The Wheel (Besh-Gorgon-System)

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin; Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder schlafend im Appartement

Sana ließ Samin ausreden.

Je länger sie sprach, desto weniger versuchte Sana überhaupt noch, für jeden neuen Satz sofort eine Antwort zu finden, denn dafür kam inzwischen zu vieles zusammen: Samin war damals zu jung gewesen, ihre Mutter hatte Druck auf sie ausgeübt, irgendwo hatte angeblich bereits eine andere Familie gewartet, die Sana ein besseres Leben hätte geben sollen, und aus einer Entscheidung, von der Samin sich damals offenbar eingeredet hatte, sie wäre die richtige, waren dreizehn Jahre geworden, die sich weder kleinreden noch irgendwie zurückholen ließen. Jetzt wollte sie wiederkommen, wusste aber nicht einmal, ob Sana das überhaupt wollte, und entschuldigte sich schließlich nicht nur dafür, dass sie nun nach Bakura gehen würde, sondern für damals.

Sana saß noch immer mit angezogenen Beinen an ihrem Ende der Couch, die Decke darübergezogen und eine kleine Falte des Stoffes zwischen zwei Fingern, an der sie schon herumgestrichen hatte, bevor das Gespräch überhaupt angefangen hatte. Mittlerweile hielt sie sie nur noch fest. Am anderen Ende der Couch lagen Samins Hände ineinander verkrampft, ihre Stimme hatte während der letzten Sätze mehrmals kaum noch getragen und als Sana schließlich kurz zu ihr hinübersah, glänzten ihre Augen feucht im wenigen Licht, das aus dem Flur bis in den Wohnbereich fiel.

Sanas Finger blieben an der Decke.

Als Samin sagte, dass sie ihre eigene Tochter nicht kannte, musste Sana ihr zumindest darin nicht widersprechen. Sie wusste nicht einmal, was Sana gern aß, und Naeva hätte wahrscheinlich schon bei der Frage die Augen verdreht, weil es so vieles gab, das man nach dreizehn gemeinsamen Jahren einfach wusste, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Doch daran blieb Sana nicht hängen.

Ihre Großmutter hatte von ihr gewusst.

Und irgendwo hatte eine Familie auf sie warten sollen.


Ich hatte aber keine Familie.

Der Satz kam so leise heraus, dass er kaum weiter tragen musste als bis ans andere Ende der Couch.

Sana sah hinunter auf ihre Hände.


Also … so eine.

Natürlich waren Naeva und die anderen da gewesen, später jedenfalls, und im Heim hatte es Betreuer gegeben, manche länger, manche kürzer, manche netter als andere. Das war aber nicht die Familie, von der Samin gesprochen hatte, bei der Sana angeblich hätte aufwachsen sollen, mit Leuten, die sich entschieden hatten, dass ausgerechnet sie dazugehören sollte.

Da war keine.

Es hatte Zimmer gegeben, dieselben Flure, Mahlzeiten zu denselben Zeiten und Betten, die manchmal plötzlich leer standen, weil ein Kind, das gestern noch neben einem gesessen hatte, seine Sachen zusammenpacken durfte. Neue Kinder kamen dazu, einige blieben nur Monate, andere Jahre, und wenn eine Familie Interesse an jemandem hatte, merkte man es meistens schon vorher daran, dass Erwachsene auftauchten, geredet wurde, irgendeines der Kinder häufiger aus der Gruppe geholt wurde und irgendwann eine Tasche neben dem Bett stand.

Als Sana kleiner gewesen war, hatte sie bei solchen Besuchen jedes Mal hingesehen und sich gefragt, um wen es diesmal ging; später hatte sie damit aufgehört.

Irgendwann wusste man einfach, wer noch da war.

Naeva.

Tavin.

Einige der anderen, die jetzt irgendwo in Moores Appartement unter Decken lagen.

Und Sana.


Bei uns sind immer wieder welche gegangen“, sagte sie nach einer Weile. Mit Familien.

Aus einem der Zimmer kam ein leises Rascheln, worauf Sana für einen Augenblick innehielt, bis wieder Ruhe eingekehrt war.

Wir sind geblieben.

Ihre Stimme war beim zweiten Satz noch leiser.

Es hatte geholfen, dass sie nicht allein geblieben war, dass Naeva am nächsten Morgen immer noch am selben Tisch saß, Tavin noch da war und irgendwann aus den Kindern, die niemand abgeholt hatte, eben die geworden waren, die zusammengehörten. Darüber hatten sie nie besonders viel reden müssen.


Irgendwann denkt man halt, dass einen keiner nimmt.

Sana zog die Decke etwas näher an ihre Beine und hob dann wieder den Blick.

Meine Großmutter wusste von mir?

Samin hatte es gerade deutlich genug gesagt, trotzdem musste Sana die Frage stellen.

Also schon damals?

Sie achtete selbst darauf, leise zu bleiben. Naeva sollte schlafen, die anderen ebenfalls, und Sana wollte nicht, dass plötzlich irgendjemand im Flur auftauchte und fragte, was los war.

Dann wusstet ihr ja beide, dass es mich gibt.

Früher hatte Sana genug Geschichten gehört, in denen Familien auseinandergerissen wurden, weil irgendwo Krieg war, weil jemand etwas verbot oder weil zwischen zwei Menschen plötzlich eine halbe Galaxis lag; meistens wurde es erst schlimmer, manchmal dauerte es Jahre, aber irgendwann machte sich jemand auf den Weg und suchte.

Als Sana kleiner gewesen war, hatte sie diesen Teil immer gemocht.


Ich hab immer gedacht …

Sie stockte und verzog ein wenig den Mund, weil der Satz laut plötzlich viel kindischer klang, als er vorher in ihrem Kopf gewesen war.

Sie sagte ihn trotzdem.


Wenn man jemanden wirklich lieb hat, findet man doch irgendwann einen Weg.

Ihre Finger wanderten wieder über die Decke.

In den Geschichten jedenfalls.

Sana sah Samin jetzt direkt an.

Hast du mich nicht genug lieb gehabt, um mich trotzdem zu behalten?

Diesmal kam der Satz schneller heraus, als Sana ihn noch hätte zurückhalten können.

Oder war dir wichtiger, was sie wollte?

Samins Augen glänzten noch immer feucht. Als Sana weitersprach, wurde ihre Stimme eher leiser als lauter.

Ich dachte immer, du hast mich einfach nicht gewollt.

Sie zog ein Knie noch ein Stück näher an sich.

Dann wusste ich wenigstens, warum.

Sana sah wieder auf den Stoff über ihren Beinen.

Jetzt weiß ich, dass meine Oma auch von mir wusste.

Einige Sekunden vergingen, bevor sie weitersprach.

Dann wollte die mich ja auch nicht.

Der Satz blieb zwischen ihnen liegen.

Sana sagte zunächst nichts mehr dazu, und aus einem der anderen Räume kam ebenfalls kein Laut. Ihre Finger strichen einmal über die Falte in der Decke und blieben dann darauf liegen.

Trotzdem blieb noch etwas, viel einfacher als all die Gründe, die Samin vorher genannt hatte.


Wenn du wirklich dachtest, dass ich bei denen bin …

Sana hob den Blick wieder.

Warum hast du dann nie nachgeguckt?

Ihre Stimme war inzwischen kaum mehr als ein Flüstern.

Also nur einmal.

Sana hielt ihren Blick noch kurz auf Samin.

Dann hättest du doch gesehen, dass ich noch da bin.

Ihre Finger lösten sich von der Decke.

Sie sah weg, rutschte tiefer in die Couch und zog den Stoff wieder über ihre Beine.


Mach doch, was du willst. Wie immer.

