwarf sie den Gedanken wieder. Sie musste einfach die Bactalieferungen vergiften und hoffen, dass er eine Behandlung damit bekam. Aber die Vorstellung vor ihm zu stehen, während er sich vor Krämpfen und Schmerzen am Boden lag oder sogar ganz gelähmt handlungsunfähig zusehen musste, wie sie ihn lebendig ausweidete war schon angenehm. In dem Moment stutzte Thatawaya und sah Essam skeptisch an. Er hatte was gegen die Grausamkeit der Sith? Zum Glück kannte er die Bilder nicht, die in ihrem Kopf ihre Bahnen zogen. Sie war auch grausam, aber sie wollte den Sith ihre Dienste nicht mehr zur Verfügung stellen. Verräterisches Pack.

“Wir werden ihnen zeigen, dass sie genauso angreifbar sind wie alle anderen. Das tut ihnen auch mal gut.”

grummelte sie und prüfte den Sitz der kleinen Umhängetasche, in denen sie die Credits verstaut hatte. Essam bestätigte, dass er bereit war und sie nickte.

“Dann los.”

Damit gingen sie los, die Station erkunden. Thatawaya kannte sich hier garnicht aus. Eigentlich kannte sie sich nirgendwo gut aus. Ausser inzwischen vielleicht auf Ziost oder auf Bastion rund um die Stadt. Sie mussten sich also rumfragen und es dauerte eine ganze Weile, bis sie alles hatten. Thatawaya betrachtete ihre beiden IDs , einmal mit dem Namen Thatawaya und einmal mit dem Namen Velkara. Die Holos waren natürlich identisch und die Menschen würden eh keinen Unterschied erkennen. Ob ein Computer oder Droide da besser war, würde sie noch ausprobieren müssen.
Nachdem sie ihre IDs in der Tasche hatten, ging es darum, die Labor-Ausrüstung zu besorgen. Spritzen zum Injizieren des Gifts in die Bacta-Packungen. Thatawaya fand sogar etwas, womit sie das Gift konzentrieren konnte, was das Verteilen einfacher und das Leid für die Sith grösser machen würde. Begeistert bezahlte sie den sicher viel zu hohen Preis für das Set, aber das erschien ihr praktisch.

“Also, was brauchen wir noch?”

fragte sie und sah Essam fragend an.

“Hilfe!”

Sie musterte die vielen verschiedenen Wesen um sich herum. Aber Otto hatte sich ja umhören wollen. Dann fiel ihr Blick auf Essam.

“Und Kleidung für dich.”

Thatawaya hatte Federn und brauchte jetzt nicht unbedingt Stoff über ihrem Federkleid. Anders als viele andere Lebewesen war sie eigentlich niemals wirklich nackt. Es sei denn , sie war krank oder irgendwas war vorgefallen, dass sie viel zu viele Federn gelassen hatte. Vielleicht sollte sie für so einen Fall doch noch irgendwie einen Umhang oder so besorgen. Der schwarze Umhang der Sith war gut gewesen, hatte aber eindeutig gelitten in den letzten Monaten. Also brauchte sie da auch Ersatz.

“Hast du was gesehen,was dir gefallen hat?”

fragte sie den Grossen und dachte nach, ob ihr irgendwas aufgefallen war. Aber irgendwie war Kleidung etwas, dem sie so viel Beachtung schenkte wie Obst und Gemüse. Garkeine. Apropos Obst und Gemüse:

“Was essen sollten wir auch mal”

Allerdings bezweifelte sie, dass sie hier jagen dürfte. Dennoch wanderte ihr Blick noch einmal über die Wesen um sie herum. Diesmal nicht mit dem Ziel, Mitstreiter ausfindig zu machen, sondern mit dem Gedanken, wessen Verschwinden wohl nicht so auffallen würde. Rasch verdrängte sie den Gedanken. Diese Station war gut und vielleicht würde sie sie noch einmal brauchen in Zukunft. Wenn sie dann einen anderen, vielleicht wichtigen Kunden gefressen hatte, würde man sie wahrscheinlich nicht mehr so willkommen heissen, wie Otto es getan hatte. Sie seufzte, plusterte ihr Gefieder auf, ehe sie es mit einem Schütteln zurück in die Ursprungsposition brachte. Das war ein Vorteil auf Ziost gewesen. Da hatte es niemanden geschert, wen sie gefressen hatte. Aber reichlich gedeckt war der Tisch da ja auch nicht gewesen. Leider.

The Wheel- irgendwo auf der Station- mit Essam und anderen Kunden und Händlern.
 
The Wheel- Landebucht 5-B- in der Nähe der Revenger- Essam mit Thatawaya und P-B6


Essam musterte die Fosh, die wohl nun erst einmal seine Begleitung war. Bei dem Spruch, dass totgeglaubte länger lebten, schloss er ruhig seine Augen und nickte bedächtig. Doch reagierte er nicht weiter auf diesen Teil. Mit verschränkten Armen, aber ehrlichem Interesse folgte der Hühne dann aber den Ausführungen von Thatawaya. Dennoch schien die Kleine ein wenig zu aufgeregt zu sein.

“Wir sollten nicht übereifrig sein. Es kann sehr viel schief gehen. Doch werden wir bestimmt eine Lösung finden.”

Erst als Thatawaya von ihrem Meister erzählte nickte Essam nachdenklich und man konnte sehen, dass da nicht nur Ruhe, sondern auch ein gewisser Schmerz waren.

“Wenn wir Erfolg haben, dann treffen wir zumindest nicht die Falschen.”

Ein leichtes Grinsen umspielte Essams Lippen.

