Lina Menschenkind
Eine Kurzgeschichte zum Buch
"Die Schatten Emeralds"
von Minza
DIE SCHMERZEN WURDEN stärker, während die Medikonstrukte mehr Substanzen in den alten, verbrauchten Körper leiteten. Die Medizin, welche Lina Joaki-Maibrunn im letzten Jahrzehnt immer wieder Erleichterung verschafft hatte, brannte seit einigen Tagen. Oder erst seit einigen Stunden?
Die Stunden verschwammen mittlerweile. Waren nicht mehr auseinander zu halten oder wirklich einzuordnen. Lina empfand diesen Umstand als einiges frustrierender, als alles andere, was das hohe Alter mit sich gebracht hatte. So viel hatte sie gesehen. So viel selbst erlebt. So viele Freunde kommen und gehen sehen. So viele.
Und dennoch... sie war zufrieden mit ihrem Leben. Zufrieden mit allem, was sie geschafft hatte. Was sie
erschaffen hatte. Sie lehnte sich in ihren weichen Kissen zurück und sofort begann das Formbett damit, sich an ihre mürben Knochen anzupassen. Ihr eine möglichst angenehme Lage zu ermöglichen. Sie seufzte und zuckte sofort zusammen, als das Entspannen der sauren Muskeln und verbrauchten Gelenke zu einem Gewitter aus neuen Schmerzen führte. Ein dumpfes Pochen blieb zurück, als die Stiche nachließen... sich ihr Rücken und ihre Gliedmaßen sich endlich in die Matratze sinken lassen konnten.
Lina Joaki-Maibrunn. Erfinderin der Joaki-Maibrunn-Konverter, mit denen die Evakuierungsportale stabil gehalten wurden und Milliarden Bewohnern dieser Welt erlauben sollten, Schutz in anderen Realitäten zu finden. Schutz vor der Dritten Hölleninvasion. Schutz vor dem Sonnenfeuer. Lange hatte sie an den Spezifikationen dieser kristallintechnischen Wunderapparatur gearbeitet, hatte direkt mit den Technikern der Portalzentren Pläne geschmiedet.
So lange her... so viele Erinnerungen. Und doch... hatte sich dies alles gelohnt? Konnten diese armen Seelen wirklich alle gerettet werden? Vermutlich nicht, entschied Lina, während sie die Decke ihres Krankenzimmers studierte. Karten. Diagramme. Alte Zeichnungen. Dies alles war dort oben projiziert, verschwamm ineinander wie ein Lichtspiel aus Ideen und Impulsen. Erinnerungen. Alte Geschichten.
Sie hatte lange Zeit gehabt, all diese Geschichten zu sammeln, all diese Karten zu erkunden. Als Spielerin. Als Erzählerin. Als Erschafferin ganzer Sagen, die nun nur noch in alten Notizen und ihrem Geist existierten. Selia von den Grauswassern. Gunchi, die kleine Wex. Ko, welche den Zwergen von Umbra auf der Suche nach einer sicheren Unterkunft hilft. Leyta Kleinzeh und Vee "Öläffchen" Karistan. Die Dame Hannafred Tyringa Elthbit, die im Sternenlicht der Zweiten Sonne auf den Feldern von Nimroth tanzte.
So viele Geschichten. So viele Abenteuer.
"Es ist Zeit für Ihre täglichen Übungen."
Lina schrak aus ihren Gedanken auf, blinzelte das Konstrukt an, welches sich ihrem Bett genähert hatte. Sie hatte nicht einmal mitbekommen, wie die Türe geöffnet worden war.
"Danke, Loro," kam die heisere, brechende Stimme aus ihrer viel zu trockenen Kehle. "Können wir das heute nicht einfach ausfallen lassen?"
"Ich fürchte nicht, Lina."
"Warum liebst Du es so, mich zu quälen?"
