Cona (Teke-Ro-System)

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Eine ausgiebige Dusche beseitigte zumindest einen Großteil jener Spuren, welche die Kombination aus Glücksspiel, Alkohol und einer ausgesprochen kurzen Nacht hinterlassen hatte, und als Lucien einige Zeit später vor dem großen Spiegel des Ankleidebereiches stand, war von seinem etwas weniger repräsentativen Zustand beim Erwachen kaum noch etwas zu erkennen. Er entschied sich für ein frisches helles Hemd, eine dunkle Hose und ein leichtes Sakko in einem gedeckten Grauton, das elegant genug für einen möglichen Besuch bei der Verwaltung war, ohne den Eindruck zu erwecken, er hätte sich eigens für ein offizielles Gespräch herausgeputzt. Der Codezylinder Truuines fand selbstverständlich wieder seinen Platz an der dafür vorgesehenen Halterung, bevor Lucien zuletzt seine Haare richtete und sein Spiegelbild einer kurzen, durchaus zufriedenen Prüfung unterzog.

Zumindest äußerlich war er damit wieder vollkommen diplomatiefähig.

Während er anschließend einen Caf bestellte und auf einem der Sessel im Salon Platz nahm, überprüfte Lucien sein Datenpad. Von der conischen Verwaltung war bislang keine Nachricht eingegangen, was ihn nach dem gestrigen Gespräch zwar nicht überraschte, seiner Geduld jedoch trotzdem wenig zuträglich war. Zwei bis drei Tage hatte der Mitarbeiter gesagt. Lucien war bereit gewesen, diese Aussage gestern als Erfolg zu betrachten, inzwischen erschien ihm selbst dieser Zeitraum wieder ausgesprochen großzügig bemessen.

Vielleicht sollte er im Laufe des Tages noch einmal persönlich dort vorbeischauen. Nicht, um jemanden unter Druck zu setzen, selbstverständlich.Lediglich um sich höflich nach dem aktuellen Stand zu erkundigen. Dass seine bloße Anwesenheit möglicherweise dabei helfen konnte, die Dringlichkeit seines Anliegens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wäre schließlich lediglich ein erfreulicher Nebeneffekt.

Lucien nahm einen Schluck seines Caf und begann währenddessen, die Möglichkeiten für den restlichen Tag durchzugehen. Sollte die Verwaltung weiterhin keine Zeit für ihn haben, konnte er zumindest Ban'daar etwas genauer kennenlernen. Der gestrige Weg durch die Stadt hatte ihm bereits gezeigt, dass sich hier zahlreiche Handelskontore, Unternehmen und außerplanetare Geschäftsleute angesiedelt hatten, und vielleicht war es ohnehin keine schlechte Idee, sich nicht ausschließlich auf jene Informationen zu verlassen, die ihm irgendein Beamter bei einem offiziellen Termin präsentieren würde. Märkte, Händler und Unternehmer verrieten über die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse einer Welt mitunter wesentlich mehr als sorgfältig vorbereitete Regierungsdossiers.

Außerdem musste er zugeben, dass ihm der Gedanke gefiel, selbst etwas zu entdecken.

Wenn er schon als Sondergesandter nach Cona geschickt worden war, wollte er nach seiner Rückkehr schließlich mehr vorweisen können als einige unterschriebene Gesprächsprotokolle und die Erkenntnis, dass die örtliche Verwaltung einen bemerkenswert vollen Terminkalender besaß. Vielleicht ergab sich irgendwo eine Gelegenheit, an die bislang niemand auf Truuine gedacht hatte. Irgendein Rohstoff, ein Unternehmen, eine Handelsverbindung oder schlicht eine Person, deren Bekanntschaft sich langfristig als nützlich erweisen konnte.

Und sollte sich nichts davon ergeben, gab es in Ban'daar zweifellos genügend andere Möglichkeiten, einen Tag sinnvoll oder zumindest angenehm zu verbringen.
Das Obsidian Veil fiel für Letzteres allerdings vorerst aus.

Lucien verzog bei dem Gedanken leicht das Gesicht, stellte seine Tasse ab und warf einen Blick in Richtung der breiten Fensterfront. Nalia hatte ungewöhnlich ernst gewirkt, als sie ihn vor Torzh gewarnt hatte, und auch wenn er ihre Einschätzung noch immer für etwas übertrieben hielt, hatte er ihr sein Wort gegeben. Zumindest für heute würde er sich daran halten.

Morgen war schließlich auch noch ein Tag.
Er erhob sich, nahm sein Datenpad vom Tisch, als der Summer an der Eingangstür der Suite erklang.
Lucien blieb stehen. Für einen Augenblick sah er zur Tür, dann erschien langsam ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht.
Nun, das war interessant.

Entweder hatte Nalia etwas hier vergessen oder ihr war auf dem Weg zur Arbeit aufgefallen, dass der Abschied am Morgen vielleicht doch ein wenig voreilig gewesen war. Lucien hielt insbesondere die zweite Möglichkeit keineswegs für vollkommen unwahrscheinlich und fühlte sich in dieser Einschätzung ausreichend bestätigt, um das Datenpad wieder auf den Tisch zu legen.

Er strich noch einmal über sein Sakko und ging zur Tür.
„Das ging aber schneller als erwartet“, murmelte er zufrieden vor sich hin.
Noch bevor er öffnete, lehnte er sich mit einer Schulter leicht gegen den Türrahmen und setzte jenen Ausdruck auf, den er selbst vermutlich als charmant und andere Menschen gelegentlich als unerträglich selbstzufrieden beschrieben hätten. Dann betätigte er die Öffnungskontrolle.

Die Tür glitt zur Seite.
„Na, hast du etwas vergessen oder konntest du mich einfach nicht verg—“


Lucien verstummte.
Denn leider stand vor ihm keine hübsche aquamarinblaue Twi'lek.

Stattdessen blickte er unmittelbar in das Gesicht eines kräftig gebauten Menschen mit Atemmaske, der ihn mit einer Mischung aus Belustigung und unverhohlener Abneigung betrachtete. Neben ihm wartete ein breitschultriger Weequay, dessen wettergegerbte Gesichtszüge selbst für die Maßstäbe seiner Spezies wenig einladend wirkten. Etwas weiter seitlich stand ein Nikto, der sich so positioniert hatte, dass Lucien ihn beim ersten Öffnen der Tür beinahe übersehen hatte.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Lucien ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. Seine Haltung am Türrahmen verlor dabei langsam etwas von ihrer zuvor sorgfältig inszenierten Lässigkeit.

Der Mensch grinste. Dann legte er den Kopf ein wenig schief klimperte gespielt mit den Wimpern und antwortete mit einer absichtlich hohen Stimme, deren Wirkung durch seinen tiefen, rauen Grundton derart misslang, dass Lucien vermutlich unter anderen Umständen darüber gelacht hätte.

„Natürlich, mein Lieber. Ich bin nur wegen dir hier.“

Lucien starrte ihn an und schüttelte leicht den Kopf.
„Das war wirklich…erschreckend schlecht, das sollten Sie nie wieder tun.“

Das Grinsen des Mannes verschwand augenblicklich und wich einem grimmigen Ausdruck. Vielleicht erkannte Lucien einen Augenblick zu spät, dass Schweigen ausnahmsweise hier definitiv die bessere Entscheidung gewesen wäre.

Der Weequay trat vor und griff nach dem Revers seines Sakkos und zog ihn etwas zu sich herran.
„Lucien ?“

Lucien blickte zunächst auf die Hand an seiner Kleidung und anschließend langsam wieder nach oben.
„Lucien Aurelian Cassian Velcrest und Vicomte von Aurentis, wenn ich bitten darf”. dann deutete Lucien mit seinem Zeigefinger auf sein Sakko “und das ist Corellianische Seide, also passen Sie doch bitte…..“

Der erste Schlag kam unmittelbar darauf.

Lucien erkannte die Bewegung gerade noch rechtzeitig, riss den Oberkörper zurück und spürte, wie die Faust nur knapp an seinem Gesicht vorbeiging. Gleichzeitig schlug er die Hand des Weequay von seinem Sakko, setzte einen Schritt zurück in die Suite und traf den Mann mit der rechten Faust unterhalb des Kinns. Der Treffer war weder besonders elegant noch ausreichend, um seinen Gegner auszuschalten, brachte ihn jedoch zumindest stark aus dem Gleichgewicht.
Der Mensch kam bereits hinterher.
Lucien wich dessen erstem Griff aus, bekam einen Arm zwischen sich und seinen Angreifer und stieß ihn mit der Schulter zurück, bevor er ihm einen Tritt gegen die Innenseite des Oberschenkel versetzte was ihn ihn zu Boden brachte. Er stellte mit einer gewissen Genugtuung fest, dass die zahlreichen Stunden körperlichen Trainings offenbar doch nicht ausschließlich dazu dienten, in einem Sakko besser auszusehen.

Diese Genugtuung hielt zu seinem Pech, aber ungefähr nur noch ein paar weitere Sekunden.
Denn während Lucien sich auf die beiden Männer vor sich konzentrierte, hatte er den Nikto vollkommen aus den Augen verloren.
Er bemerkte lediglich noch eine Bewegung am Rand seines Sichtfeldes. Dann traf ihn etwas Hartes seitlich am Hinterkopf und der Raum kippte.

Lucien stolperte gegen einen der Sessel, versuchte sich noch daran festzuhalten und verlor dennoch beinahe augenblicklich das Gleichgewicht. Ein dumpfes Rauschen legte sich über seine Wahrnehmung, während die Konturen vor seinen Augen verschwammen und die Stimmen der Männer plötzlich klangen, als würden sie vom anderen Ende eines langen Korridors zu ihm dringen.

kurz versetzte ihm jemand zwei harte Tritte gegen seine Rippen und einen gegen den Kopf, was nun komplett dazu führte, dass er fast nichts mehr wahrnahm, außer Schmerzen und einem Pfeifton.

“Hey Hey Hey, hör auf damit!”. hörte er jemand dumpf rufen.
“Der Bastard hat mir ins Gesicht geschlagen”. konnte er kaum die Antwort wahrnehmen.
Kurz darauf packte ihn jemand unter den Armen.
Lucien versuchte sich dagegenzustemmen, doch sein Körper reagierte nur noch mit einer trägen Bewegung, während seine Beine unter ihm nachgaben.

„Komm schon pack an!.“
Er konnte nicht mehr erkennen, welcher der Männer gesprochen hatte er merkte nur wie eine weitere Person begann an ihm zu ziehen.
Dann folgten jene wenigen Worte, die trotz des zunehmenden Dröhnens in seinem Kopf noch deutlich genug zu ihm durchdrangen.