Wenig später erkundeten Essam und Thatawaya die Station. Es war wirklich noch verwirrender, als es der zu groß geratene Nelvaaner gedacht hätte. Es sah wirklich überall gleich aus. Jedoch konnte er langsam das System der Beschilderungen erfassen. Manchmal schaute er wahrscheinlich sogar zu lange auf die Beschilderungen. Auch Essam besorgte sich erst einmal eine ID, um sich ausweisen zu können. Angeblich kam er nun von Lothal und hatte dort auf einer Farm gearbeitet. Sie würden noch Verstärkung benötigen, was die Fosh sehr gut erkannte. Essam nickte ruhig und erinnerte sich daran, dass er noch Kleidung benötigte. Leider war nicht viel zu sehen, was ihm passen würde. Bis er an einem Stand vorbei kam, wo jemand Ausrüstungen von Kämpfern irgendwelcher Arenen oder Kopfgeldjäger anbot, die wohl nicht mehr lebten. Er fand etwas, was auf einer Art Wühltisch gehäuft wurde. Ein Brustpanzer mit Schulterplatten. Einen Umhang mit Kapuze und dazu noch eine beschlagene Lederhose. Der Vorbesitzer war wohl Trandoshaner gewesen und seine Arbeit aufgegeben. Scheinbar war alles auch recht günstig und Essam hatte noch genug für Nahrung übrig, um die nächste Reise zu überstehen, wenn nicht sogar ein halbes Festmahl zu sich zu nehmen. Zu der Ausrüstung gab es noch eine Art Speer, der für seine Größe angemessen war.


“Nicht perfekt, es sollte aber reichen, denke ich. Essen wäre wirklich eine gute Option. Wie ernährst du dich normalerweise?”

Essam schaute Thatawaya nachdenklich an und versuchte sich zu erinnern, ob er etwas von einer vergleichbaren Spezies wusste. Allerdings kannte er durch seine Studien in der Bibliothek der Sith nur ein paar Vögel, die aber nicht zivilisiert waren. Ein Ärgernis. So viel zu lernen. Auch Essam hatte ein wenig Hunger.

“Diese Raumstation beherbergt so viele Spezies… ich bin mir sehr sicher, dass wir hier etwas finden, was unseren Hunger stillt.”

Er schaute Thatawaya aufmunternd an. Irgendwie war das alles spannender als er es je erwartet hätte. Denn diese ganze Geschichte… einfach alles… Es war quasi perfekt. Man konnte quasi nicht einen Schritt machen, ohne über etwas Ungewöhnliches zu stolpern. Da musste es doch auch Nahrung für sie geben. Auch wenn sie eher ungewöhnliche Bedürfnisse hätten.




The Wheel- Irgendwo auf der Station - Essam mit Thatawaya und einer Menge fremder Leute.
 
The Wheel- Irgendwo auf der Station- mit Essam und anderen

Der Grosse gab zu bedenken, dass sie trotzdem vorsichtig sein mussten. Thatawaya musterte ihn. Vielleicht hatte er recht und mehr Erfahrung mit ihrem…. Ziel. Ja, sie durfte die Sith nicht unterschätzen. Sie waren zwar absolut unzuverlässige Verräter. Aber sie waren auch brandgefährlich. Und Thatawaya erkannte, das ihre Wut auf die Sith und ihr Eifer sie blendeten für die Gefahr. Allerdings sagte allein die Tatsache, dass sie nur nach wenigen Minuten hier einen Verbündeten gefunden hatte, auch einiges aus.

Sie rüsteten sich aus mit allem, was sie brauchten. Wobei Thatawaya eher so aussah, als würde sie ein Chemie-Labor eröffnen wollen. Na ja… zum Teil stimmte das auch. Ihre Tränen mussten aufbereitet werden, wenn sie damit wirklich Schaden anrichten wollte. Also würde sie später wohl mal einen Ort aufsuchen, an dem sie sich ungestört….reinsteigern konnte. Vielleicht würden sie auch etwas Zeit investieren müssen, damit sie genug hatten, damit der Anschlag sie lohnte. Essam brachte sie von ihren Gedanken weg mit der Frage, wie sie sich normalerweise ernährte. Thatawaya sah ihn wieder an.

“Rohkost”

meinte sie und mahlte amüsiert mit dem Schnabel. Aber ja.. .vielleicht hatten sie ja hier Glück etwas Essbares zu finden. Sie konnte ja nicht der einzige Carnivore in der Galaxis sein. Sie hatte Menschen auch Fleisch essen sehen...allerdings machten sie das vorher irgendwie warm. Warum sie es nicht direkt frisch von ihrer Beute verzehrten, verstand sie nicht. Da wars doch auch noch warm, wenn sie es warm gern hatten. Eine komische Spezies war das.

Etwas später hatten sie tatsächlich einen Ort gefunden, an dem Schlachtvieh komplett verwertet wurden und Teller mit Innereien angeboten wurden. Was für ein Luxus, dafür nicht selbst jagen zu müssen. Thatawaya fühlte sich wie irgendwas Hochrangiges, weil jemand anderes den gefährlichen und mühsamen Part der Nahrungsbeschaffung für sie übernommen hatte und sie einfach nur einen Teller mit Essen kaufen und sich damit an einem Tisch setzen musste. Nur das. Und sie durfte tatsächlich an einem Tisch essen wie andere auch! Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das jemals gehabt hatte. Bisher hatte sie ihre Nahrung direkt aus ihrer Beute gegessen und die hatte dabei einfach am Boden gelegen. Umso genussvoller liess sie sich ihre Mahlzeit schmecken und es war in der Tat ein ganz anderes Erlebnis . Nicht nur, bequem zu sitzen sondern auch...in Ruhe essen zu können. Ohne in Alarmbereitschaft zu sein, weil jemand ihr ihre Beute vielleicht streitig machen könnte.

