Zuletzt gekaufter/gesehener Film - Allgemeiner Filmthread

Nachdem ich letztens mal wieder Zack Synders 300 gesehen habe, habe ich Lust auf "Sandalenfilme" bekommen und habe mir in einem kleinen Kaufrausch Ridley Scotts Gladiator und Gladiator II sowie Wolfgang Petersens Troja zugelegt. D.h. bei mir steht demnächst mal ein Filmabend im Zeichen der Antike an. Vielleicht schiebe ich dazwischen auch noch den alten Ben Hur von 1959 ein.
 
Dust Bunny
Dust Bunny beginnt wie ein schräges Märchen. Staub wirbelt durch ein Kinderzimmer, sammelt sich, bekommt eine Form. Ein Monster entsteht. Schon in diesen ersten Minuten ist klar, dass das hier keine normale Welt ist. Alles wirkt künstlich, überhöht, wie eine Bühne. Für mich funktioniert der Film nur, wenn man ihn komplett als Fantasie begreift. Nicht als Spiel mit der Frage, ob das Monster vielleicht doch real ist. Sondern als geschlossene Innenwelt eines Kindes.

In dieser Traumwelt gelten andere Regeln. Räume leuchten in giftigen Farben. Tapeten scheinen zu leben. Und vor allem: Menschen, die sich dem Mädchen in der Wohnung nähern, werden gefressen. Das ist kein Zufall, das ist ein Muster. Wer ihr zu nahe kommt, verschwindet. Wer den Raum betritt, wird ausgelöscht.

Wenn man das ernst nimmt, bekommt das Ganze eine andere Schwere.

Denn dann ist das Monster nicht einfach nur ein Gruselmotiv, sondern eine Schutzfigur. Etwas, das eingreift, wenn Grenzen überschritten werden. Eine radikale, kindliche Form von Abwehr. In dieser Lesart wirkt die Wohnung wie ein innerer Schutzraum. Und jeder Erwachsene, der ihn betritt, wird zur potenziellen Bedrohung.

Man kann das als Verarbeitung lesen. Als Versuch, etwas Unaussprechliches in Bilder zu übersetzen. Die Idee, dass Nähe gefährlich ist. Dass Berührung Konsequenzen hat. Dass der eigene Raum verteidigt werden muss. Wenn man an die Möglichkeit denkt, dass das Mädchen Erfahrungen gemacht hat, die mit Grenzverletzung oder sexuellem Missbrauch zu tun haben, dann bekommt das Monster eine neue Bedeutung. Es frisst nicht wahllos. Es frisst diejenigen, die ihr zu nahe kommen.

In einer Traumwelt muss das nicht logisch erklärt werden. Da wird nicht psychologisch sauber analysiert. Da entstehen Bilder. Und diese Bilder sprechen.

Gerade deshalb fällt Auroras ruhige Art noch stärker auf. Sie zeigt kaum echte Panik. Kaum körperliche Angst. Keine unkontrollierten Ausbrüche. Sie wirkt abgeklärt, fast nüchtern. Das kann man als Distanz lesen, als Abspaltung. Wenn Angst zu groß wird, wird sie manchmal nicht laut, sondern still. Nicht zittrig, sondern hart. Trotzdem bleibt das Problem, dass der Film diese innere Spannung nur andeutet. Die Angst wird behauptet, aber selten wirklich erfahrbar gemacht.

Und dann ist da Mads Mikkelsen.

Sein Auftragskiller steht wie ein Fremdkörper in dieser Traumwelt, aber ein notwendiger. Er ist die einzige erwachsene Figur, die nicht sofort als Bedrohung markiert wird. Er dringt zwar in ihren Raum ein, aber er wird nicht gefressen. Im Gegenteil. Er wird zum Verbündeten. Zum Beschützer. In einer möglichen Missbrauchs-Lesart bekommt das Gewicht. Er ist der Gegenentwurf zu den anderen Erwachsenen. Kein Übergriff, keine Grenzüberschreitung, sondern klare Linien. Distanz, die respektvoll ist.

Mikkelsen spielt das ruhig, fast zurückgenommen. Und gerade dadurch wirkt es glaubwürdig. Er ist kein strahlender Retter, sondern jemand mit eigener Dunkelheit. Aber er respektiert ihre Regeln. Und das ist entscheidend. In einer Welt, in der Nähe gefährlich ist, wird er zur Ausnahme.

Die Szenen zwischen den beiden gehören zu den stärksten des Films. Da entsteht tatsächlich etwas wie Vertrauen. Kein kitschiges Ersatzvater-Drama, sondern eine vorsichtige Annäherung. Zwei Figuren, die sich gegenseitig prüfen.

Leider traut sich der Film nicht ganz, diese dunkle Lesart klarer zu machen. Er streift sie, aber er bleibt vage. Vielleicht aus Angst vor Eindeutigkeit. Vielleicht, weil er seine Märchenhaftigkeit nicht verlieren will. Doch gerade wenn man die Traumlogik akzeptiert, hätte er hier tiefer gehen können.

So bleibt Dust Bunny ein Film, der viel andeutet. Der visuell stark ist, der Bilder findet für Bedrohung und Abwehr, für Nähe und Gefahr. Aber emotional bleibt er auf Abstand. Ich sehe, was darin stecken könnte. Ich sehe die mögliche Geschichte über ein Kind, das sich mit Fantasie schützt. Und ich sehe in Mikkelsens Figur eine positive, stabile Gegenkraft.

Nur hätte ich mir gewünscht, dass der Film den Mut hat, das deutlicher fühlbar zu machen. Dann wäre aus diesem schillernden Traum vielleicht ein wirklich erschütterndes Märchen geworden.
 