„Bringen wir ihn mal zu Torzh der hat anscheinend ein Tip-Yips mit ihm zu rupfen haha.“
Das Letzte, was Lucien wahrnahm, war der Boden seiner ausgesprochen teuren Suite, der unter ihm vorbeizog, während er in Richtung Tür geschleift wurde.



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Das erste, was Lucien wahrnahm, war ein unangenehmes Pochen an seinem Hinterkopf.
Das zweite waren seine Rippen.

Mit einem leisen Stöhnen öffnete er die Augen und benötigte einige Augenblicke, bis die verschwommenen Konturen vor ihm wieder zu einem halbwegs verständlichen Bild zusammenfanden. Der Raum, in dem er sich befand, war klein, schlecht beleuchtet und offensichtlich niemals dafür vorgesehen gewesen, Gäste zu empfangen. Entlang einer Wand standen mehrere Transportkisten, daneben befanden sich zwei verschlossene Metallschränke und ein alter Arbeitstisch, auf dem verschiedene Werkzeuge und Verpackungsmaterialien lagen. Eine einzelne Leuchtleiste an der Decke tauchte alles in ein fahles Licht, während irgendwo hinter den Wänden das dumpfe Geräusch technischer Anlagen zu hören war.

Lucien wollte sich aufrichten und stellte dabei fest, dass dies schwieriger war als erwartet.
Seine Hände waren hinter der Lehne eines einfachen Metallstuhls fixiert worden, während eine weitere Fessel seine Fußgelenke zusammenhielt. Der Versuch, die Handgelenke gegeneinander zu bewegen, bestätigte innerhalb weniger Sekunden, dass die Männer zumindest in dieser Hinsicht wussten, was sie taten.

„Ausgezeichnet...“, murmelte er heiser.

Mit zunehmender Klarheit kehrten auch die Erinnerungen zurück. Die Suite. Der Summer. Drei Männer vor seiner Tür. Eine bemerkenswert schlechte Imitation einer Frauenstimme, ein Angriff auf Ihn und dann der Schlag gegen den Hinterkopf.
Lucien atmete vorsichtig ein und verzog das Gesicht, als seine Rippen unmittelbar bestätigten, dass auch dieser Teil seiner Erinnerung leider keine alkoholbedingte Einbildung gewesen war.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen wurde ihm wirklich bewusst, dass er keine Ahnung hatte, wo er sich befand.

Niemand auf der Velcrest Odyssee wusste, dass er hier war. Vermutlich wusste nicht einmal Nalia, was geschehen war. Er war auf einer fremden Welt, in einer fremden Stadt und irgendwo in einem Gebäude, dessen Lage er nicht bestimmen konnte, an einen Stuhl gefesselt worden, nachdem ihn drei Männer bewusstlos geschlagen und verschleppt hatten.

Sein Herz schlug etwas schneller, was ihm gar nicht gefiel.
Lucien Aurelian Cassian Velcrest, Vicomte von Aurentis und Angehöriger eines Hauses, dessen Geschichte weiter zurückreichte als die Abstammungslinien mancher planetarer Dynastien, hatte schließlich keine Angst in irgendeinem Hinterzimmer auf Cona.
Zumindest nicht besonders viel, vielleicht ein wenig. Was unter den gegebenen Umständen ohnehin lediglich als angemessene Vorsicht bezeichnet werden konnte.

Lucien zwang sich, ruhig zu atmen, und begann stattdessen seine Umgebung genauer zu betrachten. Sein Datenpad war verschwunden, ebenso sein Codezylinder und sein Cred-Stick. Die Hose gehörte wenigstens noch ihm, sein Hemd allerdings hatte die Behandlung der vergangenen Stunden derart schlecht überstanden, dass vom ursprünglich tadellosen Kleidungsstück kaum mehr als ein zerknitterter, teilweise eingerissener Rest übrig geblieben war und sein teures Sakko fehlte vollständig.
Lucien runzelte die Stirn, das wiederum ging dann doch wirklich zu weit.
Er zog noch einmal prüfend an seinen Fesseln, gab den Versuch jedoch auf, nachdem seine Rippen sich erneut schmerzhaft bemerkbar machten, und ließ den Blick anschließend zur geschlossenen Tür wandern.

„Falls mich hier irgendjemand hört“, begann er mit etwas erhobener Stimme, „würde ich zunächst gerne feststellen, dass ich durchaus gesprächsbereit bin. Außerdem hätte ich gerne was zu trinken, etwas zu essen und mein Sakko zurück.“
Lucien wartete, doch auch nach fast einer Minute kam keine Antwort.
„Insbesondere das Sakko.“
Noch immer nichts. Lucien seufzte laut und wollte gerade eine weitere Beschwerde formulieren, als draußen Schritte hörbar wurden. Ein elektronisches Schloss löste sich, die Tür glitt zur Seite und der Weequay, dem er einen Schlag gegen das Kinn am Morgen verpasst hatte, trat herein.

Zu Luciens Überraschung trug er das vermisste Kleidungsstück. Lucien starrte ihn an. Für einige Sekunden schien selbst seine gegenwärtige Lage vollkommen nebensächlich geworden zu sein. Immerhin war Lucien sehr heikel, wenn es um seine Sachen ging.
„Ist das….mein Sakko?“

Der Weequay sah an sich hinunter und strich mit einer Hand über den Stoff.„Weich, äußerst weich.“
Lucien konnte kaum glauben, was er hörte und schüttelte leicht den Kopf. „Natürlich ist es Weich, das ist corellianische Seide.“
„Hab ich gemerkt.“
sagte er und grinste Lucien frech an.

Lucien schnaubte „ Sie haben doch keine Ahnung von Qualität.“
Der Mann grinste und trat näher. „Prinzesschen du hast hier Garnichts zu sagen.“
Lucien zog die Augenbrauen zusammen. „Vicomte. Wir hatten dieses Gespräch bereits.“
Die Ohrfeige kam so plötzlich, dass sein Kopf zur Seite ruckte. Für einen Moment verstärkte sich das Dröhnen hinter seiner Stirn, ehe Lucien langsam wieder zu dem Mann blickte und einmal stark ausgeatmete.
„Das“, stellte er merklich weniger amüsiert fest, „war vollkommen unnötig.“

Hinter dem Weequay erschien nun auch der Mensch, dessen Oberschenkel er am Morgen Bekanntschaft mit seinem Fuß hatte machen lassen. Er schob sich an seinem Begleiter vorbei und fuhr diesen augenblicklich an, er solle den Blödsinn lassen. Torzh habe ausdrücklich verlangt, dass er ansprechbar sein soll, da er nachher mit ihm rede möchte.
Der Weequay hielt dagegen, Lucien habe schließlich angefangen, sich zu wehren, woraufhin der Mensch ihn daran erinnerte, dass er aus seinem Hotelzimmer gezerrt wurde und es vielleicht nicht besonders überraschend gewesen sei, dass dieser damit nicht vollkommen einverstanden gewesen war und sich gewehrt hat.
Lucien verfolgte den zunehmend lauteren Wortwechsel einige Augenblicke.

„Ich möchte mich ungern in Ihre offenbar sehr harmonische Arbeitsbeziehung einmischen“, bemerkte er schließlich und sah den Weequay an, „aber Ihr Kollege hat recht.“

Beide sahen zu ihm. “Du kleiner…. “. Der Weequay machte bereits einen Schritt auf ihn zu und hob seine Faust zum Schlag, doch bevor daraus etwas werden konnte, öffnete sich die Tür erneut.



„Was zum Rancor ist hier denn los!?“
Die Wirkung der Stimme war unmittelbar und der Streit verstummte augenblicklich.

Der Mann, der den Raum betrat, unterschied sich deutlich von den drei Schlägern, die Lucien bislang kennengelernt hatte. Torzh war ein Kiffar von vielleicht Mitte vierzig, hochgewachsen, aber eher drahtig als kräftig gebaut, mit schulterlangem schwarzem Haar, in das mehrere schmale Zöpfe und kleine metallische Ringe eingearbeitet waren. Eine markante gelbliche Tätowierung zog sich über einen Teil seines Gesichts und bildete einen auffälligen Kontrast zu seinem dunklen Teint, während ein gepflegter paar Tagesbart und die scharf geschnittenen Gesichtszüge ihm jene schwer zu bestimmende Erscheinung verliehen, bei der Eleganz und Gefahr erstaunlich problemlos nebeneinander bestehen konnten.

Auch seine Kleidung passte kaum zu dem Lagerraum. Eine dunkle, hervorragend geschnittene Jacke lag über einem offenen Hemd, mehrere schmale Ringe schmückten seine Finger und an seinem Handgelenk befand sich ein Chronometer, dessen Wert Lucien selbst aus mehreren Metern Entfernung als erheblich einschätzte.

Torzh sah zunächst den gefesselten Lucien an. Dann zu dem Menschen, danach zum Weequay und dann auf das Sakko. Torzh´s rechte Augenbraue wanderte nach oben. „Warum verdammt trägst du sein Sakko?“
Der Weequay deute auf Lucien und öffnete den Mund doch wurde bereits von Torzh unterbrochen.
„Zieh das Ding aus.“
der Weequay versuchte dagegen zu halten. „Aber Boss, das gehört jetzt mir, ich will—“
„AUSZIEHEN!!“

Während der Weequay widerwillig begann, das Kleidungsstück abzulegen, sagte der Mensch, "Awwww hat Papa dir gesagt du musst deine Jäckchen ausziehen hahah" da ging Torzh zum Mensch, packte ihn am Hinterkopf und zog ihn einen Schritt näher. Anschließend griff er ebenso nach dem Menschen und stieß die Köpfe der beiden mit einem dumpfen Geräusch gegeneinander.
„Ihr benehmt euch wie zwei wahnsinnige Gamorreaner auf Gewürz. Raus hier!“

Der Weequay wollte etwas erwidern. Torzh deutete lediglich auf die Tür. Anschließend ginge beide sich den Kopf reibend zur Tür hinaus. Lediglich der Nikto, der bislang außerhalb gestanden hatte, blieb nach einem kurzen Zeichen seines Chefs im Türbereich zurück.
Lucien beobachtete Torzh aufmerksam. Nun, da er ihn vor sich sah, kehrten weitere Erinnerungen an den vergangenen Abend zurück.
Torzh zog einen zweiten Stuhl von der Wand, drehte ihn herum und setzte sich Lucien gegenüber, wobei er die Arme auf der Rückenlehne verschränkte und seinen Gefangenen eine Weile schweigend betrachtete.
„Du weißt, wer ich bin?“

Lucien neigte leicht den Kopf. „Inzwischen schon.“
Torzh schmunzelte humorlos. „Torzh.“
„Lucien.“
sagte er und neigte höflich das Haupt,
„Ja, Ja, Das weiß ich.“ sagte er während er eine wegwerfende Handbewegung machte.
„Dann sind wir ja schon hervorragend vorangekommen.“ versuchte Lucien lächelnd zu sagen obwohl man bei genauere Betrachtung etwas von seiner Angst bemerken konnte die er verusche durch seine Art zu kompensieren.