Während sie speisten, sah Thatawaya sie um und noch mehr: Sie lauschte. Ein Mann kam herein. Er hatte keine Ohren und grüne Schuppen. Zumindest glaubte Thatawaya, dass das ein Mann war. So ganz sicher war sie sich da nie. Er liess sich bedrückt an einen anderen Tisch fallen, an dem schon andere sassen.

“Er hats nicht geschafft”

meinte er nur und sofort sahen die anderen Leute ebenso bedrückt aus, während Thatawaya noch versuchte zu verstehen, um was es da ging. Sie steckte sie mit der Gabel einen Bissen Lunge in den Schnabel und schlang ihn hinter. Da sie keine Zähne hatte, musste sie ja auch nicht kauen. Die Männer an dem Tisch schwiegen eine ganze Weile, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, ehe einer ein Schluck aus seinem Glas trank und meinte.

“Verdammte Sith.”

Heeey. Thatawaya veränderte ihre Position und beobachtete, wie einer der Männer Schnaps für die ganze Runde bestellte und sie das Zeug runter kippten. Aber mit ihrem Fluch hatten sie...naja, vielleicht einen anderen Fluch herauf beschworen. Thatawaya beobachtete sie wie ihre nächste Beute, während sie noch ein Stück Leber in ihren Schnabel legte. Sie stupste dann Essam an und nickte in Richtung der Männer. DAS könnten ihre Leute werden. Wenn sie ein Problem mit den Sith hatten und vielleicht auf Rache aus waren, waren sie vielleicht bereit, beim Verteilen zu helfen. Sie beendeten ihr Mahl schweigend und warteten, bis die Männer ebenfalls bezahlten und sich auf den Weg machten. Dann erhob sich Thatawaya und beeilte sich, hinter ihnen her zu kommen. In einem etwas weniger belebten Gang holte Thatawaya schliesslich auf und sprach sie an. Sie erzählten von einer Begegnung mit einem Sith, der einen ihrer Freunde das Leben gekostet hatte. Das war Thatawayas Stichwort und sie erzählte ihnen von ihrem Plan. Natürlich hatten sie eigenen Idee und stimmten Essam bei seinen Bedenken zu. Allerdings konnten sie sie relativ schnell überzeugen, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Sie konnten jedoch nicht gleich los. Thatawaya verbrachte fast zwei Wochen mit der Vorbereitung. Die fünf Männer, die sie quasi angeheuert hatte, hatten auch noch andere Aufträge, die sie erstmal abschliessen mussten. Thatawaya verbrachte unterdessen relativ viel Zeit in der Kapitäns-Kabine und weinte. Sie weinte so viel, wie sie konnte. Gegen Ende der Woche hatte sie jedoch genug zusammen, dass sie ihr Gift in Spritzen aufziehen und fertig machen konnte. Viel brauchte es ja nicht, wenn nur ein Kratzer mit einer benetzten Kralle ausreichte, um ihre Opfer zu lähmen. Die Spritzen waren dementsprechend klein, aber jeder von ihnen würde 7 bis 8 Spitzen verteilen können. Sie hatte auch weiteres Material für eine zweite und dritte Runde, die sie dann aber wieder vorbereiten müsste. Fürs erste war sie erschöpft. Sowohl körperlich als auch Mental. Die Wut auf Sturn war zwar ein guter Antrieb, aber es nahm auch echt viel von ihr. Aber es war ja für einen guten Zweck. So vorbereitet ging es schliesslich los in Richtung Bastion. Sie flogen mit der Revenger, die den Decknamen StarDust bekommen hatte und alle hatten eine falsche ID. Jetzt mussten sie am Ziel dann nur noch eines sein: Leise, schnell und effektiv.

The Wheel-Weltraum- Revenger- mit Essam und 5 anderen Männern.


Weiter direkt auf Bastion
 
| Irgendwo im imperialen Hyperraum | Frachtschiff | Container |
Samin und Sana und etwa ein Dutzend weitere Kinder


Die Tage im Container gingen ineinander verloren. Sie ließen sich nicht trennen. Tage hatten keinen Anfang und kein Ende. Einzig Müdigkeit, Hunger und das gleichmäßige Arbeiten des Frachters zwischen den Sprungpunkten waren Indikatoren dafür, wieviel Zeit verging. Zudem kam alle 24 Stunden ein gegenseitiges Klopfzeichen mit einem Helfer von Außerhalb, über den Naeva kaum ein Wort verlor. Schweigen schützte ihn, genauso wie sein Schweigen sie schützte, sagte sie. Vermutlich hatte sie Recht. Das Brummen außerhalb des Containers war derweil zu einem konstanten Hintergrundrauschen geworden.
Innerhalb des Containers hatte sich einiges verändert. Nicht an dem Geruch, der war immer gleich. Es roch nach kaltem Metall, trockener, gefilterter Luft und zu vieler Körper auf zu engem Raum. Die Kinder hatten aber gelernt, wo sie Platz finden konnten und wo nicht. Niemand drängte sich mehr unbedacht durch die Mitte. Die Regeln, die Naeva zu Beginn festgelegt hatte, wurden gar nie angezweifelt. So waren aus Vorschriften Gewohnheiten geworden, die allen Halt gaben.
Auch Samin. Sie selbst saß oft still am Containerrand und ließ ihren Blick wandern. Über die Kinder, über die Wände, über die kleine Lampe, die ihnen Licht spendete. Sie hatte viel nachgedacht. Schließlich hatte sie dazu auch alle Zeit des Universums gehabt. Verschiedenste Gedanken kamen und gingen, zu viele, um sie einzeln zu zählen. Zwei Wochen würden sie etwa unterwegs sein, hatte Naeva gesagt. Zwei Wochen auf Nebenrouten, mit einem vermutlich antiquierten Hyperraumantrieb.

