The Wheel (Besh-Gorgon-System)

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin; Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder schlafend im Appartement

Sana ließ Samin ausreden.

Je länger sie sprach, desto weniger versuchte Sana überhaupt noch, für jeden neuen Satz sofort eine Antwort zu finden, denn dafür kam inzwischen zu vieles zusammen: Samin war damals zu jung gewesen, ihre Mutter hatte Druck auf sie ausgeübt, irgendwo hatte angeblich bereits eine andere Familie gewartet, die Sana ein besseres Leben hätte geben sollen, und aus einer Entscheidung, von der Samin sich damals offenbar eingeredet hatte, sie wäre die richtige, waren dreizehn Jahre geworden, die sich weder kleinreden noch irgendwie zurückholen ließen. Jetzt wollte sie wiederkommen, wusste aber nicht einmal, ob Sana das überhaupt wollte, und entschuldigte sich schließlich nicht nur dafür, dass sie nun nach Bakura gehen würde, sondern für damals.

Sana saß noch immer mit angezogenen Beinen an ihrem Ende der Couch, die Decke darübergezogen und eine kleine Falte des Stoffes zwischen zwei Fingern, an der sie schon herumgestrichen hatte, bevor das Gespräch überhaupt angefangen hatte. Mittlerweile hielt sie sie nur noch fest. Am anderen Ende der Couch lagen Samins Hände ineinander verkrampft, ihre Stimme hatte während der letzten Sätze mehrmals kaum noch getragen und als Sana schließlich kurz zu ihr hinübersah, glänzten ihre Augen feucht im wenigen Licht, das aus dem Flur bis in den Wohnbereich fiel.

Sanas Finger blieben an der Decke.

Als Samin sagte, dass sie ihre eigene Tochter nicht kannte, musste Sana ihr zumindest darin nicht widersprechen. Sie wusste nicht einmal, was Sana gern aß, und Naeva hätte wahrscheinlich schon bei der Frage die Augen verdreht, weil es so vieles gab, das man nach dreizehn gemeinsamen Jahren einfach wusste, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Doch daran blieb Sana nicht hängen.

Ihre Großmutter hatte von ihr gewusst.

Und irgendwo hatte eine Familie auf sie warten sollen.


Ich hatte aber keine Familie.

Der Satz kam so leise heraus, dass er kaum weiter tragen musste als bis ans andere Ende der Couch.

Sana sah hinunter auf ihre Hände.


Also … so eine.

Natürlich waren Naeva und die anderen da gewesen, später jedenfalls, und im Heim hatte es Betreuer gegeben, manche länger, manche kürzer, manche netter als andere. Das war aber nicht die Familie, von der Samin gesprochen hatte, bei der Sana angeblich hätte aufwachsen sollen, mit Leuten, die sich entschieden hatten, dass ausgerechnet sie dazugehören sollte.

Da war keine.

Es hatte Zimmer gegeben, dieselben Flure, Mahlzeiten zu denselben Zeiten und Betten, die manchmal plötzlich leer standen, weil ein Kind, das gestern noch neben einem gesessen hatte, seine Sachen zusammenpacken durfte. Neue Kinder kamen dazu, einige blieben nur Monate, andere Jahre, und wenn eine Familie Interesse an jemandem hatte, merkte man es meistens schon vorher daran, dass Erwachsene auftauchten, geredet wurde, irgendeines der Kinder häufiger aus der Gruppe geholt wurde und irgendwann eine Tasche neben dem Bett stand.

Als Sana kleiner gewesen war, hatte sie bei solchen Besuchen jedes Mal hingesehen und sich gefragt, um wen es diesmal ging; später hatte sie damit aufgehört.

Irgendwann wusste man einfach, wer noch da war.

Naeva.

Tavin.

Einige der anderen, die jetzt irgendwo in Moores Appartement unter Decken lagen.

Und Sana.


Bei uns sind immer wieder welche gegangen“, sagte sie nach einer Weile. Mit Familien.

Aus einem der Zimmer kam ein leises Rascheln, worauf Sana für einen Augenblick innehielt, bis wieder Ruhe eingekehrt war.

Wir sind geblieben.

Ihre Stimme war beim zweiten Satz noch leiser.

Es hatte geholfen, dass sie nicht allein geblieben war, dass Naeva am nächsten Morgen immer noch am selben Tisch saß, Tavin noch da war und irgendwann aus den Kindern, die niemand abgeholt hatte, eben die geworden waren, die zusammengehörten. Darüber hatten sie nie besonders viel reden müssen.


Irgendwann denkt man halt, dass einen keiner nimmt.

Sana zog die Decke etwas näher an ihre Beine und hob dann wieder den Blick.

Meine Großmutter wusste von mir?

Samin hatte es gerade deutlich genug gesagt, trotzdem musste Sana die Frage stellen.

Also schon damals?

Sie achtete selbst darauf, leise zu bleiben. Naeva sollte schlafen, die anderen ebenfalls, und Sana wollte nicht, dass plötzlich irgendjemand im Flur auftauchte und fragte, was los war.

Dann wusstet ihr ja beide, dass es mich gibt.

Früher hatte Sana genug Geschichten gehört, in denen Familien auseinandergerissen wurden, weil irgendwo Krieg war, weil jemand etwas verbot oder weil zwischen zwei Menschen plötzlich eine halbe Galaxis lag; meistens wurde es erst schlimmer, manchmal dauerte es Jahre, aber irgendwann machte sich jemand auf den Weg und suchte.

Als Sana kleiner gewesen war, hatte sie diesen Teil immer gemocht.


Ich hab immer gedacht …

Sie stockte und verzog ein wenig den Mund, weil der Satz laut plötzlich viel kindischer klang, als er vorher in ihrem Kopf gewesen war.

Sie sagte ihn trotzdem.


Wenn man jemanden wirklich lieb hat, findet man doch irgendwann einen Weg.

Ihre Finger wanderten wieder über die Decke.

In den Geschichten jedenfalls.

Sana sah Samin jetzt direkt an.

Hast du mich nicht genug lieb gehabt, um mich trotzdem zu behalten?

Diesmal kam der Satz schneller heraus, als Sana ihn noch hätte zurückhalten können.

Oder war dir wichtiger, was sie wollte?

Samins Augen glänzten noch immer feucht. Als Sana weitersprach, wurde ihre Stimme eher leiser als lauter.

Ich dachte immer, du hast mich einfach nicht gewollt.

Sie zog ein Knie noch ein Stück näher an sich.

Dann wusste ich wenigstens, warum.

Sana sah wieder auf den Stoff über ihren Beinen.

Jetzt weiß ich, dass meine Oma auch von mir wusste.

Einige Sekunden vergingen, bevor sie weitersprach.

Dann wollte die mich ja auch nicht.

Der Satz blieb zwischen ihnen liegen.

Sana sagte zunächst nichts mehr dazu, und aus einem der anderen Räume kam ebenfalls kein Laut. Ihre Finger strichen einmal über die Falte in der Decke und blieben dann darauf liegen.

Trotzdem blieb noch etwas, viel einfacher als all die Gründe, die Samin vorher genannt hatte.


Wenn du wirklich dachtest, dass ich bei denen bin …

Sana hob den Blick wieder.

Warum hast du dann nie nachgeguckt?

Ihre Stimme war inzwischen kaum mehr als ein Flüstern.

Also nur einmal.

Sana hielt ihren Blick noch kurz auf Samin.

Dann hättest du doch gesehen, dass ich noch da bin.

Ihre Finger lösten sich von der Decke.

Sie sah weg, rutschte tiefer in die Couch und zog den Stoff wieder über ihre Beine.


Mach doch, was du willst. Wie immer.

Dann drehte Sana sich auf die Seite, zog die Beine an und die Decke bis über die Schulter, wandte Samin den Rücken zu und schloss die Augen.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin; Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder schlafend im Appartement
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder

Das Appartement war noch still, als Moore durch den Wohnbereich ging und dabei mehrere Dinge dort vorfand, wo sie unter gewöhnlichen Umständen nichts verloren hatten. Eine Decke hing halb über die Lehne ihres viel zu teuren Sofas, irgendwo zwischen Tisch und Wand standen zwei Paar Kinderschuhe, mehrere Taschen waren über den Boden verteilt und auf einem der niedrigen Beistelltische hatte jemand einen Becher vergessen, den sie im Vorbeigehen zwar bemerkte, diesmal jedoch stehen ließ, während aus den abgedunkelten Nebenräumen nur das gelegentliche Rascheln eines Schlafenden und die leise Arbeit jener Systeme drang, die sich von der unerwarteten Überbelegung ihrer Wohnung ebenso wenig beeindrucken ließen wie von Tageszeiten.

Moore kannte das Appartement anders, berechenbarer vor allem, wenngleich diese Feststellung angesichts dessen, was sich hinter seinen Wänden tatsächlich verbarg, wahrscheinlich nur für sie selbst Sinn ergab. Aria wuchs hinter versiegelten Türen, Shara war noch immer mehr Versprechen als Person, Laborsysteme, Schildkomponenten und Rechencluster hatten längst mehrere Räume übernommen und selbst ihr Wohnzimmer war seit Jahren weniger Wohnraum als jener Teil ihres Arbeitsplatzes, in dem zufällig ein Sofa stand und regelmäßig Wein getrunken wurde. Trotzdem hatte alles seinen Platz gehabt, selbst Mira, soweit sich ihre Tochter überhaupt dauerhaft irgendwo einordnen ließ.

Auf dem Weg zur Küche kam sie an ihrem Schlafzimmer vorbei, dessen Tür nicht vollständig geschlossen worden war und durch den schmalen Spalt fiel ihr Blick auf Dany, die nach den vergangenen Tagen so tief in die Matratze gesunken war, dass von der Frau, die gestern noch in Rüstung durch Moores Wohnung gelaufen war, im Augenblick nur eine ungewöhnlich friedliche Version übriggeblieben war. Irgendwann während der Nacht hatte sich Mira ebenfalls ins Bett gelegt, offenbar ohne sich sonderlich darum zu kümmern, dass Moore ihr dieses nicht angeboten hatte und zwischen den beiden befand sich nun auch noch der Kleinste der Kinder, eng an Miras Körper geschmiegt, während deren Arm locker um ihn lag und das weiße Haar ihrer Tochter in ungeordneten Strähnen über Kissen, Schulter und einen Teil des kleinen Kopfes gefallen war.

Ohne das übliche selbstbewusste Lächeln, die bissigen Kommentare und die kaum weniger aufdringlichen Datenfäden ihres HNAI wurde an Mira etwas sichtbar, das sich im Alltag leicht hinter ihrer Geschwindigkeit, ihrem Verstand und einem Körper verlor, den Moore von Anfang an erwachsen konstruiert hatte. Zwischen dem ersten bewussten Öffnen dieser eisblauen Augen und diesem Morgen lag lächerlich wenig Zeit, vollkommen unabhängig davon, wie weit Mira inzwischen in manchen Dingen gekommen war und wie wenig brauchbar chronologisches Alter ohnehin wurde, sobald man künstliche Organismen, beschleunigte Entwicklung und eine Persönlichkeit in dieselbe Gleichung zwang. Jetzt schlief sie so tief mit einem Kind im Arm, dass nicht einmal ein Diagnosefaden durch die Verbindung ihrer HNAIs wanderte.

Moore zog die Tür ein wenig weiter zu und ging in die Küche.

Dort stand sie zunächst vor den Schränken und betrachtete deren Inhalt, als hätte jemand anderes zu entscheiden, was man sechzehn Personen morgens vorsetzte. Ihre eigenen Bedürfnisse waren überschaubar, Mira aß vor allem deshalb regelmäßig, weil gemeinsames Essen irgendwann zu jenen sozialen Gewohnheiten gehört hatte, die Moore ihr beibringen wollte, bevor sie Nährstoffaufnahme womöglich ausschließlich nach Wirkungsgrad bewertete und Gäste hatte sie bislang gewöhnlich in einer Anzahl empfangen, bei der niemand ernsthaft darüber nachdenken musste, ob ein zweiter Stapel Teller erforderlich wurde.

Dass The Wheel beinahe jedes Lebensmittel innerhalb weniger Stunden liefern konnte, erwies sich für einmal als praktisch. Moore hatte bereits am Vorabend genug bestellen lassen, um nun einen schweren Topf hervorzuholen, die verschiedenen Eier für einen Nine-Egg Stew nebeneinanderzustellen und Stone Peppers zu schneiden, während auf einer zweiten Arbeitsfläche Mehl, Milch und weitere Zutaten für Chandrilan Waffles zusammenkamen. Credits lösten bei weitem nicht jedes Problem der Galaxis, bei Eiern, Obst und Frühstückszutaten besaßen sie allerdings eine erfreulich hohe Erfolgsquote.

Die Küchenautomatik meldete sich irgendwann ungefragt mit einem Hilfsangebot, worauf Moore sie deaktivierte und allein weiterarbeitete. Die ersten Eier verschwanden im Topf, Gewürze folgten, auf der anderen Seite entstand der Teig und irgendwann stellte sie fest, dass die vorgesehene Menge an Waffeln für eine vernünftige Gruppe Erwachsener vollkommen ausgereicht hätte, zwölf Kinder dagegen vermutlich andere Vorstellungen davon besaßen, was unter ausreichender Versorgung zu verstehen war. Also vergrößerte sie die Menge und bereitete parallel eine Reihe Ronto Morning Wraps vor, die sich warmhalten ließen und ihr später zumindest ersparten, sofort wieder in der Küche zu verschwinden.

