Teneb Dask
ghost in a shell
Outer Rim | Sith-Welten | Artek-System | Artek III | Törcsván | Pub 'Bei Rousseaus' | Darth Sikarius & Teneb Dask
„Gleichfalls“, zischte Teneb Dask seinem Meister hinterher, kaum lauter als der Regen, der gegen die beschlagenen Fensterscheiben des Schankraums rann, mit genug Schärfe gesprochen, dass das Wort wie ein kleines, sorgsam verborgenes Messer klang, das man einem Rückzug hinterherschleuderte, in dem sicheren Wissen, dass es ihn heute nicht mehr treffen würde, aber vielleicht die Erinnerung daran im Fleisch beließ. Sikarius reagierte nicht, oder tat zumindest so, als reagiere er nicht, was in seiner Art oft dasselbe war, und verschwand in jener launischen Selbstherrlichkeit in seiner Kammer, die Teneb inzwischen besser kannte als ihm lieb war.
Er selbst zog sich wenig später in sein eigenes Zimmer zurück, da Ruhe auf Artek III längst aufgehört hatte, ein Zustand zu sein, auf den man sich verlassen konnte, und weil sich jede Stunde, die man nicht lernte, übte oder wenigstens an sich herumschnitt wie an einem schlecht geformten Stück Metall, im Nachhinein als gestohlene Zeit anfühlte. So setzte er sich auf das Bett, dessen schmale Matratze unter ihm in jenem unerquicklich federlosen Maß nachgab, das alle Möbel dieses Dorfes zu besitzen schienen, legte das Trainingslichtschwert zunächst neben sich, dann ans Fußende, dann auf die Kommode und schließlich auf den Boden, nur um es sich immer wieder mit dem Machtgriff in die Hand zu reißen, schnell, präzise, ohne zu zögern, ohne die innere Bewegung zu verwässern. Anfangs gelang es ihm nur ungleichmäßig, mal kam die Waffe sauber an, mal zu hoch, mal zu früh rotierend, einmal so schräg, dass ihm der Griff gegen die Fingerknöchel schlug und ihn fluchen ließ. Dennoch wiederholte er die Bewegung, wieder und wieder, bis der Übergang zwischen Willen und Zugriff kürzer wurde und der Griff der Klinge nicht mehr wie ein Stück Metall wirkte, das er aus der Ferne an sich riss, sondern wie etwas, das sich seinem Ruf bereits halb ergeben hatte.
Zwischen diesen Wiederholungen ließ er andere, kleinere Übungen einfließen, all jene Techniken, die sich auf engem Raum und im Sitzen vollführen ließen, wenn der Körper zwar erschöpft, der Wille jedoch noch zu gereizt zum Schlafen war. Er hob einen Becher an, ließ ihn langsam durch den Raum schweben, nicht hoch, nicht spektakulär, sondern kontrolliert genug, dass er weder taumelte noch gegen etwas schlug. Er versuchte, den Luftzug vor dem Fallen einer losen Decke am Fenster vorauszuspüren, suchte mit dem Machtsinn nach der Bewegung, noch ehe sie sichtbar wurde, und unterdrückte dann probeweise eine Welle von Ärger, die allein dadurch entstand, dass die verdammte Decke sich nicht so verhielt, wie er es wollte. Es war unerquicklich, anstrengend und in seiner Kleinteiligkeit beinahe lächerlich, und doch wusste er inzwischen, dass genau diese Form der Wiederholung, dieses ständige Schleifen an den Kanten des eigenen Unvermögens, ihn in den letzten Monaten weitergebracht hatte als jede einmalige Offenbarung.
Irgendwann kippte die Erschöpfung doch in Schlaf, und mit dem Schlaf kam kein Vergessen, sondern jener Albtraum, der sich in den letzten Wochen immer wieder neue Gesichter gesucht hatte, ohne seinen Kern zu verändern. Wieder war da Peska Khalo, oder vielmehr das, was er aus ihm gemacht hatte. Ein aufgerissener, unfertig toter Körper, über den er noch immer gebeugt stand, während die Klinge in immer neuen Winkeln auf etwas einschlug, das einmal Kopf gewesen war. Blut spritzte in dicken, schwarzen Fächern über Gras, Hände und Gesicht, und zwischen den Schlägen knackte etwas, das im Traum viel lauter war als im wirklichen Augenblick gewesen sein konnte. Knochensplitter steckten in Schlamm und Stiefeln, klebten in seinen Haarstoppeln, rutschten ihm über die Lippen wie zu hart geratene Zähne, und immer wenn er im Traum zurückweichen wollte, stand da schon wieder diese unförmige, weißrote Masse, die einmal ein Gesicht gewesen war, nur um erneut unter ihm zu verschwimmen. Der Nebel ringsum war dabei nicht leer, vielmehr voller stiller, unförmiger Konturen, die sich zu einem immateriellen Schemen zusammensetzen und das Schlachten beobachtete, als müsse es erst ganz vollendet werden, ehe etwas anderes beginnen könne.