Sana blieb meist in ihrer Nähe. Samin gestand sich jedoch ein, dass ihre Tochter auch nicht viel mehr Möglichkeiten hatte. Die erzwungene Nähe schien jedoch gut zu sein, für beide. Manchmal saß Sana dicht bei ihr, manchmal auf der gegenüberliegenden Seite, doch immer so, dass Samin sie sehen konnte, wenn sie den Kopf hob. Die Nähe wog schwer zwischen ihnen. Auf der Gegenseite waren all die Dinge, die Samin in den vergangenen dreizehn Jahren verpasst hatte zu tun. Gespräche zwischen ihnen blieben selten. Wenn sie sprachen, dann über ihre unmittelbare Lage. Wasser, Müdigkeit, über ein Kind, das schlecht träumte. Nichts über die Vergangenheit, nichts über die Zukunft. Samin zwang sich selbst zur Geduld. Der Zeitpunkt, über all das zu reden, würde kommen. Momentan konnte jedes zu frühe Wort mehr zerstörten als jedes Schweigen.
Einmal wachte die Halbchiss auf, weil sich ein Gewicht gegen ihren Arm gelehnt hatte. Sana schlief, die Augen fest geschlossen, der Atem ruhig und flach, als hätte ihr Körper entschieden, dass sie sich sicher fühlen konnte. Samin rührte sich nicht. Sie saß wach und genoss die Berührung. Der Moment war zu schnell vorbei, ohne dass sie sich wirklich daran erinnern konnte, wann er überhaupt begonnen hatte.

Irgendwann änderte sich das Brummen außerhalb. Nicht schlagartig. Ihr fiel erst nach einiger Zeit auf, dass sie schon länger nicht mehr in den Hyperraum gesprungen waren. Saminmerkte, wie sich ihr Körper anspannte, noch bevor sie einen Gedanken formulieren konnte. Sie richtete sich auf. Naeva tat es ihr gleich, wortlos.

Doch nichts geschah - für Stunden. Die Zeit zog sich. Dann, Samin war schon in den Schlaf gefallen, andere Geräusche. Der Frachtraum wurde geöffnet. Sie bewegten sich nicht mehr. Wenig später wurde der Container angehoben, umgesetzt und wieder abgesenkt. Stimmen drangen durch die Containerhülle, während drinnen nun alle ganz ruhig blieben. Sie kamen gedämpft bei ihnen an, nicht laut genug, um Worte zu verstehen. Aber es musste sich um viele Leute handeln.

Dann kam der Container zur Ruhe. Als das letzte Rumpeln erklang, hatte es etwas Endgültiges an sich. Alle Kinder hielten still. Selbst die Kleinsten schienen zu spüren, dass sie am Ende ihrer Reise angekommen waren. Sana saß neben Samin, die Hände fest um die Knie gelegt. Ihre roten Augen wirkten heller in dem Licht, das durch die feinen Spalten der Containertür sickerte. Noch mehr Zeit verging. Mehr Zeit, als Samin erwartet hätte. Sie spürte eine Beunruhigung in sich, doch die erstaunlich erwachsene Abgeklärtheit von Naeva stiftete selbst ihr Ruhe.

Dann klopfte es.

Das Signal, das sie auch alle 24 Stunden während ihres Transports ausgetauscht hatten. Naeva war sofort auf den Beinen. Sie stellte sich seitlich neben die Containertür und warf einen kurzen Blick zurück. Die Kinder rückten instinktiv zusammen.

Etwas zischte. Die Verriegelung löste sich.

Langsam öffnete sich die Tür und Licht brach herein - hartes Docklicht, brennend weiß und gnadenlos. Es schnitt herein und blendete alle im Innenraum, die nun wochenlang in einer Nahezu-Dunkelheit vegetiert hatten. Samin blinzelte, hielt sich die Hand vor die Augen und versuchte, sich so schnell wie möglich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, während sie gleichzeitig die Bewegungen der Kinder registrierte, die alle dasselbe taten.

Inmitten des Lichts konnte Samin die Umrisse einer Gestalt erkennen. Ein Mann. Mensch. Er musste mittleren Alters sein. Seine Kleidung war unauffällig. Als sich die Blindheit langsam legte erkannte sie ein offenes, freundliches Gesicht mit warmen Lächeln. Samin erkannte ihn. Er war einer von Kestels Männern, die bei ihm gewesen waren, als sie sich in den Container begeben hatten. Er musste der Mann gewesen sein, der sie versorgt hatte und täglich Klopfzeichen mit Naeva ausgetauscht hatte
.

“Alles gut”, sagte er mit ruhiger Stimme. “Wir sind da.”

Er hob leicht beschwichtigend die Hände und ließ seinen Blick durch den Innenraum gleiten, wobei er kurz an Samin festhing. Der Mann machte einen Schritt näher.


“Wir bringen euch heute Nacht weiter. Dauert nicht mehr lang. Ersteinmal seid ihr in Sicherheit.”

Samin wollte etwas sagen, vielleicht nach seinem Namen fragen, oder - viel wichtiger - die Information erlangen, wo sie sich befanden. Doch dazu kam es nicht.

Der Schuss kam nicht laut.

Ein jaulendes Zischen zwischen den Geräuschen des Docks. Der Mann vor ihnen zuckte, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Lächeln blieb verstörend lange auf dem Gesicht, während er rückwärts fiel und aus dem Licht kippte. Der Aufschlag war dumpf.

Samin brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war.