Dann drehte Sana sich auf die Seite, zog die Beine an und die Decke bis über die Schulter, wandte Samin den Rücken zu und schloss die Augen.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin; Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder schlafend im Appartement
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder

Das Appartement war noch still, als Moore durch den Wohnbereich ging und dabei mehrere Dinge dort vorfand, wo sie unter gewöhnlichen Umständen nichts verloren hatten. Eine Decke hing halb über die Lehne ihres viel zu teuren Sofas, irgendwo zwischen Tisch und Wand standen zwei Paar Kinderschuhe, mehrere Taschen waren über den Boden verteilt und auf einem der niedrigen Beistelltische hatte jemand einen Becher vergessen, den sie im Vorbeigehen zwar bemerkte, diesmal jedoch stehen ließ, während aus den abgedunkelten Nebenräumen nur das gelegentliche Rascheln eines Schlafenden und die leise Arbeit jener Systeme drang, die sich von der unerwarteten Überbelegung ihrer Wohnung ebenso wenig beeindrucken ließen wie von Tageszeiten.

Moore kannte das Appartement anders, berechenbarer vor allem, wenngleich diese Feststellung angesichts dessen, was sich hinter seinen Wänden tatsächlich verbarg, wahrscheinlich nur für sie selbst Sinn ergab. Aria wuchs hinter versiegelten Türen, Shara war noch immer mehr Versprechen als Person, Laborsysteme, Schildkomponenten und Rechencluster hatten längst mehrere Räume übernommen und selbst ihr Wohnzimmer war seit Jahren weniger Wohnraum als jener Teil ihres Arbeitsplatzes, in dem zufällig ein Sofa stand und regelmäßig Wein getrunken wurde. Trotzdem hatte alles seinen Platz gehabt, selbst Mira, soweit sich ihre Tochter überhaupt dauerhaft irgendwo einordnen ließ.

Auf dem Weg zur Küche kam sie an ihrem Schlafzimmer vorbei, dessen Tür nicht vollständig geschlossen worden war und durch den schmalen Spalt fiel ihr Blick auf Dany, die nach den vergangenen Tagen so tief in die Matratze gesunken war, dass von der Frau, die gestern noch in Rüstung durch Moores Wohnung gelaufen war, im Augenblick nur eine ungewöhnlich friedliche Version übriggeblieben war. Irgendwann während der Nacht hatte sich Mira ebenfalls ins Bett gelegt, offenbar ohne sich sonderlich darum zu kümmern, dass Moore ihr dieses nicht angeboten hatte und zwischen den beiden befand sich nun auch noch der Kleinste der Kinder, eng an Miras Körper geschmiegt, während deren Arm locker um ihn lag und das weiße Haar ihrer Tochter in ungeordneten Strähnen über Kissen, Schulter und einen Teil des kleinen Kopfes gefallen war.

Ohne das übliche selbstbewusste Lächeln, die bissigen Kommentare und die kaum weniger aufdringlichen Datenfäden ihres HNAI wurde an Mira etwas sichtbar, das sich im Alltag leicht hinter ihrer Geschwindigkeit, ihrem Verstand und einem Körper verlor, den Moore von Anfang an erwachsen konstruiert hatte. Zwischen dem ersten bewussten Öffnen dieser eisblauen Augen und diesem Morgen lag lächerlich wenig Zeit, vollkommen unabhängig davon, wie weit Mira inzwischen in manchen Dingen gekommen war und wie wenig brauchbar chronologisches Alter ohnehin wurde, sobald man künstliche Organismen, beschleunigte Entwicklung und eine Persönlichkeit in dieselbe Gleichung zwang. Jetzt schlief sie so tief mit einem Kind im Arm, dass nicht einmal ein Diagnosefaden durch die Verbindung ihrer HNAIs wanderte.

Moore zog die Tür ein wenig weiter zu und ging in die Küche.

Dort stand sie zunächst vor den Schränken und betrachtete deren Inhalt, als hätte jemand anderes zu entscheiden, was man sechzehn Personen morgens vorsetzte. Ihre eigenen Bedürfnisse waren überschaubar, Mira aß vor allem deshalb regelmäßig, weil gemeinsames Essen irgendwann zu jenen sozialen Gewohnheiten gehört hatte, die Moore ihr beibringen wollte, bevor sie Nährstoffaufnahme womöglich ausschließlich nach Wirkungsgrad bewertete und Gäste hatte sie bislang gewöhnlich in einer Anzahl empfangen, bei der niemand ernsthaft darüber nachdenken musste, ob ein zweiter Stapel Teller erforderlich wurde.

Dass The Wheel beinahe jedes Lebensmittel innerhalb weniger Stunden liefern konnte, erwies sich für einmal als praktisch. Moore hatte bereits am Vorabend genug bestellen lassen, um nun einen schweren Topf hervorzuholen, die verschiedenen Eier für einen Nine-Egg Stew nebeneinanderzustellen und Stone Peppers zu schneiden, während auf einer zweiten Arbeitsfläche Mehl, Milch und weitere Zutaten für Chandrilan Waffles zusammenkamen. Credits lösten bei weitem nicht jedes Problem der Galaxis, bei Eiern, Obst und Frühstückszutaten besaßen sie allerdings eine erfreulich hohe Erfolgsquote.

Die Küchenautomatik meldete sich irgendwann ungefragt mit einem Hilfsangebot, worauf Moore sie deaktivierte und allein weiterarbeitete. Die ersten Eier verschwanden im Topf, Gewürze folgten, auf der anderen Seite entstand der Teig und irgendwann stellte sie fest, dass die vorgesehene Menge an Waffeln für eine vernünftige Gruppe Erwachsener vollkommen ausgereicht hätte, zwölf Kinder dagegen vermutlich andere Vorstellungen davon besaßen, was unter ausreichender Versorgung zu verstehen war. Also vergrößerte sie die Menge und bereitete parallel eine Reihe Ronto Morning Wraps vor, die sich warmhalten ließen und ihr später zumindest ersparten, sofort wieder in der Küche zu verschwinden.

Mit jedem weiteren Arbeitsschritt wurde der Vorgang vertrauter, weniger das Kochen selbst als die Art, in der Moore mehrere Dinge gleichzeitig vorbereitete und fertige Speisen nicht einfach dort stehen ließ, wo gerade Platz war, sondern ohne bewusst darüber nachzudenken den langen Tisch im Wohnbereich herzurichten. Erst Teller, danach kleinere Schalen und Besteck, die warmen Speisen so verteilt, dass niemand über den halben Tisch greifen musste, Getränke nicht dort, wo ein umgestoßenes Glas mehrere Teller gleichzeitig ruinierte und die Schalen mit Meilooruns, anderem Obst und Wamba-Yogurt zwischen den übrigen Dingen, bis sie irgendwann eine Serviette faltete, neben einen Teller legte und bei der nächsten Bewegung langsamer wurde.

Poliertes Holz tauchte irgendwo hinter ihren Gedanken auf, ein langer Raum, Stoff, Stimmen aus einem angrenzenden Zimmer und Licht, das sich in Glas brach, begleitet von jener längst vergessen geglaubten Gewissheit, dass ein gedeckter Tisch selbst dann bestimmten Regeln folgte, wenn kein einziger Gast sie später bewusst wahrnahm. Auf Thustra waren solche Dinge Teil einer Ordnung gewesen, die lange vor Raleen existiert hatte und vermutlich auch ohne sie weiterbestanden hätte, nur hatte irgendjemand es damals dennoch für notwendig gehalten ihr beizubringen, wie diese Ordnung funktionierte und Jahrzehnte später falteten ihre Hände die nächste Serviette noch immer auf dieselbe Art.

Geruchserinnerung, motorisches Gedächtnis, neuronale Verknüpfungen, ausreichend häufig wiederholte Bewegungen und...

Der nächste Waffelstapel war fertig.

Moore stellte ihn auf eine Platte, reduzierte am Topf die Temperatur und bemerkte dabei eine Bewegung unter einer der Decken im Wohnbereich, die kurz darauf wieder still wurde. Sie probierte den Stew, gab noch etwas hinzu und wandte sich danach den Wraps zu, wobei ihr irgendwann auffiel, dass sie seit einer guten Weile weder versucht hatte die Decken zu ordnen noch die herumstehenden Taschen beiseitezuräumen. Selbst der Becher stand noch immer auf dem Tisch, während Moore stattdessen darüber nachdachte, ob die Waffeln wirklich reichen würden und noch eine weitere Portion ansetzte.