Der Kiffar betrachtete ihn einen Augenblick lang, ehe tatsächlich ein kurzes Lachen aus seiner Kehle kam.
„Du hast eine verdammt große Klappe, dafür das du in dieser Situation steckst”.
Torzh verschränkte die Hände vor der Brust und blickte Lucien nachdenklich an. „Und du hast mich gestern und viele Credits beschissen.“
Lucien verzog nachdenklich das Gesicht. „Beschissen ist ein ausgesprochen hässliches Wort.“
Torzh beugte sich etwas vor. „Hast du?“

Lucien schwieg einen Moment und betrachtete ihn mit einem Ausdruck, als würde er die Frage tatsächlich gewissenhaft prüfen. „Sagen wir, ich habe die Grenzen des Regelwerks stellenweise kreativ interpretiert.“
Torzh starrte ihn an. „Und danach hast du mich vor meinem eigenen Tisch lächerlich gemacht.“
„Das wiederum war vermutlich tatsächlich unnötig.“
sagte Lucien während er seinen Kopf leicht hin und herwiegte.
„Vermutlich?!“ die Augenbrauen von Torzh wanderten ungläubig nach oben.
Lucien hob soweit möglich die Schultern und bereute die Bewegung augenblicklich, als seine Rippen schmerzten.
„Ich hatte vielleicht ein wenig zuviel getrunken.“

Torzh stand auf und ging einige Schritte durch den Raum, bevor er sich wieder zu ihm mit nachdenklichem Blick umwandte.
„Was machst du überhaupt auf Cona? Meine Leute haben nachgeforscht und da hast du anscheinend öfter beim Zocken erwähnt, du wärst irgendein Sondergesandter.“


Lucien wurde bei dieser Frage merklich aufmerksamer.

*Verdammt, warum muss ich auch immer meinen Mund soweit aufreißen*
Bislang hatte er die Situation vor allem als Konsequenz eines ausgesprochen schlecht beendeten Glücksspielabends betrachtet. Nun musste er sich erstmals überlegen, wie viel Torzh tatsächlich über ihn wusste.
Dass er Sondergesandter Truuines war, ließ sich ohnehin kaum noch bestreiten. Dass Ridley Solaris sein Schwager war, musste Torzh dagegen nicht unbedingt erfahren. Noch weniger musste er wissen, wie eng Lucien mit einem der bedeutendsten Adelshäuser Arkaniens verbunden war. Der Schwager eines imperialen Gouverneurs und Sohn einer außerordentlich vermögenden Familie konnte dagegen plötzlich wie eine Gelegenheit aussehen. Und als Lösegeld Geisel herhalten zu müssen, gehörte nicht zu den Erfahrungen, die Lucien während seiner ersten diplomatischen Mission unbedingt sammeln wollte.

„Ich vertrete die Regierung Truuines in einigen wirtschaftlichen Angelegenheiten“, erklärte er deshalb lediglich. „Handel, mögliche Lieferverträge, Investitionen, der übliche ausgesprochen aufregende diplomatische Wahnsinn.“
Torzh musterte ihn. „Und dafür schicken die ausgerechnet dich Junge?“
Lucien hob eine Augenbraue. „Offensichtlich verfügt Truuine über einen ausgezeichneten Geschmack bei der Auswahl seiner Vertreter.“

Der Nikto hinter ihm gab ein Geräusch von sich, das verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang. Torzh sah kurz zu ihm. Dann wieder zu Lucien.
„Du hältst dich ja für verdammt lustig.“ Torzh trat näher.
„Vielleicht bist du nach ein paar weiteren Schlägen weniger lustig.“ Torzh machte eine Handbewegung und der Nikto setzte sich in Bewegung.

Lucien spürte durchaus, wie sich sein Magen bei dieser Aussicht zusammenzog und ihm die Gänsehaut aufstieg. Seine Rippen schmerzten bereits, sein Schädel pochte und er hatte keinerlei Interesse daran herauszufinden, wie viele weitere Treffer er vertrug.
Dennoch richtete er sich auf dem Stuhl so weit auf, wie seine Fesseln es zuließen.
Er war ein Velcrest. Und wenn man ihm schon die Gelegenheit gab, sich vollkommen unnötig in Schwierigkeiten zu bringen, dann wenigstens mit Haltung.

„Dann schlagen Sie eben zu“, erwiderte er und hob das Kinn. „Ein Velcrest lässt sich davon jedenfalls nicht besonders beeindrucken.“
Torzh hob schlagartig die Hand. Dann hielt er inne und seine Augen verengten sich.
„Was hast du gerade gesagt?“
Lucien hatte instinktiv die Auge geschlossen und wartete bereits auf den Schlag. Als dieser ausblieb, öffnete er eines der Augen langsam wieder.
„Dass Sie ruhig zuschlagen können?“ sagte Lucien leicht irritiert.
„Danach du Dummschwätzer.“ antwortete Torzh ungeduldig.

Lucien blinzelte. „Ehm...Velcrest.“
Torzh ließ die Hand sinken und sein Blick nahm einen sehr nachdenklichen Blick an.
„Wie lautet dein vollständiger Name Junge ?“
Zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches wirkte er nicht amüsiert, nicht verärgert und nicht überlegen. Er wirkte irritiert. Lucien betrachtete ihn entsprechend misstrauisch. „Lucien Aurelian Cassian Velcrest,.“
Torzh starrte ihn an. „Velcrest…..aus Aurentis?“

„Das wäre üblicherweise der Teil, der nach dem Vicomte folgt, ja.“
antwortete Lucien nun noch misstrauischer als zuvor.
Torzh schloss die Augen, stand auf und fuhr sich langsam mit beiden Händen über das Gesicht und ein grummelndes Geräusch entrang seiner Kehle.
„Nein.“ sagte er zunächste leise
Lucien sagte nichts und blickte ihm irritiert hinterher, während er immer schneller auf und ab ging.
„Nein, Nein, NEIN, NEEEEIN!!!“ rief Torzh und schlug hart gegen eine Transportkiste die in dem Moment neben Ihm stand.
Der Kiffar drehte sich um, ging zur Tür öffnete diese und schrie hinaus.
„Ihr beiden!! Kommt sofort her!!“

Wenige Augenblicke später standen der Mensch und Weequay verwirrt wieder im Raum.
Torzh zeigte auf Lucien. „Ich habe euch gesagt, ihr sollt herausfinden, wer dieser Kerl ist ?!.“
Der Weequay und der Mensch sahen sich gegenseitig an und antworteten fast gleichzeitig.
„Lucien.“
Torzh schloss kurz die Augen sichtlich um Fassung bemüht und atmete tief aus. „Seinen ganzen Namen.“

„Da waren aber wirklich ziemlich viele Boss.“
antwortete der Weequay schon fast gekränkt als hätte man ihn vor eine unmöglich Aufgabe gestellt.
„Sein Familienname ihr Banthahirne!!!“ sagte Torzh und schlug sich auf die Stirn.
Der Mensch kratzte sich am Kinn. „Irgendwas mit Kest.“
Der Weequay schien angestrengt nachzudenken. „Felzest.?“
Torzh starrte beide an. „Sein Name ist Velcrest.“
"Ja genau das wars hehe!"
antwortete der Weequay erfreut als hätte er ein Puzzle gelöst an dem er Stunden gesessen hatte.

Dann war kurze Stille.
„Ihr habt mir gesagt, irgendein reicher unbedeutender Junge namens Lucien hätte mich beim Sabacc beschissen.“
Der Mensch hob beschwichtigend die Hände. „Hat er doch Boss.“
“Und du hast gesagt wir sollen ihn herbringen", sagte der Weequay hinterher.

„Ja, ihr zwei Idioten, aber er ist ein VELCREST!“ antwortet Torzh offensichtlich verärgert dass die beiden nicht wussten auf was er hinaus wollte.
Lucien konnte nicht verhindern, dass sich trotz seiner gegenwärtigen Situation ein kleines zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht zeigte.
Es verschwand wieder, als Torzh zufällig in seine Richtung blickte. „Nicht jetzt Junge wehe dir!“
Lucien presste gehorsam die Lippen zusammen.

Torzh wandte sich wieder seinen Leuten zu.
„Eine Tochterfirma der Velcrest Trading Company die für diesen Bereich der Galaxis zuständig ist liefert seit vielen Jahren einen guten Teil unserer Offworld-Spirituosen, Luxuswaren und Ersatzkomponenten. Wir bekommen Konditionen, die ihr beiden Vollidioten nicht einmal buchstabieren könntet, und ihr schleppt einen Angehörigen dieser Familie aus einem Hotel, tretet ihn zusammen!“
Der Weequay deutete auf Lucien. „Er hat mich geschlagen und es war auch eure Anweisung Boss.“
Torzh schlug ihm hart mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf.
„Ich habe euch gesagt, ihr sollt ihn herbringen um mit Ihm zu reden, nicht ihn halb totschlagen! Und wenn ihr eure verdammte Arbeit vorher richtig gemacht hättet und ich gewusst hätte wer er ist hätte ich euch überhaupt nicht losgeschickt!“

Lucien musste wegsehen, denn er wollte nun wirklich nicht lachen.
Torzh atmete tief durch und zeigte dann auf die Fesseln. „Macht ihn los.“
Diesmal widersprach niemand.
Der Nikto trat hinter Lucien und löste zunächst seine Hände, anschließend die Fessel an seinen Beinen. Lucien zog die Arme nach vorne und rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Handgelenke, bevor er langsam aufstand. Seine Beine fühlten sich noch etwas unsicher an und seine Rippen protestierten, doch allein wieder aufrecht stehen zu können, verbesserte seine Stimmung erheblich.