Der Körper lag reglos da. Aus einem Loch an der Schläfe kokelte feiner Rauch. Schritte näherten sich. Nun gewann die Elite-Pilotin ihre jahrelang antrainierte Fassung zurück, erhob sich blitzschnell und sammelte die Kinder hinter sich, während sie sich schützend, mit ausgebreiteten Armen vor sie stellte. Es hatte einen Moment gedauert, bis die Erkenntnis, dass der Plan, den sie nie kannte, an dieser Stelle gescheitert war, doch nun musste sie irgendwas tun. Sie bemerkte, dass Naevas Gesicht weiß geworden war. Ihre glasigen Augen starrten auf die Stelle, an der Kestals Mann am Boden lag. Kurz darauf hyperventilierte sie. Es war das erste Mal, dass Samin sie die Kontrolle verlieren sah.

Neben der Containertür erklang eine Stimme.


Na … na, Kell. Ich hatte dir gesagt, du sollst Kestal ausrichten, dass ich mir mein Geld immer zurückhole. Auf die eine oder andere Weise. Die Flugroute dieser Lieferung war … verdammt … gut versteckt. Wollen wir mal sehen, was er so wertvolles vor meinen Augen verber…”

Zum Vorschein kam ein Palliduvaner, mit kreidebleicher Haut und langen, knochigen Fingern, die sich um einen Blaster wandten. Der Mann im Türrahmen sah in den Container hinein, als würde er eine Ladung begutachten wollen. Mit dem, was er zu sehen bekam, hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

“ … Bantha-Scheiße.”

| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner

Das Blut aus dem leblosen Körper am Boden geronn schnell. Das Einschussloch am Kopf war natürlich direkt kautarisiert, das Blut kam von einer Platzwunde, die vom dumpfen Aufprall auf den Boden der Cargo-Bay entstanden war. Kurz war alles still. Samin stand weiterhin nahe an der Tür des Containers. Die Kinder hatten sich hinter ihr gesammelt, enger als jemals zuvor, ohne dass jemand sie dazu aufgefordert hatte. Sana stand dabei dicht an ihrer Seite.

Der Palliduvaner hatte sich mit schwankendem Schritt ein Stück vom Container entfernt. Sein Blick wanderte abwechselnd vom toten Mann am Boden zu dem Inhalt der Fracht. Er schien sich Zeit zu nehmen. Sein Blaster lag noch bedrohlich in seiner Hand, doch diese war nicht erhoben. Er dachte nach. Das erkannte Samin deutlich.


"Das", sagte er schließlich, "ist nicht, was ich erwartet habe."
Seine Stimme hallte leicht in der Bucht hinter ihm nach. Sie schien ansonsten leer zu sein. Alle anderen Geräusche waren gedämpft, weiter entfernt. Mit dem Lauf seines Blasters kratzte er sich kurz die Schläfe, dann sah er aus, als wollte er fortfahren, ehe er erneut innehielt und schließlich doch weitersprach.
"Eine Lieferung. Was zum Verwerten. Was ich verkaufen kann. Stattdessen finde ich ..."
Er machte eine Geste mit der Waffe in Richtung der Kinder, woraufhin Samin ihre Arme weiter hob und sie noch dichter hinter sich drängte.

" ... das hier."

Sein Blick blieb kurz an Sana, dann an Samin hängen. Die roten Augen und die leicht bläuliche Haut ihrer Tochter waren schwer zu übersehen.

"Eine Chiss", stellte er fest. "Und ein Haufen Kinder. Wieso schmuggelt Kestal eine Chiss und einen Haufen Kinder?"
Er runzelte die Stirn.

Samin spürte eine Bewegung hinter sich. Naeva, das Anführermädchen, war es, welche einen Schritt nach vorn machte. Ihre ansonsten so souveräne Haltung hatte sich verändert. Die Schultern waren durchgespannt, der Blick zittrig.

"Das geht dich nichts an", sagte sie scharf. "Lass uns gehen!"

Der Palliduvaner sah sie ruhig an. In seinem Ausdruck lag kein Zorn, kein Spott - nur Verwirrung.

"Nicht so schnell. Erst will ich wissen, warum Kestal in Wesenhandel verstrickt ist. An wen hat er euch verkauft? Von wem krieg ich jetzt meine Creds?"

Naeva öffnete erneut den Mund, um etwas zu erwidern, doch nun war es Samin, die das Wort erhob. Die Situation drohte zu kippen. Die Pilotin stellte sich einen halben Schritt weiter vor Naeva, gerade so, dass klar wurde, dass sie nun sprach.

"
Niemand wurde hier verkauft", sagte sie mit ruhiger, abgeklärter Stimme. "Und niemand wird dir etwas für uns bezahlen. Kestal hat uns aus dem Imperium geschmuggelt, das ist alles."

Sie war der Auffassung, dass ein gewisser Teil der Wahrheit angebracht war, um die Situation voranzubringen. Der Mann, der sie weiterbringen sollte, war tot. Der Ort hier, um welchen auch immer es sich handelte, war als Zwischenstation gedacht. Wenn sie pech hatten, wusste nur er, wie es weiterging. Mit etwas Glück war Naeva soweit eingeweiht. Wobei sie während der Reise bereits beteuert hatte, nicht zu wissen, wo genau es hinging. Das alles war ein ernsthaftes Problem. Doch man konnte nur eines nach dem anderen lösen.

Der Palliduvaner musterte sie. Er schien etwas abzuwägen.


