Kolonie-Planet 1

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Versios Büro] Garrick Versio

Als sich die Tür seines Büros hinter ihm verriegelte, blieb Garrick Versio für einen Moment regungslos stehen. Das Summen der Beleuchtung, das leise Klicken der Klimaanlage und die entfernten Schritte eines Wachpostens auf dem Korridor waren die einzigen Geräusche, welche die Ruhe des militärischen Bereiches durchbrachen. Er legte das Datenpad auf den Schreibtisch, zog langsam die Handschuhe aus und warf einen kurzen Blick aus dem schmalen Fenster hinaus in die künstlich beleuchtete Nacht des Administrationssektors. Selbst jetzt, zu einer Stunde, in der auf den Kernwelten längst die wichtigsten Büros leer gewesen wären, arbeitete die Kolonie weiter. Lastengleiter bewegten Material zwischen den Hallen, Schichten wurden gewechselt, Wachmannschaften marschierten ihre Routen. KP-1 war noch jung, roh und unvollständig, doch sie lebte. Gerade deshalb war sie verwundbar. Versio setzte sich, rief die Übersichten der einzelnen Sektionen auf und las sie mit derselben nüchternen Aufmerksamkeit, mit der andere Männer vielleicht ein Spielbrett oder ein Kunstwerk betrachtet hätten. Sensorik, Taktik, Maschinenraum, Versorgung, Rekrutierungsstelle, planetare Orbitalabwehr. Nichts davon war katastrophal, aber fast alles war unzureichend, wenn man es nicht an dem maß, was die Kolonie gestern gewesen war, sondern an dem, was sie morgen werden sollte. Zwei Verteidigungssatelliten, mehrere Sensorikplattformen, die Victory als einziges wirklich kampffähiges Schiff im System und ein wachsender Strom ziviler und halbprivater Transporte. Das war kein Verteidigungskonzept, das war eine Zwischenlösung. Er tippte einige Anmerkungen in sein Pad, strukturierte sie in die Ordnung, die er am nächsten Mittag mit seinen Offizieren besprechen wollte, und hielt dann inne, als ein Bericht des Kommunikationsdienstes eingeblendet wurde. Zwei Konvoianfragen aus dem inneren System, dazu ein Ersuchen der Fourb-Gruppe nach zusätzlicher Sensorpriorisierung entlang einer Transportroute zu einer ihrer Anlagen. Versio verzog kaum sichtbar den Mund. Von Bühl verstand es, Forderungen stets so zu formulieren, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit im Interesse des Imperiums. Vielleicht war es das sogar. Vielleicht aber auch nur im Interesse der Fourb-Gruppe. In einer Kolonie wie dieser waren wirtschaftliche Notwendigkeit und politischer Einfluss niemals sauber voneinander zu trennen.Er öffnete die Akte der Gouverneurin und legte sie neben die Planungen der Flotte. Viola Winters dachte in klaren Linien und harten Prioritäten. Das schätzte er an ihr, auch wenn es die Zusammenarbeit nicht immer leichter machte. Winters wollte Ordnung, Geschwindigkeit und sichtbare Resultate. Sie akzeptierte keine Verzögerungen, keine Unklarheiten, keine Schwäche. In den Grundzügen entsprach das durchaus seinem eigenen Verständnis von Dienst, doch es bedeutete ebenso, dass jeder Vorschlag, den er ihr unterbreitete, bereits ausformuliert, begründet und praktisch umsetzbar sein musste. Für theoretische Erörterungen gab es in dieser Kolonie keinen Raum. Ein Summer an der Tür unterbrach seine Gedanken.

„Herein.“
Der diensthabende Unteroffizier trat ein, salutierte knapp und hielt ein versiegeltes Datacard-Gehäuse in beiden Händen. „Sir, eine Prioritätsnachricht von der Victory. Lieutenant Commander Sloane ließ ausrichten, dass sie zwar keine sofortige Entscheidung erfordert, aber noch heute Ihre Kenntnisnahme.“
Versio nahm die Karte entgegen. „Gut. Rühren.“

Der Unteroffizier verschwand, und wenige Sekunden später erschien auf dem Projektor über dem Tisch das Gesicht seiner XO in sachlicher Aufzeichnung. Rea Sloane stand auf der Brücke, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung straff.
„Sir, ich habe die Rundgänge abgeschlossen. Die Moral der Mannschaft ist stabil, der Landgang zeigt Wirkung. Im Maschinenraum gibt es keine kritischen Ausfälle, Lieutenant Gray bittet jedoch um Priorität für zusätzliche Ersatzteile an den Schildemittern. Zudem habe ich die beiden Rekruten, die der Wachbrücke zugeteilt wurden, in den regulären Beobachtungsdienst eingewiesen. Beide wirken brauchbar, aber unerfahren. Ferner hat die Sensorik erneut schwache Kontakte an der äußeren Systemgrenze erfasst. Kein eindeutiges Bedrohungsprofil, keine aktive Annäherung. Ich habe Beobachtung befohlen und die Alarmbereitschaft der Jäger unangetastet gelassen.“
Das Bild erlosch. Versio stützte die Ellbogen auf den Tisch und dachte nach. Wieder Sensorflecken. Wieder Dinge, die noch nicht gefährlich genug waren, um sofort zu handeln, aber lästig genug, um sich im Kopf festzusetzen. Der unbekannte Raum verzieh keine Nachlässigkeit; und Piraten, Kundschafter oder opportunistische Händler rochen Schwäche meist eher, als Sensoren sie erfassen konnten. Er stellte ein neues Dokument zusammen und überschrieb es mit einer kurzen, nüchternen Zeile: Maßnahmenkatalog Sicherung Koonie. Darunter ordnete er Punkt für Punkt an: Ausbau der Orbitalverteidigung. Rotationsplan für Konvoischutz. Ausbildung von Nachwuchspersonal an Bord der Victory. Besetzung zukünftiger Versorgungsplattform. Klärung der Zuständigkeiten zwischen Gouverneurin, Armee und Flotte im Krisenfall. Abstimmung mit Fourb über Sicherheitsleistungen für Unternehmensanlagen. Kein schöner Text, kein politisches Papier. Ein Werkzeug.
Dann ließ er sich die Personalakten jener Kadetten und Rekruten anzeigen, welche in der Kolonie bereits registriert waren und für eine spätere Offizierslaufbahn in Frage kamen. Die Kolonie besaß nun ein Rekrutierungsbüro, doch Rekrutierung allein schuf keinen brauchbaren Offizier. Wer Raumverteidigung in einem Grenzraum kommandieren wollte, brauchte Disziplin, Nerven und die Fähigkeit, auf unvollständige Informationen zu reagieren, ohne dabei die Ordnung zu verlieren. Versio machte sich zu drei Namen Notizen und schob die Datensätze in einen separaten Ordner. Er arbeitete noch fast eine Stunde weiter, bis die erste Fassung seiner Lageeinschätzung stand. Danach erhob er sich, ging zum Fenster und sah erneut hinaus. In der Ferne blinkten die Lichter der Landeplattformen, darüber, kaum sichtbar, der dunkle Himmel, in dem die Victory wie ein stummer Wächter im Orbit lag. Dieses System war klein. Es war unfertig. Es war in den Augen der Oberkommandos vermutlich entbehrlich. Aber es war ihm unterstellt, und das genügte.

Versio aktivierte das Interkom. „Verbindung zur Victory. Lieutenant Commander Sloane.“

Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann erklang ihre Stimme. „Sloane.“

„Morgen beginnen wir nicht nur mit der Besprechung“
, sagte er ruhig. „Stellen Sie zusätzlich für die nächsten Tage ein Ausbildungsprogramm für vier Kadettenanwärter zusammen. Brücke, Sensorik, Gefechtsstand und Schadensabwehr. Ich will Reserven aufbauen, bevor wir sie brauchen.“
„Jawohl, Sir.“
„Und lassen Sie die Sensorik die schwachen Kontakte weiterverfolgen. Ohne Provokation, aber ohne Nachlässigkeit.“
„Bereits veranlasst.“
„Sehr gut.“


Er beendete die Verbindung, zog die Uniformjacke wieder glatt und sammelte seine Unterlagen ein. Morgen würde er Forderungen stellen müssen, Kompromisse ablehnen, Zuständigkeiten festnageln und vielleicht auch neue Feinde benennen, bevor diese überhaupt den Mut hatten, sich offen zu zeigen. Doch genau dafür war er hier.Mit einem letzten Blick auf das gedimmte Büro löschte Garrick Versio die Projektionen und verließ den Raum.

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Gang] Garrick Versio
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Lagezentrum] Garrick Versio, Rea Sloane, Leighton Bennett, Brody Gray, Elliot Michell, Harrison Armstrong, weitere leitende Offiziere

Am nächsten Mittag war der Besprechungsraum des militärischen Lagezentrums bis auf den letzten Platz, mit den leitenden Offizieren der Victory, gefüllt. Ein langer Tisch aus dunklem Metall dominierte den Raum, darüber schwebte bereits das Hologramm des Systems: die blasse Sonne, die markierte Umlaufbahn von KP-1, die beiden Verteidigungssatelliten, die Sensorsatelitten, das Provisorischeraumdock und die Position der Victory. Garrick Versio wartete, bis auch der letzte Offizier eingetroffen war, bevor er sich langsam vom Kopf des Tisches erhob. Seine Hände lagen hinter seinem Rücken, die Haltung gerade, die Miene so ruhig, dass sie fast kühl wirkte.

„Meine Herren. Lieutenant Commander Sloane“

begann Versio ohne jede Einleitung

„Wir verschwenden keine Zeit. Diese Besprechung dient nicht der Höflichkeit, sondern der Feststellung eines Problems und der Umsetzung seiner Lösung.“

Ein kurzes Nicken seiner XO genügte, und die Anzeige wechselte zu einer Zusammenstellung von Meldungen, die jeder im Raum bereits kannte, aber nun in ihrer Gesamtheit sehen musste. Zivile Verkehrszahlen stiegen. Die Zahl der Materialtransporte nahm zu. Die Fourb-Gruppe und weitere Investoren weiteten ihre Aktivitäten aus. Sensorische Auffälligkeiten an der Systemgrenze hatten zugenommen. Gleichzeitig verfügte die Kolonie trotz aller Fortschritte weiterhin nur über eine begrenzte militärische Präsenz. Versio tippte auf den Projektor. Sofort erschien die Victory in hervorgehobener Darstellung.

„Aktuell ist dieses Schiff die einzige echte Reaktionsreserve der Kolonie. Das ist keine Stärke. Das ist ein Risiko. Solange wir das nicht ändern können, müssen wir unsere Abläufe so disziplinieren, dass aus einem einzelnen Schiff ein belastbares Verteidigungsinstrument wird.“

Leighton Bennett räusperte sich leicht.

„Sir, wenn ich einwerfen darf: Unsere Feuerkraft reicht gegen verschiedenste Arten von kleineren Verbänden, bewaffnete Transporter oder Gruppen von Verbrechern ohne schwere Unterstützung aus. Das Problem ist nicht die einzelne Gefechtslage, sondern die Fläche. Wir können nicht gleichzeitig Konvois absichern, den Orbit halten und auf einen Notruf außerhalb der unmittelbaren Umgebung reagieren.“

„Korrekt“


erwiederte Versio knapp.

„Und genau deshalb ändern wir nicht die Realität, sondern unseren Umgang mit ihr.“

Er ließ eine neue Grafik einblenden: Alarmketten, Einsatzsektoren, Prioritäten. Der amtierende Kommandant der Bodentruppen der Victory, Major Armstrong, erhielt die Zuständigkeit für abgestufte Bereitschaftsmaßnahmen in der Kolonie. Lieutenant Gray sollte eine Liste mit allen technischen Engpässen ausarbeiten, die bei längeren Alarmflüge der Victory kritisch werden könnten.Lieutenant Commander Bennett bekam den Auftrag, Abfangprotokolle für unidentifizierte Kontakte zu standardisieren. Sloane würde die Schichtpläne der Brücke so anpassen, dass jederzeit erfahrenes Personal auf den Schlüsselpositionen saß. Einer der jüngeren Navigationsoffiziere meldete sich zu Wort.

„Sir, rechnen Sie mit einem unmittelbaren Angriff?“

Versio sah ihn so lange an, bis der Mann die Schultern unmerklich straffte.

„Ich rechne mit der typischen Schwäche krimineller Elemente“

antwortete er dann trocken.

„Sie greifen dort an, wo sie Unordnung vermuten, nicht dort, wo sie Widerstand erwarten. Unsere Aufgabe ist es daher, jede relevante Annäherung als Fehler erscheinen zu lassen.“

Ein leises, zustimmendes Murmeln ging durch den Raum. Sloane blendete daraufhin die Konvoirouten ein, insbesondere jene, die innerhalb des Systems zur Fourb-Anlage und zu den provisorischen Außenposten führten. Mehrere Linien waren markiert, an einigen blinken kleine Warnsymbole.

„Wir haben hier drei Routen mit erhöhtem Risiko. Nicht weil bereits Angriffe erfolgt wären, sondern weil die Wege lang genug sind, um durch bloße Präsenz verunsichert zu werden. Sensorik ist dort unvollständig. Zudem gehen wir davon aus, dass Transporte oft zu geregelten Zeiten aufbrechen, was Muster erzeugt.“
„Dann durchbrechen wir diese Muster, Abfahrtszeiten variieren. Kommunikationsdisziplin wird verschärft. Jeder zivile Konvoi, der imperiale Begleitung fordert, hat sich den militärischen Vorgaben zu unterwerfen. Keine Ausnahmen wegen wirtschaftlicher Bequemlichkeit.“


Gray hob kurz das Kinn.

„Die Fourb-Leute werden darüber nicht erfreut sein.“
„Sie müssen nicht erfreut sein, sie müssen lediglich gehorchen, solange sie imperialen Schutz beanspruchen.“


Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Dann legte Versio die Hände auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorn.

„Es gibt einen zweiten Punkt. Personalaufbau. Wir haben mit dem Rekrutierungsbüro erstmals die Möglichkeit, Nachwuchs vor Ort zu sichten. Ich werde vier Kadettenanwärter über mehrere Tage an Bord der Victory ausbilden lassen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil diese Kolonie in naher Zukunft entweder mehr Verantwortung oder mehr Personal erhalten wird. In beiden Fällen brauchen wir Leute, die nicht erst dann lernen, wenn die Schüsse fallen.“

Sloane bestätigte das mit einem knappen Nicken. Bennett schien interessiert, Michell eher skeptisch.

„Sir, Kadetten sind an Bord in Alarmzeiten auch ein Sicherheitsrisiko.“
„Dann sorgen wir dafür, dass aus Sicherheitsrisiken brauchbare Offiziere werden, in kontrollierten Abläufen. Ohne jede Nachsicht bei Fehlern.“


Niemand widersprach. Es war genau die Art von Satz, bei der jeder wusste, dass weitere Einwände nicht erwünscht waren. Im zweiten Teil der Besprechung wurden Details festgelegt. Welche Abteilungen im Notfall welchen Abschnitt des Planeten priorisieren sollten. Wie schnell Landungsschiffe bemannt werden konnten. In welchem Rahmen die Bodentruppen von Colonel Vogelberg eingebunden wurden, ohne dass die Flotte in planetare Routineaufgaben abglitt. Versio notierte mehrere Punkte, die mit der Gouverneurin abgestimmt werden mussten. Besonders die Finanzierung zusätzlicher Plattformen und Satelliten würde nicht allein über das Militär zu lösen sein. Als die wichtigsten Beschlüsse gefallen waren, stand er wieder auf.

„Sie erhalten bis Morgen früh Zeit die schriftlichen Anordnungen fertigzustellen. Ab sofort gilt: Keine Meldung über Unbekanntkontakte bleibt unbearbeitet. Keine Route wird aus Gewohnheit genutzt und kein Offizier in diesem Raum verwechselt die relative Ruhe im System mit Sicherheit.“

Er sah in die Runde, langsam und kontrolliert.

„KP-1 ist kein Paradeprojekt im Kern der Zivilisation. Es ist ein Vorposten, den wir ausbauen wollen. Genau deshalb wird man uns prüfen. Durch Zufall, durch Gier oder durch Kalkül. Ich beabsichtige nicht, jemanden lernen zu lassen, dass diese Kolonie leicht zu übernehmen ist.“

Mit einer knappen Geste entließ er die Offiziere. Stühle rückten, Datenpads wurden aufgenommen, kurze Saluts wurden ausgetauscht. Nur Sloane blieb noch einen Moment.

„Die Gouverneurin?“
„Morgen und danach von Bühl. Beide müssen verstehen, dass Schutz kein dekorativer Begriff ist.“
„Und wenn sie das nicht wollen?“


Versio nahm sein Datapad.

„Dann werden sie es dennoch akzeptieren müssen.“

Damit verließ er den Raum, während hinter ihm bereits die ersten Offiziere damit begannen, seine Anordnungen in Arbeitsabläufe zu übersetzen.

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Administrationssektor | Militärischer Bereich | Lagezentrum] Garrick Versio, Rea Sloane
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Orbit KP-1 | ACC Victory | Brücke] Garrick Versio, Rea Sloane, Kadetten, Brückencrew

Nachdem Versio die Gouverneurin und Herrn von Bühl auf den aktuellen Stand gebracht, die Lage erklärt und die nächsten Schritte umrissen hatte, setzte er wieder auf die Victory über. Auf der Brücke herrschte das wohlbekannte, kontrollierte Durcheinander einer Wachablösung: kurze Befehle, bestätigte Meldungen, ein Wechsel aus Bewegung und Routine. In einem ruhigeren Abschnitt standen etwa ein halbes Dutzend Personen in Uniform – jedoch ohne Rangabzeichen. Kadetten, die die kommende Zeit an Bord lernen sollten. Versio winkte seine XO heran und trat mit ihr zu der Gruppe.

„Achtung!“

Die Kadetten blickten einen Moment irritiert über die Brücke, als müssten sie erst verarbeiten, wo sie überhaupt standen. Dann formierten sie sich hastig in einer Reihe vor Versio und Sloane. Versio strich sich kurz über die Stirn und warf Sloane einen Seitenblick zu. „Hat denn keiner von ihnen die Grundausbildung abgeschlossen?”
Sloane blieb äußerlich ruhig. „In Zukunft wird das schneller gehen, Commander.“
Versio trat einen Schritt vor, ließ den Blick über die Reihe wandern und sprach dann klar und mit einer gewissen Strenge, wie man es auf einer Brücke tat und auch gewohnt war.