Torzh betrachtete ihn einige Sekunden. „Also.“
Lucien sah ihn an. „Also?“
Der Kiffar streckte ihm schließlich die Hand entgegen. „Ich denke, wir haben beide Entscheidungen getroffen, die wir gerade vielleicht anders treffen würden.“
Lucien blickte zuerst auf die angebotene Hand dann ins Gesicht von Torzh. Dann nickte er und nahm die dargebotene Hand. „Das ist ausgesprochen großzügig formuliert.“

Torzh verzog den Mund zu einem Grinsen und Lucien erwiderte es. „Und der Fairness halber sollte ich vermutlich zugeben, dass ich Sie tatsächlich ein wenig beschissen habe.“
Für zwei Sekunden herrschte Stille.
Dann begann der Kiffar plötzlich laut zu lachen.
„Du bist wirklich ein freches kleines Arschloch.“
Noch bevor Lucien etwas erwidern konnte, klopfte Torzh ihm zweimal gegen die Brust, wobei Lucien beim zweiten Mal wegen seiner Rippen sichtbar zusammen zuckte. „Vergeben und vergessen.“
Dann zeigte Torzh auf den Weequay.
„Gib ihm sein Sakko.“
Der Mann nahm das Kleidungsstück von der Kiste, betrachtete es beinahe wehmütig und strich noch einmal über den Stoff. „Aber Boss, das ist wirklich verdammt weich.“

Torzh starrte ihn an und schüttelte dann den Kopf.
„Dann kauf dir selbst eines und jetzt gib ihm sein verdammtes Sakko.“
Lucien nahm es mit jener Würde entgegen, als würde ihm gerade ein zuvor geraubtes Familienerbstück zurückgegeben, und untersuchte zunächst Ärmel, Revers und Rücken auf mögliche Schäden.„Wenigstens einer hier versteht die Tragweite der Situation.“

Torzh schüttelte lachend den Kopf.


Wenig später hatte sich die gesamte Situation auf eine Weise verändert, die Lucien beim Erwachen auf dem Stuhl kaum für möglich gehalten hätte. Statt weiterer Schläge erhielt er ein Gästezimmer mit angeschlossenem Bad, frische Handtücher und sogar die Möglichkeit, sich ausgiebig zu duschen. Seine Kleidung wurde währenddessen gereinigt und soweit möglich wieder hergerichtet, während sein Datenpad, der Codezylinder, Cred-Stick und sämtliche persönlichen Gegenstände vollständig zu ihm zurückkehrten.
Als Lucien schließlich wieder vor einem Spiegel stand, frisch geduscht, mit gerichtetem Haar und seinem geliebten Sakko über dem Arm, betrachtete er die leichte Schwellung an seinem Gesicht und den kleinen dunklen Fleck nahe seiner Schläfe.
Seine erste diplomatische Mission entwickelte sich bemerkenswert. Wenigstens konnte ihm niemand vorwerfen, Cona nicht intensiv kennenzulernen.
Gerade als er begann, sein Sakko wieder anzuziehen, erschien einer von Torzhs Leuten an der Tür.

Diesmal war es der Nikto, der sich im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen bislang als erfreulich schweigsam erwiesen hatte.
„Der Boss erwartet dich oben.“
Lucien richtete das Revers und überprüfte den Sitz seines Codezylinders. „Ich nehme an, diesmal ohne Fesseln?“
Der Nikto betrachtete ihn amüsiert.. „Diesmal mit Getränken.“

Lucien hielt kurz inne. Dann erschien langsam wieder jenes zufriedene Grinsen auf seinem Gesicht, das in den vergangenen vierundzwanzig Stunden bereits für einen erheblichen Teil seiner Probleme verantwortlich gewesen war.
„Sehen Sie.“ Er trat auf die Tür zu. „Wir machen Fortschritte.“

Was Torzh nun von ihm wollte, wusste Lucien noch nicht. Aber wenn dieser Mann tatsächlich seit Jahren Geschäfte mit einem Zweig des Hauses Velcrest machte, auf Cona offensichtlich über Einfluss verfügte und ihn nach einer Entführung plötzlich persönlich in seine privaten Räume einlud, dann konnte aus dem bislang vollkommen absurden Vormittag vielleicht doch noch etwas Nützliches entstehen.


[ Teke Ro-System | Cona | Ban'daar | in Torzh Anwesen ] Lucien und NPC´s
 
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Als Lucien wenig später das Gästezimmer verließ, in dem man ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich wieder in einen halbwegs gesellschaftsfähigen Zustand zu versetzen, bekam er erstmals einen Eindruck davon, wo man ihn überhaupt hingebracht hatte. Während der Nikto ihn durch einen breiten Korridor führte, dessen Einrichtung mit dunklen Hölzern, hellen Steinflächen und einigen erstaunlich geschmackvollen Kunstgegenständen wenig mit dem Lagerraum gemeinsam hatte, in dem Lucien noch vor weniger als einer Stunde an einen Stuhl gefesselt gewesen war, verlangsamte er unwillkürlich seine Schritte.

Durch eines der hohen Fenster konnte er über einen kleinen Vorgarten hinweg auf die Straße sehen und erkannte dahinter einen Teil Ban'daars wieder. Nach einigen Augenblicken der Orientierung stellte er überrascht fest, dass sie sich keineswegs irgendwo am Rand der Stadt befanden, sondern in einem durchaus wohlhabenden Viertel unweit des Zentrums. Wenn Lucien sich nicht vollkommen täuschte, konnte selbst das Obsidian Veil kaum mehr als einige Minuten entfernt liegen.

Das Gebäude selbst schien eine jener älteren Stadtvillen zu sein, die zwischen der dichteren Bebauung Ban'daars ihre eigenen kleinen Grundstücke behauptet hatten. Zur Straße hin trennten einige Meter gepflegter Garten und eine niedrige Mauer das Anwesen vom öffentlichen Raum, während Lucien durch einen seitlichen Durchgang erkennen konnte, dass sich das Grundstück nach hinten deutlich weiter öffnete. Dort lagen eine beschattete Terrasse, fremdartige Pflanzen, ein kleiner Garten mit einem Pavillon, dessen Pflege angesichts der natürlichen Verhältnisse Conas vermutlich bereits für sich genommen einiges kostete. Und wenn das nicht schon genug gewesen wäre Leistete sich sein Gastgeber offensichtlich das verschwenderischste das man auf Cona besitzen konnte, denn neben dem Pavillon konnte er auch einen großen Pool entdecken.

Lucien warf dem schweigsamen Nikto einen kurzen Blick zu.
Torzh schien deutlich besser zu verdienen, als man angesichts seiner bisherigen Bekanntschaft hätte vermuten können.
Auch spürte er, wie ein angenehmer Luftzug von der Lüftungsanlage durch das Anwesen zog, was hier eine Maske obsolet machte.

Wenig später erreichten sie einen Salon im oberen Stockwerk, dessen breite Fenster einen guten Blick über die umliegenden Straßenzüge ermöglichten. Mehrere gepolsterte Sitzbänke gruppierten sich um einen niedrigen Tisch, an einer Wand flackerte hinter einer schmalen transparenten Scheibe ein künstliches Feuer, während gegenüber eine kleine Bar in die Wand eingelassen war. Zwei bereits gefüllte Gläser standen auf dem Tisch.

Torzh wartete neben einem der Fenster. Auch er hatte sich inzwischen umgezogen und trug nun einen dunklen, hervorragend sitzenden und hochwertig wirkenden Anzug. Von jenem Mann, der vor nicht allzu langer Zeit in einem Lagerraum seine Untergebenen angeschrien hatte, war äußerlich kaum noch etwas übrig, und Lucien musste sich eingestehen, dass Torzh in dieser Umgebung plötzlich wesentlich mehr wie ein wohlhabender Geschäftsmann als wie der örtliche Gangster wirkte, für den er ihn bislang gehalten hatte.


Torzh deutete auf den freien Platz gegenüber. „Setz dich. Ich denke, wir sollten noch einmal von vorne anfangen.“

Lucien sah kurz auf die bereitstehenden Getränke, anschließend zu seinem Gastgeber und ließ sich schließlich nieder.
„Das erscheint mir angesichts unseres ersten Kennenlernens ausgesprochen vernünftig.“

Torzh schmunzelte, nahm sein Glas, lehnte sich zurück und überlegte kurz bevor er zu sprechen begann. „Als Entschuldigung für die Schläge werde ich dir meinen ganzen Name verraten....er lautete Torcaris Eszar Veytran, Torzh ist mehr so ein Spitzname“

Lucien hielt mitten in der Bewegung inne. „Oh wie freundlich....sagten Sie Veytran?“
„Ja genau Veytran.“
sagte Torzh.
Ein kleines Grinsen erschien auf Luciens Gesicht. „Also doch nicht nur Torzh.“

„Nein.“
Torzh hob sein Glas leicht. „Und du bist Lucien Aurelian Cassian Velcrest, Vicomte von Aurentis, Sondergesandter von Truuine und offenbar ein Mann, bei dem man besser den vollständigen Namen überprüft, bevor man ihn entführen lässt.“
Lucien hob sein eigenes Glas. „Jetzt verstehen wir uns.“

Sie stießen miteinander an, und damit begann ein Gespräch, das sich bereits nach wenigen Minuten bemerkenswert stark von ihrem ersten unterschied. Torzh wollte zunächst genauer wissen, weshalb ein Angehöriger des Hauses Velcrest überhaupt als Sondergesandter Truuines auf Cona unterwegs war, woraufhin Lucien ihm in groben Zügen von seinem Auftrag erzählte. Er sprach über Truuine, die dortigen wirtschaftlichen Entwicklungspläne und schließlich über jene Möglichkeit, die ihn während des Fluges zunehmend beschäftigt hatte. Wasser oder genauer gesagt Eis.

Mit Kyyne verfügte Truuine über einen Mond, dessen gewaltige Eisvorkommen bislang wirtschaftlich kaum genutzt wurden, während Cona seit Generationen unter einem Mangel genau jener Ressource litt. Noch wusste Lucien selbst nicht, ob ein direkter Transport wirtschaftlich sinnvoll wäre, welche Mengen überhaupt benötigt wurden oder ob Verarbeitung, Aufbereitung und Transportkosten das gesamte Vorhaben am Ende vollkommen unrentabel machten. Genau deshalb war er hier. Wenn sich eine tragfähige Verbindung herstellen ließ, konnte daraus ein Geschäft entstehen, von dem beide Welten profitierten.

Torzh hörte überraschend aufmerksam zu und stellte mehrere Fragen, die Lucien erkennen ließen, dass sein Gegenüber erheblich mehr von Handel verstand, als dessen bisherige Methoden der Geschäftsanbahnung vermuten ließen. Das Wasserproblem Conas war ihm selbstverständlich bestens bekannt, ebenso die Abhängigkeit von verschiedenen technischen Verfahren, Importen und bestehenden Versorgungsstrukturen. Ob Luciens Idee funktionierte, konnte auch er nicht beantworten, hielt sie jedoch zumindest für vernünftig genug, um sie prüfen zu lassen.

Damit kam das Gespräch zwangsläufig auf Luciens bisherige Erfahrungen mit der Verwaltung. Bereits nach wenigen Sätzen begann Torzh zu lachen.