"Dich zu quälen ist nicht in meinem Sinne, Lina. Ich bin hier, um Dich bei Deinen täglichen Aufgaben zu unterstützen und nach Deiner Gesundheit zu sähen."
"Lüg halt..."
"Du weißt, dass ich Dich nie anlügen würde. Selbst wenn ich darauf programmiert worden wäre."
"Ich habe Dich programmiert, Süßi. Ich weiß, wovon ich spreche."
"Ich habe Dich auch lieb, Lina."
Wieder stellte Lina ihre Entscheidung in Frage, sich für eines der neuesten MediHelf-Einheiten entschieden zu haben. Definitiv zu viel Emotionssimulation. Sie würde mit den Konstrukteuren sprechen müssen. Wobei... was würde das bringen? Die Welt war im Arsch. Aber so richtig. Erst gestern hatte es wieder eine Meldung über einen dämonischen Ausbruch im Hochbezirk gegeben. Eine alte Ruine, Teil einer Schutzzone, hatte sich in ein Höllenportal verwandelt und die umliegenden Plexe hatten mit Blut bezahlt.
Und wenn sie aus dem Fenster blickte, erkannte sie die Sonne ihrer Kindheit nicht mehr. Nicht mehr die Silhouette ihrer Stadt. Ihr Plex. Natürlich... sie war nie wirklich hier willkommen gewesen. Als Tiefling. Als Sonderling, die ihre Zeit am liebsten mit ihren Freunden, Abenteuerspielen und Nordbrot verbracht hatte. Als Agentin eines kleinen Verbrechersyndikats, das sich über die Jahre in eine Gruppe Ökoterroristen verwandelt hatte.
Ein Lächeln schlich sich auf ihr faltiges Gesicht. "Sind die Berechnungen durchgelaufen, welche Du in das System eingespeist hast?"
"Das sind sie, Lina. Kannst Du Deinen linken Arm leicht anheben? Dann würde ich mit der Behandlung beginnen."
"Mein oder Dein Links?"
"Dein..." Das Konstrukt hielt inne. "Ha ha."
"Du wirst mich schon noch vermissen, Loro. Wirst schon sehen."
"Davon bin ich überzeugt, Lina. Aber das ist noch lange hin."
Lina rollte ihre schwachen Augen, legte ihren Kopf umständlich neu so auf das Kissen, dass ihre Hörner nicht mehr ihren Nacken in einen falschen Winkel drückten. Dann hob sie leicht ächzend einen Arm.
"Den linken, Lina."
"Achso. Ja. Da war ja 'was."
"Lina?"
"Ja?"
"Warum machst Du all das?"
"Weiß ich nicht. Vermutlich ein Hirnschaden oder zu viel Aufputschmittel während meines Studiums oder..."
Nein, sie hatte schon vor ihrem Studium Spaß daran gehabt, ihre Freunde in den Wahnsinn zu treiben.
"...nein, einfach nur ein Hirnschaden. Hat 'was mit dem Dämonenblut in meinen Adern zu tun. Mein rechter Arm besonders, der ist direkt von Caleas und..."
"Ich meine die Simulation, Lina."
"...oh." Sie starrte an die Decke. Sah die Karte vom nördlichen Kerchar. "Ich will nicht mehr, Loro."
"Ich verstehe." Das Konstrukt streichelte ihr über die wenigen, dünnen Haare, welche um ihre Hörner zu einer halbwegs herzeigbaren Frisur gebunden worden waren. "Was kann ich für Dich tun?"
Eine Träne sammelte sich überraschend in Linas Augenwinkel und erbost über diese vermeintliche Schwäche versuchte die alte Tiefling, sie wegzublinzeln. Sie sah das Konstrukt vorwurfsvoll und zum Großteil mit dem Gefühl, von sich selbst verraten worden zu sein, an.
"Ist die Berechnungsmatrix fertig justiert? Eben war sie noch bei dreiundachtzig Prozent."