Vielleicht lag es daran, dass das Appartement mit all den fremden Dingen und schlafenden Menschen plötzlich auf eine Art bewohnt aussah, die sie von ihm nicht kannte. Mira und sie lebten hier natürlich schon lange genug zusammen und allein die Tatsache, dass ihre Tochter Kleidung mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit an Orten zurückließ, an denen Moore sie später finden musste, lieferte ausreichend Beweise dafür, doch selbst ihre Zweiergemeinschaft besaß inzwischen eine technische Ordnung, einen Rhythmus, der kaum noch Aufmerksamkeit verlangte. Zwölf Kinder beanspruchten Raum, selbst wenn sie schliefen, Samin und Dany hatten ihre eigenen Dinge mitgebracht und irgendwo zwischen Decken, Taschen, fremden Schuhen und zu vielen Tellern war aus der eleganten Tarnung über einem illegalen Forschungskomplex etwas geworden, für das Moore gerade keinen besonders guten Begriff fand, während sie das Stew weiterrührte und sich nicht sonderlich darum bemühte einen zu finden.

Ihr Blick blieb irgendwann an den sechzehn Gedecken hängen und wanderte von dort beinahe automatisch zu den Schlafplätzen. Samin und Dany waren längst erwachsene Frauen, keine Kinder und beide hätten vermutlich sehr deutliche Worte gefunden, falls Moore auf eine gegenteilige Idee gekommen wäre, doch zwischen deren Lebensjahren und ihren eigenen lag trotzdem eine Strecke, die in diesem vollgestellten Appartement sichtbarer wurde als sonst. Sana und die übrigen Kinder machten diese Differenz nur deutlicher und Mira verwandelte jede vernünftige Betrachtung von Alter ohnehin in eine Übung, die selbst Moore vor dem ersten Caf des Tages nicht ernsthaft durchführen wollte.

Am ehesten erinnerte die Szenerie sie noch an Perelyan, nur hatte ein volles Haus damals einer festgelegten Ordnung gehorcht, die vollkommen unabhängig von ihr funktioniert hatte. Hier war nichts davon geplant gewesen. Gestern hatte Moore noch darüber nachgedacht, wie man zwölf Kinder möglichst schnell von The Wheel fortbekam, heute Morgen stand deren Frühstück auf ihrem Tisch.

Sie schob eine Schale mit Obst einige Zentimeter nach links, betrachtete die Veränderung und ließ sie dort.

Das sonderbare Ziehen irgendwo zwischen Brustbein und Magen hätte sich wahrscheinlich ebenso in Erinnerung, Neurotransmitter und soziale Konditionierung zerlegen lassen wie jeder andere Zustand eines organischen Gehirns. Moore wusste genug darüber, um mehrere überzeugende Erklärungen zu finden, entschied sich jedoch stattdessen, noch einmal nach dem Stew zu sehen.

Gefühle waren ausgesprochen schlechte Messinstrumente.

Die fertigen Morning Wraps verteilte sie auf zwei Platten, stellte sie neben den Nine-Egg Stew und die Stapel Chandrilan Waffles und ergänzte schließlich die Schalen mit Obst und Wamba-Yogurt, blaue Milch, Meiloorun-Saft und eine große Kanne Caf. Danach ging Moore noch einmal um den Tisch, rückte zwei Teller zurecht und hielt kurz inne, bevor sie auch die letzte Serviette geradezog.

Irgendwo hinter ihr raschelte eine Decke, gefolgt von dem leisen Geräusch kleiner Füße, die sich offenbar noch nicht ganz entschieden hatten, ob Aufstehen wirklich notwendig war.

Moore nahm ihre Tasse wieder auf und blieb dort stehen.


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// The Wheel // Moores Appartement // Schlafzimmer // Dany, Mira, eines der Kinder //

Dany wachte mit dem unangenehmen Gefühl auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte sich irgendwann im Schlaf ziemlich großzügig in Moores Bett breitgemacht und spürte unter ihrer Hand eindeutig Haut.

Dany öffnete langsam die Augen und erkannte Haare. Helle Haare - sehr helle Haare. Für einen kurzen Moment brauchte ihr noch nicht vollständig hochgefahrenes Gehirn, um den Hinterkopf vor ihr einzuordnen.
Moore? Nein. Es war ihre "Tochter" Mira. Warum sie das ausgerechnet von hinten, im Halbdunkel und verschlafen unterscheiden konnte, hätte Dany vermutlich selbst nicht erklären können. Letztlich war es wohl die Tatsache, dass Dr. Moore dazu in der Lage war, professionelle Distanz zu wahren, die die Unterscheidung ermöglichte, waren die beiden ja doch identisch.

Shab, ihre Hand war irgendwie auf
Miras Schulter gelangt. Dany hob sie langsam an, als könnte bereits die Bewegung irgendeine Katastrophe auslösen. Erst dabei bemerkte sie, dass zwischen ihnen noch etwas lag. Oder vielmehr jemand. Ein kleines Kind hatte sich im Schlaf zwischen sie und Mira geschoben und klebte nun so selbstverständlich an beiden, als wäre das schon seit Wochen sein angestammter Platz. Für einige Sekunden starrte die Mandalorianerin die Szenerie vor sich an, dann schaltete sie um.

Vorsichtig stützte sie sich auf einen Ellbogen. Mira bewegte sich nicht und das Kind ebenfalls nicht. Gut. Sehr langsam schob sie die Decke zurück, zog erst ein Bein und dann das andere über die Bettkante und ließ sich seitlich hinuntergleiten. Dany blieb einen Augenblick stehen, warf noch einen Blick auf die beiden Schlafenden und schlich dann beinahe lächerlich vorsichtig zur Tür. Keiner wachte auf. Ebenso lautlos ließ sie die Tür hinter sich schließen.

Das Appartement schien noch zu schlafen. Dany bewegte sich vorsichtig durch den Wohnbereich und setzte die Füße so auf, dass sie weder über irgendwen stolperte noch auf irgendein herumliegendes Spielzeug trat. Dann hörte sie weiter hinten Geräusche. Und noch bevor Dany überhaupt die Küche erreichte, von wo aus die Geräusche kamen, roch sie etwas. Etwas ziemlich Gutes.

Ihr Magen meldete sich beinahe im selben Moment. Dany blieb kurz stehen und stellte fest, dass sie seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr Vernünftiges gegessen hatte. Wann überhaupt zuletzt? Irgendwann vor ihrer Landung auf dem Rad. In der Küche traf sie dann schließlich auf
Moore. Dany fuhr sich einmal durch die noch immer etwas zerzausten Haare und lehnte sich für einen Moment an den Türrahmen.

"Jate vaar'tuur."

Guten Morgen. Ihr Blick wanderte an Moore vorbei über das, was dort vorbereitet wurde.

"Das riecht wirklich lecker“

Ihr Magen meldete sich erneut leise.

"Ich glaube, ich hab nichts mehr gegessen, seit ich Fuß auf The Wheel gesetzt habe"

// The Wheel // Moores Appartement // Küche // Dany, Moore; die anderen noch im Appartement //
 
| The Wheel | Moores Appartement |
Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder

Samin ließ Sana ausreden. Auch wenn sie sich beherrschen musste, nicht schon bei den ersten Worten etwas zu sagen. Sie hatte keine Familie gehabt. Keine solche. Da war keine. Samin spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Andere waren gegangen. Mit Familien. Sie waren geblieben. Und irgendwann, sagte Sana, dachte man eben, dass einen keiner nahm.

Die Chiss senkte den blick. Was hätte sie darauf erwidern sollen? Sie selbst hatte ihre Tochter weggegeben. Ganz gleich, was sie damals geglaubt hatte und welche Zukunft man ihr für Sana versprochen hatte, das Ergebnis war dasselbe.