„Zwei Wochen?“ fragte Trozh belustigt.
„Zwei Wochen.“ sagte Lucien schmallippig und etwas genervt.
„Und dann hast du sie heruntergehandelt?“ fuhr Torzh fort.
Lucien hob leicht das Kinn. „Auf ein paar Tage.“
Torzh lachte erneut und schüttelte den Kopf. „Das klingt nach ihnen. Die Hälfte dieser Leute lässt dich schon deshalb warten, damit du glaubst, sie wären wichtiger, als sie tatsächlich sind.“

Luciens Gesichtsausdruck verdüsterte sich augenblicklich. „Das heißt, dieser Mann könnte womöglich bereits heute Zeit haben?“
Torzh nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas. „Durchaus möglich.“
Lucien massierte sich die Stirn „Ich beginne diese Verwaltung langsam zu verabscheuen.“
Das schien Torzh ausgesprochen zu amüsieren.
Das Gespräch verlor anschließend zunehmend seinen geschäftlichen Charakter, und irgendwann ließ Lucien seinen Blick erneut durch den Salon schweifen, bevor er sich zurücklehnte und anerkennend mit dem Glas in der Hand auf die Einrichtung deutete.

„Ich muss Ihnen übrigens ein Kompliment machen. Eine ausgesprochen schöne Villa.“
Torzh bedankte sich mit einem knappen Nicken.
„Alles Ergebnis Ihrer Geschäfte nehme ich an?“ hakte Lucien nach.

Der Kiffar betrachtete Lucien daraufhin etwas länger, als es die harmlose Frage eigentlich notwendig gemacht hätte, ehe er sein Glas auf dem Tisch abstellte.
„Du hast mir gestern Geld abgenommen, mich vor meinen Leuten gedemütigt und anschließend dafür gesorgt, dass ich heute morgen einen Velcrest zusammenschlagen lasse und jetzt löcherst du mich bezüglich meiner Geschäfte...dein Ernst ?“ sagte Torzh amüsiert.

Lucien hob einen Finger als wollte er etwas erwiedern, überlegte kurz und senkte dann wieder den Finger. „Ja, stimmt, Sie haben recht, dem habe ich nichts hinzuzufügen.“


Torzh musste lachen und schüttelte den Kopf.
Vielleicht war es genau diese Antwort, vielleicht auch der Umstand, dass ihre ungewöhnliche Auseinandersetzung inzwischen weitgehend beigelegt war, jedenfalls erzählte er Lucien anschließend etwas mehr, als dieser erwartet hatte.

Der Name Veytran hatte auf Cona einmal durchaus Gewicht besessen. Keine der großen Dynastien des Planeten und schon gar kein Haus von der Bedeutung der Velcrests, aber eine alte Familie mit Besitz, Handelsrechten und genügend Einfluss, um innerhalb ihrer Region über Generationen hinweg zu den besseren Kreisen gezählt zu werden. Torzhs Vater hatte davon allerdings innerhalb erstaunlich weniger Jahre einen beträchtlichen Teil verspielt. Schlechte Investitionen, falsche Geschäftspartner und schließlich Schulden hatten die Familie beinahe vollständig ruiniert. Als sein Vater starb war Torzh selbst noch sehr jung gewesen, kurz darauf hatte er mit seiner Mutter Cona schließlich verlassen .

Was in den Jahren danach geschehen war, erzählte er deutlich weniger ausführlich.

Er hatte gehandelt, gearbeitet, gelegentlich Dinge transportiert, bei denen es besser gewesen war, nicht jede Kiste zu öffnen, und Kontakte zu Personen aufgebaut, deren Visitenkarten man gewöhnlich nicht bei offiziellen Empfängen verteilte. Irgendwann war aus Torcaris Eszar Veytran nur noch Torzh geworden, und als er Jahre später nach Ban'daar zurückkehrte, kannten die meisten Menschen bereits diesen Namen, ohne zu wissen, welcher andere dahinterstand.
Mit den Jahren hatte er einen Teil des verlorenen Familienvermögens zurückgewonnen, anschließend die Villa und einige frühere Besitzungen zurückgekauft und aus den Geschäften seiner weniger vornehmen Jahre zunehmend solche gemacht, die sich zumindest auf dem Papier wesentlich besser präsentierten.


Lucien betrachtete ihn während dieser Erzählung zunehmend interessiert.

Plötzlich ergaben einige Dinge erheblich mehr Sinn. Die Kleidung, die Art, wie Torzh sprach, das Anwesen und nicht zuletzt die Tatsache, dass er trotz seines offensichtlichen Temperaments nicht wie irgendein gewöhnlicher Schläger wirkte. Selbst unten im Lagerraum hatte Lucien mehrfach das Gefühl gehabt, dass der Mann nicht vollständig in jene Rolle passte, die seine Umgebung zunächst vermuten ließ.

„Das erklärt einiges.“ Lucien nahm einen Schluck.
Torzh hob fragend die Augenbrauen. „Zum Beispiel?“
„Warum ich für einige meiner Bemerkungen noch alle Zähne habe.“
antwortete Lucien
Torzh lachte laut auf. „Glaub mir, ich habe darüber nachgedacht.“
Lucien hob sein Glas leicht in dessen Richtung. „Danke für die Ehrlichkeit.“

Danach entwickelte sich das Gespräch auf eine Weise weiter, die Lucien angesichts seines Erwachens am selben Morgen kaum für möglich gehalten hätte. Sie tranken noch ein weiteres Glas, sprachen über Ban'daar, Geschäfte, Glücksspiel und einige der Personen, mit denen Torzh im Laufe der Jahre zu tun gehabt hatte, wobei Lucien zunehmend feststellen musste, dass ihm der Kiffar trotz allem überraschend sympathisch wurde. Vor wenigen Stunden hatte er gefesselt in einem Lagerraum gesessen und sich ernsthaft gefragt, ob er diesen Ort überhaupt wieder verlassen würde, und nun saß er frisch geduscht in derselben Villa, trank mit dem Mann, der seine Entführung angeordnet hatte, und unterhielt sich mit ihm beinahe so, als hätten sie sich unter erheblich normaleren Umständen kennengelernt.

Irgendwann kehrte das Gespräch wieder zu Luciens eigentlichem Problem zurück.
Torzh stellte sein Glas ab. „Wie heißt der Mann, den du sprechen willst?“
Lucien nannte ihm den zuständigen Vertreter und ergänzte die Verwaltungsstelle, bei der er am Vortag vorgesprochen hatte.
Torzh nickte langsam und kratze sich kurz nachdenklich. „Den kenne ich.“ Torzh grinste, stand auf und griff nach seinem Comlink.
„Moment warte hier.“ Damit verschwand er aus dem Salon.

Lucien blieb zurück, betrachtete sein beinahe leeres Glas und schüttelte nach einigen Sekunden amüsiert den Kopf. Sollte sein Vater irgendwann erfahren, dass seine erste diplomatische Mission ihn über Glücksspiel, Betrug und eine Entführung zu einem geschäftlichen Kontakt geführt hatte, würde Lucien vermutlich einige sehr interessante Erklärungen abgeben müssen.


Kaum fünf Minuten später kam Torzh zurück. „Trink aus Junge.“
Lucien sah zu ihm. „Warum?“
Torzh griff nach seinem Sakko, zog es an und richtete beiläufig das Revers. „Wir fahren zur Verwaltung.“
„Jetzt sofort ?“ fragte Lucien erstaunt
„Außer du willst keinen Termin“ sagte Torzh grinsend.
Lucien blickte auf sein Datenpad, anschließend auf Torzh dann schließlich auf die Uhr und musste lachen. „Dann stürmen wir mal die Festung der Bürokratie!“ sagte Lucien motiviert.

Wenig später verließen sie gemeinsam die Villa.
Die Fahrt durch Ban'daar dauerte tatsächlich kaum länger als einige Minuten, und spätestens als Lucien das Verwaltungsgebäude wiedererkannte, begann sich seine anfängliche Belustigung mit echter Erwartung zu vermischen. Torzh hatte während der Fahrt kaum erklärt, wen genau er kontaktiert hatte oder welche Gefälligkeit dafür möglicherweise irgendwann fällig werden würde. Er hatte lediglich versichert, dass jemand Zeit für sie habe.

Das genügte Lucien fürs Erste vollkommen.
Gemeinsam betraten sie das Gebäude, wobei Lucien einige Schritte vorausging und mit Datenpad, Codezylinder und wieder tadellos sitzendem Sakko inzwischen erneut genau jenem Sondergesandten entsprach, der am Vortag denselben Empfangsbereich mit deutlich schlechterer Laune verlassen hatte.

Der Mitarbeiter von gestern erkannte ihn sofort.
Sein Gesicht nahm augenblicklich jenen bemüht höflichen Ausdruck an, der Lucien bereits vertraut war.
„Herr Velcrest, ich habe Ihnen doch gestern erklärt, dass wir uns bei Ihnen melden, sobald—“

Er verstummte.
Torzh war hinter Lucien einen Schritt zur Seite getreten.
Der Blick des Mitarbeiters blieb an ihm hängen, und innerhalb weniger Sekunden veränderte sich dessen gesamte Haltung.
„M...Mister Torzh.“ sagte der angestellte sichtlich nervös
Torzh schenkte ihm ein wölfisches Nicken und zwinkerte.
„Guten Tag, ich hoffe der Familie gehts gut Krawish.“

Der Mann blickte etwas verwirrt zwischen den beiden hin und her. „Ja äh...vielen dank Ihnen geht es gut....Ihr Termin ist selbstverständlich vorbereitet.“
Torzh legte Lucien einen Arm um die Schulter, zog ihn ein kleines Stück zu sich und korrigierte mit vollkommen unschuldigem Gesichtsausdruck: „Unser Termin.“
Die Augen des Mitarbeiters wurden tatsächlich etwas größer. „Oh. Ich hatte nicht gewusst, dass Sie ein Freund von…“
Lucien hob beschwichtigend die Hand. „Ja, ja. Das dachte ich mir gestern bereits.“

Er ließ ihn noch einen Augenblick zappeln, bevor er mit gespielt strenger Miene auf ihn deutete. „Ich werde mir Ihr Verhalten trotzdem merken....Krawish.“


Die Wirkung war beinahe schöner, als Lucien gehofft hatte.
Der Mann versicherte ihm augenblicklich, dass selbstverständlich keinerlei Respektlosigkeit beabsichtigt gewesen sei, der gestrige Terminvorschlag ausschließlich aus der regulären Planung resultiert habe und man sich selbstverständlich um eine schnellstmögliche Lösung bemüht hätte, hätte er gewusst das er ein Freund von Torzh ist hätte das das ganze natürlich beschleunigt. Lucien ließ ihn einige Sekunden reden, ehe Torzh neben ihm bereits hörbar amüsiert ausatmete.

„Schon gut...schon gut“, unterbrach Lucien schließlich und konnte sein eigenes Grinsen kaum noch vollständig verbergen. „Wo müssen wir hin?“

Der Mitarbeiter erklärte ihnen den Weg, nannte Stockwerk, Korridor und Türnummer und bot sogar an, jemanden zu rufen, der sie begleiten könne. Torzh lehnte dankend ab, woraufhin sich die beiden auf den Weg machten.