Als das Klopfen kam, brauchte es mehrere Anläufe, bis sein Geist es nicht mehr als Teil dieses Alptraums verstand. Erst schien es nur ein weiteres Geräusch in der zähen, knochenfeuchten Dunkelheit des Traums zu sein, dann brach es klarer hindurch, ein wirklicher Laut aus Holz, Scheibe, Außenwelt. Teneb schlug die Augen auf, widerwillig aus dem Schlaf gerissen zu werden und brauchte einen Moment, bis sich seine Sinne an die Dunkelheit der Kammer gewöhnten. Das Klopfen kam erneut. Als er das Fenster öffnete, stand dort im Nebel eine Gestalt, und obwohl sie die Form seines Meisters trug, lief ihm bei ihrem Anblick sofort eine andere Art von dünner Gänsehaut über den Rücken, als es normalerweise der Fall war. Es war nicht einmal etwas Greifbares, eher eine falsche Nähe, eine Überdeutlichkeit in den Konturen, als wäre die Erscheinung zugleich anwesend und nur aus der Erinnerung an Anwesenheit geformt. Was ihn dennoch daran hinderte, die Sache sofort als Gefahr zu begreifen, war nicht die Gestalt selbst, sondern die Tatsache, dass er am Rand seiner Wahrnehmung zuvor deutlich UX-23 sah. Der Droide mochte vieles sein, ein Wärter und ein pedantischer Aufseher sowie ein kalter Buchhalter von Sikarius’ Exzessen, doch wenn selbst er diese Begegnung nicht in Frage stellte, musste, so sagte es ihm wenigstens jener Teil seines Verstandes, der noch Ordnung erzwingen wollte, etwas an ihr legitim sein.
Als UX-23 sich daraufhin anderen Dingen zuwandt, registrierte Teneb nicht mit der Schärfe, die Misstrauen in Handlung übersetzt. Zu viele Eigenartigkeiten waren in den letzten Monaten um ihn herum geschehen, als dass jede von ihnen noch die Kraft gehabt hätte, ihn sofort aufzuschrecken. Der Tempel flüsterte. Der Nebel lebte. Träume griffen über den Schlaf hinaus. Sikarius tat Dinge, die jedem Außenstehenden wie Wahnsinn erschienen. Warum also nicht auch mitten in der Nacht vor seinem Fenster stehen und ihn wachklopfen, statt in sein Zimmer zu stürmen und ihn an den Beinen herauszuschleifen. Maximal die beinahe schon zarte Weckung hätte dem Sith Schüler Warnung genug sein sollen, doch wer konnte ahnen, dass eine Manifestation mehr Umgangsformen pflegte, als ein Krieger der Sith.
Teneb streckte seine Machtsinne aus, prüfte die Gestalt vor dem Fenster, suchte nach Brüchen, nach falschen Schwingungen, nach jener kleinen Unsauberkeit, die jede Täuschung in der Macht gewöhnlich zurückließ. Doch er fand nichts, nur die kalte, vertraute Dichte des Nebels, die Form des Meisters, den schmalen Zug von Autorität, an den sein Inneres längst gewöhnt war. Er zog sich an, nahm das Trainingslichtschwert an sich und trat hinaus. Der Weg durch Törcsván war in dieser Nacht mehr ein Tasten als ein Gehen. Der Nebel lag schwer über dem Dorf, er hatte es förmlich verschluckt. Die Gestalt seines vermeintlichen Meisters bewegte sich wenige Schritte vor ihm und Teneb folgte wie in jener eigentümlichen Mischung aus Gehorsam, Neugier und innerem Widerstand, die sein Verhältnis zu Sikarius inzwischen kennzeichnete. Einmal blieb er kurz stehen, zog die Robe enger und sagte in den weißkalten Dunst hinein: „Wenn das wieder so ein beschissener Test ist, hättest du wenigstens den Anstand haben können, mich nicht aus dem Schlaf zu reißen.“
Die Gestalt antwortete nicht sofort. Vielleicht hörte sie ihn gar nicht. Vielleicht tat sie nur so. Teneb schnaubte leise. „War ja klar.“
Sie gingen weiter. Unter ihren Füßen wurde der Boden unebener, das Dorf lockerte sich zu vereinzelten dunklen Volumen auf, und vor ihnen hob sich der Hang zum Tempel ab wie ein Stück Nacht, das dichter war als alles andere. Je näher sie kamen, desto deutlicher spürte Teneb wieder jenes bekannte Drücken in der Macht, dieses süße, widerwärtige, fast erregte Vibrieren am Rand der Wahrnehmung, als würde der Ort selbst den Atem anhalten, weil sich ihm etwas näherte, das ihm längst gehörte oder bald gehören würde. Ein zweites Mal sprach Teneb in den Rücken seines Meisters hinein, und diesmal lag weniger Trotz als blanke Schärfe in seiner Stimme.
„Wenn du mich wieder an irgendeiner Kante stehen lässt...“ brummte er, während ihm der Wind ins Gesicht peitschte.
Der Bleiche biss die Zähne aufeinander. Hass und Faszination, Wut und jene immer wiederkehrende, beinahe krankhafte Bereitschaft, noch tiefer in diese Lehre hineinzugehen, liefen in ihm zusammen wie zwei Flüsse, die längst aufgehört hatten, getrennte Farben zu tragen. Vor ihnen schälte sich die Silhouette des Tempels allmählich aus dem Nebel, nicht vollständig, eher als eine drohende Ahnung von Mauern, Brüchen und Dunkelheit, und während sie den letzten Abschnitt des Weges hinaufstiegen, begriff Teneb, dass er trotz allem weiterging, obwohl jede vernünftige Regung in ihm hätte umkehren wollen. Gerade das war vielleicht das Schlimmste. Nicht, dass er getäuscht worden sein mochte. Sondern dass er inzwischen bereit war, auch einer Täuschung zu folgen, wenn sie ihm nur tief genug versprach, dass am Ende irgendeine Form von Macht auf ihn wartete.
Outer Rim | Sith-Welten | Artek-System | Artek III | Weg entlang der Klippen in Richtung Tempel | Darth Teneb Dask & der Nebel in Menschenform