"Das war vor einer Woche, Lina. Sie ist fertig."
"Oh."
Die Berechnungsmatrix der Portal-Betriebssysteme hatte ungeheure Berechnungsleistung. Viel mehr, als die Portale brauchten, um sich auf die magischen Strukturen anderer Realitäten auszurichten. Sie konnten rein theoretisch ganze Welten erschaffen. Künstliche Welten, deren Eckpfeiler Lina selbst bestimmen konnte.
Denn was brachte ihr die eigene Erfindung? Was brachte ihr ein Portal in eine fremde Zufluchtswelt, in der sie weiter in ihrem Bett lag und Schmerzen hatte. In der Loro alle paar Stunden vorbei kam, um zu sehen, ob sie doch noch endlich ihre Windeln gefüllt hatte.
Nein. Sie wollte keinen Neustart in einer neuen Heimat, die vielleicht noch mehr Probleme mit sich brachte. Keinen Neustart, der sie alleine in einem Bett zurückließ, während sie alten Zeiten hinterher trauerte. Sie wollte die alten Zeiten zurück haben. Mit Ro und Io und sogar mit Sigwin und Hanybal und vielleicht auch Cesare und all den anderen Idioten, die sie ihre Freunde genannt hatte. Die wirklich ihre Freunde waren. Aber wo waren sie jetzt?
Sie vergaß die Schmerzen, als Loro langsam ihren linken Arm anhob, um die tägliche Gymnastik zu beginnen...
***
Eine Stunde. Eine Stunde in der Realität. Lina betrachtete die übergroßen Symbole, welche auf ihren Bildschirm projiziert wurden, um ihre Augen zu entlasten. Eine Stunde, welche in der Simulation ein ganzes Jahr abdecken würde.
"Berechne die erlebte Zeit im Betriebssystem für die Aktivierungsdauer von zwei Wochen..."
"Die Zeit innerhalb der Simulation beträgt bei der vorgebenen Aktivierungsdauer von zwei Wochen exakt dreihundersechsunddreißig Jahre."
"Perfekt..." Lina ließ sich zurücksinken, drehte die Zahl, welche ihr das Modul genannt hatte, in ihrem Kopf umher.
Über dreihundert Jahre... ja, das sollte ausreichen.
Genügend Zeit, um das Leben zu führen, das sie schon seit ihrer Kindheit erträumt hatte. Ungehindert von ihrem Tieflingsblut. Unabhängig von Schule, Studium und den Grauen einer Epoche, die vermutlich die letzte werden sollte, welche diese Welt je erleben würde.
"Setze Parameter für die Hintergrundinformationen der Simulation."
"Wird berechnet."
"Baue alle Algorithmen aus den Ordnern K2, K2.2 und K2.9 ein. Verbinde sie über die Logikmatrix mit den vorgegebenen Prozessen."
"Wird berechnet."
"Dauer der Berechnung?"
"Etwa zweiundsiebzig Stunden."
"Oh..."
Schneller, als gedacht. Sollte ihr Ziel wirklich so nahe sein? Wobei... drei Tage in diesem zerfallenden Körper waren schon eine Zumutung, welche sie nicht einmal ihren schlimmsten Feinden gewünscht hätte. Kurz dachte sie an die verdammte Tiefling, welche ihr vor so vielen Jahren mitunter das Leben schwer gemacht hatte. Ihr und ihren Freunden. Wie hatte sie sich genannt? Schlimmi? Nein. Aber irgendetwas in dieser Richtung. Und nein: nicht einmal der hätte sie so etwas antun wollen.