„Kadetten. Ich heiße Sie an Bord des Acclamator-Kreuzers Victory willkommen. Sie haben für die nächsten Wochen das Privileg, hier zu lernen und zu dienen. Sie werden an Bord schlafen, arbeiten und die Abläufe einer aktiven Einheit kennenlernen nicht aus Lehrbüchern, sondern im Betrieb.“

Er machte eine kurze Pause, um sicherzugehen, dass jedes Wort ankam.

„Jeder von Ihnen hat mindestens eine Empfehlung Ihrer Ausbilder erhalten. Enttäuschen Sie diese Erwartung nicht. Sie stellen sich jetzt der Reihe nach vor: Name, beabsichtigte Laufbahn innerhalb der Flotte und Ihre Spezialisierung. Anschließend werden Sie Sektionen zugewiesen und in einem von uns festgelegten Rhythmus rotieren.“

Versio nickte leicht in Richtung der Brückenoffiziere.

„Jeder Offizier auf dieser Brücke kann Fragen beantworten und Ihnen helfen – aber verwechseln Sie Hilfe nicht mit Nachsicht. Hauptverantwortlich sind Lieutenant Commander Sloane und ich. Wir werden Sie beurteilen und, wo nötig, unterrichten und militärisch Erziehen.“

Einer nach dem anderen trat vor, nannte Namen, Ziele und Fachrichtungen. Sloane teilte sie danach den zuständigen Sektionsoffizieren zu. Die ersten Tage würden die Kadetten vor allem beobachten, Abläufe kennenlernen und punktuell unterstützen, ebenfalls werden sie lernen, wie sich Disziplin anfühlte, wenn sie nicht nur gefordert, sondern gebraucht wurde. Der Unterricht hingegen, den Sloane und Versio übernehmen würden, war weniger freundlich: Analyse realer Gefechte, Entscheidungsfindung unter Druck, Führung ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Einige dieser Kadetten würden später vielleicht nicht weiter kommen als bis zur Leitung einer Sektion. Aber bei dem ein oder anderen war etwas Potenzial für ein Kommando. Nachdem die Kadetten an ihre jeweiligen Offiziere übergeben worden waren, trat Sloane wieder zu Versio an das Sichtfenster an der Spitze der Brücke. Draußen lag KP-1 im Halbdunkel, eingerahmt vom kalten Glimmen der Anzeigen.

„Das wird einiges an Arbeit und wir sind mit ihnen an Bord nicht mehr ganz so beweglich.“
„Das wussten wir, bevor sie hier waren, aber je früher wir unser künftiges Personal formen, desto eher lenken wir sie in die Bahnen, die wir brauchen.“


Sloane nickte knapp.

„Das stimmt.“

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Orbit KP-1 | ACC Victory | Brücke] Garrick Versio, Rea Sloane, Brückencrew, Kadetten
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie Planet 1 | Militärischer Sperrbereich | ACC „Victory“ | Besprechungsraum 2] Garrick Versio, Kadetten der Kolonie, Rea Sloane, Diensthabende Unteroffiziere

Als Garrick Versio am nächsten Morgen, um 0500 Bordzeit, den Unterrichtsraum betrat, verstummte das leise Murmeln augenblicklich. Es war kein großer Saal, sondern ein funktional gehaltener Raum des Schiffes, mit grauen Wänden, einer fest installierten Holoprojektionsfläche und zwei Reihen sauber ausgerichteter Sitze. Die Kadetten, die erst vor kurzem über das Rekrutierungsbüro der Kolonie der Flotte zugewiesen worden waren, saßen bereits aufrecht an ihren Plätzen und bemühten sich um jene Form von Haltung, die noch nicht aus Erfahrung, sondern aus Anspannung entstand. Für Versio war das nicht überraschend. Die meisten von ihnen hatten bisher nur die Vorstellung vom Dienst auf einem Kriegsschiff gekannt, nicht aber dessen Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit war selten glanzvoll. Sie bestand aus Disziplin, Wiederholung, Verantwortlichkeit und aus einer Kette von Entscheidungen, die im Ernstfall über das Leben hunderter Menschen entschied. Versio blieb vor der Projektionsfläche stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah die junge Gruppe einen Moment lang schweigend an. Gerade dieses Schweigen zwang sie dazu, stillzuhalten. Manche Offiziere begannen Unterricht damit, sich vorzustellen, ihre Laufbahn zu erwähnen oder die Bedeutung der Einheit zu beschwören. Versio hielt wenig davon. Ein Offizier musste sich nicht durch Ausschmückungen legitimieren. Seine Haltung, seine Sprache und die Präzision seines Auftretens mussten genügen.

„Sie befinden sich an Bord der ACC Victory. Dieses Schiff ist der Kern der gegenwärtigen imperialen Sicherung von Kolonie Planet 1. Solange das System weder über ausreichende Plattformen noch über eine zahlenmäßig angemessene Flotte verfügt, wird die Verantwortung für Ordnung, Abschreckung und schnelle Reaktion in erster Linie auf diesem Kreuzer liegen.“

Er sprach nicht laut. Gerade deshalb lauschte jeder im Raum. Hinter ihm erschien die schematische Darstellung der Victory über dem Holotisch: die langgezogene Rumpfform, die Hauptsektionen, die Hangarbereiche, die Brücke, die Maschinenräume und die inneren Sicherheitsachsen. Neben dem Schiff wurde das Orbitalschema von KP-1 eingeblendet, mitsamt den vorhandenen Sensor- und Verteidigungssatelliten, den Versorgungskorridoren und der provisorischen Werft, welche mehr ein einfaches Raumdock zum betanken und um einfache Reparaturen vor zu nehmen ist. Es war ein System im Aufbau, keines im Gleichgewicht. Versio wollte, dass die Kadetten das von Beginn an verstanden.

„Viele von Ihnen werden den Fehler begehen, ein Schiff wie dieses zunächst über seine Bewaffnung zu definieren. Das ist die Denkweise eines Außenstehenden. Die Waffen der Victory sind ein Werkzeug. Nicht ihr Wesen. Dieses Schiff erfüllt seine Aufgabe nur, wenn jeder Bereich – Brücke, Taktik, Sensorik, Kommunikation, Sicherheit, Technik und Flugbetrieb – als Teil derselben Ordnung arbeitet.“

Er ließ den Blick von Gesicht zu Gesicht wandern. Zwei Kadetten hielten ihm stand, drei wichen unmerklich aus, einer wirkte, als wolle er unbedingt jede Silbe mitschreiben und keine verpassen. Auch das registrierte Versio. Jedes Verhalten in den ersten Minuten sagte etwas aus.

„Sie sind nicht hier, um Eindruck zu machen, Sie sind hier, um belastbar zu werden. Wer auf einem Schiff der Flotte dienen will, muss lernen, unvollständige Informationen zu verarbeiten, unter Zeitdruck zu handeln und Befehle nicht bloß zu hören, sondern in ihrer Funktion zu verstehen. Ein unüberlegter Eifer ist ebenso wertlos wie Zaghaftigkeit.“

Am Rand des Raumes stand Rea Sloane, seine Erste Offizierin, mit einem Datenpad in der Hand. Sie sagte nichts. Sie musste es auch nicht. Ihre bloße Anwesenheit machte deutlich, dass dies kein symbolischer Begrüßungstermin war, sondern der Beginn einer tatsächlichen Ausbildung. Versio hatte die Kadetten nicht aus dekorativen Gründen an Bord genommen. Die Kolonie würde früher oder später weiteres Personal benötigen. Die geplante Versorgungseinrichtung, das wachsende Satellitennetz und jede denkbare Verstärkung des Systems bedeuteten zusätzlichen Bedarf an verlässlichen Offizieren. Nachwuchs musste also früh geprüft und geformt werden. Die Projektion wechselte. Nun war ein Schnittbild der Brücke zu sehen, daneben die Darstellung eines typischen Alarmablaufs. Versio erläuterte nicht jedes technische Detail, sondern die Logik dahinter. Ein Schiff im Grenzraum, konnte nicht darauf vertrauen, stets rechtzeitig Unterstützung zu erhalten. Die Victory war schnell, atmosphärentauglich und in ihrer Form war vielseitig genug, um Konvoischutz, Abfangen, Orbitalüberwachung und Truppentransport zu vereinen. Genau das machte sie für KP-1 so wertvoll – und zugleich so unersetzlich. Wenn dieses Schiff versagte, gab es im System keinen zweiten gleichwertigen Pfeiler.

„Merken Sie sich deshalb eines: Auf einem Schiff wie diesem ist Nachlässigkeit keine private Schwäche. Sie ist ein Sicherheitsrisiko. Jeder unpräzise Bericht, jede falsch verstandene Anweisung und jede Nachlässigkeit in der Durchführung setzt nicht nur Sie selbst, sondern das gesamte Gefüge dieses Schiffes herab.“

Die Worte trafen. Einige der Kadetten saßen nun noch gerader, als hätten sie erst in diesem Moment begriffen, dass der Dienst auf der Victory nicht die Fortsetzung einer Akademie, sondern der Eintritt in eine belastbare Befehlskette war. Versio ließ die Projektion auf das Orbitalschema von KP-1 zurückspringen.

„Die Kolonie wächst. Mit ihr wachsen ihre Anfälligkeiten. Versorgungsschiffe, zivile Transporte, Materialbewegungen und äußere Kontakte schaffen Angriffsflächen. Ihre Ausbildung beginnt deshalb nicht mit Heldengeschichten, sondern mit Ordnung. Wer Ordnung beherrscht, kann im Ernstfall bestehen. Wer sie missachtet, wird nie Verantwortung tragen.“

Er unterbrach sich kurz. Das Schweigen danach war bewusst gesetzt.

„Dies ist Ihr Einführungsunterricht, Sie haben einen groben Überblick über die Victory und ihre Abläufe erhalten, das heißt für Sie, ab dem heutigen Dienstantritt werden Sie beobachten, auswerten, mitarbeiten und geprüft werden. Sie werden sich Ihre Position nicht dadurch verdienen, dass Sie ehrgeizig wirken. Sondern dadurch, dass Sie zuverlässig sind.“

Niemand stellte auch eine Frage, Versio hatte damit gerechnet, zumindest für den Augenblick war das gut. Fragen würden später kommen, sobald die Kadetten verstanden hatten, dass sich der Dienst nicht in Worten, sondern in Abläufen maß. Er nickte Sloane kurz zu, wandte sich wieder der Gruppe zu und entließ sie nicht sofort. Erst nachdem jeder einzelne seinen Blick noch einmal erwidert hatte, gab er den knappen Befehl zum Aufstehen. Die verschiedenen Sektionsunteroffoffiziere traten im Anschluss zu den ihnen zugewiesenen Kadetten und händigten ihnen ihre Dienstpläne und Unterrichtsmaterialien aus, ebenfalls erhielt jeder der Kadetten einen Codezylinder, damit dieser den neuen Tätigkeiten nachkommen konnte.

[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie Planet 1 | Militärischer Sperrbereich | ACC „Victory“ | Besprechungsraum 2] Garrick Versio, Kadetten der Kolonie, Rea Sloane, Diensthabende Unteroffiziere
 
// Outer Rim Territorien /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten /\ Landeplattform /\ Turrow, Syren, Besatzung, Arbeiter \\​

Der Regen setzte ein, noch bevor die Wayward Mynock vollständig auf der Landeplattform aufgesetzt hatte. Nicht der dünne, schmutzige Niederschlag Nar Shaddaas, der Ruß und Abgase aus der Luft wusch und anschließend als schwarze Brühe von den Dächern tropfte. Dieser Regen kam mit solcher Gewalt vom Himmel, dass er innerhalb weniger Augenblicke das Sichtfeld vor den geöffneten Frachttoren in eine graue Wand verwandelte. Turrow stand an der Rampe und sog die feuchte Luft tief durch die Nase. Wasser, Erde, moderndes Holz, Pflanzen, unzählige Pflanzen. Dazwischen Treibstoff, heißes Metall, Schweiß und die öligen Ausdünstungen schwerer Maschinen. Und darunter etwas anderes, Leben. So viel davon, dass es beinahe schwierig war, die einzelnen Gerüche auseinanderzuhalten. Das gefiel ihm.

Hinter den provisorischen Gebäuden und den hohen Schutzwällen des Außenpostens begann der Dschungel. Eine Wand aus gewaltigen Bäumen, Farnen, Lianen und Pflanzen, deren Blätter größer waren als manche Humanoiden. Nebel hing zwischen den Kronen und irgendwo jenseits der ersten Baumreihen erklang ein tiefes, langgezogenes Brüllen. Turrow hob leicht den Kopf. Ein zweiter Laut antwortete weit entfernt, seine Lefzen verzogen sich zu einem Grinsen. KP-1. Kolonieplanet Eins. Vielleicht war der Name doch nicht das Dümmste an dieser Welt. Hinter ihm begann es wieder im dritten Käfig zu schlagen. Ein Arbeiter, der gerade mit einem Repulsorschlitten die Rampe hinaufkommen wollte, blieb stehen und sah zu dem vibrierenden Transportbehälter. Dann zu Turrow. Dann wieder zu dem Käfig.
„Was ist da drin?“ Turrow zuckte mit den Schultern. Der Arbeiter wartete, der Wookiee wartete ebenfalls. Schließlich erklang die Stimme von Syren an seinem Quergurt.„Die Frachtpapiere bezeichnen den Inhalt lediglich als lebendes biologisches Material.“ Ein dumpfer Schlag ließ den Käfig erneut erzittern, der Arbeiter machte einen Schritt zurück. „Und ist es gefährlich?“ Turrow zeigte die Zähne und gab ein kurzes, bellendes Grollen von sich. „Rrraaawwww hrrrmmm.“ Einen Augenblick schwieg Syren. „Mein Meister hält diese Frage für wahrscheinlich überflüssig.“ Der Mann sah noch einmal auf den Käfig und entschied offenbar, dass es keinen Grund gab, dieser Einschätzung zu widersprechen.

Das Ausladen dauerte länger als der Flugbesatzung lieb war. Die Landeplattform bestand zwar aus befestigten Segmenten, doch bereits wenige Meter daneben hatte der Regen den roten Boden in tiefen Schlamm verwandelt. Arbeiter in durchnässter Kleidung bewegten Container, Versorgungskisten, Ersatzteile und Baumaterial zwischen Frachtern und den provisorischen Lagerhallen. Repulsorschlitten summten über die Plattform, Kräne schwangen Bauteile über halbfertige Dächer und von irgendwoher dröhnte ein Generator, der entweder dringend repariert werden musste oder schon immer so geklungen hatte. Der Außenposten wirkte weniger wie eine Siedlung und mehr wie jemandes Versuch, eine Siedlung zu bauen, während der Dschungel gleichzeitig versuchte, sie wieder zu verschlucken. Turrow konnte damit etwas anfangen. Die Pflanzen standen stellenweise unmittelbar hinter den äußeren Barrieren. Ranken hatten sich bereits um Kabelschächte gelegt und an einem der Beobachtungstürme wuchs eine breite, dunkelgrüne Pflanze zwischen zwei Bodenplatten hervor. Wie lange stand dieser Außenposten hier? Nicht lange genug. Der Dschungel war trotzdem schon wieder da, das gefiel dem Wookiee noch mehr.

Beim dritten Käfig weigerten sich zwei Arbeiter schließlich, ihn vom Frachter zu holen. Turrow sah sich das eine Weile an. Einer deutete auf die deformierte Seitenplatte. Der andere schüttelte energisch den Kopf. Ein dritter erklärte ihnen, dass die Fracht abgezeichnet werden müsse, bevor der Kapitän die Plattform wieder verlassen dürfe. Niemand fasste den Käfig an. Turrow schnaubte. Dann hängte er den Bowcaster über die Schulter, packte die Führung des Käfigs und half dabei, das Ding gemeinsam mit dem Repulsorschlitten die Rampe hinunter zu bewegen. Im Inneren wurde es augenblicklich unruhig, etwas kratzte, etwas schnüffelte. Dann kam wieder dieses tiefe Fauchen. Der weiße Wookiee antwortete mit einem leisen Grollen, der Arbeiter neben ihm sah zu ihm herüber.
„Kennst du das Vieh?“ Turrow schüttelte den Kopf. Das schien den Menschen nicht zu beruhigen.

Als die Fracht schließlich übernommen und die entsprechenden Daten bestätigt worden waren, drückte der Kapitän der Wayward Mynock Turrow einen kleinen Credit-Chip in die Pranke. Nicht viel, aber vereinbart. Damit war die Sache für den Wookiee erledigt. Transport und Verpflegung gegen Bewachung. Beide Seiten hatten ihren Teil erfüllt, eine gute Vereinbarung. Der Kapitän deutete über die Plattform hinweg auf die Ansammlung modularer Gebäude hinter dem Lagerbereich.
„Wenn du Arbeit suchst, versuch es beim Verwaltungsgebäude oder unten bei den Handelsständen. Abends eher im Pub. Hier fehlen überall Leute.“

Turrow blickte zu den Gebäuden. Dann zum Dschungel, dann wieder zum Kapitän. Überall Leute fehlten? Das klang ebenfalls gut. Er warf sich seine verbliebene Ausrüstung über, überprüfte den Sitz von Syren an seinem Quergurt und stapfte von der Landeplattform. Der Regen wurde schwächer, hörte aber nicht auf. Wasser rann durch sein Fell und färbte das rostrote Kinnfell dunkler. Der Wookiee störte sich nicht daran. Nach den metallenen Gängen Nar Shaddaas und den engen Decks des Frachters fühlte sich selbst dieser unfertige Außenposten beinahe weitläufig an. Überall wurde gebaut. Eine Reihe modularer Wohncontainer stand bereits, bei zwei weiteren waren Arbeiter noch damit beschäftigt, Dachplatten zu befestigen. Auf einer erhöhten Fläche lagen große Mengen geschnittenen Holzes unter Planen. Weiter hinten waren die hellen Außenwände eines medizinischen Gebäudes zu erkennen. Daneben standen provisorische Labormodule, Werkstätten und Lagerhallen. Über allem ragten Antennen, Scheinwerfer und Beobachtungstürme auf. Imperiale Kennzeichnungen waren ebenso zu sehen wie die Zeichen verschiedener privater Unternehmen. Doch dazwischen gab es Händler, Arbeiter, Forscher, Piloten, Söldner und Glücksritter. Und Wesen, die Turrow nicht sofort einer dieser Gruppen zuordnen konnte. Eine Kolonie war offenbar ein Ort, an dem noch nicht für jedes Wesen entschieden worden war, wo es hingehörte.

