Artek III

Outer Rim | Artek-System | Artek III | Bucht unter Tempelklippe | Teneb Dask und Darth Sikarius

Der Abend lag bereits schwer über der Bucht, als Teneb Dask zum ersten Mal in einem wirklichen, offenen Duell die Klinge seines Meisters traf, und in jenem Augenblick, in dem das Trainingslichtschwert in seiner Hand mit dem dumpfen, doch metallisch schneidenden Klang an Sikarius’ Hackbeil von einer Klingenwaffe schlug, gewann die ganze Stunde eine neue, beinahe feierliche Grausamkeit. Bislang hatte sich Kampf für ihn stets als Prüfung angefühlt, als ein tastendes Vorstoßen gegen etwas, das größer, älter und entschlossener war als er selbst, doch nun trat zu dieser Erfahrung ein weiterer, weitaus bitterer Aspekt hinzu: Das Wissen, dass dies kein Sparring gegen einen Sklaven oder Korrigieren von Haltungen unter Pai Lais dreifach gebrochenem Blick und auch kein bloßes Exerzieren von Katas war, sondern die unmittelbare Begegnung mit jener Gewalt, die ihn seit Nkllon geformt, erniedrigt und zugleich am Leben gehalten hatte.
Darth Sikarius begann kontrolliert, beinahe mit einer kalten Höflichkeit, als wolle er Teneb für wenige kostbare Augenblicke glauben machen, hier herrschten Regeln, die beide Parteien gleichermaßen banden. Seine Füße setzten sauber auf, der Stand war enger und disziplinierter als in jenen rohen, beinahe straßenköterhaften Ausbrüchen, die Teneb sonst von ihm kannte, und in dieser Gedämpftheit lag eine neue Form der Bedrohung, denn sie zeigte dem Schüler, wie viel von der Wildheit seines Meisters nicht Natur, sondern Entscheidung war. Teneb hielt dagegen, so gut er konnte, führte seine Klinge in den Linien, die ihm Pai Lai und der Schmerz der letzten Tage in den Leib geschrieben hatten, und für einen kurzen Abschnitt dieses Duells glaubte er tatsächlich, einen Rhythmus gefunden zu haben, in dem er nicht bloß gejagt wurde, sondern antworten konnte. Das grobe Knirschen des Kieses unter ihren Stiefeln mischte sich mit dem stetigen Rollen der Brandung, und über allem lag das schwere Atmen des Ozeans, als beobachte die Bucht selbst das Zusammentreffen von Meister und Schüler.

Doch diese Hoffnung währte nur so lange, wie
Sikarius es gestattete. Als er sich entschied, die Maske der Geduld abzustreifen, zerfiel die mühsam gewonnene Balance augenblicklich. Die Macht schoss durch seinen ausgemergelten Leib, seine Bewegungen wurden von einem Moment auf den anderen schneller, härter, präziser, und was eben noch wie ein echter, wenn auch ungleicher Austausch gewirkt hatte, wurde nun zur Offenlegung eines Abstands, den der Bleiche bis dahin nur geahnt hatte. Überkopfschläge brachen auf ihn nieder, Klingenwinkel veränderten sich in der Zeit eines Wimpernschlags, und jede Parade, die ihm eben noch gelang, wurde nun bloß zu einem verzögerten Eingeständnis, dass er der Gewalt seines Meisters stets einen Herzschlag hinterherhinkte. Dann kam der Haken mit dem Kortosissporn, die Bresche in seiner Verteidigung, der Stiefel in der Magengegend, und im nächsten Augenblick lag er rücklings auf den nassen Steinen, die Luft aus den Lungen gepresst, das gehemmte Lichtschwert außer Reichweite und der fahle Himmel über ihm grau und spottend offen.
Die eigentliche Bestürzung setzte erst ein, als
Sikarius ausholte und mit kalter, beinahe handwerklicher Präzision gegen den eben erst verheilten Fuß schlug. Es war nicht einmal der stärkste Schmerz, den Teneb in den letzten Wochen erlitten hatte, und vielleicht gerade deshalb traf er ihn so tief; denn in ihm lag keine Raserei, keine außer Kontrolle geratene Brutalität, sondern Berechnung. Sein Meister hatte die Stelle gewählt, die Verletzlichkeit erkannt und sie gezielt wieder aufgerissen. Es ging dem kapriziösen Sith nicht einmal Vernichtung, sondern um ihm die Welt noch einmal in ihrer ganzen Hässlichkeit zu erklären und ihn zu demütigen. Teneb spürte seine Haut nachgeben, das Öffnen was zuvor verschlossen war und hörte das Geräusch nicht, doch der Schmerz selbst war laut genug, fuhr weiß und schneidend durch sein Bein, hinauf in Hüfte und Rücken, und ließ ihm für einen Moment nur noch das nackte, tierische Wissen, dass etwas in ihm erneut verletzt worden war.

Als
Sikarius ihn dann mit einem dreckigen Grinsen, einer lässigen Bemerkung über Flut und Überleben und jenem verächtlichen Pfeifen zurückließ, brannte in Teneb etwas auf, das tiefer ging als der Schmerz im Fuß. Es war nicht bloß Wut. Es war jene schwarze, kalte Art von Hass, die nicht schreit, sondern sich in das Denken frisst, dort jeden Gedanken kontaminiert und jede Erinnerung mit scharfem Rand versieht. Für einen flüchtigen, schrecklichen Augenblick fühlte er sich zurückgelassen wie ein verstoßener Körper an einem Ort, der nur darauf wartete, den Rest zu erledigen. S.i.k.a.r.i.u.s. Er verfluchte jeden Aurebesh Letter seines verdammten Namens mit seiner verdammten Kybernetik, die ihm nicht einmal die Güte der Kälte maschinellen Denkens gebracht hatte. Er verfluchte seine gelben Zähne, die er nicht mit der Klinge seines Lichtschwertes, sondern mit dem Ende seines Griffs zu einer gelblich verformten Skyline gebrochener Türme schlagen wollte. Die Bucht wurde zur Falle, das Wasser zu einem geduldigen Feind, die anrollenden Gezeiten zu einer Macht, die ihn langsam, unpersönlich und gründlich verschlingen würde, wenn er liegenblieb. Und über all dem stand das Bild seines Meisters, der ging, ohne sich umzusehen, als sei Teneb nichts weiter als ein Werkzeug, das man testete, beschädigte und dann sehen wollte, ob es aus eigener Kraft wieder funktionierte.
Die Wut in ihm multiplizierte sich und breitete sich wie die Tumore einer besondes aggressiven Krebsdiagnose in seinem Leib aus. Er wollte dem kapriziösen Sith hinterher, ihn in die Wade beißen, wenn es sein musste. Sollte er doch eine Woche still liegen und an seiner eigenen Unruhe zugrunde gehen! Zuerst bewegte sich der Umbaraner sich auf allen vieren. Es war ein demütigendes, langsam tastendes Vorwärtskriechen über nassen Kies, scharfkantige Steine und faulenden Tang, getragen von Händen, die sich einem Acklay gleich in den Boden bohrten. Seine Hände wurden rasch aufgeschürft, schmutzig, schleimig von Algen und Meerwasser, und jedes Mal, wenn das verletzte Bein versehentlich Gewicht aufnahm, schoss der Schmerz so grell durch ihn, dass er kurz das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, während er einen Namen immer wieder auf seinen Lippen verfluchte:
SIKARIUS. Der Regen hatte wieder eingesetzt, erst fein, dann dichter, und legte eine kalte Schicht über alles, während das schwere, süßlich verrottende Aroma der Algen den Atem unerquicklich machte. Er schmeckte Salz, Erde, Blut und etwas Moderiges, das sich wie eine zweite Zunge auf seinen Gaumen legte, als würde der fortschreitende Verfall seines geistigen und körperlichen Zustands eines Parfüms bedürfen, dass ihn komplett einnebelte. Die Bucht, eben noch ein Ort des Trainings, war jetzt nichts als ein widerliches Hindernis aus Nässe, Gestank und Schwerkraft, dass zum modrigen Grab seines Anstands wurde.

Als er den Fußweg erreichte, der sich in engen Windungen die Klippe hinaufzog, wurde das Ganze noch schlimmer. Gute siebzig Höhenmeter lagen vor ihm, und der Pfad war kaum mehr als eine glitschige, von den Gezeiten halb zurückeroberte Narbe im Gestein. Auf allen verfügbaren Flächen klebten Algen in dicken, schimmernden Teppichen, von Regen und Gischt aufgequollen, so rutschig und widerwärtig, dass selbst der bloße Anblick Ekel hervorrief. Der Wind strich scharf über die Klippe, riss an seiner durchnässten Kleidung und trug den süßlichen Modergeruch überallhin, als wolle selbst die Luft ihn verhöhnen.
Teneb kroch zunächst weiter, zog sich an Wurzeln, Steinvorsprüngen und allem hoch, was seinen Fingern Halt bot, und erst nach einigen Metern zwang er sich, die neu gelernte Technik der perfektionierten Körperbeherrschung zu nutzen. Es kam nicht nur einmal vor, dass der glitschige Untergrund zu seinem Untergang geführt hätte und der Faden seines Schicksals hier abrupt ein Ende gefunden hätte. Stattdessen bohrten sich seine gemarterten Finger nach Halt suchend tiefer in alles, was er greifen konnte, bis Schnitte und weitere Blessuren ihn wie die Medaillen eines Veteranen schmückten. Er versuchte mithilfe der Macht den Schmerz zu isolieren, ihn wie einen fremden Gegenstand aus dem Zentrum seines Bewusstseins zu drängen, den verletzten Fuß in seinem inneren Bild vom Rest des Körpers zu trennen, sodass die Macht ihn umschließen und abschirmen möge. Doch es gelang ihm nicht. Nicht wirklich. Er konnte die Bewegung präzisieren, die Schultern fester machen, den Griff der Finger verlässlicher und den Oberkörper in jene harten, funktionalen Muster zwingen, die Pai Lai als Gehorsam des Leibes beschrieben hätte, aber der Schmerz blieb. Er ließ sich nicht wegschließen und je mehr er versuchte diesen unliebsamen Gast aus der Tür zu drängen, desto forscher erzwang er sich übergriffig wieder Platz in seinem Körper. Der Schmerz pochte in jeder Faser des Beins, glühte in den Knochen, meldete sich bei jeder Verlagerung des Gewichts mit derselben schneidenden Brutalität zurück. Schließlich hörte Teneb auf, ihn beherrschen zu wollen, und begann, ihn zu benutzen. Wenn Schmerz nicht zum Schweigen zu bringen war, konnte er wenigstens als Brennstoff dienen. Er nahm das Pochen im Fuß, die Schürfwunden an Händen und Knien, das Brennen in Lunge und Rücken, und machte daraus nichts Erhabenes, nichts Schönes, sondern einen rohen, zähen Antrieb, der ihn zwang, weiterzugehen, weiterzukriechen, sich weiter hinaufzuzerren, Zentimeter um Zentimeter, wie ein beschädigtes Tier, das sich aus eigener Wut noch einmal erhebt.

Als er endlich den oberen Rand der Klippe erreichte, war er kaum mehr als ein Bündel aus Matsch, Nässe, Zittern und Restwillen. Sein Atem ging stoßweise, die Hände waren aufgerissen, und jeder Muskel in seinem Leib fühlte sich an, als sei er mit Kies gefüllt. Dort oben, wo der Pfad sich wieder zu einem halbwegs ebenen Weg verbreiterte, schwebte UX-23 heran, als sei er die stahlgewordene Rettung. Der Droide thronte über ihm, mit jener aufreizenden Geradlinigkeit, die Maschinen eigen war, wenn sie menschliches Elend mustern, ohne es wirklich empfinden zu können.
Seine Photorezeptoren glommen in jenem stumpfen Rot, das weder Mitgefühl noch offene Feindseligkeit verriet, und doch lag in der Art, wie er Teneb musterte, eine Spannung, die sich weniger gegen den erschöpften Schüler richtete als gegen den Mann, der ihn in diesen Zustand versetzt hatte.

„Dein Zustand ist unzureichend“, sagte UX-23 schließlich, und obwohl seine Stimme so gleichförmig blieb wie immer, war ihr eine Schärfe eigen, die fast nach Missbilligung klang, nur dass sie nicht dem geschundenen Umbaraner galt. „Sikarius hat die Belastungsgrenze erneut überschritten.“

Der Bleiche hob den Kopf nur so weit, wie nötig war, um den Droiden anzusehen. Regen lief ihm über Stirn und Wangen, vermischte sich mit Dreck und Schweiß, und seine Antwort kam heiser, aber mit jenem Rest von Trotz, den ihm weder Schmerz noch Erschöpfung aus dem Leib hatten prügeln können.

„Dann trag es ein. Ihr scheint ja für alles Listen zu führen.“

UX-23 schwebte ein Stück näher, ohne jedoch jene Grenze zu überschreiten, die aus Hilfe eine Einmischung gemacht hätte. „Obacht.“, erwiderte er. „Ich bin hier, um sicherzustellen, dass Sikarius seine Ressource nicht vorzeitig unbrauchbar macht.“

„Wie beruhigend“, murmelte Teneb und zog sich an einem Felsvorsprung weiter hoch, bis er wenigstens halbwegs stand. „Dann richte Beobachtungsobjekt aus, dass seine Ressource noch läuft.“

Der Droide ließ sich davon nicht provozieren. „Unterstützung wäre zweckmäßig.“

Teneb lachte kurz auf, ein trockenes, fast schmerzhaftes Geräusch, das nichts Heiteres an sich hatte und von einer Grausamkeit durchzogen war.

„Zweckmäßig für wen? Für mich? Oder dafür, dass ihr ihn später nicht erklären müsst, warum sein Schüler auf halber Strecke verreckt ist?“frotzelte der Sith Schüler zurück, nicht bemerkend, dass je tiefer er sich in diesen Geisteszustand vertiefte, der Person ähnlicher wurde, die er mit jeder Faser seines geschundenen Daseins hasste und verabscheute und ihn enttäuschte, sobald er auch nur ein Fünkchen Respekt aufbaute.

Für den Bruchteil einer Sekunde schwieg UX-23, und in diesem Schweigen lag mehr über seine Haltung zu Sikarius, als es jede offen ausgesprochene Kritik vermocht hätte. Er war kein Verbündeter Tenebs, keine wohlmeinende Instanz und ganz sicher kein Freund. Er war der Wärter eines gefährlichen Mannes und, in gewisser Weise, der Buchhalter seiner Exzesse.


„Langfristige Schäden würden die Ausbildungsqualität mindern“, sagte der Droide schließlich.

Teneb stemmte sich auf, taumelte, fing sich mühsam und verzog das Gesicht, als der Schmerz ihm erneut weiß durch den verletzten Fuß schoss.


„Dann wird sich zeigen, was an mir Bestand hat.“

Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Es war kein Sieg, nur eine letzte, kümmerliche Behauptung von Eigenwillen, und doch klammerte er sich daran, weil alles andere schlimmer gewesen wäre. Er hatte es bis hierher geschafft, aus eigener Kraft, aus Wut, aus Schmerz, aus Scham, und er würde sich die letzten Meter bis zum Pub nicht noch von der kalten Zweckmäßigkeit eines Droiden abnehmen lassen. Also setzte er sich wieder in Bewegung, hinkend, zitternd, jeder Schritt eine Zumutung, während UX-23 lautlos neben ihm herschwebte wie ein Aufseher, der zwar nicht helfen, aber auch nicht zulassen würde, dass das geprüfte Objekt einfach im Schlamm zusammenbrach. Doch als schließlich die Lichter des Pubs durch Regen und Dunkelheit schnitten und das warme, gelbliche Leuchten des Inneren ihm entgegenfiel, war selbst dieser letzte Rest von Trotz nur noch ein matter, flackernder Impuls. Er stieß die Tür auf, und die Wärme des Raumes, der Geruch von Alkohol, nassen Stoffen und fremden Körpern schlugen ihm mit solcher Wucht entgegen, dass seine Sinne für einen Moment taumelten. Irgendwo hörte er Stimmen, das Scharren eines Stuhls, ein kurzes Aufblicken aus mehreren Gesichtern zugleich. Dann versagten seine Beine ihm den Dienst. Er brach mit der endgültigen, schweren Erschöpfung eines Körpers zusammen, der beschlossen hatte, dass jeder weitere Befehl nun warten musste.

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Irgendwo an der Grenze zwischen Bewusstsein und Ohnmacht, dort, wo Worte bereits ihre Form verlieren und nur noch als dumpfer Nachhall gegen die Innenseiten des Schädels schlagen, bekam Teneb Dask mit, wie sich Schritte näherten, schwer und zugleich eigentümlich federnd, als sei selbst Erschöpfung für Darth Sikarius nichts als eine weitere Pose, die man nach Belieben abwerfen konnte. Durch den wabernden Nebel aus Schmerz, Nässe und völliger Verausgabung drang die Stimme seines Meisters an ihn heran, rau, höhnisch und in ihrer schmutzigen Fröhlichkeit beinahe unerträglicher als jede Strafe, die man ihm hätte auferlegen können.

„So sieht ein Sith aus! Durchgekaut und ausgeschissen, aber siegreich.“

Noch ehe der Sinn dieser Worte vollständig in ihm ankam, spürte er die Hand an seinem Kopf, dieses erniedrigende, kindische Durchwühlen seiner ohnehin nassen, kahlen Schädelhaut, den läppischen, beinahe väterlich gemeinten Spott eines Mannes, der weder Vater noch Lehrer im eigentlichen Sinn sein wollte und doch über beides herrschte, als wären Fürsorge und Demütigung nur zwei unterschiedliche Werkzeuge derselben Gewalt.
Teneb fletschte die Zähne. Sein ganzer Geist schrie in diesem Augenblick nach Vergeltung, nach Schmerz, nach der simplen, tierhaften Gerechtigkeit, die darin bestanden hätte, Sikarius die Finger so tief in sein noch verbliebenes organisches Auge zu bohren, dass dieser die Rückwand seines Schädels hätte berühren können. Es wäre ihm ein inneres Freundenfest gewesen ihm mit Macht oder Zähnen aus bloßem Hass etwas von dem zurückzugeben, was er ihm tagtäglich antat. Doch sein Körper verweigerte ihm, zu seinem Glück, den Gehorsam. Er wollte die Hand heben, wollte den Kopf drehen, wollte wenigstens knurren und brachte doch kaum mehr zustande als ein unkontrolliertes Zucken im Kiefer, ehe ihm alles unter den Händen, Stimmen und Gerüchen des Pubs hinwegzog. Dunkelheit umschloss ihn fest wie ein Kokoon zärtlicher Umnachtung und gab ihn nicht mehr so einfach Preis.
Er begann nicht wie ein Traum, sondern wie eine Rückkehr in etwas, das nie aufgehört hatte, in ihm zu bestehen. Umbara lag vor ihm, das Geflecht aus Schatten, Stimmen und kaltem Licht, aus halb geöffneten Türen, hinter denen man Entscheidungen traf, die andere Leben kosteten. Die Hallen seines Elternhauses waren zu lang, zu schmal, die Wände zu dunkel und in ihnen hallte das Geräusch gedämpfter Schritte wie etwas, das nie zu einem Ziel gelangte. Sein Vater wartete bereits.
Noctan Dask stand dort in jener alten, abwesenden Haltung, die selbst im Blick auf den eigenen Sohn nichts von Gegenwart an sich hatte, als gehöre seine Aufmerksamkeit seit jeher allein den Linien von Einfluss, dem Weiterleben eines Namens und den Ränkespielen, in denen er die Familie zum eigenen Erhalt Stück für Stück in den Abgrund manövriert hatte. Er sprach, doch die Worte wechselten, glitten von Vorwurf in Vergleich, von Verachtung in kühle Bilanz. Mal nannte er Caligo beim Namen, seinen geliebten Bruder, den Teneb in der Erinnerung nie erreicht und nie aus der Nähe eines Ideals herausgelöst hatte. Mal blickte er an Teneb vorbei, als sei er nur die schwächere Restsubstanz eines besseren Sohnes, ein Atem in einem Namen, mehr nicht.

Und dann trug das Gesicht des Vaters plötzlich Züge, die dort nicht hingehörten. Das kalte, aristokratische Desinteresse zerfloss, wurde zur verzerrten Fratze des hämischen Schalk von einem Sith,
Sikarius’, zu jenem hageren, höhnisch grinsenden Antlitz, das ihn ansah, als wäre er ein Stück halb gegorener Abfall, den man gerade noch gebrauchen konnte. Die Stimme blieb erst dieselbe und veränderte sich dann, wurde heiser, vulgär, giftig, und wollte ihn beleidigen, wollte ihn erniedrigen, wollte selbst in diesem Traum nicht einmal die Mühe auf sich nehmen, seinen Namen zu kennen. Junge. Schüler. Dieb. Vogelscheuche. Bleiche Ratte. Irgendetwas davon. Nie Teneb. Nie jemand, der in seiner eigenen Wirklichkeit wirklich existierte. Gerade als er ihm etwas entgegenschreien wollte, gerade als sich in seinem Brustkorb jener dunkle, würgende Impuls sammelte, der den Traum selbst zerreißen und ihn mit Gewalt aus dieser Kette aus Vater, Bruder und Meister befreien sollte, zuckte etwas in ihm zusammen. Es war kein Gedanke. Keine klare Wahrnehmung. Eher ein uraltes, instinktives Erkennen von Gefahr, ein jäher Riss in der Wirklichkeit. Der Bleiche fuhr hoch.

Das Gesicht des Kyuzo war unmittelbar vor ihm, das rasselnde Geräusch seines Atemfilters und die blitzende Klinge in seiner Hand weniger als eine handbreit entfernt. Zu nah.

Die Macht brach aus ihm heraus, noch ehe sein Verstand den Vorgang vollständig erfasst hatte. Sie explodierte aus seinem Leib wie ein Schock aus blankgelegten Leitungen, roh, ungeformt, getrieben von nacktem Überlebenswillen und jener Gewalt, die kein Training, sondern Panik gebar. Peska Khalo wurde rückwärts fortgerissen, prallte gegen das Ende der Koje und schlug mit der Schulter an die Wand. In seinem Blick lag für den Bruchteil eines Herzschlags etwas, das der Umbaraner instinktiv erkannte, weil er es selbst nur zu gut kannte: Das Gefühl erwischt worden zu sein. Der jähe, kalkulierende Schreck eines Mannes, dessen Versuch, im Augenblick der Schwäche zu töten, fehlgeschlagen war.
Sikarius’ Stimme kehrte in ihn zurück, klarer als jede Erinnerung. Wenn der Schüler starb, so hatte er gesagt, wartete auf den Sklaven ebenfalls der Tod, es sei denn, er tat es klug genug, verborgen genug. Das Versprechen, das darin für den Kyuzo gelegen hatte, war nie verschwunden. Er hatte nur einem Karnivoren gleich gewartet. Peska war sofort wieder bei ihm. Es entstand kein sauberer Kampf, der als austarierter Austausch von Technik gelten konnte, es war vielmehr ein schmutziges, enges Gerangel auf verschwitztem Bettzeug und schmalem Boden, voller Ellenbogen, Knie, Griffwechsel und blindem Zorn. Teneb spürte die größere Muskelkraft des sehnigen Kyuzo, die trockene, gefährliche Koordination eines Kriegers, der selbst improvisiert noch wie ein Raubtier handelte. Doch ihm blieb etwas, das tiefer saß als Technik: Wut. Reiner, ungebrochener Hass. Als Peska ihn erneut zu Boden drücken wollte, den Unterarm quer gegen seinen Hals, riss Teneb den Kopf zur Seite und biss instinktiv so fest zu, wie es ihm möglich war. Sein Kiefer biss wie ein Tier, das überleben will, ungeachtet aller damit verbundenen Kosten. Seine Zähne fanden die Schulter des Kyuzo gerade oberhalb des Schlüsselbeins, dort, wo Stoff, Haut und Muskel aufeinandertrafen. Er spürte den Widerstand des Gewebes, das kurze, widerliche Nachgeben, dann das warme, metallisch schmeckende Blut, das ihm in den Mund lief. Peska stieß einen Laut aus, halb Knurren, halb Schmerzensschrei, und in derselben Bewegung schlug Teneb mit der freien Hand hoch, blind, instinktiv, immer wieder, bis seine Fingerknöchel auf etwas Hartes trafen. Die Filtermaske des Kyuzo sprang mit einem scharfen Riss aus ihrer Verankerung, ein Teil der Front brach weg, Gurte rissen, und für einen Augenblick verlor Peska nicht nur den Halt, sondern auch die Kontrolle. Schnell rollte sich der Umbaraner von der Koje, stieß gegen die Kommode, während der Sklave bereits zurückwich, eine Hand an der blutenden Schulter, die andere an der beschädigten Maske, und mit einem letzten, schwer deutbaren Blick zur Tür hinausschoss, bevor Teneb auch nur die Kraft sammeln konnte, ihm zu folgen.

Dann war er allein.

Er blieb auf dem Boden, keuchend, das Herz so hart gegen die Rippen hämmernd, als wolle es ihn von innen aufbrechen. Seine Hände zitterten, seine Zähne schmerzten, der Geschmack des fremden Blutes und des Stückes Fleisch, dass er herausgerissen hatte, lag noch immer dick auf seiner Zunge, und in seinem Kopf liefen die letzten Sekunden in einem grausamen Kreis immer wieder neu an. Peska hatte ihn töten wollen. In seinem Schlaf, in seinem geschwächten Zustand, nach einem Tag, an dessen Ende
Sikarius ihn offen wie ein Stück Fleisch zur Prüfung ausgelegt hatte. Dieser verdammte Bаstаrd. Die Erkenntnis schnitt tiefer als jede der physischen Verletzungen. Es war nicht so, dass der Kyuzo sein Freund oder Verbündeter war, Teneb hatte ihm das Joch der Sklaverei von Zygerria gelockert, doch ob die Ketten, die dieser auf Artek III bekam besser waren, bezweifelte der Umbaraner. Das Entzug der Freiheit blieb am Ende des Tages genau das. Rein objektiv verstand er das Motiv des Kyuzo. Rein emotional wollte er seinen Brustkorb öffnen. Es gab keinen Ruheraum an diesem Ort, keine Nacht in der er einfach nur existieren durfte. Alles war Teil desselben Alptraums, geschaffen von diesen Bestien der Macht.
Er blieb noch eine Weile so sitzen, bis sich die erste Lähmung aus ihm löste und wieder Platz machte für jene harte, praktische Bewegung, die aus Notwendigkeit entstand. Als er sich endlich aufrichtete, schleppte er zuerst den Stuhl zur Tür, verkeilte ihn unter dem Griff, dann die Kommode hinterher, schob sie mit einem dumpfen Schaben über den Boden, bis sie den Eingang zusätzlich blockierte. Es war keine echte Sicherheit, nur eine Geste, ein Symbol dafür, dass er wenigstens den nächsten Angriff nicht reglos und ungeschützt empfangen wollte. Erst danach sah er auf seine Hände. Die Knöchel waren aufgerissen und bereits geschwollen, zwischen altem Dreck, neuen Abschürfungen und den Resten eines halbabgelösten Bactapflasters, das wohl noch von einer früheren Übung an seiner Haut geklebt hatte, zog sich frisches Blut in dünnen Linien über die Finger. Er trat zur kleinen Nasszelle, drehte das Wasser auf und beugte sich über das Becken. Das Wasser spülte rot in den Abfluss, während er sich das Gesicht wusch, den Mund ausspülte, immer wieder, bis der Geschmack von
Peska Khalos Blut aus seinen Zähnen verschwand und nur noch als Erinnerung in ihm blieb.