Erst als sie außer Hörweite waren, sah Torzh zu Lucien. „Das hat dir gefallen den Mann zu drangsalieren was?“
Lucien warf ihm einen unschuldigen Blick zu. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen.“

Torzh schnaubte amüsiert.
Wenig später standen sie vor jener Tür, hinter der sich endlich eine Person befand, wegen der Lucien überhaupt nach Cona gekommen war. Er überprüfte noch einmal sein Datenpad, vergewisserte sich, dass das Dossier bereitlag, richtete beinahe automatisch sein Sakko und atmete langsam aus.

Nach allem, was seit seiner Ankunft passiert war, würde nun tatsächlich der diplomatische Teil seiner diplomatischen Mission beginnen.
Lucien warf Torzh einen kurzen Blick zu. „Nun gut. Hoffen wir, dass wenigstens dieser Teil nach Plan läuft.“

Dann betätigte er den Summer.
Im Inneren erklang ein Signal.
Lucien nahm das Datenpad unter den Arm, richtete sich etwas auf und wartete darauf, dass sich die Tür öffnete.



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Die Tür öffnete sich wenige Augenblicke später und gab den Blick auf ein großzügiges Büro frei, dessen Einrichtung jene eigentümliche Mischung aus lokaler Architektur und imperialer Verwaltungsästhetik besaß, die Lucien inzwischen bereits an mehreren Stellen des Gebäudes aufgefallen war. Helle Steinflächen wechselten sich mit dunklen Metallelementen ab, an einer Seitenwand befand sich das imperiale Hoheitszeichen und hinter einem breiten Schreibtisch ermöglichten mehrere halbtransparente Anzeigen den Zugriff auf jene Unmengen an Daten, mit denen eine planetare Verwaltung offenbar selbst vergleichsweise einfache Entscheidungen zu einer Wissenschaft machen konnte.

Der Mann hinter dem Schreibtisch blickte von seinem Terminal auf, als Lucien eintrat, und musterte den jungen Arkanier zunächst mit einem fragenden Ausdruck.

„Ja? Und Sie sind…?“, begann er und richtete sich etwas auf.

Lucien wollte gerade antworten, als Torzh hinter ihm durch die Tür trat.

Die Veränderung im Gesicht des Verwalters war klein, aber deutlich genug, dass Lucien sie bemerkte. Für einen kurzen Moment schien sich darin Überraschung mit jener besonderen Form beruflicher Müdigkeit zu vermischen, die darauf schließen ließ, dass Torzh in diesem Büro keineswegs zum ersten Mal auftauchte.

„Torzh.“, sagte der Mann schließlich und lehnte sich langsam zurück. „Was ist es diesmal?“

Torzh betrachtete den Beamten mit einem amüsierten Grinsen.
„Sie tun gerade so, als würde ich ausschließlich Schwierigkeiten verursachen.“, erwiderte er und trat neben Lucien.
Der Verwalter ließ diese Bemerkung unkommentiert und deutete stattdessen mit dem Blick auf dessen Begleiter.
„Und wer ist Ihr Freund?“, fragte er.
„Mein Freund ist eigentlich der Grund, weshalb wir hier sind.“, erklärte Torzh und legte Lucien kurz eine Hand an die Schulter. „Vielleicht ist sein Name inzwischen sogar schon einmal über Ihren Schreibtisch gewandert.“

Lucien trat einen halben Schritt vor und neigte höflich das Haupt.
„Lucien Aurelian Cassian Velcrest, Vicomte von Aurentis und Sondergesandter der Regierung Truuines für wirtschaftliche Angelegenheiten.“, stellte er sich vor und zog gleichzeitig seinen Codezylinder aus der Halterung seines Sakkos sollte dies nötig sein.
Der Verwalter hielt für einen Augenblick inne.
Sein Blick wanderte zu Lucien, anschließend zu Torzh und schließlich zum Codezylinder, bevor in seinem Gesicht langsam jene Erkenntnis auftauchte, die Lucien nach den Ereignissen am Empfang beinahe ein wenig genoss.

„Velcrest… natürlich.“, antwortete der Mann und nahm die bereitgestellte Legitimation entgegen. „Ihre Anmeldung liegt mir vor.“
„Das freut mich außerordentlich.“,
erwiderte Lucien freundlich. „Gestern hatte ich zwischenzeitlich den Eindruck gewonnen, sie würde möglicherweise noch einige Zeit benötigen, um bis hierher zu gelangen.“

Torzh senkte grinsend den Blick.
Dem Verwalter war die Spitze dagegen keineswegs entgangen.
„Die genannten Wartezeiten entsprechen dem regulären Verfahren für kurzfristig angemeldete außerplanetare Gespräche.“, erklärte er mit jener kontrollierten Ruhe, die Lucien inzwischen bereits hervorragend mit conischer Verwaltung verband.
„Die zuständigen Stellen verfügen über bestehende Verpflichtungen und können nicht jeden unangekündigten Termin unmittelbar priorisieren.“

Lucien nickte langsam und deutete anschließend auf Torzh.
„Warum ist mein Freund hier dann unmittelbar drangekommen?“, fragte er mit beinahe unschuldiger Neugier.
Der Verwalter schwieg einen Moment.
Torzh verschränkte neben ihm die Arme und wartete sichtlich interessiert auf die Antwort.
„Mister Torzh ist eine… äußerst....bedeutende Persönlichkeit innerhalb unserer örtlichen Geschäftsgemeinschaft.“, erklärte der Mann schließlich merklich widerwilliger.

„Das klingt ja beinahe liebevoll.“, bemerkte Torzh trocken.
Lucien musste sich ein Grinsen verkneifen.
Der Verwalter entschied offenbar, dass er bereits genug Zeit mit dieser Diskussion verloren hatte, legte Luciens Codezylinder auf den Tisch und deutete auf die beiden Sitzplätze vor seinem Schreibtisch.
„Nun gut. Sie haben einen Termin bekommen. Was genau möchten Sie mir vorschlagen?“, fragte er und sah nun unmittelbar zu Lucien.

Damit verschwand ein beträchtlicher Teil von Luciens bisheriger Belustigung.
Er setzte sich, legte sein Datenpad auf den Tisch und öffnete jene Unterlagen, die er während des Fluges nach Cona vorbereitet hatte.
„Wasser.“, antwortete Lucien.
Er wusste nicht ob es die klügste Idee war die Geduld des Verwalters etwas auf die Probe zu stellen aber immerhin hat die Verwaltung auch die seine strapaziert und Lucien hatte nichts gegen etwas ausgleichende Gerechtigkeit.

Der Verwalter hob leicht die Augenbrauen.
„Das müssen Sie etwas genauer erklären.“, erwiderte er.
„Sehr gerne.“, sagte Lucien, legte einen kleinen tragbaren Holoprojektor auf den Tisch und rief eine Darstellung des Truuine-Systems auf.
„Truuine verfügt mit Kyyne über einen Mond, dessen Oberfläche und Untergrund gewaltige Mengen gefrorenen Wassers enthalten. Diese Vorkommen werden gegenwärtig nur in begrenztem Umfang wirtschaftlich genutzt. Cona wiederum besitzt genau das gegenteilige Problem.“
Der Verwalter betrachtete die Projektion nun deutlich aufmerksamer.

Lucien erläuterte, dass er während seiner Vorbereitung zunächst lediglich auf die offensichtliche Diskrepanz zwischen beiden Welten gestoßen war. Auf der einen Seite befand sich eine Ressource in gewaltigen Mengen, für die bislang nur begrenzte wirtschaftliche Verwendung bestand, auf der anderen eine Welt, deren natürliche Bedingungen eine zuverlässige Versorgung mit nutzbarem Wasser seit Generationen zu einer strategischen Frage machten.

Noch wusste niemand, ob sich daraus tatsächlich ein wirtschaftlich tragfähiges Modell entwickeln ließ.
Aber genau das wollte Lucien herausfinden.
„Im Grunde sehe ich gegenwärtig zwei Möglichkeiten.“, erklärte er und wechselte die Darstellung auf seinem Datenpad. „Wir könnten das Eis auf Kyyne fördern, auf Truuine aufbereiten, mineralisieren und als unmittelbar nutzbares Trink- und Brauchwasser nach Cona liefern. Das wäre die aufwendigere Variante, würde Ihnen allerdings einen großen Teil der Verarbeitung abnehmen.“
Der Verwalter nickte langsam.
„Oder?“, fragte er.

„Oder wir sparen uns einen beträchtlichen Teil davon.“, antwortete Lucien. „Wir fördern das Eis, bringen es in geeignete Massengutfrachter und liefern es weitgehend unverarbeitet nach Cona. Aufbereitung und Verteilung würden anschließend hier erfolgen. Welche Variante wirtschaftlich sinnvoller ist, hängt von Ihren Kapazitäten, den Transportkosten und selbstverständlich den benötigten Mengen ab.“

Bei den letzten Worten veränderte sich die Aufmerksamkeit seines Gegenübers merklich.
Bislang hatte der Mann offenbar mit einem weiteren gewöhnlichen Importvorschlag gerechnet. Nun begann er Fragen zu stellen.
Wie groß waren die erschließbaren Vorkommen? Welche Förderkapazitäten besaß Truuine gegenwärtig? Welche Mengen könnten kurzfristig bereitgestellt werden? Gab es bereits geologische Untersuchungen? Welche Zusammensetzung besaß das Eis? Welche Investitionen wären notwendig, um eine dauerhafte Förderung aufzubauen?

Lucien konnte nicht jede Frage sofort beantworten.
Das störte ihn allerdings weniger, als er ursprünglich erwartet hätte, denn er war nicht nach Cona gekommen, um einen fertigen Vertrag auf den Tisch zu legen. Er war gekommen, um herauszufinden, ob überhaupt genügend Interesse bestand, einen solchen Vertrag auszuarbeiten.

Nach beinahe einer Stunde ließ der Verwalter schließlich einen weiteren Mitarbeiter hinzuziehen, einen älteren Arconier aus jenem Verwaltungsbereich, der sich mit Wasserversorgung, außerplanetaren Importen und strategischen Ressourcen beschäftigte. Mit ihm veränderte sich das Gespräch endgültig.

Aus einer Idee wurden Zahlen.

Fördermengen wurden überschlagen, Frachtrouten verglichen und mögliche Transporttypen diskutiert. Die Aufbereitung auf Truuine wurde der Verarbeitung auf Cona gegenübergestellt, bestehende Versorgungskapazitäten kamen ebenso zur Sprache wie mögliche Abnahmemengen, Lagerung, Qualitätsstandards und die Frage, ob ein langfristiger Vertrag ausreichend Sicherheit bieten könnte, um Investitionen in zusätzliche Förderanlagen auf Kyyne überhaupt zu rechtfertigen.