„K’pah.“

Das Wort kam ihr leise über die Lippen. Samin fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und atmete langsam aus. Sie wusste das alles nicht. Und irgendwie macht es das nur noch schlimmer. Sana hatte Recht. Es nicht gewusst zu haben, war keine Entschuldigung. Es nicht gewusst zu haben, war genauso falsch, wie sie wegzugeben.

Dann fragte Sana nach ihrer Großmutter. Samin bereute sofort, sie überhaupt erwähnt zu haben. Aber auch das gehörte zur Wahrheit dazu.


„Ja.“ Die Antwort kam ohne Zögern. Am liebsten hätte sie den Satz sofort mit einer Erklärung versehen. Die Matriarchin ihrer Familie war … schwierig. Eine herzlose, brutale Frau. Samin hatte die Beziehung sowohl zu ihr, als auch zu ihrer eigenen Zwillingsschwester Irolia nicht ohne Grund aufgegeben. Nie hatte sie den Schritt bereut. Es war ihre eigene Mutter, die Samin versicherte, dass es eine Familie für Sana gab. Natürlich hätte sie das niemals glauben dürfen. Die Chiss verzog das Gesicht schmerzhaft, als sie an ihre eigene Kindheit dachte. Sie wusste nicht, ob es schlimmer war, ohne Familie aufzuwachsen, oder mit einer, in der man nicht in Sicherheit war. Wahrscheinlich konnte man beides gegeneinander nicht aufwiegen. Und diese Frage war auch nicht der springende Punkt.

Sie hatte Sana weggegeben. Ihr eigenes Kind. Ihr Fleisch und Blut. Samin konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. Es tat weh. So weh. Natürlich hatte sie Sana geliebt. Noch bevor das Kind das Licht der Welt erblickte, hatte sie sie geliebt. Aber wie konnte ein Teenager, das ohne seine Mutter aufgewachsen war, verstehen, warum Samin sie weggegeben hatte? Dass ihre Mutter sie nur beschützen wollte. Dass ihre Mutter geglaubt hatte, ohne sie hätte sie ein besseres Leben. Wie konnte eine Mutter ihrer Tochter diese Gedanken erklären? Es war unmöglich. Irgendwann hatte Samin sich eingeredet, dass es egoistisch gewesen wäre, nach Sana zu suchen und plötzlich wieder in ihrem Leben zu erscheinen. Aber in Wahrheit war das nur eine dumme Ausrede für ihr eigenes Versagen als Mutter.

Samin schüttelte langsam den Kopf.

Sie hätte wenigstens nachsehen müssen. Irgendwann. Sie hätte wissen müssen, ob das, was man ihr erzählt hatte, überhaupt stimmte. Sie hätte es versuchen müssen. Was für Worte an ein dreizehnjähriges Mädchen konnte diesen Fehler je wieder aufwiegen? Keine. Keine Worte vermochten gut zu machen, was Samin ihrer eigenen Tochter angetan hatte.


„Du hast Recht“, flüsterte die Chiss und versuchte Sana in die Augen zu sehen. Diese drehte sich im nächsten Moment jedoch mit den Worten weg, dass ihre Mutter doch weiter tun sollte, was sie wollte – wie immer-, und schloss offenbar die Augen.

Samin wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Und es wäre auch nicht das richtige gewesen. Anschließend saß sie noch lange wach. Während sie einfach nur ihren Gedanken und Gefühlen nachhing beobachtete sie die schlafende Sana. Irgendwann kamen Geräusche aus der Küche. Jemand kochte. Die Chiss hatte überlegt, ob sie aufstehen und helfen sollte. Aber sie wollte dort bleiben, wo sie war. Bei Sana. Selbst wenn das Mädchen sie abwies, sie wollte da sein. Aber wie? Wie bei Sana bleiben und gleichzeitig für sie sorgen? Für eine Mutter sein und sie gleichzeitig nicht bevormunden? Wie die Fehler der Vergangenheit wieder gut machen, ohne sie zu wiederholen? Wie tun, was sie für richtig hielt, aber gleichzeitig das, was Sana wollte? Und war das, was Sana wollte auch das, was Sana brauchte? Und überhaupt, welches Recht hatte Samin zu entscheiden, was Sana brauchte?

Es war beinahe Morgen, als die Müdigkeit durch die Anstrengungen der letzten Tage sie endlich übermannten und sie im Sitzen, dort am Fußende zu ihrer Tochter, einschlief.


Ihr Schlaf hatte nicht mehr als zwei oder drei Stunden gedauert. Stimmen aus der Küche weckten sie, zusammen mit dem Geruch von frischem Caf. Ein kurzer Blick nach links genügte, um zu erkennen, dass Sana nicht mehr neben ihr lag. Also streckte die Chiss gähnend alle Glieder von sich, ehe sie sich erhob und als erstes die Nasszelle aufsuchte. Im Spiegel erkannte sie sich selbst kaum. Zerzauste Haare, dunkle Flecken unter den Augen und dieselben muffigen Klamotten der letzten Tage am Leib. Ihr Blick fiel auf ein Regal neben der Dusche, in welchem sich frische, zusammengelegte Kleidungsstücke befanden. Ein kurzes Öffnen der Tür und eine gerufene Nachfrage genügte, um sich schließlich zu waschen und mit Genehmigung an der Kleidung der Appartementbesitzer zu bedienen.

Trotz des kurzen Schlafes fühlte sich frischer als sie sich seit Wochen gefühlt hatte. Die nassen Haare trug sie offen als sie die Küche betrat. Ihre Augen suchten als erstes Sana. Natürlich hingen all ihre Gedanken noch bei dem gestrigen Gespräch. Als sich die Blicke trafen, versuchte Samin es mit einem kurzen, zurückhaltenden Lächeln.


„Guten Morgen.“

Auch die Kinder trugen frische, die kleinsten wenigstens gereinigte Kleidung. Samin fragte sich, wann Moore und ihre Tochter Mira sich darum gekümmert hatten. Auch Dany saß bereits am reichlich gedeckten Tisch und wurde offenbar gerade von Naeva gelöchert, wie man eine echte Mandalorianerin wurde.

Danke für das Frühstück“, sagte sie in Richtung Moore und Mira gewandt. Wer auch immer das alles zubereitet hatte. Dabei fiel ihr eines wieder auf. Wie konnte das Kind ein beinahe vollständiges Abbild ihrer Mutter sein?


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Samin, Dany, Moore, Mira, Sana und die anderen Kinder
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin, Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder

Als Sana wieder aufwachte, war das Appartement noch still genug, dass sie zunächst nur die gleichmäßige Belüftung, irgendwo weiter hinten das leise Klappern von Geschirr und das Rascheln eines Kindes hörte, das sich unter seiner Decke bewegte. Aus dem Flur fiel schwaches Licht in den Wohnbereich und für einige Sekunden blieb Sana noch liegen, bis ihr wieder einfiel, wo sie war und weshalb sie überhaupt auf dieser Couch geschlafen hatte.

Dann drehte sie den Kopf.

Samin saß noch immer am anderen Ende, leicht zur Seite gesunken und mit dem Kopf gegen die Lehne, die Hände locker im Schoß, nachdem sie irgendwann im Sitzen eingeschlafen sein musste. Das wenige Licht reichte aus, um die dunklen Schatten unter ihren Augen und einen Teil ihres Gesichts zu erkennen.

Gestern hatte Sana ihr gesagt, sie solle eben machen, was sie wollte.

Samin war geblieben.

Sana sah sie noch einen Moment an, schob dann die Decke zur Seite, setzte die Füße auf den Boden und stand leise auf, ohne sie zu wecken. Erst im Flur strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und folgte den Geräuschen aus der Küche, wobei ihr noch vor der Tür der Geruch nach warmem Teig, Gewürzen und etwas Herzhaftem entgegenkam, das sie nicht kannte und ihren Magen trotzdem unmittelbar daran erinnerte, dass es Morgen war.

Moore war bereits wach.