Als er schließlich wieder auf der Koje lag, die Tür verbarrikadiert, der Leib erschöpft und doch viel zu wach, wusste
Teneb nicht mehr, ob er sich überhaupt noch in einer Nacht befand oder in einem fortgesetzten Zustand des Bedrohtseins, der nur zeitweise andere Masken trug. Vielleicht, dachte er mit jener kalten Klarheit, die einem nur in den dunkelsten Stunden zuteilwird, war genau das der Kern der dunklen Seite: nicht Trost, nicht Erlösung, nicht Größe, sondern die radikale Weigerung, sich in einer Welt, die nur Herren und Beute kannte, jemals wieder wehrlos vorfinden zu lassen. Der Kodex, der ihm zuvor wie ein Spruch,wie ein fernes Ziel erschienen war, lag nun roher und hässlicher vor ihm. Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Durch Macht erlange ich den Sieg. Und irgendwo in dieser Kette, zwischen Wut, Schmerz und dem warmen Blut eines anderen im eigenen Mund, begriff Teneb, dass diese Worte bloß den Mechanismus eines Alptraums beschrieben, aus dem es keinen Ausgang gab, außer tiefer in ihn hineinzuwachsen.

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Die nächsten zwei Tage verbrachte Leto auf einer selbstzufriedenen Wolke. Eine Wolke, deren einzige Existenzgrundlage die Misere all jener war, die das Pech hatten in ihrem Regen zu stehen. Oder ‚Regen‘. P*sse für ihn, Regen für sie. Das Bild fand er witzig. Auf Nkllon noch hatte ihn der Gedanke von jenen, die er respektierte, verabscheut zu werden, mit Grauen und Selbsthass gefüllt. Hier auf Artek III war es jedoch anders. Hier gab es ihm ein Gefühl von Macht, das auf dem Höllenplaneten nicht einmal ansatzweise präsent gewesen war. Nicht nur hatte er sich die allgemein schlechte Laune damit verdient, ein gemeiner Bastard zu sein. Nein! Seine Strategie des maximalen A*schlochs hatte auch noch genau den Trainingsfortschritt gebracht, der von allen (bedeutsamen) Anwesenden als eigentliches Ziel angesehen wurde.

Der Schüler hatte natürlich etwas dagegen, als der kleine Schleimscheißer behandelt zu werden, der er war. Und doch. Hatte er etwa nicht etwas über sich gelernt? Mit verstauchtem Fuß am Boden eines langen und steinigen Pfades, hatte er sich aus eigener Kraft in Sicherheit geschleift. Das war keine Erfahrung, die eine Schulbank lehren konnte! Na gut. Vielleicht der Mobbing-Stiefelkreis im Hinterhof des Schulgebäudes. Also Letos Seelenverwandte. Der weiche, feige, kleine P*ss-Hacker war in nur wenigen Stunden gestählt worden und würde die Welt von nun an anders sehen. Weniger naiv, weniger verklärt. Mehr wie der Sith, den Leto aus dem bleichen Grundstein heraushämmerte, gleich dem Architekten eines brutalistisch-imperialen Prachtbaus. Von daher, schlechte Laune? Check. Weiter relevant? Fresse!

UX-23 und Pai Lai machten sich natürlich eher aus Effizienzgründen ins Hemd – dass der Schüler selbst sie groß interessierte, nahm Leto ihnen nicht ab. Warum auch? Freundschaft unterhielt hier niemand. Beiden war halt nicht entgangen, dass Leto einen Weg gefunden hatte, das Lichtschwerttraining noch weiter hinauszuzögern. Die Parwanerin schien nicht über die Fähigkeit zu verfügen, die Stimme zu erheben, doch der Droide fand klare Worte. ‚Langfristige Schäden vermeiden! Nicht autorisiert!‘ Mimimi, deine Mudda. Dafür zeigte sich Pai Lais stumme Frustration jedoch in ihrer Aura deutlich, während der Droide erst gar keine hatte. Beide waren also eindeutig p*ssig, doch konnte keine von ihnen die Heilung beschleunigen, indem sie Leto damit auf den S*ck gingen. Sie mussten also die Füße stillhalten und die ‚Regendusche‘ tolerieren. Perfekt eigentlich. Wenn’s nach Leto ging, konnte diese Konstellation also gerne dauerhaft so bleiben. HA!

Und dann war da noch das dreckige Aliending, das sich Sklave schimpfte. Fast vergessen. Was genau mit dem Kyuzo falsch war, konnte Leto nicht so recht sagen. Aber doch, irgendwas war vorgefallen. Die Atemmaske war geflickt worden (nachdem sie wohl gef*ckt worden war, haha!), und der Sklave bewegte sich, als erhole er sich ebenfalls von einer Verletzung. Der Unterschied war klein. Jemandem anderen wäre das Detail vermutlich nicht aufgefallen, doch seit Leto seinen Machtsinn zurückerlangt hatte, sah er einfach mehr. Das kaum wahrnehmbare Zucken, wenn er sich in seinem Stuhl zurücklehnte? Auffällig, wenn gleichzeitig ein Stich durch die Aura ging. Leto konnte zwar nicht sagen, was genau passiert war, doch er vermutete, dass der Sklave versucht hatte, den Schüler umzubringen. Und gescheitert war. Das dürre Mauerblümchen schien also inzwischen ein paar Dornen entwickelt zu haben. Gute Arbeit, Lord Sikarius.

So fand Leto sich also schließlich höchstzufrieden mit sich und der Welt am ‚Morgen‘ des dritten Tages wieder zum Training ein. Die negativen Emotionen der Dörfler und seiner Begleiter umschwirrten ihn wie ein wütender Hornissenschwarm. Doch waren SIE die angeschmierten. Wie eine ausgemergelte Zecke mit zu wenig Beinen sog er ihr Gift in sich auf, war ihre Impotenz doch der eine Beweis den er brauchte, um zu fühlen, dass er etwas richtig gemacht hatte. Unter SEINEN ungleichen Händen wuchs eine Geißel heran, an die die Galaxis sich noch lange erinnern würde. Und sie HASSTEN ihn, weil er Recht hatte. Es tat ihm ja SO leid, dass sie sich so fühlten. Tja.

Zum Training hatten sie sich heute im Schankraum von Rousseaus Pub eingefunden. Wie beim letzten Mal, hatte der angep*sste Sani – ach den, gab es ja auch noch, ha! – der bleichen Vogelscheuche eine Woche Ruhe verschrieben. Wie gut, dass Leto auch noch Dinge lehren konnte, für die man seine Füße nicht brauchte.

Heute war der Herd kalt und leer. Rousseau und seine Gäste, die allgemeine Laune spürend, hatten sich in ihre Löcher verkrochen und so hatte der Pub viel seiner Heimeligkeit eingebüßt, die ihn bisher zu einem sicheren Hafen gemacht hatte. Die Lampen blieben aus und einzig das Licht des verregneten Tages fiel durch die Fenster auf die beiden Sith.


„Heute lernste Machtangriffe abzuwehren.“

, erklärte Leto, einen Humpen von Rousseaus Selbstgebrautem neben sich schweben lassend. Während der Dieb einen Hocker belegen musste, hatte er selbst sich entspannt auf die Bar gefläzt, den einen Fuß herunterhängen lassend, doch ruhte der andere schlammige Stiefel auf dem Tresen. Natürlich hatte er vor dem Training extra dafür noch einen kleinen Spaziergang gemacht.

„Du willst ja unbedingt mit deinem roten Glühp*mmel kämpfen. Die sind schon ganz witzig, aber was machste, wenn dir den jemand mit der Macht ausknipst, hä!?“

Er grinste gehässig.

„Dann guckste noch blöder als jetz schon. Und dann plötzlich gar nich mehr!“

Für einen Moment ließ er das Bild einfach so im Raum stehen, streckte eine Hand nach dem Humpen aus und nahm einen tiefen Schluck.

„Also…wie wehrste die Scheiße ab? Erstmal musstes kommensehn. Machtsinn, klar. Dann benutzt du die Macht, um abzuwehren. Wie wenn du einen Schlag abwehrst. Komm, knips deinen Machtsinn an und gib nen schönen Machtstoß auf mich, ja?“

Das musste der Schüler sich nicht zwei Mal sagen lassen. Der Hass saß inzwischen tief und der Machtstoß war stark. Leto fegte ihn mit einem Gedanken beiseite, wie eine lästige Mücke. Die kinetische Kraft wurde jedoch nicht neutralisiert, sondern nur umgelenkt, sodass ein Stapel von Rousseaus fein säuberlich aufgereihten Töpfen von seinem Platz und gegen die nächste Wand flog. Der Lärm war ohrenbetäubend, doch Leto grinste nur noch breiter. Wäre es vielleicht noch besser gewesen, den Machtstoß auf ein Fenster umzulenken? Möglichkeiten über Möglichkeiten!

„Wirste erst besser da drin, kannst du die Energie auch neutralisieren. Nochmal!“

Diesmal traf der Machtstoß frontal auf Letos Machtschild und wurde aufgelöst. Eine leichte Brise verwehte seine Haare und kühlte das entblößte, schwarze Zahnfleisch seines Grinsens.

„So, du hast gesehen. Jetzt werde ich mit der Macht nach dir greifen. Nicht hart, du sollst es ja abwehren können. Find einen Zugang, bevor dir die Luft ausgeht.“

Leto streckte eine Hand aus – und zog sich nochmal seinen Humpen für einen Schluck Bier heran. Erst dann richtete er sie auf den Schüler und griff mit der Macht zu. Sein Geist schloss sich um die empfindliche Kehle der bleichen Vogelscheuche und drückte grade fest genug, um ihr den Atem zu rauben.


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Die zwei Tage, die zwischen seinem Zusammenbruch im Pub, dem Überfall durch den Kyuzo und dem erneuten Unterricht vergangen waren, hatten Teneb Dask weniger Genesung als eine andere, unerquicklichere Form der Klarheit gebracht, denn während der Körper sich mit der stumpfen, demütigenden Geduld heilte, zu der Fleisch gezwungen ist, wenn ihm keine Wahl bleibt, hatten die Gedanken in ihm keine Ruhe gefunden. Der Biss in Peskas Schulter, der warme Metallgeschmack seines Blutes, der aufplatzende Riss in der Maske des Kyuzo und vor allem die Gewissheit, dass der Angriff keine Übersprungshandlung, sondern ein nüchtern kalkulierter Mordversuch gewesen war, kehrten in immer neuen Variationen zu ihm zurück, als wollte sein Geist ihn daran hindern, den gefährlichen Fehler zu begehen, in dieser Welt noch einmal von Schlaf, Schutz oder Verlässlichkeit auszugehen. Auch Peska selbst hatte sich verändert, kaum merklich, doch für Teneb, dessen Wahrnehmung durch die letzten Wochen geschärft worden war, deutlich genug: Die Schonung in einzelnen Bewegungen, das vorsichtige Umgehen einer Schulter, die noch immer nicht ganz frei schwang und angegriffen war. Nichts davon wurde ausgesprochen. Gerade darin lag die eigentliche Feindseligkeit. Wozu auch? Seinen Meister würde es nicht kümmern und die Fronten zwischen ihm und dem Kyuzo waren klar. Der Umbaraner unternahm auch nicht den Versuch sich gemeinsam gegen Darth Sikarius zu verbünden, da ihm dieser Akt aussichtslos erschien. Er würde den Kyuzo töten, ihm vielleicht seine Lebensenergie wie der Parasit, der er war, aussaugen und dann Teneb dazu zwingen für das Scheitern, nicht nur für den Versuch, zu büßen.

Als sie sich an diesem Morgen im Schankraum von Rousseaus Pub einfanden, wirkte der Ort seiner letzten Ohnmacht seltsam entleert, als habe man ihm in seiner Abwesenheit nicht bloß die Gäste, sondern auch den letzten Rest jener Wärme entzogen, die ihn bislang von den übrigen Räumen auf Artek III unterschieden hatte. Der Herd war kalt, die Lampen blieben unentzündet, und durch die Fenster fiel nur das matte, verregnete Licht des Tages, das sich fahl über Theke, Tische und Boden legte und den Raum in jene nüchterne Trostlosigkeit tauchte, die jeder Heimeligkeit Hohn sprach
. Sikarius hatte es sich auf der Bar bequem gemacht, wie ein Mann, der allein durch die Schamlosigkeit seiner Haltung beanspruchte, Mittelpunkt jedes Raumes zu sein, und schon der schlammige Abdruck seines Stiefels auf dem Tresen genügte, um in Teneb erneut jenen stillen, zähnebleckenden Hass zu entzünden, der in den vergangenen Tagen neu entflammt keinen Augenblick lang wirklich erloschen war.
Er schwieg, als sein Meister erklärte, dass heute die Abwehr von Machtangriffen auf dem Programm stünde, und setzte sich auf den Hocker, den man ihm zugedacht hatte, mit jener äußerlichen Ruhe, die auf Umbara nie Würde, sondern stets nur Tarnung bedeutet hatte. In seinem Inneren hingegen war nichts ruhig. Er sah
Sikarius den Humpen mit der Macht an sich ziehen, hörte den vulgären Spott über Lichtschwerter, über Blindheit, über das eigene Ende, und registrierte mit einer Kälte, die ihm selbst beinahe fremd erschien, dass auch dies zur Lektion gehörte: Nicht nur Techniken zu erlernen, sondern sie im Angesicht eines Mannes zu erlernen, den man zugleich hasste, fürchtete und auf eine Weise zu verstehen begann, die selbst schon wie Verrat an der früheren Version seiner selbst wirkte.

Als Sikarius ihn aufforderte, einen Machtstoß auf ihn zu richten, zögerte
Teneb nicht. Der Hass war schnell zur Hand, und vielleicht war das der eigentliche Fortschritt dieser letzten Woche. Er musste nicht mehr nach Emotionen suchen oder gar nach ihnen bohren um die Macht zu nähren, sie waren, einem Blaster in einem Holster gleich, in ihm bereitlagen wie Werkzeuge an einem Gürtel, schmutzig, zuverlässig und gefährlich. Der Stoß, den er freisetzte, hatte nichts mehr mit den tastenden Versuchen seiner ersten Tage, es war eine klare, harte Entladung, eine Deklaration seiner manifestierten Abneigung gegen den kapriziösen Sith. Als Sikarius ihn mit der beiläufigen Verachtung eines Mannes ablenkte, der nicht einmal Mühe darauf verwenden musste, seine Überlegenheit sichtbar zu machen, fuhr die freigesetzte Kraft kreischend in einen Stapel Töpfe, die mit ohrenbetäubendem Lärm gegen die Wand schepperten. Teneb spürte die Scham darüber nur kurz. Wichtiger war, was er durch den Machtsinn gesehen hatte: Abwehr war nicht bloß Widerstand, sondern Umlenkung. Die Attacke unterlief einer Rahmung, die Suche nach einem Winkel, in dem fremde Gewalt ihrer Richtung beraubt wurde. Beim zweiten Versuch gelang es Sikarius, die fremde Energie frontal zu fassen und aufzulösen, und selbst diese kleine Vorführung war unerquicklich genug, um Teneb daran zu erinnern, wie groß der Abstand zwischen Nachahmung und Beherrschung noch war. Dennoch achtete er diesmal weniger auf das Schauspiel als auf das Innere der Bewegung, auf jenen Moment, in dem die Macht sich vor den Leib seines Meisters legte wie ein unsichtbarer Schild und den Stoß nicht einfach stoppte, sondern absorbierte, verdichtete und aus der Welt nahm. Dann kam die eigentliche Übung.

Sikarius
stellte den Humpen beiseite, hob die Hand und griff nach seiner Kehle, gerade fest genug, um den Luftstrom abrupt zu kappen. Es war keine brutale Würgung, eher jene kontrollierte, umso demütigendere Einschränkung, die dem Körper mit unbestechlicher Sachlichkeit mitteilt, wie wenig zwischen Leben und Ohnmacht tatsächlich liegt. Tenebs erster Impuls war instinktiv und unerquicklich simpel: Er wollte die Finger heben, den Hals schützen, sich körperlich gegen etwas stemmen, das keinen Körper besaß. Doch er zwang sich, still zu bleiben, zwang den aufwallenden Schreck in die Form eines Gedankens zurück und suchte, während die Luft bereits knapp wurde, nicht nach Sikarius, sondern nach dem Zugriff selbst. Wenn ein Schlag einen Ansatzpunkt in der Linie des gegnerischen Arms hatte, dann musste auch dies einen besitzen. Irgendwo in der unsichtbaren Umklammerung seines Halses musste eine Richtung sein, eine Spannung, eine Stelle, an der man nicht bloß litt, sondern ansetzen konnte. Sein Brustkorb begann bereits, sich schmerzhaft gegen die Leere aufzubäumen, doch noch ehe Panik das Denken zerriss, zwang Teneb seinen Machtsinn tiefer in den Griff hinein.

Während der Umbaraner auf dem Hocker halb aufgerichtet, halb von jenem unsichtbaren Griff in einer Haltung gehalten wurde, die den Körper zur lächerlichen Karikatur eigener Wehrlosigkeit machte, schossen Teneb Dask die Bilder der vorangegangenen Demonstration mit einer Klarheit durch den Kopf, die im beinahe sofort einsetzenden Sauerstoffmangel etwas Wahnhaftes gewann. Er dachte an die Töpfe, die gegen die Wand gefahren waren, an die Art, wie der Machtstoß nicht vernichtet, sondern seitlich aus der Linie des Körpers gelenkt worden war, und diese Erinnerung verband sich in ihm mit anderen, älteren Bildern, die tiefer saßen als jede Lektion seines Meisters: Mit Wasser, das einen Stein nicht durch Kraft, sondern durch Richtung umgeht, mit dem kurzen, brutalen Wissen des Faustkampfes, dass man eine Wucht nicht dort aufhält, wo sie am stärksten ist, sondern sie aus dem Zentrum des eigenen Körpers herausleitet, ein Stück über die Linie hinaus, gerade so weit, dass sie ihre Bestimmung verfehlt und stattdessen an etwas anderem zerschellt. Doch dieses Bild half ihm zunächst kaum. Sein ganzer Leib war bereits vom Reflex erfasst, gegen die Leere im Hals anzupressen, sich aufzubäumen, Luft zu suchen, wo keine war, und während ihm schwarz vor den Augen flimmerte und der Kopf in jenes dumpfe, hämmernde Schwindeln geriet, das zwischen Panik und Ohnmacht liegt, brachte er mehrere fehlgeleitete Versuche zustande, die sich mehr wie hilfloses Tasten als wie Abwehr anfühlten. Mal stemmte er die Macht zu frontal gegen den Griff, sodass sie an
Sikarius’ Willen einfach abglitt, mal griff er zu ungenau an den eigenen Hals, als müsse man die Stelle schützen, statt den Angriff aus ihr herauszunehmen. Erst als ihm ein krampfhafter, fast tierischer Gedanke kam ihm den Zugriff zu ihm zu rauben, fand er einen ersten Zugang, drückte die unsichtbare Hand nicht von sich fort, sondern verzog ihren Winkel, leitete sie eine Fingerbreite seitlich an Kiefer und Schlüsselbein vorbei, gerade genug, dass der Druck auf der Luftröhre brach und ein scharfer, schmerzhafter Zug kalter Luft in seine Lungen fuhr.

Was
Sikarius daraufhin sagte, bekam er nicht wirklich mit. Sein Kopf rauschte, die Ohren klingelten, und die Worte seines Meisters zersplitterten zu unverständlichen Bruchstücken in einem Meer aus Puls, Atemnot und der nackten Erleichterung, nicht ohnmächtig geworden zu sein. Er verstand nur, dass die Hand erneut gehoben wurde und dass die Übung weiterging. Und so wiederholte es sich, wieder und wieder: Der erste Zugriff, die panische Sekunde, das schmerzhafte Tasten nach der Linie des Angriffs, das allmähliche Erkennen, dass man die Gewalt nicht frontal beantworten durfte. Mit jeder Wiederholung fand Teneb etwas schneller den Zugang, spürte etwas früher, wo der Druck ansetzte, und leitete ihn etwas sauberer fort, sodass der Griff nicht mehr jedes Mal bis an den Rand der Bewusstlosigkeit reichte. Doch fehlerlos wurde es nicht. Einmal lenkte er zu spät und musste den Schmerz eines halben Würgens noch im Hals nachhusten, ein anderes Mal zu weit, sodass die fremde Kraft nicht einfach abglitt, sondern ihn halb seitlich vom Hocker riss. Noch immer war alles unerquicklich, hektisch, unrein, von Panik durchsetzt. Was sich aber in ihm manifestierte, war das Wissen, dass selbst ein Angriff auf die Kehle, selbst die intimste Form des Ausgeliefertseins, eine Richtung besaß, und dass auch sie sich lesen, brechen und umschreiben ließ.

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Wäre es nach Leto gegangen, hätte die Trainingseinheit noch ewig so fortlaufen können. Was war nicht zu genießen? Die Dörfler hatten ihm aus Angst den einzig trockenen Versammlungsort des Dorfes überlassen, Rousseaus selbstgebrautes Bier schmeckte ausgezeichnet, und er konnte den Hals des Diebes mit unsichtbaren Fingern kneten wie einen Stressball. Sicher, die bleiche Vogelscheuche machte Fortschritte. Dennoch oszillierte die Aura zwischen Panik und Erleichterung, jedes Mal wenn Leto seinen Griff lockern musste. Letos Wangen schmerzten vor lauter Grinsen. Es galt, jede Sekunde auszukosten. So leicht würde er seinen Schüler nie wieder auf diese Weise triezen können.

Ungefähr so – mit kleinen Variationen – verging das Training des Tages. Der verstauchte Fuß des Schülers bedeutete, dass anderes nicht geübt werden konnte, doch immer auf dieselbe Weise gefordert, gab der Geist des Schülers irgendwann einfach nach. Weichei! Nachdem seine Leistung eine Weile lang immer besser geworden war, brach sie schließlich ein – und er zusammen. Ob sein Geist nachgegeben hatte? Oder hatte Leto ihm zu lange die Luft abgedrückt? Witzig so oder so. Es war noch vergleichsweise früh am Tag, doch markierte dies das Ende des Trainings. Mit einem enttäuschten Seufzen stand Leto auf. In einem Zug leerte er seinen Humpen und trat ins Freie, kaum merklich wankend.

Letos Weg führte ihn zur Garnison. Der Regen hatte seit dem Morgen nicht aufgehört und so war der Dorfplatz ein knöcheltiefer See aus Morast, der jedes Mal enttäuscht schmatzte, wenn Leto einen Stiefel aus seiner feuchtkalten Umarmung entwand. Das Wetter war heute sogar für die Verhältnisse von Artek III schlecht. Entsprechend schlechte Laune hatte der Wachtposten am Tor, dem Leto jedoch mit dessen schrillem Gegenteil begegnete. Ein Plagegeist auf einer Mission. Und wie immer bekam er, was er wollte.

Keine fünf Minuten später kehrte er mit einem Grinsen wieder zurück und schloss sich in seinem Zimmer ein. Am nächsten Morgen war Leto wieder so früh schon auf den Beinen, dass er sich nicht daran erinnern konnte, wann er dies das letzte Mal gewesen war. Wobei ‚wieder‘ vermutlich übertrieben war. Eine Vision vor Augen, war er am Abend gar nicht erst ins Bett gegangen. Stattdessen hatte er den Abend und den größten Teil der Nacht damit zugebracht, zu ‚basteln‘.

Und nun würde es weitergehen. Ein weiteres Mal genoss Leto es, in welcher Machtposition er sich gegenüber dem Schüler befand. Für einen Moment blieb er einfach über seinem Bett stehen und schaute ihm beim Schlafen zu. Der Raum lag im Dunkeln. Das einzige Licht Letos bionisches Auge, das das bleiche Gesicht des Diebes in ein kränkliches Licht hüllte.


Wach auf.

, pflanzte er dem Schüler in den Geist, seinen Machtsinn aufmerksam ausgerichtet. Die Nachricht musste er ihm ein paar Mal zukommen lassen, doch als er den ersten Funken von Erkenntnis erkannte, griff er zu. Ungleiche Finger packten den Dieb beim Kragen. Wie ein Kind riss er ihn aus dem Bett und schleifte ihn in den Schankraum, wo er ihn einen Moment später auf einen bereitstehenden Stuhl setzte. Jeden Protest erstickte er mit der Blasterpistole, die er gestern dem Wachposten abgenommen hatte. Genüsslich hielt er sie dem Dieb unter die Nase. Richtete das schwarze Rund des Laufes erst auf sein Gesicht und dann auf seinen Bauch. Mit einem Grinsen drückte er ab. Ein roter Bolzen löste sich und der Geruch von Ozon erfüllte den Raum.

„Hat funktioniert!“

, sagte er mit einem Grinsen, als der Schüler nicht mit einem rauchenden Loch im Bauch zu Boden ging, sondern sich stattdessen einfach schmerzhaft zusammenkrümmte. Und selbst davon waren 50% sicherlich Placebo! Für einen Moment dampfte die krude modifizierte Pistole und irgendwo im Dorf bellte ein vom plötzlichen Aufheulen aufgeschreckter Kath-Hund. Das Fenster neben ihnen glühte mit dem rötlichen Licht des hereinbrechenden Morgens und enthüllte die graue Rolle Plastoidband, die Leto nun von seinem Gürtel nahm.

Mit einem lauten Ratschen befreite Leto einen guten Meter und befestigte die Beine des Schülers zunächst am Stuhl, bevor er ein zweites Stück um sein Gesicht wickelte. Es musste gar nicht viel sein. Grade genug, dass seine Augen bedeckt wurden. Und vielleicht noch ein bisschen mehr, um ihn zu demütigen. Man wollte ja auch ein bisschen Spaß haben. Schließlich legte Leto ihm noch sein Trainingslichtschwert auf den Schoß, trat ans andere Ende des Raumes und wandte sich um.


„Heute lernst du Voraussicht.“

, richtete er die ersten Worte des Morgens an seinen Schüler.

„Die Macht spricht mit dir. Du musst auf sie hören. Sie warnt dich vor…zum Beispiel sowas.“

Erneut hob er den Blaster und schickte dem Schüler einen niedrigenergetischen Bolzen in die Schulter.

„Wenn du’s kannst, kannste Blasterschüsse abwehren. Oder im Kampf voraussehen, wo ich mit dem Schwert sein werde. Die Macht zu hören ist nicht schwer. Sich davon nicht ablenken zu lassen schon.“

Kurz hielt er inne, ging zum Tresen und füllte sich den nächsten Humpen Bier ab. Dann versetzte er dem Schüler einen weiteren Schuss.

„Deine Aufgabe is einfach. Nimm dein Schwert, pariere meine Blasterbolzen. Mehr gibt’s eigentlich nicht zu erklären.“


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??? | ??? | ??? | ??? | ??? | Teneb Dask

Der Traum begann ohne Übergang, als wäre er nicht in ihn hineingeglitten, sondern bereits seit Stunden darin versunken gewesen. Der Tempel von Artek III lag vor ihm und zugleich um ihn herum, doch in jener verzerrten, fiebrigen Gestalt, die Orte im Traum annehmen, wenn sie nicht mehr Architektur, sondern Zustand geworden sind. Das Mauerwerk atmete. Nicht sichtbar, nicht mit Bewegung, sondern mit einem dumpfen, organischen Puls, der durch Stein, Luft und Boden ging wie ein langsamer Herzschlag. Der ehemalige Prachtgarten war zu einer Fläche aus schwarzem, zähem Morast geworden, und während Teneb Dask hindurchgehen wollte, bemerkte er, dass er nicht ging, sondern sank. Die Masse reichte ihm zunächst nur bis an die Knöchel, dann an die Schienbeine, dann höher, und sie war weder Wasser noch Schlamm, sondern etwas Dickeres, Süßlicheres, als hätte man Verwesung und Nacht zu einer einzigen Substanz verrührt. Als er hinabsah, blickten ihm darin Gesichter entgegen, bleich, aufgequollen, von Fäulnis geöffnet und doch unverkennbar. Sein Vater. Caligo. Dorfbewohner von Törcsván. Der alte Rodianer von Zygerria. Der Mirialaner mit dem Halsband. Castor. Die Ubese. Selbst die Fratze des Bothaners, dessen Kehle unter seinem Griff nachgegeben hatte, trieb zwischen ihnen wie angeschwemmtes Aas. Manche Münder bewegten sich, als wollten sie sprechen, andere waren bereits so weit zerfallen, dass nur noch die Ahnung eines Ausdrucks blieb. Darunter, hinter ihnen, unter ihnen, in allem, flüsterte der Tempel selbst.