Vor dem Verwaltungsgebäude befand sich eine Reihe von Informationsanzeigen. Einige enthielten Baupläne, Warnhinweise und Anweisungen für neu eintreffendes Personal. Andere zeigten Karten, von denen erstaunlich große Bereiche außerhalb des Außenpostens schlicht leer waren. Turrow blieb davor stehen. Der Nadari-Strom zog sich wie eine gewaltige Ader durch die dargestellte Region. Stromaufwärts waren die Akaru-Fälle markiert. Weit im Norden erhob sich das Kharon-Massiv. Dazwischen? Grün, sehr viel Grün und auffällig wenig Linien. Der Wookiee legte den Kopf leicht schief. Karten ohne Wege waren ehrlicher als Karten, die Wege versprachen, wo keine waren. Neben der Karte wechselten verschiedene Meldungen durch. Arbeiter wurden gesucht, Techniker, Piloten, medizinisches Personal und Wesen, die sich mit der Pflanzenwelt dieses Planeten auskannten. Dann erschien eine andere Ausschreibung. Syren begann sie vorzulesen.


„Auftragskennung NAD-SEC-017. Bewaffnete Begleitung für einen Vermessungstrupp gesucht. Tätigkeitsbereich außerhalb der befestigten Koloniezone. Erfahrung im Umgang mit gefährlicher Fauna und unerschlossenem Gelände erwünscht. Interessenten melden sich bei der Expeditionskoordination im Verwaltungsmodul Zwei.“

Turrow betrachtete die Anzeige noch einen Augenblick, bevor sie von der nächsten verdrängt wurde. Diesmal blinkte eine gelbe Warnmarkierung am Rand.

„Auftragskennung NAD-WILD-004. Prämienausschreibung. Mehrere Angriffe auf Arbeiter und Versorgungspersonal im südlichen Bauabschnitt. Gesucht wird das für die Angriffe verantwortliche Raubtier. Identifikation und Beseitigung werden vergütet. Nachweis erforderlich. Interessenten melden sich beim Sicherheitsbüro des Außenpostens.“

Der Wookiee richtete sich etwas auf. Raubtier? Das klang schon besser. Die Anzeige wechselte erneut.

„Auftragskennung NAD-SURV-022. Führer und Sicherheitspersonal für Arbeiten entlang des Nadari-Stroms gesucht. Aufgaben umfassen Orientierung, Erkundung und Begleitschutz von Arbeits- und Versorgungstrupps. Interessenten melden sich beim Logistik- und Expeditionsbüro an der Landeplattform.“

Turrow starrte auf die drei Ausschreibungen, die nun verkleinert nebeneinander am unteren Rand des Displays erschienen. Vermesser beschützen, ein Tier jagen, Leute durch den Dschungel führen. Zumindest auf diesem Planeten schienen Wesen für vernünftige Dinge bezahlt zu werden. Sein Blick blieb an der Ausschreibung für das Raubtier hängen. Mehrere Angriffe, ein unbekanntes Tier, bezahlung für die Jagd. Turrow hob eine Klaue und tippte gegen die entsprechende Anzeige. „Rrrrraaaauuwww. Hrrruuuh?“ Syren schwieg einen kurzen Augenblick. „Ja, Meister. Die angegebene Summe ist tatsächlich eine Bezahlung und nicht lediglich eine Aufwandsentschädigung.“ Turrow brummte zufrieden und sah noch einmal auf die Ausschreibung. Sicherheitsbüro, das konnte er finden. Doch bevor er sich in Bewegung setzte, wanderte sein Blick hinaus zu den gewaltigen Bäumen hinter den Befestigungen.

Etwas schrie dort draußen, ein anderes Wesen antwortete. Der Wookiee sog die feuchte Luft erneut tief durch die Nase. Erde, Wasser, Pflanzen, Tiere. Und irgendwo da draußen wahrscheinlich Blut. Keine Abgase, keine überfüllten Straßen. Keine Hutten, die von Freundschaft faselte, während sie das Eigentum anderer verspielten. Nur ein riesiger Dschungel, von dem kaum jemand wusste, was darin lebte. Turrow verstand nicht, warum das Imperium offenbar beschlossen hatte, dass diese Welt ihm gehörte. Der Dschungel sah jedenfalls nicht so aus, als wäre er darüber informiert worden. Das Problem konnte das Imperium selbst klären. Turrow interessierte etwas anderes. Ein breites Grinsen schob sich in das Gesicht von »Madclaw«. Nar Shaddaa hatte ihn im Sand liegen sehen, KP-1 kannte diese Geschichte nicht. Und dem Dschungel war sie ohnehin egal.


// Outer Rim Territorien /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten /\ Verwaltungsbereich /\ Turrow, Syren, Kolonisten \\​
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition ] Flocke


„Chuba!“ fluchte der Kadas’sa’Nikto und schob die Schweißer-Brille auf die behornte Stirn. Resigniert schaltete er den Schweißbrenner ab und trat ein paar Schritte zurück, um sein Werk zu betrachten. Handwerkliches Können war sicher noch nie eine herausragende Fähigkeit von ihm gewesen, aber langsam nahm die Front des alten Frachtcontainers trotzdem die äußere Erscheinung einer Bar an. Flocke bog ächzend den schmerzenden Rücken durch und sah sich um. Die unmittelbare Umgebung seines zukünftigen Etablissements sah auch nicht besser aus. Ein paar Wohncontainer, an denen bereits Moos und Farn sprießte, obwohl sie noch nicht lange hier sein konnten. Manche davon gestapelt, dazwischen Baugerüste, Baugruben, Baumaschinen, Bauleute. Alles, was irgendwie „Bau“ im Name hatte, aber immer die abgespeckte, kleine, schäbige Version. Selbst jemand wie Flocke erkannte auf den ersten Blick, dass hier nicht eine neue Perle der Imperialen Zivilisation entstand, sondern ein mickriger Außenposten von einem Vorposten.


~


Gonzo hatte sich in diese lächerlichen Lumpen kleiden müssen, um mit seiner gefälschten ID, getarnt als menschlicher Kolonist, durch die Kontrollen von KP-1 zu kommen. Seine muskulösen Arme pendelten neben seinem massigen, tonnenförmigen Oberkörper hin und her, während er sich seinen Weg durch die Baustellen dieses Dreckslochs bahnte. Für Gonzo war’s natürlich ein Vorteil, dass sich der Stinker an einen so überschaubaren Ort verkrochen hatte. Mit seinen scharfen Augen hielt er Ausschau nach dem grünen Nikto, und schließlich entdeckte er ihn vor einem großen Frachtcontainer, aus dessen Front stümperhaft eine breite Fläche herausgeschnitten war.

Es war eine Weile her, seit Gonzo Flocke das letzte Mal gesehen hatte, aber er hatte sich nicht verändert:

Grüne Haut mit rostroten Einsprengseln, Arme bis zu den Schultern mit irgendwelchen Sonnenanbeter-Mustern tätowiert und die markanten Hornauswüchse im Gesicht, die an einen wuchernden Backenbart erinnerten. Er trug ein rotes Kopftuch, unter dem sich – wie Gonzo wusste – eine auffällige Narbe über seinen Schädel zog. Gonzo richtete sich zu seiner imposanten Erscheinung auf und marschierte zielstrebig auf den Wicht zu.


~


Aus dem Augenwinkel bemerkte Flocke eine Bewegung. Ein gedrungener Mensch mit praller Wampe watschelte mit schwingenden, haarigen Keulenarmen und dem Gesichtsausdruck eines empörten Ebers auf ihn zu.

Poodoo, dachte er unangenehm überrascht.

„Gonzo, alter Sleemo, was suchst du denn hier? Und was soll der lächerliche Aufzug, bist du auf `nem Mähdrescher hergeflogen?“

Anstatt darauf zu antworten, ging ihm Gonzo direkt an den Kragen.

„Halt dein schuppiges Krötenmaul, Flocke. Du weißt genau, warum ich hier bin: Ich nehm‘ deine fliegende Krabbenschere mit.“

Flocke machte sich los, indem er Gonzo ein wie herbeigezaubertes Vibromesser an die durchtrainierte Wampe hielt, und zwar so, dass das spärliche Sicherheitspersonal es nicht sehen konnte. „E chu ta! Der YT-1300 gehört mir, ich hab ihn mir hart erarbeitet, genauso wie ich dieses stinkende Hotel für Rumtreiber auf Bilbringi aus dem Boden gestampft hab.“

Gonzo grinste böse.
„Schön und gut, aber du weißt, wie’s läuft: 40 Prozent von allem, das du in ihrem Namen verdienst, gehört der Familie, Bechesmy. Keine Ausnahmen, auch nicht für grüne Sonnenanbeter wie dich!“

Zähneknirschend musste Flocke einsehen, dass er kaum eine Wahl hatte. Er steckte vorsichtig das Messer ein und winkte dem Menschen, ihm in die unfertige Bar zu folgen.


„Also gut, komm erstmal rein. Du weißt ja, mit mir kann man über alles reden.“

„Ich bin nicht zum Reden auf diesen abgelegenen Scheiß-Planeten mit noch beschissenerem Namen gekommen.“

„Aber zu ´nem Aurora-Rum sagst du bestimmt nicht nein, oder?“


~​


In der Zwischenzweit hatte der hier übliche Regenguss eingesetzt und brachte dunstige Abkühlung in die halbfertige Bar. Und nach vier Runden Schnaps wurde der Geldeintreiber ein bisschen handzahmer. Natürlich schenkte Flocke sich immer nur einen entalkoholisierten Rum ein, den er für solche Zwecke in einer Original-Flasche hinter der Bar hatte. Bei jemandem mit der geistigen Leistung einer Wompratte wie Gonzo, war es ein Leichtes, das zu verheimlichen. Seine Gesichtszüge hatten sich etwas entspannt und das Wackeln seiner Hängebacken beim Sprechen machte Flocke ganz verrückt.

„Also gut, Nyee (Kleiner). Du hast drei Tage Zeit, die 8.000 Credits aufzutreiben. Ich komme am Taungstag wieder und entweder du hast das Geld, oder ich nehme mir den Frachter.“

Mit diesen Worten rutschte Gonzo mit seinem fetten Hintern vom Barhocker und warf Flocke einen drohenden Blick zu.

Der verdammte Bastard. Flocke wusste, dass er nicht mehr erreichen konnte. Er grinste, breitete die Arme freundschaftlich aus und sagte:
„Ich wusste doch, dass ein weiches Herz in diesem gestählten Körper steckt! Sag mir, wo ich dich finden kann und ich bring dir das Geld schon morgen."

Der Mensch schüttelte grimmig den Kopf.
„In drei Tagen. Hier.“ Er deutete mit einem Wurstfinger auf den Boden. Dann drehte er sich um und watschelte aus dem aufgeschnittenen Container.

Beim schmierigen Arsch des Hutten, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er war zu leichtsinnig gewesen. Er hatte gedacht, es würde nicht auffallen, wenn er den YT-1300 mitnahm, zusammen mit… einigem an Vorräten. Aber es stimmte anscheinend:
„Die Familie vergisst nichts.“ leierte der grüne Nikto vor sich hin.

Jetzt schenkte er sich ein Glaß vom echten Rum ein. Zwei Möglichkeiten: Irgendwo das Geld herzaubern, oder irgendwie den schmierigen Geldeintreiber wegzaubern. Zweiteres barg unvorhersehbare Probleme in der Zukunft. Irgendwem würde irgendwann auffallen, dass Gonzo nicht mehr zurückkam. Vor allem, wenn jemand auf die 8.000 Credits wartete.

Also die erste Möglichkeit. Aber woher nehmen? Flocke ließ den Blick durch seine Bar schweifen. Ein paar abgeranzte Möbelstücke, unfertige Beleuchtung, ein Durchlaufkühler, der immer wieder mal ausfiel und ein Tresen, den er aus einem massiven Baumstamm gebaut hatte. Besser gesagt, der hier schon am Jungelboden gelegen hatte und über den er den Frachtcontainer einfach drübergesetzt und ihn dann in Form geschnitten hatte. Sowas wurde woanders vielleicht als Kunst bezeichnet, aber tatsächlich war es Improvisationstalent.

Flocke leerte den Rum und knallte das Glaß auf den Baumstamm.

Improvisation war sein zweiter Vornahme. Zumindest wenn man ihn nach den Umständen seiner Geburt benannt hätte. Es würde sich etwas ergeben. Irgendwas ergab sich immer. Hier im Nadari-Außenposten kamen stündlich neue Glücksritter an. Es reichte ja, wenn er einem davon ein vielversprechendes Investment aufschwatzte...

Sein Blick wanderte nach Draußen, durch die breit aufgeschnittene Flanke des Bar-Containers zum gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude. Der Regen hatte sich etwas beruhigt, erfahrungsgemäß würde es in ein paar Minuten schon wieder aufhören. Und durch den Dampf blieb Flockes Blick an einer hünenhaften Gestalt hängen, die vor den Info-Paneelen stand. Der silberweiße Wookiee war definitiv neu hier, der wäre ihm aufgefallen! Vielleicht war das eine Lösung für sein kleines Problemchen.

Flocke rutschte vom Hocker, schnappte sich den Rum und stellte sich in den Eingang.


„Hey Großer! Auf ein Wort!“ rief er durch den Regen hinüber und schwenkte einladend die Flasche. Nach einer womöglich langen Anreise hatte sich ein jeder ein Schlückchen verdient, besonders bei diesem Wetter…


[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition ] Flocke in seiner noch namenlosen, halbfertigen Cantina, Mad Claw auf der Straße gegenüber
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition ] Ein Wachmann auf Posten


Der Wachmann stieg die letzten Sprossen auf dem westlichen Beobachtungsturm hoch und blickte sich um, während es um ihn herum regnete.
Er hatte sich schon daran gewöhnt, dass der Außenposten jeden Morgen ein wenig anders aussah als am Abend zuvor. Irgendwo war wieder ein weiterer Wohncontainer hinzugekommen, eine neue Plane zwischen zwei Gerüsten gespannt worden, ein neues Zelt errichtete oder ein Stück Dschungel verschwunden, das am Vortag noch bis an die provisorischen Schutzwälle herangereicht hatte. Seit etwas mehr als drei Wochen arbeiteten sie nun hier am Nadari-Strom, und noch immer wirkte die gesamte Anlage weniger wie eine fertige Siedlung als wie ein großer Entwurf, den jemand mitten in den Regenwald gestellt hatte das sich nun Stück für Stück mit Leben füllte.

Immerhin war schon viel geschehen, wenn man daran dachte, dass vor kurzem hier außer Wildnis noch gar nichts war.

Unter ihm zog sich die befestigte Landeplattform durch das gerodete Gelände, auf der in regelmäßigen Abständen kleinere Frachter, Shuttles und Versorgungstransporter niedergingen. Einige blieben kaum länger als nötig, andere standen über Stunden zwischen gestapelten Containern, Treibstoffbehältern und Baumaterial, während Arbeiter ihre Ladung entgegennahmen und auf Repulsorschlitten weiterverteilten. Dahinter lagen die ersten Reihen modularer Unterkünfte, einfache Verwaltungscontainer, eine kleine medizinische Station, mehrere provisorische Lagerhallen und jene Werkstatt, die inzwischen beinahe rund um die Uhr arbeitete. Speeder, Generatoren, Baufahrzeuge und schwere Rodungsmaschinen wurden dort repariert, oft noch bevor das Personal überhaupt Zeit fand, den roten Schlamm von den Fahrwerken zu waschen.

Der Außenposten beherbergte inzwischen vielleicht zweihundert Menschen und Angehörige verschiedener Spezies, wobei kaum jemand behauptet hätte, dass dafür bereits ausreichend Platz vorhanden war. Viele lebten in kleinen und einfachen Wohnmodulen, andere teilten sich Unterkünfte, die ursprünglich für deutlich weniger Personen vorgesehen gewesen waren. Zwischen den Gebäuden verliefen befestigte Wege aus verdichtetem Erdreich und provisorisch ausgelegten Platten, die wenigstens verhindern sollten, dass sich das Gelände während der täglichen Regenfälle vollständig in Morast verwandelte. Wo diese Wege endeten, begann beinahe unmittelbar wieder der Dschungel.


Und trotzdem entwickelt sich langsam etwas, das man mit einigem guten Willen als gesellschaftliches Leben bezeichnen konnte.

Nahe dem Verwaltungsbereich stand ein frisch eröffneter Pub, dessen Besitzer vermutlich der Erste gewesen war, der erkannt hatte, dass mehrere hundert Arbeiter, Piloten, Techniker, Soldaten und Forscher irgendwann etwas anderes trinken wollten als Wasser und den Inhalt imperialer Verpflegungspakete. Das Gebäude bestand größtenteils aus zwei miteinander verbundenen Frachtcontainern, einem überdachten Vorbau, einer Reihe zusammengewürfelter Tische und einem gewaltigen Baumstamm als Bartresen, doch am Abend war es regelmäßig voller als manche Kantine in der Hauptkolonie. Niemand wusste genau, ob der Betreiber überhaupt schon sämtliche Genehmigungen besaß, allerdings schien sich bisher auch niemand besonders dafür zu interessieren, solange er und seine Gäste nicht zu viele Schwierigkeiten verursachten.

Nicht weit davon entfernt hatte sich bereits ein kleiner Markt gebildet. Vielleicht ein halbes Dutzend Händler hatte ihr Stände zwischen Lagercontainern und einem breiten Versorgungskorridor aufgebaut und verkaufte alles, von zusätzlicher Arbeitskleidung und Werkzeug über Lebensmittel bis hin zu Ersatzteilen, Tabak, Alkohol und Dingen, deren tatsächlicher Nutzen vermutlich nur ihren Verkäufern bekannt war. Einige von ihnen waren den Bautrupps aus der Hauptkolonie gefolgt, andere hatten zuvor im Administrationssektor Geschäfte betrieben und offenbar beschlossen, dass dort längst zu viele Konkurrenten auf zu wenige Kunden warteten.
Hier draußen hingegen war alles neu, jeder brauchte irgendetwas, und wer bereit war, einige Tage Regen, Schlamm und mangelhafte Unterkünfte zu ertragen, konnte möglicherweise ein gutes Geschäft machen. Da sowieso fast jeden Tag eine neue Handvoll Glücksritter hier eintraf um nach Arbeit zu suchen von der es ja mehr als Reichlich gab machte er sich um die Händler auf jeden Fall keine Sorgen.