Der lange Tisch wirkte mit sechzehn Tellern beinahe zu klein für das, was dazwischen noch Platz gefunden hatte. Neben einem großen Topf Nine-Egg Stew standen mehrere Stapel Chandrilan Waffles und Platten voller Ronto Morning Wraps, dazwischen Obst, Meilooruns, Wamba-Yogurt, blaue Milch und Saft, während Moore gerade noch etwas aus der Küche dazustellte.

Frühstück hatte es im Heim ebenso gegeben wie später auf den Schiffen, doch Sana konnte sich an keinen Morgen erinnern, an dem gleichzeitig so viele verschiedene Sachen auf einem Tisch gestanden hatten.

Sie trat näher.


Ist das alles für uns?

Moore sah kurz auf.

„Für sechzehn Personen.“

Sana ließ den Blick noch einmal über den Tisch wandern.

Dann reicht’s wahrscheinlich.

An Moores Mundwinkel regte sich etwas, ehe sie sich wieder dem Essen zuwandte.

Kurz darauf kam eines der kleineren Mädchen verschlafen aus dem Flur, mit zerdrückten Haaren und einer Decke um die Schultern, entdeckte den gedeckten Tisch und sorgte innerhalb weniger Minuten dafür, dass nach und nach auch die anderen wach wurden. Ein Kind weckte das nächste, irgendwo wurde nach einem Kleidungsstück gesucht, das kurz darauf direkt neben dem eigenen Schlafplatz wiedergefunden wurde, und aus einem der Zimmer kam Naevas Stimme, weil jemand ihrem geschienten Fuß zu nahe gekommen war.

Sana ging zu ihr und fand sie bereits sitzend vor, damit beschäftigt, gleichzeitig die Decke loszuwerden und ihr verletztes Bein aus dem Weg der anderen zu halten. Zwei herumliegende Sachen lagen direkt vor ihrem Fuß, also räumte Sana sie beiseite und wartete, bis Naeva den geschienten Knöchel vorsichtig aufsetzte.


Geht?

Naeva machte ein paar Schritte.

„Besser.“

Gemeinsam gingen sie zurück in den Wohnbereich, wo die ersten Kinder inzwischen Plätze gefunden hatten. Moore stellte noch einige Schalen so um, dass auch die Kleineren sie erreichen konnten, und irgendwann wartete niemand mehr darauf, ausdrücklich zum Essen aufgefordert zu werden.

Dany saß bereits am Tisch.

Auf ihrem Teller lag deutlich mehr als auf den meisten anderen, und während Sana sich eine Waffel, Obst und zunächst nur eine kleinere Portion vom Nine-Egg Stew nahm, sah Naeva der Mandalorianerin eine Weile beim Essen zu.


„Wie kannst du eigentlich so viel essen?“

Naeva ließ der ersten Frage unmittelbar die nächste folgen und wollte wissen, ob Dany grundsätzlich so viel aß oder nur gerade besonders hungrig war. Zwei der anderen Kinder hörten ebenfalls zu, einer stellte fest, dass Dany schließlich auch ziemlich groß sei, und damit wanderte das Gespräch beinahe von selbst in eine andere Richtung.

Naeva sah einmal an ihr hinauf.


„Was muss man essen, damit man so groß wird?“

Sana nahm einen Schluck Saft.

Glaub nicht, dass das so geht.

Naeva beschäftigte sich bereits mit der nächsten Frage.

„Und wie wird man eigentlich Mandalorianer?“

Nun hörten auch mehrere der anderen Kinder zu. Einer war überzeugt, dass man dafür eine Rüstung brauchte, ein anderer hielt Kämpfen für wichtiger und irgendwo fiel das Wort Clan, ohne dass sich die Beteiligten darüber einigen konnten, ob man in einen hineingeboren werden musste oder später dazugehören konnte. Naeva wechselte zwischen den Themen hin und her, wollte wissen, wann Mandalorianer ihre erste Rüstung bekamen und ob Dany schon als Kind kämpfen gelernt hatte, während von mehreren Seiten weitere Vermutungen und Geschichten dazukamen.

Sana hörte hauptsächlich zu und aß.

Mandalorianer waren auf Bastion nichts Unbekanntes gewesen. Man kannte sie aus Holoberichten, Geschichten und Bildern, und selbst im Heim hatte es Kinder gegeben, die über verschiedene Rüstungen oder berühmte Krieger mehr wussten, als Sana jemals hatte wissen wollen.

Als zwischen Naevas Fragen kurz genug Platz entstand, sah Sana zu Dany.


Muss man zu einem Clan gehören?

„Und kann man sich aussuchen, zu welchem?“, schob Naeva unmittelbar hinterher.

Von dort verzweigte sich das Gespräch weiter, während am restlichen Tisch Waffeln weitergereicht wurden, jemand nach dem Saft verlangte und eines der jüngeren Kinder den Joghurt erst entdeckte, nachdem der eigene Teller längst voll war. Das Nine-Egg Stew wurde zunächst vorsichtiger genommen, doch nachdem die Ersten probiert hatten, wanderte der Topf bald häufiger über den Tisch.

Mira erschien etwas später im Flur.

Das jüngste Kind hing an ihr, einen Arm um ihren Hals gelegt, den Kopf an ihrer Schulter und die Beine um ihre Hüfte, während Mira es mit einem Arm trug. Das Kind war inzwischen wach und hätte ohne erkennbare Schwierigkeiten selbst laufen können, zeigte aber keinerlei Interesse daran.

Sana lächelte kurz.

Die kleine Mira bemerkte ihre Namensvetterin ebenfalls und wollte wissen, weshalb der Kleine nicht selbst lief. Mira trug ihn einfach weiter zum Tisch, wo sie sich mit der freien Hand ihre Tasse nahm und anschließend etwas zu essen zusammensuchte.

Das Kind veränderte gelegentlich seine Position und hielt sich danach wieder an ihr fest. Nach einer Weile achtete kaum noch jemand darauf.

Das Frühstück zog sich länger hin, als Sana zunächst erwartet hatte, weil ständig etwas weitergereicht, nachgenommen oder neu ausprobiert wurde. Naeva kehrte zwischendurch zu Dany zurück, sobald ihr eine weitere Frage einfiel, einige der anderen beteiligten sich weiterhin und am anderen Ende des Tisches wurde mit erstaunlichem Ernst darüber gestritten, ob Meiloorun auf Waffeln gehörte.

Sana nahm sich noch eine.

Nach dem Frühstück verschwanden die ersten Kinder nacheinander in der Nasszelle, während Moore und Mira die gereinigten Sachen verteilten und aus dem morgendlichen Durcheinander langsam wieder zwölf halbwegs angezogene und gekämmte Kinder wurden. Erst beim Umziehen fiel Sana auf, wie ungewohnt sich frischer Stoff inzwischen anfühlte.

Einer nach dem anderen tauchte wieder im Flur auf, Haare wurden gewaschen oder gekämmt, Kleidungsstücke, Taschen und Schuhe ihren Besitzern zugeordnet und mehrfach Dinge gesucht, die sich schließlich lediglich im falschen Zimmer befunden hatten.

Sana war selbst vergleichsweise schnell fertig und half anschließend dort, wo eine zweite Hand gebraucht wurde. Bei einem der kleineren Mädchen musste ein Verschluss am Rücken gerichtet werden, ein Junge hatte einen Teil seiner Kleidung im falschen Zimmer liegen lassen und Naeva brauchte wegen der Schiene etwas länger, weil das Hosenbein vorsichtig über Verband und Knöchel gezogen werden musste.

Sana kniete sich vor sie und hielt den Stoff weit genug offen.


Jetzt.

Naeva schob den Fuß hindurch, ohne irgendwo anzustoßen.

„Geht.“

Sana zog den Stoff vorsichtig weiter und überließ ihr den Rest.

Als beide wenig später wieder im Wohnbereich waren, kamen auch die anderen nach und nach aus den Zimmern zurück. Manche hatten noch feuchte Haare, einem kleineren Jungen fehlte weiterhin eine Socke und Mira trug den Jüngsten noch immer, der inzwischen einen halben Wrap in der Hand hielt.