Mit vielen Stimmen, um wenige Sekunden versetzt, süß wie überreife Früchte und faul im Kern, verführerisch gerade deshalb, weil jede Einflüsterung wie ein längst gedachter Gedanke klang. Hier müsse er nicht mehr fallen. Hier müsse er niemandem mehr gehorchen. Hier seien die Toten still und die Lebenden formbar. Hier könne er tiefer gehen, und je tiefer er gehe, desto weniger würden Ketten an ihm haften bleiben. Das Flüstern schmeichelte ihm, nannte seinen Zorn Stärke, seine Kränkung Berufung, seine Einsamkeit Erwählung, und als die Masse ihm bereits an den Hüften stand, begann er fast zu glauben, dass dies kein Untergang, sondern eine Taufe sei.

Dann brach etwas durch die liebreizende Kakophonie verwesender Worte aus Ascha hindurch. Erst war es nur ein hässlicher Riss in der Süße des Traums, ein gräßlich kratziges Geräusch, das nicht in diese Welt gehörte. Wieder und wieder kam es, dumpf zunächst, dann schärfer, bis sich aus dem undeutlichen Lärm ein Befehl schälte.

Wach auf.


Noch einmal.

Wach auf.

Der Bleiche schreckte hoch, riss den Oberkörper vor, und für den kurzen, erbarmungslosen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit war das Erste, was er sah, nicht die Enge seines Zimmers, sondern die entstellte, von kränklichem Licht und dem blauen Glimmen eines bionischen Auges verunstaltete Visage
Darth Sikarius’. Instinkt schoss durch ihn wie ein Hieb. Er wollte aufspringen, schlagen, sich losreißen, doch der Griff seines Meisters war bereits in seinem Kragen und schleifte ihn mit einer Schamlosigkeit, die keine Wachheit brauchte, vom Bett. Der kalte Boden fuhr ihm durch die nackten Füße, der Schankraum kam ihm halb im Stolpern, halb im Gezogenwerden entgegen, und ehe er seine Orientierung vollständig zurückgewonnen hatte, saß er auf einem Stuhl, die Beine mit Plastoidband daran fixiert, das mit lautem, widerwärtigem Ratschen von der Rolle gerissen wurde. Er wand sich dagegen, erst mit echter Kraft, dann mit bloßem Trotz, doch Sikarius beantwortete jeden Ansatz mit der beiläufigen Übermacht eines Mannes, der in Unterwerfung bereits das Ritual sah. Als das Tape sich über seine Augen legte und noch ein Stück weiter um sein Gesicht ging, nicht bloß um ihn zu blenden, sondern ihn in der Blindheit auch noch lächerlich zu machen, fletschte Teneb die Zähne und schmeckte den schalen Nachgeschmack schlafloser Wut.

Der Schuss in den Bauch kam so plötzlich, dass er mehr Schock als Schmerz war . Eine heiße, hässliche Entladung, die ihn krümmen ließ, während Ozon in seine Nase stach und Sikarius sich an seinem eigenen improvisierten Einfall erfreute. Irgendwo bellte ein Hund. Es glomm Morgenlicht durch ein Fenster, das er nicht sehen konnte. Dann lag das Trainingslichtschwert auf seinem Schoß, und die Stimme seines Meisters erklärte mit jener spöttischen Geduld, die schlimmer war als offener Zorn, dass er heute Voraussicht lernen würde.
Die ersten Versuche waren unerquicklich und demütigend. Blindheit machte alles größer: Die Entfernung zwischen Schuss und Körper, das Gefühl der Wehrlosigkeit, die Unsicherheit, wo genau
Sikarius stand und wann er den Abzug betätigen würde. Teneb versuchte, sich die Klinge vor dem inneren Auge zu vergegenwärtigen. Er visualisierte ihre Linie, ihren Radius, das mögliche Feld einer Parade. Gleichzeitig streckte er seine Wahrnehmung in die Dunkelheit hinaus, suchte nicht nach jener Vorwarnung, die die Macht angeblich gab. Doch zunächst gab sie nichts, da die Menge an Informationen ein Grundrauschen war, dass jegliche Informationsaufnahme versagen ließ. Das Tropfen von Wasser irgendwo im Raum. Das Knarren alter Balken. Das ferne Rollen von Donner oder Brandung, vielleicht auch bloß das Rauschen seines eigenen Blutes. Dann ein weiterer Schuss, diesmal in die Schulter. Er kam zu spät, hob die Klinge ins Leere und bekam den Bolzen als brennende, stumpfe Wucht zu spüren. Wieder. Und wieder. Und wieder.
Mit jeder neuen Entladung lernte
Teneb etwas, allerdings nicht in jener klaren, geordneten Weise, die Lehrbücher versprachen. Zuerst waren da Wut und Hass. Der Wunsch das Trainingslichtschwert in der Kehle seines Meisters zu versenken, doch erreichte ihn gleich in seiner Phantasie die Einsicht, die Plasmaklinge würde sich nicht wie ein echtes Lichtschwert verhalten. Dann war da noch der Schmerz, der gemeinsam mit Wut und Hass eine toxische Mischung einging. Es war ein Lernen durch Häutung. Schicht um Schicht verlor der Geist seine überflüssigen Reaktionen. Panik half nicht. Wut half nur, wenn sie nicht gegen die Blindheit lief, sondern sie mit Sinn ausfüllte. Allmählich begann er nicht den Schuss selbst zu ahnen, sondern den Augenblick kurz davor. Wie bei einem Gewitter, wenn der Geruch nach Ozon die Luft erfüllt, jenes winzige, vibrierende Aufstauen von Energie in der Waffe, die Millisekunde, in der der Blaster noch nicht gefeuert hatte und die Gewalt doch bereits beschlossen war. Dieses Vorzeichen war kaum mehr als eine Veränderung im Gewebe der Wahrnehmung, ein kurzes Anspannen der Welt, nach dem er wie ein Ertrinkender mit seiner erweiterten Wahrnehmung in der Macht tastete.

Beim ersten Mal, als er es wirklich erfasste, hob sich seine Klinge fast von selbst. Der Bolzen traf nicht seinen Leib, sondern glitt mit zischendem Aufheulen am Trainingslichtschwert entlang und brach zur Seite weg. Der Triumph darüber dauerte kaum einen Atemzug, weil der nächste Schuss schon kam und ihn an der Flanke erwischte. Doch der erste Treffer der Klinge auf Energie blieb. Er war da gewesen. Er war möglich. Die Euphorie brach seine Konzentration und negierte für einen Moment den Fluss der Negativität, der ihn zugleich ertrinken und am Leben hielt.
Danach ging es in derselben hässlichen Mischung aus Fortschritt und Schmach weiter. Manche Schüsse las er früh genug und parierte sie, unsauber noch, mit zu großen Bewegungen, zu grob im Winkel, aber doch wirksam. Andere kamen immer noch durch, trafen Rippen, Oberarm, Bauch, und jeder Treffer wurde zu einer eigenen kleinen Erniedrigung, die nur dadurch erträglicher wurde, dass sie in eine erkennbare Entwicklung eingebettet war. Mit der Zeit wurde der Raum um ihn herum weniger leer. Nicht sichtbar, nicht im gewöhnlichen Sinn, doch strukturiert.
Sikarius war nun mehr als nur eine Stimme und eine Quelle von Schmerz. Er war ein Muster aus Spannung, Absicht und der immer gleichen kleinen Verdichtung vor dem Schuss. Teneb begann, schneller zu reagieren, die Klinge dichter zu führen, nicht erst auszuweichen, wenn die Energie schon auf dem Weg war. Er begann in den Raum zu schneiden, die Klinge dorthin zu bewegen, in dem sich einen Augenblick später ein konzentrierter doch abgeschwächter Bolzen aus Tibanna-Gas befinden würde.

Dennoch blieb nichts daran sauber. Immer wieder kam ein Bolzen durch, immer wieder riss den Umbaraner ein Treffer aus der Konzentration, und immer wieder musste er die Macht neu gegen die aufsteigende Frustration ordnen. Aber im Unterschied zum Beginn der Übung war die Blindheit nun keine reine Schwärze mehr. Irgendwo in dieser schwarzen, klebrigen Tiefe zwischen Angst, Schmerz und Wiederholung begriff der Bleiche, dass Voraussicht die brutale Kunst war, früh genug zu merken, dass das Nächste bereits auf dem Weg war und diese Linie der Verwirklichkeit es zu dominieren galt.


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Während der Schüler an den Stuhl getaped festhing wie eine Fliege im Netz, funkelten die ungleichen Augen seines Meisters. Der Junge konnte grade nichts sehen. Auch in der Macht hatte Leto sich verborgen, weswegen er sich diese eine sichtbare Emotion auf seinen entstellten Zügen erlaubte. Wie Leto es von ihm gewohnt war, begegnete der Schüler seiner, als krude Lehrmethode getarnten Folter mit der ihm typischen, stoischen Schicksalsergebenheit. Der verstauchte Fuß, mehr schlecht als recht parierte Blasterbolzen aus der qualmenden Mündung eines zerlegten und anschließend neu zusammengesetzten Blasters, er nahm es hin und litt. Und wurde besser. Und dann litt er noch ein bisschen mehr.

Wie sehr er dabei die Fresse hielt, war ein Detail, das mit ähnlich erkennbarer Reaktion von Letos Seite aufgenommen und abgespeichert wurde. Nur, dass Letos Gedanken versteckt blieben…und er in den Kopf des Schülers gucken konnte. Sogar physisch, wenn er gewollt hätte. Die eierköpfige Pläte glänzte dabei immer so verführerisch im Regen, wenn der Junge es mal wieder schaffte, ihm ernsthaft auf den Sack zu gehen. Was ihn am Ende des Tages jedoch nur in seinem Eindruck bestätigte. Trotz Letos ausgeprägter Fantasie und stetem Willen, ihn auf immer neue Weisen leiden zu lassen, brach der Schüler nicht, sondern wurde mit jedem verstrichenen Tag zu etwas gehämmert, was vage in die Richtung dessen ging, was Leto sich vorgestellt hatte. Und am Ende doch ganz anders war. Eine Entwicklung, die er als die listenreiche und boshafte Trickster-Gottheit in der Welt des Schülers nicht steuern konnte, wohl aber mit ein bisschen Chaos in die richtige Richtung zu lenken vermochte.

Während die Wochen verstrichen, fühlte sich der vom Serienmörder zum Auftragsmörder geläuterte Sith mehr und mehr an seine Versuche erinnert, sein erstes Schwert zu schmieden. Eine grobe Idee vor Augen, wie das vonstatten zu gehen hatte, hatte er sich in den Eingeweiden des Sith-Tempels eine amateurhafte Esse aufgebaut, recht planlos auf das glühende Kortosis eingeschlagen und es schließlich mit einem mit dem Blut der Unschuldigen gefüllten Bottich abgelöscht. Puff, zisch…blubber. Noch immer konnte er die beißende Wolke auf seiner Zunge schmecken, deren metallischer Gestank für Wochen nicht aus seiner Kleidung hatte weichen wollen. Und ein Schwert hatte er bekommen. Nicht das Scimitar, das er dieser Tage führte, sondern ein hässliches, asymmetrisches Bastardschwert (wortwörtlich in Typ Schwert, Bösartigkeit, sowie objektiver und subjektiver Bewertung seines Besitzers). Ein Bastardschwert, das auf N’zoth, wie es hatte kommen müssen, überkarbonisiert in seine Einzelteile zersprungen und erst mit dem Auftauchen von UX-23 in seine aktuelle, funktionelle Form geschmiedet worden war.

Nur eben, dass der Schüler ein denkendes Wesen war und aus jedem Tritt in die Klöten, der ihn nicht brach, gestärkt hervorging. Letos eigene Inkompetenz als Lehrer wurde ausgeglichen, wenn nicht wettgemacht, und unter seinen unsanften Händen wuchs das dornige, mit blauen Flecken und Schürfwunden dekorierte Pflänzchen eines neuen Sith heran.


“Spring!”

, mochte er immer wieder rufen, während Platzregen auf sie niederging, ein schwacher Sonnenstrahl ihre Glieder wärmte, oder ein seltener Sommerfrost Dampfwolken in die Luft malte. ‘Wie hoch?’, war zwar nie die Antwort - und um ehrlich zu sein, sie hätte ihn garantiert zu einer weiteren Gemeinheit inspiriert, wie der Anblick entblößter Beine einen lüsternen Maler - doch immer tat der Dieb wie geheißen und kam auch jedes Mal ein bisschen höher. Egal, wie übel ihm Letos Fantasie während der Übung mitspielte.

Und mitspielen tat sie. Und wie sie das tat! Sie war Spielleiter in derselben selbstüberschätzten, möchtegern-gottgleichen Fasson mit der Damon Karajan vor fünf Jahren das Sith-LARP in der zugig-kalten Tempelruine geleitet hatte. Gut, vielleicht mit etwas weniger zahlender Kundschaft. Dem Dieb alle nötigen Fähigkeiten einmal nahegebracht zu haben, war erst der Anfang. Mit fast schon kunstgewordener Perfidie überlegte Leto sich immer neue Wege, ihn zu quälen und mit neuen Kombinationen seiner neu gefundenen Fähigkeiten zu piesacken. Wie im Blasterabwehrtraining lag dabei der Fokus auf frischen Hammerschlägen, die das nachgiebige Metall des Schülers gleichzeitig verbogen und stählten. Egal, ob er schweigend dabei zuschaute, wie sich Trainingsduelle zwischen Dieb und Sklave entfalteten, oder ihn aktiv mit Blasterbolzen traktierte, während er sich über den Hindernisparcours am Steinstrand quälte, Letos nicht enden wollender Einfallsreichtum saß am Steuer und setzte den Karren jedes Mal mit Anlauf vor eine frische Wand, wenn sich Routine einzustellen drohte. Metaphorisch.

Wobei…Leto grinste, während er darüber nachsann, ob er nicht irgendwie den Diebstahl eines der Shuttles in seine neuste Gemeinheit einbringen konnte. Eisiger Regen perlte über seine Nase und sammelte sich in den strähnigen Fäden seines langsam aber sicher länger werdenden Bartes. Mit einem versonnenen Lächeln beobachtete er, wie der Schüler grade frische Prügel unter den Händen des Sklaven bezog. Ihm würde schon etwas einfallen.


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Jeder Post der Trainingsmontage umfasst ungefähr 3 Wochen und zeigt besondere Schlaglichter aus dieser Zeit
Outer Rim | Artek-System | Artek III | Trainingsmontage 1 von 3 | Teneb Dask und die anderen

Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Durch Macht erlange ich den Sieg. Durch den Sieg zerbersten meine Ketten. Der Sith-Kodex hatte sich in Teneb Dasks Bewusstsein zunächst wie eine fremde, rau und überdeutlich in Stein gemeißelte Formel ausgenommen, deren Sätze mehr nach Drohung als nach Erkenntnis klangen, doch je länger er auf Artek III unter der Hand eines Meisters ausharrte, der ihm mit der gleichen Beiläufigkeit Lektionen erteilte, mit der andere Menschen Tiere schlugen, desto tiefer fraßen sich diese Worte in ihn hinein und begannen, ihre Bedeutung nicht mehr nur abstrakte Lehre zu sein. Was zu Beginn nur Wut gewesen war, dann Überlebenswille und schließlich kalte, formgebende Entschlossenheit, hatte sich in den Wochen seit seiner Ankunft auf diesem regennassen Höllenplaneten zu etwas verdichtet, das ihm selbst fremd und zugleich erschreckend vertraut erschien: Er fühlte, wie Leidenschaft tatsächlich Stärke gebar, wie Stärke nach Macht verlangte, wie Macht den Gedanken an Sieg in greifbare Nähe rückte und wie jeder dieser Schritte zugleich ein weiterer Bruch mit jenem Mann bedeutete, der einst geglaubt hatte, sich in den Schatten anderer retten zu können. Artek III hatte ihm keinen Frieden gebracht, und an diesem lichtlosen Ort erst recht keine Erleuchtung im feierlichen Sinn. Seine Metamorphose vollzog sich wie eine tödliche Malaise quälend langsam, vergleichbar mit einer schmerzhaften Häutung, bei der jede Demütigung, jeder Rückschlag und jede gelungene Anwendung der Macht ihn um ein weiteres Stück von dem entfernten, schweigsamen Sohn Umbaras entfernt hatte, der einst in Stille Schutz gesucht hatte.

Was ihn nährte war der Hass. Er saß in ihm wie ein Dorn, der nicht herauswuchs, sondern mit jedem Tag tiefer in das Fleisch eindrang.
Sikarius fragte noch immer nicht nach seinem Namen. Er nannte ihn Junge, Schüler, bleiche Vogelscheuche oder eine der zahllosen anderen Verkleinerungen, mit denen er die Wirklichkeit so lange verhöhnte, bis sie in seinen Händen die Form annahm, die ihm gefiel. Teneb spürte den Reflex, sich dagegen aufzulehnen, ihm den eigenen Namen mit aller Schärfe entgegenzuwerfen und auf diese Weise zumindest einen Rest von sich selbst gegen die Verwilderung durch diesen Mann in Stellung zu bringen, doch gerade darin lag die Falle, die er nicht mehr gewillt war zu übersehen. Wenn Sikarius den Namen nicht verlangte, dann würde Teneb ihn ihm auch nicht schenken. Je weniger Worte er mit seinem Meister wechselte, desto weniger gab er von sich preis, desto weniger Fäden hielt der andere in der Hand, die sich eines Tages gegen ihn würden spannen lassen. Dieses Schweigen war jedoch teuer erkauft, denn was nicht in Fragen, Erklärungen oder Korrekturen gegeben wurde, musste er sich selbst an Wissenskrumen entreißen. Jeder Zusammenhang, jede Technik, jede Ahnung einer Lehre lag in einem Nebel aus Spott, Halbsätzen und Gewalt verborgen, und Teneb hatte lernen müssen, aus Beobachtung, Misslingen und instinktivem Erraten all das zusammenzusetzen, was andere vielleicht als Unterricht bezeichnet hätten.
Mit dem Fortschritt wuchsen die Demütigungen.
Sikarius schien in dem Maße, in dem er eine Entwicklung an seinem Schüler wahrnahm, auch sein Bedürfnis zu steigern, ihn wieder in den Dreck zurückzustoßen, aus dem er ihn hervorgezogen hatte. Kleine Triumphe wurden im nächsten Augenblick durch neue Erniedrigungen erstickt. Ein sauber parierter Hieb führte zu einer plötzlichen Ohrfeige mit der Macht, nur um ihm zu zeigen, dass technische Korrektheit gegen Willkür nichts bedeutete. Ein geglückter Sprung, eine vorweggenommene Finte, eine durchgehaltene Kata wurden von Scherzen, Tritten oder jenem anmaßenden, fast vertraulichen Spott begleitet, der den Schüler zugleich provozierte und entwaffnete. Es fiel Teneb von Tag zu Tag schwerer, bei alldem die Beherrschung zu wahren. Sein Hass war kein fernes, theoretisches Reservoir mehr, aus dem er gelegentlich Kraft zog. Vielmehr war er zu einem zweiten Puls geworden, der in jeder Übung, jedem Blick, jedem widerlichen Tonfall seines Meisters mitlief. Mehr als einmal merkte er, dass seine Finger sich anspannten, lange bevor er es wollte, dass sein Blick zu hart wurde oder der Wunsch, Sikarius augenblicklich und mit allen verfügbaren Mitteln weh zu tun, ihm fast jede andere Überlegung aus dem Kopf brannte.

Der Unterricht selbst zersplitterte in diesen Tagen und Wochen in eine Folge von Übungen, die, zunächst zusammenhanglos wirkend, allmählich ein Muster offenbarten. Levitation etwa vertiefte
Teneb als unerquicklich kleinteilige Arbeit an dem Widerstand der Welt. Sikarius ließ Gegenstände über Tische, Böden und über seine eigene Reichweite hinweg verteilen und verlangte, dass sie sich bewegten. Ohne Komplikation hätte er seine eigenen Grenzen nicht überschritten, also war die Aufgabe nicht irgendwie, sondern gezielt, mit Kontrolle, in einem Winkel oder einer bestimmten Geschwindigkeit und auf einer Höhe, die Gegenstände zu bewegen, die der bloße Wille erst einmal finden musste. Der Bleiche begann mit einfachen Dingen, etwa einem Becher oder einem Werkzeug, später mit einem Messer, dessen Gleichgewicht ihn lehrte, wie unterschiedlich Materie auf denselben mentalen Zugriff reagierte. Er begriff, dass die Kunst der Levitation mehr war als der bloß Zug, es gehörte eine innere Haltung und vor allem ein inneres Festhalten ohne Berührung dazu. Der Fehler lag oft darin, dass er zu viel Gewalt einzusetzte, wo Präzision und gar mehr Gefühl nötig gewesen war. Was zu Beginn wie ein Zerren an einer widerspenstigen Welt wirkte, wurde mit der Zeit zu etwas Feinerem.

Die Machtsinne wiederum wurden auf Artek III nie als kontemplative Erweiterung des Bewusstseins behandelt, sondern als etwas, das im Zustand des Unbehagens geschärft werden musste.
Teneb übte sie in schlechten Räumen, unter Lärm, im Gestank von Alkohol, Schlamm oder alter Feuchtigkeit, während Sikarius redete, warf, lachte oder zuschlug. Er musste lernen, zwischen dem bloß Sinnlichen und dem in der Macht Erkennbaren zu unterscheiden, musste feine Unterschiede im inneren Druck erfassen, den andere Bewusstseine in der Welt hinterließen, und diesen Eindruck festhalten, auch wenn ihn Müdigkeit, Schmerz oder Furcht davon abbringen wollten. Manchmal war er dabei allein, blind in seinem Zimmer sitzend und versuchend, die Anwesenheit von Peska auf dem Korridor, von UX-23 hinter der Wand oder von Pai Lai in den oberen Gemächern zu erspüren. Ein anderes Mal zwang ihn Sikarius, inmitten des Dorfes zu sitzen und zu benennen, welcher Dorfbewohner sich mit welcher Stimmung durch den Regen bewegte. So lernte der Umbaraner, dass ein Zorn anders schmeckte als Furcht, dass berechnender Widerwille sich anders anfühlte als aufgeregte Unsicherheit und dass man die Aura eines Wesens nicht sah, sondern las wie eine Strömung, die einen Körper umspült.

Der Machtstoß blieb für lange Zeit seine natürlichste und zugleich unerquicklichste Technik, weil sie seinem Temperament entgegenkam und ihn dennoch auf die Grenzen roher Gewalt verwies. Anfangs schleuderte er die Kraft wie einen ungerichteten Stoß aus sich heraus, getrieben von Impuls und Frustration, und zu oft traf sie etwas, ohne dass sie das traf, was sie treffen sollte. Erst mit vielen Wiederholungen, mit zahllosen gescheiterten Versuchen gegen Fässer, Stühle, Kisten, gegen
Sikarius’ eigene parierende Gesten oder gegen Zielmarken im Garten, begriff er, dass der Stoß eine Linie brauchte, einen Gedanken, der schon vor der Entladung wusste, wohin die Energie gehörte. Die Kraft musste gesammelt, aufgestaut und dann mit einem kurzen, präzisen inneren Ruck freigesetzt werden; alles andere war Vergeudung. Und doch blieb ihm der Machtstoß auch deshalb wertvoll, weil er die reinste Form jener dunklen Genugtuung enthielt, die ihn immer häufiger antrieb, wenn er den Augenblick, in dem innerer Druck endlich nach außen brach und in der Welt eine sichtbare Folge hatte, die er hervorrief.

Die Machtgeschwindigkeit erwies sich als heimtückischer. Sie verlangte statt eines Ausbruchs, die Verdichtung.
Teneb übte sie in Katas, beim Ziehen der Klinge, beim Wechsel der Haltung, später in kurzen Schrittfolgen über nassen Stein oder durch die engen Wege zwischen Tempel und Dorf. Pai Lai nannte es eine Umstimmung des Körpers, Sikarius spottete, man müsse dem hässlichen Fleisch nur früh genug befehlen, mitzuhalten. Für Teneb fühlte es sich an, als ließe sich die Zeit für einen Herzschlag enger um ihn legen, als würden seine Muskeln, Sehnen und Nerven plötzlich in einer Sprache miteinander kommunizieren, die schneller war als gewöhnlich. Er scheiterte oft daran, dass die Bewegung dann ausfranste, dass seine Füße schneller waren als die Balance, oder die Hand der Klinge vorausging, während der Rest des Körpers noch in der alten Taktung hing. Doch gerade in diesen Missverhältnissen lernte er, dass Geschwindigkeit ohne Form nur eine andere Art des Scheiterns war.

Der Machtsprung schließlich blieb selbst nach seiner ersten gelungenen Anwendung eine Technik, die ihm den Leib jedes Mal neu als Problem vor Augen führte. Immer wieder musste er die Kraft in den Beinen sammeln, nicht zu früh, nicht zu spät, den Boden als Widerpart begreifen, gegen den er sich mit Hilfe der Macht schleuderte, und zugleich lernen, den Aufprall beim Landen nicht bloß zu ertragen, sondern in den Körper zurückzuleiten.
Sikarius ließ ihn auf Mauern springen, von Stufen, Vorsprüngen und den halb eingestürzten Terrassen des Gartens herabsteigen, immer in jenem Maß, das Fortschritt und Demütigung gerade noch zusammenhielt. Teneb hasste jede dieser Übungen und brauchte sie gerade deshalb. Denn nirgends wurde ihm deutlicher als hier, dass seine größte Schwäche nicht in einem Mangel an Entschlossenheit lag, sondern in der Schwierigkeit, den eigenen Leib vollkommen unter Befehl zu bringen.

Während er auf diese Weise Stück für Stück um sich selbst herumgebaut wurde, wuchs im Hintergrund eine andere Gegenwart, leiser zunächst, dann eindringlicher. Der Tempel rief. Nicht mit einer Stimme, die man hätte wiederholen können, und nicht zu jeder Stunde, doch beständig genug, dass Teneb irgendwann nicht mehr so tun konnte, als höre er nichts. Es begann in den stillen Momenten nach dem Training, wenn der Wind durch geborstene Gänge strich und die Schatten in den offenen Hallen zu tief wirkten, um bloß Schatten zu sein. Später kam es auch im Halbschlaf, in Pausen der Erschöpfung, in jenen Sekunden zwischen Wachheit und Abdriften, in denen man am wenigsten Herr über sich selbst war. Dann war da diese verführerische, süße Einflüsterung, die nicht Worte sprach und doch Bedeutung trug, ein Versprechen von Tiefe, von Macht, von etwas, das unter dem Stein und unter dem Verfall noch lebte und ihn zu erkennen schien. Mit jedem Tag wurde es schwerer, dieses Rufen bloß als Hintergrundrauschen abzutun. Es gewann an Gewicht, an Nähe, an Anspruch, und Teneb begann zu ahnen, dass die Prüfungen seines Meisters vielleicht nur der erste Kreis eines Weges waren, der weiter nach innen führte. Tiefer in den Tempel, tiefer in die dunkle Seite und tiefer in jenen Teil seiner selbst, den er noch nicht kannte und der dennoch bereits auf diese Stimme antwortete.