Der Soldat musste jedes Mal unwillkürlich schmunzeln, wenn er die bunten Planen und improvisierten Verkaufsstände sah. Keine drei Wochen waren vergangen, und dennoch hatten die ersten Wahnsinnigen bereits begonnen, sich einzurichten, als würden sie fest damit rechnen, dass aus diesem Außenposten irgendwann tatsächlich eine Stadt werden könnte.
Vielleicht hatten sie damit sogar recht.

Noch bestand der wichtigste Teil ihrer Arbeit allerdings aus Rodung. Rund um den Außenposten arbeiteten schwere Maschinen beinahe ohne Unterbrechung daran, den Dschungel zurückzudrängen, breite Sicherheitsstreifen zu schaffen und zusätzliche Flächen für Lager, Unterkünfte und neue Landefelder vorzubereiten.
Ganze Baumriesen wurden gefällt, zerteilt und auf vorbereiteten Plätzen gestapelt, während kleinere Arbeitsgruppen dichtes Unterholz beseitigten, Entwässerungsgräben aushoben und erste Wege entlang des Nadari-Stroms markierten. Der Fluss selbst lag nur wenige hundert Meter vom Kern des Lagers entfernt und war von den höher gelegenen Wachposten zwischen den Baumkronen immer wieder zu erkennen, breit und träge an manchen Stellen, an anderen schneller, als es aus der Entfernung den Anschein hatte.


Die Befehle waren eindeutig gewesen. Das Gebiet um den Außenposten sollte innerhalb der kommenden Wochen weiter vorbereitet, gesichert und für eine deutlich größere Zahl an Personal nutzbar gemacht werden.

Dass die Rodungsarbeiten derart schnell vorangetrieben wurden, hatte allerdings nicht nur mit dem geplanten Wachstum des Außenpostens zu tun. Bereits während der ersten Tage hatte sich gezeigt, dass die Wildnis jenseits der provisorischen Schutzanlagen deutlich gefährlicher war als zunächst angenommen. In den dichten Wäldern lebten zahlreiche größere Raubtiere, von denen einige kaum Scheu vor Maschinen, Licht oder fremden Geräuschen zeigten. Mehrere Angriffe hatten bereits schwere Verletzungen gefordert, mindestens zwei davon waren tödlich geendet.

Besonders in der Dämmerung und während der Nacht galten die äußeren Bereiche als gefährlich. Deshalb waren zusätzliche Wachposten eingerichtet, die Sicherheitsstreifen verbreitert und entlang wichtiger Wege Sensoren sowie Beleuchtung aufgestellt worden. Nachtarbeiten fanden nur noch unter bewaffneter Sicherung statt, während außerhalb der markierten Bereiche niemand ohne Funkgerät und wenigstens einfache Bewaffnung unterwegs sein sollte.

Da die ursprünglich eingeplanten Wachmannschaften dafür kaum ausreichten, hatte die Verwaltung zusätzliche Sicherheitskräfte aus der Hauptkolonie angefordert und zugleich über das Holonet nach erfahrenen Wachen, Scouts, ehemaligen Soldaten und registrierten Söldnern suchen lassen. Angeboten wurden überdurchschnittliche Bezahlung, Unterkunft, Verpflegung und entsprechende Gefahrenzulagen. Noch wusste niemand genau, welche Tiere in den umliegenden Wäldern lebten oder welche davon tatsächlich eine dauerhafte Bedrohung darstellten, weshalb Sichtungen und Angriffe inzwischen systematisch erfasst wurden.



Gleichzeitig trafen immer häufiger Wissenschaftler, Techniker, Geologen und Personen ein, die mit dem gewöhnlichen Aufbau eines Außenpostens wenig zu tun hatten. Bald sollten zusätzlich medizinische Module, Vermessungsausrüstung, mobile Labore, Geländefahrzeuge, Kommunikationsanlagen und ungewöhnlich große Mengen an Treibstoff eintreffen. Denn es wurde gesagt, dass von hier aus bald eine größere Erkundungs- und Erschließungsmission in das Landesinnere aufbrechen sollte.
Wohin genau, wusste kaum jemand genau.

Man sprach vom Kharon-Massiv im Norden, von den Akaru-Fällen weiter stromaufwärts und von Gebieten, für die selbst die aktuellsten Karten kaum mehr als grobe topografische Linien zeigten. Andere wiederum erzählten von seltenen Pflanzen, unbekannten Tierarten oder mineralischen Auffälligkeiten, die bei orbitalen Messungen entdeckt worden sein sollten. Der Wachmann hielt wenig von den Gerüchten. In einem Außenposten mit wenigen hundert Menschen reichten zwei Tage aus, um aus einer seltsamen Felsformation eine verlassene Tempelanlage und aus einem großen Tier eine ganze Herde menschenfressender Bestien werden zu lassen.

Er stützte die Unterarme auf die Brüstung des Turmes und sah hinaus.
Jenseits der gerodeten Fläche erhob sich der Regenwald wie eine gewaltige grüne Mauer. Selbst dort, wo sie vor wenigen Tagen mehrere Dutzend Meter zurückgeschnitten hatten, erschienen bereits wieder neue Triebe zwischen den aufgewühlten Flächen. Nebel hing über den oberen Baumkronen, während tief darunter Maschinen dröhnten, Stimmen erklangen und irgendwo ein Lastenkran piepend zurücksetzte. Von der Landeplattform stieg ein Shuttle auf, drehte über dem Fluss und verschwand schließlich zwischen den tiefhängenden Wolken.

Der Außenposten war klein, behelfsmäßig und schmutzig.
Und in vielerlei Hinsicht noch nicht mehr als eine befestigte Landeplattform und eine Ansammlung von Containern mitten in einem Dschungel, der vermutlich seit Jahrtausenden keinen Grund gehabt hatte, sich für die Pläne irgendwelcher Kolonisten zu interessieren.
Aber bald würde sich das ändern.


[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition ] Ein Wachmann auf Posten
 
// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Verwaltungsbereich /\ Turrow, Syren, Flocke \\​


Turrow hatte den ersten Schritt in Richtung Sicherheitsbüro gerade gemacht, als etwas durch den nachlassenden Regen zu ihm herüberrief. Der Wookiee blieb stehen und sah sich um. Auf der anderen Seite des Weges stand ein grüner Nikto im Eingang eines aufgeschnittenen Frachtcontainers. Eine Flasche in der Hand, mit der er in seine Richtung winkte. Noch einmal drang die Stimme herüber. Großer. Turrow ließ den Blick kurz über den Weg schweifen. Niemand in unmittelbarer Nähe war größer als er, damit war vermutlich er gemeint.Sein Blick wanderte zurück zu dem Nikto, dann zur Flasche, dann wieder zum Nikto. Ein Fremder, das allein war Grund genug, nicht einfach hinüberzustapfen. Fremde hatten ihm in den vergangenen Jahren selten etwas angeboten, weil sie plötzlich entdeckt hatten, wie gern sie mit großen weißen Wookiees teilten. Meistens kam hinter einem Getränk, einem freundlichen Wort oder einem angeblich guten Geschäft noch etwas anderes. Ein Preis, eine Forderung, oder jemand versuchte herauszufinden, wie dumm er war. Turrow verstand nicht immer die verschlungenen Wege, auf denen andere Wesen zu ihren eigentlichen Absichten gelangten. Aber er wusste inzwischen, dass diese Wege existierten.

Sein Blick wanderte erneut zur Flasche, Alkohol, wenn seine Nase ihn nicht täuschte, sogar Rum. Das wiederum war ziemlich eindeutig. Von seinem Quergurt erklang die Stimme von Syren.
„Wir kennen dieses Individuum nicht, Meister.“ Turrow brummte. „Nein. Mir ist ebenfalls kein Grund bekannt, weshalb ein völlig Fremder Euch unmittelbar nach Eurer Ankunft Alkohol anbieten sollte.“ Turrow betrachtete den Nikto noch einen Augenblick. Der Fremde wollte etwas, das war nicht ungewöhnlich. Eigentlich wollte fast jeder irgendwann etwas, die wichtigere Frage war, was. Und ob es den Rum wert war, ein tiefes Grollen kam aus seiner Kehle. „Hrrrauu... rrmmm. Graaah.“ Syren schwieg einen Augenblick länger als nötig. „Dass Ihr zunächst seinen Alkohol trinkt und anschließend herausfindet, was er von Euch möchte, beseitigt meine Bedenken nur eingeschränkt.“ Turrow zeigte ein paar Zähne und blickte über die Schulter zurück zum Verwaltungsgebäude. Das Sicherheitsbüro war noch dort, die Ausschreibung ebenfalls. Und wenn das Tier wirklich mehrere Arbeiter angegriffen hatte, würde es vermutlich auch in einer Stunde noch irgendwo im Dschungel herumlaufen. Der Rum vielleicht nicht, damit war die Sache entschieden.

Turrow wandte sich von den Informationsanzeigen ab und stapfte über den feuchten Weg. Seine schweren Schritte drückten Wasser und roten Schlamm unter den Füßen hervor. Der Regen hatte inzwischen deutlich nachgelassen, doch noch immer tropfte es von Gerüsten, Dächern und Planen. Wasser rann aus seinem silberweißen Fell und ließ das rostrote Haar an Kinn und Kehle dunkler wirken. Je näher er kam, desto besser konnte er erkennen, was der Nikto offenbar zu einer Bar machen wollte, einen alten Frachtcontainer. Oder zumindest etwas, das einmal einer gewesen war, bevor jemand einen großen Teil seiner Front herausgeschnitten hatte. Darin standen ein paar zusammengewürfelte Möbelstücke. Leitungen und Beleuchtung wirkten noch nicht vollständig verlegt. Irgendwo summte technische Ausrüstung, die nicht unbedingt den Eindruck erweckte, als hätte sie vorgehabt, das für immer zu tun. Und quer durch den Innenraum verlief ein massiver Baumstamm. Bearbeitet, geschnitten, ein Tresen, fast wie auf Kashyyyk. Turrow blieb kurz vor dem Eingang stehen und betrachtete das Ganze, Container, Dach, etwas zum Sitzen,ein Tresen, Alkohol. Seine Lefzen verzogen sich leicht, eine Bar, ein simple, aber funktionierende Bar. Warum andere Wesen daraus offenbar eine kompliziertere Angelegenheit machten, erschloss sich ihm nicht. Syren hingegen schien zu einer etwas differenzierteren Bewertung gekommen zu sein.
„Das Etablissement befindet sich offenbar noch in einer frühen Phase seiner Fertigstellung.“ Turrow sah zum Tresen, dann zu den Sitzgelegenheiten, dann zur Flasche in der Hand des Nikto. „Rrrrhhh.“ Es entstand eine kurze Pause. „Ja, Meister. Die für Euch wesentlichen Bestandteile scheinen bereits vorhanden zu sein.“

Der Wookiee trat unter das Dach. Wasser tropfte aus seinem Fell auf den Boden. Er schüttelte sich nicht. Zumindest nicht vollständig. Ein kurzes Rucken durch Schultern und Oberkörper genügte, um einige schwere Tropfen aus seinem Fell zu schleudern, bevor er sich wieder aufrichtete. Aus der Nähe musterte er den Nikto genauer. Grüne Haut mit rostroten Flecken. Tätowierungen auf den Armen. Ein rotes Tuch um den Kopf. Hornartige Auswüchse im Gesicht. Nicht besonders groß, nicht besonders schwer, keine sichtbare Rüstung, aber wahrscheinlich trotzdem bewaffnet… Fast jedes vernünftige Wesen auf einer solchen Welt war das. Der Nikto hatte ihn von der Straße gerufen, mit einer Flasche in der Hand. Und zumindest bisher machte er nicht den Eindruck, als hätte ihn die Vorstellung beunruhigt, einen völlig fremden Wookiee in seine unfertige Bar zu locken. Entweder wusste er sehr genau, was er tat, oder überhaupt nicht.

Turrow war sich noch nicht sicher, welche Möglichkeit ihm besser gefiel. Sein Blick wanderte kurz durch den Container. Der Eingang, schmale Fensteröffnung, der Tresen. Keine zweite sichtbare Person, die ihm sofort wichtig erschien. Dann wanderte sein Blick wieder zum Nikto und der Flasche. Die Reihenfolge war wichtig. Turrow hob langsam eine große Pranke und deutete zunächst auf den Rum. Ein tiefes, fragendes Brummen folgte.
„Rrrrmmm?“ Syren übernahm die Übersetzung. „Mein Meister möchte zunächst wissen, ob Eure Einladung tatsächlich den Inhalt dieser Flasche einschließt.“ Turrow blickte nach unten zu ihr. Zunächst? Das hatte er nicht gesagt. Syren schien den Blick zu ignorieren. Der Wookiee schnaubte, ließ es jedoch dabei bewenden. Sie kannte diese Dinge besser als er. Dafür trug er sie schließlich mit sich herum. Seine Aufmerksamkeit kehrte zu dem Nikto zurück. Er deutete anschließend mit einer Klaue über die Schulter zurück in Richtung des Verwaltungsgebäudes. Ein paar raue Laute folgten, dann ein kurzes Grollen. „Grrrauh... hrrrra. Rrraah.“ „Wir waren auf dem Weg zum Sicherheitsbüro.“ Noch ein Laut. „Rrrauh.“ „Mein Meister interessiert sich für eine dort ausgeschriebene Jagd.“ Turrow brummte zufrieden. Das war zumindest nahe genug an dem gewesen, was er gesagt hatte. Dann legte er den Kopf etwas schief und betrachtete den Nikto erneut. Da blieb noch die andere Frage. Warum? Warum winkte ein Fremder einen Wookiee von der Straße? Der Alkohol erklärte, womit er ihn herüberbekommen wollte, nicht weshalb. Einige tiefere Laute folgten. „Hrrrmmm... rraugh. Grrra.“ Diesmal antwortete Syren nicht sofort. Turrow sah zu ihr hinunter, sie ließ einen weiteren Moment verstreichen. Dann erklang ihre Stimme wieder, höflicher als sein ursprüngliches Grollen und wahrscheinlich auch etwas weniger drohend. „Und mein Meister würde anschließend gern erfahren, weshalb Ihr einen völlig Fremden von der Straße in Eure Bar bittet.“ Der Wookiee richtete den Blick wieder auf den Nikto. Syren hatte den Satz verändert. Nicht sehr, aber genug.Turrow konnte damit leben. Seine Aufmerksamkeit wanderte ein letztes Mal zur Flasche. Dann streckte er die Pranke aus, er würde den Rum nehmen. Danach konnte der Fremde erklären, was er wollte.


// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke \\​
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke und Mad Claw mit Syren


Flocke beobachtete den Wookiee durch den Regen. Der reagierte definitiv auf ihn, schien dann aber irgendwie ein Selbstgespräch zu führen, bevor er langsam die Straße überquerte. Das war schon mal kein so gutes Zeichen.

Flocke senkte die Rumflasche und wartete geduldig. Das Pelzvieh hatte ein Fell, wie er es noch nie bei dieser Spezies gesehen hatte. Silbrig-grau und mit einem großen, dunkelroten Fleck vom Mund die Kehle hinab. Mit jedem schmatzenden Schritt, den das Biest näherkam, wurde der Nikto nervöser. Der Wook machte einen ziemlich gefährlichen Eindruck. Flocke erinnerte sich selbst daran, dass es die inneren Werte waren, die zählten, nicht die äußeren. Und die imposante Erscheinung des Monstrums war ein Grund mehr, ihn sich zum Freund zu machen.

Also winkte er ihn noch einmal einladend herein und wischte sich in der Bewegung unauffällig den Nervositätsschweiß von der Stirn. Als der Wookiee unter die Plane des provisorischen Vordaches trat, bemerkte Flocke erst den kleinen Droiden, der an seinem Körpergurt hing. Damit unterhielt er sich also! Gut. Also nicht zwingend verrückt.

Flocke begrüßte ihn noch einmal.


„Komm rein, Prachtkerl. Grade erst angekommen, oder? Leider haben die hier kein offizielles Begrüßungkomitee, aber dafür gibt’s den guten alten Flocke.“

Der Wook grollte etwas und der kleine Droide übersetzte prompt. „Mein Meister möchte zunächst wissen, ob Eure Einladung tatsächlich den Inhalt dieser Flasche einschließt.“

Der Wirt grinste breit und schielte kurz zu der halbvollen Flasche.
Ach, scheiß drauf, der ist die Investition sicher wert.

„Selbstverständlich! Ich bin kein Mann leerer Worte. Aber komm doch mit zur Bar, dann schenk ich mir auch einen ein.“ Er drehte sich um und ging hinter den Tresen, während sein Gast weiterjaulte und der Droide übersetzte, dass sie sich für die kürzlich ausgeschriebene Jagd interessierten. Und dann wollte er noch wissen, weshalb er in die Bar eingeladen worden war. Zum Schluss schnappte er sich die Rumfalsche einfach vom Tresen. Flocke erschrak kurz, fasste sich aber gleich wieder. Wer brauchte schon gute Manieren, wenn er so aussah…
Stattdessen zwang er sich zu seinem üblichen Barkeeper-Grinsen und zauberte noch ein Gläßchen auf die Platte, in das er sich wieder von dem entalkoholisierten Rum einschenkte, während er antwortete.


„Zweiteres ist leicht zu beantworten: Ich bin ein geselliger Typ. Sonst hätte ich wohl kein Pub, nicht wahr? Und hier in so einer feindlichen Umgebung, wie sie dieser Dschungel um uns herum ist, sollten wir alle zusammenhalten. Also, wie ich schon sagte: Nur ein kleiner Willkommensgruß. Zum Wohl!“, prostete er dem Wookiee zu und stürzte das Glaß hinunter. Dann kam er auf das Thema Jagdauftrag zurück.

„Du bist also ein Großwildjäger? Nun, rein äußerlich hast du auf jeden Fall das Zeug dazu. Und wenn du gut bist, dann gibt’s hier jede Menge Arbeit für dich.“

Er schenkte sich wieder ein. „Und falls du hin und wieder mal Aufträge von privater Seite annehmen willst, schau bei mir rein. Hier flattert immer wieder mal etwas rein. Das kann durchaus lukrativ sein, im Vergleich zu den mageren Pauschalen, die die Verwaltung hier zahlt.“

Flocke selbst hatte da schon die ein oder andere Idee, wie sich der haarige Muskelprotz gewinnbringend einsetzen ließ, aber er ging vorerst nicht weiter auf das Thema ein. Erst würde er den Kerl – oder war es eine Sie? – besser kennen lernen müssen.