"Das hört sich an, als würde das Imperium mich bezahlen, wenn ich euch dahin zurückbringe", sagte er schließlich. Samins Muskeln spannten sich an. In diesem Moment setzten ihre Instinkte ein und mischten sich mit ihrem Training sowie der Erfahrung aus unzähligen Gefechten. Ihre Augen scanten die Umgebung außerhalb des Containers. Die Bay war nicht allzu groß. Wenn sie in einem unerwarteten Moment nach vorne stürmte, würde sie den Mann vielleicht zu Boden tacklen können, bevor er einen Schuss abgab. Sie war weder groß, noch schwer und in keinem Fall kräftig. Durch den Lehrgang mit dem IGD hatte sie einen Nahkampfkurs belegen können, aber wenn der Palliduvaner etwas Kampferfahrung hatte, würde er sie in einem Bodenkampf leicht überwältigen können. Die einzige Hoffnung war, genug Zeit rauszuholen, dass die Kinder flüchten konnten. Aber selbst dann - sie wussten nicht, wo sie waren. Es konnte sein, dass sie da draußen nicht auf Hilfe stoßen würden.

"Aber schei** auf das Imperium", fügte er plötzlich an, bevor er auf den Boden spuckte. Samins Muskeln entspannten sich etwas.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Stille der Cargo-Bay schloss sich wieder um sie, unterbrochen vom gleichmäßigen Brummen einer Lüftungsanlage. Der Palliduvaner sah erneut auf den toten Mann. Dann zurück zu Samin.


"Kestal wird dich bezahlen", versprach Samin.

Der Mann gab einen hicksenden Laut von sich, kaum als Lachen zu erkennen.


"Das bezweifle ich. Kestal hat eine Geiselnahme auf Bastion angezettelt. Die Chancen sind hoch, dass er tot ist oder in einer Zelle schmort."

Samin reagierte nicht. Sie hätte damit rechnen müssen, dass der Palliduvaner so weit bescheidwusste. Das war mit Sicherheit der Grund, warum er sich überhaupt erst dazu entschlossen hatte, Kestals Schulden eigenhändig einzutreiben. Naeva machte hinter ihr eine ungeduldige Bewegung. Samin wusste, dass das Mädchen an ihre Grenzen gestoßen war. Solange es einen Plan gab, den sie ausführen konnte, war sie herausragend. Für Unvorhergesehenes fehlte ihr einfach die Lebenserfahrung. Zu viel Angst, zu viel Verantwortung, zu wenig Kontrolle.

"Du willst deine Credits? Wir sind sie nicht. Und wir bringen dir keine ein. Aber ich werde dich bezahlen."

Der Palliduvaner sah sie erneut lange an. Sein Blick war nicht feindselig, aber auch nicht wohlwollend. Es half zudem nicht, dass seine Spezies allgemein sehr antagonistische Züge hatte. In Samins Kopf ratterte es weiter. War das der richtige Weg, aus dieser Situation zu entkommen?

"Was bist du für Kestal?", fragte er schließlich.

"Eine Fehlentscheidung", antwortete sie kryptisch, aber wahrheitsgemäß. Der Killer verzog den Mund leicht. Kein Lächeln. Aber sie erkannte eine Art Resignation darin. Schließlich ließ er den Blaster sinken. Nicht ganz, aber weit genug, dass die Bedrohung ein Stück Schärfe verlor. Dann trat er ein paar Schritte zur Seite, weg vom Container und machte mit dem Kopf eine knappe Bewegung, in Richtung der Cargo-Bay.
"Kannst von Glück reden, dass ich Kinder mag. Ich tue euch nichts. Und wir finden schon raus, wie du mir meine Creds besorgen kannst. Willkommen auf The Wheel..."

| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
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Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner

Der Palliduvaner ließ sich etwas Zeit. Sein Blick lag dabei nicht nur auf Samin, sondern wanderte über die Gruppe, als würde er hoffe, dass sich an dem, was er sah, noch etwas ändern würde, wenn er nur lange genug hinsah. Tat es aber nicht. Der Mann auf dem Boden blieb tot. Die Kinder blieben Kinder und wurden nicht plötzlich zu Credit-Sticks. Samin stand derweil noch immer da, zwischen ihm und dem, was auch immer er sich von dieser Lieferung versprochen hatte.

Schließlich senkte er den Blaster ganz, steckte ihn sogar mit einer beiläufigen Bewegung zurück in den Holster und atmete sichtbar tief durch.


“Gut”, sagte er leise zu sich selbst, als würde er die Situation langsam akzeptieren. “Raus da.” Er hob den Kopf und machte eine knappe Bewegung zur Seite, weg vom Container.

Samin zögerte kurz und warf einen Blick zu Naeva. Das Mädchen war noch immer sehr angespannt. Sie hatte die Schultern hochgezogen und stand dort mit verkrampften Händen. Offensichtlich wusste sie nicht, was zu tun war.

Also trat Samin aus dem Container.

Das Licht in der Bay war hart und kalt. Es dauerte ein paar Sekunden, bis es nicht mehr in den Augen brannte. Stück für Stück wurden die Schemen im Raum zu Details. Die Bay war nicht sehr groß, aber auch nicht winzig. Es war ein abgeschlossener, funktionaler Bereich. Es gab keine Spuren von regelmäßiger Nutzung. Wo waren sie?

Der tote Mann lag noch dort, wo er gefallen war. Ein dunkler, rötlicher Fleck hatte sich unter seinem Kopf gebildet. Samin packte zu und zog den Leichnam beiseite. Zwar blieb der Fleck am Boden, nun länger gezogen und unübersehbar, aber für die Kinder war es besser, über eine blutige Fläche, als über eine Leiche zu steigen.


“Nicht hinsehen”
, sagte sie den Kindern bestimmt, aber ruhig, während sie ihnen half, aus dem Container zu steigen. Sie bewegten sich zögerlich, aber ohne Chaos. Sana blieb dabei dicht an Samins Seite. Nicht aus Zwang, oder weil ihre Mutter sie dazu aufgefordert hatte, sondern einfach so. Samin registrierte es. Es gab ihr ein gutes Gefühl.
Der Palliduvaner wartete, bis alle draußen waren. Dann wandte er sich ab.