Mit jedem weiteren Arbeitsschritt wurde der Vorgang vertrauter, weniger das Kochen selbst als die Art, in der Moore mehrere Dinge gleichzeitig vorbereitete und fertige Speisen nicht einfach dort stehen ließ, wo gerade Platz war, sondern ohne bewusst darüber nachzudenken den langen Tisch im Wohnbereich herzurichten. Erst Teller, danach kleinere Schalen und Besteck, die warmen Speisen so verteilt, dass niemand über den halben Tisch greifen musste, Getränke nicht dort, wo ein umgestoßenes Glas mehrere Teller gleichzeitig ruinierte und die Schalen mit Meilooruns, anderem Obst und Wamba-Yogurt zwischen den übrigen Dingen, bis sie irgendwann eine Serviette faltete, neben einen Teller legte und bei der nächsten Bewegung langsamer wurde.

Poliertes Holz tauchte irgendwo hinter ihren Gedanken auf, ein langer Raum, Stoff, Stimmen aus einem angrenzenden Zimmer und Licht, das sich in Glas brach, begleitet von jener längst vergessen geglaubten Gewissheit, dass ein gedeckter Tisch selbst dann bestimmten Regeln folgte, wenn kein einziger Gast sie später bewusst wahrnahm. Auf Thustra waren solche Dinge Teil einer Ordnung gewesen, die lange vor Raleen existiert hatte und vermutlich auch ohne sie weiterbestanden hätte, nur hatte irgendjemand es damals dennoch für notwendig gehalten ihr beizubringen, wie diese Ordnung funktionierte und Jahrzehnte später falteten ihre Hände die nächste Serviette noch immer auf dieselbe Art.

Geruchserinnerung, motorisches Gedächtnis, neuronale Verknüpfungen, ausreichend häufig wiederholte Bewegungen und...

Der nächste Waffelstapel war fertig.

Moore stellte ihn auf eine Platte, reduzierte am Topf die Temperatur und bemerkte dabei eine Bewegung unter einer der Decken im Wohnbereich, die kurz darauf wieder still wurde. Sie probierte den Stew, gab noch etwas hinzu und wandte sich danach den Wraps zu, wobei ihr irgendwann auffiel, dass sie seit einer guten Weile weder versucht hatte die Decken zu ordnen noch die herumstehenden Taschen beiseitezuräumen. Selbst der Becher stand noch immer auf dem Tisch, während Moore stattdessen darüber nachdachte, ob die Waffeln wirklich reichen würden und noch eine weitere Portion ansetzte.

Vielleicht lag es daran, dass das Appartement mit all den fremden Dingen und schlafenden Menschen plötzlich auf eine Art bewohnt aussah, die sie von ihm nicht kannte. Mira und sie lebten hier natürlich schon lange genug zusammen und allein die Tatsache, dass ihre Tochter Kleidung mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit an Orten zurückließ, an denen Moore sie später finden musste, lieferte ausreichend Beweise dafür, doch selbst ihre Zweiergemeinschaft besaß inzwischen eine technische Ordnung, einen Rhythmus, der kaum noch Aufmerksamkeit verlangte. Zwölf Kinder beanspruchten Raum, selbst wenn sie schliefen, Samin und Dany hatten ihre eigenen Dinge mitgebracht und irgendwo zwischen Decken, Taschen, fremden Schuhen und zu vielen Tellern war aus der eleganten Tarnung über einem illegalen Forschungskomplex etwas geworden, für das Moore gerade keinen besonders guten Begriff fand, während sie das Stew weiterrührte und sich nicht sonderlich darum bemühte einen zu finden.

Ihr Blick blieb irgendwann an den sechzehn Gedecken hängen und wanderte von dort beinahe automatisch zu den Schlafplätzen. Samin und Dany waren längst erwachsene Frauen, keine Kinder und beide hätten vermutlich sehr deutliche Worte gefunden, falls Moore auf eine gegenteilige Idee gekommen wäre, doch zwischen deren Lebensjahren und ihren eigenen lag trotzdem eine Strecke, die in diesem vollgestellten Appartement sichtbarer wurde als sonst. Sana und die übrigen Kinder machten diese Differenz nur deutlicher und Mira verwandelte jede vernünftige Betrachtung von Alter ohnehin in eine Übung, die selbst Moore vor dem ersten Caf des Tages nicht ernsthaft durchführen wollte.

Am ehesten erinnerte die Szenerie sie noch an Perelyan, nur hatte ein volles Haus damals einer festgelegten Ordnung gehorcht, die vollkommen unabhängig von ihr funktioniert hatte. Hier war nichts davon geplant gewesen. Gestern hatte Moore noch darüber nachgedacht, wie man zwölf Kinder möglichst schnell von The Wheel fortbekam, heute Morgen stand deren Frühstück auf ihrem Tisch.

Sie schob eine Schale mit Obst einige Zentimeter nach links, betrachtete die Veränderung und ließ sie dort.

Das sonderbare Ziehen irgendwo zwischen Brustbein und Magen hätte sich wahrscheinlich ebenso in Erinnerung, Neurotransmitter und soziale Konditionierung zerlegen lassen wie jeder andere Zustand eines organischen Gehirns. Moore wusste genug darüber, um mehrere überzeugende Erklärungen zu finden, entschied sich jedoch stattdessen, noch einmal nach dem Stew zu sehen.

Gefühle waren ausgesprochen schlechte Messinstrumente.

Die fertigen Morning Wraps verteilte sie auf zwei Platten, stellte sie neben den Nine-Egg Stew und die Stapel Chandrilan Waffles und ergänzte schließlich die Schalen mit Obst und Wamba-Yogurt, blaue Milch, Meiloorun-Saft und eine große Kanne Caf. Danach ging Moore noch einmal um den Tisch, rückte zwei Teller zurecht und hielt kurz inne, bevor sie auch die letzte Serviette geradezog.

Irgendwo hinter ihr raschelte eine Decke, gefolgt von dem leisen Geräusch kleiner Füße, die sich offenbar noch nicht ganz entschieden hatten, ob Aufstehen wirklich notwendig war.

Moore nahm ihre Tasse wieder auf und blieb dort stehen.


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// The Wheel // Moores Appartement // Schlafzimmer // Dany, Mira, eines der Kinder //

Dany wachte mit dem unangenehmen Gefühl auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte sich irgendwann im Schlaf ziemlich großzügig in Moores Bett breitgemacht und spürte unter ihrer Hand eindeutig Haut.

Dany öffnete langsam die Augen und erkannte Haare. Helle Haare - sehr helle Haare. Für einen kurzen Moment brauchte ihr noch nicht vollständig hochgefahrenes Gehirn, um den Hinterkopf vor ihr einzuordnen.
Moore? Nein. Es war ihre "Tochter" Mira. Warum sie das ausgerechnet von hinten, im Halbdunkel und verschlafen unterscheiden konnte, hätte Dany vermutlich selbst nicht erklären können. Letztlich war es wohl die Tatsache, dass Dr. Moore dazu in der Lage war, professionelle Distanz zu wahren, die die Unterscheidung ermöglichte, waren die beiden ja doch identisch.

Shab, ihre Hand war irgendwie auf
Miras Schulter gelangt. Dany hob sie langsam an, als könnte bereits die Bewegung irgendeine Katastrophe auslösen. Erst dabei bemerkte sie, dass zwischen ihnen noch etwas lag. Oder vielmehr jemand. Ein kleines Kind hatte sich im Schlaf zwischen sie und Mira geschoben und klebte nun so selbstverständlich an beiden, als wäre das schon seit Wochen sein angestammter Platz. Für einige Sekunden starrte die Mandalorianerin die Szenerie vor sich an, dann schaltete sie um.

Vorsichtig stützte sie sich auf einen Ellbogen. Mira bewegte sich nicht und das Kind ebenfalls nicht. Gut. Sehr langsam schob sie die Decke zurück, zog erst ein Bein und dann das andere über die Bettkante und ließ sich seitlich hinuntergleiten. Dany blieb einen Augenblick stehen, warf noch einen Blick auf die beiden Schlafenden und schlich dann beinahe lächerlich vorsichtig zur Tür. Keiner wachte auf. Ebenso lautlos ließ sie die Tür hinter sich schließen.

Das Appartement schien noch zu schlafen. Dany bewegte sich vorsichtig durch den Wohnbereich und setzte die Füße so auf, dass sie weder über irgendwen stolperte noch auf irgendein herumliegendes Spielzeug trat. Dann hörte sie weiter hinten Geräusche. Und noch bevor Dany überhaupt die Küche erreichte, von wo aus die Geräusche kamen, roch sie etwas. Etwas ziemlich Gutes.

Ihr Magen meldete sich beinahe im selben Moment. Dany blieb kurz stehen und stellte fest, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr Vernünftiges gegessen hatte. Wann überhaupt zuletzt? Irgendwann vor ihrer Landung auf dem Rad. In der Küche traf sie dann schließlich auf
Moore. Dany fuhr sich einmal durch die noch immer etwas zerzausten Haare und lehnte sich für einen Moment an den Türrahmen.

"Jate vaar'tuur."

Guten Morgen. Ihr Blick wanderte an Moore vorbei über das, was dort vorbereitet wurde.

"Das riecht wirklich lecker“

Ihr Magen meldete sich erneut leise.

"Ich glaube, ich hab nichts mehr gegessen, seit ich Fuß auf The Wheel gesetzt habe"

// The Wheel // Moores Appartement // Küche // Dany, Moore; die anderen noch im Appartement //
 
| The Wheel | Moores Appartement |
Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder

Samin ließ Sana ausreden. Auch wenn sie sich beherrschen musste, nicht schon bei den ersten Worten etwas zu sagen. Sie hatte keine Familie gehabt. Keine solche. Da war keine. Samin spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Andere waren gegangen. Mit Familien. Sie waren geblieben. Und irgendwann, sagte Sana, dachte man eben, dass einen keiner nahm.

Die Chiss senkte den blick. Was hätte sie darauf erwidern sollen? Sie selbst hatte ihre Tochter weggegeben. Ganz gleich, was sie damals geglaubt hatte und welche Zukunft man ihr für Sana versprochen hatte, das Ergebnis war dasselbe.


„K’pah.“

Das Wort kam ihr leise über die Lippen. Samin fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und atmete langsam aus. Sie wusste das alles nicht. Und irgendwie macht es das nur noch schlimmer. Sana hatte Recht. Es nicht gewusst zu haben, war keine Entschuldigung. Es nicht gewusst zu haben, war genauso falsch, wie sie wegzugeben.

Dann fragte Sana nach ihrer Großmutter. Samin bereute sofort, sie überhaupt erwähnt zu haben. Aber auch das gehörte zur Wahrheit dazu.


„Ja.“ Die Antwort kam ohne Zögern. Am liebsten hätte sie den Satz sofort mit einer Erklärung versehen. Die Matriarchin ihrer Familie war … schwierig. Eine herzlose, brutale Frau. Samin hatte die Beziehung sowohl zu ihr, als auch zu ihrer eigenen Zwillingsschwester Irolia nicht ohne Grund aufgegeben. Nie hatte sie den Schritt bereut. Es war ihre eigene Mutter, die Samin versicherte, dass es eine Familie für Sana gab. Natürlich hätte sie das niemals glauben dürfen. Die Chiss verzog das Gesicht schmerzhaft, als sie an ihre eigene Kindheit dachte. Sie wusste nicht, ob es schlimmer war, ohne Familie aufzuwachsen, oder mit einer, in der man nicht in Sicherheit war. Wahrscheinlich konnte man beides gegeneinander nicht aufwiegen. Und diese Frage war auch nicht der springende Punkt.

Sie hatte Sana weggegeben. Ihr eigenes Kind. Ihr Fleisch und Blut. Samin konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. Es tat weh. So weh. Natürlich hatte sie Sana geliebt. Noch bevor das Kind das Licht der Welt erblickte, hatte sie sie geliebt. Aber wie konnte ein Teenager, das ohne seine Mutter aufgewachsen war, verstehen, warum Samin sie weggegeben hatte? Dass ihre Mutter sie nur beschützen wollte. Dass ihre Mutter geglaubt hatte, ohne sie hätte sie ein besseres Leben. Wie konnte eine Mutter ihrer Tochter diese Gedanken erklären? Es war unmöglich. Irgendwann hatte Samin sich eingeredet, dass es egoistisch gewesen wäre, nach Sana zu suchen und plötzlich wieder in ihrem Leben zu erscheinen. Aber in Wahrheit war das nur eine dumme Ausrede für ihr eigenes Versagen als Mutter.

Samin schüttelte langsam den Kopf.

Sie hätte wenigstens nachsehen müssen. Irgendwann. Sie hätte wissen müssen, ob das, was man ihr erzählt hatte, überhaupt stimmte. Sie hätte es versuchen müssen. Was für Worte an ein dreizehnjähriges Mädchen konnte diesen Fehler je wieder aufwiegen? Keine. Keine Worte vermochten gut zu machen, was Samin ihrer eigenen Tochter angetan hatte.


„Du hast Recht“, flüsterte die Chiss und versuchte Sana in die Augen zu sehen. Diese drehte sich im nächsten Moment jedoch mit den Worten weg, dass ihre Mutter doch weiter tun sollte, was sie wollte – wie immer-, und schloss offenbar die Augen.