„Also gut, meinen Namen hab ich ja schon verraten. Man nennt mich Flocke und ich betreibe hier die einzige Bar im Nadari-Außenposten. Und mit wem habe ich die Ehre, Großwildjäger?“

Mit diesen Worten hob er nochmals das Glaß, um dem Gast zuzuprosten.


[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke und Mad Claw mit Syren
 
// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke \​

Die Flasche wechselte den Besitzer und verschwand beinahe vollständig in Turrows Pranke. Bevor er trank, hielt der Wookiee sie einen Moment unter die Nase. Süß, schwer, alkohol. Darunter Holz, etwas Würziges und noch irgendein Geruch, für dessen Namen er sich nicht interessierte. Rum eben. Turrow setzte die Flasche an. Der erste Schluck brannte auf der Zunge, zog heiß über den Gaumen und lief wie eine warme Spur seine Kehle hinunter. Er schluckte langsam. Die Wärme blieb noch einen Moment hinter dem Brustbein sitzen, bevor sie sich angenehm im Körper verteilte. Seine Augen verengten sich zufrieden, gut. Nicht dieser dünne Mist, den manche Wirte mit Wasser verlängerten und anschließend für den dreifachen Preis verkauften. Er nahm noch einen Schluck. Währenddessen erklärte der Nikto seine Einladung. Geselligkeit. Zusammenhalten. Eine feindliche Umgebung, in der man sich besser kannte als nicht. Turrow ließ die Flasche sinken und betrachtete ihn. Der scharfe Geruch frischen Schweißes stach ihm mittlerweile deutlich in die Nase. Nervosität, der Nikto hatte Angst.

Oder wenigstens genug Respekt vor dem großen bewaffneten Wookiee, um sein Körper daran zu erinnern, dass Weglaufen grundsätzlich eine Möglichkeit war. Trotzdem stand er noch da, rr grinste sogar noch, und er hatte sich nicht eingenässt. Nur Schweiß. Turrow entschied, dass das fürs Erste für ihn sprach. Dass der Fremde ihn lediglich aus Geselligkeit von der Straße gewinkt hatte, glaubte er trotzdem nicht. Fremde verschenkten selten etwas, ohne später ihre Hand aufzuhalten. Aber das musste nicht schlecht sein, ein Handel war verständlich, eine Schuld ebenfalls. Nur Wesen, die behaupteten nichts zu wollen, während sie längst etwas wollten, machten die Dinge unnötig kompliziert. Syren schien zu einem ähnlichen Schluss gekommen zu sein.
„Seine Erklärung für die Einladung erscheint mir nicht vollständig, Meister.“ Turrow gab ein tiefes, gleichgültiges Brummen von sich. „Rrrrmmm.“ Natürlich nicht, das war auch nicht wichtig, noch nicht. Er nahm einen weiteren Schluck. Der Nikto redete inzwischen von Arbeit, das war interessanter. Private Aufträge. Bessere Bezahlung als die Verwaltung. Offenbar gingen durch diesen halb aufgeschnittenen Frachtcontainer nicht nur Flaschen und durstige Arbeiter, sondern auch Informationen. Jetzt ergab die Einladung mehr Sinn. Der Nikto sah einen großen bewaffneten Fremden vor den Auftragsanzeigen stehen und wollte wissen, ob sich daraus irgendwann Credits machen ließen. Turrow verstand das, er hätte vermutlich dasselbe getan. Vielleicht nicht mit Rum, der Rum war allerdings eine gute Ergänzung. Sein Blick wanderte durch den unfertigen Container, Dach, Tresen, Alkohol. Etwas zum Sitzen, eigentlich fehlte nicht viel. Dann hielt er inne, keine Hookah, sehr bedauerlich. Mit schwerem süßlichem Rauch in der Luft, etwas gebratenem Fleisch und einem weiteren Krug Rum hätte dieses Loch beinahe als vernünftiger Ort durchgehen können. Der Wookiee brummte leise vor sich hin, von seinem Quergurt kam prompt eine Antwort. „Fast alle wesentlichen Bestandteile, Meister.“ Der Wookiee sah zu ihr hinunter. Syren kannte ihn zu gut. Dann kam die Frage nach der Jagd, Großwildjäger.

Turrow schnaubte, groß, klein. Das war selten der entscheidende Unterschied. Etwas lief, etwas hinterließ Spuren, etwas blutete, etwas war intelligent. Dann konnte man es jagen. Er gab einige kurze Laute von sich.
„Rrrauuh. Hrrrmmm... grauh.“ „Mein Meister ist Jäger.“ Ein weiteres Grollen folgte. „Grrrauhh... rra.“ „Die Größe der Beute betrachtet er dabei nicht als wesentliches Kriterium.“ Turrow zeigte zufrieden die Spitzen seiner Zähne, das traf es. Beim Hinweis auf private Aufträge hörte er allerdings genauer hin. Sein Blick blieb jetzt beim Nikto, während er die Flasche noch immer in einer Hand hielt. Arbeit bedeutete Credits. Credits bedeuteten Essen, Alkohol, Munition und irgendwann vielleicht wieder ein Schiff. Und wer wusste, wo Arbeit zu finden war, konnte nützlicher sein als jemand, der selbst kämpfen konnte. Turrow stieß ein kurzes Knurren aus. „Rrrh. Graauww.“ „Wir werden Euer Angebot im Gedächtnis behalten.“ Der Wookiee knurrte noch einmal. „Hrrrra.“ „Vorausgesetzt, die Bezahlung stimmt.“ Turrow hob die Flasche etwas an. Das war selbstverständlich.

Dann stellte sich der Nikto als Flocke vor und fragte schließlich nach seinem Namen. Der Wookiee betrachtete ihn einen Moment. Flocke? Sein Blick wanderte kurz über die grüne Haut und die hornartigen Auswüchse im Gesicht. Warum nicht? Er hatte schon Wesen getroffen, deren Namen noch weniger Sinn ergaben. Turrow legte eine Klaue gegen die eigene Brust und stieß ein kurzes, tiefes Grollen aus.
„Rrrauuh.“ „Turrow.“ Eine kurze Pause, dann folgte ein zweites, raueres Knurren. Tiefer diesmal. „Grrrauhh... rrrmmm.“ „Manche kennen meinen Meister auch als Madclaw.“ Turrow nahm noch einen tiefen Schluck Rum und stellte die Flasche schließlich auf den Baumstamm zwischen ihnen. Der Nikto hatte jetzt seinen Namen, Turrow hatte seinen Rum, und vielleicht kannte Flocke Arbeit. Für eine erste Begegnung war das mehr als genug. Der Wookiee lehnte sich mit einer Hüfte gegen den improvisierten Tresen, musterte seinen Gastgeber und wartete ab, was der Fremde als Nächstes von ihm wollte.

// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke \​
 
Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke und Mad Claw mit Syren


Der Barkeeper beobachtete den Wookiee, als er an der Rumflasche schnüffelte und dann gleich zwei kräftige Schlücke nahm.

Wenn der immer so einen Zug draufhat, muss ich mich schleunigst nach einer Bezugsquelle für den Aureanischen Rum umsehen.

Jedenfalls schien das Biest damit zufrieden und nahm auch das Angebot für die Vermittlung privater Jobs zur Kenntnis. Und dann stellte er sich als Turrow vor, von manchen auch „Mad Claw“ genannt. Warum nannte er zwei Namen? War das irgendeine Andeutung? So, wie es der kleine Droide übersetzte, hatte der Beiname vielleicht irgendeine tiefere Bedeutung, aber Flocke sagte er nichts. Mad Claw klang jedenfalls passend und war für ihn ehrlich gesagt auch leichter auszusprechen. Und wenn der Wookie mit einem der beiden Namen nicht angesprochen werden wollte, warum hätte er sie dann genannt? Vielleicht war es auch einfach nur eine kulturelle Eigenheit, immer zwei Namen zu nennen und dem Gesprächspartner die Wahl zu lassen. Flocke kannte sich mit den Bräuchen diese haarigen Baumkraxler nicht aus.


„Also gut, Mad Claw. Erstmal das Wichtigste. Wohnraum ist her sehr begrenzt. Wenn du also nicht in einer Hängematte in den Baumkronen vor der Mauer nächtigen willst, was ich dir durchaus zutraue und wogegen nichts einzuwenden ist, kannst du zu Pisko gehen, einem Menschen, der hier eine Herberge betreibt. Fünf Container weiter die Hauptstraße runter. Wenn du ihm sagst, Flocke schickt dich, wird er schon ein Bett für ein paar Nächte finden. Auf Dauer wirst du dir aber selbst etwas suchen müssen. Natürlich kann ich die Ohren für dich offenhalten, wenn du willst.

Ansonsten noch ein kleiner Rat, der bei dir vielleicht gut aufgehoben ist: Auch wenn hier noch alles im Aufbau ist und es hier drunter und drüber geht, innerhalb der Abgrenzung gilt imperiales Recht. Außerhalb auch, glaub ich, aber innerhalb wird es in aller Regel auch knallhart durchgesetzt. Also schau, dass du nicht in Ärger gerätst.“


Flocke hielt in seinem Monolog inne, um einen Menschen zu begrüßen, der in die Bar kam und ein Bier bestellte. Er bediente den Stammgast freundschaftlich und kehrte dann zu Turrow zurück. Etwas leiser fuhr er fort:

„Und was das Geschäftliche betrifft, derzeit hätte ich zwei Anfragen, die für dich vielleicht in Frage kommen. Die eine passt tatsächlich perfekt, würde ich sagen. Es gibt da einen… Trophäensammler? Dieses Vieh, oder vielleicht sind’s ja auch mehrere, die direkt außerhalb des Außenpostens ihr Unwesen treiben. Gibt wohl verschiedenste Aussagen darüber, teils auch widersprüchlich, was es sein soll. In jedem Fall möchte der Sammler den Schädel oder was auch immer davon sich am besten als Trophäe eignet. Ist ein aufstrebender Geschäftsmann hier vor Ort, soviel sei gesagt. Der möchte sich wahrscheinlich etwas Legitimation für seine zukünftige Stellung hier erheischen, indem er sagen kann, er hat das Monster, dass diese Kolonie in ihren Anfangstagen terrorisierte, an seiner Wand hängen. Mir ehrlich gesagt schnuppe, aber er zahlt gut. 1.600 Credits! Und dann kommt ja noch die Belohnung vom offiziellen Auftrag der Verwaltung dazu.“
Flocke deutete grob in die Richtung der großen Anzeigetafel am Verwaltungsgebäude gegenüber.
„Win-Win, würde ich sagen.“

Er grinste breit und zeigte seine überraschend weißen Zähne. Dann beugte er sich noch etwas näher über den Tresen zu Turrow herüber.
„Und das zweite ist etwas Diskreteres. Geht um einen Gauner, der hier im Außenposten ein Restaurant eröffnen will. Ich hab kein Problem damit“, behauptete Flocke und hob bekräftigend die Hände.
„Jeder soll hier eine Chance bekommen. Aber dieser Machelli treibt Schindluder und ist drauf und dran, den Ruf der ganzen Branche zu ruinieren. Er verwurstet die Abfälle der imperialen Garnison vom Administrationssektor auf der anderen Seite des Planeten und verkauft sie zu überteuerten Preisen als Gourmet-Gerichte! Chuba!“ fluchte der Nikto und spuckte auf Boden hinter dem Tresen. Dann beugte er sich wieder zu Turrow.

„Über kurz oder lang wird er auffliegen, keine Frage. Aber dann ist es zu spät und der Skandal ist da. Und ehrliche Leute wie ich geraten unter Generalverdacht, glaub mir, ich weiß, wie sowas abläuft. Also muss ich dem zuvorkommen. Einen Denkzettel verpassen, ein Exempel statuieren, du weißt schon.“
Flocke lächelte den Wookiee ermunternd an.
„Also was sagst du? Ist doch ein Klacks für einen Typen deines Kalibers. Und ich lasse 500 Creds springen, weil du ein Stammkunde bist. Sein wirst. Oder?“


Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke und Mad Claw mit Syren
 
// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke \​

Turrow hörte zu, zumindest meistens. Bei der Erwähnung einer Hängematte irgendwo draußen in den Baumkronen wanderte sein Blick unwillkürlich zum offenen Eingang der Cantina und weiter hinaus zu der grünen Wand jenseits der letzten Container und Schutzanlagen. Der Nikto schien das für eine schlechte Möglichkeit zu halten, doch Turrow dachte dabei weniger an eine frei schwingende Stoffbahn als an die einfachen Jagdunterstände seiner Heimat: Lianen zwischen kräftigen Ästen, geflochtene Pflanzenfasern, eine erhöhte Plattform zwischen den Stämmen und darüber gerade genug Schutz, um den gröbsten Regen abzuhalten. Solche Unterstände hielten nicht alles fern, was in einem Dschungel lebte, aber sie waren trocken, schwerer zu erreichen als der Boden und hoch genug, um früh zu sehen, was sich näherte. Wenn die Pflanzen dieser Welt etwas taugten, brauchte man dafür nicht einmal besonders lange.
Von seinem Quergurt erklang die Stimme von Syren.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass eine improvisierte Unterkunft außerhalb der befestigten Zone vermutlich nicht das war, was unser Gastgeber Euch empfehlen wollte, Meister.“ Turrow brummte leise. „Rrrrmmm.“ „Ja. Mir ist bewusst, dass Ihr sie dennoch für eine brauchbare Möglichkeit haltet.“ Der Wookiee nahm einen weiteren Schluck Rum und ließ die Wärme langsam die Kehle hinunterlaufen. Pisko, fünf Container weiter, eine Herberge, vermutlich ein Bett für ein paar Nächte. Das konnte man sich ansehen. Vielleicht war das Bett groß genug, vielleicht auch nicht, und wenn nicht, gab es hier schließlich genügend Bäume. Wichtiger war der nächste Teil von Flockes Erklärung. Innerhalb des Außenpostens galt imperiales Recht und wurde offenbar konsequent durchgesetzt. Turrow ließ die Flasche etwas sinken. Regeln waren für ihn nie das eigentliche Problem gewesen. Regeln konnte man lernen, man musste lediglich wissen, welche galten, wer sie durchsetzte und was geschah, wenn man sie brach. Auf Nar Shaddaa waren diese drei Dinge selten dasselbe gewesen, hier schien die Sache wenigstens etwas übersichtlicher zu sein. Er gab ein kurzes Grollen von sich.
„Hrrrrauh.“ „Mein Meister hat verstanden.“ Turrow sah zu Syren hinunter. Das war sehr kurz gewesen. Der Droide ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ich hielt eine ausführlichere Übersetzung nicht für erforderlich.“ Der Wookiee schnaubte, hob die Flasche wieder an und hörte weiter zu. Dann erwähnte Flocke die Zahl. Eintausendsechshundert Credits. Die Flasche blieb auf halbem Weg zu seinem Mund stehen. Sechzehnhundert, zusätzlich zur offiziellen Prämie, für den Schädel eines Tieres, das er ohnehin jagen wollte. Diese Zahl brauchte keine ausführliche Übersetzung. Turrows Blick glitt über die Schulter in Richtung der Informationsanzeigen auf der anderen Straßenseite. Die Verwaltung zahlte für die Beseitigung des Raubtiers, irgendein Geschäftsmann zahlte für die Trophäe, ein Tier, zwei Zahlungen. Seine Lefzen hoben sich leicht und zeigten die Spitzen seiner Zähne. Das war eine ausgesprochen vernünftige Art, Geschäfte zu machen.

Dann meldete sich Syren.
„Unter einer Voraussetzung.“ Turrow sah zu ihr hinunter. „Wir wissen bislang nicht, welchen Nachweis die Verwaltung für die Auszahlung der offiziellen Prämie verlangt. Sollte die Übergabe des Kopfes oder Schädels Bestandteil der Auftragsbedingungen sein, könnten beide Vereinbarungen miteinander kollidieren.“ Das Grinsen des Wookiees verschwand nicht ganz, wurde aber merklich kleiner. Natürlich. Andere Wesen fanden erstaunlich zuverlässig eine Möglichkeit, eine einfache Sache kompliziert zu machen. Er stieß einige kurze Laute aus. „Rrrauh. Hrrrmmm. Graau.“ „Wenn der Schädel nach Erfüllung des offiziellen Auftrags in seinem Besitz verbleibt, ist mein Meister bereit, über die Übergabe an Euren Interessenten für die genannten eintausendsechshundert Credits zu sprechen.“ Ein weiteres kurzes Grollen folgte. „Rrrah.“ „Und er möchte wissen, wer genau der Käufer ist.“ Turrow hob die Flasche wieder an. Der Name des Käufers war ihm weniger wichtig als Syren, sofern der Mann am Ende tatsächlich zahlte, konnte er heißen wie er wollte. Verträge waren ihre Sache, jagen seine, und diese Aufteilung hatte bisher gut funktioniert. Dann kam Flockes zweiter Vorschlag. Ein Restaurant, Abfälle, überhöhte Preise, der Ruf einer ganzen Branche, ehrliche Geschäftsleute, ein Denkzettel und schließlich ein Exempel. Turrow trank nicht mehr. Er betrachtete den Nikto über den Rand der Flasche hinweg und hörte sich die Erklärung bis zum Ende an. Vor wenigen Augenblicken hatte Flocke ihm noch geraten, sich wegen des imperialen Rechts keinen Ärger einzuhandeln, nun bot er ihm fünfhundert Credits dafür, einem anderen Geschäftsmann etwas anzutun, ohne besonders genau zu sagen, was dieses Etwas eigentlich sein sollte. Als Flocke sich über den Tresen beugte, neigte sich auch Turrow ein Stück nach vorn. Dabei kam ihm neben dem scharfen Geruch von Flockes Nervosität noch etwas anderes in die Nase. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Glas auf dem Tresen. Der Inhalt roch süßlich, nach Gewürzen und dem Versuch, Rum zu sein. Aber nicht nach dem Rum in seiner Flasche. Kein scharfer Alkohol, kein schwerer Dunst, nichts von dem Brennen, das noch warm in seiner Kehle saß. Turrow betrachtete erst das Glas, dann seine Flasche und schließlich wieder Flocke. Er sagte nichts, verzog aber leicht seine lefzen.