“Bleibt zusammen”, raunte er über die Schulter, “Und fasst nichts an.”

Dann ging er los. Samin folgte ihm. Natürlich vertraute sie ihm nicht. Aber sie hatten keine Ahnung, wo sie waren und wo sie hin sollten. The Wheel, hatte er diesen Ort genannt. Was bei allen kalten Sonnen war The Wheel?

Der Palliduvaner war für den Moment keine Bedrohung - und wer sagte ihnen, dass nicht alles andere an diesem Ort bedrohlich auf sie reagieren würde? Also war er in diesem Moment die einzige Option. Es gab keinen besseren Weg.
Die Tür zur Bay öffnete sich schwerfällig. Dahinter war es nicht belebter. Es handelte sich um einen schmalen Zulieferungsgang. Das Licht fiel unregelmäßig aus angelaufenen Spots an metallenen Wänden. Kabel liefen offen entlang der Wände, an manchen Stellen notdürftig geflickt. Der Boden bestand aus Metallplatten. Eine Raumstation?

Jedenfalls kein Ort, an dem man sich freiwillig aufhielt, beschloss Samin. Die Geräusche von The Wheel waren hier anders. Gedämpfter und weiter entfernt. Irgendwas summte und brummte immer im Hintergrund. Vereinzelt zogen metallische Schläge durch die Wände, es zischten Leitungen und in Ferne dröhnten größere Systeme. Die Kinder rückten enger zusammen, als sie durch den Gang schritten. Einige griffen nach den Händen der anderen. Alle waren still. Der Palliduvaner bewegte sich mit einer zügigen Sicherheit durch die Gänge. Er kannte sich hier aus.

Samin beobachtete ihn. Sein Gang war locker, fast hüpfend, aber er hatte etwas kontrolliertes. Die Schultern waren leicht nach vorn geneigt, der Kopf gesenkt. Er schien aufmerksam zu sein, wollte aber nicht so wirken.


“Wie heißt du?”, fragte Samin schließlich.

Er reagierte nicht. Jedenfalls nicht sofort. Erst nach ein paar Schritten sah er nach hinten, ohne zu verlangsamen.


“Nenn mich Gongboy fürs erste”
, sagte er.

Samin ließ den Namen für einen Augenblick durch ihren Kopf kreisen. Es war ein merkwürdiger Name. Schief und unpassend. Vielleicht war das Absicht. Sie nahm ihn zur Kenntnis, ohne nachzuhaken.


“Gut, Gongboy”, sagte sie ruhig. “Wo bringst du uns hin?”

“Weg von hier”, kam als Antwort, als wäre sie klar. Mehr nicht. Also gingen sie weiter. Mehrere Abzweigungen, enge Durchgänge, einmal eine niedrige Schleuse, wo selbst eines der kleineren Kinder den Kopf einziehen musste. Die Luft veränderte sich stellenweise. Kühler, dann wieder wärmer. Samin wurde klar, dass das hier keine offiziellen Gänge waren. Hier war nicht oft jemand. Gongboy führte sie an irgendetwas vorbei. Einmal mussten sie gar an einer undichten Leitung vorbei, aus der ein dicker Dampfstrahl zischte. Ihr Führer ging einfach daran vorbei. Samin und die Kinder folgten ihm, rückten enger zusammen. Sana blieb weiterhin dicht bei ihr. Manchmal berührten sich ihre Arme leicht. Es war keine bewusste Nähe, aber auch kein Ausweichen. Samin genügte das. Sie spürte jede dieser kleinen Berührungen ganz bewusst.

Nach einer Weile änderte sich die Umgebung. Die Gänge wurden breiter und die Beleuchtung stabiler. Außerdem konnte sie laute Geräusche wahrnehmen. Da waren Gespräche und Schritte. Sie näherten sich einem aktiveren Bereich, auch wenn noch immer niemand zu sehen war.

Gongboy blieb vor einer schweren Tür stehen. Sie war alt und mehrfach überlackiert. Das Schutzglas des Bedienfelds daneben war gebrochen. Er tippte eine Sequenz ein. Zunächst geschah nichts. Er versuchte es ein zweites Mal. Dann war ein mechanisches Klacken zu hören, ehe sich die Verriegelung löste.


“Macht euch auf was Schönes gefasst”,
murmelte er und schob die Tür per Hand auf.

Die dahinter liegende Bucht war kleiner als die, in der sie angekommen waren, aber deutlich genutzt. Es roch nach kaltem Metall, Öl und etwas verrotettem. In der Mitte stand ein Schiff. Es war nichts Schönes. Ganz im Gegenteil.


“Was ist das für ein Schrott?”, entfuhr es ihr.

Ein alter Frachterkörper. Etwas, das eindeutig mal eine HWK-290 gewesen war. Einst. Die Linien des Korpus stimmten noch … irgendwie. Das Cockpit und der gedrungene Rumpf waren erkennbar. Aber alles andere? Verzogen, verfremdet und verunstaltet. Es gab einen einzelnen seitlichen Ausleger, der wirkte, als hätte jemand Teile eines anderen Schiffes daran geschweißt. Platten über Platten, verschiedenster Legierungen und darauf unterschiedliche Farbschichten. Ab und zu blitzte darunter alter imperialer Lack hervor. An anderen Stellen war er grob überdeckt, aber so als wäre die Arbeit mit völliger Gleichgültigkeit ausgeführt worden. Ihr Blick glitt über die Triebwerkssektion. Sie war … zu groß. Viel zu groß. Da wurde völlig übertrieben. Der Standardantrieb wurde gegen ein Triebwerk ausgetauscht, das aussah, als würde es zu einem viel größeren Schiff gehören. Leitungen lagen halb offen über nachgerüsteten, asymmetrisch angebrachten Kühlrippen. Der ganze Schrotthaufen war improvisiert.