Samin wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Und es wäre auch nicht das richtige gewesen. Anschließend saß sie noch lange wach. Während sie einfach nur ihren Gedanken und Gefühlen nachhing beobachtete sie die schlafende Sana. Irgendwann kamen Geräusche aus der Küche. Jemand kochte. Die Chiss hatte überlegt, ob sie aufstehen und helfen sollte. Aber sie wollte dort bleiben, wo sie war. Bei Sana. Selbst wenn das Mädchen sie abwies, sie wollte da sein. Aber wie? Wie bei Sana bleiben und gleichzeitig für sie sorgen? Für eine Mutter sein und sie gleichzeitig nicht bevormunden? Wie die Fehler der Vergangenheit wieder gut machen, ohne sie zu wiederholen? Wie tun, was sie für richtig hielt, aber gleichzeitig das, was Sana wollte? Und war das, was Sana wollte auch das, was Sana brauchte? Und überhaupt, welches Recht hatte Samin zu entscheiden, was Sana brauchte?

Es war beinahe Morgen, als die Müdigkeit durch die Anstrengungen der letzten Tage sie endlich übermannten und sie im Sitzen, dort am Fußende zu ihrer Tochter, einschlief.


Ihr Schlaf hatte nicht mehr als zwei oder drei Stunden gedauert. Stimmen aus der Küche weckten sie, zusammen mit dem Geruch von frischem Caf. Ein kurzer Blick nach links genügte, um zu erkennen, dass Sana nicht mehr neben ihr lag. Also streckte die Chiss gähnend alle Glieder von sich, ehe sie sich erhob und als erstes die Nasszelle aufsuchte. Im Spiegel erkannte sie sich selbst kaum. Zerzauste Haare, dunkle Flecken unter den Augen und dieselben muffigen Klamotten der letzten Tage am Leib. Ihr Blick fiel auf ein Regal neben der Dusche, in welchem sich frische, zusammengelegte Kleidungsstücke befanden. Ein kurzes Öffnen der Tür und eine gerufene Nachfrage genügte, um sich schließlich zu waschen und mit Genehmigung an der Kleidung der Appartementbesitzer zu bedienen.

Trotz des kurzen Schlafes fühlte sich frischer als sie sich seit Wochen gefühlt hatte. Die nassen Haare trug sie offen als sie die Küche betrat. Ihre Augen suchten als erstes Sana. Natürlich hingen all ihre Gedanken noch bei dem gestrigen Gespräch. Als sich die Blicke trafen, versuchte Samin es mit einem kurzen, zurückhaltenden Lächeln.


„Guten Morgen.“

Auch die Kinder trugen frische, die kleinsten wenigstens gereinigte Kleidung. Samin fragte sich, wann Moore und ihre Tochter Mira sich darum gekümmert hatten. Auch Dany saß bereits am reichlich gedeckten Tisch und wurde offenbar gerade von Naeva gelöchert, wie man eine echte Mandalorianerin wurde.

Danke für das Frühstück“, sagte sie in Richtung Moore und Mira gewandt. Wer auch immer das alles zubereitet hatte. Dabei fiel ihr eines wieder auf. Wie konnte das Kind ein beinahe vollständiges Abbild ihrer Mutter sein?


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Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin, Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder

Als Sana wieder aufwachte, war das Appartement noch still genug, dass sie zunächst nur die gleichmäßige Belüftung, irgendwo weiter hinten das leise Klappern von Geschirr und das Rascheln eines Kindes hörte, das sich unter seiner Decke bewegte. Aus dem Flur fiel schwaches Licht in den Wohnbereich und für einige Sekunden blieb Sana noch liegen, bis ihr wieder einfiel, wo sie war und weshalb sie überhaupt auf dieser Couch geschlafen hatte.

Dann drehte sie den Kopf.

Samin saß noch immer am anderen Ende, leicht zur Seite gesunken und mit dem Kopf gegen die Lehne, die Hände locker im Schoß, nachdem sie irgendwann im Sitzen eingeschlafen sein musste. Das wenige Licht reichte aus, um die dunklen Schatten unter ihren Augen und einen Teil ihres Gesichts zu erkennen.

Gestern hatte Sana ihr gesagt, sie solle eben machen, was sie wollte.

Samin war geblieben.

Sana sah sie noch einen Moment an, schob dann die Decke zur Seite, setzte die Füße auf den Boden und stand leise auf, ohne sie zu wecken. Erst im Flur strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und folgte den Geräuschen aus der Küche, wobei ihr noch vor der Tür der Geruch nach warmem Teig, Gewürzen und etwas Herzhaftem entgegenkam, das sie nicht kannte und ihren Magen trotzdem unmittelbar daran erinnerte, dass es Morgen war.

Moore war bereits wach.

Der lange Tisch wirkte mit sechzehn Tellern beinahe zu klein für das, was dazwischen noch Platz gefunden hatte. Neben einem großen Topf Nine-Egg Stew standen mehrere Stapel Chandrilan Waffles und Platten voller Ronto Morning Wraps, dazwischen Obst, Meilooruns, Wamba-Yogurt, blaue Milch und Saft, während Moore gerade noch etwas aus der Küche dazustellte.

Frühstück hatte es im Heim ebenso gegeben wie später auf den Schiffen, doch Sana konnte sich an keinen Morgen erinnern, an dem gleichzeitig so viele verschiedene Sachen auf einem Tisch gestanden hatten.

Sie trat näher.


Ist das alles für uns?

Moore sah kurz auf.

„Für sechzehn Personen.“

Sana ließ den Blick noch einmal über den Tisch wandern.

Dann reicht’s wahrscheinlich.

An Moores Mundwinkel regte sich etwas, ehe sie sich wieder dem Essen zuwandte.

Kurz darauf kam eines der kleineren Mädchen verschlafen aus dem Flur, mit zerdrückten Haaren und einer Decke um die Schultern, entdeckte den gedeckten Tisch und sorgte innerhalb weniger Minuten dafür, dass nach und nach auch die anderen wach wurden. Ein Kind weckte das nächste, irgendwo wurde nach einem Kleidungsstück gesucht, das kurz darauf direkt neben dem eigenen Schlafplatz wiedergefunden wurde, und aus einem der Zimmer kam Naevas Stimme, weil jemand ihrem geschienten Fuß zu nahe gekommen war.

Sana ging zu ihr und fand sie bereits sitzend vor, damit beschäftigt, gleichzeitig die Decke loszuwerden und ihr verletztes Bein aus dem Weg der anderen zu halten. Zwei herumliegende Sachen lagen direkt vor ihrem Fuß, also räumte Sana sie beiseite und wartete, bis Naeva den geschienten Knöchel vorsichtig aufsetzte.


Geht?

Naeva machte ein paar Schritte.

„Besser.“

Gemeinsam gingen sie zurück in den Wohnbereich, wo die ersten Kinder inzwischen Plätze gefunden hatten. Moore stellte noch einige Schalen so um, dass auch die Kleineren sie erreichen konnten, und irgendwann wartete niemand mehr darauf, ausdrücklich zum Essen aufgefordert zu werden.

Dany saß bereits am Tisch.

Auf ihrem Teller lag deutlich mehr als auf den meisten anderen, und während Sana sich eine Waffel, Obst und zunächst nur eine kleinere Portion vom Nine-Egg Stew nahm, sah Naeva der Mandalorianerin eine Weile beim Essen zu.


„Wie kannst du eigentlich so viel essen?“

Naeva ließ der ersten Frage unmittelbar die nächste folgen und wollte wissen, ob Dany grundsätzlich so viel aß oder nur gerade besonders hungrig war. Zwei der anderen Kinder hörten ebenfalls zu, einer stellte fest, dass Dany schließlich auch ziemlich groß sei, und damit wanderte das Gespräch beinahe von selbst in eine andere Richtung.

Naeva sah einmal an ihr hinauf.


„Was muss man essen, damit man so groß wird?“

Sana nahm einen Schluck Saft.

Glaub nicht, dass das so geht.

Naeva beschäftigte sich bereits mit der nächsten Frage.

„Und wie wird man eigentlich Mandalorianer?“

Nun hörten auch mehrere der anderen Kinder zu. Einer war überzeugt, dass man dafür eine Rüstung brauchte, ein anderer hielt Kämpfen für wichtiger und irgendwo fiel das Wort Clan, ohne dass sich die Beteiligten darüber einigen konnten, ob man in einen hineingeboren werden musste oder später dazugehören konnte. Naeva wechselte zwischen den Themen hin und her, wollte wissen, wann Mandalorianer ihre erste Rüstung bekamen und ob Dany schon als Kind kämpfen gelernt hatte, während von mehreren Seiten weitere Vermutungen und Geschichten dazukamen.

Sana hörte hauptsächlich zu und aß.

Mandalorianer waren auf Bastion nichts Unbekanntes gewesen. Man kannte sie aus Holoberichten, Geschichten und Bildern, und selbst im Heim hatte es Kinder gegeben, die über verschiedene Rüstungen oder berühmte Krieger mehr wussten, als Sana jemals hatte wissen wollen.

Als zwischen Naevas Fragen kurz genug Platz entstand, sah Sana zu Dany.


Muss man zu einem Clan gehören?

„Und kann man sich aussuchen, zu welchem?“, schob Naeva unmittelbar hinterher.

Von dort verzweigte sich das Gespräch weiter, während am restlichen Tisch Waffeln weitergereicht wurden, jemand nach dem Saft verlangte und eines der jüngeren Kinder den Joghurt erst entdeckte, nachdem der eigene Teller längst voll war. Das Nine-Egg Stew wurde zunächst vorsichtiger genommen, doch nachdem die Ersten probiert hatten, wanderte der Topf bald häufiger über den Tisch.

Mira erschien etwas später im Flur.

Das jüngste Kind hing an ihr, einen Arm um ihren Hals gelegt, den Kopf an ihrer Schulter und die Beine um ihre Hüfte, während Mira es mit einem Arm trug. Das Kind war inzwischen wach und hätte ohne erkennbare Schwierigkeiten selbst laufen können, zeigte aber keinerlei Interesse daran.

Sana lächelte kurz.

Die kleine Mira bemerkte ihre Namensvetterin ebenfalls und wollte wissen, weshalb der Kleine nicht selbst lief. Mira trug ihn einfach weiter zum Tisch, wo sie sich mit der freien Hand ihre Tasse nahm und anschließend etwas zu essen zusammensuchte.

Das Kind veränderte gelegentlich seine Position und hielt sich danach wieder an ihr fest. Nach einer Weile achtete kaum noch jemand darauf.

Das Frühstück zog sich länger hin, als Sana zunächst erwartet hatte, weil ständig etwas weitergereicht, nachgenommen oder neu ausprobiert wurde. Naeva kehrte zwischendurch zu Dany zurück, sobald ihr eine weitere Frage einfiel, einige der anderen beteiligten sich weiterhin und am anderen Ende des Tisches wurde mit erstaunlichem Ernst darüber gestritten, ob Meiloorun auf Waffeln gehörte.

Sana nahm sich noch eine.

Nach dem Frühstück verschwanden die ersten Kinder nacheinander in der Nasszelle, während Moore und Mira die gereinigten Sachen verteilten und aus dem morgendlichen Durcheinander langsam wieder zwölf halbwegs angezogene und gekämmte Kinder wurden. Erst beim Umziehen fiel Sana auf, wie ungewohnt sich frischer Stoff inzwischen anfühlte.

Einer nach dem anderen tauchte wieder im Flur auf, Haare wurden gewaschen oder gekämmt, Kleidungsstücke, Taschen und Schuhe ihren Besitzern zugeordnet und mehrfach Dinge gesucht, die sich schließlich lediglich im falschen Zimmer befunden hatten.

Sana war selbst vergleichsweise schnell fertig und half anschließend dort, wo eine zweite Hand gebraucht wurde. Bei einem der kleineren Mädchen musste ein Verschluss am Rücken gerichtet werden, ein Junge hatte einen Teil seiner Kleidung im falschen Zimmer liegen lassen und Naeva brauchte wegen der Schiene etwas länger, weil das Hosenbein vorsichtig über Verband und Knöchel gezogen werden musste.

Sana kniete sich vor sie und hielt den Stoff weit genug offen.


Jetzt.

Naeva schob den Fuß hindurch, ohne irgendwo anzustoßen.

„Geht.“

Sana zog den Stoff vorsichtig weiter und überließ ihr den Rest.

Als beide wenig später wieder im Wohnbereich waren, kamen auch die anderen nach und nach aus den Zimmern zurück. Manche hatten noch feuchte Haare, einem kleineren Jungen fehlte weiterhin eine Socke und Mira trug den Jüngsten noch immer, der inzwischen einen halben Wrap in der Hand hielt.

Sana setzte sich wieder neben Naeva und nahm ein Stück Obst aus der Schale.

Dann kam Samin aus dem Flur.

Ihre Haare waren noch nass und offen, die Kleidung frisch, während die Schatten unter ihren Augen deutlich genug verrieten, wie wenig sie geschlafen hatte. Sana sah auf, während Samins Blick durch den Raum wanderte und sie beinahe sofort fand.

Sie versuchte ein kleines, vorsichtiges Lächeln.


„Guten Morgen.“

Sana hielt ihrem Blick einen Moment stand.

Morgen.