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[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Törcsván ] Leto und Teneb

Am Ende war es wieder UX-23, der Letos Fokus, persönlicher Quälgeist des Schülers zu sein, brach. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Wochen vergangen, während er wie ein übler Geruch über dem Geschehen gehangen hatte, immer mit einem Grinsen auf den Lippen, immer mit einer neuen Gemeinheit in der Hinterhand. Der eine Fokus seines Lebens, seinen Lehrling durch konstante, fantasievolle Misshandlung auf das dreckige Miststück vorzubereiten, das sich Galaxis nannte. Der Umschwung kam jäh. Die mechanische Erinnerung, dass mehr in Letos Zukunft lag, als jeden Morgen aufs neue seinen Schüler im Namen des Fortschritts ans Kreuz seiner Vorstellungskraft zu nageln. Die nächste Mission würde folgen. War bereits in Planung.

“Bereite dich darauf vor.”

, war die einzige Warnung, die Leto erhielt, doch fruchtete sie. Die Schreckensbilder von Noe’ha’on, N’zoth, Nkllon genug, um den Hyperfokus zu brechen. Oder wenigstens auszuweiten. Es schien, wie Leto in einem Anflug von Aberglauben auffiel, dass seine persönlichen Höllen sich immer auf Planeten wiederfanden, die mit N begannen. Der Trick war also vielleicht, dem Droiden ein Ausflugsziel aufzuschwatzen, das mit A begann. Wie Artek III. Oder so, zumindest wenn man ignorierte, in welch höllischem Zustand er fünf lange Jahre hier zugebracht hatte. Aber an die erinnerte er sich nicht, also konnte, wer auch immer ihm den Gedanken eingeflüstert hatte, gern die Fresse halten! Auf Artek gab es kein Feuer, keine Yevethaner und keinen mörderischen Dschungel! Alles, was es hier gab, war Regen, Regen und ein finsterer Tempel, der in dunklen Nächten seinen Namen flüsterte. Absoluter Urlaub, wenn man Leto fragte! Natürlich fragte ihn niemand. Er wusste, dass seine persönliche Aversion gegen N-Planeten nicht beeinflussen konnte, wo der Droide ihn letztendlich hinschicken würde. Also trainierte er, oder besser: Er gab seinem eigenen Training mehr Raum, während er ein bisschen weniger Zeit darauf verschwendete, den Schüler mit A beginnende Planeten madig zu machen.

Schwertkampf - echter Schwertkampf, nicht einfach mit überlegener Stärke, Schnelligkeit und Voraussicht gebruteforcte Streiche - war dabei ganz oben auf seiner Liste. Pai Lai hatte ihn genug Schlamm fressen lassen, dass er eingesehen hatte, hier eine Wissenslücke zu haben. Etwas, an dem er arbeiten musste. Wann auch immer der Sklave grade nicht damit beschäftigt war, den Dieb zu verprügeln, maß Leto sich mit ihm. Wie zuvor auch, kämpfte er dabei sogar fair. Ohne Machtverstärkung, einfach nur fokussiert darauf, seine Streiche korrekt auszuführen und nicht von Pai Lai auf mangelhafte Fußstellung hingewiesen zu werden. Es war nicht so, dass er Lob erwartete, sagte er sich. Aber f*ck den Rest trotzdem! Ein Blinder mit Krückstock musste sein göttliches Stück Selbstdisziplin erkennen können!

Ab und an kämpfte er auch gegen den Dieb und manchmal - ganz selten - gegen Pai Lai selbst. Es war nicht so, dass sie es vermied. Leto war es, der Ausreden fand, um nicht gegen jemanden kämpfen zu müssen, die so offensichtlich unter ihm stand, aber doch klar überlegen war. Es war ein mühseliges Training, kleinteilig, gänzlich entgegen Letos Naturell. Das einzige Mal, dass er so emsig an der Meisterschaft einer neuen Fähigkeit gearbeitet hatte, war die Illusion gewesen. Und auch dann eher durch Learning by Doing, während er zu vermeiden versucht hatte, irgendwann, irgendwo, von irgendwem auf Mission in den verf*ckten Boden gestampft zu werden. Daher also insgesamt eher schlecht für seine Laune, was er in selteneren aber dafür gemeineren Gemeinheiten an seinem Schüler ausließ.

Erneut wäre Leto vermutlich in dieser Routine versackt, hätte diesmal Pai Lai nicht eingegriffen. Das etwas anderes als Schwertkampf in den komischen Pilzkopf passte, wunderte ihn, doch erkannte er durchaus an, dass er über sein Scimitar seine anderen Fähigkeiten vernachlässigte. Nachdem sie ihn darauf hingewiesen, ihre Überlegenheit im Schwertkampf demonstriert und er den finsteren Reflex niedergerungen hatte, ihre dünnen Nudelglieder zu einem komplizierten Knoten zu schnüren und dann mit seinem Schwert entzweizuschlagen. Problem ge-f*cking-löst! Doch nein, sie hatte ja Recht. Wann hatte er beispielsweise zuletzt Zeit darauf verschwendet, seine Illusionsdoppelgänger auf sein neues Erscheinungsbild einzustimmen?! Im Tempel! Und daran konnte er sich ja nicht mal erinnern!

Also begann er damit - wie der Schüler auch - sich systematisch durch sein eigenes Repertoire an Fähigkeiten zu arbeiten. Und sie tatsächlich zu trainieren. Lange Stunden im Regen, den Geruch feuchter Erde in der Nase und das Rauschen der Witterung und des Meeres in den Ohren, während er einen neuen Leto-Klon modellierte, waren dabei erst der Anfang. Manches, wie das Abwehren von Machtangriffen, konnte er als Doppelzweck im Training des Schülers üben. Bei anderem musste er jedoch für die ihn umgebenden Wesen als absolut irre erscheinen. Um das schadlose Absorbieren von Energie zu üben, kam ein weiteres Mal sein modifizierter Blaster zum Einsatz. Die Reaktionen genießend machte er es sich rasch zur Gewohnheit, das Ding immer bei sich in der Tasche zu tragen und bei jeder sich bietenden und nicht bietenden Gelegenheit herauszunehmen, gegen seine Schläfe zu pressen und abzudrücken. Die Geste - und Absorption der schmerzhaften aber abgeschwächten Energie, ein falsches zu Boden gehen und abrollen - wurde dabei rasch zur Pointe einer Vielzahl von minderwitzigen Scherzen, die manchmal deutlich an der gezwungenen Miteinbeziehung des Blasters krankten.

Nicht, dass es Leto scherte. Er selbst hielt sich für unglaublich lustig und manchmal musste der Humor eben daher rühren, dass er den Zeugen seines gefälschten Selbstmordes selbst ein paar Bolzen auf den Pelz brannte. Nichts was ihm Freunde machte, aber durchaus wieder etwas, das ihm Freude machte. Da war es wieder, das beschissene N. F*ck das N, f*ck Leute und f*ck Leute, die ihn nicht mochten oder lustig fanden. Er brauchte niemandes Zuneigung, aber wenn sie sie ihm nicht entgegenbrachten, dann konnten sie eben Blasterfeuer fressen. Hahaha, pew pew pew! Immerhin war ein positiver Nebeneffekt, dass der Schüler unter dieser Behandlung wirklich gut darin wurde, das teils spontane Feuer in seine Richtung abzuwehren. Da war er wieder: Leto, bester Meister, der je seinen Schüler unterrichtet hatte! Gottgleich! Seine zerschmetternden Blitze schwachenergetische Bolzen aus einem kastrierten Blaster.

Und schließlich war da noch eine letzte Einflüsterung gewesen. Diesmal von keinem seiner Begleiter, weder von dem schweigsamen Dieb, dem scheinbar stummen Sklaven, dem schwatzhaften UX-23 oder der ätherischen Pai Lai. Etwas, das Leto leicht als seine eigene Idee verkauft hätte, hätte da nicht ein bitterer Nachgeschmack an dem Gedanken gehaftet, der ihn als fremden, fremden Impuls gebrandmarkt hätte. Eine sachte, subtile Erinnerung, dass er noch immer das Wissen über eine Technik in sich trug, an die er schon sehr lange nicht mehr gedacht hatte. Den Geisttrick, den der Schüler zu fleißig übte, mochte Leto nicht beherrschen, doch kannte er die Ansätze seines aussätzigen großen Bruders. Eine Weile lang übte er Gedankenkontrolle nur an den heimischen Ratten (oder wie man das Artek-Äquivalent auch immer nennen wollte), um wieder reinzukommen. Er beherrschte die Grundlagen und konnte seine Wissenslücken über den Bestientrick füllen. Für eine gute Woche wurde Törcsván von einer von einem seltsamen Humor besessenen Nagetierplage heimgesucht, die Klingelstreiche spielte, Schlüssel stahl und Schlafende biss. Erst dann begannen sich Dörfler von seltsamen Wünschen beseelt, plötzlich vor ihren Hütten wiederzufinden, kleine spontane Stepptänze auszuführen, oder ihren Lieben kreative Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Durch fremde Ohren hörte Leto ein dunkles Murren und Munkeln, dass etwas mit den ungebetenen Gästen vorzugehen schien, das schlimmer war als die kruden Scherze bisher. Fast wie die Zeiten, als das DING noch im Tempel gehaust hatte. Noch gab es keine Toten, aber es hatte damals ähnlich angefangen.

Leto schnaubte, während er der geflüsterten Unterhaltung hinter den Augen eines kleinen Nagetiers hervor verfolgte. Wind riss an seiner Kleidung, während er sich mit einer Hand an den Dachfirst des Hauses klammerte, in dem seine kleine Marionette grade an einem Vorratssack knabberte. Der Abend war gekommen und gegangen und nur ein stecknadelkopfgroßer Lichtpunkt seines Auges verriet einem möglichen Passanten seine Anwesenheit. Der Strippenzieher lauschte, kniff sein organisches Auge kurz zusammen, als ein Blitz über den schwarzen Himmel fuhr und das Relief der Tempelruine kurz erleuchtete, die schwarz und bedrohlich über ihm aufragte. Die dünnen Fäden eines dunklen Willens blieben jedoch unsichtbar.


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Jeder Post der Trainingsmontage umfasst ungefähr 3 Wochen und zeigt besondere Schlaglichter aus dieser Zeit
Outer Rim | Artek-System | Artek III | Trainingsmontage 2 von 3 | Teneb Dask und die anderen

Etliche Wochen nach jener Nacht, in der er den Geschmack fremden Blutes auf der Zunge und das Gefühl einer verbarrikadierten Tür im Rücken gehabt hatte, endete ein weiterer Morgen damit, dass Teneb Dask unter der Wucht eines kurzen, unsauber aussehenden, in Wahrheit jedoch vollkommen berechneten Hiebs den Boden verlor, seitlich wegrutschte und mit dem Gesicht voran in den kalten, vom Regen zu einer zähen Brühe aufgewühlten Schlamm des ehemaligen Prachtgartens stürzte. Noch ehe sein Verstand den Schlag als solchen ganz begriffen hatte, roch er Erde, altes Wasser, verrottetes Pflanzenmaterial und den metallischen Beigeschmack seines eigenen Blutes, das ihm aus der aufgeplatzten Lippe über das Kinn lief, während der Kyuzo bereits zurücktrat und das Trainingsschwert wieder in die Linie brachte, aufmerksam genug, um auf jede Gegenwehr zu reagieren, ruhig genug, um seine Überlegenheit nicht einmal ausstellen zu müssen. Hinter dem Klatschen des Schlamms und dem in den geborstenen Steinrinnen des Gartens versickernden Regen hörte Teneb das gehässige, von widerlicher Heiterkeit durchsetzte Lachen seines Meisters.

„Sieh mal einer an“, rief Sikarius aus jener halb angelehnten, halb lauernden Haltung, die er einnahm, wenn ihn die Niederlage anderer in besonders gute Laune versetzte. „Kaum kratzt man ein bisschen an dir rum, liegste wieder da, wo du herkommst.“

Teneb stemmte sich hoch, spuckte Schlamm und Blut aus und fühlte, wie etwas Heißes, Dunkles, lange Genährtes in ihm mit einem Mal nach oben schoss. Er sah Peskas Maske, die in den letzten Wochen geflickt worden war, die geschlossene, kontrollierte Ruhe der Haltung, dieses beinahe beleidigende Maß an Gleichgewicht, und ohne einen Gedanken an Technik oder Lehrplan schleuderte er die Macht aus sich heraus. Sie traf den Kyuzo seitlich, doch fehlte es ihm an jener sauberen, präzisen Härte, die Pai Lai an einem guten Tag vielleicht anerkennend zur Kenntnis genommen hätte, sondern als rohe, von Kränkung getriebene Welle, die Peska einen Schritt, dann noch einen halben zurückwarf und seine Schulter gegen einen verkrüppelten Rest einstiger Gartenarchitektur schlagen ließ. Es war kein Sieg, kaum mehr als ein schwaches Unentschieden. Der Kampf wurde von UX-23 für beendet erklärt, als hätte die Szene ihm am Ende doch noch jenes Maß an Daten geliefert, das er gesucht hatte.

Die Gewalt jener Nacht hatte auch an seinem eigenen Körper Spuren hinterlassen, nur auf unerquicklichere und demütigendere Weise, als ihm zunächst bewusst gewesen war. Dort, wo er sich im Gerangel mit dem Kyuzo so tief in fremdes Fleisch verbissen hatte, dass warmes Blut ihm den Mund gefüllt und zwischen die Zähne gelaufen war, begann sich nach einigen Tagen ein pochender, dumpfer Schmerz festzusetzen, der zunächst wie eine harmlose Reizung wirkte, dann jedoch heißer, tiefer und beißender wurde, bis jede stärkere Bewegung des Kiefers, jeder Bissen und selbst das bloße Zusammenpressen der Zähne ihm unangenehm in den Schädel zog. Als schließlich auffiel, dass das Zahnfleisch an einer Stelle entzündet war und sich die verletzte Mundpartie sichtbar gerötet und geschwollen hatte, wurde er gegen seinen ausdrücklichen Willen festgesetzt, untersucht und mit Bacta behandelt, was
Teneb weit weniger als Fürsorge denn als eine weitere Form der Entwürdigung empfand. Das kalte, glitschige Gefühl des Medikaments an Lippen, Zahnfleisch und aufgeplatztem Gewebe, der sterile Geruch medizinischer Reinheit, der in dieser rohen, feuchten Umgebung fast obszön wirkte, und vor allem die bloße Tatsache, dass andere auf diese intime, animalische Spur seines Überlebenskampfes blickten, machten ihn reizbarer, als es der Schmerz allein vermocht hätte. Er hasste das Bacta, hasste die feuchte, glänzende Oberflächlichkeit dieser Heilung, die vorgab, etwas wiederherzustellen, während sie in Wahrheit nur dafür sorgte, dass der Körper schneller wieder für neue Zumutungen taugte.

Gerade dieser Umstand nagte nun an ihm, während er mit schlammverklebter Wange im Gras kniete und begriff, dass ausgerechnet der Mann, den er in einer Nacht der Panik gebissen, zerkratzt und beinahe verstümmelt hatte, nicht nur ohne bleibenden Schaden daraus hervorgegangen war, sondern sich im Gegenteil mit derselben stillen Gefährlichkeit bewegte wie zuvor. Die Verletzung an
Peskas Schulter war verheilt, die Maske geflickt, der Körper wieder ganz aufgerüstet für seine Rolle als lebender Prüfstein, und diese Tatsache fraß sich tiefer in Teneb hinein, als er es sich selbst eingestand. Es war nicht bloß Frust darüber, dass der Gegner geblieben war. Die stillschweigende Lektion, dass rohe Verzweiflung, tierhafte Gewalt und ein kurzer Überschuss an Dunkelheit nicht genügten, um einen solchen Krieger wirklich zu brechen, nagte an dem Umbaraner. Er WUSSTE, dass er es besser konnte. Wieso gelang es ihm dann nicht dieses Können in die Realität umzusetzen? Wieso konnte er die Erfolge in seinem Training nicht auf die Situation, auf die es ankam, übertragen?

In den vergangenen Wochen hatte
Pai Lai mit jener unbegreiflichen Geduld, die in ihrer Spezies ebenso fremdartig wirkte wie die schwebende Logik ihrer Bewegungen, neue Katas der Juyo-Form in ihn hineingeschrieben, eine nach der anderen, enger, grausamer, anspruchsvoller in ihren Übergängen, aufgeladener in jener kontrollierten Wildheit, die ihn immer wieder an den Rand seiner Koordination trieb. Sie hatte seine Handstellungen korrigiert, seine Schritte enger gezogen. Sie musste die Winkel seiner Klinge schärfen und hatte ihm beigebracht, dass auch Raserei eine Struktur besitzen konnte, wenn man sie nicht auslebte, sondern den eigenen Willen aufzwang. Gleichzeitig hatte sich der Umgang mit dem Trainingslichtschwert spürbar verfeinert. Seine Bewegungen waren noch immer nicht schön, ihre Rohheit noch längst nicht abgeschliffen, und oft sah er in Peskas Reaktionen deutlicher als in jeder verbalen Kritik, wo seine Linien zu offen, seine Gewichtsverlagerungen zu laut, seine Finten zu erkennbar waren. Und dennoch war er stärker geworden. Schneller. Zäher. Sogar Gefährlicher. Gerade deshalb traf es ihn härter, dass all dies nicht reichte. Jeder kleine Fortschritt, den er mühsam errang, schien in den Übungskämpfen gegen den Kyuzo sofort in die richtige Größenordnung gerückt zu werden, und jedes Mal stand Sikarius daneben und machte aus diesem Missverhältnis ein Schauspiel.

So wurde etwas anderes zum Nährboden für Gedanken, die er nicht mehr zuverlässig von Einflüsterungen unterscheiden konnte. Der vernarbte Baukörper, dessen Innenräume selbst im Tageslicht eine andere Dichte besaßen als die übrige Welt, schien ihn inzwischen nicht nur im Traum zu rufen. Es begann am Rand der Wahrnehmung, dort, wo Müdigkeit, Hunger und Groll die innere Grenze aufweichten. Ein Flüstern in den Fluren. Eine süße, faulige Gegenwart in den Pausen nach dem Training. Das Gefühl, dass unter dem Stein etwas lebte, das älter war als
Sikarius, älter als Pai Lai, älter als die Garnison und vielleicht älter als der Tempel selbst. Wenn Sikarius ihm manches aus Neid vorenthielt, wenn sein Meister ihn verspottete, beschränkte, prüfte, vielleicht nicht nur um ihn zu härten, sondern auch um ihn klein zu halten... was, wenn der Tempel selbst bereit war, anderen Maßstab an ihn anzulegen?
In einer Nacht, in der der Regen nur als fernes, atmendes Rauschen gegen Mauern und Dächer lag und das Dorf unter jener drückenden Schwärze schlief, die auf Artek III eher klebte als fiel, gab der Bleiche dieser Frage nach. Er verließ sein Zimmer ohne Licht, trat über die dunklen, feuchten Steine der Anlage und ging hinauf zum Tempel, während jeder Schritt zugleich entschlossen und zögernd war. Die Ruine empfing ihn wie ein Organismus, der ihn schon lange erwartet hatte. Keine Bewegung war sichtbar, und doch schien alles an diesem Ort in langsamen, krankhaften Rhythmen zu pulsieren. Die Mauern standen, aber nicht wie Architektur steht, sondern wie etwas, das sich für den Anschein von Unbeweglichkeit entschieden hatte. Aus den offenen Gängen quoll eine Finsternis, die nicht mit Abwesenheit von Licht zu tun hatte, sondern mit Anwesenheit von Tiefe. Das wenige Mondgrau, das auf geborstene Kanten fiel, wirkte wie ein zu dünn gezogener Schleier über einem Abgrund.

Als
Teneb die ersten Schritte hineinsetzte, änderte sich die Luft. Sie wurde schwerer, süßer, tiefer, und in ihr lag ein Geruch, der ihn zugleich an altes Bacta, verrottende Algen und aufgebrochenes Fleisch denken ließ. Er hörte etwas, das wie Stimmen war und doch nicht gesprochen wurde. Es war keine Sprache, sondern das Geräusch von Gedanken, die nicht die seinen waren und trotzdem in ihm Form annehmen wollten. In den Schatten bewegten sich Konturen, die nie ganz zu Körpern wurden. Wucherungen aus Stein, die sich im nächsten Wimpernschlag als Gliedmaßen zeigten. Gesichter, nur halb aus der Wand getreten, mit zu vielen Augen oder mit Münderreihen, wo Stirn hätte sein müssen. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich plötzlich nicht mehr nach Stein an, sondern nach etwas, das Stein bloß nachahmte, darunter aber weich, fasrig, beinahe organisch blieb. Jeder weitere Schritt wurde begleitet von der Empfindung, tiefer in etwas einzudringen, das ihn wahrnahm und willkommen hieß. Doch war der Umbaraner mittlerweile abgebrüht genug zu wissen, dass das keine Güte war, es entsprang aus jener alten, namenlosen Gier, mit der Abgründe nach dem blicken, was an ihren Rand tritt. Er hätte umkehren sollen. Stattdessen ging er weiter.

Da packte ihn etwas am Arm. Die Manipulationsgreifer von UX-23 schossen mit kalter Präzision vor, schlossen sich um Stoff und Fleisch und rissen ihn rückwärts, während die Repulsoren des Droiden heulend gegen seine Vorwärtsbewegung arbeiteten. Teneb fuhr herum, riss instinktiv an dem Griff, doch der Tempel war bereits dabei, die Ränder der Wirklichkeit wieder zusammenzuziehen, und für den Bruchteil einer Sekunde wusste er nicht, gegen wen seine Wut sich richtete. Gegen die Maschine oder gegen den Verlust der Tiefe, die eben noch vor ihm aufgegangen war? UX-23 verstärkte den Zug. Teneb verlor das Gleichgewicht, schlug hart auf das Steißbein und sah weiße Funken hinter den Augen aufblitzen.

„Schüler, ihr seid nicht autorisiert“, sagte der Droide, und seine Stimme schnitt wie kaltes Metall durch die letzten Fäden der Trance. „Noch ein Schritt weiter und ich veranlasse disziplinarische Maßnahmen.“

Der Schmerz im unteren Rücken, grell und unmittelbar, war es, der den Rest vollends zerbrach. Der Tempel trat zurück, als sei ein Schleier zerrissen worden. Was eben noch nach organischer Tiefe ausgesehen hatte, war wieder Ruine. Dunkel, verdorben, bedrohlich aber wieder als Raum begreifbar.

„Lass mich los“, zischte Teneb, mehr beschämt als wütend.

„Negativ, fehlender Erfahrungsstand“, antwortete UX-23.

„Das behauptet er auch“, erwiderte Teneb und meinte Sikarius, auch wenn er den Namen aus einem Gefühl der Rache ebenfalls nicht aussprach. „Vielleicht hält er mich deshalb fern. Vielleicht weiß er, dass dort etwas auf mich wartet, das er selbst nie greifen konnte.“

Erneut fand sich der Umbaraner also auf seinem Hosenboden wieder, diesmal im Angesicht des vor ihm schwebenden Droiden, dessen Greifer ihm gefährlich nah kamen. Der Droide schwebte ein Stück zurück, behielt ihn jedoch so im Winkel, dass jeder neue Vorstoß sofort abgefangen werden konnte. „Darth Sikarius hält vieles fern. Wenn ihr euch gegen ihn beweisen wollt, folgt nicht seinem Pfad der Selbstzerstörung.Es. ist. zu. früh.“

Teneb richtete sich mühsam auf. „Also wann? Wann wäre ich reif genug für eure Mysterien der Macht? Wenn ich genauso verkrüppelt bin wie er?“

„Wenn der Fähigkeitsstand adequat ist. Das ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht gegeben.“

Widerwillig folgte der Bleiche dem binären Vertreter des Sith Ordens und gingen den Rückweg als zwei Wesen, die aus unterschiedlichen Gründen verhindern wollten, dass dieser Abend im völligen Verderben endete. Der Wind strich über die Ruinen, Regen sammelte sich in alten Vertiefungen, und ihre Schritte hallten in einem Schweigen, das erst spät von Teneb gebrochen wurde.

„Ich verabscheue ihn“, sagte er schließlich, ohne den Blick zu heben.

„Das ist kein Hindernis“, entgegnete UX-23 sofort. „Es ist Material.“

Teneb schwieg. Der Droide setzte nach, seine Stimme so gleichförmig wie immer und gerade deshalb unerquicklich überzeugend. „Je schneller ihr stärker werdet, desto schneller werdet ihr eure Ketten zerbrechen. Ob ihr dabei den Meister hasst oder bewundert, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass ihr Stärke erlangt.“

Durch Stärke erlange ich Macht. Durch Macht erlange ich den Sieg. Durch den Sieg zerbersten meine Ketten. Die Macht wird mich befreien.

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Während die Wochen verstrichen, verblasste der kurze Sommer auf Artek IIIs Südhalbkugel und ein regnerischer, stürmischer und kalter Herbst legte sich über das kleine Dorf Törcsván. Sicher, alle diese Adjektive hatten auch den Sommer beschrieben, doch war es immer leicht, nur die schlechten Aspekte der guten Zeit zu sehen, bis die Zeiten aufgehört hatten, gut zu sein. Das Wetter wurde nicht zwangsläufig anders. Nein, sicher nicht. Doch es wurde und es wurde mehr, als es das bislang gewesen war. Nachtfröste tauchten die bisher lebendig grüne Graslandschaft jeden Morgen in ein helles Gewand aus Reif und hungrige Stürme taten ihr Bestes, die Dächer des Dorfes abzudecken. Dies war nicht Törcsváns erster Herbst. Und doch klang es gefühlt jeden zweiten Tag so, als wäre heute Abend sein Ende gekommen.

Und dann war da der Nebel. Im Sommer war er ein eher seltener Gast gewesen, nur manchmal vorbeischauend, um zu sehen, mit wie viel Angst die Dorfbewohner ihm begegnen würden. Der Herbstnebel jedoch schien beinahe lebendig. Wann immer es grade nicht fror oder regnete, stieg er aus der Steppe auf und legte sich mit der klammen Beharrlichkeit eines unerwiderten Verehrers um die Häuser und versuchte mit kalten Fingern durch Ritzen und Spalten einen Weg ins Innere zu finden. Niemand mochte den Nebel. Die Dorfbewohner munkelten, dass die Schatten des zerstörten Tempels in seinem Schutz ins Dorf kämen, um Unvorsichtige den Hügel hinaufzulocken.

Leto begegnete derlei Abergläubeleien natürlich mit grausamem Spott und mehr als einem kruden Streich, den er den armen Leuten von Törcsván spielte. Doch lag dies nicht unbedingt daran, dass er die Idee für lächerlich hielt. Tatsächlich schien ihm der Tempel grade in diesen Tagen noch höher über ihnen aufzuragen. Seine toten Fenster und geschlagenen Wunden blickten mit noch tieferer Schwärze auf sie hinab, wenn das Training sie mal wieder in den Prachtgarten führte, und der Wind schien sich ein Beispiel an Letos Humor genommen zu haben. Ein seltsames, vielstimmiges Pfeifen hallte an windigen Tagen über das Dorf, das mal wie trauriger Gesang, mal wie ein helles Lachen klang. Mal wie ein lüsternes Nachpfeifen, wenn der Schüler oder er dem Tempel mal wieder zu nah kamen. Aber das war natürlich alles Einbildung.

Leto schlief schlecht. Während des Wachens ließen ihn der Nebel, und der Wind, und der Tempel nicht in Ruhe, aber nachts war es noch schlimmer. Mal um Mal träumte er davon, wie er als gedankenloses Etwas durch finstere Gänge streifte. Der Wind sein Begleiter, der Nebel sein Umhang. Die Kakophonie der beiden Stimmen in seinem Kopf heulte lauter als er sie je gehört hatte und schwoll immer mehr zu einem Wasserfall aus Worten an, der mehr Richtung als Sinn vorgab. Und in seinem Magen brannte ein Feuer. Ein Hunger, der nur durch Auslöschung gestillt werden konnte. Und wurde. Manchmal kam zu lange keine kleine Fliege in sein schwarzes Netz gesummt und dann stieg er hinab, kroch auf ausgemergelten Gliedern ins Dorf hinunter und nahm sich, was ihm nicht freiwillig gegeben wurde.

