Artek III

Outer Rim | Artek-System | Artek III | Bucht unter Tempelklippe | Teneb Dask und Darth Sikarius

Der Abend lag bereits schwer über der Bucht, als Teneb Dask zum ersten Mal in einem wirklichen, offenen Duell die Klinge seines Meisters traf, und in jenem Augenblick, in dem das Trainingslichtschwert in seiner Hand mit dem dumpfen, doch metallisch schneidenden Klang an Sikarius’ Hackbeil von einer Klingenwaffe schlug, gewann die ganze Stunde eine neue, beinahe feierliche Grausamkeit. Bislang hatte sich Kampf für ihn stets als Prüfung angefühlt, als ein tastendes Vorstoßen gegen etwas, das größer, älter und entschlossener war als er selbst, doch nun trat zu dieser Erfahrung ein weiterer, weitaus bitterer Aspekt hinzu: Das Wissen, dass dies kein Sparring gegen einen Sklaven oder Korrigieren von Haltungen unter Pai Lais dreifach gebrochenem Blick und auch kein bloßes Exerzieren von Katas war, sondern die unmittelbare Begegnung mit jener Gewalt, die ihn seit Nkllon geformt, erniedrigt und zugleich am Leben gehalten hatte.
Darth Sikarius begann kontrolliert, beinahe mit einer kalten Höflichkeit, als wolle er Teneb für wenige kostbare Augenblicke glauben machen, hier herrschten Regeln, die beide Parteien gleichermaßen banden. Seine Füße setzten sauber auf, der Stand war enger und disziplinierter als in jenen rohen, beinahe straßenköterhaften Ausbrüchen, die Teneb sonst von ihm kannte, und in dieser Gedämpftheit lag eine neue Form der Bedrohung, denn sie zeigte dem Schüler, wie viel von der Wildheit seines Meisters nicht Natur, sondern Entscheidung war. Teneb hielt dagegen, so gut er konnte, führte seine Klinge in den Linien, die ihm Pai Lai und der Schmerz der letzten Tage in den Leib geschrieben hatten, und für einen kurzen Abschnitt dieses Duells glaubte er tatsächlich, einen Rhythmus gefunden zu haben, in dem er nicht bloß gejagt wurde, sondern antworten konnte. Das grobe Knirschen des Kieses unter ihren Stiefeln mischte sich mit dem stetigen Rollen der Brandung, und über allem lag das schwere Atmen des Ozeans, als beobachte die Bucht selbst das Zusammentreffen von Meister und Schüler.

Doch diese Hoffnung währte nur so lange, wie
Sikarius es gestattete. Als er sich entschied, die Maske der Geduld abzustreifen, zerfiel die mühsam gewonnene Balance augenblicklich. Die Macht schoss durch seinen ausgemergelten Leib, seine Bewegungen wurden von einem Moment auf den anderen schneller, härter, präziser, und was eben noch wie ein echter, wenn auch ungleicher Austausch gewirkt hatte, wurde nun zur Offenlegung eines Abstands, den der Bleiche bis dahin nur geahnt hatte. Überkopfschläge brachen auf ihn nieder, Klingenwinkel veränderten sich in der Zeit eines Wimpernschlags, und jede Parade, die ihm eben noch gelang, wurde nun bloß zu einem verzögerten Eingeständnis, dass er der Gewalt seines Meisters stets einen Herzschlag hinterherhinkte. Dann kam der Haken mit dem Kortosissporn, die Bresche in seiner Verteidigung, der Stiefel in der Magengegend, und im nächsten Augenblick lag er rücklings auf den nassen Steinen, die Luft aus den Lungen gepresst, das gehemmte Lichtschwert außer Reichweite und der fahle Himmel über ihm grau und spottend offen.
Die eigentliche Bestürzung setzte erst ein, als
Sikarius ausholte und mit kalter, beinahe handwerklicher Präzision gegen den eben erst verheilten Fuß schlug. Es war nicht einmal der stärkste Schmerz, den Teneb in den letzten Wochen erlitten hatte, und vielleicht gerade deshalb traf er ihn so tief; denn in ihm lag keine Raserei, keine außer Kontrolle geratene Brutalität, sondern Berechnung. Sein Meister hatte die Stelle gewählt, die Verletzlichkeit erkannt und sie gezielt wieder aufgerissen. Es ging dem kapriziösen Sith nicht einmal Vernichtung, sondern um ihm die Welt noch einmal in ihrer ganzen Hässlichkeit zu erklären und ihn zu demütigen. Teneb spürte seine Haut nachgeben, das Öffnen was zuvor verschlossen war und hörte das Geräusch nicht, doch der Schmerz selbst war laut genug, fuhr weiß und schneidend durch sein Bein, hinauf in Hüfte und Rücken, und ließ ihm für einen Moment nur noch das nackte, tierische Wissen, dass etwas in ihm erneut verletzt worden war.