Eines der kleineren Kinder versuchte von der anderen Seite des Tisches an die Obstschale zu kommen und schob sie dabei nur weiter von sich weg. Sana nahm sie, stellte sie näher in die Mitte und griff sich selbst noch ein Stück Meiloorun, während Naeva sich bereits wieder Dany zugewandt hatte und Mira mit dem jüngsten Kind auf der Hüfte nach ihrer Tasse griff.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin, Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder

Nach dem Frühstück begann sich die Unordnung in Moores Appartement langsam in Bewegung aufzulösen. Teller und Schalen verschwanden aus dem Wohnbereich, Decken wurden zusammengelegt, Taschen wieder geschlossen und irgendwo suchte immer noch jemand nach einem Kleidungsstück, einem Schuh oder einem anderen Gegenstand, der wenige Minuten zuvor ganz sicher noch dagewesen war. Sana und einige der älteren Kinder halfen den Kleineren, Naeva brauchte mit ihrer Schiene etwas länger und Mira bewegte sich weiterhin mit dem Jüngsten auf der Hüfte zwischen ihnen hindurch, als hätte sich dessen Entscheidung, ihre Tochter vorläufig zum bevorzugten Fortbewegungsmittel zu erklären, längst zu einem vollkommen normalen Bestandteil ihres Alltags entwickelt.

Während sich die übrigen mit Kleidung, Gepäck und den kleinen Problemen beschäftigten, die entstanden, sobald mehr als ein Dutzend Menschen gleichzeitig denselben Ort verlassen wollten, kümmerte Moore sich um jene Teile des Aufbruchs, bei denen ein falsch zugeordnetes Kleidungsstück zu den angenehmeren denkbaren Fehlern gehört hätte. Die privaten Laborbereiche verschwanden Stück für Stück aus allen extern erreichbaren Netzen, mehrere Schnittstellen gingen in den passiven Zustand und die Türen zu jenen Räumen, deren Inhalt auch während ihrer Abwesenheit besser niemand kennenlernte, reagierten schließlich nur noch auf die wenigen Berechtigungen, denen Moore tatsächlich vertraute.

Ein letzter Statuslauf wanderte durch ihr HNAI, bestätigte Versorgung, Abschirmung und die Trennung der internen Systeme voneinander und ließ Aria, Shara und einige andere Dinge, die in einem gewöhnlicheren Appartement vermutlich Anlass zu wesentlich unangenehmeren Fragen gegeben hätten, für die nächsten Tage in der Obhut ihrer Automatik zurück.

Ein erheblicher Teil dessen, was sie für Zanbar und später Bakura benötigten, befand sich ohnehin bereits auf der Seastar. Mira hatte sich nach der Abholung der Kinder dort aus dem Kampfanzug geschält und bei derselben Gelegenheit einen Teil der übrigen Ausrüstung an Bord verstaut, sodass aus dem Appartement nur einige wenige Behälter hinzukamen. Die persönlichen Sachen der Kinder beanspruchten zusammengenommen erstaunlich wenig Raum.

Als schließlich der letzte Verschluss geschlossen war und auch niemand mehr glaubhaft behauptete, ohne irgendeinen eben erst verschwundenen Gegenstand unmöglich aufbrechen zu können, sammelte sich die Gruppe im Wohnbereich. Das Appartement begann wieder entfernt so auszusehen wie der Ort, an dem Moore und Mira seit Jahren lebten, nur dass nun zwölf Kinder mit Taschen, Jacken und sehr unterschiedlicher Begeisterung für bevorstehende Reisen darin standen, dazu Samin und Dany und mitten zwischen ihnen Mira, die den Kleinsten etwas höher auf ihrer Hüfte zurechtrückte.

Moore rief die Verriegelung der äußeren Systeme auf, wartete die Bestätigung ab und führte die Gruppe hinaus.

Der Weg durch The Wheel verlor sich anschließend in Aufzügen, Verbindungskorridoren und Zugangskontrollen, wobei die Dichte des Verkehrs mit jedem Abschnitt in Richtung der VIP-Bereiche abnahm und es irgendwann nicht mehr notwendig war, regelmäßig zu prüfen, ob eines der Kinder zwischen anderen Reisenden, Gepäckstücken oder halb offenen Ladentüren verschwunden war. Moores Zugangsrechte ließen die Gruppe ohne größere Verzögerungen passieren und die wenigen Blicke, die sechzehn gemeinsam reisende Personen auf sich zogen, blieben bei jener oberflächlichen Neugier, an die eine Station wie The Wheel ihre Besucher ohnehin gewöhnte.

Mira trug den Jüngsten noch immer, obwohl dieser inzwischen längst wach war und nach Moores Einschätzung ebenso gut selbst hätte laufen können. Er schien diese Einschätzung nicht zu teilen, hielt einen Arm um Miras Hals und betrachtete von dort aus die Station, während ihre Tochter mit der freien Hand eine kleinere Tasche trug und über die Verbindung ihrer HNAIs gelegentlich irgendwelche Datenfetzen zur Seastar in Moores Richtung schob, mehr Gespräch als tatsächliche Notwendigkeit.

Vor dem letzten gesicherten Zugang zu Terminal 7 rückte die Gruppe wieder enger zusammen. Gepäck, Kinder und Sicherheitskontrollen ließen sich gemeinsam einfacher überblicken und Moore wartete, bis auch Naeva und die letzten Nachzügler aufgeschlossen hatten, bevor sie ihre Berechtigung an das Terminal übermittelte.

Die Schleuse öffnete sich auf eine ruhige Galerie, deren gedämpftes Licht die dunkleren Wandflächen und den langen Streifen aus Transparistahl gegenüber nur zurückhaltend hervorhob. Dahinter lagen mehrere Ebenen privater Dockanlagen mit Gangways, Versorgungsleitungen und einzelnen Ausschnitten der dort vertäuten Schiffe, deren vollständige Konturen durch Winkel und bauliche Strukturen zunächst verborgen blieben.

Die Kinder kannten den Weg bereits und einige beschleunigten ihre Schritte ein wenig, sobald ihnen bewusst wurde, wohin sie zurückkehrten, während Samin und Dany das Schiff bislang nur aus Moores Ankündigung kannten. Mira folgte mit dem Jüngsten und ihrem Gepäck ohne besondere Eile.

Hinter einer leichten Krümmung der Galerie fiel schließlich die letzte Sichtbarriere fort und die zu Terminal 7 gehörende Bucht lag vollständig vor ihnen.

Die Condor-Yacht ruhte darin.

Mit ihren rund sechzig Metern war die Condor weit über die Dimensionen jenes Cobra-Sportjägers hinausgewachsen, aus dessen Grundidee Murrow Delentes Shipyards die Baureihe entwickelt hatte, ohne dessen Herkunft vollständig zu verlieren. Zwischen Dockarmen, Gangways und Versorgungsleitungen wirkte die Yacht filigraner und gespannter als viele deutlich größere zivile Schiffe, eine elegante Konstruktion, deren Linien ebenso wenig den Eindruck erweckten, Geschwindigkeit sei bei ihrer Entwicklung erst nachträglich auf eine luxuriöse Hülle gesetzt worden, wie ihre Verarbeitung daran zweifeln ließ, dass sich hier jemand den Luxus geleistet hatte, beides haben zu wollen.

Die Condor war kein repräsentativer Gleiter, dem man stärkere Triebwerke gegeben hatte. In ihr steckte noch immer genug von einem Rennschiff, dass der Komfort nicht darüber hinwegtäuschen konnte, welchem Zweck ihre Konstrukteure den Vorrang eingeräumt hatten.

Moore hatte sich genau deshalb für sie entschieden.

Die ersten Kinder erkannten das Schiff längst wieder. Einer deutete hinunter, ein anderes begann bereits einem der übrigen etwas von seinem ersten Aufenthalt an Bord zu erzählen und selbst der Jüngste auf Miras Arm hob den Kopf etwas höher, ohne deshalb irgendwelche Anstalten zu machen, seinen Platz aufzugeben.

Moores Blick ging kurz zu Samin und Dany. Beide besaßen mehr als genug eigene Flugerfahrung, um sich ein Bild von der Yacht zu machen, ohne dass Moore ihnen ihre technischen Daten vortragen musste.

Unten erkannte die Seastar inzwischen ihre Zugangsberechtigung. Die Gangway löste sich aus dem Rumpf und senkte sich langsam zum Boden der Bucht, während die Beleuchtung entlang des Zugangs erwachte und die Kennung an der Seite des Schiffes im Licht des Docks sichtbar wurde.


CSY SEASTAR

Moore ging bis zur Abzweigung hinunter in die Bucht, blieb dort stehen und wandte sich zu Samin und Dany um.

„Ich hoffe unser Reisegefährt sagt ihnen beiden zu.“

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// The Wheel // Moores Appartement // Dany, Samin, Moore, Mira, Sana, Naeva und die anderen Kinder //

Das Frühstück hatte Dany größtenteils damit verbracht, mehr zu essen als vermutlich gesund war und nebenbei Fragen über Dinge zu beantworten, über die sie selbst erstaunlich selten nachdachte. Das Mädchen Naeva hatte irgendwann wissen wollen, wie man eigentlich Mandalorianer wurde, kurz darauf waren Rüstungen, Kämpfen und Clans Thema gewesen und spätestens bei der Frage, ob man sich aussuchen konnte, zu welchem man gehörte, hatte Dany ihre Gabel für einen Moment sinken lassen.

"Ihr macht das viel komplizierter, als es ist"

Sie hatte mit der Gabel kurz auf sich selbst gedeutet.

"Meine Eltern sind Mandalorianer. Deren Eltern auch. Ich bin damit geboren worden. Das steckt im Blut und in den Genen. Und um deine Frage von vorhin zu beantworten: beide sind groß gewachsen und sportlich."

Für Dany war daran nie besonders viel Romantik gewesen. Auf Shinbone hatte niemand morgens feierlich irgendeinen uralten mandalorianischen Schwur aufgesagt, bevor man zur Arbeit ging. Zuhause wurde Mando'a gesprochen, ihre Eltern waren Mandalorianer gewesen und irgendwann hatte ihr Vater ihr beigebracht, wie man eine Waffe hielt, weil die drecks Piraten regelmäßig der Meinung gewesen waren, ihre Minensiedlung sei ein Selbstbedienungsladen.

"Eine Rüstung macht euch jedenfalls nicht dazu. Und nur weil euch irgendein Clan aufnimmt, ändert das auch nicht plötzlich, wo ihr herkommt."

Sie hatte mit den Schultern gezuckt und sich wieder ihrem Frühstück gewidmet.

"Wenn das reichen würde, könnten wir euch zwölf Helme kaufen und bis heute Abend hätte ich einen eigenen Clan."

Damit war die Angelegenheit für Dany eigentlich erledigt gewesen. Für die Kinder offenbar weniger, aber irgendwann hatten Waffeln, Nasszellen und die allgemeine Vorbereitung auf den Aufbruch die Diskussion übernommen. Einige Zeit später bewegte sich die gesamte Gruppe durch The Wheel. Dany trug ihre Rüstung in ihrer Tasche. Während sie Moore durch Aufzüge, Korridore und mehrere Zugangskontrollen folgte, musste sie unwillkürlich daran denken, wie sie kaum einen Tag zuvor auf derselben Station herumgeirrt war, weil sie eigentlich nur irgendeinen Händler namens Dex hatte finden wollen. Jetzt war die Dawn Chaser ein Totalschaden, neben ihr lief eine ehemalige imperiale Elitepilotin mit vier Millionen Credits Kopfgeld und vor ihnen wurden zwölf "machtempfängliche Kinder" in Richtung eines privaten VIP-Terminals geführt.

Je näher sie den privaten Docks kamen, desto ruhiger wurde Dany allerdings. Nicht wegen The Wheel oder
Moores Zugangsrechten. Ihre Gedanken wanderten bereits weiter. Der mandalorianische Raum wartete auf sie. Dany hätte nicht behauptet, dass sie davon ihr Leben lang geträumt hatte. Dafür war ihr diese ganze romantische Vorstellung von Heimat, Blutlinien und alten Kriegerwelten immer zu fremd gewesen. Shinbone war ihre Heimat. Dort waren ihre Eltern, dort hatte sie laufen, arbeiten, schießen und fluchen gelernt. Irgendwelche Planeten, von denen ihre Vorfahren vor Generationen gekommen waren, hatten daran nie etwas geändert. Und trotzdem: irgendwo tief in ihrem Bauch saß seit Moores Vorschlag eine kleine, hartnäckige Unruhe, die sie nicht vollkommen wegerklären konnte. Zum ersten Mal würde sie tatsächlich in jene Region der Galaxis fliegen, aus der ihre Familie ursprünglich stammte. Zu Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, ähnliche Namen trugen und deren Familiengeschichte mit ihrer zumindest irgendwo weit hinten denselben Ursprung teilte. Dany würde das zwar niemandem erzählen, aber innerlich freute sie sich darauf.

Vor dem letzten Zugang rückte die Gruppe enger zusammen, während Moore die Sicherheitsfreigabe übermittelte. Danach öffnete sich die Schleuse und Danys Blick wanderte sofort über die Schiffe. Dann verlangsamte sie unwillkürlich den Schritt.

Oh, Shab...