Die Tage waren besser! Böse Streiche waren eine gute Methode, die Laune aufrechtzuerhalten, genau wie sein Langzeitprojekt, andere Wesen mehr und mehr seinem Willen unterwerfen zu können. Doch der wahre Retter seiner Stimmung war Rousseaus Selbstgebrautes. Egal ob in niedrigprozentiger Bierform oder als Branntwein - das Zeug war leicht zugänglich und potent. Und das perfekte Mittel, wenn ihm das Wetter aufs Gemüt drückte, oder er von f*cking Pai Lai im Schwertkampf besiegt wurde, oder er sich den Zeh am Nachttisch gestoßen hatte. Im Pub räumte der Schankwirt ihm nach, doch oben am Tempel, wo das verdorrte Gras sich weit den Hügel hinab ausgebreitet hatte, stapelten sich leere Flaschen in den vielen Turbolaserkratern.

Mehr als einmal sah Leto sich in diesen Tagen dabei zu, wie er stumpf und unbeteiligt auf das Training starrte. Der Schüler übte Katas, er wurde also grade nicht gebraucht. Der Nebel verbarg seinen trüben Blick und mit einer Müdigkeit, die er sich in den schlaflosen Nächten gewünscht hätte, lehnte er seinen Kopf gegen die Wand des Tempels, in dessen offenen ersten Stock er sich zum Zuschauen zurückgezogen hatte. Mürrisch hing er in diesen Momenten seinen betäubten Gedanken nach. Dabei fühlte er sich, als söge er den Nebel mit jedem Atemzug in sich auf, als hätten die klammen Finger seine Nase mit einem Riss in der Hauswand verwechselt und versuchten nun, sich mit fordernder Nachdrücklichkeit Zugang zu verschaffen. Ein schmeichelndes Streicheln über die Wange, ein kruder Versuch des Eindringens.

Du willst es doch auch.

Es war, als waberte der Nebel schon in Letos Kopf. Als hätte die äußere Windstille sich Zutritt verschafft und drohte jenen Funken zu ersticken, der ihn bisher dazu getrieben hatte, seine Umgebung zu piesacken. Die Klippe lag in diesem Nebel, unbewegt, und doch schien es ihm in diesen Momenten häufig, dass im Tempel ein eigener Wind seinen Namen heulte.


[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Törcsván ] Leto und Teneb
 
Jeder Post der Trainingsmontage umfasst ungefähr 3 Wochen und zeigt besondere Schlaglichter aus dieser Zeit
Outer Rim | Artek-System | Artek III | Trainingsmontage 3 von 3 | Teneb Dask und die anderen
Während die Wochen verstrichen, veränderte Artek III sein Gesicht nicht durch eine plötzliche, eindeutige Metamorphose, sondern auf jene schleichende, unerquicklich intime Weise, in der Verfall sich in Gewohnheit einschreibt, bis selbst das, was einst bloß unerquicklich gewesen war, im Rückblick fast milde erscheint. Der kurze Sommer, der ohnehin nie etwas Heiteres an sich getragen hatte, zog sich von der Südhalbkugel des Planeten zurück wie ein fiebriger Patient, der zuletzt nur noch aus Trägheit geatmet hatte, und über Törcsván legte sich ein Herbst, der Farben, Ernte oder pittoreske Landschaften fremd war und eher ein Kleid des Entzugs, mit Tristesse, mit jener kalten Beharrlichkeit, die alles Lebendige daran erinnert, dass Leben nur ein rasch verwelkendes Gut ist, dass einem nur vorübergehend zuteil wird. Das Gras, das noch vor wenigen Wochen in stumpfem, widerständigem Grün zwischen den Hängen, den Moorlöchern und den aufgeweichten Pfaden gestanden hatte, trug nun morgens einen hellen Reif, der in der Dämmerung beinahe schön wirkte, bis man erkannte, dass es sich nicht um Zierde handelte, eher um den ersten dünnen Vorboten des Absterbens. Die Stürme, die zuvor wie missgelaunte Gewohnheiten über das Dorf hinweggegangen waren, hatten an Zähigkeit gewonnen und rissen nun nachts an den Dächern, als wollten sie prüfen, welches Haus zuerst seinen Willen verlor. Manchmal klang es, als werfe sich die ganze Steppe aus einer hungrigen Wut heraus gegen die Wände. Der Nebel glich nicht mehr seinem Meister, einem ungebetenen Gast der nicht mehr gehen wollte, nahm vielmehr die Gestalt der stillen Besitzergreifung eines Wesens an. Er stieg aus den nassen Senken, aus den kalten Mulden der Steppe und den dunklen Furchen zwischen den Hängen auf, kroch an den Pfählen der Zäune hinauf, legte sich um die Häuser und presste sich mit klammer Beharrlichkeit an jeden Spalt, als suche er nach dem einen vergessenen Zugang, der ihm ins Innere gestattete, was ihm draußen schon längst gehörte. In diesen Stunden verlor das Dorf seine Umrisse und gab sich der wetterbedingten wie emotionalen Einöde der Jahreszeit hin. Die Lichter in Rousseaus Pub oder an den wenigen Fenstern der Garnison schienen keine Wärme zu versprechen. Die Dorfbewohner mieden den Nebel mit jener Form von Aberglauben, die Teneb Dask hier hinter vorgehaltener Hand immer wieder flüsternd wahrnahm. Ein Aberglaube, der sich aus jahrzehntelanger Erfahrung speist und irgendwann klüger wirkt als jedes aufgeklärte Lachen. Sie sagten, die Schatten des zerstörten Tempels kämen in seinem Schutz hinab, und Teneb, der inzwischen genug Nächte auf diesem Planeten erlebt hatte, um zu wissen, dass manche Dummheit nur die falsche Sprache für Wahrnehmung war, spottete darüber nicht mehr so leichtfertig wie zu Beginn seines Aufenthaltes auf diesem kargen Felsen gebrochener Träume und Versprechen von gescheiterter Größe.

Das Klima setzte sich in seinen Leib fest. Die Kälte war keine saubere, trockene Schärfe, gegen die man sich mit Entschlossenheit oder Kleidung abgrenzen konnte. Im Gegensatz zum schneeverwehten Kijimi war Artek III, zumindest dieses Kleinod, von einer kalten, kriechenden Feindseligkeit, die sich in Stoff, Haut und Gelenke fraß. Morgens spürte er sie zuerst in den Händen, später im Kiefer und an Tagen, an denen der Wind aus einer bestimmten Richtung kam, glaubte er selbst in den alten Verletzungen etwas wie ein dumpfes Wiedererwachen zu spüren. Die Nächte wurden länger und schluckten Geräusche auf eine Weise, die sie nicht beruhigender, sondern unheimlicher machte. Oft stand er in einem Türrahmen oder an einem der zerschlagenen Fenster der Vorbauten des Tempels und sah hinaus in dieses verhangene, kalte Land, das weder Reichtum noch Trost noch irgendeine Form von Größe zu bieten schien, und fragte sich mit wachsender Bitterkeit, wie es sein konnte, dass Wesen wie
Sikarius, Pai Lai oder selbst er selbst, die in der Lage waren, Gedanken zu biegen, Körper gegen die Schwerkraft zu zwingen, Gewalt mit bloßem Willen auszuüben und das Gewebe der Wahrnehmung anderer zu verformen, ein derart karges, armseliges Leben führten. Je länger er darüber nachdachte, desto schärfer trat die Absurdität hervor. Mit solchen Kräften hätte man auf jeder reicheren Welt der Galaxis Wesen kaufen, Märkte erschüttern, Politiker lenken, Händler ausnehmen und sich in weniger als einem Jahr ein Vermögen zusammenrauben können, das auf Umbara Generationen beschäftigt hätte. Stattdessen lebten sie in einem windschiefen Dorf am Rand eines verfluchten Tempels, tranken schlechtes Bier, stanken nach Schlamm und Blut und ließen sich von Garnisonsmedizinern sagen, wann ein Knöchel belastbar genug war, um wieder gequält zu werden. Anfangs erschien ihm das wie ein Beweis für eine tiefergehende Narrheit der Sith, später, mit wachsendem Unbehagen, kam ihm der Gedanke, dass vielleicht gerade darin eine Wahrheit lag, die ihm noch nicht zugänglich war. Nämlich dass Macht, wenn sie groß genug wurde, nicht mehr mit Besitz verwechselt werden durfte, weil Besitz nur die Sprache jener war, die ihre Ketten vergoldeten, statt sie zu sprengen.

Das Training ging weiter, und der Herbst verlieh ihm nicht Milde, sondern eine neue, fast rituelle Düsternis. Die Voraussicht, die
Sikarius ihm zunächst mit Blaster, Blindheit und Spott aufgezwungen hatte, wurde nun in einer Atmosphäre geübt, die dem Nervensystem ohnehin keine Ruhe ließ. Im Nebel lernte Teneb, Bewegungen zu hören, bevor sie sichtbar wurden, Spannungen in der Macht zu erfassen, die nicht mehr von klaren Linien oder offenen Gesten begleitet waren, sondern aus Verdichtungen im Unsichtbaren bestanden. Man stellte ihn in die weiß verschluckten Wege zwischen Garnison und Dorf, ließ ihn dort stehen, bis Kälte und Feuchtigkeit seine Wahrnehmung rau genug gemacht hatten, und dann kamen Würfe, Schüsse, herabfallende Gegenstände oder bloß das plötzliche Heranbrechen eines Körpers aus dem Dunst. Er lernte, nicht auf das Ereignis zu warten, sondern auf das Vorzeichen, jene kleine, vibrierende Verhärtung der Welt, die jeder Gewalt einen Augenblick vorausgeht, wenn man nur still genug im falschen Sinn und angespannt genug im richtigen ist. Mal gelang es ihm, rechtzeitig auszuweichen, eine Klinge zu heben, den Kopf zu drehen. Andere Male wiederum kam er dennoch zu spät und trug blaue Flecken, Schrammen oder den Spott seines Meisters davon. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas Grundsätzliches, denn die Welt wurde nicht sicherer, aber dichter lesbar.

Der Geistestrick und die subtile Beeinflussung anderer nahmen in dieser Jahreszeit eine neue Färbung an. Wo der Sommer noch Lärm, Reibung und offenes Tageslicht geliefert hatte, bot der Herbst ihm Nebel, Einsamkeit, Aberglauben und eine allgemeine Grunderschöpfung, in der menschliche Willensstärke mürber wurde als in jeder klaren Situation.
Teneb begann, diese Bedingungen auszunutzen. Zunächst tat er es aus Gehorsam gegeüber seinem Meister, doch dann mit einer Bereitschaft, die ihn selbst beunruhigt hätte, wäre sie ihm nicht zugleich so angenehm gewesen. Er stand im weißen Dunst am Rand eines Weges und lenkte die Schritte eines Holzsammlers auf den falschen Pfad, gerade weit genug, dass dieser glaubte, das Heulen im Nebel sei ihm gefolgt. Er brachte eine alte Frau dazu, in der Dämmerung noch einmal vor die Tür zu treten, weil sie meinte, im Tempel ein vertrautes Licht gesehen zu haben. Sie wurde nie wieder gesehen. Er ließ einen jungen Rekruten überzeugt sein, dass etwas in den Klippen auf ihn wartete, und genoss den Ausdruck in dessen Gesicht, als der eigene Mut unter der Last einer irrationalen Furcht zu bröckeln begann und dann mit einem leisen Schubs der Macht er eins mit den scharfkantigen Felsen wurde. Mitunter waren die Aufträge von Sikarius kaum mehr als boshafte Fingerübungen, die letzten Taten waren aber das Werk des Bleichen gewesen und bedurften keiner Anweisung seines Meisters. Manchmal, wenn der Hass auf seinen kapriziösen Meister so dicht in ihm zu einem Geschwür anwuchs, dass er keine unmittelbares Ventil fand, suchte er sich einen Dorfbewohner, dessen Gesicht oder Tonfall ihn im falschen Moment gereizt hatte und drückte diesem nur einen Hauch von Zweifel, Unruhe oder nackter Angst in den Geist, gerade genug, um den Betroffenen für eine Weile aus der eigenen Wirklichkeit kippen zu lassen. Einige von ihnen suchten auch danach das Licht mittels eines Blasters in ihren Brustkorb zu lassen, andere ließen sich hängen. Im doppelten Sinne. Er wusste, dass es verwerflich war. Der Gedanke kam ihm durchaus. Doch er bedeutete ihm wenig. Eine Gefühlskälte und innere Leere machte sich in ihm breit, die gefräßig wurde, auf dem immerwährenden Trip etwas zu tun, was irgendwas in ihm zur Regung bringen konnte. Vielleicht bedauerte er es gerade deshalb nicht, weil es sich gut anfühlte. Es war schlicht gut, weil er in diesen Augenblicken etwas tat, das Wirkung hatte und nicht sofort wieder von Sikarius verspottet, umgelenkt oder überboten wurde. Dass er dabei seinem Häscher mit jeder Tat in Geist und Aura ähnlicher wurde, drückte er in einer Illusion der Selbsttäuschung Grandeur von sich weg.

Die perfektionierte Körperbeherrschung erhielt im Herbst einen neuen, unerquicklich nützlichen Raum.
Pai Lai ließ ihn den glitschigen Hindernisparcours in der Bucht nun nicht nur in Trockenphasen, sondern auch unter Bedingungen durchmessen, die jede Bewegung zur Beleidigung des Körpers machten. Auf Raureif, auf nassem Holz, auf von Algen überzogenen Steinen, in Windstößen, die ihm den Schwerpunkt rauben wollten, musste er lernen, jeden Muskel nicht bloß zu spüren, sondern ihm Befehle zu geben, ehe die Umwelt ihn dazu zwang. Diese Technik begann sich nun auch mit anderen Anwendungen zu verschränken. Er leitete Macht in die Beine und in den Oberkörper, um mit Machtsprung und Körperbeherrschung zugleich über glatte Lücken zu gehen, statt sich bloß hinüberzuwerfen. Er verband Geschwindigkeit mit Präzision und ließ den Leib kurze Strecken lang in einer Dichte arbeiten, die nahe an Überforderung grenzte. Er versuchte, den Schmerz nicht mehr bloß als Brennstoff zu missbrauchen, sondern ihn in den Hintergrund zu verschieben, wenn Konzentration es verlangte, und scheiterte daran noch oft genug, um darüber jeden Stolz zu verlieren. Doch auch hier zeigte der Körper, so unerquicklich seine Belehrung war, eine Bereitschaft zur Anpassung, sobald man ihn nicht schonte, sondern zwang.

Die täglichen Trainingskämpfe gegen
Peska Khalo liefen wie ein zweites, dunkleres Kalenderwerk neben all diesen Übungen her. Der Kyuzo blieb ihm überlegen, daran änderte auch der Verlauf der Wochen nichts. Doch das Maß dieser Überlegenheit begann sich zu verschieben. Teneb wurde schwieriger zu lesen, weniger roh in seinen schlechtesten Fehlern, gefährlicher in dem, was seine Improvisation an Unsauberkeit noch mit sich brachte. Er konnte inzwischen länger durchhalten, schmutzige Momente besser ausnutzen, seine Machtanwendungen unregelmäßiger und dadurch wirksamer einstreuen. Peska musste aufmerksamer werden. Er wich nicht mehr bloß aus, sondern entschied zuweilen sichtbar, wann ein Angriff ernst genug war, um ihm volle Aufmerksamkeit zu widmen. Das genügte Teneb nicht, doch es reichte, um seinen Hass zu füttern, statt ihn in Ohnmacht erstarren zu lassen. Mehr als einmal traf er den Kyuzo inzwischen dort, wo früher nur Luft oder eine vorbereitete Gegenbewegung gewesen wäre. Nicht oft. Nicht entscheidend. Genug, dass er spürte, dass sich das Gleichgewicht zu seinen Gunsten änderte. Das hatte auch zur Folge, dass der Bleiche sein Schlafgemach besser absicherte und genau im Blick behielt, wann der Nichtmensch sich wo befand. Die Paranoia kroch langsam aber beständig über die Adern in seinen Blutkreislauf ein, sodass der Umbaraner sein Essen auf Vergiftung überprüfte und begann in der Dunkelheit Schemen zu sehen, die nicht die Geister seiner Ermorderten waren, sondern eine Fata Morgana des Kyuzo.

Gleichzeitig wuchsen unter Pai Lais Leitung die Katas der Juyo-Form weiter, die mehr waren als voneinander getrennte Figuren, sie wurden zu ineinandergreifende Schichten eines einzigen, langsam komplizierter werdenden Organismus. Was anfangs aus einzelnen Bewegungen und Übergängen bestanden hatte, wurde nun dichter, aggressiver, forderte mehr Verdichtung, mehr Mut zur Öffnung und mehr Kontrolle im exakt richtigen Augenblick. Juyo, begriff
Teneb immer mehr, war nicht bloß entfesselte Wildheit, sondern die absichtliche Führung einer Wildheit, die jederzeit in den Abgrund hätte kippen können, wenn der Wille nicht hart genug über ihr stand. In dieser Hinsicht war die Form nicht nur Technik, sondern Spiegelung. Sie verlangte von ihm, genau das zu tun, was auch die Ausbildung insgesamt verlangte: sich nicht von dem zerstören zu lassen, was einen zugleich stärker machte.

So stand er schließlich eines Abends, als der Nebel wieder um die Häuser von Törcsván kroch und der Tempel hinter dem Dorf wie ein dunkler Gedanke im Weiß schimmerte, am Rand des Hangs und blickte zurück auf die Wochen, die hinter ihm lagen. Nicht in dem Sinne, dass er sie verstand oder versöhnte, denn dazu waren Schmerz, Erniedrigung und Hass noch zu gegenwärtig, eher in jenem harten, klaren Sinn, in dem ein Wesen erkennt, dass er sich nicht mehr auf derselben Seite eines inneren Grabens befindet wie noch zuvor. Er war nicht mehr der bleiche Beobachter, der auf Umbara gelernt hatte, unter Worten zu leben und sich im Schatten anderer zu bewahren. Er war auch noch nicht der Sith, den
Sikarius in ihm zu sehen vorgab. Aber irgendwo zwischen dem ersten Würgegriff, dem Biss in Peskas Schulter, den gestohlenen Willen der Dorfbewohner, den wiederholten Stürzen, den Katas, den Schüssen, den kalten Nächten, dem Geschmack von Bacta und Blut hatte sich etwas unumkehrbar verschoben. Die dunkle Seite war nicht länger nur eine äußere Macht, die er benutzte. Sie hatte begonnen, seine Wahrnehmung, seine Entscheidungen und selbst seine Vorstellung von Gerechtigkeit umzuformen. Und als aus dem Tempel erneut jenes kaum hörbare, süße Flüstern an den Rand seines Geistes trat, war Teneb nicht mehr sicher, ob er davor gewarnt sein sollte oder ob er in Wahrheit längst darauf wartete, dass es lauter wurde.

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Seit jenem Tag, an dem Leto seinen Schüler voller Begeisterung an einen Stuhl gefesselt und mit Blasterbolzen traktiert hatte, waren drei Monate vergangen. Zwölf lange Wochen. Der Sommer war einen langsamen Tod gestorben und nun auch der Herbst deutlich vorangeschritten. Die Stimmung im Dorf spiegelte den Wetterumschwung und die Ankunft der Nebel wider, doch war sie in diesem Jahr erst gekippt, nachdem es das erste Mal seit Letos ‘Befreiung’ aus dem Tempel Tote gegeben hatte. Natürlich stand er sofort wieder im Verdacht. Er spürte die Blicke der Dörfler wie Dolche in seinem Rücken, wenn er selbstbewusst wie Sch*iße durch ihre Mitte wanderte, um seinen verschiedenen Projekten nachzugehen. Spürte ihre Emotionen und hörte ihr Getuschel, bevor seine Rattenspione ihnen abends in die Zehen bissen. Selbst das rote Auge von UX-23 ruhte immer öfter unverwandt auf ihm. Auch wenn er die Gedanken des Droiden nicht lesen konnte, so wusste er doch, was der alte Rostbeutel dachte!

Nicht selten fragte er sich selbst, ob sie alle nicht Recht hatten. Die Träume waren eindeutig, doch waren bösartige Streiche das einzige, dessen er sich schuldig bekennen wollte. Das letzte Blut, das er wissentlich vergossen hatte, war auf Nkllon gewesen. In kalter Berechnung, nicht im Wahn. Wobei er natürlich, was in der Kantine passiert war, gänzlich ignorierte. Nein, das war ja Teil des Auftrags gewesen. Als hätte er sich eine Spritze gesetzt, um die ganze Sache effektiver durchführen zu können. Ein bisschen Lebenskraft genascht und schon war es rund gegangen! Alles woran er sich erinnerte, war das Hochgefühl. Und danach… Fast fluchtartig hatten sie den Planeten verlassen und er hatte sich die vermiedenen Gesichter von Cullins und seinen Mitarbeitern genau so vorgestellt, wie ihn seine Umgebung ihn nun musterte. Und aus irgendeinem Grund war das viel schlimmer als alle Reaktionen auf seine bösartigen Streiche, seine skurrilen Witze und sein abgedrehtes Wesen zusammengenommen. Er war unschuldig - oder fühlte sich zumindest so. Warum mussten sie ihn SO anschauen und konnten ihn nicht einfach wie ein handelsübliches A*schloch behandeln?! Ein weiterer Grund, schlechte Laune zu schieben. Als hätte Leto so einen noch gebraucht.

Am Morgen eines gänzlich gewöhnlichen
Centaxtages fand Leto sich einmal mehr im Prachtgarten der Tempelruine wieder. Nicht, dass heute viel von besagter Pracht zu sehen war. Die Temperaturen waren eisig und die Luft dennoch derart voll Feuchtigkeit, dass ein dicker, suppiger Nebel über der Szenerie hing. Kaum drei Meter Sichtweite. Verdammte Sch*iße. Heute morgen wärmte Leto sich mit einer ebenso trüben Flasche Schnaps. Rousseau war so frustriert darüber, dass Leto ihm geleerte Flaschen nicht zurückbrachte, dass er stillschweigend damit begonnen hatte, Fusel in geleerte Softdrinkbehälter abzufüllen. Normalerweise hätte Leto die Respektlosigkeit gestört. Dann wiederum hatte er die Sache erst hier oben bemerkt und schließlich entschieden, dass ihm der Inhalt wichtig war und nicht die Verpackung…

Missmutig betrachtete Leto, wie der Dieb und sein Sklave Aufstellung bezogen. Warum tat er sich das nochmal an? Der Sklave würde gewinnen wie jeden Morgen und bla bla bla, gleiche Prozedur wie jeden Tag. Pai Lai war doch ohnehin die einzig wichtige Partei hier. Er hätte doch sicher noch ein oder zwei Stündchen mit dem Versuch totzuschlagen können, heute Nacht verpassten Schlaf nachzuholen. Und noch ein bisschen im Bett auf und abzugehen war sicherlich körperlich anstrengender als wie bestellt und nicht abgeholt zum drölfzigsten Mal in der Suppe zu stehen und dem Dieb zu beobachten, wie er Prügel bezog. Wenn Leto wenigstens derjenige gewesen wäre, der Prügel verteilte? Wer hatte nochmal die absolut besch*ssene Idee gehabt, jeden verf*ckten Tag mit einem Übungskampf zwischen den beiden Mistkäftern zu beginnen?! Sollte ihn doch der Blitz beim Sch*ißen treffen! Doch leider, leider gab es heute morgen nur Nebel und kein Gewitter weit und breit, das Leto aus seiner Misere befreien konnte.


“Na los, fangt halt schon an.”

, befahl Leto und gestikulierte eine vage ‘Go’-Geste mit seiner improvisierten Schnapsflasche. Seine verquollenen Augen glitten von den beiden Kontrahenten ab und fokussierten sich stattdessen auf das verblasste Label des ehemaligen Energydrinks. ‘Mit jedem Schluck ein neues Stück Elan. Der perfekte Start in den Tag!’, stand da in aggressiv nervigem Font. Leto wünschte, welchem A*schloch sich auch immer den Slogan ausgedacht hatte, den längsten und schmerzhaftesten Tod, den er sich vorstellen konnte. Und Leto war kreativ! Verf*ckte Sch*iße.


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Outer Rim | Sith-Welten | Artek-System | Artek III | Tempelklippe | Zerstörter Prachtgarten | Darth Sikarius, Teneb Dask und UX-23, Pai Lai und Peska Khalo [NPCs]

Manchmal glaubte Teneb Dask, Artek III sei mehr Prüfung, die sich als Landschaft verkleidet hatte, als ein Felsbrocken der mit wahnsinniger Geschwindigkeit um einen Stern kreiste. Alles hier schien darauf ausgerichtet, Widerstand nicht nur zu fordern, sondern ihn mürbe zu machen. Sei es das Wasser, das nie reinigte, die Kälte, die schneidend genug war um sich langsam und erbarmungslos in Muskeln, Knochen und Gedanken zu fräsen und mit jenem Nebel, der sich inzwischen wie ein zweiter Bewohner des Dorfes benahm, zudringlich, geduldig, anmaßend. In ihm wirkten die Häuser von Törcsván kleiner, die Wesen darin stumpfer, ihre Gesichter härter, und auch Teneb spürte, dass die Zeit auf diesem Planeten ihn nicht bloß gestählt hatte. Stattdessen hatte er eine Transformation erfahren, die ihn ausgezehrt, entkleidet und an Stellen freigelegt hatte, die früher unter Zurückhaltung, Takt und umbaranischer Reserve verborgen gewesen waren. Was nun von ihm zum Tempel hinaufstieg, war ein anderer Mann als das Wesen, das hier vor drei Monaten zum ersten Mal von der Gluthölle Nkllons in die prasselnden Schauer Artek III geraten war.

An diesem Morgen war der zerstörte Prachtgarten kaum mehr als eine geisterhafte Topographie aus Frost und Nebel, schwer auf den zerklüfteten Wegen liegend, über die sich der schwere Atem des nahen Ozeans gelegt hatte. Die Sicht war miserabel. Das Gras trug eine silbrige Haut aus Kälte, und dort, wo einst wohl Brunnen, Beete und Ordnung geherrscht hatten, standen nun nur noch verkrüppelte Schatten aus geborstenem Stein und schmutzigem Wasser.
Darth Sikarius lungerte mit einer Flasche billigen Fusels im Dunst, schlecht gelaunt genug, um selbst dem Nebel missmutig zu erscheinen, während Teneb und Peska Khalo sich wie an jedem Morgen gegenüber aufstellten. Der Kyuzo wirkte selbst in der Dämpfung des weißen Dunstes zu präsent, zu geschlossen, zu gefährlich, als könne ihn die Welt um ihn herum nie ganz verschlucken. Seine Spezies war für dichte Muskulatur, schnelle Reflexe und eine ausgeprägte Kriegertradition bekannt, und Peska trug all das in jeder Haltung seines Körpers.
Als
Sikarius ihnen mit einer beiläufigen Geste befahl, endlich anzufangen, setzte Teneb sich sofort in Bewegung. Er hatte längst begriffen, dass es im Kampf gegen Peska keine Gerechtigkeit geben würde, keine schöne Kurve des Fortschritts, in der technische Verbesserung irgendwann wie von selbst zum Sieg führte. Juyo hatte ihm etwas anderes beigebracht: Aggression war nicht blind und dass die Form gerade deshalb als die wildeste und gefährlichste galt, weil sie kontrollierte Leidenschaft in fortgesetzten Angriff übersetzte. Seine Klinge kam hart, in einer Folge enger, giftiger Winkel, nicht sauber genug für Eleganz, aber schnell genug, um Aufmerksamkeit zu fordern. Gleichzeitig warf er seine Machtsinne wie Netze in den Nebel, um Peskas Bewegungen zu erfassen.
Der Kyuzo fing die ersten Schläge ab, glitt zur Seite. Jede seiner Bewegungen wirkte, als habe sein Körper einen direkteren Zugang zur Mechanik des Kampfes als jeder andere Leib, gegen den
Teneb, selbst der seines Meisters, bisher angetreten war. Doch diesmal wich Teneb nicht in bloßes Reagieren zurück. Er nutzte die Macht um seinen Gliedmaßen zu animieren, um in kurzen, ruckartigen Verdichtungen, mit denen er Schläge plötzlich abbrach, neue Winkel gewann und dort beschleunigte, wo sein Gegner ein Zögern erwartete. Wie ein Herr seinen Dienern Befehle gab, dominierte der Sith Schüler seinen Körper und zwang ihn zu Reaktionen, die das überstiegen, was dieser normalerweise leisten konnte. Als Peska seine Klinge quer in seine Linie brachte, versuchte der Bleiche im selben Atemzug, mit der Macht am Griff der Klinge zu ziehen, stark genug, um den Rhythmus zu stören. Das Manöver reichte nicht, um den Kyuzo zu entwaffnen, aber es riss die Parade einen Herzschlag lang aus der idealen Bahn, und Teneb nutzte den Raum sofort für einen brutalen Hieb gegen die Maske. Der Treffer war schlecht gesetzt, traf mehr die Filtereinheit als das Gesicht selbst, doch es genügte. Ein Teil der geflickten Front sprang mit einem hässlichen Riss auf, Metall splitterte ab, und für einen flüchtigen Augenblick atmete Peska sichtbar schärfer ein.

