Ich habe als Kind eine Reihe von Hitchcockfilme gesehen und die meisten ausgesprochen gerne. In den 1980ern liefen im Fernsehen immer wieder Hitchcockreihen, bei denen ich oft hängen geblieben bin. Damals wollte ich vor allem wissen, wie die Geschichten ausgehen. Heute gefallen mir auch der trockene Humor und die kleinen Gemeinheiten, mit denen Hitchcock seine Figuren und sein Publikum behandelt. Seine Filme lassen sich deshalb gut wiedersehen. Die Auflösung zu kennen, nimmt ihnen erstaunlich wenig.
Meine Nummer eins ist Das Fenster zum Hof, einer meiner Lieblingsfilme überhaupt. Dieser Hinterhof mit seinen Wohnungen und den unterschiedlichen Bewohnern hat für mich einen solchen Reiz, dass ich dem Geschehen auch ohne Mordverdacht lange zuschauen könnte. Überall bekommt man gerade genug mit, um neugierig zu werden, aber zu wenig, um die Menschen wirklich zu kennen. Trotzdem hat man schnell eine Meinung über sie. Genau damit spielt Hitchcock. Wir schauen James Stewart beim Beobachten zu und fangen selbst an, aus ein paar Blicken und Bewegungen eine Geschichte zusammenzubauen. Irgendwann will man unbedingt, dass sein Verdacht stimmt, obwohl das schließlich bedeuten würde, dass ein Mensch ermordet wurde. Das finde ich schon ziemlich raffiniert. Dazu kommen Grace Kelly, die schönen Dialoge und der Humor, der auch aus Stewarts wenig begeisterter Haltung gegenüber einer gemeinsamen Zukunft entsteht.
Der unsichtbare Dritte steht bei mir auf Platz zwei. Da macht mir schon Cary Grant als zunehmend entnervter Mann, der überhaupt nicht versteht, was man von ihm will, großen Spaß. Der Film verbindet Spannung, Abenteuer und Liebesgeschichte mit einer Leichtigkeit, die ich sehr mag. Natürlich ist manches unwahrscheinlich. Aber wenn Grant mitten im Nirgendwo steht und auf jemanden wartet, bin ich so bei ihm, dass mir mögliche Ungereimtheiten ziemlich egal sind. Hitchcock nimmt sich dort Zeit und macht gerade aus der menschenleeren Landschaft etwas Bedrohliches. Es braucht eben keine dunkle Gasse, damit einem unwohl wird.
Auf Platz drei folgt Cocktail für eine Leiche. Hier gefällt mir besonders, wie die beiden Täter ihre vermeintliche Überlegenheit vorführen wollen und sich dabei immer weiter in Schwierigkeiten bringen. Die Leiche liegt in der Truhe, die Gäste bedienen sich am Essen, und jede harmlose Bemerkung kann plötzlich gefährlich werden. Durch die langen Einstellungen sitzt man gewissermaßen mit in dieser Wohnung fest. James Stewart passt wunderbar in die Rolle des ehemaligen Lehrers, der allmählich begreift, was geschehen ist. Sein Entsetzen gilt schließlich auch der Erkenntnis, was die beiden aus seinen eigenen Äußerungen gemacht haben. Das gibt dem Film eine Bitterkeit, die über das spannende Versteckspiel hinausgeht.
Überhaupt mag ich an Hitchcock, dass seine Figuren häufig an durchaus vertrauten Schwächen scheitern. Neugier, Eitelkeit, Eifersucht oder der Wunsch, alles im Griff zu haben, reichen aus, um eine Katastrophe in Gang zu setzen. Und er erzählt das so anschaulich, dass man selten lange Erklärungen braucht. Ein Blick auf einen Gegenstand kann genügen, und schon wartet man nervös darauf, ob jemand anderes ihn ebenfalls bemerkt. Für mich liegt darin viel von seinem Können: Er weiß genau, wohin wir schauen und welche Schlüsse wir daraus ziehen.
Sehr empfehlenswert ist übrigens François Truffauts Gesprächsbuch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?. Truffaut fragt genau nach, wie bestimmte Szenen entstanden sind und weshalb Hitchcock sie so aufgebaut hat.