Als
Sikarius ihn dann mit einem dreckigen Grinsen, einer lässigen Bemerkung über Flut und Überleben und jenem verächtlichen Pfeifen zurückließ, brannte in Teneb etwas auf, das tiefer ging als der Schmerz im Fuß. Es war nicht bloß Wut. Es war jene schwarze, kalte Art von Hass, die nicht schreit, sondern sich in das Denken frisst, dort jeden Gedanken kontaminiert und jede Erinnerung mit scharfem Rand versieht. Für einen flüchtigen, schrecklichen Augenblick fühlte er sich zurückgelassen wie ein verstoßener Körper an einem Ort, der nur darauf wartete, den Rest zu erledigen. S.i.k.a.r.i.u.s. Er verfluchte jeden Aurebesh Letter seines verdammten Namens mit seiner verdammten Kybernetik, die ihm nicht einmal die Güte der Kälte maschinellen Denkens gebracht hatte. Er verfluchte seine gelben Zähne, die er nicht mit der Klinge seines Lichtschwertes, sondern mit dem Ende seines Griffs zu einer gelblich verformten Skyline gebrochener Türme schlagen wollte. Die Bucht wurde zur Falle, das Wasser zu einem geduldigen Feind, die anrollenden Gezeiten zu einer Macht, die ihn langsam, unpersönlich und gründlich verschlingen würde, wenn er liegenblieb. Und über all dem stand das Bild seines Meisters, der ging, ohne sich umzusehen, als sei Teneb nichts weiter als ein Werkzeug, das man testete, beschädigte und dann sehen wollte, ob es aus eigener Kraft wieder funktionierte.
Die Wut in ihm multiplizierte sich und breitete sich wie die Tumore einer besondes aggressiven Krebsdiagnose in seinem Leib aus. Er wollte dem kapriziösen Sith hinterher, ihn in die Wade beißen, wenn es sein musste. Sollte er doch eine Woche still liegen und an seiner eigenen Unruhe zugrunde gehen! Zuerst bewegte sich der Umbaraner sich auf allen vieren. Es war ein demütigendes, langsam tastendes Vorwärtskriechen über nassen Kies, scharfkantige Steine und faulenden Tang, getragen von Händen, die sich einem Acklay gleich in den Boden bohrten. Seine Hände wurden rasch aufgeschürft, schmutzig, schleimig von Algen und Meerwasser, und jedes Mal, wenn das verletzte Bein versehentlich Gewicht aufnahm, schoss der Schmerz so grell durch ihn, dass er kurz das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, während er einen Namen immer wieder auf seinen Lippen verfluchte:
SIKARIUS. Der Regen hatte wieder eingesetzt, erst fein, dann dichter, und legte eine kalte Schicht über alles, während das schwere, süßlich verrottende Aroma der Algen den Atem unerquicklich machte. Er schmeckte Salz, Erde, Blut und etwas Moderiges, das sich wie eine zweite Zunge auf seinen Gaumen legte, als würde der fortschreitende Verfall seines geistigen und körperlichen Zustands eines Parfüms bedürfen, dass ihn komplett einnebelte. Die Bucht, eben noch ein Ort des Trainings, war jetzt nichts als ein widerliches Hindernis aus Nässe, Gestank und Schwerkraft, dass zum modrigen Grab seines Anstands wurde.