„Das war dein letzter Fehler.“ zischte ihm der Kyuzo entgegen und sog rasselnd die Luft des korrumpierenden Planetens ein.

„Dann warte ab, was mein nächster mit dir macht.“ entgegnete ihm Teneb mit einer Kälte, die ihn beinahe selbst überraschte und wirkte, als habe etwas in seinem Inneren von ihm Besitz ergriffen, dass entschieden hatte, dass sein altes Wesen durch Brutalität und Erbarmungslosigkeit geschützt werden musste.

Von da an verlor der Kampf jeden Rest von disziplinierter Übung. Der Nebel schluckte die Ränder der Welt,
Sikarius’ höhnische Zwischenrufe wurden seltener. Peska ging härter vor, das verletzte Gesicht unter der beschädigten Maske gab seiner Bewegung etwas noch Unerbittlicheres, und Teneb antwortete mit allem, was er hatte: Machtstoß, wo reiner Klingenkontakt ihn in die Defensive gezwungen hätte. Levitation, um sich einen Augenblick länger in einer schlechten Position zu halten und von dort aus über die Linie zu kommen. Den Versuch, einen Griff, einen Fuß, ein Gelenk in der nächsten Bewegung durch die Macht aus der inneren Balance zu reißen; dazu die dunkle Logik von Juyo, die ihn lehrte, aus Wut keine Explosion, sondern eine fortgesetzte, beinahe boshafte Hartnäckigkeit zu machen. Mehr als einmal riss Peskas Klinge ihm die Kleidung auf, zeichnete Brandlinien in Haut und Stoff, einmal erwischte ihn ein Ellenbogen im Mund, sodass er sofort Blut schmeckte; doch jedes Mal, wenn der Schmerz ihn hätte brechen sollen, schob er ihn tiefer in den Kampf hinein, ließ ihn enger, brutaler, unbarmherziger werden.

UX-23 begann ab dem Punkt der absoluten Eskalation tatsächlich zu intervenieren, seine Stimme durchschnitt mehrmals den Dunst mit maschinenhafter Schärfe, doch keiner der beiden Kämpfer hörte mehr auf ihn.


„AUFHÖREN. DAS IST EIN BEFEHL!“ hörte der Umbaraner den binären Wächter des Sith Ordens durch den Dunst seiner Raserei, wurde jedoch jäh durch das Zischen des Aufpralls seines Trainingslichtschwerts und der Klinge, die so gefährlich in den Händen des Kyuzo war. Als der Droide einmal versuchte physisch einzugreifen, wurde dieser mit einem Machtstoß außerhalb des Kampfrings befördert.

Was darauf folgte, war nichts anderes als manifestertierter Kontrollverlust, die jähe Offenlegung jener Brutalität, die in beiden von Anfang an mitgeführt worden war und wie zwei ungebändigte Rancor-Bullen aufeinander losgingen.
Peska reagierte auf die Aggressivität des Sith Schülers mit einer sofortigen Verhärtung seines gesamten Stils. Seine Angriffe wurden kürzer, roher und hässlicher in ihrer Effizienz. Mehr als einmal benutzte er die Klinge nicht länger wie eine Waffe, die lediglich schneiden oder parieren sollte, wohl eher wie einen schweren Metallkörper, mit dem man Knochen brechen oder einen Schädel an der falschen Stelle aufspalten konnte. Einmal hämmerte er Teneb den Knauf der Klinge so hart gegen das Schlüsselbein, dass der Aufprall dumpf durch dessen ganzen Oberkörper fuhr und der Arm für einen schrecklichen Augenblick taub wurde. Ein anderes Mal trat er ihm mit der Ferse gegen das Knie um das Gelenk seitlich einknicken zu lassen und ihn mit dem plötzlichen Schmerz aus der Linie zu reißen. Der Umbaraner, in seiner entfachten Raserei und seinem unbändigem Willen das Lebenslicht des Nichtmenschen auszupusten, antwortete darauf nicht weniger schmutzig. Er griff mit der Macht nicht mehr bloß nach Klingen oder Gleichgewicht, er versuchte Peskas Bewegungen an jenen empfindlichen, verachtenswert verletzlichen Punkten zu stören, die jeder Körper besaß, ganz gleich wie gut trainiert er war. Einmal zog er mit einem harten, ruckartigen Impuls an der bereits angeschlagenen Schulter, gerade in dem Moment, als der Kyuzo Kraft in den Arm legen wollte, sodass der Schlag sich verhärtet und zu früh brach. Darufhin drückte er ihm eine unsichtbare Welle gegen das Brustbein, die nicht stark genug war, ihn fortzuschleudern. Es genügte zumindest, um ihm den Atem zu verkürzen und den nächsten Schritt unsauber werden zu lassen. Sogar dort, wo ihre Klingen sich nicht kreuzten, wurde der Kampf körperlicher: Peska rammte ihm im Vorbeigehen den Ellbogen in die Rippen, Teneb wiederum stieß ihm kräftig die Stirn gegen den beschädigten Maskenrand, spürte das splitternde Nachgeben von Material und den kurzen, erstickten Laut dahinter, nur um im selben Augenblick mit einem brutalen Haken des Kyuzo fast die Klinge aus der Hand geschlagen zu bekommen. Blut rannte ihm aus einer Platzwunde seiner Stirn über die Braue, tropfte an seine Lippe und ließ ihn das Eisen schmecken. Der Schmerz war für den Sith Schüler wie ein Brandbeschleuniger, als würde man mit Tibanna-Gas versuchen einen Brand zu löschen. Alles an dieser Auseinandersetzung verlor mit jedem Atemzug mehr von dem, was man noch wohlwollend als Unterricht oder Übungskampf hätte bezeichnen können, und gewann stattdessen jene nackte, animalische Qualität, in der Technik und Hass nicht mehr Gegensätze waren, sondern sich gegenseitig verschärften.

„Du warst gefährlicher, als ich noch geschlafen habe, Feigling.“ provozierte ihn der Sith Schüler und versuchte das Netz seiner Machtsinne nach ihm auszuwerfen. Er suchte nach Rissen und Fugen im mentalen Gerüst des Kyuzo, um ihn mit der Macht zu beeinflussen und zu Fehlern zu verleiten.

Peska ließ sich nicht auf die Provokation des Umbaraners ein, er antwortete mit Gewalt und Teneb antwortete in derselben Sprache. Er schlug weder elegant odersauber, nicht wie ein Schüler, der sich in irgendeiner Form beweisen wollte. Er schlug wie etwas, das lange genug gejagt, gedemütigt, an den Rand gedrängt und schließlich an einen Punkt gebracht worden war, an dem jede Zurückhaltung wie Verrat an der eigenen Existenz gewirkt hätte. Die Klinge fuhr erneut hoch, fing Peskas Abwehr nur an der Kante, glitt daran vorbei und traf diesmal unterhalb der gebrochenen Maske in jene weiche, nasse Zone von Hals und Kiefer, in der Training und Wirklichkeit sich nicht mehr unterscheiden ließen. Das Geräusch, mit dem die Energie der Klinge auf Fleisch traf, war kurz und widerlich intim. Peska schlug im selben Augenblick noch einmal zu, halb blind, halb instinktiv, und riss Teneb mit einem letzten, verzweifelten Hieb eine weitere tiefe Furche über die noch unverletzte Seite. Dann standen sie ineinander verkeilt, Atem gegen Atem, Blut dampfend in der kalten Luft, und der Kyuzo versuchte noch, mit letzter Kraft Gewicht zurück in den eigenen Leib zu bringen.

„Narr, du hast mir Zeit gegeben, stärker zu werden. Jetzt wirst du daran ersticken.“ hauchte der verletzte Umbaraner dem Sklaven zu.

Der Kyuzo packte nach dem Hals des Umbaraners, versuchte den Bleichen mit den letzten klaren Gedanken, die er formulieren konnte, mit in den Abgrund zu reißen. Dann brach etwas in Peska Khalo zusammen. Es war nicht nur der Körper. Es war jene innere Spannung, jene aufrechte, tödliche Sammlung, die den Kyuzo bis zu diesem Moment getragen hatte. Seine Beine gaben nach, die Klinge sackte aus der Linie, die Hände verloren Griff und Wille fast gleichzeitig, und einen Augenblick später stürzte er rücklings in das frostnasse Gras, wo der Nebel ihn nur zur Hälfte aufnahm und das Blut um ihn herum in dunklen Schlieren auf den gefrorenen Halmen lag.

Doch Teneb hörte an diesem Punkt nicht auf. In ihm war etwas aufgerissen, das mit dem Sieg allein nicht zu schließen war. An diesem Punkt hatte der Umbaraner nicht einmal begriffen, dass der Kampf für ihn siegreich entschieden war. Er fiel über den Gestürzten her, riss die Klinge zurück und hieb erneut zu, dann wieder und wieder, ohne Takt, ohne Form, ohne Ziel jenseits der vollständigen Vernichtung dessen, was da noch als Gegner vor ihm lag. Jeder Schlag war eine Entladung, nicht bloß gegen
Peska, sondern gegen die Monate auf Artek III, gegen den Schlamm, den Frost, die Demütigungen an der Bucht, den Stuhl im Schankraum, das Würgen, die Blasterbolzen, die Nächte, in denen er geglaubt hatte, im Schlaf ermordet zu werden. Er entlug den Zorn gegen Sikarius’ Lachen, gegen UX-23s kalte Zweckmäßigkeit, gegen die schwachen und weichen Dorfbewohner mit ihrer Abscheu ihm gegenüber, gegen den Tempel mit seinem süßen, verrotteten Flüstern, dass ihm nicht mehr Macht verschafft hatte. Die Klinge stieß, schlug, riss, verbrannte, bis sie bloß noch das, was von ihm übrig geblieben war, ein blutiger Klumpen, bearbeitete. Irgendwann verlor selbst das Gesicht des Kyuzo seine Form. Die ohnehin beschädigte Maske sprang vollends auseinander, Knochen und Fleisch verschwammen zu etwas, das nicht mehr Kopf genannt werden konnte, und noch immer setzte Teneb Dask nach, kniete schließlich im blutigen, aufgerissenen Gras über dem Leichnam und drosch weiter auf ihn ein, als ließe sich durch Zerstörung nachholen, was keine Übung und keine Kata ihm je geschenkt hatte.

Erst als keine Gegenwehr, keine Spannung, kein Rest von Identität mehr in dem Körper unter ihm war, hielt er inne. Keuchend richtete er sich auf. Blut tropfte von der Klinge, von seinen Händen, von seinem Kinn. Die blutende Wunde an Schulter und Brust brannte wie offenes Metall, doch der Schmerz war jetzt nur noch ein Randphänomen in einem weit größeren, dunkleren Zustand. Der Nebel stand dicht um ihn herum, und in ihm war die Macht nicht einfach spürbar, sondern aufgewühlt, verkrampft, geladen von einer Welle aus Hass, Zorn, Triumph, Erniedrigung und jener schwarzen, endlich eingelösten Vergeltung, die in den letzten Monaten in ihm herangereift war. Als
Teneb den Kopf hob und die undeutliche Gestalt seines Meisters jenseits des zerschlagenen, blutigen Dunstkreises sah, brach der Schrei aus ihm heraus. Dieser Schrei war eine Verwundung der Luft selbst.

Alles, was Artek III aus ihm herausgeschliffen, in ihn hineingeprügelt, in ihm zersetzt und verformt hatte, alles, was
Sikarius ihm genommen und zugleich beigebracht hatte, entlud sich in diesem Laut. Hass, der älter war als dieser Morgen. Wut über jede Demütigung. Groll über jede Stunde im Schlamm, jedes gelachte Wort, jeden Augenblick, in dem er klein, schwach, formbar hatte sein müssen. Es war ein markerschütterndes, blutiges Aufbegehren, das nicht nur durch die Bucht hallte, sondern selbst in der Macht wie eine schwarze, gezackte Druckwelle aufriss, die sich gegen Sikarius richtete. Für einen einzigen, grausamen Augenblick stand Teneb Dask dort nicht wie ein Gejagter, nicht wie ein Eigentum der Sith. Er stand dort als eine blutverschmierte, geschundene Bestie aus Schmerz und Frost, die in Gewalt neu geboren worden war und der Welt nun zum ersten Mal mit einer Stimme entgegenschrie, die sie nicht überhören konnte.

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[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Tempelklippe / Zerstörter Prachtgarten ] Leto und Teneb, sowie (NPCs) UX-23, Pai Lai und Peska Khalo

Leto brauchte ein paar Minuten, bis er verstand, dass heute etwas anders war. Fast schon reflexhaft hatte er bisher immer wieder bissige Kommentare an die kämpfenden gerichtet, doch während der Kampf sich entfaltete, wurden sie immer weniger. Jeden Moment wartete er darauf, dass der Sklave doch noch ein plötzliches Killmanöver aus dem Ärmel schütteln würde. Doch ein plötzlicher Sieg stellte sich nicht ein. Im Gegenteil. Der Kampf dehnte sich aus, beide Kontrahenten kämpften immer dreckiger, begriffen, dass Schlammschlacht der einzige Weg war, um einen Kampf zu gewinnen, der von Sekunde zu Sekunde existentieller wurde.

Wie in Zeitlupe entblößten Letos Lippen seine Zähne immer mehr, ein hässliches Grinsen geboren aus der Spannung plötzlich nicht mehr zu wissen, wer hier mit wem den Boden wischen würde. Mit einem vom Nebel gedämpften Knirschen fiel die Schnapsflasche ins verdorrte Gras. Sein Rücken drückte sich durch. Er stemmte die Hände in die Hüften. Irgendwann wurde es so wild, dass UX-23 Anstalten machte, sich einzumischen, doch Leto gebot ihm mit einer Handgeste zu schweigen, ohne den Droiden auch nur anzusehen. Seine ungleichen Augen waren hungrig auf das Kampfgeschehen gerichtet, auf seinen Schüler und den von ihm selbst ausgesuchten Maßstab seiner Entwicklung. War er endlich stark genug geworden, um den Meilenstein um seinen Hals abzustreifen und klar, für alle sichtbar, den nächsten Schritt in seiner Metamorphose zu machen?

Die Antwort war ein ‘JA!’, das so laut gellte wie der Schrei des Schülers, nachdem er das Gesicht des Sklaven zu einer kaum noch als solchen erkennbaren Masse verarbeitet hatte. Leise kicherte Leto. Stieß einen Laut aus, der bei den Umstehenden vielleicht als Hüsteln ankommen würde. Ein kleiner, privater Ausdruck der Heiterkeit, der davon kündete, dass er ein weiteres Mal recht behalten hatte. Die Aufgabe, die er vor drei Monaten gestellt hatte, war erfolgreich abgeschlossen worden. Wie ein zielsuchender Torpedo hatte sie sein Schiff verlassen, war in der Schwärze des Alls verschwunden und war nun explosiv, tödlich und plötzlich zurückgekehrt. Überraschung!

Leto gewährte seinem Schüler den Moment des Triumphes. Die völlige Zerstörung seines Gegners, der befreiende Schrei. Sein selbstbewusstes Aufrichten als etwas Neues, das er bisher nicht gewesen war. Ein weiterer Schritt in seiner Metamorphose, die ihn die letzten Monate zu einer ekligen Suppe in einem Kokon zersetzt hatte, aus dem er sich nun schälte. Und doch war es nur ein weiterer Schritt auf seinem Weg. Der Schüler - so eindrucksvoll er seinen Sklaven auch vernichtet hatte - war immer noch ein Schüler.

Mit bewusst ungerührtem Gesicht trat Leto vor. Sein Triumph war sein eigener, kein Grund dem Schüler etwas zu geben, an dem er sich betrinken konnte. Beiläufig stieg er über die Leiche des Sklaven und machte eine wegwischende Handbewegung. Wie von selbst rutschte der leblose Körper über das Gras und verschwand im Nebel. Nur das Klirren leerer Flaschen gab Auskunft darüber, dass er im benachbarten Turbolaserkrater gelandet war.


“Hast eine weitere Technik gefunden, wie ich sehe. Ich will sie dir voll beibringen.”

, sagte Leto, doch so lange zum Schweigen verdammt, mischte sich UX-23 wieder ein.

“Bevor weiteres Training folgt, sollten seine Wunden versorgt werden!”

Leto stieß ein milde überraschtes Brummen aus. Dass der Kampf den Schüler mitgenommen hatte, hatte er gesehen, aber nicht registriert. Dann schnaubte er.

“Die Verletzungen werden ihn, bei was jetzt kommt, eher nutzen als hindern.”

“Das ist unverantwortlich. Training in diesem Zustand…!”

“...genau das was er jetzt braucht. Jetzt, wo’s frisch ist.”

Erneut wollte der Droide protestieren, doch Leto kam ihm zuvor.

“Solange er stehen kann und noch alle Glieder hat, ist er mein Schüler. Also halt den Rand, Blecheimer. Geh halt Bacta holen, wenn's dir so wichtig is.”

Ohne einen weiteren Blick auf UX-23 wandte Leto sich wieder an seinen Schüler.

“Was ich dir zeigen will, nennt sich Rage. Du hast ihren hässlichen kleinen Bruder grade erlebt. In ihr spürst du keinen Schmerz, keine Müdigkeit. Es ist dir alles sch*ißegal. Außer dein Feind. Den willst du zerstören. Du wirst nicht denken können, aber das können wir uns spar’n bis der andere tot is. Du hast mich schon so geseh’n. Erinner dich an die Kantine.”

Leto grinste hässlich. Er selbst erinnerte sich nicht, er sah nur die ausgefransten Bruchstellen, wo seine Erinnerung sitzen sollte. Der Moment, wo er Plätes Piraten dezimiert hatte, bevor alles was ihnen geblieben war, Flucht gewesen war.

“Es is nix, die in jeden Kampf gehört. Aber wenn es heißt gewinnen oder Tod…dann verbrennst du eben dich selbst ein bisschen, um deinen Feind abzufackeln. Und hoffst, dass er als Erster draufgeht.”

Leto zog sein Scimitar aus der Scheide und ließ sie ins langsam tauende Gras fallen.

“Hierfür hast du deinen Hass aufgespart. Denk dran was ich auf Nkllon sagte. Verteidige dich! Lass deinen Hass durch dich fluten. Brich endlich die Dämme deiner Zurückhaltung. Ich will endlich SEHEN wer mein Schüler ist! Zeig es mir! Wirf die armselige kleine Kreatur endlich ab, die sich nicht traut mir Widerworte zu geben!”

Er grinste, während er seinen so früh schon mit Alkohol vergifteten Körper in eine perfekte Ausgangsstellung von Pai Lais Schwertkunst zwang. Er spürte, wie sein rechter Fuß in der langsam auskühlenden Blutlache des Sklaven zu rutschen drohte und korrigierte seinen Stand. Irgendetwas knackte unter seiner Stiefelsohle, doch was auch immer es war, es war immateriell.

“Lass deinen Gefühlen freien Lauf, oder ich werde dich jetzt vernichten.”

, knurrte er seinen Schüler an. UX-23 gab protestierende Laute von sich, doch Leto hörte ihn schon nicht mehr. Das Grinsen in seinem Gesicht hatte sich in eine Grimasse der Vorfreude verzerrt. Die grüne Iris seines organischen Auges hatte eine hässliche, gelbe Färbung angenommen.

“Friss oder stirb, Sith. ZEIG MIR DEINE RAGE!”


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Der Geschmack von Blut lag Teneb Dask noch immer auf der Zunge, warm und metallisch, vermischt mit dem kalten Atem des Nebels und dem dumpfen, eisenhaltigen Geruch des frisch getöteten Körpers, der eben noch unter seinen Händen zu etwas Unkenntlichem geworden war, und in seinem Inneren hatte sich etwas geöffnet, das mit Triumph nur unzureichend beschrieben war, weil Triumph noch eine menschliche, geordnete Regung bezeichnete, während das, was nun in ihm tobte, älter, roher und unheiliger erschien. Alle negativen Energien, die sich seit Nkllon in ihm abgelagert hatten wie Sedimente in einem vergifteten Meer, waren mit einem Mal nach oben gerissen worden. Sei es die konstante, erodierende Demütigung, geschleppt, gewürgt, verlacht und getreten worden zu sein oder die Wut darüber, dass Darth Sikarius ihm nie auch nur die kleine Würde eines Namens zugestand: Der Hass auf jede Prüfung, jede Schmach, jede erzwungene Lektion gepaart mit dem Ekel vor seiner eigenen Schwäche in den ersten Tagen und seiner Unfähigkeit sich selbst vor diesem Ungeheuer schützen zu hören. Weit tiefer griff jedoch eine anderes, kruderes Trauma in Form der kalte Erinnerung an Umbara, an seinen Vater, an das Gefühl, in jedem Raum bereits als das geringere, übersehbare, entbehrliche Kind festgelegt worden zu sein. In diesem Augenblick war all das nicht länger Geschichte, nicht länger Material für spätere Stärke, sondern ein einziger, brennender Zustand, und innerhalb dieses Zustands blieb nur ein Ziel von erschreckender Klarheit übrig: D̴̬̺̝̄A̶̔ͅR̵̨͑T̵̖͗H̵̗̀͗͆ ̸͔̫̂̑̀S̴̪͍̪̉͐͝Í̶̗̓͝Ḳ̷͌͑̑A̶͈̦͙̅͐́R̸͙̂İ̶͙̈́Ȗ̸̪̀͝Ș̸̮̗̾́̄ ̶͍̳̀͒͜V̵͔̒̓E̷̐̂̕͜R̴̦̈́N̶̫̠̈͘Ḭ̸͕͛Ç̵͖͓̀Ḧ̸̪̜́͆T̶̩̄̆̈́Ẻ̶̜̈́̊N̵̩̘̹̓.̴̼̞͐̽.

Die Stimme seines Meisters drang zwar an ihn heran, doch nur wie durch dickes, öliges Wasser, verzerrt, verschoben und in grobe Splitter zerbrochen, die sich nicht mehr zu einem geordneten Sinn fügten. Er hörte Wörter, aber nicht die Ordnung der Wörter. Er hörte Silben doch erkannte er darin nur den Drang gutural auf ein Störgeräusch zu antworten, dessen bloße Anwesenheit wie Krallen auf einer Tafel klang. Technik. Hass. Kantine. Verteidige dich. Friss oder stirb. F̴͍̀R̷̤͝I̷̳͂S̶͕͒S̷̥̎ ̸̜̄Ò̷̪D̸͍͠E̴̡̾R̷͕̿ ̶͓̀S̴̙͂T̷̥̈́Ĭ̸͇R̶̼͛B̷̤͐. Alles lag im roten Schleier, der sich vor seine Wahrnehmung gelegt hatte, wie hinter einer Membran aus Blut und Hitze, durch die selbst die Welt ihre scharfen Konturen verlor. Er sah Sikarius’ Mund sich bewegen, sah die Zähne, die wie Sterne gelb und weit auseinander stehend leuchteten, sah das gelblich verfärbte Auge, das hässliche Grinsen, dass an die Ruinen einer Ecumenopolis erinnerten, die Hand an einer neuen Klinge und zugleich hatte er das Gefühl, dass sich unter dieser sichtbaren Ebene etwas anderes auftat, etwas Tieferes, Dunkleres, Widerlicheres. Es war, als stünde er mit einem Schritt an einem bodenlosen, klaffenden Abgrund, nur dass dieser Abgrund nicht Leere im gewöhnlichen Sinn war, sondern eine Art Erwartung, ein schwarzes, pulsierendes Dahinter, das ihn nicht mit Tod lockte, sondern mit Entgrenzung. Der süße Ruf geflüsterter Unsittlichkeiten, der von dort kam, hatte nichts mit dem Wunsch zu sterben zu tun. Er war nicht suizidal, nicht verzweifelt genug sich diese Blöße zu geben. Er hatte nicht den Impuls eines müden Geistes, der Ruhe sucht, wie ein Durstiger sehnte er sich nach dem genauen Gegenteil von Ruhe und Frieden. Frieden ist eine Lüge. Es war ein unheimliches, fast sakrales Drängen, die letzte Hemmung abzugeben, die Luzidität wie ein altes Kleid von sich zu streifen, die Augen zu schließen und sich nicht fallen zu lassen, sondern bewusst zu springen. Er sah es vor sich, deutlicher als alles andere. Wie er die Arme ausbreitete, als würde er etwas empfangen, nicht etwas verlieren. Und so sprang er. Gepriesen sei der Zorn, der die Selbstentflammung in Kauf nimmt, um den Tod anderer zu beschwören.