Sana setzte sich wieder neben Naeva und nahm ein Stück Obst aus der Schale.

Dann kam Samin aus dem Flur.

Ihre Haare waren noch nass und offen, die Kleidung frisch, während die Schatten unter ihren Augen deutlich genug verrieten, wie wenig sie geschlafen hatte. Sana sah auf, während Samins Blick durch den Raum wanderte und sie beinahe sofort fand.

Sie versuchte ein kleines, vorsichtiges Lächeln.


„Guten Morgen.“

Sana hielt ihrem Blick einen Moment stand.

Morgen.

Eines der kleineren Kinder versuchte von der anderen Seite des Tisches an die Obstschale zu kommen und schob sie dabei nur weiter von sich weg. Sana nahm sie, stellte sie näher in die Mitte und griff sich selbst noch ein Stück Meiloorun, während Naeva sich bereits wieder Dany zugewandt hatte und Mira mit dem jüngsten Kind auf der Hüfte nach ihrer Tasse griff.

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Sana, Samin, Dany, Moore, Mira, Naeva und die anderen Kinder
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder

Nach dem Frühstück begann sich die Unordnung in Moores Appartement langsam in Bewegung aufzulösen. Teller und Schalen verschwanden aus dem Wohnbereich, Decken wurden zusammengelegt, Taschen wieder geschlossen und irgendwo suchte immer noch jemand nach einem Kleidungsstück, einem Schuh oder einem anderen Gegenstand, der wenige Minuten zuvor ganz sicher noch dagewesen war. Sana und einige der älteren Kinder halfen den Kleineren, Naeva brauchte mit ihrer Schiene etwas länger und Mira bewegte sich weiterhin mit dem Jüngsten auf der Hüfte zwischen ihnen hindurch, als hätte sich dessen Entscheidung, ihre Tochter vorläufig zum bevorzugten Fortbewegungsmittel zu erklären, längst zu einem vollkommen normalen Bestandteil ihres Alltags entwickelt.

Während sich die übrigen mit Kleidung, Gepäck und den kleinen Problemen beschäftigten, die entstanden, sobald mehr als ein Dutzend Menschen gleichzeitig denselben Ort verlassen wollten, kümmerte Moore sich um jene Teile des Aufbruchs, bei denen ein falsch zugeordnetes Kleidungsstück zu den angenehmeren denkbaren Fehlern gehört hätte. Die privaten Laborbereiche verschwanden Stück für Stück aus allen extern erreichbaren Netzen, mehrere Schnittstellen gingen in den passiven Zustand und die Türen zu jenen Räumen, deren Inhalt auch während ihrer Abwesenheit besser niemand kennenlernte, reagierten schließlich nur noch auf die wenigen Berechtigungen, denen Moore tatsächlich vertraute.

Ein letzter Statuslauf wanderte durch ihr HNAI, bestätigte Versorgung, Abschirmung und die Trennung der internen Systeme voneinander und ließ Aria, Shara und einige andere Dinge, die in einem gewöhnlicheren Appartement vermutlich Anlass zu wesentlich unangenehmeren Fragen gegeben hätten, für die nächsten Tage in der Obhut ihrer Automatik zurück.

Ein erheblicher Teil dessen, was sie für Zanbar und später Bakura benötigten, befand sich ohnehin bereits auf der Seastar. Mira hatte sich nach der Abholung der Kinder dort aus dem Kampfanzug geschält und bei derselben Gelegenheit einen Teil der übrigen Ausrüstung an Bord verstaut, sodass aus dem Appartement nur einige wenige Behälter hinzukamen. Die persönlichen Sachen der Kinder beanspruchten zusammengenommen erstaunlich wenig Raum.

Als schließlich der letzte Verschluss geschlossen war und auch niemand mehr glaubhaft behauptete, ohne irgendeinen eben erst verschwundenen Gegenstand unmöglich aufbrechen zu können, sammelte sich die Gruppe im Wohnbereich. Das Appartement begann wieder entfernt so auszusehen wie der Ort, an dem Moore und Mira seit Jahren lebten, nur dass nun zwölf Kinder mit Taschen, Jacken und sehr unterschiedlicher Begeisterung für bevorstehende Reisen darin standen, dazu Samin und Dany und mitten zwischen ihnen Mira, die den Kleinsten etwas höher auf ihrer Hüfte zurechtrückte.

Moore rief die Verriegelung der äußeren Systeme auf, wartete die Bestätigung ab und führte die Gruppe hinaus.

Der Weg durch The Wheel verlor sich anschließend in Aufzügen, Verbindungskorridoren und Zugangskontrollen, wobei die Dichte des Verkehrs mit jedem Abschnitt in Richtung der VIP-Bereiche abnahm und es irgendwann nicht mehr notwendig war, regelmäßig zu prüfen, ob eines der Kinder zwischen anderen Reisenden, Gepäckstücken oder halb offenen Ladentüren verschwunden war. Moores Zugangsrechte ließen die Gruppe ohne größere Verzögerungen passieren und die wenigen Blicke, die sechzehn gemeinsam reisende Personen auf sich zogen, blieben bei jener oberflächlichen Neugier, an die eine Station wie The Wheel ihre Besucher ohnehin gewöhnte.

Mira trug den Jüngsten noch immer, obwohl dieser inzwischen längst wach war und nach Moores Einschätzung ebenso gut selbst hätte laufen können. Er schien diese Einschätzung nicht zu teilen, hielt einen Arm um Miras Hals und betrachtete von dort aus die Station, während ihre Tochter mit der freien Hand eine kleinere Tasche trug und über die Verbindung ihrer HNAIs gelegentlich irgendwelche Datenfetzen zur Seastar in Moores Richtung schob, mehr Gespräch als tatsächliche Notwendigkeit.

Vor dem letzten gesicherten Zugang zu Terminal 7 rückte die Gruppe wieder enger zusammen. Gepäck, Kinder und Sicherheitskontrollen ließen sich gemeinsam einfacher überblicken und Moore wartete, bis auch Naeva und die letzten Nachzügler aufgeschlossen hatten, bevor sie ihre Berechtigung an das Terminal übermittelte.

Die Schleuse öffnete sich auf eine ruhige Galerie, deren gedämpftes Licht die dunkleren Wandflächen und den langen Streifen aus Transparistahl gegenüber nur zurückhaltend hervorhob. Dahinter lagen mehrere Ebenen privater Dockanlagen mit Gangways, Versorgungsleitungen und einzelnen Ausschnitten der dort vertäuten Schiffe, deren vollständige Konturen durch Winkel und bauliche Strukturen zunächst verborgen blieben.

Die Kinder kannten den Weg bereits und einige beschleunigten ihre Schritte ein wenig, sobald ihnen bewusst wurde, wohin sie zurückkehrten, während Samin und Dany das Schiff bislang nur aus Moores Ankündigung kannten. Mira folgte mit dem Jüngsten und ihrem Gepäck ohne besondere Eile.

Hinter einer leichten Krümmung der Galerie fiel schließlich die letzte Sichtbarriere fort und die zu Terminal 7 gehörende Bucht lag vollständig vor ihnen.

Die Condor-Yacht ruhte darin.

Mit ihren rund sechzig Metern war die Condor weit über die Dimensionen jenes Cobra-Sportjägers hinausgewachsen, aus dessen Grundidee Murrow Delentes Shipyards die Baureihe entwickelt hatte, ohne dessen Herkunft vollständig zu verlieren. Zwischen Dockarmen, Gangways und Versorgungsleitungen wirkte die Yacht filigraner und gespannter als viele deutlich größere zivile Schiffe, eine elegante Konstruktion, deren Linien ebenso wenig den Eindruck erweckten, Geschwindigkeit sei bei ihrer Entwicklung erst nachträglich auf eine luxuriöse Hülle gesetzt worden, wie ihre Verarbeitung daran zweifeln ließ, dass sich hier jemand den Luxus geleistet hatte, beides haben zu wollen.