Torzh beteiligte sich gelegentlich, hielt sich jedoch überwiegend zurück.
Lucien war dafür ausgesprochen dankbar.
Der Kiffar hatte ihm die Tür geöffnet. Das Gespräch dahinter führte er selbst.

Aus einer Stunde wurden zwei und schließlich mehrere, bis die anfänglich bereitgestellten Getränke längst ersetzt worden waren und selbst Lucien bemerkte, dass seine Konzentration langsam darunter litt, zum wiederholten Male über Transportkosten, Reinheitsgrade und langfristige Abnahmemengen zu diskutieren.
Ein fertiger Vertrag entstand an diesem Tag selbstverständlich nicht.

Aber als sie schließlich aufstanden, war aus Luciens ursprünglicher Idee etwas erheblich Konkreteres geworden. Die Verwaltung Caons würde interne Bedarfszahlen und technische Anforderungen zusammenstellen, während Lucien nach seiner Rückkehr prüfen lassen sollte, welche Fördermengen Kyyne tatsächlich bereitstellen konnte und welche Investitionen für eine großangelegte Gewinnung notwendig wären. Anschließend sollte auf Grundlage beider Datensätze entschieden werden, ob Verhandlungen über ein langfristiges Versorgungsabkommen aufgenommen wurden.
Danach würde Cona eine Anfrage zu beiden Varianten zusammenstellen, dann würde Truuine und sein Schwager so hoffte Lucien in kürze einen neuen Handelspartner haben.

„Sobald wir Ihre Zahlen erhalten, lassen wir die Möglichkeiten auf unserer Seite prüfen.“, erklärte der Verwalter beim Abschied und reichte ihm die Hand. „Sollten die Mengen und Transportkosten innerhalb eines vernünftigen Rahmens liegen, halte ich ein Geschäft für sehr Wahrscheinlich“

„Dann werde ich dafür sorgen, dass Sie die entsprechenden Daten erhalten.“,
antwortete Lucien zufrieden und erwiderte den Händedruck. „Und beim nächsten Mal vereinbaren wir den Termin vielleicht schon nach einer Woche.“
Der Verwalter sah ihn zu beginn trocken an, musste aber dann aber doch leicht schmunzeln.
Torzh lachte hinter ihm auf.

Wenig später verließen beide das Büro und machten sich auf den Weg zurück durch das Verwaltungsgebäude. Erst als sie den kontrollierten Innenbereich erreichten und vor ihnen jene Atmosphärenschleuse lag, die das für Außenweltler aufbereitete Raumklima von der ammoniakhaltigen Außenluft Ban'daars trennte, holte Lucien seinen Atemfilter wieder hervor.

Die innere Tür schloss sich hinter ihnen, ein kurzes Summen setzte ein und mehrere Anzeigen wechselten ihre Farbe, während die Atmosphäre innerhalb der Schleuse angepasst wurde. Lucien setzte den Filter auf, überprüfte dessen Sitz und wartete, bis sich schließlich die äußere Tür öffnete.

Die trockene Luft Conas empfing sie.
Lucien ging einige Schritte hinaus, blieb stehen und atmete tief durch den Filter.
„Bei allen Sternen, war das anstrengend.“, stöhnte er und streckte die Arme, bis sich seine Schultern merklich entspannten.
„Stell dich nicht so an, Junge.“, erwiderte Torzh amüsiert und ging neben ihm weiter. „Du wolltest doch Diplomat spielen.“
„Ich spiele nicht Diplomat.“,
antwortete Lucien und holte zu ihm auf. „Ich bin Sondergesandter.“

„Natürlich.“,
sagte Torzh trocken.
Einige Meter gingen sie schweigend nebeneinander her, bis der Kiffar schließlich zu seinem jüngeren Begleiter blickte.
„Und was macht ein erfolgreicher Sondergesandter jetzt mit dem Rest seines Tages?“, fragte Torzh.
Lucien verlangsamte seine Schritte.

Er dachte kurz nach, sah die Straße hinunter und drehte anschließend langsam den Kopf zu Torzh. Auf seinem Gesicht erschien jenes Grinsen, das der Kiffar inzwischen vermutlich bereits als Vorzeichen einer wenig vernünftigen Idee erkennen konnte.
Torzh hob misstrauisch eine Augenbraue.

„Was?“, fragte er.
Lucien deutete mit dem Kopf in Richtung der Innenstadt.
„Drink?“, schlug er vor.

Torzh starrte ihn zwei Sekunden lang an, ehe er laut zu lachen begann und Lucien kräftig gegen den Rücken klopfte.
„Du gefällst mir, Junge.“, erklärte er grinsend. „Komm.“

Lucien musste ebenfalls lachen und setzte sich gemeinsam mit ihm in Bewegung.
Dass ihr Weg dabei ausgerechnet wieder in Richtung des Obsidian Veil führte, machte die Sache nur noch besser.
Nalia hatte ihm schließlich ausdrücklich gesagt, dass sie ihn heute nicht im Salon sehen wollte..
Lucien war durchaus gespannt darauf, ob diese Regel auch galt, wenn er gemeinsam mit Torzh durch die Eingangstür kam.
Und auf ihr Gesicht freute er sich beinahe noch mehr.



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Der Rückweg zum Obsidian Veil nahm kaum mehr als einige Minuten in Anspruch, und spätestens als die vertraute Fassade des Restaurants zwischen den umliegenden Gebäuden sichtbar wurde, musste Lucien unwillkürlich grinsen.
Torzh bemerkte es beinahe augenblicklich und warf ihm von der Seite einen fragenden Blick zu.
„Was grinst du denn so?“, fragte der Kiffar und betrachtete ihn misstrauisch.

Lucien ließ seinen Blick kurz zum Eingang des Lokals wandern und zog amüsiert die Lippen ein, als müsste er sich beherrschen, nicht bereits vor der eigentlichen Pointe zu lachen.
„Ich soll heute eigentlich nicht hierherkommen.“, erklärte er schließlich.

Torzh blieb beinahe stehen.
„Was? Wieso das denn?“, fragte er irritiert.

„Mir wurde heute Morgen in meiner Suit ziemlich ausdrücklich davon abgeraten.“, fuhr Lucien grinsend fort und steckte die Hände in die Taschen seines Sakkos. „Offenbar besteht hier die Möglichkeit, einem gewissen Torzh über den Weg zu laufen, der wegen der gestrigen Ereignisse womöglich nicht besonders gut auf mich zu sprechen sein könnte.“

Für einen Augenblick sah Torzh ihn nur verständnislos an. Dann schien ihm etwas einzufallen und aus dem fragenden Ausdruck wurde langsam ein breites, wissendes Grinsen.

„ Warum in deiner Suit? Wer war denn......Ahhhh.“, machte er gedehnt und nickte mehrmals. „Ich glaube, ich kann mir ziemlich genau vorstellen, wer dir das erzählt hat.“
Lucien konnte sich ein amüsiertes grinsen nicht verkneifen.
Torzh betrachtete ihn von der Seite, ehe er leise lachte.
„Brauchst mir gar nichts erzählen, kann mir schon vorstellen wer Sie ist ich weiß so ziemlich alles was in Ban'daar passiert ., sagte er und stieß Lucien leicht mit dem Ellbogen an. „Aber ich verstehe, warum sie sich Sorgen gemacht hat. Immerhin gehts ja um mich haha.“

Unglücklicherweise traf sein Ellbogen ziemlich genau eine jener Stellen, die von den Ereignissen des Morgens ohnehin noch genug hatten.
Lucien verzog das Gesicht und legte augenblicklich eine Hand an seine Rippen.
„War heute Morgen nicht schon genug?“, fragte er vorwurfsvoll.

„Ja, ja.“, erwiderte Torzh lachend und hob beschwichtigend beide Hände, wobei er die Handflächen demonstrativ von sich wegdrehte. „Ich lasse es schon. Aber das hältst du mir jetzt nicht die nächsten Jahre vor.“

„Solange du mir nicht die Credits vorhalten, die ich Ihnen gestern abgenommen habe.“,
gab Lucien zurück und richtete sein Sakko.
Torzh schüttelte lachend den Kopf. „Lassen wir es einfach gut sein.“, erklärte er und deutete auf den Eingang des Lokals das bereits unmittelbar vor Ihnen lag. „Komm.“
Lucien machte zwei Schritte, blieb dann jedoch stehen.
„Warte kurz.“, sagte er plötzlich.
Torzh sah ihn fragend an. Langsam erschien wieder dieses Grinsen auf Luciens Gesicht.
„Lasse mich zuerst hineingehen und kommen ein paar Augenblicke später nach.“, erklärte er.
„Warum das denn ?“, fragte Torzh misstrauisch.

„Ich habe eine Idee“, antwortete Lucien amüsiert lehnte sich zu Torzh und erklärte was er vor hatte.
Torzh schlug sich gegen die Stirn und schüttelte leicht den Kopf “meinetwegen Junge.”


Im Inneren hatte sich seit seinem letzten Besuch kaum etwas verändert. Die gedämpfte Beleuchtung tauchte Restaurant und Bar in dasselbe warme Licht wie am Vorabend, zwischen den Tischen herrschte bereits reger Betrieb und aus dem hinteren Bereich waren die vertrauten Geräusche des Spielsalons zu hören.

Lucien musste nicht lange suchen.
Nalia stand erneut hinter dem Empfangspult am Zugang zum Salon und beschäftigte sich gerade mit einem Terminal. Als sie die Bewegung vor sich bemerkte, hob sie zunächst nur beiläufig den Blick, sah wieder auf ihre Anzeige und riss beinahe im selben Augenblick den Kopf erneut nach oben.

Ihre Augen wurden größer. Lucien schenkte ihr sein freundlichstes Lächeln.
Nalia kam bereits hinter dem Pult hervor.

„Lucien!“, zischte sie leise, sobald sie nahe genug bei ihm war, und sah ihn gleichzeitig an, als könnte sie nicht entscheiden, ob sie sich über seinen Anblick freuen oder ihn augenblicklich wieder vor die Tür setzen sollte. „Ich habe dir heute Morgen ausdrücklich gesagt, dass du heute nicht herkommen sollst. Was ist, wenn —“

Die Eingangstür öffnete sich.
„Lucien Velcrest!“, erklang eine laute Stimme hinter ihnen.

Nalia erstarrte.
Lucien drehte sich langsam um.
Torzh stand einige Meter entfernt und sah unmittelbar zu ihm, wobei von der amüsierten Stimmung vor dem Lokal plötzlich erstaunlich wenig übrig geblieben war.

„Da bist du ja.“, sagte der Kiffar mit einem derart grimmigen Unterton, dass Lucien selbst für einen kurzen Moment nicht mehr vollkommen sicher war, wie weit Torzh diese kleine Inszenierung eigentlich treiben wollte.