Der Nikto hatte ihm den echten gegeben und trank selbst irgendein dünnes Zeug. Interessante, aber arum, war im Augenblick nicht wichtig. Aber Turrow vergaß solche Dinge nicht. Von seinem Quergurt erklang Syrens Stimme, bevor er selbst etwas sagen musste.
„Ich möchte anmerken, Meister, dass unser Gastgeber Euch erst vor wenigen Augenblicken ausdrücklich empfohlen hat, Konflikte mit dem imperialen Recht zu vermeiden.“ Turrow blickte zu ihr hinunter, während ein tiefes, beinahe amüsiertes Brummen in seiner Brust vibrierte. „Rrrrmmm.“ Ja, das war ihm ebenfalls aufgefallen, aber es war nicht einmal das eigentliche Problem. Ein Denkzettel, was sollte das heißen? Drohen, schlagen, verletzen, etwas kaputtmachen, Finger brechen, den Mann aus seinem Restaurant werfen, sein Geschäft verwüsten oder ihn gleich töten? Andere Wesen benutzten erstaunlich viele Worte, wenn sie eigentlich nur sagen mussten, was sie wollten. Turrow stellte die Rumflasche auf den Baumstamm, beugte sich noch etwas vor und stieß ein raues Grollen aus. „Grrrauhh... rrrmmm. Hraau.“ Syren übersetzte ohne erkennbare Eile. „Mein Meister möchte wissen, was genau Ihr unter einem Denkzettel versteht.“ Noch ein Laut folgte. „Rrrah. Hrrrrauh.“ „Soll der Mann bedroht, geschlagen oder verletzt werden, soll sein Eigentum beschädigt werden, oder erwartet Ihr eine dauerhaftere Lösung?“ Turrow zeigte dabei keine besondere Regung. Für ihn waren das keine Abstufungen von richtig und falsch, sondern unterschiedliche Aufträge, mit unterschiedlichen Folgen und damit auch unterschiedlichen Preisen. Ein weiteres kurzes Knurren genügte. „Grrrmmm.“ „Fünfhundert Credits erscheinen meinem Meister außerdem wenig, falls die gewünschte Handlung einen Konflikt mit den hiesigen Sicherheitskräften wahrscheinlich macht.“ Turrow nahm die Flasche wieder in die Pranke und einen weiteren tiefen Schluck. Wenn Flocke lediglich wollte, dass jemand eingeschüchtert wurde, mochten fünfhundert Credits ein brauchbarer Preis sein, wenn anschließend imperiale Soldaten hinter ihm her waren, waren fünfhundert Credits sehr wenig.
Der Rum brannte noch einmal angenehm auf seiner Zunge und lief warm die Kehle hinunter, während sein Blick kurz durch die halbfertige Cantina wanderte. Ein Dach gegen den Regen, ein brauchbarer Tresen, Alkohol, Informationen und offenbar Arbeit. Noch immer keine Hookah, was bedauerlich blieb, aber Flocke hatte inzwischen zumindest bewiesen, dass er Dinge wusste, die Credits wert sein konnten. Das genügte fürs Erste, wenn er noch eine Flasche hatte, diese war fast leer. Turrow lehnte sich wieder gegen den improvisierten Tresen und wartete auf die Antwort des Nikto. Der Schädel klang nach einem guten Geschäft. Bei Machelli musste Flocke nur noch lernen, genauer zu sagen, was er eigentlich gekauft haben wollte.


// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke \​
 
[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Landeplattform] Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, acht Soldaten, zwölf Strafgefangene


Der Transporter setzte mit einem dumpfen Dröhnen auf der befestigten Landeplattform auf. Für einen Augenblick heulten die Triebwerke noch gegen den beständigen Regen an, ehe ihre Leistung zurückgefahren wurde und nur noch das tiefe Summen der Aggregate zurückblieb. Wasser lief über den grauen Rumpf, sammelte sich an den Kanten der abgesenkten Tragflächen und fiel in kleinen Strömen auf den bereits vollkommen durchnässten Boden.

Sergeant Jarek Venn wartete, bis die Kontrollleuchte neben der hinteren Rampe von Rot auf Grün wechselte.

Der Fünfunddreißigjährige stand bereits vollständig ausgerüstet zwischen seinen Soldaten und zog mit einer routinierten Bewegung den Riemen seines Blastergewehrs zurecht. Seit dem Eintritt in die Atmosphäre hatte er kaum mehr als einige Worte gesprochen. Es hatte auch wenig zu sagen gegeben. Ihr Auftrag war einfach gewesen, zwölf Strafgefangene zum neuen Außenposten am Nadari-Strom bringen, sie der dortigen Verwahrung übergeben und sich anschließend selbst beim örtlichen Sicherheitskommandanten zu melden.

Zumindest der erste Teil davon sollte in wenigen Minuten erledigt sein.

Mit einem hydraulischen Zischen senkte sich die Rampe.
Feuchte, warme leicht stickige Luft schlug ihnen entgegen.

Venn verzog leicht das Gesicht.

„Bei allen stinkenden Banthas.“

Neben ihm warf Corporal Milo Taren einen Blick hinaus in den Regen.
„Willkommen auf KP-1, Sergeant.“

Venn sah ihn kurz von der Seite an und verdrehte die Augen.
„Danke, Corporal. Ohne Sie hätte ich geglaubt, wir wären in einer Wüste gelandet.“

Einige der Soldaten grinsten, ehe der Sergeant mit einer knappen Handbewegung das Zeichen zum Aussteigen gab.
„Los, Leute. Raus hier.“

Die ersten beiden Soldaten gingen die Rampe hinunter. Venn folgte ihnen, trat hinaus in den Regen und ließ seinen Blick über die Landeplattform wandern. Überall standen Container, Repulsorschlitten und gestapelte Versorgungsgüter. Arbeiter in durchnässter Kleidung bewegten sich zwischen den Ladungen hindurch, während einige Meter entfernt ein Kran schwere Bauelemente von einem Frachter hob. Hinter all dem erhoben sich Gerüste, modulare Gebäude, Zelte und provisorische Schutzwälle.

"Na toll....was für ein Sauhaufen...." sagte er leise zu sich selbst

Und dahinter begann der Dschungel.
Selbst durch den Regen war die gewaltige grüne Wand kaum zu übersehen.
Venn betrachtete sie einen Moment, ehe hinter ihm die ersten Gefangenen auf der Rampe erschienen.

„Na los....weitergehen...Zweierreihen bilden.“

Die zwölf Personen trugen schlichte graue Arbeitskleidung, auf deren Brust und Rücken jeweils eine Kennzeichnung des imperialen Strafvollzuges angebracht war. Ihre Handgelenke waren durch elektronische Sicherungsfesseln miteinander verbunden, jeweils zwei Gefangene bildeten ein Paar.
Es waren keine Schwerverbrecher. Die Akten, die Venn während des Fluges überflogen hatte, enthielten hauptsächlich Eigentumsdelikte, Schmuggel, Betrug, kleinere Gewaltdelikte und einige militärische Disziplinarvergehen. Personen, die ihre Strafen dort verbüßen sollten, wo das Imperium ihre Arbeitskraft gebrauchen konnte.

Und Arbeitskraft schien dieser Ort reichlich zu benötigen.

„Abstand halten.“, befahl Venn, als das letzte Paar die Rampe verlassen hatte. „Wir gehen geschlossen. Niemand bleibt stehen, niemand verlässt die Reihe und niemand kommt auf die Idee, dass der Dschungel eine bessere Unterkunft bietet als die Baracke, zu der wir Sie bringen.“

Einer der Gefangenen blickte an ihm vorbei zu den gewaltigen Bäumen.
Venn folgte seinem Blick.

„Glauben Sie mir. Tut er nicht.“

Taren unterdrückte ein Schmunzeln.

Zwei Soldaten setzten sich an die Spitze der kleinen Kolonne, zwei weitere übernahmen das Ende, während sich die übrigen entlang der Seiten verteilten. Venn ging gemeinsam mit seinem Corporal einige Schritte hinter der Spitze.

Dann setzte sich die Gruppe in Bewegung.
Der Weg führte sie von der Landeplattform direkt durch den Außenposten.

Je weiter sie kamen, desto deutlicher wurde Venn, wie unfertig dieser Ort tatsächlich war. Einige Wege bestanden bereits aus befestigten Platten, andere lediglich aus verdichtetem Boden, auf dem sich der Regen in breiten Pfützen sammelte. Zwischen Wohncontainern und provisorischen Gebäuden verliefen Kabelstränge, Versorgungsschläuche und Entwässerungsgräben. Baumaschinen kämpften sich durch den aufgeweichten Untergrund, während Arbeiter unter Planen Schutz suchten, weiterarbeiteten oder vereinzelte der Kolone aus Gefangen zusah wie sie vorbeimarschierten.

Immer wieder mussten sie Repulsorschlitten und Fahrzeugen ausweichen.
Trotzdem herrschte eine gewisse Ordnung.

Wachposten standen an wichtigen Kreuzungen, Wegweiser zeigten zu Verwaltung, medizinischem Bereich, Versorgung und Landeplattformen. Neue Gebäude entstanden beinahe überall. Zwischen den zweckmäßigen Anlagen hatten sich sogar bereits einige improvisierte Verkaufsstände angesiedelt.

Venn hob eine Augenbraue.
„Wie lange gibt es dieses Loch jetzt eigentlich schon Corporal?“

Taren sah auf sein Datapad.
„Etwas mehr als drei Wochen.“

Der Sergeant blickte auf einen Händler, der unter einer Plane irgendetwas Warmes aus einem dampfenden Behälter verkaufte.
„Drei Wochen hm.....“

Der Corporal folgte seinem Blick.
„Unternehmertum, Sergeant.“

Der Sergeant gab einen abfälligen ton von sich.
„Pfff...Parasiten finden einen Wirt eben schnell.“
Taren grinste.


Wenige Minuten später kamen sie an einem der größeren Frachtcontainer vorbei, der sich auf den ersten Blick kaum von den zahlreichen anderen Provisorien des Außenpostens unterschied.

Erst beim Näherkommen wurde deutlich, dass jemand offenbar beschlossen hatte, daraus eine Bar zu machen.

Aus der dem Weg zugewandten Flanke des Containers war eine breite Fläche herausgeschnitten worden, wodurch man beinahe ungehindert ins Innere sehen konnte. Dort standen einige zusammengewürfelte, sichtbar gebrauchte Möbelstücke und mehrere Barhocker. Kabel verschwanden zwischen unfertigen Beleuchtungselementen, während hinter dem improvisierten Ausschank verschiedene Flaschen standen. Der Tresen selbst schien aus einem gewaltigen Baumstamm herausgearbeitet worden zu sein, der sich quer durch einen Teil des Containers zog.

Venn verlangsamte für einen Moment seinen Schritt.
„Eine Bar?“

Taren sah hinein.
„Sieht danach aus.“

Der Sergeant ließ seinen Blick über den aufgeschnittenen Frachtcontainer und dessen Einrichtung wandern.
„Natürlich.“

Kaum drei Wochen stand dieser Außenposten mitten im Dschungel, aber irgendjemand hatte bereits einen Frachtcontainer aufgeschnitten und angefangen, darin Alkohol auszuschenken.

Venn wusste nicht, ob ihn das überraschen oder beruhigen sollte.
Einer der Gefangenen drehte den Kopf und betrachtete das Innere etwas länger.

Taren bemerkte es.
„Augen nach vorne.“

Der Mann gehorchte.
„Keine Sorge.“, fügte der Corporal hinzu. „Ihr Quartier hat bestimmt auch hervorragende Freizeitangebote.“

Einige Soldaten lachten leise.

Venn schüttelte den Kopf musste aber ein schmunzeln unterdrücken.
„Corporal“

„Sergeant?“

„Sie sind ein schlechter Mensch.“
sagte Vess mit leicht belustigter Stimme.

„Danke, Sergeant.“ sagte dieser ebenfalls ein schmunzeln unterdrückend.

Was wieder ein paar verhaltene Lacher der Soldate nach sich Zug

"Haltet euer verdammtest Maul und marschiert weiter", beendete dann schlussendlich Sergeant Vess das gespräch

Sie ließen den aufgeschnittenen Container hinter sich und marschierten weiter in Richtung des südöstlichen Randes des Außenpostens.
Aber Vess war sich sicher, das man diese Bar später mal besuchen könnte

Dort lag der kleine Verwahrungsbereich.

Eine etwa drei Meter hohe Metallbarriere umschloss einen rechteckigen Abschnitt unmittelbar innerhalb der äußeren Sicherungsanlagen des Lagers. Bewegungsmelder und Scheinwerfer waren an mehreren Stellen angebracht worden, während ein kleiner Wachposten den einzigen regulären Zugang kontrollierte. Dahinter standen drei langgezogene Baracken, ein Sanitärmodul und ein überdachter Bereich, der vermutlich für Appelle und Essensausgabe genutzt wurde.

Kein Hochsicherheitsgefängnis.
Aber ausreichend, um Personen daran zu erinnern, dass sie den Bereich nicht nach eigenem Ermessen verlassen konnten.
Als sich Venn mit seiner Gruppe dem Tor näherte, trat ein Soldat aus dem Wachgebäude. Hinter ihm erschienen eine Handvoll weitere Soldaten.

Der Mann blieb vor Venn stehen und salutierte.
„Sergeant.“

Venn erwiderte den Gruß.
„Corporal......hier zwölf Strafgefangene zur Überstellung. Transportauftrag NV-771.“

Der Wachhabende nahm das angebotene Datapad entgegen und überflog die darauf angezeigten Unterlagen.
„Wir wurden informiert.“

Er gab zwei seiner Leute ein Zeichen.
Das Tor öffnete sich.
Die Gefangenen wurden paarweise durchgezählt, ihre Identifikationen mit den übermittelten Daten abgeglichen und anschließend von den Wachmannschaften übernommen. Einer nach dem anderen verschwand hinter der Absperrung.

Venn wartete, bis auch der letzte hindurchgegangen war.
„Zwölf übergeben.“

Der Wachhabende bestätigte die Übernahme auf dem Datapad und reichte es zurück.
„Zwölf übernommen. Keine besonderen Vorkommnisse?“

„Keine.“

Venn steckte das Pad ein.
„Nun gehören sie Ihnen.“

„Bedauerlicherweise aber wir können die Arbeiter gut brauchen.“

Für einen kurzen Augenblick sahen sich beide Männer an.

Dann verzog Venn den Mund zu einem angedeuteten Grinsen.
„Viel Vergnügen.“

Der Wachhabende salutierte erneut.
„Sergeant.“

Das Tor schloss sich hinter ihnen.
Damit war zumindest der erste Auftrag erledigt.


Der Rest gestaltete sich weniger interessant.

Nachdem Venn seine Gruppe beim Sicherheitskommando des Außenpostens gemeldet hatte, folgten Identitätskontrollen, die Registrierung ihrer Ausrüstung, eine kurze Einweisung und schließlich die Mitteilung, die keiner von ihnen während des Fluges mit Sicherheit hatte beantworten können.

Sie würden bleiben.

Der Personalbedarf im Außenposten war größer als ursprünglich vorgesehen. Die vorhandenen Sicherheitskräfte wurden zunehmend für Patrouillen, Begleitschutz, Wachaufgaben und die Sicherung der Arbeiten außerhalb der Befestigungen benötigt. Venns Gruppe sollte daher bis auf Weiteres die örtlichen Kräfte unterstützen.

Welche Aufgaben genau auf sie warteten, würde man ihnen am folgenden Morgen mitteilen.
Für heute erhielten sie lediglich ihre Unterkunft.

Die Baracke war klein, zweckmäßig und roch noch nach den Verbundstoffen, aus denen ihre Wände bestanden. Zehn Schlafplätze standen in zwei Reihen entlang der Seiten, dazwischen befanden sich Spinde, ein Tisch und gerade genug Platz, dass zehn Soldaten gleichzeitig darin leben konnten, ohne sich permanent gegenseitig auf die Füße zu treten.

Venn stellte seinen Rucksack neben eines der Betten.
„Gut. Das hier gehört ab sofort uns.“

Einer der Soldaten sah sich um.
„Gemütlich.“

„Sie können gerne draußen schlafen wenn Ihnen etwas nicht passt Private.“


Der Mann stellte augenblicklich seinen Rucksack ab.
„Ich nehme alles zurück, Sergeant.“

Venn löste den Verschluss seiner Weste.
„Morgen 0600 Antreten. Vollständige Ausrüstung. Bis dahin richten Sie sich ein. Sie dürfen sich innerhalb der freigegebenen Bereiche des Außenpostens bewegen und am liebsten wäre mir immer zu zweit.“

Es dauerte kaum zwei Sekunden.

„Auch der Pub Sergeant?“

Venn schloss kurz die Augen.
Natürlich, warum war hatte er das gewusst.
Er drehte sich zu dem Soldaten um.

„Wenn Sie morgen um 0600 noch wissen, wie man gerade steht, seinen Dienst vollzieht und ich Sie nicht aus Zehn Lichtjahren gegen den Wind rieche.....ja dann auch der Pub.“

„Jawohl, Sergeant.“
antworteten die Soldaten im Chor

„Und wenn ich einen von Ihnen heute Nacht aus irgendeinem Entwässerungsgraben ziehen muss, melde ich ihn freiwillig für die erste Dschungelpatrouille.“

Taren lehnte sich gegen einen der Spinde.
„Das könnte als Anreiz verstanden werden.“

Venn sah zu seinem Corporal.
„Dann kommt er zur Latrinenreinigung.“

„Schon überzeugender.“

Einige Männer lachten.

Venn ließ sie.

Sie hatten einen langen Flug hinter sich, einen Auftrag ohne Schwierigkeiten abgeschlossen und würden früh genug herausfinden, weshalb ein Außenposten mitten im Dschungel zusätzliche Soldaten benötigte.

Für heute durften sie ankommen.


Etwas später hatte der Regen tatsächlich nachgelassen.
Venn hatte bereits den Eindruck gewonnen, dass Regen auf KP-1 nicht aufhörte, sondern lediglich unterschiedliche Stärken annahm.