Die Yacht vor ihnen war ungefähr das Gegenteil der Dawn Chaser. Dany ließ den Blick über die Konstruktion gleiten. Über fünfzig Meter in der Länge, sicherlich. Eine Verarbeitung, bei der wahrscheinlich schon eine einzelne Außenplatte mehr kostete als Krevs komplette Reparatur an der Chaser. Wobei man in diesem Satz vermutlich auch "Krevs komplette Reparatur an" hätte weglassen können.

Sie verzog leicht den Mund. Vor weniger als zwei Tagen war sie noch stolz darauf gewesen, dass ihr Frachter endlich nicht mehr bei jedem Hyperraumsprung so klang, als würde sie keine 24 Jahre alt werden. Danys Blick wanderte kurz zu
Samin. Als Pilotin musste sie den Anblick gewiss ebenso erstaunlich finden. Und natürich hatte Moores Yacht auch noch einen Namen, der teuer klang. Moore blieb vor ihnen stehen und wandte sich zu ihr und Samin um.

Dany ließ ihren Blick noch einmal langsam über die Seastar wandern. Dann sah sie zu
Moore.

"Nach meinem letzten Schiff?"

Sie hielt kurz inne.

"Ich werd versuchen, mich nicht zu beschweren“

Ihr Mundwinkel zuckte leicht und sie schmunzelte. Zum ersten Mal seit der Explosion fühlte sich das, was vor ihr lag, wieder eindeutig nach Aufbruch an.

// The Wheel // VIP-Terminal 7 // Dock der Seastar // Dany, Samin, Moore, Mira, Sana, Naeva und die anderen Kinder //
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Gonk und Jake

Easy as pie!


Bunt war das Dasein und Granatenstark. Man brauchte nur ein paar Credits und man konnte die angenehmen Dinge im Leben genießen. Leider klappte das nicht immer, zumindest war das Jakes Erfahrung. Wenn er jedes Mal ein Credit bekommen hätte für jedes Mal, dass er ein kleines Vermögen hatte, nur um es sofort wieder zu verprassen, dann hätte er selbst jetzt noch 3 Credits zu seinem Namen. Was nicht viel wäre, aber es war schon seltsam, dass es dreimal passiert war. „Wie gewonnen so zerronnen.“, murmelte er leise vor sich hin, während er in einem Arbeitsoverall, Sicherheitsschuhen und -Helm, einem kleinen Werkzeugkoffer – und besonders wichtig – und einem Datenpad bewaffnet, denn so ausgestattet kam man einfach überall rein, vermutlich selbst zur Imperatorin - im VIP Terminal 7 zu seinem Ziel eilte. Einer Luxusyacht der Condor-Klasse, schnell, wendig aber für den Geschmack des Alderaaners etwas zu auffällig. Es schrie geradezu „Klau mich!“ und er würde dem Schiff diesen Wunsch erfüllen. Dann nur noch einen Käufer finden und Garuuba die 60000 Credits zurückzahlen und sein Baby auslösen. Die Zero, sein erstes eigenes Schiff, eigentlich mehr Heim als jeder Planet.

Da die Seastar nicht in einer einzelnen Landebucht stand, sondern in einem Großhangar hatte er sich für die Tarnung entschieden die er trug. Die übliche Klamotte trug er unter dem Overall. Als Wartungstechniker gehörte er ja hier her. Er hatte sogar das klemmbrettartige Datenpad, einen gefälschten Arbeitsauftrag UND einen GNK-Droiden! An der Laderampe angekommen, stellte er seinen Werkzeugkoffer ab, tat dann erstmal so als schloss er das Datenpad an, während er den Verschlussmechanismus überprüfte.


„Was meinst du? Sieht für mich aus wie ein modifiziertes Aratec 67.“
„Gonk.“
„Ja, hast Recht. Könnte auch die MKII-Version sein, gut gesehen.“
„Gonk“
Jake strich sich mit der Hand über die Bartstoppel des Kinns, bevor er sich hinkniete und den Werkzeugkoffer öffnete.

Der Vibropick wäre seine letzte Wahl, hinterließ es doch sichtbare Spuren des Eindringens, durchaus nützlich, für den Moment jedoch zu auffällig und wenn es nicht absolut nötig war, würde er so ein schönes Schiff nicht beschädigen wollen. Dann vermutlich einfach der Security Code Descrambler, würde zwar ein bisschen dauern, aber dafür hatte er Gonk dabei, Jules hatte ihm einst gezeigt wie man seinen eigenen bauen konnte, praktisch für Wartungstechniker, Piraten und Diebe, also der SCD, nicht der GNK-Droide, wobei der eigentlich auch. Und vermutlich auch andere Leute die gerne wo rein wollten, wo sie aber nicht sein sollten und oder nicht extra ins Büro zurück wollten auf der Suche nach den richtigen Codezylindern.


„Gonk, stell dich mal hier hin.“, bat er den Droiden, um zumindest von der geschäftigsten Hangarseite aus einen Sichtschutz hatte, bevor er sich ans Werk machte. Eine halbe Minute und ein "Gonk.", später war der Code geknackt und das Schott glitt auf.Nur Kuchen essen ist leichter.“, meinte er leise zu Gonk, verstaute sein Werkzeug, bevor er seinen Krempel aufnahm, ins Innere des Schiffs trat und das Schott wieder verschloss nachdem auch Gonk gefolgt war. Den Fehler die Tür offen zu lassen während er ein Schiff klaute, würde er nicht wiederholen. Man war das vielleicht ne peinliche Geschichte gewesen. Aber er war jung und aufgeregt, heute war es durchaus noch spannend, aber nichts das Jake aus der Ruhe brachte.

Seine nächsten Schritte brachten ihn ins Cockpit, es glänzte zu sehr, alles war neu und oder hochwertig. Irgendwie ungewohnt und erinnerte ihn an seine Zeit bei den Wolves. Son TIE-Defender war ne feine Sache, aber das Militärleben hatte nicht lange gehalten. Irgendwo vermisste er seine Staffelkameraden, Kira, Janson und insbesondere Samin waren ihm schnell ans Herz gewachsen. Thurio und son paar andere nicht besonders. Aber der Wunsch nach Freiheit hatte überwogen, schließlich war er nur beim Militär weil eine Richterin ihm die Wahl zwischen Knast oder Militärdienst gegeben hatte.
Eines musste er über die Zeit beim Militär sagen: Es war niemals langweilig. Und bei allen Sonnen, er hatte sich vorher für den begnadetsten Piloten der Galaxie gehalten, aber bei den Wolves waren auch ein paar sehr begabte Piloten, das musste er sich eingestehen. Vielleicht sogar besser als... Naaaa. Er schüttelte den Kopf ob des abstrusen Gedankens.

Während Jake sinnierte durchlief er automatisch den Startzyklus des Schiffs, erstmal die Sachen die von außen nicht ersichtlich waren, sowas wie Systemchecks, Treibstoff und auch das letzte Wartungslog. Wenn es irgendwelche Probleme gab wollte er das nicht erst wissen, wenn er irgendwo gestrandet war. Wenn man dann das SOS-Signal quäkte lockte man eh nur Piraten an. Schlimm wozu die Galaxie verkommen war, nicht mal mehr in Ruhe ehrlich Schiffe stehlen konnte man. Aber Seastar, war wirklich ein angenehmer Name.


„Gonk.“
„Hmmm?“
Jake sah auf und bemerkte, beim Blick aus dem Cockpit, dass eine kleine Gruppe zielstrebig auf die Condor zukam.

„Frick.“ Jake sprang auf, fuhr die Systeme runter, packte seinen Kram und bedeutete dem Droiden zu folgen. „Okay Gonk, du darfst jetzt nicht in Panik verfallen. Einfach ruhig bleiben, ich habe sowas wie einen Plan. Vertrau mir einfach.“
„Gonk.“
Heutzutage war wirklich jeder ein Kritiker.
„Nein, umso einfacher ein Plan ist, desto genialer! Komplizierte Pläne bringen Leute um! Erst kommen sie durcheinander und dann um!“
Genauso waren einfache Erklärungen die besten Erklärungen. So wie die eben halt.
"Gonk."
Immerhin hatte er es verstanden.

Jake öffnete die Tür zu - was er zumindest erwartet hätte - einer Nasszelle und pfiff leise. Das hier war schon mehr ein Luxusbadezimmer mit allem Drum und Dran, es standen sogar unterschiedlichste Badeöle an einem großen Jacuzzi bereit.

Die Zeit stoppte, Jakes Herz jauchzte erfreut auf und er schlug die freie Hand vor den Mund. Ein Wellnessbadeschwamm, genau genommen mehr als einer, alle noch verpackt. Er nahm sich den Moment um ergriffen zu sein, dann kramte er im Overall herum.
„Wo ist es denn?“, fand das Gesuchte, trat nochmal aus dem Bad, schloss das Schott, riss ein großzügiges Stück Band vom Panzertape, die Macht des kleinen Mannes, klebte es schräg über die Tür und schrieb mit einem dicken Stift drauf: „Außer Betrieb!“
Dann betrat er den Luxusbaderaum wieder und brachte nochmal den Descrambler zum Einsatz um das Schott von Innen zu verschließen.


„Gonk, du musst jetzt ganz still sein.“
„Gonk.“, bestätigte der Droide im Flüsterton.
Jake packte sich derzeit einen der Schwämme in seinen Werkzeugkoffer, setzte sich in den Jacuzzi und wartete erstmal. Mehr konnte er nicht tun, still sein, hoffen dass es nur ne Besichtigungstour von ner Schulklasse war, immerhin waren bei der Gruppe ein Haufen Kinder, und dann wenn die Plagen wieder weg wären könnte er in Ruhe sein Ding machen.


[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Gonk und Jake – ganz in der Nähe Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder
 
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Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder

Samin war auf dem Weg zum Terminal geistig noch etwas abwesend. Sie hatte sich mehrmals dabei ertappt, wie ihr Blick immer wieder zu Sana gehuscht war, obwohl es dafür keinen besonderen Grund gab. Ihre Tochter war da. Meistens nur weniger Meter von ihr entfernt. Und es bestand nicht einmal die geringste Gefahr, sie im zunehmend leerer werdenden VIP-Bereich des Wheels aus den Augen zu verlieren.

Die knappe Begrüßung, die Sana ihr beim Frühstück gegeben hatte, war vermutlich sogar mehr gewesen, als Samin sich nach dem Gespräch des vergangenen Abends erhofft hatte. Also hatte sie es dabei belassen. Sie hatte gegessen, Caf getrunken und sich zwar in die Nähe, aber nicht direkt neben Sana gesetzt, um nicht irgendeine Fortsetzung des Gesprächs herauszuzwingen. Dafür würde es sowohl Ort als auch Zeit geben. Trotzdem war es überraschend schwierig gewesen.

Als sich die Schleuse zum privaten Terminal öffnete, entkam Samin ihren Gedanken. Und spätestens als hinter der Krümmung der Galerie die Dockbay sichtbar wurde, bekam ihr Hirn etwas völlig anderes zu tun. Für eine Sekunde vergaß sie sogar ihre Müdigkeit. Die Chiss verlangsamte ihre Schritte beinahe gleichzeitig mit Dany. Mit dem Ding flogen sie? Ihr klappte der Mund auf.


„Was zum … ?!“

Ihr Blick folge dem formschönen Bug über die langgezogene Außenhülle bis zur Triebwerkssektion, wanderte über den Rumpf und kehre anschließend noch einmal zum Rumpf zurück. Diese Baureihe war ihr völlig unbekannt. Das war nicht einfach eine Luxusyacht, die irgendjemand mit ausreichend Credits gekauft hatte, um sich ein angenehmes Leben zu machen. Dafür deutete die Konstruktion viel zu sehr auf Sportlichkeit, die Formsprache auf Geschwindigkeit und Verarbeitung auf Performance hin. Die Linien waren sauber, die Triebwerkssektion dominant, aber … irgendwie sexy. Schon von Außen sah das Teil darüber hinaus aus, als wäre das Innere unnötigerweise obszön komfortabel. Dabei sprach das Schiff selbst auf diese Distanz zu Samin ‚Flieg mich‘.

Und verdammt - Samin wollte das Miststück fliegen.

Die Kinder machten der Chiss derweil ihre Unzulänglichkeiten bewusst. Mehrere der kleinen schrien die Typ-Bezeichnung aus, als wäre das Schiff irgendeine galaxisweit bekannte Berühmtheit. Und vielleicht sollte sie es auch sein.

Die Gangway senkte sich automatisch ab, als das Gespann näherkam, während die Kennung des Schiffes im Docklicht sichtbar wurde. CSY SEASTAR. Samin bemerkte erst, dass sie selbst grinste, als Moore sich zu Dany und ihr umwandte.


„Wird wohl reichen“, ergänzte die Pilotin, was Dany erwiderte, während sie ihren Kopf krumm legte, um der Verarbeitung eine genauere Betrachtung zu unterziehen und mit der Hand die Schweißnähte abfuhr. Oder besser gesagt: Die Stellen, wo eigentlich Schweißnähte sitzen sollten. Stattdessen fühlte sich die Außenhülle aber an wie der Popo eines Hutten. Dany hatte durchaus Recht. Zwischen der Dawn Chaser und diesem Schiff lagen nicht nur Preisklassen, sondern ganze Wirtschaftssysteme.

Sie hätte noch irgendwas über die Seastar sagen können, um ihre Bewunderung auszudrücken, verkniff es sich jedoch. Die Pilotin in ihr war erwacht und wollte gerade nichts anderes, als ins Cockpit zu steigen und aus der Maschine rauszuholen, zu was sie in der Lage war
.

