Artek III

Outer Rim | Artek-System | Artek III | Bucht unter Tempelklippe | Teneb Dask und Darth Sikarius

Der Abend lag bereits schwer über der Bucht, als Teneb Dask zum ersten Mal in einem wirklichen, offenen Duell die Klinge seines Meisters traf, und in jenem Augenblick, in dem das Trainingslichtschwert in seiner Hand mit dem dumpfen, doch metallisch schneidenden Klang an Sikarius’ Hackbeil von einer Klingenwaffe schlug, gewann die ganze Stunde eine neue, beinahe feierliche Grausamkeit. Bislang hatte sich Kampf für ihn stets als Prüfung angefühlt, als ein tastendes Vorstoßen gegen etwas, das größer, älter und entschlossener war als er selbst, doch nun trat zu dieser Erfahrung ein weiterer, weitaus bitterer Aspekt hinzu: Das Wissen, dass dies kein Sparring gegen einen Sklaven oder Korrigieren von Haltungen unter Pai Lais dreifach gebrochenem Blick und auch kein bloßes Exerzieren von Katas war, sondern die unmittelbare Begegnung mit jener Gewalt, die ihn seit Nkllon geformt, erniedrigt und zugleich am Leben gehalten hatte.
Darth Sikarius begann kontrolliert, beinahe mit einer kalten Höflichkeit, als wolle er Teneb für wenige kostbare Augenblicke glauben machen, hier herrschten Regeln, die beide Parteien gleichermaßen banden. Seine Füße setzten sauber auf, der Stand war enger und disziplinierter als in jenen rohen, beinahe straßenköterhaften Ausbrüchen, die Teneb sonst von ihm kannte, und in dieser Gedämpftheit lag eine neue Form der Bedrohung, denn sie zeigte dem Schüler, wie viel von der Wildheit seines Meisters nicht Natur, sondern Entscheidung war. Teneb hielt dagegen, so gut er konnte, führte seine Klinge in den Linien, die ihm Pai Lai und der Schmerz der letzten Tage in den Leib geschrieben hatten, und für einen kurzen Abschnitt dieses Duells glaubte er tatsächlich, einen Rhythmus gefunden zu haben, in dem er nicht bloß gejagt wurde, sondern antworten konnte. Das grobe Knirschen des Kieses unter ihren Stiefeln mischte sich mit dem stetigen Rollen der Brandung, und über allem lag das schwere Atmen des Ozeans, als beobachte die Bucht selbst das Zusammentreffen von Meister und Schüler.

Doch diese Hoffnung währte nur so lange, wie
Sikarius es gestattete. Als er sich entschied, die Maske der Geduld abzustreifen, zerfiel die mühsam gewonnene Balance augenblicklich. Die Macht schoss durch seinen ausgemergelten Leib, seine Bewegungen wurden von einem Moment auf den anderen schneller, härter, präziser, und was eben noch wie ein echter, wenn auch ungleicher Austausch gewirkt hatte, wurde nun zur Offenlegung eines Abstands, den der Bleiche bis dahin nur geahnt hatte. Überkopfschläge brachen auf ihn nieder, Klingenwinkel veränderten sich in der Zeit eines Wimpernschlags, und jede Parade, die ihm eben noch gelang, wurde nun bloß zu einem verzögerten Eingeständnis, dass er der Gewalt seines Meisters stets einen Herzschlag hinterherhinkte. Dann kam der Haken mit dem Kortosissporn, die Bresche in seiner Verteidigung, der Stiefel in der Magengegend, und im nächsten Augenblick lag er rücklings auf den nassen Steinen, die Luft aus den Lungen gepresst, das gehemmte Lichtschwert außer Reichweite und der fahle Himmel über ihm grau und spottend offen.
Die eigentliche Bestürzung setzte erst ein, als
Sikarius ausholte und mit kalter, beinahe handwerklicher Präzision gegen den eben erst verheilten Fuß schlug. Es war nicht einmal der stärkste Schmerz, den Teneb in den letzten Wochen erlitten hatte, und vielleicht gerade deshalb traf er ihn so tief; denn in ihm lag keine Raserei, keine außer Kontrolle geratene Brutalität, sondern Berechnung. Sein Meister hatte die Stelle gewählt, die Verletzlichkeit erkannt und sie gezielt wieder aufgerissen. Es ging dem kapriziösen Sith nicht einmal Vernichtung, sondern um ihm die Welt noch einmal in ihrer ganzen Hässlichkeit zu erklären und ihn zu demütigen. Teneb spürte seine Haut nachgeben, das Öffnen was zuvor verschlossen war und hörte das Geräusch nicht, doch der Schmerz selbst war laut genug, fuhr weiß und schneidend durch sein Bein, hinauf in Hüfte und Rücken, und ließ ihm für einen Moment nur noch das nackte, tierische Wissen, dass etwas in ihm erneut verletzt worden war.