Neben ihm hörte er Nalia leise einatmen. „Oh nein…“, murmelte sie.
Torzh setzte sich in Bewegung. „Torzh, warte.“, sagte Nalia hastig und stellte sich einen Schritt zwischen die beiden.
Der Kiffar legte ihr lediglich eine Hand an den Oberarm und schob sie zur Seite, ohne seinen Blick von Lucien zu nehmen. Dann stand er unmittelbar vor ihm und packte Lucien am Revere seines Sakkos.
„Du…“, begann Torzh langsam und sah ihn derart finster an, dass selbst Luciens Grinsen für einen Augenblick etwas unsicherer wurde. „Du…..“

Lucien hob vorsichtshalber die Augenbrauen und auch Nalias Augen wurden immer größer, die schon Schlimmes befürchtete.
Dann legte Torzh ihm plötzlich einen Arm um die Schultern, zog ihn lachend an sich und klopfte ihm auf den Rücken.
„…schuldest mir einen Drink.“, beendete er den Satz grinsend.
Lucien brauchte einen Augenblick, bevor er ebenfalls zu lachen begann.

Nalia hingegen lachte nicht. Sie sah zunächst Torzh, anschließend Lucien und dann wieder Torzh an, bevor ihr langsam klar wurde, dass sie soeben von beiden vorgeführt worden war.
„Ihr…Ihr habt das abgesprochen!“, stellte sie empört fest und trat bestimmt mit ihrem Fuß auf.

Lucien löste sich von Torzh und hob unschuldig beide Hände.
„Aber immerhin ist mir nichts passiert oder?.“, verteidigte er sich, obwohl sein breites Grinsen jeden Versuch von Unschuld zunichtemachte, bevor er fortfuhr. „Torzh und ich sind uns heute Morgen lediglich unter etwas ungewöhnlichen Umständen begegnet und haben anschließend festgestellt, dass wir uns ausgesprochen gut verstehen.“
Nalias Blick wanderte zu Torzh.
„Ungewöhnliche Umstände?“, wiederholte sie skeptisch.
„Ehm..ja…Lange Geschichte.“, antwortete Torzh trocken.

„Er hat mir sogar bei meinem Problem mit der Verwaltung geholfen.“, ergänzte Lucien zufrieden.
Nun wirkte Nalia endgültig verwirrt. „Was…wie?“
Lucien nickte. „Wir hatten vorhin meinen Termin den er mir besorgt.“, erklärte er und deutete mit dem Daumen auf seinen neuen Begleiter. „Äußerst nützlicher Mann.“
“Mhm…nützlich…da hast dus gehört",
sagte Torzh übertrieben betont, während er seine Arme vor der Brust verschränkte und grinste.

Nalia sah die beiden noch einige Sekunden an, ehe sie schließlich den Kopf schüttelte und trotz aller Bemühungen ein Lächeln nicht mehr vollständig unterdrücken konnte.
„Ihr zwei seid unmöglich.“, murmelte sie.
Sie gab Lucien einen leichten Stoß gegen den Oberarm, wandte sich anschließend Torzh zu und schlug diesem deutlich kräftiger gegen die Brust.
„Und mach das nie wieder mit mir!“, fügte sie tadelnd hinzu.

Torzh hob beschwichtigend die Hände.
„Schon verstanden.“, erwiderte Lucien grinsend.
Nalia schüttelte noch einmal den Kopf und kehrte hinter ihr Pult zurück, wobei ihre Haltung deutlich machte, dass sie zumindest für die nächsten Minuten beschlossen hatte, den beiden ihre kleine Vorstellung übelzunehmen.

Lucien sah ihr hinterher. „Ich glaube, sie ist etwas verärgert.", bemerkte er.
„Ja…Sehr scharfsinnige beobachtung.“, antwortete Torzh trocken und deutete zur Bar. „Komm, schon mein Drink wartete“

Wenig später saßen die beiden mit ihren ersten Getränken nebeneinander an der Bar, und nachdem die vergangenen Stunden zumindest vorläufig keine weiteren Entführungen, Schlägereien oder Verwaltungsbeamten mehr für sie bereithielten, entwickelte sich ihr Gespräch erstaunlich schnell in vollkommen belanglose Richtungen.

Torzh erzählte von Ban'daar, von den besseren und schlechteren Vierteln der Stadt, von Geschäften, die man besser persönlich als über Mittelsmänner abschloss, und irgendwann auch von Swoop-Rennen, bei denen er offenbar weit mehr Credits verloren hatte, als er vor einem neuen Bekannten eigentlich zugeben wollte. Lucien wiederum erzählte von Aurentis, vom gesellschaftlichen Leben Arkaniens, einigen seiner Reisen und jenen Dingen, die ihm an Truuine bislang gefielen oder noch immer vollkommen fremd erschienen. Mit jedem weiteren Glas wurde das Gespräch lockerer, bis die ungewöhnlichen Ereignisse ihres Kennenlernens irgendwann kaum noch eine Rolle spielten und beide bereits miteinander scherzten, als hätten sie sich nicht erst am Vorabend an einem Sabacc-Tisch kennengelernt.

Beim inzwischen dritten oder vierten Getränk vibrierte Luciens Datenpad.
Er zog es hervor, überflog die eingegangene Nachricht und richtete sich etwas auf.
Die Verwaltung hatte die Daten geliefert.

Neben einer Zusammenfassung des Gespräches enthielt die Nachricht erste Bedarfsdaten, technische Anforderungen und jene Informationen, die Truuine benötigte, um zumindest eine vorläufige Kalkulation beider besprochenen Varianten vorzunehmen.
„Einen Moment.“, sagte Lucien zu Torzh und stellte sein Glas beiseite. „Ich sollte zumindest so tun, als würde ich zwischendurch noch arbeiten.“


Torzh schnaubte amüsiert und wandte sich seinem Getränk zu, während Lucien das Datenpad vor sich legte und einen Bericht an Gouverneur Solaris aufsetzte.

Er hielt sich dabei erstaunlich nahe an den tatsächlichen Ereignissen.

Seine ursprüngliche Vorsprache bei der conischen Verwaltung hatte zunächst lediglich einen regulären Gesprächstermin innerhalb der kommenden ein bis zwei Wochen ergeben, durch diplomatisches Nachfassen hatte dieser Zeitraum bereits deutlich verkürzt werden können. Mithilfe kurzfristig geknüpfter lokaler Kontakte, die innerhalb der Geschäftswelt Ban'daars über erheblichen Einfluss verfügten, war es schließlich gelungen, bereits am heutigen Tag ein ausführliches Gespräch mit den zuständigen Stellen zu führen.

Wie genau er diese Kontakte geknüpft hatte, erschien Lucien für den offiziellen Bericht erstaunlich irrelevant.

Stattdessen fasste er die Ergebnisse zusammen und fügte die übermittelten Unterlagen bei. Cona hatte grundsätzliches Interesse an einer zusätzlichen Versorgung mit Wasser beziehungsweise gefördertem Eis von Kyyne signalisiert und war bereit, beide Varianten weiter prüfen zu lassen. Für die erste sollte Truuine kalkulieren, zu welchen Bedingungen aufbereitetes und für die conische Versorgung unmittelbar nutzbares Wasser geliefert werden konnte. Die zweite sah den möglichst kostengünstigen Abbau und Transport weitgehend unverarbeiteten Eises vor, dessen weitere Aufbereitung anschließend auf Cona erfolgen würde.

Lucien bat darum, die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten beider Modelle auf Truuine prüfen zu lassen und auf Grundlage der beigefügten Bedarfsdaten ein vorläufiges Angebot beziehungsweise zumindest eine erste belastbare Kostenschätzung auszuarbeiten und an die Verwaltung Conas zu schicken.

Er las den Bericht noch einmal durch, korrigierte zwei Formulierungen und schickte ihn schließlich ab.
Damit war seine Arbeit für den Augenblick tatsächlich erledigt.
Lucien legte das Datenpad wieder auf den Tresen und griff nach seinem Glas.


„So.“, sagte er zufrieden. „Jetzt darf die Regierung wieder arbeiten.“

Torzh betrachtete ihn amüsiert.
„Und was kommt danach?“, fragte der Kiffar. „Was ist dein nächstes großes diplomatisches Ziel?“
Lucien hielt mit dem Glas kurz vor seinen Lippen inne.
„Keine Ahnung.“, antwortete er schließlich und nahm einen Schluck.
Torzh runzelte die Stirn. „Keine Ahnung?“

„Das hier ist mein erster Auftrag.“,
erklärte Lucien beiläufig und nahm einen Schluck.
Torzh verschluckte sich beinahe an seinem Getränk.
Er stellte das Glas ab und sah Lucien ungläubig an.
„Dein erster Auftrag?“, wiederholte er. „Ich dachte, du ziehst schon länger als irgendein Sondergesandter durch die Galaxis.“

Lucien begann zu lachen.
„Nein.“, erwiderte er und lehnte sich zurück. „Vor einigen Tagen wusste ich noch nicht einmal, dass ich Sondergesandter werden würde.“
Torzh musterte ihn einige Sekunden, als müsse er seine bisherige Einschätzung seines Gegenübers noch einmal vollständig neu ordnen.
„Wie zum Teufel kommt man dann zu so einem Posten?“, fragte er schließlich.
Lucien drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern.
„Sagen wir einfach, das Haus Velcrest steht der Verwaltung von Truuine ziemlich nahe.“, erklärte er mit einem kleinen Lächeln.
Mehr musste Torzh vorerst nicht wissen.

Lucien erzählte ihm stattdessen in groben Zügen, dass es innerhalb seiner Familie zuletzt einige Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte und sein Vater zu der Auffassung gelangt war, etwas Entfernung von Arkania, Verantwortung und eine sinnvolle Beschäftigung könnten seinem jüngeren Sohn nicht schaden. So war Lucien nach Truuine gekommen, und kaum dort angekommen hatte sich aus der ursprünglich angedachten persönlichen Lektion überraschend schnell eine tatsächliche Aufgabe entwickelt.

Ob daraus mehr werden würde, wusste er selbst noch nicht. Cona war sein erster Versuch.
Torzh hörte ihm eine Weile schweigend zu und nahm schließlich sein Glas wieder in die Hand.
„Für deinen ersten Versuch hast du hier zumindest ordentlich Eindruck hinterlassen das muss man dir lassen.“, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen.

Lucien hob zufrieden sein Glas.
„Das nehme ich jetzt einfach als Kompliment.“, antwortete er.
Torzh schüttelte grinsend den Kopf, während Lucien lachte und mit ihm anstieß. Und beide wussten das dies heute definitiv nicht das letzte Glas sein würde.


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