„Ich flieg‘“, machte sie direkt klar. Und wenn irgendjemand anderes auf die Idee kam, würde derjenige schneller Bekanntschaft mit der Schiffsentlüftung machen, als Samin die Seite im Handbuch aufschlagen konnte.

Derweil bewegten sich die ersten Kinder bereits lauthals staunend die Gangway hinauf. Samin folgte ihnen, allerdings erst nach dem sie sich durch Nachzählen vergewissert hatte, dass alle zwölf drinnen waren.

Im Inneren bestätigte sich der Eindruck von außen. Das war kein umgebauter Frachter, dessen Besitzer ein paar Sitze reingeschraubt hatte, um Passagiere zu transportieren. Alles wirkte von Anfang an für einen Zweck entworfen: Leuten, die es sich leisten konnten, im bestmöglichen Kompromiss aus Luxus und Geschwindigkeit von A nach B zu transportieren, und dem Piloten dabei noch etwas Bauchkribbeln zu gönnen. Unwillkürlich musste die Chiss an die letzten Wochen denken. An den Frachtcontainer. An die Scrapwing. An die … Dawn Chaser. Allein der Gedanke, dass die zwölf Kinder dieses Mal nicht auf einem Metallboden übernachten mussten, nahm ihr eine Last von den Schultern, die sie bis jetzt gar nicht bemerkt hatte. Wobei das auch die Credits-Tasche gewesen sein konnte, für die sie in diesem Moment einen passenden Platz suchte.


„Niemand fasst hier irgendwas an, von dem er nicht weiß, was es macht“, raunte Samin den Kindern im mahnenden Ton zu. Gerade begann eines der Kinder, die Schränke des Aufenthaltbereiches zu öffnen.

„Nein. Besser ist, ihr fasst gar nichts an. Selbst wenn ihr glaubt zu wissen, was es macht.“

Sie dachte an den runden Gegenstand, der die Rampe der Dawn Chaser heruntergerollt war, und sich als Thermaldetonator herausgestellt hatte.

„Und wenn irgendwo was zischt, piept oder blinkt, ruft ihr einen Erwachsenen. Ihr hebt nichts auf, ihr tretet nicht dagegen und ganz, ganz, ganz bestimmt werft ihr es nicht durchs Schiff.“

Ihr Blick fiel auf eine Tür, die behelfsmäßig als ‚außer Betrieb‘ deklariert wurde und deutete drauf.

„Und diese Tür ist Tabu.“

Offenbar gab es auch in den hochwertigsten aller Maschinen Dinge, die kaputtgehen konnten. Erinnerte sie ein wenig an den TIE-Defender. Danach warf sie jedem einzelnen der Kinder jedoch einen durchdringenden Blick zu.

„Verstanden?“

Als nur halbherzige Bestätigungen kamen, wiederholte sie die Frage etwas lauter.

„Verstandeeeen?“

Mit der nachfolgenden Reaktion zeigte sie sich zufrieden. Anschließend überließ sie Moore und Mira die Verteilung der Kinder. Dabei blieb sie selbst einen Augenblick im Gang stehen und suchte Sana erneut zwischen den Köpfen der anderen. Sie wollte etwas sagen. Vielleicht, dass sie doch mit ihr ins Cockpit kommen könnte. Oder irgendetwas Kleines, Normales, Unwichtiges. Etwas, das nichts mit Großmüttern, Heimen, Sith oder der Frage zu tun hatte, weshalb ihre Mutter dreizehn Jahre lang nicht nach ihr gesucht hatte. Doch genau deshalb sagte sie nichts. Als sich ihre Blicke trafen, schenkte sie ihrer Tochter ein vorsichtiges Lächeln und nickte, als Mira den Kindern zeigen wollte, wo sich die Schlafbereiche befanden.

Also wandte Samin sich dem Schiff zu. Der Weg ins Cockpit war nicht schwer zu finden. Und als sich das Schott vor ihr öffnete, blieb sie für einen Moment stehen. Das Grinsen in ihrem Gesicht wurde breiter.


„Oh, du bist ja ein unanständiges Stück.“

Sie trat hinein. Die Kontrollen waren moderner und eindeutig ziviler als sie es gewohnt war. Doch die grundlegende Logik tat sich ihr auf den ersten Blick auf. Langsam ging sie hinter den zur Linken angeordneten Pilotensitz, ohne ihn sofort anzufassen. Stattdessen wanderte ihre Augen über die Instrumente und anschließend durch das Cockpitfenster hinaus in die Hangarbay. Seit der Verfolgungsjagd auf Bastion hatte sie an keinem Steuer mehr gesessen. Als sie beide Hände auf die Rückenlehne des Pilotensitzes legte, ihn herumdrehte und letztendlich darauf platznahm, atmete sie langsam aus. Vielleicht war das der erste Moment seit ihrer Flucht, an dem sie für einen Augenblick genau wusste, wo sie war und was sie zu tun hatte. Sie war keine ehemalige Lieutenant. Keine Deserteurin. Kein imperiales Propagandagesicht. Keine Frau mit vier Millionen Credits auf ihrem Kopf. Nicht einmal die Mutter eines Teenagers, bei dem sie noch herausfinden musste, ob sie Samin überhaupt im Leben haben wollte.

Sie war nur Pilotin. Das war einfach.


| The Wheel | VIP Terminal 7 | Seastar | Cockpit
Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder - in der Nasszelle versteckt Jake und Gonk
 
// The Wheel // VIP-Terminal 7 // Seastar // Dany, Samin, Moore, Mira, Sana, Naeva und die anderen Kinder //

Dany hatte kaum einen Fuß auf die Seastar gesetzt, als
Samin bereits ziemlich unmissverständlich klarmachte, wer das Schiff fliegen würde. Nach ihrem urkomischen Bauchklatscher auf der Rampe der Dawn Chaser und ihrem Herumgefummel am Entfernungsmesser des Gewehrs bekam Dany nun endlich Gelegenheit herauszufinden, ob die vier Millionen Credits Kopfgeld in irgendeiner Relation zu ihrem Fertigkeiten standen. Die Chiss verschwand jedenfalls mit einer Begeisterung in Richtung Cockpit, die Dany ihr sofort abnahm. Die Mandalorianerin grinste leicht und folgte den anderen weiter hinein.

Das Innere machte es sogar noch sehr viel besser. Alles war sauber, hochwertig und offensichtlich für Menschen gebaut worden, die sich nicht damit zufriedengaben, dass ein Schiff lediglich von A nach B flog. Während die Kinder bereits damit beschäftigt waren, sich umzusehen und
Samin ihnen eine eindringliche Sicherheitsbelehrung darüber erteilte, wirklich gar nichts anzufassen, ließ Dany sich etwas zurückfallen und verstaute ihre Sachen an einem geeigneten Platz. Samins Warnung war nicht unbegründet. Der letzte Gegenstand, den eines der Kinder interessant gefunden hatte, hatte immerhin ihren Frachter zerstört.

Dann blieb sie stehen. An einer Tür klebte schräg ein Streifen Panzertape.


Außer Betrieb!

Dany blinzelte. Dann trat sie einen halben Schritt näher und betrachtete das Ganze noch einmal, als würde sich beim zweiten Hinsehen vielleicht irgendeine logischere Erklärung ergeben. Tat es aber irgendwie nicht. Sie hob langsam eine Braue und ihr Blick suchte
Moore.

"Ehhh…was soll das denn?"

Dany deutete mit zwei Fingern auf das improvisierte Schild. Dann sah sie noch einmal zur Tür. Irgendetwas daran passte überhaupt nicht zum Rest dieses Schiffes.

// The Wheel // VIP-Terminal 7 // Seastar // Gangbereich // Dany, Moore, Samin, Mira, Sana und die anderen Kinder //
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin, Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder

Von Danys Antwort auf Naevas Fragen blieb bei Sana vor allem hängen, dass man offenbar nicht dadurch zum Mandalorianer wurde, dass man irgendeine Rüstung trug oder ein Clan beschloss, einen bei sich aufzunehmen. Dany war damit aufgewachsen, ihre Eltern ebenso, und vieles von dem, was die Kinder am Tisch noch wie Regeln auseinanderzunehmen versuchten, schien für sie einfach etwas zu sein, das schon immer zu ihrem Leben gehört hatte. Als dabei wieder das Wort Clan fiel, sah Sana kurz auf, weil es seit gestern nicht mehr ganz so weit weg klang wie vorher. Wenn der Clan A’kazz sie auf Zanbar aufnahm, würden sie deswegen also nicht plötzlich Mandalorianer werden.

Naeva hatte ohnehin bereits die nächste Frage, zwei der Jungen waren sich uneinig, ob ein Helm trotzdem zwingend dazugehören musste, und kurz darauf begann Moore, die ersten leeren Schalen vom Tisch zu nehmen, womit sich das Frühstück beinahe von selbst in den Aufbruch verwandelte. Aus Tellern und Waffeln wurden Taschen und zusammengelegte Decken, irgendwo fehlte ein Schuh, der wenige Augenblicke später unter einem Sessel auftauchte, ein kleines Datapad musste aus einer Decke geschüttelt werden und wenigstens zwei Kinder waren überzeugt, dass jemand ihre Sachen verlegt hatte, obwohl sie sie am Ende genau dort wiederfanden, wo sie sie selbst abgelegt hatten.

Besonders viel besaßen sie ohnehin nicht.

Sana hatte ihre eigene Tasche bereits über einer Schulter, als Naeva sich nach ihrer bückte. Mit dem geschienten Fuß sah selbst diese einfache Bewegung umständlich genug aus, dass Sana die zweite Tasche nahm, bevor Naeva sie erreichen konnte.


„Die kann ich selber tragen.“

Machst du aber nicht.

Sana hängte sie sich über die andere Schulter, worauf Naeva erst die Tasche und dann sie ansah, es bei diesem Blick beließ und gemeinsam mit ihr zu den anderen ging. Mira hatte den Jüngsten noch immer auf der Hüfte, obwohl inzwischen niemand mehr ernsthaft behaupten konnte, dass dessen Beine nicht funktionierten, und als Moore schließlich die Wohnung hinter ihnen verriegelte, betrachtete er die Korridore des Wheels weiterhin von seinem inzwischen offenbar angestammten Platz aus. Auf den ersten Wegen blieb Sana neben Naeva, während Aufzüge und Verbindungskorridore einander ablösten und die dichter belebten Bereiche der Station langsam hinter ihnen zurückblieben. Mit der Schiene konnte Naeva wieder recht ordentlich laufen, nur eben nicht besonders schnell, weshalb Sana ihr Tempo automatisch anpasste und die anderen notfalls ein Stück vorauslaufen ließ. Je weiter Moore sie in Richtung der privaten Terminals führte, desto breiter und ruhiger wurden die Gänge, offene Geschäfte und dicht vorbeiziehende Reisende verschwanden nach und nach und irgendwann mussten die Kinder nicht mehr ständig darauf achten, nicht zwischen fremdem Gepäck oder vorbeieilenden Erwachsenen voneinander getrennt zu werden. Vor einem der gesicherten Zugänge standen zwei Mitarbeiter der Stationssicherheit, und noch bevor Sana bewusst darüber nachdenken konnte, spannte sich ihr Bauch an. Die Uniformen, die Scanner und die kurze Aufforderung, vor der Schleuse zu warten, reichten nach den letzten Tagen dafür offenbar aus. Moore trat nach vorn, übermittelte ihre Berechtigung und ließ eine Bestätigung über das Terminal laufen, niemand stellte Fragen zu dem, was am Vortag im Dock passiert war, und kurz darauf glitt die Schleuse auf.

Sana ging mit Naeva weiter. Jenseits des Zugangs wurde es endgültig ruhig. Durch lange Transparistahlflächen konnte man auf Teile der Dockanlagen sehen, auf Gangways und Versorgungsschläuche, auf beleuchtete Markierungen und immer wieder auf Stücke von Schiffsrümpfen, die zwischen den Aufbauten verschwanden. Eines der kleineren Kinder erkannte den Weg zuerst und rief den Namen der Yacht so laut, dass mehrere Köpfe gleichzeitig hochgingen.


„Seastar!“

Zwei der Jüngeren liefen sofort schneller und auch Naeva versuchte für ein paar Schritte mitzuhalten, bis die Schiene ihr deutlich genug zeigte, was sie davon hielt. Sana blieb bei ihr, und als sie schließlich um die letzte Biegung kamen, lag die Bucht bereits offen vor ihnen.

Die *Seastar* kannten die Kinder inzwischen, doch diesmal wirkte der Anblick trotzdem anders. Bei ihrem ersten kurzen Aufenthalt war es vor allem darum gegangen, Miras Rüstung dortzulassen und Naevas Knöchel zu versorgen, bevor es sofort wieder weitergegangen war. Jetzt trugen sie Taschen mit sich und sollten an Bord bleiben. Die Gangway senkte sich vor ihnen, entlang des Zugangs erwachten Lichter und auf dem dunklen Rumpf stand wieder jene Kennung, die einige der Kinder längst kannten und trotzdem noch einmal vorlasen.

CSY SEASTAR.