Als er den Fußweg erreichte, der sich in engen Windungen die Klippe hinaufzog, wurde das Ganze noch schlimmer. Gute siebzig Höhenmeter lagen vor ihm, und der Pfad war kaum mehr als eine glitschige, von den Gezeiten halb zurückeroberte Narbe im Gestein. Auf allen verfügbaren Flächen klebten Algen in dicken, schimmernden Teppichen, von Regen und Gischt aufgequollen, so rutschig und widerwärtig, dass selbst der bloße Anblick Ekel hervorrief. Der Wind strich scharf über die Klippe, riss an seiner durchnässten Kleidung und trug den süßlichen Modergeruch überallhin, als wolle selbst die Luft ihn verhöhnen.
Teneb kroch zunächst weiter, zog sich an Wurzeln, Steinvorsprüngen und allem hoch, was seinen Fingern Halt bot, und erst nach einigen Metern zwang er sich, die neu gelernte Technik der perfektionierten Körperbeherrschung zu nutzen. Es kam nicht nur einmal vor, dass der glitschige Untergrund zu seinem Untergang geführt hätte und der Faden seines Schicksals hier abrupt ein Ende gefunden hätte. Stattdessen bohrten sich seine gemarterten Finger nach Halt suchend tiefer in alles, was er greifen konnte, bis Schnitte und weitere Blessuren ihn wie die Medaillen eines Veteranen schmückten. Er versuchte mithilfe der Macht den Schmerz zu isolieren, ihn wie einen fremden Gegenstand aus dem Zentrum seines Bewusstseins zu drängen, den verletzten Fuß in seinem inneren Bild vom Rest des Körpers zu trennen, sodass die Macht ihn umschließen und abschirmen möge. Doch es gelang ihm nicht. Nicht wirklich. Er konnte die Bewegung präzisieren, die Schultern fester machen, den Griff der Finger verlässlicher und den Oberkörper in jene harten, funktionalen Muster zwingen, die Pai Lai als Gehorsam des Leibes beschrieben hätte, aber der Schmerz blieb. Er ließ sich nicht wegschließen und je mehr er versuchte diesen unliebsamen Gast aus der Tür zu drängen, desto forscher erzwang er sich übergriffig wieder Platz in seinem Körper. Der Schmerz pochte in jeder Faser des Beins, glühte in den Knochen, meldete sich bei jeder Verlagerung des Gewichts mit derselben schneidenden Brutalität zurück. Schließlich hörte Teneb auf, ihn beherrschen zu wollen, und begann, ihn zu benutzen. Wenn Schmerz nicht zum Schweigen zu bringen war, konnte er wenigstens als Brennstoff dienen. Er nahm das Pochen im Fuß, die Schürfwunden an Händen und Knien, das Brennen in Lunge und Rücken, und machte daraus nichts Erhabenes, nichts Schönes, sondern einen rohen, zähen Antrieb, der ihn zwang, weiterzugehen, weiterzukriechen, sich weiter hinaufzuzerren, Zentimeter um Zentimeter, wie ein beschädigtes Tier, das sich aus eigener Wut noch einmal erhebt.

Als er endlich den oberen Rand der Klippe erreichte, war er kaum mehr als ein Bündel aus Matsch, Nässe, Zittern und Restwillen. Sein Atem ging stoßweise, die Hände waren aufgerissen, und jeder Muskel in seinem Leib fühlte sich an, als sei er mit Kies gefüllt. Dort oben, wo der Pfad sich wieder zu einem halbwegs ebenen Weg verbreiterte, schwebte UX-23 heran, als sei er die stahlgewordene Rettung. Der Droide thronte über ihm, mit jener aufreizenden Geradlinigkeit, die Maschinen eigen war, wenn sie menschliches Elend mustern, ohne es wirklich empfinden zu können.
Seine Photorezeptoren glommen in jenem stumpfen Rot, das weder Mitgefühl noch offene Feindseligkeit verriet, und doch lag in der Art, wie er Teneb musterte, eine Spannung, die sich weniger gegen den erschöpften Schüler richtete als gegen den Mann, der ihn in diesen Zustand versetzt hatte.

„Dein Zustand ist unzureichend“, sagte UX-23 schließlich, und obwohl seine Stimme so gleichförmig blieb wie immer, war ihr eine Schärfe eigen, die fast nach Missbilligung klang, nur dass sie nicht dem geschundenen Umbaraner galt. „Sikarius hat die Belastungsgrenze erneut überschritten.“

Der Bleiche hob den Kopf nur so weit, wie nötig war, um den Droiden anzusehen. Regen lief ihm über Stirn und Wangen, vermischte sich mit Dreck und Schweiß, und seine Antwort kam heiser, aber mit jenem Rest von Trotz, den ihm weder Schmerz noch Erschöpfung aus dem Leib hatten prügeln können.