Als
Sikarius ihn dann mit einem dreckigen Grinsen, einer lässigen Bemerkung über Flut und Überleben und jenem verächtlichen Pfeifen zurückließ, brannte in Teneb etwas auf, das tiefer ging als der Schmerz im Fuß. Es war nicht bloß Wut. Es war jene schwarze, kalte Art von Hass, die nicht schreit, sondern sich in das Denken frisst, dort jeden Gedanken kontaminiert und jede Erinnerung mit scharfem Rand versieht. Für einen flüchtigen, schrecklichen Augenblick fühlte er sich zurückgelassen wie ein verstoßener Körper an einem Ort, der nur darauf wartete, den Rest zu erledigen. S.i.k.a.r.i.u.s. Er verfluchte jeden Aurebesh Letter seines verdammten Namens mit seiner verdammten Kybernetik, die ihm nicht einmal die Güte der Kälte maschinellen Denkens gebracht hatte. Er verfluchte seine gelben Zähne, die er nicht mit der Klinge seines Lichtschwertes, sondern mit dem Ende seines Griffs zu einer gelblich verformten Skyline gebrochener Türme schlagen wollte. Die Bucht wurde zur Falle, das Wasser zu einem geduldigen Feind, die anrollenden Gezeiten zu einer Macht, die ihn langsam, unpersönlich und gründlich verschlingen würde, wenn er liegenblieb. Und über all dem stand das Bild seines Meisters, der ging, ohne sich umzusehen, als sei Teneb nichts weiter als ein Werkzeug, das man testete, beschädigte und dann sehen wollte, ob es aus eigener Kraft wieder funktionierte.
Die Wut in ihm multiplizierte sich und breitete sich wie die Tumore einer besondes aggressiven Krebsdiagnose in seinem Leib aus. Er wollte dem kapriziösen Sith hinterher, ihn in die Wade beißen, wenn es sein musste. Sollte er doch eine Woche still liegen und an seiner eigenen Unruhe zugrunde gehen! Zuerst bewegte sich der Umbaraner sich auf allen vieren. Es war ein demütigendes, langsam tastendes Vorwärtskriechen über nassen Kies, scharfkantige Steine und faulenden Tang, getragen von Händen, die sich einem Acklay gleich in den Boden bohrten. Seine Hände wurden rasch aufgeschürft, schmutzig, schleimig von Algen und Meerwasser, und jedes Mal, wenn das verletzte Bein versehentlich Gewicht aufnahm, schoss der Schmerz so grell durch ihn, dass er kurz das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, während er einen Namen immer wieder auf seinen Lippen verfluchte:
SIKARIUS. Der Regen hatte wieder eingesetzt, erst fein, dann dichter, und legte eine kalte Schicht über alles, während das schwere, süßlich verrottende Aroma der Algen den Atem unerquicklich machte. Er schmeckte Salz, Erde, Blut und etwas Moderiges, das sich wie eine zweite Zunge auf seinen Gaumen legte, als würde der fortschreitende Verfall seines geistigen und körperlichen Zustands eines Parfüms bedürfen, dass ihn komplett einnebelte. Die Bucht, eben noch ein Ort des Trainings, war jetzt nichts als ein widerliches Hindernis aus Nässe, Gestank und Schwerkraft, dass zum modrigen Grab seines Anstands wurde.