Die Condor war kein repräsentativer Gleiter, dem man stärkere Triebwerke gegeben hatte. In ihr steckte noch immer genug von einem Rennschiff, dass der Komfort nicht darüber hinwegtäuschen konnte, welchem Zweck ihre Konstrukteure den Vorrang eingeräumt hatten.

Moore hatte sich genau deshalb für sie entschieden.

Die ersten Kinder erkannten das Schiff längst wieder. Einer deutete hinunter, ein anderes begann bereits einem der übrigen etwas von seinem ersten Aufenthalt an Bord zu erzählen und selbst der Jüngste auf Miras Arm hob den Kopf etwas höher, ohne deshalb irgendwelche Anstalten zu machen, seinen Platz aufzugeben.

Moores Blick ging kurz zu Samin und Dany. Beide besaßen mehr als genug eigene Flugerfahrung, um sich ein Bild von der Yacht zu machen, ohne dass Moore ihnen ihre technischen Daten vortragen musste.

Unten erkannte die Seastar inzwischen ihre Zugangsberechtigung. Die Gangway löste sich aus dem Rumpf und senkte sich langsam zum Boden der Bucht, während die Beleuchtung entlang des Zugangs erwachte und die Kennung an der Seite des Schiffes im Licht des Docks sichtbar wurde.


CSY SEASTAR

Moore ging bis zur Abzweigung hinunter in die Bucht, blieb dort stehen und wandte sich zu Samin und Dany um.

„Ich hoffe unser Reisegefährt sagt ihnen beiden zu.“

[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder
 
// The Wheel // Moores Appartement // Dany, Samin, Moore, Mira, Sana, Naeva und die anderen Kinder //

Das Frühstück hatte Dany größtenteils damit verbracht, mehr zu essen als vermutlich gesund war und nebenbei Fragen über Dinge zu beantworten, über die sie selbst erstaunlich selten nachdachte. Das Mädchen Naeva hatte irgendwann wissen wollen, wie man eigentlich Mandalorianer wurde, kurz darauf waren Rüstungen, Kämpfen und Clans Thema gewesen und spätestens bei der Frage, ob man sich aussuchen konnte, zu welchem man gehörte, hatte Dany ihre Gabel für einen Moment sinken lassen.

"Ihr macht das viel komplizierter, als es ist"

Sie hatte mit der Gabel kurz auf sich selbst gedeutet.

"Meine Eltern sind Mandalorianer. Deren Eltern auch. Ich bin damit geboren worden. Das steckt im Blut und in den Genen. Und um deine Frage von vorhin zu beantworten: beide sind groß gewachsen und sportlich."

Für Dany war daran nie besonders viel Romantik gewesen. Auf Shinbone hatte niemand morgens feierlich irgendeinen uralten mandalorianischen Schwur aufgesagt, bevor man zur Arbeit ging. Zuhause wurde Mando'a gesprochen, ihre Eltern waren Mandalorianer gewesen und irgendwann hatte ihr Vater ihr beigebracht, wie man eine Waffe hielt, weil die drecks Piraten regelmäßig der Meinung gewesen waren, ihre Minensiedlung sei ein Selbstbedienungsladen.

"Eine Rüstung macht euch jedenfalls nicht dazu. Und nur weil euch irgendein Clan aufnimmt, ändert das auch nicht plötzlich, wo ihr herkommt."

Sie hatte mit den Schultern gezuckt und sich wieder ihrem Frühstück gewidmet.

"Wenn das reichen würde, könnten wir euch zwölf Helme kaufen und bis heute Abend hätte ich einen eigenen Clan."

Damit war die Angelegenheit für Dany eigentlich erledigt gewesen. Für die Kinder offenbar weniger, aber irgendwann hatten Waffeln, Nasszellen und die allgemeine Vorbereitung auf den Aufbruch die Diskussion übernommen. Einige Zeit später bewegte sich die gesamte Gruppe durch The Wheel. Dany trug ihre Rüstung in ihrer Tasche. Während sie Moore durch Aufzüge, Korridore und mehrere Zugangskontrollen folgte, musste sie unwillkürlich daran denken, wie sie kaum einen Tag zuvor auf derselben Station herumgeirrt war, weil sie eigentlich nur irgendeinen Händler namens Dex hatte finden wollen. Jetzt war die Dawn Chaser ein Totalschaden, neben ihr lief eine ehemalige imperiale Elitepilotin mit vier Millionen Credits Kopfgeld und vor ihnen wurden zwölf "machtempfängliche Kinder" in Richtung eines privaten VIP-Terminals geführt.

Je näher sie den privaten Docks kamen, desto ruhiger wurde Dany allerdings. Nicht wegen The Wheel oder
Moores Zugangsrechten. Ihre Gedanken wanderten bereits weiter. Der mandalorianische Raum wartete auf sie. Dany hätte nicht behauptet, dass sie davon ihr Leben lang geträumt hatte. Dafür war ihr diese ganze romantische Vorstellung von Heimat, Blutlinien und alten Kriegerwelten immer zu fremd gewesen. Shinbone war ihre Heimat. Dort waren ihre Eltern, dort hatte sie laufen, arbeiten, schießen und fluchen gelernt. Irgendwelche Planeten, von denen ihre Vorfahren vor Generationen gekommen waren, hatten daran nie etwas geändert. Und trotzdem: irgendwo tief in ihrem Bauch saß seit Moores Vorschlag eine kleine, hartnäckige Unruhe, die sie nicht vollkommen wegerklären konnte. Zum ersten Mal würde sie tatsächlich in jene Region der Galaxis fliegen, aus der ihre Familie ursprünglich stammte. Zu Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, ähnliche Namen trugen und deren Familiengeschichte mit ihrer zumindest irgendwo weit hinten denselben Ursprung teilte. Dany würde das zwar niemandem erzählen, aber innerlich freute sie sich darauf.

Vor dem letzten Zugang rückte die Gruppe enger zusammen, während Moore die Sicherheitsfreigabe übermittelte. Danach öffnete sich die Schleuse und Danys Blick wanderte sofort über die Schiffe. Dann verlangsamte sie unwillkürlich den Schritt.

Oh, Shab...

Die Yacht vor ihnen war ungefähr das Gegenteil der Dawn Chaser. Dany ließ den Blick über die Konstruktion gleiten. Über fünfzig Meter in der Länge, sicherlich. Eine Verarbeitung, bei der wahrscheinlich schon eine einzelne Außenplatte mehr kostete als Krevs komplette Reparatur an der Chaser. Wobei man in diesem Satz vermutlich auch "Krevs komplette Reparatur an" hätte weglassen können.

Sie verzog leicht den Mund. Vor weniger als zwei Tagen war sie noch stolz darauf gewesen, dass ihr Frachter endlich nicht mehr bei jedem Hyperraumsprung so klang, als würde sie keine 24 Jahre alt werden. Danys Blick wanderte kurz zu
Samin. Als Pilotin musste sie den Anblick gewiss ebenso erstaunlich finden. Und natürich hatte Moores Yacht auch noch einen Namen, der teuer klang. Moore blieb vor ihnen stehen und wandte sich zu ihr und Samin um.

Dany ließ ihren Blick noch einmal langsam über die Seastar wandern. Dann sah sie zu
Moore.

"Nach meinem letzten Schiff?"

Sie hielt kurz inne.

"Ich werd versuchen, mich nicht zu beschweren“

Ihr Mundwinkel zuckte leicht und sie schmunzelte. Zum ersten Mal seit der Explosion fühlte sich das, was vor ihr lag, wieder eindeutig nach Aufbruch an.