„Dann trag es ein. Ihr scheint ja für alles Listen zu führen.“

UX-23 schwebte ein Stück näher, ohne jedoch jene Grenze zu überschreiten, die aus Hilfe eine Einmischung gemacht hätte. „Obacht.“, erwiderte er. „Ich bin hier, um sicherzustellen, dass Sikarius seine Ressource nicht vorzeitig unbrauchbar macht.“

„Wie beruhigend“, murmelte Teneb und zog sich an einem Felsvorsprung weiter hoch, bis er wenigstens halbwegs stand. „Dann richte Beobachtungsobjekt aus, dass seine Ressource noch läuft.“

Der Droide ließ sich davon nicht provozieren. „Unterstützung wäre zweckmäßig.“

Teneb lachte kurz auf, ein trockenes, fast schmerzhaftes Geräusch, das nichts Heiteres an sich hatte und von einer Grausamkeit durchzogen war.

„Zweckmäßig für wen? Für mich? Oder dafür, dass ihr ihn später nicht erklären müsst, warum sein Schüler auf halber Strecke verreckt ist?“frotzelte der Sith Schüler zurück, nicht bemerkend, dass je tiefer er sich in diesen Geisteszustand vertiefte, der Person ähnlicher wurde, die er mit jeder Faser seines geschundenen Daseins hasste und verabscheute und ihn enttäuschte, sobald er auch nur ein Fünkchen Respekt aufbaute.

Für den Bruchteil einer Sekunde schwieg UX-23, und in diesem Schweigen lag mehr über seine Haltung zu Sikarius, als es jede offen ausgesprochene Kritik vermocht hätte. Er war kein Verbündeter Tenebs, keine wohlmeinende Instanz und ganz sicher kein Freund. Er war der Wärter eines gefährlichen Mannes und, in gewisser Weise, der Buchhalter seiner Exzesse.


„Langfristige Schäden würden die Ausbildungsqualität mindern“, sagte der Droide schließlich.

Teneb stemmte sich auf, taumelte, fing sich mühsam und verzog das Gesicht, als der Schmerz ihm erneut weiß durch den verletzten Fuß schoss.


„Dann wird sich zeigen, was an mir Bestand hat.“

Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Es war kein Sieg, nur eine letzte, kümmerliche Behauptung von Eigenwillen, und doch klammerte er sich daran, weil alles andere schlimmer gewesen wäre. Er hatte es bis hierher geschafft, aus eigener Kraft, aus Wut, aus Schmerz, aus Scham, und er würde sich die letzten Meter bis zum Pub nicht noch von der kalten Zweckmäßigkeit eines Droiden abnehmen lassen. Also setzte er sich wieder in Bewegung, hinkend, zitternd, jeder Schritt eine Zumutung, während UX-23 lautlos neben ihm herschwebte wie ein Aufseher, der zwar nicht helfen, aber auch nicht zulassen würde, dass das geprüfte Objekt einfach im Schlamm zusammenbrach. Doch als schließlich die Lichter des Pubs durch Regen und Dunkelheit schnitten und das warme, gelbliche Leuchten des Inneren ihm entgegenfiel, war selbst dieser letzte Rest von Trotz nur noch ein matter, flackernder Impuls. Er stieß die Tür auf, und die Wärme des Raumes, der Geruch von Alkohol, nassen Stoffen und fremden Körpern schlugen ihm mit solcher Wucht entgegen, dass seine Sinne für einen Moment taumelten. Irgendwo hörte er Stimmen, das Scharren eines Stuhls, ein kurzes Aufblicken aus mehreren Gesichtern zugleich. Dann versagten seine Beine ihm den Dienst. Er brach mit der endgültigen, schweren Erschöpfung eines Körpers zusammen, der beschlossen hatte, dass jeder weitere Befehl nun warten musste.