Sikarius’ letztes „ZEIG MIR DEINE R---“ ging unter in dem guturalen Schrei, der Tenebs Kehle wie das Aufbäumen eines grollenden Raumschifftriebwerks verließ, noch ehe sein Meister den Satz vollständig in die Welt geschleudert hatte. Es war kein geformter Laut, entbehrte jeglicher Nähe zu einer zivilisierten Sprache. Es war eine Entladung aus allem, was in ihm zu lange gestaut gewesen war, und während der Schrei den Nebel selbst zum Zittern brachte, war der Bleiche bereits in Bewegung. Die zinnoberrote, auf Sicherheit gedimmte Klinge seines Trainingslichtschwerts fuhr in einem jähen, hässlichen Bogen nach vorn, prallte gegen das eiserne Scimitar und ließ einen Laut entstehen, der eher an zerschrammtes Metall in einem Schlachthaus erinnerte als an einen Kampf erinnerte. Dann wieder. Und wieder. Und wieder. Er prasselte auf seinen Meister ein, ließ die Klinge in kurzen, wütenden, unökonomischen, aber furchtbar dichten Winkeln auf ihn niedergehen, als könnte er jede Demütigung der letzten Monate in einen einzelnen Hieb pressen und sie ihm durch Metall, Knochen und Haut in den Leib treiben.
Mit jedem Schlag, den
Sikarius parierte, mit jeder Umleitung, jedem trockenen, erfahrenen Abfangen, stieg in Tenebs Innerem keine Frustration, sondern eine noch heftigere, fast berauschende Befreiung auf. Etwas in ihm, etwas, das einst als Teneb Dask geboren worden war und doch längst nicht mehr ganz mit diesem Namen beschrieben werden konnte, fühlte sich nicht wie ein Schüler, sondern wie eine Bestie, die man viel zu lange an einer zu kurzen Kette gehalten hatte. Durch den Sieg zerbersten meine Ketten. Diese Bestie war nicht stolz. Sie war nicht schön und vor allem war sie nicht kontrolliert. Sie war frei genug in einer Weise, wie Teneb selbst es noch nie erlebt hatte. Die dunkle Seite der Macht floss wie eine zähe, heiße Flut, voller Asche, voller Stimmen, voller jener süßen, verrottenden Einflüsterung, die ihn schon am Tempelrand und in den Nebeln des Dorfes berührt hatte. Sie machte ihn nicht leichter oder klarer. Sie machte ihn dichter, schwerer, grausamer und vor allem blutrünstiger. Er war durstig. Durstig nach Blut. Blut, dass in den elenden Adern dieses rein körperlich unterlegene Amalgam aus verrotetem Fleisch und billigem Chrom pumpte. E̵͔͉͓̿̈́R̶̨̗̰̐̈́ ̷͎̲̆̓͝W̶̬̆͒O̷̜͆͠L̵̢̊L̶̢̀̈͒T̷͎̰̱̐E̴̤̱̐̏͘ ̶̙̦̚S̵̺͍̃̋͜͠Ḯ̶̡̥̝Ķ̵̑̋À̴͙R̸̡̛̗͗̅Ì̷̲̳̃͋Ū̶͎̐Ṡ̷̫̖̼'̸͚͙͊̌ ̵͇̗̓͗͆B̸̰͛̅L̵̬̽̑͗U̴̞̟̮͋T̶͓̭̔.̶̰̱͍͛͘͝ Jede Verletzung, die Sikarius ihm in diesem Kampf beibrachte, wurde zu Nahrung. Jeder scharfe Schmerz, jede aufplatzende Wunde, jedes dumpfe Knacken in Muskel oder Gelenk wurde sofort einverleibt, als wäre sein Leib nur noch der Ofen, in dem all dies verbrannte, um die Flamme höher zu treiben, die ihn selbst zu verschlingen drohte.

„Du verrotteter Bаstаrd!“ brüllte er seinem Meister entgegen, während die kreischende Plasmaklinge in einem grellen, wütenden Takt auf das Schwert des Sith stieß. „Du lachst, wenn ich falle! Du trittst mich! Du schleifst mich wie Dreck durch diesen Sumpf und nennst es Lehre!“

Sikarius antwortete mit überlegener Gewalt. Das Scimitar fuhr seitlich hinein, erwischte Teneb am Unterarm, riss Stoff auf, ließ eine heiße Linie zurück und doch war da kein Rückzug, denn es gab für den Umbaraner nur eine Richtung. Vorwärts, vorwärts, immer weiter, als hätte der Schmerz selbst ihm den Rücken gestärkt. Einmal griff der Sith Meister selbst in die Wunde des Schülers, riss etwas aus ihm heraus, spürte den heißen Schmerz und das kühlende, pulsierende Blut und schrie markerschütternd auf. Teneb schlug zurück, mit einem Machtstoß gegen die Rippen seines Meisters, nur um im selben Moment mit der freien Hand nach dem Kragen des körperlich kleineren Sith Meisters greifen zu wollen, die Distanz zu brechen, ihm die Klinge in den Leib zwingen zu wollen wie ein Tier, das nicht mehr zwischen Werkzeug und Körper unterscheidet.

„Du kennst nicht mal meinen Namen!“ schrie er. „Nicht mal dafür war ich dir genug, du widerlicher, verkrüppelter Abschaum!“

Er sah Dinge, während er kämpfte. Nicht immer klar, nicht stabil, nicht in einer Ordnung, die der Verstand nach dem Kampf noch hätte sauber wiedergeben können. Zwischen den Bewegungen Sikarius’ glaubte er immer wieder Fratzen im Nebel zu sehen, bekannte Gesichter deren Verderben er zu verantworten hatte, halb aus der Luft geformt, aufgequollen, verwest, mit zu vielen Augen und zu feuchten Mündern, die stumm lächelten. Hinter dem Rücken seines Meisters flackerte manchmal die Silhouette des Tempels auf, obwohl er weit entfernt lag, und in manchen Augenblicken war es Teneb, als kämpfe er nicht auf gefrorenem Gras, sondern auf einer schwarzen, lebendigen Oberfläche, die unter seinen Stiefeln pulsierte, als wolle der Boden selbst ihn anstacheln, tiefer, weiter, rücksichtsloser zu gehen. Die Macht in ihrer dunklen, zersetzenden Natur war ein Chor aus Hunger, eine Finsternis, die in ihm eine Form gefunden hatte und nun mit jedem Schlag nach außen fraß.

Sikarius traf ihn hart. Ein Hieb gegen die Schulter, der ihm den Arm fast aus der Linie riss. Ein Stoß mit dem Knie in den Oberschenkel. Der Knauf des Scimitars gegen den Mund, sodass Tenebs Mund sich mit Blut füllte, dass er dem Meister entgegenspuckte und für einen Augenblick Sterne vor den Augen sah, als mache er sich bereit in den Hyperraum zu springen. Doch selbst das hielt ihn nicht auf. Er kam zurück wie ein untotes Ding, das keine vernünftige Beziehung mehr zu seinen Reserven besaß, ließ Machtgeschwindigkeit in kurzen, fiebrigen Schüben durch seine Glieder fahren, parierte schlecht, zu spät, oft nur halb, und warf sich doch mit neuer Gewalt wieder nach vorn. Er kämpfte nicht mehr wie ein Schüler, nicht einmal mehr wie ein Sith in Ausbildung. Er kämpfte wie die Summe aller Kränkungen, die in ihm eine Form angenommen hatten und den Brustkorb des Umbaraners nur noch als Zelle verstanden, aus der sie herausbrechen wollten. Für jedes Mal, dass Sikarius ihn in den Schlamm gedrückt hatte, rammte er ihm die Klinge gegen die Hüfte. Für jede Nacht, in der er glaubte, ermordet zu werden, schleuderte er ihm die Macht gegen Brust oder Gesicht, nicht registrierend, ob seine Angriffe überhaupt eine Auswirkung auf den Sith Meister hatten. Für jede hämische Bemerkung, für jede verweigerte Anerkennung, für jede Stunde, in der sein Leib unter der Ausbildung gestöhnt hatte, brachte er einen Hieb hervor, der zu roh, zu tief, zu persönlich war, um noch irgendeinem Stil zu gehören, und der doch in seiner Unsauberkeit von der Juyo-Form zehrte, als habe sich deren wildeste Logik inzwischen ganz mit seiner Wut vermischt.

„Du hättest für all das längst bluten sollen!“, schrie er durch seine Stimmbänder und die Macht. „Für jeden Schlag, für jede Schmach, für jedes Mal, dass du mich wie Dreck behandelt hast obwohl DU derjenige bist, der in Dreck und Isolation lebt!“ Er hielt nicht inne, seine Stimme war heiser, kratzig und ekelhaft gutural. „All' diese Macht, die du hast und wie setzt du sie ein? DU VERKRIECHST DICH. DU VERSTECKST DICH. JEDER PENNER AUF KIJIMI LEBT IN MEHR LUXUS ALS DU!“

Er wollte Rache nicht mehr als abstrakte Idee. Er wollte sie in Fleisch. In Schmerz. In sichtbarer Versehrtheit. Er wollte Sikarius die Erinnerungen in den Leib schreiben, die dieser ihm aufgezwungen hatte. Und je wilder er wurde, desto mehr antwortete die dunkle Seite. Sie stachelte ihn an, ließ seinen Blick enger, seine Wahrnehmung zugleich breiter und verzerrter werden, bis jeder Schlag nicht nur gegen einen Gegner ging, sondern gegen ein Symbol, gegen eine verdammte Ordnung, gegen den Zustand, in dem man ihn zu überleben gezwungen hatte.

Blut lief ihm aus mehreren Wunden, über die Finger, das Handgelenk hinab, in die Handfläche, machte den Griff der Klinge glitschig und warm. So sand er vor Darth SIkarius, als in Wunden übersähter Märtyrer seiner eigenen geschundenen Vergänglichkeit, eine dreifach in seinem eigenen Blut getaufter Geweihter der dunklen Seite der Macht. Sein Atem war längst nur noch ein heiseres, tierhaftes Reißen. Doch er hörte nicht auf. Hinter
Sikarius, über Sikarius, in dessen gelblich rötlicher Iris und dessen hagerer Fratze, sah er immer wieder etwas aufreißen, als wäre der Meister selbst nur eine dünne Haut über einem tieferen Loch, einem Abgrund, der ihn aus derselben Richtung ansah wie der Tempel, als müsse er nicht bloß diesen Mann töten, sondern sich aus allem herausprügeln, was auf Artek III in ihn hineingelangt war.
Als der Nebel um sie herum dichter wurde und selbst die Luft von ihrer Gewalt vibrierte, war
Teneb längst nicht mehr sicher, ob der Schrei, der ihm wieder und wieder aus der Kehle brach, noch Worte trug oder nur noch Laut war. Die Kunst der Worte war ihm längst versiegt, denn so wie ein Tier zuweilen es vermochte seine Stimme für das Mimikry von Sprache zu verwenden, denaturierte diese Fähigkeit auch bei dem in der Raserei verbrannten Sith Schüler, sodass er diese letzte Kette der Zivilisation gebrochen hatte und vollends die Metamorphose zu einer Kreatur absolviert hatte. Alles, was über die ganze Zeit auf diesem Planeten an Hass, Angst, Ekel, Zorn und Demütigung in ihm eingelagert worden war, lag jetzt offen, roh und ohne jedes Maß in der Macht. Wer es hätte spüren können, hätte darin keine Disziplin, kein Gleichgewicht und kein sicheres Werden erkannt. Nur eine Geburt in Blut und Hass. Eine Bestie, die aufgehört hatte, sich selbst zu kennen, und die gerade darin zum ersten Mal ganz sie selbst geworden war und nun den Preis für die Summe ihrer Taten bezahlen werden müsste.

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Leto hatte noch nicht zuende gebrüllt, da stürzte die Sintflut, geboren aus Hass, bereits auf ihn ein. Leicht weiteten sich seine Augen und nur knapp blockte das Scimitar den plötzlichen Ansturm. Mit einem widerwärtigen Geräusch kreischte gebändigtes Plasma über gehämmertes Kortosis, nur um zurückgezogen zu werden und wieder vorzuschnellen. Erneut. Wieder. Noch einmal! Mit jedem Hieb wurde Letos Grinsen breiter, unnatürlicher. Wo sein Fleisch versagte, da half seine Fantasie und seine Meisterschaft der Illusion nach. Er wusste, WIE es aussehen sollte. Die Macht half seinen Wunsch sein Innerstes nach außen zu kehren. Das Monster strahlte den Schüler gradezu an!

Die Trainingsklinge malte eine glühende rote Schneise in sein organisches Auge, die im Takt der aufs Ganze gehenden Hammerschläge waberte. Mit jedem Klingenkontakt entrang sich ein weiterer Laut des Lachens seiner Kehle. Ha. HA. HA! HAHAHA! Das Scimitar tanzte, biss, fing Schläge aus allen Winkeln. Und erst als er sich an der ihm entgegenbrandenden Emotion sattgetrunken hatte, begann er zu kontern. Die ersten Worte des Schülers glitten an ihm ab wie dessen Schläge. Er hörte die erste aus dem bleichen Mund in seine Richtung geäußerte Kritik seit ihrem ersten Treffen. Eine Antwort gab es nicht.

Für einige Momente beruhte die Gewalt auf stummer Gegenseitigkeit. Kleine Wunden auf beiden Seiten. Mehr als einmal blockte Leto die harmlose Trainingsklinge mit dem bionischen Arm, mit seiner Schulter, sogar mit dem Gesicht, um seinem Gegner kleine, demütigende Insektenstiche beizubringen. Er spürte den sengenden Knüppel auf sein Fleisch niedergehen, nahm blaue Flecken in Kauf. Und eine blutige Lippe, eine aufgeplatzte Augenbraue. Schwarzes Blut rann sein Gesicht hinab und tropfte sein Kinn hinunter. Doch das Grinsen hielt.

Die nächsten Worte des Schülers entlockten ihm dann aber doch eine Erwiderung. Leto warf den Kopf zu einem gackernden Lachen in den Nacken, ignorierte die Lichtschwertklinge, die in diesem Moment ein weiteres Mal auf sein Gesicht niederging. Für einen Augenblick tanzten Sterne vor seinen Augen und das harte Knacken seiner brechenden Nase wurde gierig vom Nebel aufgesogen. Letos Auge suchte für einen Moment den Blick seines Schülers und begegnete ihm, das umliegende Gesicht eine grotesk fröhliche Maske.


Noch hast du keinen Namen, der sich zu lernen lohnt!“

, spuckte er ihm mit einem Schwall schwarzen Blutes ins Gesicht. Seine Stimme klang dumpf, nasal, als hätte er sich von einem Moment auf den nächsten eine dicke Erkältung geholt. Blut färbte seine Zähne dunkel, die noch immer entblößt im Licht der Trainingsklinge funkelten. Unter dem nächsten brutalen Hieb duckte er sich hindurch, ein verräterisches Knacken in seinem Verstand hatte ihn davor gewarnt den Treffer hinzunehmen. Die rote Klinge schwang, brachte ihren Besitzer aus der Position und diese Blöße nutzte Leto. Ein Faustschlag gegen die Schulter, ein harter Treffer an der Hüfte. Das Scimitar zuckte, Knauf voran. Blutige Rache für eine gebrochene Nase, doch schlecht gezielt. Kichernd tänzelte er zurück, den Kopf wie ein Hund schieflegend, als der Schüler nicht zu Boden ging. Sondern stattdessen einfach weitermachte!

Weiter. Immer weiter. Eine schier endlose Anzahl von brutalen Angriffen aus einem großzügig gefüllten Reservoir aus Hass. Leto spürte den kaum angekratzten Stausee in der Macht. Er parierte Schläge, Tritte, fing machtgetragene Kinetik ab, oder nahm sie einfach hin. Sein Grinsen wurde noch breiter, als der Schüler ein weiteres Mal zu einer Tirade ansetzte. Was die Naturgesetzte verneinten, ermöglichte die Illusion. Wer hatte schon einmal Mundwinkel gesehen, die über weiches Wangengewebe hinausragten? Zunächst fütterte der Schüler ihn einfach weiter mit Genugtuung, schrie was der Sith-Krieger ihm alles angetan hatte. Grade wollte Leto ihm neuen Spott als Antwort entgegenwerfen, doch er war noch nicht fertig!

Von einem Moment zum anderen verblasste Letos Grinsen. Der rote Funken in seinen organischen Augen wurde stumpf und für einen Moment zuckte es zu Pai Lai und UX-23, die das Geschehen noch immer unbewegt verfolgten. Das Scimitar zuckte zur Seite, blockte den toten Winkel, den der Schüler grade hatte ausnutzen wollen. Dann ging Leto seinerseits zum Angriff über. Die Gefühle seines Schülers brannten noch heller, wenn das überhaupt möglich war, doch Letos Lippen hatten sich zu einem Strich, feiner als seine Klinge, zusammengepresst. Schlag, Parade, Riposte. Leto brach nun über den Schüler hinein wie ein Wirbelwind, ließ die Haut seiner Fingerknöchel beiläufig mit einem Vergeltungsschlag aufplatzen. Die flache Seite des Scimitars ohrfeigte ihn, ein Tritt in den Magen trieb ihn zurück. Letos Gesicht war hart, seine Augen fest auf ein neues Ziel gerichtet.

Zum wiederholten Mal zischte die rote Trainingsklinge durch die Luft, verfehlte nur knapp ihr Ziel. Versengte rote Haare. Wendig wie ein Otter glitt Leto durch die Lücke, unterlief die gegnerische Reichweite. Die flache Seite des Scimitars rotierte an seinem Handgelenk, traf ein fremdes Handgelenk und ließ Knochen knirschen. Geräuschlos wirbelte ein deaktivierter Lichtschwertgriff in den Nebel davon und Leto um seinen Gegner herum. Hart und unbarmherzig wickelte sich sein organischer Arm von hinten um den Hals des Bleichen und drückte zu. Drückte ihn zu Boden. Drückte ihm die Luft ab. Für vielleicht eine Minute wand der von der Dunklen Seite beseelte Schüler sich in seinen Arm – wollte kämpfen, wollte töten! – doch schließlich erschlaffte er in seinen Armen. Sackte zurück und blieb auf dem zertrampelten Gras liegen.

Langsam richtete Leto sich auf, seinen ungleichen Blick auf den besiegten Gegner gerichtet. Geräuschvoll zog er die lädierte Nase hoch und rotzte ihm die dort gefundenen Schätze zielsicher ins Gesicht.


„‘s wird la‘gsam.“

, sagte er mit angestrengt nasaler Stimme in Richtung der Zuschauer. Was UX-23 dachte, konnte er nicht sagen, doch in Pai Lais Aura sah er wie schwarz auf weiß, wie wenig sie ihm den beiläufigen Ton glaubte.

„Ge‘ug Trän‘ng für cheute.“

, fügte er hinzu und wandte sich zum Gehen, den Hang hinab. Zurück zu Rousseaus, wo eine frische Flasche Fusel bereits auf ihn wartete. Fragen traute sich ihm niemand zu stellen – nicht, dass er sie beantwortet hätte. Irgendwann kam der Sani, verarztete seine Nase. Leto ließ ihn gewähren, die Augen stumpf vom Alkohol. Schließlich fiel er ins Bett. Die letzte Wunde, die er an diesem Tag davontrug, war eine schmerzhafte Beule von einer verschätzten Kante. Rasch schlief er ein, doch als er am nächsten Morgen aufwachte, erhob er sich mit noch weniger Elan als er ins Bett gegangen war – wenn das überhaupt möglich gewesen war.

Training fand heute wieder einmal im Pub statt. Der Sani hatte dem Schüler zwei Tage Trainingsverbot verschrieben und da Protest ausgeblieben war… Ein weiteres Mal blieb der Schankraum bis auf sie beide leer, doch heute saß Leto auf einem der Hocker.


„Ich denke nich, dass du mir gestern groß zugehört hast.“

, begann er grußlos. Noch immer klang seine Stimme leicht näselnd, doch das Wunder von Bacta hatte seine Atemwege bereits von getrocknetem Blut befreit.

„Ich werd‘ mich wiederholen. Sieh zu, dass ich das nich nochmal muss.“

Der Blick ruhte einige Momente auf dem Schüler. Hart, unbeweglich.

„Ich wollte dir Rage zeigen, du hast sie korrekt angewendet. Die Frage is: Kannst du das auch wiederholen? Für den Versuch gibst du dich deinem Hass hin. Entweder der im Moment – wie gestern – oder die Reserven, die du dir aufgebaut hast. Während Rage spürste keinen Schmerz, keine Müdigkeit. Du verbrennst dich selbst, um zu gewinnen.“

Letos Ton war stumpf, die Wiederholung vorgetragen wie ein Einkaufszettel. Nun jedoch hellten sich seine Augen wieder auf.

„Und jetzt…warum f*ckst du nicht immer in Rage deine Gegner? Wär geil, oder?“

Er grinste und rieb sich wie beiläufig die gebrochene Nase.

„Problem is…die Dunkle Seite verlangt ihren Preis. Große Macht im Moment, aber den Preis bezahlt dein Körper.“

Mit einem genüsslichen Stöhnen lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und entlockte seinen Schultern mit wenigen Bewegungen eine eindrucksvolle Anzahl verschiedener Knackgeräusche.

„Wenne nich in zehn Jahren aussehen willst wie fufzig, empfiehlt sich eine gewisse…Zurückhaltung.“

Beiläufig zog Leto eine frische Flasche Bier und einen Humpen heran. Gluckernd ergoss sich die schäumende Flüssigkeit in das Behältnis.

„Kämpf mit allem, was du hast, aber nur wenn’s drauf ankommt. Davon ab…lass dich nicht von der Dunklen Seite überwältigen. Sie is deine Bitch, nicht andersrum! Das gestern warst du an ihrer Leine. Dass du die Erklärung beim ersten Mal nich geschnallt hast, zeigt das.“

Er hob den Humpen an seine Lippen und nahm einen tiefen Schluck.

„Wie gut, dass es auch hierfür eine Technik gibt. Machtmut. Du benutzt sie, wenne wild werden willst, aber grade nicht der Zeitpunkt ist. Die Übung…Unterdrückung. Besinn dich auf was dich wütend macht. Was du hasst. Dein Reservoir. Dann unterdrückst du das Gefühl. Finde es mit dem Machtsinn und merz es aus! Das wiederholst du, bis du es kannst.“

Ein letztes Mal grinste er.

„Nur wenn du der Dunklen Seite vertrau’n kannst, kannst du dich ihr hingeben. Kannst dich ihr besser hingeben, sogar. Versuch es. Los!“


[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Törcsván / Pub 'Bei Rousseaus' / Schankraum ] Leto und Teneb
 
Outer Rim | Sith-Welten | Artek-System | Artek III | Törcsván | Pub 'Bei Rousseaus' | Darth Sikarius & Teneb Dask

Der Schankraum von Rousseaus Pub lag an diesem Morgen in jener stumpfen, ausgezehrten Trostlosigkeit da, die ein Wasserloch in der Wildnis annimmt, wenn ein Kadaver das Trinkwasser verseucht hatte. Das Feuer im Herd war kalt, auf den Tischen lag kein frisches Geschirr, und selbst das Licht des Tages, das durch die beschlagenen Scheiben hereinfiel, wirkte wie eine matte Aufhellung des ohnehin schon Trüben, als habe der Morgen selbst nicht die Kraft, sich gegen die zähe Müdigkeit der Welt durchzusetzen. Draußen hingen Regen und Nebel so eng beieinander, dass sie sich aus dem Inneren kaum noch unterscheiden ließen, und manchmal lief ein schwerer Tropfen an der Scheibe herab, als würde die Witterung selbst versuchen, einen Weg hinein zu finden in diesen einzigen Raum des Dorfes, der noch den Anspruch erhob, etwas anderes als Unterstand, Korridor oder Baracke zu sein.
Teneb Dask saß bereits, alleine, in dem Schankraum und starrte ins Leere. Er hatte keine Erinnerung mehr daran, wie er in sein Zimmer gekommen war, nur dass seine Wunden ärztlich versorgt worden waren. Die Tatsache, dass er nach diesem Ausbruch noch am Leben war, hieß, dass seinem Meister gefallen hatte, was er gesehen hatte. Natürlich fand er Gefallen daran, wenn sein Schüler ihn bis in die letzte Pore hasste, denn etwas anderes als Hass und Abscheu hätte den Sith wahrscheinlich verunsichert und dazu gezwungen sich mit seiner eigenen emotionalen Fragilität auseinanderzusetzen. Jede Faser seines Körpers zahlte den Preis seiner Raserei. Seine Muskeln brannten und schmerzten trotz Medikation, als würden sie ihn bestrafen wollen. Seine Haut spannte dort, wo die Klingen des Kyuzo und des Sith Meisters Fleisch geöffnet hatten. Mit der Zunge fuhr er sich immer wieder über die aufgeplatzte Lippe, als müsse er sich vergewissern, dass dort die Wunde noch präsent war. Der Sanitäter hatte das Verbot weiterer körperlicher Übungen mit der starren Selbstgewissheit eines Mannes ausgesprochen, der jeden Widerspruch als Störung der medizinischen Vernunft betrachtete. Vernunft war so ziemlich das letzte, was er an diesem Ort erwarten könnte. Teneb, dessen Leib noch immer in zahllosen kleinen und einigen größeren Schmerzzonen von den Exzessen des Vortages zeichnete, blieb auf diesem Hocker verbannt wie einem Raubvogel, dem man den Käfig zwar geöffnet, aber zugleich die Flügel gestutzt hatte. Seine Schulter zog dumpf bei jeder geringfügigen Bewegung, an Rippen und Brust saßen die Erinnerungen an Schläge wie eingesunkene Glut, und selbst dort, wo das Bacta bereits seine kalte, widerwärtige Arbeit geleistet hatte, war das Gefühl nicht Heilung, sondern bloß eine verschobene Art von Empfindlichkeit. Der Körper war wieder einmal tauglich genug gemacht worden, um weiter benutzt zu werden, und gerade diese Tauglichkeit kam ihm manchmal wie die bösartigste Form von Spott vor.

Sein Knie wippte unaufhörlich in einer nervösen Anspannung, die sich nur verstärkte, als jäh sein Meister den Raum betrat. Er sah
Darth Sikarius an, während dieser auf einem der Hocker saß, die Stimme noch näselnd vom gestern gebrochenen und heute notdürftig geflickten Nasenbein, die Augen halb stumpf vom Alkohol, halb hell von jener grotesken inneren Lebendigkeit, die offenbar selbst Kater, Blutverlust und schlechte Laune nicht völlig auszulöschen vermochten. Etwas in seinem Innersten empfand eine gewisse Genugtuung, als die Blessuren des Sith ihm ins Auge fielen. Sie waren Monumente seiner Rebellion, seines Versuchs ihm heimzuzahlen, was er ihm angetan hatte. Lächerlich kleine Monumente, wenn man bedachte, dass die Kreatur noch atmete, doch sah Teneb in Sikarius nun das, was er war: Verwundbar. In einem anderen Leben, dachte der Umbaraner mit bitterer Kühle, hätte man einen Mann in diesem Zustand belächelt, gemieden, vielleicht verachtet. Hier jedoch, auf Artek III, im Schatten des Tempels, in diesem Dorf und unter dieser Lehre, war selbst der gebrochene, versoffene Meister noch immer gefährlicher, schneller und in jeder entscheidenden Hinsicht mächtiger als die meisten Wesen, denen man je begegnen würde. Gerade das machte ihn so unerquicklich.

Er hörte zu. Genauer gesagt, er zwang sich zuzuhören, denn die Worte, die
Sikarius in seiner eigentümlich rohen, zwischen Listenhaftigkeit und Spott oszillierenden Weise hervorbrachte, waren keine Worte, die man gern annahm. Sie mussten durch Widerstand, Ekel und die anhaltende Nachglut des Hasses hindurchgehoben und auf ihren Kern reduziert werden. Rage. Preis. Dunkle Seite. Dein Körper bezahlt. Unterdrückung. Das alles klang aus dem Mund seines Meisters so unerquicklich platt, so grob in Form und Ton, dass es fast lächerlich wirkte. Der Bleiche war nur inzwischen zu weit in diese Lehre hineingezogen worden, um ihre Wahrheit mit dem Boten verwechseln zu können, der sie brachte. Gerade weil Sikarius sie wie einen Einkaufszettel herunterrasselte, blieb für ihn nur das, was sich nicht hinter Rhetorik verstecken ließ. Zähneknirschend musste er widerwillig den Wahrheitskern in den Worten des kapriziösen Siths sehen, denn wenn ein Sith dominieren sollte, konnte er nicht die gänzlich die Kontrolle über sich selbst verlieren, wenn er die Kontrolle über andere gewinnen wollte. Wenn Rage ihm gestern nicht bloß Stärke, sondern auch den Verlust der eigenen Führung gebracht hatte, dann musste es tatsächlich eine Technik geben, mit der sich das Dunkel nicht nur entzünden, sondern auch fassen ließ. Und wenn nicht, so war jeder weitere Schritt tiefer in diese Macht hinein nichts als freiwillige Selbstverstümmelung.