„Send help (2026)“

„Eine schrullige, aber fleißige Büroangestellte fliegt zusammen mit zwei Kollegen und ihrem Chef in einem Geschäftsflugzeug nach Bangkok, als es über dem Meer unerwartet zu Problemen kommt…“

Kurzum: Jeder, der arbeitet, weiß, wie es in Firmen zugehen kann.

Es macht Spaß, zuzusehen, wie die überheblichen Kollegen und der Chef ihr Fett wegkriegen.

Sam Raimis neuster Film ist wirklich eine unterhaltsame Horrorkomödie.
 
No Other Choise
Am Anfang wirkt alles wie aus einem Werbeprospekt. Man-su lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem schönen Haus mit Garten. Er arbeitet seit 25 Jahren in derselben Firma, kennt jeden Handgriff, liebt sein Metier. Man merkt sofort, wie sehr er sich über seine Arbeit definiert. Er ist nicht nur Angestellter in einer Papierfabrik. Er ist dieser Job. Als die Firma übernommen wird und er entlassen wird, verliert er deshalb nicht nur sein Einkommen, sondern sein Selbstbild.

Der Film nimmt sich Zeit, diesen Bruch zu zeigen. Die schleichende Erkenntnis, dass Bewerbungen ins Leere laufen, dass jüngere, flexiblere Kandidaten den Vorzug bekommen, dass das eigene Wissen plötzlich nicht mehr gefragt ist. Die Familie spart. Die Hunde müssen weg. Der Musikunterricht der Tochter wird gestrichen. Seine Frau geht wieder arbeiten. Man-su lächelt tapfer, aber man sieht, wie es in ihm arbeitet.

In gewisser Weise erinnert diese Entwicklung an Walter White aus Breaking Bad. Auch dort steht am Anfang kein geborener Verbrecher, sondern ein Mann, der sich vom Leben übergangen fühlt und glaubt, endlich zu bekommen, was ihm zusteht. Wie Walter redet sich Man-su ein, er handle aus Verantwortung für seine Familie. Er sieht sich als jemand, der nur das Nötige tut. Und genau darin liegt die Tragik. Beide Figuren verschieben Schritt für Schritt ihre moralischen Grenzen und finden für jede neue Eskalation eine Erklärung, die vor allem ihnen selbst plausibel erscheint. Der Unterschied liegt im Ton. Während Breaking Bad über Jahre hinweg den Wandel in aller epischen Breite zeigt, verdichtet No Other Choice diesen Absturz in knapp zweieinhalb Stunden. Aber das Muster ist ähnlich. Aus gekränktem Stolz wird Trotz. Aus Trotz wird Entschlossenheit. Und aus Entschlossenheit wird Gewalt.

Was dann passiert, ist im Kern absurd und zugleich erschreckend nachvollziehbar. Man-su beschließt, seine stärksten Konkurrenten um künftige Stellenangebote auszuschalten. Nicht aus purer Bosheit, sondern aus einem verzweifelten Gefühl heraus, keine andere Wahl mehr zu haben. Der Film zeigt diese Entwicklung als langsames Abrutschen. Jeder Schritt wirkt wie eine kleine Verschiebung der eigenen Grenzen.

Dabei ist No Other Choice erstaunlich witzig. Es gibt Szenen, die so überdreht sind, dass man lachen muss, obwohl man eigentlich weiß, dass man gerade über etwas Furchtbares lacht. Mordpläne scheitern an Banalitäten. Körperliche Auseinandersetzungen geraten chaotisch. Situationen kippen ins Groteske. Dieser Humor macht den Film aber nicht leichter. Im Gegenteil. Er legt offen, wie lächerlich und traurig dieser Kampf um Status und Anerkennung ist.

Lee Byung-hun trägt den Film fast im Alleingang. Sein Man-su ist kein Monster. Er ist ein Mann, der immer alles richtig gemacht hat und plötzlich merkt, dass das nicht mehr reicht. In seinem Gesicht sieht man Stolz, Scham, Trotz und Angst oft gleichzeitig. Gerade in den leisen Momenten ist er am stärksten. Wenn er versucht, vor seiner Familie Haltung zu bewahren, während innerlich alles bröckelt, trifft das mehr als jede Gewaltszene.

Auch die Ehe wird nicht als einfache Stütze gezeigt. Missverständnisse schleichen sich ein. Heimlichkeiten führen zu falschen Verdächtigungen.
Beide kämpfen auf ihre Weise ums Überleben der Familie. Das macht den Film glaubwürdig. Niemand ist hier nur Opfer oder nur Täter.

Optisch sieht der Film fantastisch aus. Gerade dieser Kontrast verstärkt die Wirkung. Unter der gepflegten Oberfläche gärt es. Wenn Man-su im Gewächshaus steht oder nachts durch fremde Häuser schleicht, wirkt das gleichzeitig banal und unheimlich. Es ist keine große Gangsterwelt, sondern der ganz normale Alltag, der kippt.

Am Ende bleibt kein erhobener Zeigefinger. Der Film predigt nicht. Er zeigt einfach, wie dünn die Schicht ist, die wir Zivilisation nennen, wenn Selbstwert nur an Arbeit und Status hängt. Und er stellt eine unangenehme Frage. Wie weit würden wir selbst gehen, wenn wir das Gefühl hätten, alles zu verlieren.

No Other Choice ist bitter, komisch, traurig und brutal. Und unterhaltsam. Man verlässt das Kino mit dem Gefühl, einen lohnenden Film gesehen zu haben, und vielleicht mit dem leisen Verdacht, dass zwischen einem ordentlichen Familienvater und einem Mann ohne Skrupel manchmal weniger liegt, als man glauben möchte.
 
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