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Irgendwo an der Grenze zwischen Bewusstsein und Ohnmacht, dort, wo Worte bereits ihre Form verlieren und nur noch als dumpfer Nachhall gegen die Innenseiten des Schädels schlagen, bekam Teneb Dask mit, wie sich Schritte näherten, schwer und zugleich eigentümlich federnd, als sei selbst Erschöpfung für Darth Sikarius nichts als eine weitere Pose, die man nach Belieben abwerfen konnte. Durch den wabernden Nebel aus Schmerz, Nässe und völliger Verausgabung drang die Stimme seines Meisters an ihn heran, rau, höhnisch und in ihrer schmutzigen Fröhlichkeit beinahe unerträglicher als jede Strafe, die man ihm hätte auferlegen können.

„So sieht ein Sith aus! Durchgekaut und ausgeschissen, aber siegreich.“

Noch ehe der Sinn dieser Worte vollständig in ihm ankam, spürte er die Hand an seinem Kopf, dieses erniedrigende, kindische Durchwühlen seiner ohnehin nassen, kahlen Schädelhaut, den läppischen, beinahe väterlich gemeinten Spott eines Mannes, der weder Vater noch Lehrer im eigentlichen Sinn sein wollte und doch über beides herrschte, als wären Fürsorge und Demütigung nur zwei unterschiedliche Werkzeuge derselben Gewalt.
Teneb fletschte die Zähne. Sein ganzer Geist schrie in diesem Augenblick nach Vergeltung, nach Schmerz, nach der simplen, tierhaften Gerechtigkeit, die darin bestanden hätte, Sikarius die Finger so tief in sein noch verbliebenes organisches Auge zu bohren, dass dieser die Rückwand seines Schädels hätte berühren können. Es wäre ihm ein inneres Freundenfest gewesen ihm mit Macht oder Zähnen aus bloßem Hass etwas von dem zurückzugeben, was er ihm tagtäglich antat. Doch sein Körper verweigerte ihm, zu seinem Glück, den Gehorsam. Er wollte die Hand heben, wollte den Kopf drehen, wollte wenigstens knurren und brachte doch kaum mehr zustande als ein unkontrolliertes Zucken im Kiefer, ehe ihm alles unter den Händen, Stimmen und Gerüchen des Pubs hinwegzog. Dunkelheit umschloss ihn fest wie ein Kokoon zärtlicher Umnachtung und gab ihn nicht mehr so einfach Preis.
Er begann nicht wie ein Traum, sondern wie eine Rückkehr in etwas, das nie aufgehört hatte, in ihm zu bestehen. Umbara lag vor ihm, das Geflecht aus Schatten, Stimmen und kaltem Licht, aus halb geöffneten Türen, hinter denen man Entscheidungen traf, die andere Leben kosteten. Die Hallen seines Elternhauses waren zu lang, zu schmal, die Wände zu dunkel und in ihnen hallte das Geräusch gedämpfter Schritte wie etwas, das nie zu einem Ziel gelangte. Sein Vater wartete bereits.
Noctan Dask stand dort in jener alten, abwesenden Haltung, die selbst im Blick auf den eigenen Sohn nichts von Gegenwart an sich hatte, als gehöre seine Aufmerksamkeit seit jeher allein den Linien von Einfluss, dem Weiterleben eines Namens und den Ränkespielen, in denen er die Familie zum eigenen Erhalt Stück für Stück in den Abgrund manövriert hatte. Er sprach, doch die Worte wechselten, glitten von Vorwurf in Vergleich, von Verachtung in kühle Bilanz. Mal nannte er Caligo beim Namen, seinen geliebten Bruder, den Teneb in der Erinnerung nie erreicht und nie aus der Nähe eines Ideals herausgelöst hatte. Mal blickte er an Teneb vorbei, als sei er nur die schwächere Restsubstanz eines besseren Sohnes, ein Atem in einem Namen, mehr nicht.