Als
Sikarius schwieg und ihn mit jenem letzten, verächtlich aufmunternden „Versuch es. Los!“ ins Leere der nächsten Lektion stieß, senkte der Umbaraner den Blick, um sich von allem Äußeren zu lösen. Der Schankraum verschwand nicht, aber er trat zurück. Das matte Fensterlicht, das Schaben eines Hockers, der Geruch von Bier, Regen und altem Holz, all das wurde dünner, während er die Aufmerksamkeit nach innen zog.
Er musste tief in sich hinein horchen, was ihn wirklich wütend machte. Sein Sith Meister war ein Aspekt, doch schien es ihm, in der Klarheit der Mattheit nach der Rage, dass dieser mehr ein Symptom als die Krankheit selbst war. Es gab Aspekte an Sikarius, die Traumata in ihm wachriefen, die ihn auslösten und seine sonstige ratio erblinden ließen. Es fiel ihm aber schwer einer Zwiebel gleich Schicht um Sicht abzutragen um zum Kern des Problems vorzudringen. Wut war nicht ein Gegenstand in ihm, den man mit ausgestreckter Hand benennen konnte, nicht ein einzelner Stein, den man zwischen anderen hervorfischte. Sie war ein Grundzustand geworden. Eine Art zweiter Atmosphärendruck, unter dem er seit Monaten lebte. Und doch verstand er, dass
Sikarius etwas anderes meinte. Nicht die allgemeine Gereiztheit, die sich über alles legte wie Rost. Nicht das diffuse Dröhnen. Das Reservoir. Den konzentrierten, gespeicherten Hass.

Er suchte ihn weiter, versuchte seine Machtfühler nicht nach außen, sondern in sein Innerstes zu lenken. Nicht blind, nicht sentimental, nicht in der naiven Annahme, man müsse bloß an etwas Schlimmes denken und die gewünschte Reaktion stelle sich ein. Inzwischen wusste er, dass die Macht auf derartige Willkür nicht wie ein dressiertes Tier reagierte. Also ließ er die Erinnerungen nicht einfach kommen, sondern tastete mit dem Machtsinn nach jenen inneren Knoten, an denen bestimmte Gedanken nicht bloß Bilder, sondern Zustände auslösten. Der erste fand sich schnell. Umbara. Familie. Sein Vater.
Noctan Dasks Gesicht trat nicht in scharfer Sicht auf, einem Gespenst gleich marodierte er in jener kalten, erschöpfend deutlichen Weise, in der sich manche Erinnerungen weniger über Konturen als über Wirkung in einem festsetzen. Das Desinteresse. Die Vergleiche. Das stille, nahezu höfliche Ausschließen aus allem, was als Vermächtnis, Bedeutung oder Zukunft zählte. Schon der Gedanke daran ließ etwas in Teneb anspringen, tief und zäh, wie eine alte Glut, die man aufrührt und die sofort wieder genügend Hitze findet, um hell zu werden.
Dann
Caligo, sein Bruder. Das Gespenst des Besseren, des Verlorenen, des immer Gegenwärtigen. Was an einem toten Bruder besonders demütigend war, bestand nicht einmal darin, dass man mit ihm verglichen wurde, aber darin, dass ein Toter in der Familiengeschichte eine Perfektion annehmen konnte, gegen die kein Lebender je bestehen würde. Auch dies zog an dem Reservoir. Eine zweite Strömung.
S̵̲͑̅̽į̴̝̀́͘k̴̘̉a̸̮͇͆r̵͔͎͊ỉ̵̹͙͍̀͗ú̵̡͍̐s̸͈̐̓. Hier brauchte er nicht zu suchen. Der Hass auf seinen Meister saß nicht nur nah an der Oberfläche, weil er oberflächlich gewesen wäre. Der Cyborg-Sith nährte diese emotionale Jauchegrube ständig neu. Die Schläge, das Lachen, das Würgen, die Demütigungen, die vulgären Kommentare, das wiederholte Verweigern jeder Form von Anerkennung, selbst des Namens. All das lebte in einem fortgesetzten Jetzt. Als Teneb dem inneren Bild seines Meisters Raum gab, spürte er sofort, wie das Reservoir nicht mehr nur glomm, sondern zu fließen begann. In seiner Wahrnehmung war dies keine poetische Metapher, sondern eine tatsächliche Veränderung. Die Macht verdichtete sich. Nicht um ihn herum, sondern entlang dieser inneren Linien. Als würde ein dunkles Wasser in Kanälen steigen, die ihm längst eingeschrieben waren.

„Unterdrück es!“ befahl er sich selbst. Der Befehl klang in
Sikarius’ Stimme einem entfernten Echo, dass unter seiner Stimme lag, nach. Teneb griff nach diesem Zustand, wie man nach dem Zügel eines panisch gewordenen Tieres greift, und scheiterte fast sofort. Der erste Versuch der Unterdrückung war kein Beherrschen, sondern bloß ein frontaler Widerstand. Er stemmte sich innerlich gegen die aufwallende Wut, wollte sie an Ort und Stelle niederdrücken, und gerade dadurch schoss sie umso aggressiver nach oben. Seine Finger spannten sich um die Kante des Hockers, im Holz knirschte es leise, und irgendwo am Tresen vibrierte ein leerer Becher, ohne dass er ihn bewusst berührt hätte. Die Macht antwortete nicht auf Verneinung. Zumindest nicht auf diese. Er atmete aus, langsam, nicht um sich zu beruhigen. Beruhigung wäre, wie Frieden, eine Lüge gewesen, sondern um den ersten, törichten Versuch abzuschütteln. Er musste anders denken. Er musste wie jemand denken, der etwas findet, fasst und einsperrt. Wieder suchte er das Reservoir auf. Wieder spürte er den dunklen Druck, die aufgestaute Feindseligkeit, das süße, fast verführerische Versprechen, dass man damit nur die Schleusen öffnen müsse, um stärker, schneller, unbarmherziger zu werden. Diesmal stellte er sich nicht dagegen. Er ging einen Schritt näher heran. Ließ es anwellen. Ließ die Hitze und die Bitterkeit sich anheben. Und dann, anstatt sie frontal zu negieren, begann er, die Form darum herum zu denken. Einen Rand. Ein Gefäß. Eine Mauer. Kein Stein, kein konkreter Kerker, eher die Vorstellung einer engen, glatten Begrenzung, an der die Bewegung sich bricht und zurückgeworfen wird.

Für einen Moment funktionierte es. Die Wut war nicht fort. Sie war nicht besänftigt, nicht erloschen, nicht gereinigt. Aber sie stand einen halben Herzschlag lang nicht mehr in seinem Brustkorb, seinem Kiefer, seiner Hand. Sie war da und doch an anderer Stelle, hinter etwas, im Schatten einer inneren Schwelle.
Teneb spürte, dass die Macht sich in diesem Augenblick veränderte. Geordnet, wie ein Tier, dessen Zähne man noch sieht, das aber für den Augenblick nicht beißt. Dann riss die Konzentration. Nur eine Kleinigkeit. Der Gedanke an den Vortag vielleicht. An den Schrei. An den Augenblick, in dem Peskas Kopf unter seiner Raserei Form und Erkennbarkeit verloren hatte. Sofort war die Flut wieder da, stärker als zuvor, eben weil sie schon einmal hatte aufbrechen wollen und nun die Erinnerung daran gegen ihn verwendete. Der Hocker unter ihm schabte kurz über den Boden, und aus dem Augenwinkel registrierte er die hastige, fast gierige Aufmerksamkeit, mit der Sikarius diese Entgleisung verfolgte. Das hätte ihn wiederum beinahe wütender gemacht.

Er begann von vorne. Und wieder. Und wieder. Die Zeit verlor dabei ihr klares Maß.
Sikarius sagte etwas, zwischendurch, vermutlich spöttisch mit jenem Hauch Nützlichkeit, die er gerne darin einwickelte, doch Teneb nahm es nur als Hintergrundrauschen wahr. Alles verlagerte sich nach innen. Er lernte, dass Unterdrückung kein schlichtes Wegdrücken war, sondern eine Form von räumlicher Disziplin. Dass man den Hass nicht austreiben konnte, sondern ihm einen Platz zuweisen musste. Dass man ihn, wenn er einmal dort war, trotzdem noch spürte, vielleicht sogar stärker, aber eben nicht mehr als den Impuls, der die nächste Bewegung sofort bestimmte. Mehr als einmal misslang ihm das. Einmal platzte ein Krug auf der Theke, als seine Konzentration auf einen der umbaranischen Erinnerungsfäden kippte. Ein anderes Mal riss er im unbewussten Zugriff den Humpen, den Sikarius neben sich stehen hatte, einen Fingerbreit in die Luft, ehe er die Bewegung brach und das Gefäß mit einem dumpfen Schlag wieder aufsetzte. Jedes Versagen war unerquicklich sichtbar.

Doch allmählich entstanden Momente, in denen es länger hielt. Er dehnte den Zeitraum von einen einzelner Atemzug auf drei.Vorbei aus einem flüchtiges Gefühl von Distanz, in eine richtige Schichtung im Inneren. Da war die Wut. Da war der Hass. Da war die schwarze, verführerische Bereitwilligkeit der dunklen Seite, alles sofort in Handlung zu übersetzen. Darüber oder darum herum war da noch etwas anderes. Die kalte, absichtsvolle Präsenz, die nicht das Gegenteil davon war, sondern ihre Aufseherin.
Teneb begann zu begreifen, dass Machtmut nicht Beruhigung bedeutete. Es war nicht die Rückkehr zu einem helleren, weniger vergifteten Selbst. Es war bloß die Fähigkeit, die Dunkelheit an der kurzen Leine zu führen, ohne sich von ihr schleifen zu lassen.

Als er die Augen wieder hob, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sein Körper fühlte sich seltsam ausgehöhlt an, erschöpft wie nach einem Kampf, wie nach einer Operation, bei der etwas aus ihm herausgehoben und anders wieder eingesetzt worden war. Seine Hände lagen ruhig. Das Dröhnen im Kiefer war noch da, die Verletzungen des Vortages ebenfalls, und hinter allem saß unverändert der Hass auf
Sikarius, auf diesen Ort, auf das, was er hier geworden war und zugleich werden musste. Aber zwischen diesem Hass und der Welt lag jetzt etwas, das es vorher so nicht gegeben hatte Er sah seinen Meister an und dachte, beinahe mit Verwunderung, dass man vielleicht doch beides zugleich sein konnte: An der Leine und derjenige, der bereits begann, die Hand an ihr zu verlagern. Lag vielleicht auch die Dominanz nicht gerade darin zu bestimmen, wie lange die Leine war oder handelte es sich hierbei um Selbsttäuschung? Der Umbaraner war erst am Anfang seiner Reise diese Technik zu beherrschen und würde in weiteren Momenten über diese Ambiguität nachdenken müssen.

Draußen strich der Regen weiter über die Scheiben, langsam und beharrlich, und irgendwo im Gebäude knackte Holz in der Kälte. Im leeren Schankraum war es still genug, dass selbst das Atmen Gewicht bekam. Teneb saß dort, die Worte seines Meisters, so unerquicklich und roh sie gewesen waren, noch wie Scherben im Raum, und begriff mit jener kalten Klarheit, die ihm auf Artek III inzwischen vertraut geworden war, dass dies die eigentliche Zumutung der Sith war: Nicht, dass sie Hass forderten, sondern dass sie von einem verlangten, ihn zu hegen, zu füttern, zu mehren und zugleich so weit zu beherrschen, dass er im entscheidenden Augenblick nicht einen selbst verbrannte, sondern genau das traf, was man zu vernichten gedachte. Darin lag vielleicht die schlimmste Wahrheit dieser Lehre, nämlich dass sie funktionierte.


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[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Törcsván / Pub 'Bei Rousseaus' / Schankraum ] Leto und Teneb

Mit einem Brummen stellte Leto fest, dass der Schüler nichts aus seinem gestrigen Ausbruch mitgenommen hatte. Anstatt etwas Interessantes zu sagen, tat er einfach wie geheißen. Das stumme Mäuschen war zurück. Die Kreatur mit Meinungen und einem so köstlichen, brodelnden Kochtopf voll Hass war verschwunden. Wieder einmal überwunden von der Angst vor seinem Meister. Die Augen in stummer Anklage auf seinen Schüler gerichtet, stützte Leto einen Wangenknochen auf seine Faust. Stumm sah er dem Dieb beim Üben zu. Und als auch das langweilig geworden war (also quasi sofort), aus dem Fenster. Mit dem Machtsinn sah er ja ohnehin besser.

Während die Zeit verstrich, ließ Leto die Beine baumeln. Es gab nichts, was er beitragen konnte – oder er wusste wenigstens nicht was. Sein bionisches Auge zoomte auf einen einzelnen Regentropfen, der – eine kritische Größe erreicht – langsam das trübe Glas hinunterkroch. Unterwegs traf er auf seine kleineren Geschwister. Nahm sie in sich auf, ließ kleinere Nachkommen zurück.

Ab und an triezte Leto den Schüler reflexhaft immer wieder mit spitzen Kommentaren, doch war er irgendwie nicht so Feuer und Flamme wie sonst. Gedankenverloren summte er eine Werbejingle und lauschte den Geräuschen des Gebäudes. Ein Knacken im Holz, ein Knistern der Elektroleitungen…

Ein scharfes Donnergrollen zerriss die Stille und Letos Augen fokussierten sich. Verwirrt blickte er zwischen Schüler und Fenster hin und her. Noch immer lag der Nebel über allem und der Regen hatte nicht an Intensität gewonnen. Der Platz vor dem Fenster lag gekleidet in Weiß da, fernab jeder Gewitterfarbe. Warum ihm dies aufgefallen war, konnte er nicht sagen. Wer war Leto, dass ihn Wetter juckte? Warum zum F*ck verschwendete er überhaupt grade weitere Gedanken daran?!

Abfällig schnaubte Leto über seine eigene Schwäche und wandte sich wieder dem Schüler zu. Der hatte, wie es schien, seine Übung erfolgreich abgeschlossen. In der Macht wirkte er angemessen müde, ausgelaugt. Für einen Moment holte Leto Luft, die nächste gemeine Übungsvariation auf den Lippen, doch dann atmete er stattdessen einfach aus. Nachdenklich musterte er die bleiche Gestalt. Vermutlich hatte es keinen Sinn weiter zu üben. Was sollte er schon noch groß machen? Der sche*ß Sani hatte ihm ja SCHON WIEDER zwei Tage Faulenzerei verschrieben! Wie in diesem Tempo jemals ein echter Sith aus dem Jungen werden sollte, war ihm ein Rätsel. Und doch…


„Das war’s, wir sind fertig für heute.“

, sagte er langsamer, als er beabsichtigt hatte.

„Scher dich zum Teufel!“

, schnappte er nach kurzem Zögern, überkorrigierte den Kurs. Angestrengt beschwingt stand er auf und trat rücklings gegen den Hocker, auf dem er bis grade gesessen hatte. Sein Fuß erwischte das Holz sauber. Mit einem befriedigenden Knirschen zerbarst er am Tresen. Zufrieden nickte Leto. Das war die Energie, mit dem er der Welt auch an einem Sche*ßtag wie diesem begegnen wollte!

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von seinem Schüler ab und verschwand in seiner Kammer. Vernehmlich knallte die Tür hinter ihm zu. Das Holz knarzte durch die Wucht, die metallenen Beschläge klimperten. Dann ließ Leto sich auf sein Bett fallen. Für einen Moment starrte er einfach stumpf an die Decke, die Augen halb geöffnet. Dann blinzelte er. Was tat er denn? Warum war er nochmal in sein Zimmer gegangen? Vermutlich, weil er die Gedankenkontrolle hatte trainieren wollen. Das musste es sein!

Er streckte seine Sinne aus, spürte den Schüler im anderen Raum. Im Anbau spürte er Rousseau und eine weitere Person an der Tür. Vermutlich eine Lieferung. Doch unter seinem Bett… Es dauerte einen Moment, bis die Ratte, berührt von seinem Geist, hervorgekrochen kam. Ein niedliches, kleines Ding eigentlich. Die langen gelben Zähne erinnerten ihn ein bisschen an sich selbst. Vielleicht sollte er lieber die Ratte ausbilden? Die war immerhin netter anzusehen als die bleiche Vogelscheuche im Schankraum! Der versuchte Witz entlockte weder Leto noch der Ratte ein Lachen. Banausen, alle beide!

Einen Moment verstrich, während sie ihn einfach nur anstarrte, dann gab er sich einen Ruck. Er versenkte seinen ungleichen Blick in den großen, glasigen Augen der Ratte und im nächsten Moment sah er sich selbst aus ihrer Perspektive. Eine gigantische, graue Gestalt, halb über die Bettkante gebeugt. Das bionische Auge glühte grell, doch starrte das organische unter einem halb geschlossenen Lid hervor stumpf vor sich hin. Die Ratte – Leto – stieß ein Quieken aus und huschte davon. Unter der Tür hindurch, durch den Schankraum. Die Vorratskammer duftete und hatte er nicht eben noch Leute dort gespürt? Ein klackerndes Trippeln unter seinen kleinen Krallen, während er vorsichtig den Gang entlang trabte. Wenn überhaupt schien das Wetter noch beschissener geworden zu sein. War es eben auch schon so dunkel gewesen?

In der Vorratskammer fand er Rousseau und eine weitere Person vor. Eine Zuguruk. Ja, DAS hatte er eben gespürt, nicht? Sie redeten und das erweckte seine Aufmerksamkeit. Behände sprang er an einem Regal hinauf, krabbelte über einen Sack Korn und schaute auf die beiden hinab. Er registrierte die flackernde Funzel an der Decke, die beiden Gesprächspartner vor der offenen Tür.


„…was sagen sie?“

, hörten Letos empfindliche Rattenohren aus dem Mund Rousseaus. Bei seinem Anblick begann sein Rattenherz schneller zu schlagen. Ein Instinkt gebot ihm sich tiefer in den Sack zu wühlen, doch er widerstand ihm. Ließ die Ratte aus Protest neben den Sack schlüpfen und sich zwischen ihm und einem Honigglas einklemmen. ER steuerte, nicht irgendein dahergelaufenes Nagetier!

„Sie haben zugestimmt. Vorausgesetzt Captain Stelli…“

Der Rest des Satzes ging in einem dumpfen Rauschen unter. Letos Rattenaugen sahen die Lampe aufflackern, doch die Dunkelheit nahm zu. Die Gesichter der beiden Gesprächspartner lagen im Schatten. Für einen Moment wollte er sich tiefer in die weiche Decke wühlen, bevor er sich gewaltsam daran erinnerte, dass er auf einem harten Regalbrett lag. Er war die Ratte! FOKUS.

„…Problem…einrichten lassen…“

Die Stimme Rousseaus klang dumpf, schwer zu verstehen. Unerklärliche Lücken, wo Worte sein sollten. Leto versuchte sich zu konzentrieren, doch nur einzelne Silben drangen an seine Ohren, die er nur mühsam konstruieren konnte.

„Genug ist…“

„…DINGs…“

Die Stimme des Zuguruk drang wie durch Morast zu ihm hindurch. Als wäre das Honigglas neben ihm geplatzt und sein Inhalt über seine Ohren gelaufen. Er versuchte nach dem Geräusch zu greifen, doch der Ratte entlockte dies nur ein scharfes Quieken.

„Verdammte RATTEN!“

Rief Rousseau, doch es war Letos bionisches Ohr, das die Stimme durch mehrere Wände hindurch vernahm. Irgendetwas knallte.

Mit einem Stöhnen rollte Leto sich auf seinen Rücken. Er wollte sich erheben, doch seine Glieder schienen an der Decke zu kleben. Er spürte ein Zucken als Antwort auf seinen Befehl, doch gehorchten sie ihm nicht. Der Alkohol? Seltsam. Der Raum lag grade vor ihm, nichts drehte sich. Noch während er über dieses Mysterium nachsann, schlief er ein.


[ Outer Rim / Sith-Welten / Artek-System / Artek III / Törcsván / Pub 'Bei Rousseaus' / Letos Kammer ] Leto
 
Stummer Fels auf Klippe
Donner schlägt, der Nebel rollt
Blindes Starren, sieht


Das kleine Dorf Törcsván lag im Nebel. Noch immer hallte der einzelne Donnerschlag nach, den ein einzelner Blitz über der Ruine des alten Sith-Tempels geschlagen hatte. Das hell aufglimmende Licht war bereits verschwunden, in der dicken Suppe diffundiert. Der Klang jedoch wurde von den Abermilliarden Wassertröpfchen in der Luft gierig aufgesogen und weitergegeben. Hin und hergeworfen zwischen ihnen und den Hauswänden, bis selbst die verrosteten Spieße auf dem Dorfplatz zu schwingen begonnen hatten. Und sogar das Fenster, hinter der sich die beiden Sith verbargen.

Gierig drückte der Nebel sich gegen die Scheibe, doch es gab kein Durchkommen. Immer mehr Wassertröpfchen sammelten sich, bis größere Tropfen langsam das Glas hinabzufließen begannen. Unterwegs fraßen sie ihre kleineren Weggefährten und ließen statt den runden Globulen lebendiger Tropfen nur zerfledderte Überreste zurück.

Der ältere Sith erhob sich, taumelte in ein angrenzendes Zimmer. Ein weiteres Fenster gab die Sicht auf ihn frei. Das Zimmer war feucht, eine schlecht geflickte Bruchstelle im Glas hatte den hölzernen Fensterrahmen faulen lassen und kleine Insekten angelockt, die sich an ihm gütlich taten. Ihr emsiges Bohren, ihr unermüdliches Kratzen und Beißen im Holz sorgte für stete Geräusche, die beinahe so klangen wie das Huschen der Ratte, in deren Geist der Sith gekrochen war.

Im Lagerraum war kein Fenster, doch hatte man dem Nebel hier eine Tür geöffnet. Die Luft, die weiter den Hügel hinauf nach Moder und sterbendem Gras roch, trug hier eine frischere Note. Es roch nach Fathier, die Luft durchsetzt mit dem lebendigen Duft des vor der Tür angebundenen Reittiers, der sich tief, tief in die Fasern von Kleidung eingegraben hatte. Auch die Ratte war hier, ebenso tief in einem Regal verschanzt. Die Luft schmeckte nach Essen, nach empfindungsfähigem Leben und nach dem Gift, dem sie mit so viel Eifer die Türen ihrer Körper öffneten. Der Nebel kostete ihre Worte, wie Menschen einen guten Wein. Nahm die Vibrationen in sich auf, die die Wesen in ihren Korridoren aus Fleisch erzeugten.


„… Vorausgesetzt Captain Stelli gewährt ihnen Zugang zur Waffenkammer.“

, wiederholte der Nebel die Worte des Zuguruk und trug sie zu den Ohren des Menschen…und der Ratte. Immer größere Fetzen und Fäden aus Dunst hatten damit begonnen durch die offene Tür ins Innere zu wabern, wo sie in der warmen Luft rasch unsichtbar wurden. Gehorsam trug der Nebel auch das Schnauben des unruhigen Fathiers herein.

„Das ist ein Problem, aber das wird sich denke ich einrichten lassen. Sie braucht sie ja nur nicht aufzuhalten.“

, antwortete der Mensch in seiner monotonen Stimme. Die Worte waren ruhig vorgetragen, doch wurden sie von einem stärker werdenden Geruch nach Mensch unterlegt.

„Das wird sie wohl tun müssen. Seit Soldaten verschwinden, hat auch die Garnison endgültig die Nase voll. Genug ist genug.“

Eine Windböe wehte durch die Tür und zerrte an der schmutzigen Lederkleidung des Zuguruk, fast als wolle sie die Worte fortwehen. Doch selbst dafür war sie zu schwach und trocknete stattdessen die winzigen Schlammspritzer, die ihm von den schweren Stiefeln bis zu den Knien reichten.

„Es ist ein Risiko…. Ein Großes. Aber nichts ist schlimmer als die Rückkehr des DINGs. Sie wird es schon tun. Ich werd‘ nochmal mit ihr spechen…“

In der Kammer des Sith war es einem dünnen Finger aus Nebel endlich gelungen einen Weg durch das geflickte Fenster zu finden. Weißer Dampf fiel in einem Wasserfall verdunsteter Feuchtigkeit zu Boden. Während der Geist des Sith sich endgültig zurück in seinem Körper zurückfloss, breiteten die bleichen Schwaden sich in einer wogenden Lache aus. Die Ratte jauchzte, von ihrer plötzlichen Freiheit überwältigt, doch beendete der Mensch ihr jähes Glück mit einem Ruf und einem Holzscheit.

Während sich über der dichten Wolkendecke die Sonne langsam der anderen Seite des Planeten zuwandte, hielt sich der Nebel beharrlich über Törcsván. Er erstickte sogar die wenigen Regentropfen, die es gewagt hatten, ihn in seiner Dominanz herauszufordern. Wie die Dunkelheit, senkte auch er sich immer dichter über dem Dorf hinab, trieb seine Bewohner in die Häuser zurück und früh in ihre Betten. Die meisten von ihnen suchten Schutz in engen Räumen, trocken und abgedichtet. Einen Raum hatte der Nebel jedoch für sich eingenommen und sich wie eine zweite Decke über seinen bewusstlosen Bewohner gelegt. Über seinen Körper und seinen Geist, das vertraute Gefühl eines alten Freundes in seinen Armen. Eine neue alte Verbindung, die plötzlich, von einem Moment zum anderen, als Traumgestalt vor dem Fenster des jüngeren Sith erschienen war. Langsam erhob sie eine falsche Hand zum Fenster, als der Nebel jedoch das Summen von Maschinen schmeckte.

Grade kehrte ein schwebendes Gerät aus der Garnison zurück, wo es ein langes Gespräch mit der Kommandantin geführt hatte. Auch ihm hatte der Nebel gelauscht, aber zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Nun jedoch vibrierte er, öffnete den Mund und trug Wortfetzen an kalte Rezeptoren. Ein vielstimmiges Flüstern aus einer vergangenen Zeit, als es noch viele Stimmen an diesem Ort gegeben hatte.


„U̴X̷-̷2̵3̶.̶

, flüsterte die Traumgestalt und die Maschine hielt auf ihrem Weg inne. Der Nebel registrierte die geschnarrte Antwort, doch gab es niemanden, an den er sie weitertragen wollte.

„K̶o̴m̴m̴ ̷h̷e̵r̵,̵ ̵i̶c̶h̶ ̸w̶i̵l̶l̸ ̵e̷t̶w̴a̴s̷ ̶m̶i̴t̶ ̸d̸i̵e̴ ̷b̷e̷s̶p̶r̶e̸c̴h̵e̵n̶.̷.̸.̶“

Gehorsam folgte die Maschine dem Trugbild in eine Seitengasse. Oder eher einem Trugbild, denn kaum war sie verschwunden erschien ein weiteres auf dem grade verlassenen Fleck. Erneut hob es eine Hand und klopfte diesmal wirklich gegen die Scheibe. Geräuschlos, denn es war der Nebel, der vibrierte und das Geräusch zu der bleichen Gestalt im Inneren trug. Der jüngere Sith, dessen gesunden Körper er die letzten Monate so gerne umspielt hatte, dessen Hass er so gierig in sich aufgesogen hatte, in dessen Geist er so widerstandslos eingedrungen war.

Es dauerte nicht lang, bis das Fenster sich öffnete und der Schüler seinen neuen Meister ansah. Der Nebel vibrierte, griff auf seine vielen, vielen Erinnerungen zurück und formte Worte, die aus einem körperlosen Mund des Sith zu kommen schienen.


„K̵o̵m̴m̵,̸ ̸
T̷e̸n̴e̷b̸,̷ ̴m̶e̵i̴n̶ ̴S̸c̴h̵ü̶l̸e̴r̸.̷ ̵I̶c̸h̷ ̴h̷a̴b̵e̷ ̴e̵i̵n̷e̶ ̶P̸r̷ü̶f̷u̶n̶g̸ ̴f̸ü̷r̴ ̵d̷i̴c̶h̵.̸ ̶I̵m̶ ̷T̴e̸m̸p̴e̵l̷.̸ ̶F̶o̸l̷g̴e̵ ̶m̴i̷r̷.̸“

Der Nebel flüstert
Eine Stimme ohne Sein
Kein Herz schlägt, herzlos
 
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