Als er den Fußweg erreichte, der sich in engen Windungen die Klippe hinaufzog, wurde das Ganze noch schlimmer. Gute siebzig Höhenmeter lagen vor ihm, und der Pfad war kaum mehr als eine glitschige, von den Gezeiten halb zurückeroberte Narbe im Gestein. Auf allen verfügbaren Flächen klebten Algen in dicken, schimmernden Teppichen, von Regen und Gischt aufgequollen, so rutschig und widerwärtig, dass selbst der bloße Anblick Ekel hervorrief. Der Wind strich scharf über die Klippe, riss an seiner durchnässten Kleidung und trug den süßlichen Modergeruch überallhin, als wolle selbst die Luft ihn verhöhnen.
Teneb kroch zunächst weiter, zog sich an Wurzeln, Steinvorsprüngen und allem hoch, was seinen Fingern Halt bot, und erst nach einigen Metern zwang er sich, die neu gelernte Technik der perfektionierten Körperbeherrschung zu nutzen. Es kam nicht nur einmal vor, dass der glitschige Untergrund zu seinem Untergang geführt hätte und der Faden seines Schicksals hier abrupt ein Ende gefunden hätte. Stattdessen bohrten sich seine gemarterten Finger nach Halt suchend tiefer in alles, was er greifen konnte, bis Schnitte und weitere Blessuren ihn wie die Medaillen eines Veteranen schmückten. Er versuchte mithilfe der Macht den Schmerz zu isolieren, ihn wie einen fremden Gegenstand aus dem Zentrum seines Bewusstseins zu drängen, den verletzten Fuß in seinem inneren Bild vom Rest des Körpers zu trennen, sodass die Macht ihn umschließen und abschirmen möge. Doch es gelang ihm nicht. Nicht wirklich. Er konnte die Bewegung präzisieren, die Schultern fester machen, den Griff der Finger verlässlicher und den Oberkörper in jene harten, funktionalen Muster zwingen, die Pai Lai als Gehorsam des Leibes beschrieben hätte, aber der Schmerz blieb. Er ließ sich nicht wegschließen und je mehr er versuchte diesen unliebsamen Gast aus der Tür zu drängen, desto forscher erzwang er sich übergriffig wieder Platz in seinem Körper. Der Schmerz pochte in jeder Faser des Beins, glühte in den Knochen, meldete sich bei jeder Verlagerung des Gewichts mit derselben schneidenden Brutalität zurück. Schließlich hörte Teneb auf, ihn beherrschen zu wollen, und begann, ihn zu benutzen. Wenn Schmerz nicht zum Schweigen zu bringen war, konnte er wenigstens als Brennstoff dienen. Er nahm das Pochen im Fuß, die Schürfwunden an Händen und Knien, das Brennen in Lunge und Rücken, und machte daraus nichts Erhabenes, nichts Schönes, sondern einen rohen, zähen Antrieb, der ihn zwang, weiterzugehen, weiterzukriechen, sich weiter hinaufzuzerren, Zentimeter um Zentimeter, wie ein beschädigtes Tier, das sich aus eigener Wut noch einmal erhebt.

Als er endlich den oberen Rand der Klippe erreichte, war er kaum mehr als ein Bündel aus Matsch, Nässe, Zittern und Restwillen. Sein Atem ging stoßweise, die Hände waren aufgerissen, und jeder Muskel in seinem Leib fühlte sich an, als sei er mit Kies gefüllt. Dort oben, wo der Pfad sich wieder zu einem halbwegs ebenen Weg verbreiterte, schwebte UX-23 heran, als sei er die stahlgewordene Rettung. Der Droide thronte über ihm, mit jener aufreizenden Geradlinigkeit, die Maschinen eigen war, wenn sie menschliches Elend mustern, ohne es wirklich empfinden zu können.
Seine Photorezeptoren glommen in jenem stumpfen Rot, das weder Mitgefühl noch offene Feindseligkeit verriet, und doch lag in der Art, wie er Teneb musterte, eine Spannung, die sich weniger gegen den erschöpften Schüler richtete als gegen den Mann, der ihn in diesen Zustand versetzt hatte.