Gemeinsam mit Taren und einigen seiner Männer ging er den Weg zurück, den sie zuvor mit den Gefangenen gekommen waren. Die meisten hatten ihre Ausrüstung in der Baracke gelassen und trugen nur noch ihre Dienstuniformen. Überall im Lager brannten mittlerweile Scheinwerfer und Arbeitsleuchten. Maschinen waren noch immer in Betrieb, irgendwo wurde Metall geschnitten und aus der Richtung der Landeplattform drang das tiefe Dröhnen eines startenden Transporters herüber.

Jenseits der äußeren Beleuchtung lag der Dschungel bereits beinahe vollständig im Dunkeln.

Ein langgezogener Laut hallte irgendwo zwischen den Bäumen hervor.
Einer der Soldaten blieb einen Moment stehen.
„Was war das?“

Venn ging weiter.
„Etwas, das hoffentlich keinen Durst hat.“

Taren schnaubte.

Wenig später tauchte das beleuchtete Gebäude vor ihnen auf, an dem sie vorhin vorbeigekommen waren.

Der Pub.


Venn blieb einige Meter davor stehen und betrachtete das improvisierte Schild über der Tür.
Sechsunddreißig Jahre Lebenserfahrung hatten ihn gelehrt, dass eine Bar auf einer abgelegenen Grenzwelt sowohl der beste als auch der schlechteste Ort sein konnte, um etwas über seinen neuen Einsatzort zu erfahren.

Nach dem Flug, zwölf Gefangenen und einem Marsch durch Schlamm konnte er sich allerdings schlechtere Möglichkeiten vorstellen, seinen ersten Abend am Nadari-Strom zu verbringen.

Er sah zu seinen Leuten.
„Na schön. Ein Getränk.“

Hinter ihm grinste einer der Soldaten.
„Nur eines, Sergeant?“

Sergeant Venn sah ihn an.
„Morgen. 0600.“

Das Grinsen wurde merklich kleiner.
„Ein Getränk, Sergeant.“

„Sehr vernünftig.“

Taren trat neben ihn und betrachtete den Eingang.

„Und für uns, Sergeant?“
Jarek zog eine Augenbraue hoch.
„Wir müssen schließlich ein Auge auf die Männer haben.“
Der Corporal nickte ernst.
„Selbstverständlich. Dienstliche Notwendigkeit.“

„Genau.“

Venn setzte sich wieder in Bewegung.
Gemeinsam gingen sie auf den Pub zu.


[Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | vor dem Pub] Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten
 
Zuletzt bearbeitet:
Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke und Mad Claw mit Syren


Flocke beobachtete den Wookiee genau, während er ihm von den Privataufträgen erzählte. Und bei Erwähnung des Betrags, der für die Trophäe gezahlt werden würde, verzog sich die der Mund von Mad Claw zu einem Raubtiergrinsen. Die Rückfrage des kleinen Droiden bestätigte nur, dass er schon angebissen hatte. Flocke hatte noch nicht ganz verstanden, ob der Droide ein schlichter Übersetzer war, oder ein Assistent, oder vielleicht war es ja sogar andersherum, dass das Pelzvieh eigentlich nach der Pfeife des Droiden tanzte, aus welchen Gründen auch immer. Er hatte schon so einiges gesehen, da würde ihn das auch nicht wundern.

Trotzdem blieb er dabei, immer den Wookiee direkt anzusprechen und den Droiden weitestgehend zu ignorieren. Das erschien ihm gesünder.


„Ein berechtigter Einwand, klar. Ich kann mir nicht vorstellen, warum die Verwaltung den Schädel des Tieres behalten wollen würde, aber das solltest du wohl im Voraus mit denen klären. Kannst ja behaupten, dass es unter Großwildjägern üblich ist, das Ding zu behalten. Und was den Trophäensammler betrifft.“ Der Nikto hielt inne und streifte sich nachdenklich über die Hörner an seinen Wangen.

„Die Person möchte gerne anonym bleiben. Das ist ja auch der Grund, warum sie an mich herangetreten ist, um das Angebot an fähige Jäger zu bringen. Ansonsten könnte sie auch eine öffentliche Ausschreibung machen. Aber Flocke ist diskret, du verstehst schon.“
Er grinste wieder.

Als sie zum zweiten Auftrag kamen, wo es um Machelli ging, wurde der Wook ziemlich direkt. Flocke hob beruhigend die Hände.


„Sachte, sachte! Natürlich soll die Lösung dauerhaft sein, aber das muss ja nicht das Äußerste bedeuten. Ich kann dir sagen, wie ich es vielleicht machen würde: Dem Stümper einen Besuch abstatten, ein bisschen auf die Kacke hauen, damit klar ist, wer am längeren Hebel sitzt und ihm dann klar machen, dass seine unlauteren Praktiken und überhaupt er selbst hier am Nadari nicht erwünscht ist. Aber ich überlasse dir da alle künstlerische Freiheit, solange die Botschaft klar bei ihm ankommt und er schnellstmöglich die Beine in die Hand nimmt und von hier verschwindet.

Und wegen der Imps: Das Problem ist ja, dass Machelli im rechtlichen Graubereich agiert, aber trotzdem den Leuten hier schadet. Rein rechtlich ist ihm das schwer nachzuweisen und die Verwaltung hat hier auch Besseres zu tun. Deshalb müssen wir einspringen und die Sache in Ordnung bringen. Kann ja nicht angehen, dass den guten Leuten hier für verwurstete Abfälle das Geld aus der Tasche gezogen wird!

Und keine Sorge. Solang du ihm nur ein bisschen das Mobiliar zerhaust und drohst, wird es keinem Offiziellen auffallen. Und er kann nicht zu den Imps rennen, weil er selbst Dreck am Stecken hat.“


Der Wirt hielt inne und beobachtete eine Gruppe Soldaten, die sich vor der Bar versammelt hatten. Sie entschlossen sich offenbar, hier einzukehren. Flockes Grinsen wurde breiter, als er sich noch einmal an Mad Claw wandte:

„Und wegen der Bezahlung. Ja, du hast einen Punkt. Es ist nicht ganz ohne, das Ganze diskret durchzuziehen. Wenn du es trotzdem schaffst, dass Machelli Hals über Kopf abhaut, dann leg ich nochmal 200 Credits drauf. Letztes Angebot!“


Dann schenkte der grüne Nikto den hereinströmenden Soldaten seine Aufmerksamkeit. Vorneweg waren ein Sergeant und ein Corporal. Flocke war unter imperialer Herrschaft aufgewachsen und Militärs waren bei jeder seiner bisherigen Unternehmungen zumindest teilweise Kundschaft gewesen. Deshalb erkannte er die Rangabzeichen der Gesellschaft auf den ersten Blick.

Natürlich hatte er als Nicht-Mensch schon oft schlechte Erfahrungen mit Imperialen Militärs gemacht. Umso wichtiger war es, sich möglichst viele Freunde unter den hiesigen Soldaten zu machen, um im Streitfall auch Fürsprecher zu haben. Diese Männer hatte er noch nie am Nadari gesehen. Umso besser, der erste Eindruck war schließlich immer der wichtigste.

Also breitete er in bester Gastgebermanier die Arme aus und lächelte.


„Wie schön, dass die Herrschaften den Weg in meine bescheidene Cantina gefunden haben. Sergeant, Corporal. Mein Name ist Flocke, stets zu Diensten, wenn es um das leibliche Wohl oder das Seelenheil geht.“ Er deutete einen lockeren Salut an und begann dann routiniert und ungefragt Biere zu zapfen und eines nach dem anderen auf vor die Soldaten auf den Tresen zu stellen.

„Bestes Iridonia-Hell. Die erste Runde geht auf’s Haus. Sie alle sind neu hier, stimmts? Da ist ein kleiner Willkommensgruß nur angebracht.“

Es war im Grunde das gleiche wie mit dem Wookiee. Eine kleine Investition, die sich vielleicht einmal bezahlt machen würde. Aus alter Gewohnheit zapfte er sich selbst auch eine Halbe und prostete den Soldaten zu, die sich nun am Tresen scharten.

„Auf den Verrückten, der die Idee dieser Expedition inmitten des tiefsten Dschungels hatte. Und auf die Soldaten, die uns die Wildnis vom Leib halten.“

Er hoffte, den richtigen Ton getroffen zu haben. Und er hoffte, diese Truppe wäre nicht nur für einen Abend hier im Außenposten, sondern dauerhaft stationiert. Nichts ging über Stammgäste, besonders wenn ein Sergeant darunter war.


Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke, Mad Claw mit Syren, NSCs: Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten
 
Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke, Mad Claw mit Syren, NSCs: Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten


Als Sergeant Jarek Venn gemeinsam mit seinen Männern die breite, aus der Seitenwand des Frachtcontainers geschnittene Öffnung passierte, bestätigte sich zunächst ziemlich genau jener Eindruck, den er bereits einige Stunden zuvor beim Vorbeimarsch gewonnen hatte. Die Cantina war unfertig, improvisiert und an manchen Stellen vermutlich nur deshalb noch nicht auseinandergefallen, weil bislang niemand ernsthaft versucht hatte herauszufinden, welche ihrer Konstruktionen tatsächlich tragend waren. Kabel verschwanden irgendwo zwischen den Wänden, einzelne Leuchten wirkten eher zweckmäßig als zuverlässig, die Möbel waren sichtbar aus verschiedenen Beständen zusammengetragen worden und der gewaltige Baumstamm, der als Tresen diente, war gleichzeitig das Eigenwilligste und vermutlich Stabilste im gesamten Raum.

Venn hatte allerdings nichts anderes erwartet.

Wer mitten in einem drei Wochen alten Außenposten im Dschungel nach polierten Tischen, Messingbeschlägen und sauber ausgerichteten Flaschenregalen suchte, hatte entweder zu viel Geld oder zu wenig Verstand.

Seine Aufmerksamkeit blieb für einen kurzen Augenblick an dem großen silberweißen Wookiee hängen, der sich bereits im Inneren befand. Der Blick des Sergeants verengte sich kaum merklich, nicht aus offener Feindseligkeit, sondern aus jener Angewohnheit heraus, die ihm viele Dienstjahre eingebracht hatten. Große Fremde, ungewöhnliche Bewaffnung und Personen, die deutlich stärker waren als die meisten Anwesenden, verdienten zumindest einen zweiten Blick.

Mehr jedoch nicht auch nicht.
Der Wookiee saß hier, trank offenbar etwas und machte bislang keinerlei Anstalten, jemanden durch eine Wand zu werfen.
Damit fiel er für Venn zunächst in die Kategorie nicht sein Problem.

Noch bevor der Sergeant etwas zu seinen Männern sagen konnte, wandte sich bereits der grüne Nikto hinter dem Tresen an sie, breitete demonstrativ die Arme aus und begrüßte die Neuankömmlinge mit jener Selbstverständlichkeit, die offenbar nur Wirte, Händler und Leute besaßen, die einem innerhalb der nächsten fünf Minuten etwas verkaufen wollten.

Als der Nikto dabei einen ausgesprochen lockeren Versuch eines Saluts andeutete, wanderte Venns rechte Augenbraue langsam nach oben.

Er betrachtete die Bewegung einen Augenblick lang, ehe ihm ein leises, belustigtes Schnauben entwich.
Taren bemerkte es natürlich sofort.
Der Corporal sagte nichts, doch Venn sah aus dem Augenwinkel, wie dessen Mundwinkel zuckten.

„So so Flocke also.“ sagte der Sergeant.

Venn musterte den Nikto kurz und nickte anschließend zur Begrüßung.

„Sergeant Jarek Venn. Der Herr neben mir ist Corporal Milo Taren, und die übrigen Herren werden Ihnen vermutlich schneller ihre Namen verraten, als mir lieb sein kann, sobald ausreichend Alkohol im Spiel ist.“

Hinter ihm erklang bereits das erste gedämpfte Lachen.

Als Flocke damit begann, ungefragt mehrere Gläser mit Bier zu füllen und eines nach dem anderen auf den improvisierten Tresen zu stellen, wandelte sich die Aufmerksamkeit der Soldaten schlagartig. Eben noch hatten einige die Einrichtung und den Wookie begutachtet, nun richteten sich beinahe sämtliche Blicke auf den Ausschank.

Venn sah zunächst das Bier an.
Dann Flocke.
Dann wieder das Bier.

Ein Teil seines Verstandes, der seit Jahren dafür zuständig war, in jeder freundlichen Geste irgendeine Verpflichtung zu vermuten, meldete sich augenblicklich zu Wort. Gleichzeitig war ihm vollkommen bewusst, dass ein Wirt an einem neuen Standort vermutlich nichts lieber wollte als Soldaten, die regelmäßig wiederkamen und ihre Credits bei ihm ließen.

Er griff nach dem Glas.

„Das ist entweder bemerkenswert gastfreundlich oder eine ausgesprochen raffinierte Form der Kundenbindung.“

Flockes Grinsen ließ zumindest vermuten, dass er mit beidem nicht vollkommen danebenlag.
Venn hob das Bier leicht an.

„Aber ich werde mich nicht beschweren. Los Jungs, greift zu.“

Auch seine Männer griffen nun nach den bereitgestellten Gläsern, während Flocke sich selbst einschenkte und seinen kleinen Trinkspruch ausbrachte.

Venn hielt sein Glas bereits erhoben, verzog bei den ersten Worten jedoch leicht den Mund.

„Auf den Idioten trinke ich ganz bestimmt nicht.“
Mehrere seiner Soldaten sahen zu ihm.
Der Sergeant deutete mit dem Glas hinaus in Richtung des dunklen Dschungels.

„Ohne den wären wir nämlich nicht hier.“
Das brachte dem Sergeant ein paar Lacher ein.

Venn richtete sich etwas gerader auf und hob sein Bier höher.
Seine Stimme gewann dabei automatisch jene feste Lautstärke, die er auf Kasernenhöfen, Transportern und in Mannschaftsräumen schon unzählige Male benutzt hatte.

„Auf das Imperium und unsere Imperatorin
Mehrere Gläser gingen hoch.

„Auf das Imperium und unsere Imperatorin!“
klang es im Chor.

Der Sergeant ließ seinen Blick durch die kleine Gruppe wandern, ehe er mit einem leichten Grinsen das Glas in Richtung Flocke neigte.
„Und natürlich ein Hoch auf den, der das Getränk bezahlt.“

Die Männer lachten und riefen.
„Ein Hoch!“

Venn trank.
Das Bier war tatsächlich besser, als er erwartet hatte.
Nicht außergewöhnlich, aber kalt genug, ordentlich gezapft und nach Transport, Regen, Schlamm und einem halben Tag voller Formulare ziemlich genau das Richtige.

„Hm.“
Er betrachtete das Glas.
„Gar nicht schlecht.“
Taren hatte sein eigenes bereits zur Hälfte geleert.
„Sehr überzeugende Kundenbindung.“

Wenige Augenblicke später hatten sich Taren und die übrigen Soldaten bereits einen Tisch unmittelbar neben dem Tresen ausgesucht. Das Möbelstück stand leicht schief und bewegte sich verdächtig, sobald einer der Männer seinen Unterarm darauf ablegte, was jedoch niemanden davon abhielt. Einer der Soldaten schob kurzerhand ein zusammengefaltetes Stück Verpackungsmaterial unter eines der Tischbeine und erklärte das Problem damit für gelöst.

Venn blieb am Tresen stehen.
Er nahm einen weiteren Schluck und ließ den Blick noch einmal durch die Cantina wandern.
Für eine improvisierte Bar war der Laden gar nicht mal so schlecht. Jedenfalls hatte Flocke verstanden, was Personen an einem Ort wie diesem brauchten. Etwas zu trinken, etwas Gesellschaft, noch mehr zu trinken und einen Platz, an dem man für einige Stunden vergessen konnte, dass hinter den letzten Scheinwerfern ein Dschungel begann, der einen vermutlich ebenso bereitwillig fraß wie alles andere.

Sein Blick wanderte erneut zu dem Wookiee.
Diesmal blieb er etwas länger an ihm hängen, denn einen Wookiee mit so einem Fell hatte er noch nie gesehen.
Nicht lange genug, um daraus eine Provokation zu machen.
Nur lang genug, dass dem anderen vermutlich nicht entging, dass Venn ihn wahrgenommen hatte.

Der Sergeant hob sein Bier leicht in dessen Richtung und nickte einmal.

Dann wandte er sich wieder Flocke zu.
Für einen Moment sah er den Nikto an, anschließend die unfertige Beleuchtung über ihnen, die zusammengewürfelten Möbel und schließlich den Baumstamm, der als Tresen diente.

Venn öffnete bereits den Mund.

„Na, ich nehme an, diese Bru...“

Er hielt inne.

„...diese Bar gehört dir, mein kleiner Freund?“

Der Sergeant war mit seinen ungefähr 1,89 Meter ohnehin kein kleiner Mann und überragte den Nikto deutlich. Trotzdem lag in seiner Stimme keine offene Herablassung. Vielmehr klang es wie die leicht belustigte Feststellung eines Mannes, der gerade versuchte herauszufinden, wer genau die Person war, die mitten im Dschungel einen Frachtcontainer aufgeschnitten, einen Baumstamm zum Tresen erklärt und damit innerhalb weniger Wochen offenbar bereits eine funktionierende Cantina geschaffen hatte.

Venn nahm noch einen Schluck und Wartete auf die Antwort seines gegenübers.


Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke, Mad Claw mit Syren, NSCs: Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten
 
// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke, Sergeant Venn, Corporal Taren, Soldaten \​

Turrow hörte Flockes Erklärung über den unbekannten Trophäensammler an und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Dass der Käufer seinen Namen nicht nennen wollte, störte ihn weit weniger als vermutlich Syren. Namen waren nützlich, wenn man jemanden suchen musste, ansonsten interessierte ihn hauptsächlich, ob das Wesen seine Schulden bezahlte. Sechzehnhundert Credits blieben sechzehnhundert Credits, egal wessen Hand sie am Ende hergab. Syren sah die Angelegenheit erwartungsgemäß etwas anders.

„Wenn Euer Auftraggeber anonym bleiben möchte, betrachtet mein Meister Euch als Vermittler dieser Vereinbarung.“ Turrow ließ ein zustimmendes Brummen hören und hob die Flasche erneut an. „Rrrrmmm... grauh.“ „Das schließt insbesondere die Auszahlung der vereinbarten eintausendsechshundert Credits nach Übergabe der Trophäe ein.“ Der Wookiee sah kurz zu Syren hinunter. Sie sagte es wieder komplizierter, als er es getan hätte. Wenn der Fremde nicht zahlte, war Flocke derjenige, den sie kannten. Das genügte.