Sana sah über die Köpfe der anderen hinweg zu den Erwachsenen und bemerkte erst an Samin, wie neu das Schiff für sie offenbar tatsächlich war. Die Schatten unter ihren Augen waren auch nach Dusche und frischer Kleidung nicht verschwunden, doch während ihr Blick vom Bug über den Rumpf bis zu den Triebwerken wanderte, schien die Müdigkeit plötzlich deutlich weniger wichtig zu sein. Sana kannte Samin bisher meistens verletzt, müde, angespannt oder vorsichtig darauf bedacht, irgendetwas zwischen ihnen nicht noch schlimmer zu machen. Jetzt stand sie vor der Yacht und grinste.


„Ich flieg’.“

Einige der Kinder drehten sich zu ihr um, Sana ebenfalls. Dass Samin Pilotin gewesen war, wusste sie längst. Auf Bastion hatte ihr Gesicht schließlich auf genug Plakaten gehangen. Nur hatte Sana auf keinem dieser Bilder gesehen, dass Samin so aussehen konnte, wenn irgendwo ein Cockpit auf sie wartete. Die ersten Kinder liefen bereits die Gangway hinauf, und Sana ging mit Naeva hinterher. Drinnen stellte sie deren Tasche kurz neben einer Sitzgruppe ab und sah durch den noch offenen Zugang zurück, wo Samin draußen geblieben war und ihren Blick über die letzten Kinder gehen ließ. Erst als auch das zwölfte an Bord verschwunden war, folgte sie selbst.

Sana nahm Naevas Tasche wieder auf.

Beim ersten Besuch hatte die *Seastar* bereits groß gewirkt, doch jetzt, wo sie ihre Sachen tatsächlich hineinbrachten und nicht nach kurzer Zeit wieder verschwinden sollten, fiel noch stärker auf, wie wenig sie mit den Schiffen der vergangenen Wochen gemeinsam hatte. Die Gänge waren breit, nichts lag offen herum, die Wände waren vollständig verkleidet und im großzügigen Aufenthaltsraum standen richtige Sitzgruppen, anstatt dass man irgendwo zwischen Fracht und Ausrüstung einen Schlafplatz freiräumte. Eine ganze Seite des Raumes bestand aus Panoramafenstern, hinter denen vorerst noch Dockwände, Versorgungseinrichtungen und Teile des Terminals lagen. Samin bekam die Kinder zusammen, bevor sich die ersten schon tiefer im Schiff verteilen konnten, und begann mit einer Regel, die zunächst noch recht vernünftig klang: Sie sollten nichts anfassen, wenn sie nicht wussten, was es machte. Innerhalb weniger Sätze wurde daraus beinahe die einfachere Variante, vorsichtshalber überhaupt nichts anzufassen, solange keiner der Erwachsenen dabei war. Spätestens als Samin zu Dingen kam, die zischten, piepten oder blinkten, und sehr ausdrücklich erklärte, dass man sie weder aufheben noch treten und schon gar nicht durch ein Schiff befördern sollte, sah Naeva zu Sana herüber.

Sana erwiderte den Blick, zumindest kurz...

Wenig später entdeckte Samin noch eine Tür, über die schräg ein Stück Panzertape mit der Aufschrift **Außer Betrieb!** geklebt worden war und erklärte sie ebenfalls zur Tabuzone. Sana betrachtete das Tape kurz. Auf einer Yacht, bei der selbst Schränke so sauber in die Wände eingelassen waren, dass man manche erst auf den zweiten Blick erkannte, sah es ein wenig fehl am Platz aus, aber wenn die Tür kaputt war, war sie eben kaputt. Beim zweiten Versuch fiel das gemeinsame Ja der Kinder auf Samins Frage, ob sie alles verstanden hatten, überzeugend genug aus, und danach übernahmen Moore und Mira wieder die Gruppe. Mira wollte ihnen zeigen, wo sie während des Fluges schlafen würden, worauf schon nach wenigen Schritten die erste Diskussion darüber begann, wer mit wem in welcher Kabine unterkommen sollte, obwohl vermutlich noch keiner überhaupt wusste, wie viele Betten es gab. Sana nahm Naevas Tasche wieder auf und bemerkte beim Umdrehen, dass Samins Blick bereits bei ihr lag. Samin hielt ihren Blick einen Moment länger, sagte aber nichts. Stattdessen kam nur dieses kleine vorsichtige Lächeln, begleitet von einem Nicken in Miras Richtung. Sana hielt ihren Blick kurz und nickte zurück, ehe sie mit Naeva und den anderen weiterging. An der nächsten Abzweigung sah sie trotzdem noch einmal zurück. Samin war verschwunden, weiter vorn stand jedoch die Tür zum Cockpit offen, und Sana verlangsamte für einen Augenblick ihren Schritt. Sie hätte schon gern gesehen, wie Samin die Yacht flog, fragte aber nicht und schloss wieder zu Naeva auf, als diese sich nach ihr umsah. Mit der Besichtigung der Schlafbereiche kamen sie ohnehin nicht weit. Die ersten Kinder trugen Taschen in eine Kabine, andere gleich wieder heraus, irgendjemand wollte unbedingt neben jemand Bestimmtem schlafen und spätestens im Aufenthaltsraum sammelte sich ein Großteil der Gruppe erneut, weil dort genug Platz war, dass nicht sofort einer dem anderen im Weg stand.

Das Innenlicht wurde ein wenig dunkler. Dany war einige Meter entfernt noch im Gang geblieben und hatte offenbar dieselbe mit Panzertape markierte Tür entdeckt, die Samin zuvor zur Sperrzone erklärt hatte. Sie musterte das improvisierte Schild, sah zu Moore und fragte schließlich:


„Ehhh … was soll das denn?“

Sana wandte sich halb zu ihr um, kam aber gar nicht mehr dazu, sich länger mit der Tür zu beschäftigen. Unter ihren Füßen veränderte sich das gleichmäßige Summen der Yacht, wurde für einige Augenblicke tiefer und zog als kaum spürbares Vibrieren durch den Boden, während draußen die Dockwand langsam am Panoramafenster vorbeiglitt. Eines der Kinder begriff es zuerst.

„Wir fliegen!“

Danach waren die Schlafplätze vergessen. Taschen blieben dort liegen, wo sie gerade abgestellt worden waren, die Diskussion über die Kabinen brach mitten im Satz ab und innerhalb weniger Augenblicke zog es fast alle zurück in den Aufenthaltsbereich, wo sich die Kinder vor den großen Scheiben sammelten. Sana wartete nur so lange, bis Naeva neben ihr war, ehe beide ebenfalls näher gingen. Durch das gedimmte Licht spiegelte sich kaum noch etwas im Transparistahl. Vor ihnen glitten zunächst die hellen Strukturen des Hangars vorbei, Versorgungsarme, Markierungen und Teile der Außenhülle, bis sich der Blick immer weiter öffnete und dahinter der schwarze Raum sichtbar wurde. Von außen zeigte The Wheel erst, wie groß die Station tatsächlich war. Beleuchtete Ringe lagen übereinander, Fenster und Positionslichter bildeten lange Linien über der Konstruktion und zwischen ihnen bewegten sich Schiffe, manche so klein, dass Sana sie erst bemerkte, wenn ihre Lichter über den dunklen Hintergrund wanderten. Während die *Seastar* weiter hinausglitt, verschob sich die Sicht auf das Rad langsam, bis die Yacht ihren Kurs änderte und hinter der Station die ersten Kriegsschiffe ins Blickfeld kamen.

Nach und nach verstummten selbst die Gespräche im Aufenthaltsraum.

Kriegsschiffe kannte Sana aus Holoberichten, Nachrichten und all den Bildern, an denen man auf Bastion irgendwann vorbeiging, ohne noch besonders hinzusehen. Durch das Panoramafenster der *Seastar* wirkte der erste dunkle Rumpf allerdings so groß, dass sie zunächst gar nicht verstand, wo er aufhörte. Positionslichter zogen sich über seine Hülle, Hangars lagen als helle Einschnitte darin und daneben standen weitere Schiffe, manche mit den vertrauten kantigen Formen schwerer Zerstörer, andere in Silhouetten, die Sana nicht kannte. Dazwischen bewegten sich kleinere Fahrzeuge, die vor den Großkampfschiffen kaum mehr als wandernde Lichtpunkte waren. Mit jedem Stück, das sich die *Seastar* weiter vom Rad entfernte, kamen hinter den ersten Schiffen neue Rümpfe zum Vorschein. Sana versuchte mitzuzählen, verlor aber schon bald den Überblick, als hinter einem der großen Schiffe ein weiteres hervorkam und darüber noch eine Silhouette sichtbar wurde, deutlich weiter entfernt und trotzdem groß genug, dass sie nicht mit den übrigen Lichtern verschwamm. Neben ihr hatte die kleine Mira beide Hände gegen die Scheibe gelegt, Tavin versuchte ein Stück weiter hinten herauszufinden, welcher der Zerstörer größer war, und selbst der Jüngste auf Miras Arm hatte seinen halben Wrap längst vergessen und den Kopf so weit gedreht, wie es ging.


[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / Weltraum vor The Wheel / SY-Condor-Yacht „Seastar“ / Aufenthaltsraum] Sana, Naeva und die anderen Kinder; Samin, Dany, Moore und Mira an Bord
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Seastar / Gangbereich] Dr. Ralena Anne Moore und Dany Valthor; Samin im Cockpit, C-06 „Mira“, Sana, Naeva und die anderen Kinder an Bord

Moores Blick folgte Danys Hand zu dem schräg über die Tür geklebten Streifen Panzertape.

Außer Betrieb.


„Das war vorher nicht da.“

Sie trat näher und betrachtete das improvisierte Schild. Als Mira die Kinder zur Seastar gebracht, sich hier ihres Kampfanzugs entledigt und einen Teil ihrer Ausrüstung an Bord verstaut hatte, war von einer defekten Nasszelle jedenfalls nichts bekannt gewesen.

Moore schloss die Augen und atmete einmal langsam ein, ließ die Luft wieder aus den Lungen und wiederholte den Vorgang, während sie erstmals mehr als nur die oberflächlichen Zugangsrechte der Yacht über ihr HNAI aufrief. Die Authentifizierung lief durch, anschließend schoben sich Status- und Diagnosedaten in ihr Bewusstsein, bis sie die betreffende Sektion isoliert hatte. Die Nasszelle meldete keinen Defekt. Das Schott war verriegelt.

Als Moore die Augen wieder öffnete, war ihr Gesicht ruhig geworden.

Über die Verbindung zu Mira schickte sie lediglich die Anweisung, die Kinder vorerst aus dem Gang zu halten, dann trat sie unmittelbar vor die Tür und sah kurz zu Dany hinüber.


„Die ist nicht kaputt.“

Ihre Stimme war eisig, ihre Augen beinhalteten keinerlei Quäntchen der Wärme mehr die sie den Frauen und Kindern entgegengebracht hatte. Niemand würde ihr diese Sache versauen. Die Sephi hob die Hand und klopfte mit den Knöcheln gegen das Schott.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Seastar / Gangbereich] Dr. Ralena Anne Moore und Dany Valthor; Samin im Cockpit, C-06 „Mira“, Sana, Naeva und die anderen Kinder an Bord
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Gonk und Jake – ganz in der Nähe Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder

Das Geräusch von vielen kleinen Füßen ließ Jake immer tiefer in den Jacuzzi sinken. Dazu lauter helle, teilweise piepsige Stimmen. ‚Schulklasse muss also nah an der Wahrheit gewesen sein.‘, dachte der Alderaaner, während er eine der Duftölfläschchen vom Wannenrand nahm, es öffnete und skeptisch daran roch. ‚Gar nicht schlecht!‘, danach steckte er es sich in die Brusttasche seines Wartungsoveralls, welche sogar mit einem Jack Erlis versehen war. Nähen war heutzutage einfach eine unterschätzte Kunst. Genauso wie Dinge mal akzeptieren zu können. Ja, Dinge drangen nur gedämpft ins Innere der Nasszelle, aber für seinen Geschmack interessierten sich ganz schön viele Leute für Dinge die außer Betrieb waren.

Zu allem Übel ging auch das subtile Vibrieren durch die Deckplatten der Yacht, dass nur von den Antriebsaggregaten ausgehen konnte. Der Moment indem ein Raumschiff von einem bloßen Objekt zu etwas wurde, dass Raum und Zeit überbrückte. Ziele und Wege Wirklichkeit werden ließ. Üblicherweise ein wunderschönes Gefühl, aber eben primär wenn man am Steuer saß und nicht mit dem Risiko zurückblieb, dass man an einen Ort wo man nicht sein wollte, mit Wesen die man nicht mochte in Schwierigkeiten für die man aber auch absolut gar nichts konnte, steckte. Und dann erklang dieses leicht energische Klopfen, kein geduldiges Klopfen, dass einen Techniker in Ruhe arbeiten ließ, sondern das Klopfen einer Person die darauf bestand über jeden Teilaspekt einer Arbeit informiert bleiben zu wollen und diese am Besten zu überwachen.

Jake seufzte.

Da war sie wieder, die gute alte Dreierregel.

Unglücke kamen immer im Dreierpack. Immer! Erst die Schulklasse, dann der Start des Schiffs und nun auch noch das Klopfen an der Tür. Aber es half ja alles nichts. Jake wuchtete sich hoch.


„Mach einfach was ich mache.“, gab er Gonk schließlich seinen besten Rat, trat zu dem Schott, bedeutete seinem Weggefährten, es zu öffnen und legte sich seinen besten Handwerkerdialekt zurecht. Die richtige Mischung aus ‚geht mich hier alles nix an‘ und ‚ich tue hier nur meine Arbeit‘ war quasi eine Kunstform.