Und dann trug das Gesicht des Vaters plötzlich Züge, die dort nicht hingehörten. Das kalte, aristokratische Desinteresse zerfloss, wurde zur verzerrten Fratze des hämischen Schalk von einem Sith,
Sikarius’, zu jenem hageren, höhnisch grinsenden Antlitz, das ihn ansah, als wäre er ein Stück halb gegorener Abfall, den man gerade noch gebrauchen konnte. Die Stimme blieb erst dieselbe und veränderte sich dann, wurde heiser, vulgär, giftig, und wollte ihn beleidigen, wollte ihn erniedrigen, wollte selbst in diesem Traum nicht einmal die Mühe auf sich nehmen, seinen Namen zu kennen. Junge. Schüler. Dieb. Vogelscheuche. Bleiche Ratte. Irgendetwas davon. Nie Teneb. Nie jemand, der in seiner eigenen Wirklichkeit wirklich existierte. Gerade als er ihm etwas entgegenschreien wollte, gerade als sich in seinem Brustkorb jener dunkle, würgende Impuls sammelte, der den Traum selbst zerreißen und ihn mit Gewalt aus dieser Kette aus Vater, Bruder und Meister befreien sollte, zuckte etwas in ihm zusammen. Es war kein Gedanke. Keine klare Wahrnehmung. Eher ein uraltes, instinktives Erkennen von Gefahr, ein jäher Riss in der Wirklichkeit. Der Bleiche fuhr hoch.

Das Gesicht des Kyuzo war unmittelbar vor ihm, das rasselnde Geräusch seines Atemfilters und die blitzende Klinge in seiner Hand weniger als eine handbreit entfernt. Zu nah.

Die Macht brach aus ihm heraus, noch ehe sein Verstand den Vorgang vollständig erfasst hatte. Sie explodierte aus seinem Leib wie ein Schock aus blankgelegten Leitungen, roh, ungeformt, getrieben von nacktem Überlebenswillen und jener Gewalt, die kein Training, sondern Panik gebar. Peska Khalo wurde rückwärts fortgerissen, prallte gegen das Ende der Koje und schlug mit der Schulter an die Wand. In seinem Blick lag für den Bruchteil eines Herzschlags etwas, das der Umbaraner instinktiv erkannte, weil er es selbst nur zu gut kannte: Das Gefühl erwischt worden zu sein. Der jähe, kalkulierende Schreck eines Mannes, dessen Versuch, im Augenblick der Schwäche zu töten, fehlgeschlagen war.
Sikarius’ Stimme kehrte in ihn zurück, klarer als jede Erinnerung. Wenn der Schüler starb, so hatte er gesagt, wartete auf den Sklaven ebenfalls der Tod, es sei denn, er tat es klug genug, verborgen genug. Das Versprechen, das darin für den Kyuzo gelegen hatte, war nie verschwunden. Er hatte nur einem Karnivoren gleich gewartet. Peska war sofort wieder bei ihm. Es entstand kein sauberer Kampf, der als austarierter Austausch von Technik gelten konnte, es war vielmehr ein schmutziges, enges Gerangel auf verschwitztem Bettzeug und schmalem Boden, voller Ellenbogen, Knie, Griffwechsel und blindem Zorn. Teneb spürte die größere Muskelkraft des sehnigen Kyuzo, die trockene, gefährliche Koordination eines Kriegers, der selbst improvisiert noch wie ein Raubtier handelte. Doch ihm blieb etwas, das tiefer saß als Technik: Wut. Reiner, ungebrochener Hass. Als Peska ihn erneut zu Boden drücken wollte, den Unterarm quer gegen seinen Hals, riss Teneb den Kopf zur Seite und biss instinktiv so fest zu, wie es ihm möglich war. Sein Kiefer biss wie ein Tier, das überleben will, ungeachtet aller damit verbundenen Kosten. Seine Zähne fanden die Schulter des Kyuzo gerade oberhalb des Schlüsselbeins, dort, wo Stoff, Haut und Muskel aufeinandertrafen. Er spürte den Widerstand des Gewebes, das kurze, widerliche Nachgeben, dann das warme, metallisch schmeckende Blut, das ihm in den Mund lief. Peska stieß einen Laut aus, halb Knurren, halb Schmerzensschrei, und in derselben Bewegung schlug Teneb mit der freien Hand hoch, blind, instinktiv, immer wieder, bis seine Fingerknöchel auf etwas Hartes trafen. Die Filtermaske des Kyuzo sprang mit einem scharfen Riss aus ihrer Verankerung, ein Teil der Front brach weg, Gurte rissen, und für einen Augenblick verlor Peska nicht nur den Halt, sondern auch die Kontrolle. Schnell rollte sich der Umbaraner von der Koje, stieß gegen die Kommode, während der Sklave bereits zurückwich, eine Hand an der blutenden Schulter, die andere an der beschädigten Maske, und mit einem letzten, schwer deutbaren Blick zur Tür hinausschoss, bevor Teneb auch nur die Kraft sammeln konnte, ihm zu folgen.