Die Erinnerung an diese chaotische, garstige Person verwandelte sich in ein Bild von Ro, wie er neben Schlimmi stand und seinen runden, gefleckten Kopf schüttelte. Ihr Hals schnürte sich zusammen und sie unterdrückte ein leichtes Zittern, das sich auf ihre dünnen Lippen schleichen wollte. Ro. Oh, wie sie Ro vermisste. Schon so lange war er aus ihrem Leben verschwunden. Aus dieser Daseinsebene. Und ja: sie wusste, dass seine Essenz irgendwo an einen Gegenstand oder Ort gebunden war, ganz in der Tradition der vielen Geister, mit denen er zu Lebzeiten gutes Geld gemacht hatte.
Aber sie konnte ihn nicht einfach anrufen. Nicht mit ihm sprechen. Nicht seine Nähe genießen und ihn mit soviel Nordbrot füttern, bis sie seine Ohren über der Toilettenschüssel halten musste, damit er sie nicht mit seinem Erbrochenen überzog. Oh, sie vermisste ihn so sehr...!
Sie lehnte sich zurück und sah dem Bildschirm des Moduls dabei zu, wie es Kodexzeile um Kodexzeile mit dem Speichersystems ihres Konverters verknüpfte. Der Konverter, der an Portal 3347/1003AC verbunden werden sollte. Zu welcher Zufluchtswelt dieses Portal führte? Lina wusste es nicht. Sie wusste nur, dass das Sonnenfeuer, Nigal Hagurath oder wer ihr auch immer wieder in die Suppe spucken wollte, lange genug mit ihrem letzten Schritt warten mussten, damit sie genügend Zeit hatte, die eigens für sie erstellte Simulation in vollen Zügen zu genießen.
***
Die Sonne ging gerade hinter den Bergen auf, als Lina Menschenkind blinzelte, dann vollends ihre Augen öffnete. Vor ihr lag das weite Land, welches auf Erkundung wartete. Seltsam geformte Hügelkuppen, steil und mit Pilzen überwachsen, als wären es Bäume in einem stilisierten Gemälde aus Shushima. Kristallstrukturen, im noch neuen Sonnenlicht glitzernd und so gar nicht bedrohlich. So gar nicht wie die Kristallisierung in der Wirklichkeit wirkend. Sie summten leise im heller werdenden Licht des Tages, bildeten beinahe schon ein unterschwelliges Lied. Eine Grundmelodie für diese so junge und doch in ihren berechneten Geschichte so alten Realität.
Sie blickte zur Seite und sah in die lächelnden Augen eines kleinen Schweinekriegers, der neben ihr auf der Landstraße stand. Die Augen von Ro und doch leicht anders. So gut, wie die Simulation ihn aus alten Fotos und Aufzeichnungen rekonstruieren konnte. Kleiner, als im echten Leben und dennoch mit der selben Energie gehaftet, welche ihn und sie vor so vielen Jahren zu Freunden gemacht hatte. Sie tastete kurz an ihrem Körper entlang, spürte die Ledergewandung, den schweren Rucksack und das Schwert an ihrer Seite. Die dicken Stiefel und die schulterlangen, dichten Haare. Sie waren rot und waren nicht durch Tieflinghörner durchbrochen.
Lina Menschenkind. Glücksjägerin. Abenteurerin. Und vielleicht irgendwann sogar Heldin. Sie hielt Ro ihre Hand hin und der nahm sie in seinen Huf. Drückte sie sanft und schenkte ihr eines seiner unbeholfenen und doch so charmanten Lächeln. Würde sie je vergessen, dass dies alles nur eine Simulation war? Dass diese Welt irgendwann einfach herunterfahren und vergessen werden würde? Sie glaubte es nicht. Aber vielleicht... vielleicht war es ihr irgendwann egal und wenn sie hier alt und von unzähligen Heldentaten gezeichnet auf ihrer Holzbank vor einer kleinen Hütte im Wald für immer einschlief oder von einem der gefürchteten Umbardrachen im Kampf bezwungen wurde, hatte sie dennoch zuvor ein erfüllendes Leben gehabt.
Sie griff Ros Huf fester und machte ihren ersten Schritt hinein in eine Welt, die nur für sie geschaffen worden war...