„Moin.“, eröffnete der Blondschopf mürrisch. Nur um dann für einen Moment zu stocken, bevor ihm ne wichtige Lektion wieder einfiel: Mund zu Herz wird kalt. So ne Lehrerin (Moore) hätte er auch gerne gehabt.
Die Lehrerin - bestimmt Schulleiterin - war mit ihm auf Augenhöhe, zugegeben das war mehr so das zweite Detail was ihm auffiel. Das erste waren ihre Augen, die so sehr zum Klopfen passen wollten. Üblicherweise assozierte man(n), - okay, vielleicht auch nur Jake - braune Augen mit Sanftmut, Geduld, schlicht Wärme und Aufgeschlossenheit. Die hier waren mehr so als würde man in die Mündung eines Turbolasers starren und am anderen Ende wurde gerade Energie zugeführt. Einem vernünftigen Wesen, hätte es vielleicht innehalten und seinen Plan überdenken lassen. Bei Jake löste es ein freudiges, gewinnendes Lächeln aus. Das und sein folgendes Bullshitgewitter, denn dieser Lady war er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sonst nicht gewachsen. Daher griff Plan B, der eigentlich in den allermeisten Fällen von A bis G reichte, lediglich in kleinsten Variationen davon abwich. Im Grunde lautete der Plan: ‚Wenn du sie mit Brillianz nicht blenden kannst, verwirre sie mit Banthascheiße.‘


„Sie sehen nicht amüsiert aus. Ich bin Jack. Jack Erlis, ich gehöre zu Big Eds Crew. Und sie…“, sein Blick wanderte zu der kaum kleineren Braunhaarigen (Dany) an der Seite deren entspannte Haltung die Selbstsicherheit einer erfahrenen Kämpferin verriet. Fünf Credits sagten, dass sie vermutlich irgendwo am Körper mindestens eine Waffe versteckte. Komische Schulklasse. „...fragen sich was das hier soll.“ Er beugte sich konspirativ ein wenig hinüber zu Miss Turbolaseraugen und meinte vertraulich. „Es ist gar nicht so schwer. Kennen Sie das, sie wollen in Ruhe arbeiten und dann kommt wer, stellt lauter dumme Fragen und hält sie nur auf? Ich hasse sowas...deshalb schließt man ab.“

Jake trat ein wenig zur Seite, so dass man das Bad auch betreten konnte.

„Ich weiß ja nicht, wer ihnen das Ding das letzte Mal gewartet hat, aber… der hat hier ein furchtbares Verbrechen angestellt. Der Fachmann nennt das mechanische Verstopfung, aber ich nenne es ein Verbrechen wider alle vernunftbegabten Wesen der Galaxie. Der Gestank allein, sie können sich das kaum vorstellen, wie wenn man ne Dianoge mit nem Hutten kreuzt und diesem Wesen dann nichts als verweste Ghamorrianer zum Fressen gibt und das ist noch sehr wohlwollend umschrieben. Ich musste mich mit permanenter Brechreiz herumschlagen. Hat all meine Selbstbeherrschung gebraucht.“

„Gonk.“

„Ganz genau! Lebensgefährlich ist sowas.“

Gonk hatte einfach seine Momente.

„Normalerweise müsste ich ja sagen. Oh oh oh, das wird teuer! Aber ist ja in ihrem Wartungsvertrag alles mit drin. Also Glück gehabt.“

Der Blondschopf nickte aufmunternd, vertrauensvoll.

„Aber, ich vergesse meine Manieren. Jack Erlis! Ich würd ihnen ja die Hand geben, aber die sollte ich vorher reichlich desinfizieren, wenn sie wissen was ich meine.“ Er stockte kurz, grinste gewinnend und wischte sich die Hände an einem sündhaft teurem Handtuch ab. „Sie sehen mir aus wie ne smarte Frau, bin mir damit ziemlich sicher sie wissen was ich meine.“
Er schob sich die Schnalle seines Werkzeugkastens über die Schulter, und hielt den Arbeitsauftrag hin. „Ich bräuchte von Ihnen dann noch ne Unterschrift.“ Er blickte nochmal zwischen den Damen her, warf einen Blick nach draußen, wo schaulustige Kids nicht fern waren. Dann entglitt es Jack Erlis erstaunt. „Sagen sie mal… fliegen wir etwa?!“

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / Weltraum / Nasszelle] Gonk und Jake – ganz in der Nähe Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder
 
Zuletzt bearbeitet:
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / Weltraum vor The Wheel / SY-Condor-Yacht „Seastar“ / Gangbereich] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Dany Valthor, Jake Relis und Gonk; Samin im Cockpit, Sana, Naeva und die anderen Kinder im Aufenthaltsbereich

Moore ließ ihn reden.

Jack Erlis. Big Eds Crew. Eine mechanische Verstopfung, die ausgerechnet den Diagnosesystemen der Seastar entgangen sein sollte, dazu ein Wartungsauftrag und genügend unbekümmerte Selbstverständlichkeit, dass man beinahe hätte glauben können, die Yacht habe sich ohne Wissen ihrer derzeitigen Besitzerin selbst einen Techniker bestellt. Die Slicerin nahm ihm das Datapad ab und ließ Namen, Kennungen und technische Angaben durch ihr HNAI laufen, ohne den Mann dahinter aus den Augen zu verlieren, der immerhin deutlich ansehnlicher geraten war als die Geschichte, die er ihr gerade verkaufen wollte.

Als sie den Blick wieder vollständig zu ihm hob, wurde ihr Ausdruck langsam weicher, beinahe naiv in der Art, wie sich die Mundwinkel hoben und die eben noch vorhandene Distanz aus ihrer Haltung verschwand, während allein die Augen vollkommen wach blieben und weder seine Hände noch die kleinen Veränderungen seiner Körperspannung ihrer Aufmerksamkeit entgingen.


„Jack also.“

Die Sephi sprach den Namen aus, als gefiele er ihr, und trat näher. Das war nicht einmal vollständig gespielt. Jack war attraktiv genug, dass die Nähe keinerlei Opfer verlangte und Moore hatte nie einen vernünftigen Grund darin gesehen, ein hübsches Gesicht weniger zu würdigen, nur weil der dazugehörige Mann gerade versuchte sie anzulügen.

Ihre Fingerspitzen fanden das aufgenähte Namensfeld seines Overalls, glitten fast gedankenverloren darüber und wanderten höher zum Kragen, während ihr Blick beiläufig immer wieder zu seinen Händen zurückkehrte. Erst danach legte sich ihr Zeigefinger unter sein Kinn und gab seinem Kopf eine ebenso leichte wie eindeutige Richtung vor.


„Und Big Ed lässt Sie hier ganz allein arbeiten.“

Moore stand inzwischen nah genug, dass man den Abstand zwischen ihnen ohne große Mühe missverstehen konnte. Der Finger blieb noch einen Augenblick unter seinem Kinn, strich dann langsam daran entlang und sank zu seinem Oberarm, während die Slicerin sich seitlich an ihm vorbeibewegte und ihre freie Hand für einen kurzen Moment über die Flanke des Overalls gleiten ließ, nicht lange genug, um nach einer Durchsuchung auszusehen, aber durchaus lange genug für alles, was Menschen unter Kleidung schlechter versteckten, als sie glaubten. Ihre Aufmerksamkeit blieb gleichzeitig bei seinen Händen. Ein Mann, der bereits ohne ihr Wissen auf ihre Yacht gelangt war, bekam nicht aus Höflichkeit die Gelegenheit für eine zweite Überraschung.

„Sie müssen wirklich ausgesprochen gewissenhaft sein.“

Ihr Blick glitt am Werkzeugkasten vorbei zu Dany und von dort in die offene Nasszelle zu Gonk.

„Dany, nimm dem netten Mr. Erlis doch bitte den schweren Werkzeugkasten ab ja? Wer sich so für uns verausgabt der muss sich doch nicht auch noch das hübsche Kreuz in Mitleidenschaft ziehen.“

Dann wanderte ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zum Droiden.

„Der Droide bleibt, wo er ist.“

Es war als würden die unsichtbaren Griffe ihres Implantats nach dem Stück Technik und seinen Schnittstellen ausstrecken und an Ort und Stelle festsetzen. Als sie sich diesen Jack wieder zuwandte, war die beinahe kokette Wärme bereits zurück, als hätte die knappe Unterbrechung überhaupt nicht stattgefunden. Ihre Hand lag weiterhin leicht an seinem Oberarm und führte eher über Nähe und Richtung, als dass sie ihn festhielt.

Hinter ihm näherte sich Mira.

Moore drehte sich nicht um.

Zunächst war da nur ein zweiter Ort.

Der Gang blieb dort, wo ihr eigener Körper stand, Mr. Erlis unmittelbar vor ihr und Dany etwas seitlich dahinter. Gleichzeitig legte sich wenige Meter entfernt ein anderer Blickwinkel darüber, aus dem der Rücken des Eindringlings sichtbar wurde und dahinter Moore selbst, das fast weiße Haar, die ebenso helle Haut, ihre Hand an seinem Arm und jenes freundliche Lächeln, das von außen fremder wirkte, als es sich auf ihrem Gesicht anfühlte.

Mira sah sie und damit lag dieses Bild auch in Moores Gedanken.

Die Slicerin bewegte sich noch einen Schritt aus der offenen Sichtachse zum Aufenthaltsbereich, während Mira hinter den "Handwerker" zunächst in jener Entfernung stehenblieb, die Moore ihr irgendwann mit einer fast lächerlichen Menge Geduld als persönlichen Raum beigebracht hatte.

Dann trat sie näher.

Die Richtung lag längst in der Verbindung.

Mira erreichte das Schott zum Aufenthaltsraum und ließ es schließen, während Moore Jack Erlis weiter ansah. Das leise Ineinandergreifen der Segmente drang durch den Gang und lag gleichzeitig noch einmal aus einem Blickwinkel in ihrer Wahrnehmung, der nicht zu ihrem eigenen Körper gehörte.

Der Gang war einfach zweimal da.

Mira kam zurück.

Moore sah in das Gesicht des Menschen unmittelbar vor sich und zugleich seinen Rücken, sah die eigene Hand an seinem Arm und das helle Haar über seiner Schulter, während die zweite Perspektive ebenso selbstverständlich im Raum lag wie die erste. Als Mira auf anderer Seite stehenblieb und ihre Finger seinen zweiten Oberarm erreichten, lag der Druck zugleich in Moores Wahrnehmung, körperlos, aber präzise genug, um Stoff, Wärme und die leichte Anspannung darunter voneinander zu unterscheiden.

Während die Hand ihres eigenen Körpers beinahe reglos an seinem Arm blieb, bewegten sich Miras Finger auf der anderen Seite und beide Informationen gehörten für diesen Augenblick gleich selbstverständlich zu ihr.

Welche davon näher an „ihr“ lag, verlor schneller an Bedeutung, als es irgendeine technische Erklärung verdient hätte.


„Wissen Sie, Jack...“

Ihre Stimme sank beinahe zum Säuseln.

Moore neigte den Kopf ein wenig und Mira folgte einen Herzschlag später. Beim nächsten Schritt gab es diesen Abstand nicht mehr.

Sie standen auf beiden Seiten Jakes und Moore wusste durchaus, welcher Körper rechts und welcher links von ihm stand, nur spielte diese Unterscheidung für das, was sie sah, zunehmend weniger eine Rolle. Eine Hand lag weich an seinem Arm, die andere fester, und ohne einen Blick oder ein anderes sichtbares Zeichen senkten sich beide Köpfe im selben Moment näher an ihn.

Das beinahe gleiche weiße Haar fiel auf beiden Seiten seines Gesichts herab, Moores wacher Blick auf der einen, Miras eisblaue Augen auf der anderen, bis schließlich selbst der Atemzug zusammenfiel.


„Warum sind sie hier? Ich rate ihnen wirklich die Wahrheit zu sagen denn ich habe kein Problem damit ihnen nach und nach die Gliedmaßen zu brechen.“

Miras Griff wurde fester, ohne Hast und ohne unnötige Kraft. Moore hielt den anderen Arm weiterhin beinahe beiläufig und ließ den Blick über Jakes Gesicht hinweg zu Dany wandern und von ihr weiter zur Tür des Hauptschlafzimmers.

Die Tür öffnete sich auf ihre Freigabe wie von Geisterhand.

Die Sephi zog sich nur wenige Zentimeter von Jakes Ohr zurück, ohne die Nähe vollständig aufzugeben, und ihre Stimme fand mühelos zurück zu jener beinahe süßen Freundlichkeit, mit der sie seinen Namen zum ersten Mal ausgesprochen hatte.


„Wir setzen das Gespräch dort drüben fort, Mr. Erlis. Da können sie dann auch meine Freundin kennen lernen... ach und seien sie so gut und achten sie darauf nicht Bettwäsche vollzubluten wenn es dazu kommen sollte."

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / Weltraum vor The Wheel / SY-Condor-Yacht „Seastar“ / Gang vor dem Hauptschlafzimmer] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Dany Valthor, Jake Relis und Gonk; Samin im Cockpit, Sana, Naeva und die anderen Kinder hinter dem geschlossenen Schott des Aufenthaltsbereichs
 
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