„Dein Zustand ist unzureichend“, sagte UX-23 schließlich, und obwohl seine Stimme so gleichförmig blieb wie immer, war ihr eine Schärfe eigen, die fast nach Missbilligung klang, nur dass sie nicht dem geschundenen Umbaraner galt. „Sikarius hat die Belastungsgrenze erneut überschritten.“

Der Bleiche hob den Kopf nur so weit, wie nötig war, um den Droiden anzusehen. Regen lief ihm über Stirn und Wangen, vermischte sich mit Dreck und Schweiß, und seine Antwort kam heiser, aber mit jenem Rest von Trotz, den ihm weder Schmerz noch Erschöpfung aus dem Leib hatten prügeln können.

„Dann trag es ein. Ihr scheint ja für alles Listen zu führen.“

UX-23 schwebte ein Stück näher, ohne jedoch jene Grenze zu überschreiten, die aus Hilfe eine Einmischung gemacht hätte. „Obacht.“, erwiderte er. „Ich bin hier, um sicherzustellen, dass Sikarius seine Ressource nicht vorzeitig unbrauchbar macht.“

„Wie beruhigend“, murmelte Teneb und zog sich an einem Felsvorsprung weiter hoch, bis er wenigstens halbwegs stand. „Dann richte Beobachtungsobjekt aus, dass seine Ressource noch läuft.“

Der Droide ließ sich davon nicht provozieren. „Unterstützung wäre zweckmäßig.“

Teneb lachte kurz auf, ein trockenes, fast schmerzhaftes Geräusch, das nichts Heiteres an sich hatte und von einer Grausamkeit durchzogen war.

„Zweckmäßig für wen? Für mich? Oder dafür, dass ihr ihn später nicht erklären müsst, warum sein Schüler auf halber Strecke verreckt ist?“frotzelte der Sith Schüler zurück, nicht bemerkend, dass je tiefer er sich in diesen Geisteszustand vertiefte, der Person ähnlicher wurde, die er mit jeder Faser seines geschundenen Daseins hasste und verabscheute und ihn enttäuschte, sobald er auch nur ein Fünkchen Respekt aufbaute.

Für den Bruchteil einer Sekunde schwieg UX-23, und in diesem Schweigen lag mehr über seine Haltung zu Sikarius, als es jede offen ausgesprochene Kritik vermocht hätte. Er war kein Verbündeter Tenebs, keine wohlmeinende Instanz und ganz sicher kein Freund. Er war der Wärter eines gefährlichen Mannes und, in gewisser Weise, der Buchhalter seiner Exzesse.


„Langfristige Schäden würden die Ausbildungsqualität mindern“, sagte der Droide schließlich.

Teneb stemmte sich auf, taumelte, fing sich mühsam und verzog das Gesicht, als der Schmerz ihm erneut weiß durch den verletzten Fuß schoss.


„Dann wird sich zeigen, was an mir Bestand hat.“

Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Es war kein Sieg, nur eine letzte, kümmerliche Behauptung von Eigenwillen, und doch klammerte er sich daran, weil alles andere schlimmer gewesen wäre. Er hatte es bis hierher geschafft, aus eigener Kraft, aus Wut, aus Schmerz, aus Scham, und er würde sich die letzten Meter bis zum Pub nicht noch von der kalten Zweckmäßigkeit eines Droiden abnehmen lassen. Also setzte er sich wieder in Bewegung, hinkend, zitternd, jeder Schritt eine Zumutung, während UX-23 lautlos neben ihm herschwebte wie ein Aufseher, der zwar nicht helfen, aber auch nicht zulassen würde, dass das geprüfte Objekt einfach im Schlamm zusammenbrach. Doch als schließlich die Lichter des Pubs durch Regen und Dunkelheit schnitten und das warme, gelbliche Leuchten des Inneren ihm entgegenfiel, war selbst dieser letzte Rest von Trotz nur noch ein matter, flackernder Impuls. Er stieß die Tür auf, und die Wärme des Raumes, der Geruch von Alkohol, nassen Stoffen und fremden Körpern schlugen ihm mit solcher Wucht entgegen, dass seine Sinne für einen Moment taumelten. Irgendwo hörte er Stimmen, das Scharren eines Stuhls, ein kurzes Aufblicken aus mehreren Gesichtern zugleich. Dann versagten seine Beine ihm den Dienst. Er brach mit der endgültigen, schweren Erschöpfung eines Körpers zusammen, der beschlossen hatte, dass jeder weitere Befehl nun warten musste.

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