Samin blieb stehen. Sie hatte noch nie eine solche Abnormität gesehen.


“Das ist kein Schrott”
, sagte Gongboy mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch erwartete. “Das ist Arbeit und Zuhause.”

“Das Ding fliegt nicht”
, stellte sie fest.

“Im Moment nicht”
, korrigierte er mit einem erhobenen, lehrhaften Zeigefinger. Daraufhin ging an ihr vorbei, die herabgelassene Rampe hinauf, als wäre das Gespräch damit erledigt. Samin blieb noch einen Moment stehen, dann folgte sie ihm. Die Kinder drängten sich hinter ihr. Allerdings hatten sie gewartet, bis Samin das obere Ende der Rampe erreicht hatte. So als hätten sie erwartet, dass sie unter ihr zusammenbrechen würde. Und ja, sie gab dem Gewicht der Kinder leicht nach, hielt aber. Das Innere des Schiffes war enger, als es von außen gewirkt hatte. Die Decken waren niedrig, die Gänge schmal. Es gab viele improvisierte Verkleidungen. Nichts, rein gar nichts hier drin war symmetrisch. Manche Wände waren eindeutig versetzt und nicht da, wo sie die Konstrukteure ursprünglich mal vorgesehen hatten.

“Sag mir nicht, dass du das zum Schmuggeln nutzt. Selbst einem Blinden fallen auf, dass es hinter den Wänden Hohlräume gibt.”

Der Palliduvaner reagierte nicht. Drinnen roch es noch stärker nach Öl als draußen.
“Hier bleibt ihr erstmal”, sagte Gongboy schließlich und verschwand an einer Konsole, an der er mit geübten Handgriffen mehrere Schalter umlegte. Ein leises Summen setzte ein, irgendwo hinten im Schiff. Das Licht flackerte. Dann wurde es hell. Samin sah sich um. Der zentrale Bereich wirkte wie eine Mischung aus Werkstatt und Aufenthaltsraum. Werkzeuge waren hier unsauber sortiert, alte Ersatzteile lagen in Kisten, die nicht beschriftet waren.

Naeva trat neben sie.


“Das ist Wahnsinn”, murmelte sie leise.

Dieses Mal war es Samin, die nicht reagierte. Die Kinder begannen sich vorsichtig zu verteilen. Einige setzten sich sofort hin, streckten die Füße aus, nach der langen Zeit im Container. Andere blieben stehen und wirkten unsicher, ob sie sich bewegen durften. Sanas Blick durchzog das Innere.


“Fliegt das wirklich?”, fragte sie leise.

Samin zögerte.


“Es könnte”, sagte sie schließlich unsicher.

Gongboy drehte sich zu ihnen um.


“Es flog”, sagte er. “Und es wird wieder.”

Er trat näher, lehnte sich mit einer Schulter gegen eine der metallenen Wände und sah Samin direkt an.

“Du kannst fliegen”, stellte er fest.

Samin hielt den Blick, antwortete aber nicht sofort. Worauf wollte er hinaus?


“Du hast dir das Triebwerk angesehen, als würde es dich persönlich beleidigen. Das macht man nicht, wenn man keine Ahnung hat.”

“Wenn die Kühlung von dem Ding aussetzt, jagt das ganze Schiff hoch”, sagte sie ruhig.

Gongboy grinste schief.


“Vielleicht.”

“Nicht vielleicht.”

Einen Moment lang sahen sie sich an.

“Deshalb fliegt das Schiff nicht. Die Kühlung hat ausgesetzt, oder? Was ist passiert? Ist der Hyperraumantrieb durchgebrannt? Sind die Steuerelemente geschmolzen? Du hast Glück, dass der ganze Schrotthaufen nicht pulverisiert wurde.”

Er stieß sich von der Wand ab.

“Ja. Das alles Durchgebrannter Hyperraumantrieb und geschmolzene Steuerelemente. Außerdem hab' ich kein Treibstoff mehr. Und deshalb brauche ich meine Credits von Kestal.”

Samin verschränkte die Arme nicht, aber ihre Haltung wurde fester.

“Und du glaubst, von mir bekommst du sie?”

“Ich glaube, du bist eine Option”, sagte er ohne Umschweife. “Und ich glaube, ich bin deine einzige.” Er deutete mit dem Kopf auf die Kinder. “Die hier sind dein Problem. Also werden sie auch mein Problem, solange sie bei mir sind.”

Sana sah zwischen Samin und Gongboy hin und her, sagte aber nichts.

“Und wenn ich nein sage?”, fragte Samin.

Gongboy verzog den Mund erneut.

“Dann habt ihr keine Ahnung wo ihr seid und keine Hilfe auf einer Station, voller Leute, die euch liebend gern verkaufen würden.”

Er machte eine Pause.

“Und ich hab’ immer noch ein kaputtes Schiff. Wenn ich ein heiles Schiff hätte, könnte ich euch auf dem Weg abladen … wo auch immer ihr hinwollt. Sieh es doch mal so.”

Samin dachte darüber nach. Nicht lange. Sie wusste bereits, was die Antwort war, die ihr als einziges blieb.

“Und wie glaubst du, kann ich dir Credits besorgen?”

Er zuckte mit den Augenbrauen.

“Da lassen wir uns schon was einfallen.”

Er hatte also keinen Plan.

| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
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