Dann war er allein.

Er blieb auf dem Boden, keuchend, das Herz so hart gegen die Rippen hämmernd, als wolle es ihn von innen aufbrechen. Seine Hände zitterten, seine Zähne schmerzten, der Geschmack des fremden Blutes und des Stückes Fleisch, dass er herausgerissen hatte, lag noch immer dick auf seiner Zunge, und in seinem Kopf liefen die letzten Sekunden in einem grausamen Kreis immer wieder neu an. Peska hatte ihn töten wollen. In seinem Schlaf, in seinem geschwächten Zustand, nach einem Tag, an dessen Ende
Sikarius ihn offen wie ein Stück Fleisch zur Prüfung ausgelegt hatte. Dieser verdammte Bаstаrd. Die Erkenntnis schnitt tiefer als jede der physischen Verletzungen. Es war nicht so, dass der Kyuzo sein Freund oder Verbündeter war, Teneb hatte ihm das Joch der Sklaverei von Zygerria gelockert, doch ob die Ketten, die dieser auf Artek III bekam besser waren, bezweifelte der Umbaraner. Das Entzug der Freiheit blieb am Ende des Tages genau das. Rein objektiv verstand er das Motiv des Kyuzo. Rein emotional wollte er seinen Brustkorb öffnen. Es gab keinen Ruheraum an diesem Ort, keine Nacht in der er einfach nur existieren durfte. Alles war Teil desselben Alptraums, geschaffen von diesen Bestien der Macht.
Er blieb noch eine Weile so sitzen, bis sich die erste Lähmung aus ihm löste und wieder Platz machte für jene harte, praktische Bewegung, die aus Notwendigkeit entstand. Als er sich endlich aufrichtete, schleppte er zuerst den Stuhl zur Tür, verkeilte ihn unter dem Griff, dann die Kommode hinterher, schob sie mit einem dumpfen Schaben über den Boden, bis sie den Eingang zusätzlich blockierte. Es war keine echte Sicherheit, nur eine Geste, ein Symbol dafür, dass er wenigstens den nächsten Angriff nicht reglos und ungeschützt empfangen wollte. Erst danach sah er auf seine Hände. Die Knöchel waren aufgerissen und bereits geschwollen, zwischen altem Dreck, neuen Abschürfungen und den Resten eines halbabgelösten Bactapflasters, das wohl noch von einer früheren Übung an seiner Haut geklebt hatte, zog sich frisches Blut in dünnen Linien über die Finger. Er trat zur kleinen Nasszelle, drehte das Wasser auf und beugte sich über das Becken. Das Wasser spülte rot in den Abfluss, während er sich das Gesicht wusch, den Mund ausspülte, immer wieder, bis der Geschmack von
Peska Khalos Blut aus seinen Zähnen verschwand und nur noch als Erinnerung in ihm blieb.

Als er schließlich wieder auf der Koje lag, die Tür verbarrikadiert, der Leib erschöpft und doch viel zu wach, wusste
Teneb nicht mehr, ob er sich überhaupt noch in einer Nacht befand oder in einem fortgesetzten Zustand des Bedrohtseins, der nur zeitweise andere Masken trug. Vielleicht, dachte er mit jener kalten Klarheit, die einem nur in den dunkelsten Stunden zuteilwird, war genau das der Kern der dunklen Seite: nicht Trost, nicht Erlösung, nicht Größe, sondern die radikale Weigerung, sich in einer Welt, die nur Herren und Beute kannte, jemals wieder wehrlos vorfinden zu lassen. Der Kodex, der ihm zuvor wie ein Spruch,wie ein fernes Ziel erschienen war, lag nun roher und hässlicher vor ihm. Durch Leidenschaft erlange ich Stärke. Durch Stärke erlange ich Macht. Durch Macht erlange ich den Sieg. Und irgendwo in dieser Kette, zwischen Wut, Schmerz und dem warmen Blut eines anderen im eigenen Mund, begriff Teneb, dass diese Worte bloß den Mechanismus eines Alptraums beschrieben, aus dem es keinen Ausgang gab, außer tiefer in ihn hineinzuwachsen.

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