// The Wheel // VIP-Terminal 7 // Dock der Seastar // Dany, Samin, Moore, Mira, Sana, Naeva und die anderen Kinder //
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Gonk und Jake

Bunt war das Dasein und Granatenstark. Man brauchte nur ein paar Credits und man konnte die angenehmen Dinge im Leben genießen. Leider klappte das nicht immer, zumindest war das Jakes Erfahrung. Wenn er jedes Mal ein Credit bekommen hätte für jedes Mal, dass er ein kleines Vermögen hatte, nur um es sofort wieder zu verprassen, dann hätte er selbst jetzt noch 3 Credits zu seinem Namen. Was nicht viel wäre, aber es war schon seltsam, dass es dreimal passiert war. „Wie gewonnen so zerronnen.“, murmelte er leise vor sich hin, während er in einem Arbeitsoverall, Sicherheitsschuhen und -Helm, einem kleinen Werkzeugkoffer – und besonders wichtig – einem Datenpad bewaffnet, denn so ausgestattet kam man einfach überall rein, vermutlich selbst zur Imperatorin - im VIP Terminal 7 zu seinem Ziel. Einer Luxusyacht der Condor-Klasse, schnell, wendig aber für den Geschmack des Alderaaners etwas zu auffällig. Es schrie geradezu „Klau mich!“ und er würde dem Schiff diesen Wunsch erfüllen. Dann nur noch einen Käufer finden und Garuuba die 60000 Credits zurückzahlen und sein Baby auslösen. Die Zero, sein erstes eigenes Schiff, eigentlich mehr Heim als jeder Planet.

Da die Seastar nicht in einer einzelnen Landebucht stand, sondern in einem Großhangar hatte er sich für die Tarnung entschieden die er trug. Die übliche Klamotte trug er unter dem Overall. Als Wartungstechniker gehörte er ja hier her. Er hatte sogar das klemmbrettartige Datenpad, einen gefälschten Arbeitsauftrag UND einen GNK-Droiden! An der Laderampe angekommen, stellte er seinen Werkzeugkoffer ab, tat dann erstmal so als schloss er das Datenpad an, während er den Verschlussmechanismus überprüfte.


„Was meinst du? Sieht für mich aus wie ein modifiziertes Aratec 67.“
„Gonk.“
„Ja, hast Recht. Könnte auch die MKII-Version sein, gut gesehen.“
„Gonk“
Jake strich sich mit der Hand über die Bartstoppel des Kinns, bevor er sich hinkniete und den Werkzeugkoffer öffnete.

Der Vibropick wäre seine letzte Wahl, hinterließ es doch sichtbare Spuren des Eindringens, durchaus nützlich, für den Moment jedoch zu auffällig und wenn es nicht absolut nötig war, würde er so ein schönes Schiff nicht beschädigen wollen. Dann vermutlich einfach der Security Code Descrambler, würde zwar ein bisschen dauern, aber dafür hatte er Gonk dabei, Jules hatte ihm einst gezeigt wie man seinen eigenen bauen konnte, praktisch für Wartungstechniker, Piraten und Diebe, also der SCD, nicht der GNK-Droide, wobei der eigentlich auch. Und vermutlich auch andere Leute die gerne wo rein wollten, wo sie aber nicht sein sollten und oder nicht extra ins Büro zurück wollten auf der Suche nach den richtigen Codezylindern.


„Gonk, stell dich mal hier hin.“, bat er den Droiden, um zumindest von der geschäftigsten Hangarseite aus einen Sichtschutz hatte, bevor er sich ans Werk machte. Eine halbe Minute und ein "Gonk.", später war der Code geknackt und das Schott glitt auf.Nur Kuchen essen ist leichter.“, meinte er leise zu Gonk, verstaute sein Werkzeug, bevor er seinen Krempel aufnahm, ins Innere des Schiffs trat und das Schott wieder verschloss nachdem auch Gonk gefolgt war. Den Fehler die Tür offen zu lassen während er ein Schiff klaute, würde er nicht wiederholen. Man war das vielleicht ne peinliche Geschichte gewesen. Aber er war jung und aufgeregt, heute war es durchaus noch spannend, aber nichts das Jake aus der Ruhe brachte.

Seine nächsten Schritte brachten ihn ins Cockpit, es glänzte zu sehr, alles war neu und oder hochwertig. Irgendwie ungewohnt und erinnerte ihn an seine Zeit bei den Wolves. Son TIE-Defender war ne feine Sache, aber das Militärleben hatte nicht lange gehalten. Irgendwo vermisste er seine Staffelkameraden, Kira, Janson und insbesondere Samin waren ihm schnell ans Herz gewachsen. Thurio und son paar andere nicht besonders. Aber der Wunsch nach Freiheit hatte überwogen, schließlich war er nur beim Militär weil eine Richterin ihm die Wahl zwischen Knast oder Militärdienst gegeben hatte.
Eines musste er über die Zeit beim Militär sagen: Es war niemals langweilig. Und bei allen Sonnen, er hatte sich vorher für den begnadetsten Piloten der Galaxie gehalten, aber bei den Wolves waren auch ein paar sehr begabte Piloten, das musste er sich eingestehen. Vielleicht sogar besser als... Naaaa. Er schüttelte den Kopf ob des abstrusen Gedankens.

Während er sinnierte durchlief er automatisch den Startzyklus des Schiffs, erstmal die Sachen die von außen nicht ersichtlich waren, sowas wie Systemchecks, Treibstoff und auch das letzte Wartungslog. Wenn es irgendwelche Probleme gab wollte er das nicht erst wissen, wenn er irgendwo gestrandet war. Wenn man dann das SOS-Signal quäkte lockte man eh nur Piraten an. Schlimm wozu die Galaxie verkommen war, nicht mal mehr in Ruhe ehrlich Schiffe stehlen konnte man. Aber Seastar, war wirklich ein angenehmer Name.


„Gonk.“
„Hmmm?“
Jake sah auf und bemerkte, beim Blick aus dem Cockpit, dass eine kleine Gruppe zielstrebig auf die Condor zukam.

„Frick.“ Jake sprang auf, fuhr die Systeme runter, packte seinen Kram und bedeutete dem Droiden zu folgen. „Okay Gong, du darfst jetzt nicht in Panik verfallen. Einfach ruhig bleiben, ich habe sowas wie einen Plan. Vertrau mir einfach.“
„Gonk.“
Heutzutage war wirklich jeder ein Kritiker.
„Nein, umso einfacher ein Plan ist, desto genialer! Komplizierte Pläne bringen Leute um, erst kommen sie durcheinander und dann um.“
Genauso waren einfache Erklärungen die besten Erklärungen. So wie die eben halt.
"Gonk."
Immerhin hatte er es verstanden.

Jake öffnete die Tür zu - was er zumindest erwartet hatte - einer WC-Kabine, und pfiff leise. Das hier war schon mehr ein Luxusbadezimmer mit allem Drum und Dran, es standen sogar unterschiedlichste Badeöle an einem großen Jacuzzi bereit.

Die Zeit stoppte, Jakes Herz jauchzte erfreut auf und er schlug die freie Hand vor den Mund. Ein Wellnessbadeschwamm, genau genommen mehr als einer, alle noch verpackt. Er nahm sich den Moment um ergriffen zu sein, dann kramte er im Overall herum.
„Wo ist es denn?“, fand das Gesuchte, trat nochmal aus dem Bad, schloss das Schott, riss ein großzügiges Stück Band vom Panzertape, die Macht des kleinen Mannes, klebte es schräg über die Tür und schrieb mit einem dicken Stift drauf: „Außer Betrieb!“
Dann betrat er den Luxusbaderaum wieder und brachte nochmal den Descrambler zum Einsatz um das Schott von Innen zu verschließen.


„Gonk, du musst jetzt ganz still sein.“
„Gonk.“, bestätigte der Droide im Flüsterton.
Jake packte sich derzeit einen der Schwämme in seinen Werkzeugkoffer, setzte sich in den Jacuzzi und wartete erstmal. Mehr konnte er nicht tun, still sein, hoffen dass es nur ne Besichtigungstour von ner Schulklasse war, immerhin waren bei der Gruppe ein Haufen Kinder, und dann wenn die Plagen wieder weg wären könnte er in Ruhe sein Ding machen.


[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / VIP Terminal 7 / Dock der Seastar] Gonk und Jake – ganz in der Nähe Dr. Ralena Anne Moore, C-06 „Mira“, Samin, Dany, Sana, Naeva und die anderen Kinder
 
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