Was den Schädel betraf, würde sich beim Sicherheitsbüro klären lassen, ob die Verwaltung ihn überhaupt verlangte. Falls nicht, konnte Turrow mit derselben Jagd zweimal verdienen. Ein erstaunlich angenehmer Gedanke, der ihn den Rum beinahe noch besser schmecken ließ. Beim zweiten Auftrag wurde Flocke endlich deutlicher. Machelli sollte nicht sterben, zumindest nicht notwendigerweise, er sollte verstehen, dass sein Geschäft am Nadari unerwünscht war und danach möglichst schnell verschwinden. Ein Besuch, etwas kaputtes Mobiliar, eine glaubwürdige Drohung und genügend Nachdruck, damit der Mann beschloss, sein Glück an einem anderen Ort zu versuchen. Das war wesentlich verständlicher. Turrow kannte diese Art von Arbeit. Man musste niemanden töten, um ihm etwas beizubringen. Meistens reichte es, ihm sehr deutlich zu zeigen, wie viel schlimmer der nächste Besuch werden konnte. Siebenhundert Credits waren dafür zumindest interessanter als fünfhundert. Noch immer nicht viel, falls das Ganze schlecht ausging, aber Flocke hatte ebenfalls erklärt, dass Machelli selbst wenig Interesse daran haben dürfte, die Aufmerksamkeit imperialer Stellen auf seine Geschäfte zu lenken. Der Wookiee nahm einen langsameren Schluck und betrachtete den Nikto über die Flasche hinweg.

Er wollte gerade antworten, als mehrere neue Gerüche in die Cantina drangen. Nasses Gewebe, Leder, Waffenöl, Metall, Schlamm und Menschen. Soldaten. Turrow wandte den Kopf. Eine kleine Gruppe Imperialer trat unter das Dach. Zwei davon standen schon durch Haltung und Abzeichen über den übrigen, ein Sergeant und ein Corporal, wie Syren ihm bei Bedarf ohnehin hätte sagen können. Die Männer sahen sich um, bemerkten die zusammengewürfelte Einrichtung, den Baumstamm als Tresen und schließlich auch ihn. Der Sergeant blieb mit dem Blick einen Augenblick länger an Turrow hängen. Nicht herausfordernd, nicht ängstlich, nur aufmerksam. Der Wookiee erwiderte den Blick. Flocke hatte ihm gerade noch erklärt, dass niemand von den Imperialen etwas von Machellis Denkzettel bemerken würde. Nun standen ein Sergeant, ein Corporal und mehrere Soldaten kaum eine Armlänge von dem Tresen entfernt. Syren sprach so leise, dass ihre Worte kaum über das Geräusch der Neuankömmlinge hinausreichten.
„Das Timing ist bemerkenswert, Meister.“ Ein tiefes Brummen vibrierte in Turrows Brust. „Rrrrmmm.“ Über Machelli konnte man später weiterreden.

Flocke schien derselben Meinung zu sein, denn kaum waren die Soldaten am Tresen, veränderte sich die ganze Aufmerksamkeit des Nikto. Das leise Geschäftsgespräch war vorbei, stattdessen kamen Begrüßungen, Namen, Dienstgrade und Bier. Kostenloses Bier. Turrow beobachtete ihn. Er erinnerte sich an den Rum in seiner eigenen Pranke, an die Einladung von der Straße und an Flockes Behauptung, einfach ein geselliger Mann zu sein. Dann fiel sein Blick auf das Glas des Nikto. Beim Vorbeugen hatte er es gerochen. Süßlich, gewürzt, ähnlich genug, um aus einiger Entfernung als derselbe Rum durchzugehen, aber ohne den scharfen Geruch von Alkohol, ohne jene Hitze, die der echte noch immer in Turrows Kehle hinterließ. Flocke trank nicht dasselbe wie seine Gäste. Nun bekamen die Soldaten ihre erste Runde umsonst. Turrow verstand vielleicht nicht jede Feinheit solcher Geschäfte, aber Muster verstand er durchaus. Der Nikto verschenkte keinen Alkohol, er kaufte damit etwas. Wohlwollen, Namen, Gesichter, vielleicht spätere Gefallen oder einfach Wesen, die wiederkamen und beim nächsten Mal mehr bezahlten. Bei Turrow wusste Flocke möglicherweise selbst noch nicht genau, was er gekauft hatte. Der Wookiee nahm einen weiteren Schluck. Bislang war die Investition jedenfalls nicht schlecht angelegt. Die Soldaten erhoben ihre Gläser. Es wurde auf das Imperium und ihre Imperatorin angestoßen, Stimmen füllten die kleine Cantina und Bier schwappte in Gläsern. Turrow verstand genug Basic, um zu wissen, worauf sie tranken. Er hob seine Flasche nicht, es war nicht sein Trinkspruch, er trank trotzdem.

Der Rum brannte angenehm auf der Zunge und lief warm seine Kehle hinunter, während sich die Soldaten langsam im Raum verteilten. Einer der Männer, der Sergeant, sah anschließend erneut zu ihm herüber. Diesmal hob er sein Bier ein Stück und nickte. Turrow hielt seinen Blick für einen Moment. Dann hob er die Rumflasche ebenso weit an und erwiderte das Nicken. Mehr war nicht nötig, der Mann hatte ihn gesehen, Turrow hatte ihn gesehen. Keiner von beiden hatte daraus ein Problem gemacht. Das sprach fürs Erste für den Menschen. Während Flocke sich nun seinen neuen Gästen widmete, lehnte sich der Wookiee wieder etwas schwerer gegen den improvisierten Tresen. Der Geruch von Bier mischte sich mit feuchter Kleidung, Schweiß, Waffenöl und dem schweren Duft seines Rums. Von draußen drang das stetige Tropfen des nachlassenden Regens herein, irgendwo jenseits der Container dröhnten weiterhin Maschinen und dahinter wartete der Dschungel. Noch immer fehlte eine Hookah, aber der Ort wurde langsam interessanter. Syren wartete einen Augenblick, ehe sie leise zu ihm sprach.


„Ich vermute, unser Gastgeber betrachtet Beziehungen als langfristige Investitionen, Meister.“ Turrow sah erst zu Flocke, dann zu den kostenlosen Bieren und schließlich auf die Flasche in seiner Pranke. Ein kurzes Grollen. „Rrrrmmm.“ „Ja. In Eurem Fall scheint die Investition bislang überwiegend aus Aureanischem Rum zu bestehen.“ Die Lefzen des Wookiees hoben sich leicht, er nahm noch einen Schluck. Gute Investition, Machelli konnte warten. Das Tier draußen nicht unbedingt. Und sobald Flocke mit seinen neuen Gästen beschäftigt war, würde Turrow ohnehin noch einen Besuch beim Sicherheitsbüro zu machen haben.

// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke, Sergeant Venn, Corporal Taren, Soldaten \​
 
Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke, Mad Claw mit Syren, NSCs: Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten


Während die Soldaten bereitwillig zugriffen, war Flocke dem Wookiee noch einen Seitenblick zu. Der Droide hatte noch festgestellt, dass sie ihn persönlich als Auftraggeber des Trophäen-Deals betrachteten, wenn sie den Namen vom dem Sammler nicht erfuhren. Das war dem Nikto sowieso klar. Darum ging es ja. Dieser reiche Bastard musste sich die feinen Händchen nicht an so einem streng riechenden Fellmonster schmutzig machen und Flocke strich eine Vermittlungsgebühr ein. Ganz normales Geschäft.

Jedenfalls bestärkte die Aussage des Droiden nur das Interesse an dem Job. Gut so.
Dann wandte der Sergeant wieder das Wort an ihn.

„...diese Bar gehört dir, mein kleiner Freund?“
„Ja, ganz richtig. Und ich habe alles selbst gebaut.“ Dabei warf er sich stolz in die Brust. Nur um dann grinsend zu zwinkern. „Das sieht man ja wohl, oder? Na gut, ich geb’s zu, mein kleiner R-5 Astromech hat mir geholfen, aber nur ein bisschen. Der ist mindestens so ungeschickt wie ich. Stinkt ordentlich ab gegen einen R-2, so ein Billigmodell. Aber was soll man machen, ist nicht gerade ein Kinderspiel, in so einem Drecksloch über die Runden zu kommen.“

Er verschwand kurz durch einen mit einem Perlenvorhang verhängten Durchgang und kehrte mit zwei Schalen Knabberzeugs wieder, von denen er eine an die Bar und eine auf den Tisch stellte, an dem sich die restlichen Soldaten niedergelassen hatten. Dann nahm er das Gespräch einfach wieder dort auf, wo er aufgehört hatte.

„Was mich zu der Frage bringt: Was führt euch denn hierher an den Nadari? Fernweh wird’s ja wohl nicht sein, nehme ich an.“

Flocke war immer auf Neuigkeiten aus. Und die wertvollsten Neuigkeiten hier im Außenposten bekam man von den Imps selber.
Danach sah er sich noch einmal nachdenklich in der Kaschemme um.
„Ach ja, und falls ihr wen kennt, der wen kennt: Ich hätte hier drinnen gerne noch eine ordentliche Anlage. Eine richtige Band wird sich hier kaum finden, aber zumindest Hintergrundmusik aus der Box wäre bitter nötig…“


Unbekannte Regionen | Imperialer Raum | Kolonie-Planet 1 | Außenposten der Nadari-Expedition | Cantina ] Flocke, Mad Claw mit Syren, NSCs: Sergeant Jarek Venn, Corporal Milo Taren, einige Soldaten
 
// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Nadari-Strom /\ Außenposten der Nadari-Expedition /\ Flockes noch namenlose Cantina /\ Turrow, Syren, Flocke, Sergeant Venn, Corporal Taren, Soldaten \​


Turrow blieb noch einen Moment am Tresen stehen, während Flockes Aufmerksamkeit inzwischen vollständig den neuen Gästen gehörte. Stimmen, Gelächter und der Geruch von frisch gezapftem Bier füllten die kleine Cantina, während draußen der Regen nur noch in schweren Tropfen von Planen und Containerdächern rann. Der Wookiee hob die Rumflasche ein letztes Mal an, nicht mehr viel. Er setzte sie an, ließ den verbliebenen Rum über die Zunge laufen und schluckte langsam. Wieder dieses angenehme Brennen, erst im Mund, dann warm die Kehle hinunter, bis nur noch der schwere Geschmack auf der Zunge zurückblieb. Gut, ehr gut sogar. Turrow stellte die nun leere Flasche wieder auf den Baumstamm. Sein Blick ging kurz zu Flocke, dann zu den Soldaten und schließlich hinaus auf die Straße.

Der Nikto hatte ihm einen Schlafplatz genannt, Arbeit angeboten und ihm Rum gegeben. Dafür wollte er irgendwann etwas von ihm. Das war in Ordnung. Solange irgendwann klar gesagt wurde, was. Ein tiefes Grollen verließ die Kehle des Wookiees.

„Rrrrauh... hrrmmm.“
Syren übersetzte für Flocke, ohne sich von dessen Gespräch mit den Soldaten weiter stören zu lassen.
„Wir kommen auf Eure anderen Angebote zurück.“
Turrow brummte noch einmal und schob sich vom Tresen weg. Vor allem auf die siebenhundert Credits, aber später. Machelli würde vermutlich nicht innerhalb der nächsten Stunde verschwinden, und falls doch, hätte sich das Problem ohnehin selbst gelöst. Das Tier draußen war interessanter. Beim Hinausgehen fiel sein Blick noch einmal auf den Sergeant. Der Mensch hatte ihn zuvor angesehen, sein Bier gehoben und ihn anschließend wieder in Ruhe gelassen. Turrow konnte mit solchen Leuten umgehen. Er neigte den Kopf ein letztes Mal kaum merklich in dessen Richtung, dann trat er hinaus in die feuchte Luft.

Der Regen hatte aufgehört, für den Augenblick jedenfalls. Das Wasser tropfte weiterhin von jedem Dach, jeder Plane und jedem Blatt, während der Außenposten bereits wieder damit begann, sich zu bewegen, als hätte der kurze Wolkenbruch lediglich jemand für ein paar Minuten leiser gedreht. Maschinen brummten, Arbeiter riefen einander etwas zu, irgendwo setzte ein Repulsorschlitten mit einem unangenehm hohen Pfeifen zurück. Turrow sog die Luft ein, Schlamm, nasses Metall, Abgase, Schweiß, Pflanzen. Und Dschungel. Sein Blick ging zum Verwaltungsgebäude auf der gegenüberliegenden Seite.
Das Sicherheitsbüro erwies sich als deutlich weniger interessant als Flockes Cantina. Kein Rum, keine Hookah, nicht einmal ein Baumstamm. Stattdessen graue Wände, zwei Schreibtische, mehrere Datenanzeigen und der trockene Geruch von Elektronik, Kunststoff und klimatisierter Luft. Hinter einer halbhohen Trennwand saß ein menschlicher Beamter in imperialer Uniform und arbeitete sich durch mehrere geöffnete Datensätze. Er sah auf, als der große, nasse Wookiee den Raum betrat, betrachtete erst Turrow, dann den Bowcaster über dessen Schulter und schließlich Syren am Quergurt. Sein Blick blieb kurz an dem Droiden hängen.
„Kann ich helfen?“
Turrow deutete mit einer Klaue auf eine der öffentlichen Anzeigen vor dem Gebäude und gab einige raue Laute von sich.
„Rrrauh. Grrrmmm... NAD-WILD.“
Die Auftragskennung selbst kam eher verstümmelt als ausgesprochen heraus, reichte Syren jedoch offensichtlich.
„Mein Meister möchte sich für die Ausschreibung NAD-WILD-004 registrieren.“
Der Beamte sah wieder zu Turrow, dann zum Bowcaster, schließlich wieder zum Terminal.
„Erfahrung mit Großwild?“
Turrow gab ein kurzes Schnauben von sich.
„Rrrh.“
„Ja.“

Der Mensch wartete einen Augenblick, offenbar in der Erwartung, dass noch etwas folgen würde. Nichts folgte. Er zog eine Augenbraue hoch und öffnete schließlich die Ausschreibung auf seinem Terminal.
„Gut. Mir reicht es mittlerweile, wenn jemand nicht fragt, ob die Tiere zurückschießen.“
Turrow legte leicht den Kopf schief. Syren schwieg. Der Beamte schob einige Daten zur Seite und öffnete eine Karte des südlichen Randbereichs.
„Drei bestätigte Zwischenfälle innerhalb von acht Tagen. Beim ersten wurden zwei Arbeiter verletzt. Beim zweiten hatten wir einen Toten. Beim dritten ist ein Arbeiter verschwunden. Dazu kommen mehrere Sichtungen, die wir nicht bestätigen konnten.“
Auf der Karte erschienen drei Markierungen entlang der Rodungszone südlich des Außenpostens. Keine davon lag besonders weit von den befestigten Bereichen entfernt. Das interessierte Turrow. Tiere, die Menschen meiden wollten, kamen nicht so nah, Tiere, die Menschen als Beute betrachteten, schon. Der Beamte vergrößerte die südlichste Markierung.
„Der letzte Angriff war gestern kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Rodungsabschnitt Süd-Vier. Etwas mehr als anderthalb Kilometer vom äußeren Kontrollpunkt entfernt.“
Turrow knurrte einige Fragen.
„Hrrrauh... grrmmm. Rra?“
„Gab es Zeugen? Wurde die Stelle seitdem verändert? Und wurde das verschwundene Opfer gefunden?“

Der Beamte schüttelte den Kopf.
„Nicht gefunden. Zwei Zeugen beim letzten Angriff, vier beim ersten. Die Aussagen sind...“
Er verzog den Mund und suchte offenbar nach einem höflichen Wort.
„...uneinheitlich.“
Turrow brummte. Das war bei Wesen, die gerade beinahe gefressen worden waren, nicht ungewöhnlich. Der Beamte rief mehrere kurze Berichte auf.
„Groß, vierbeinig, schnell. Einer behauptet, das Fell wäre dunkel gewesen, ein anderer spricht von heller Haut. Beim ersten Angriff soll das Tier aus dem Unterholz gekommen sein. Beim letzten behauptet einer der Arbeiter, er hätte etwas zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des Arbeitsbereichs gesehen, kurz bevor sein Kollege verschwand.“
Der Mensch zuckte mit den Schultern.
„Panik. Regen. Schlechte Sicht. Wahrscheinlich hat er Bewegung gesehen und danach versucht, sich einen Reim darauf zu machen.“
Turrow deutete mit einer Klaue auf die Markierung des letzten Angriffs.
„Rrrrauh.“
„Mein Meister möchte dort beginnen.“

„Der größte Teil ist noch abgesperrt. Heute Morgen waren zwei Leute von der Sicherheit dort, ansonsten wurde nichts angerührt. Der Regen dürfte allerdings einiges vernichtet haben.“
Der Wookiee zeigte kurz die Zähne, Regen vernichtete Spuren, aber selten alle. Dann kam Syren zu dem Teil, an den Turrow spätestens beim Anblick der sechzehnhundert Credits gedacht hatte.
„Bevor mein Meister den Auftrag annimmt, benötigen wir eine Präzisierung der Bedingungen.“
Der Beamte lehnte sich etwas zurück.
„Welche?“
„Welcher Nachweis ist für die Auszahlung erforderlich und beansprucht die Verwaltung Eigentum am Kadaver, Kopf oder Skelett des betreffenden Tieres?“
Der Mensch blinzelte, dann sah er zu Turrow.
„Trophäenjäger?“
Ein leises Grollen.
„Rrrmmm.“
„Unter anderem.“

Der Beamte schnaubte und scrollte durch die Auftragsbedingungen.
„Georeferenzierte Aufnahme des erlegten Tieres, eindeutige Identifikation und eine biologische Probe für die Datenbank. Blut, Gewebe, Fell, was immer das Ding hat. Wenn unsere Leute bestätigen können, dass es das gesuchte Tier ist, wird die Prämie freigegeben. Die Verwaltung hat kein Interesse daran, Schädel an die Wand zu hängen.“
Turrows Lefzen hoben sich. Gut, sehr gut. Syren war allerdings noch nicht fertig.
„Die Ausschreibung spricht von einem verantwortlichen Raubtier.“
„Ja.“
„Und falls mehr als ein Tier für die Angriffe verantwortlich ist?“
Diesmal dauerte die Antwort etwas länger. Der Beamte sah auf die Ausschreibung, dann auf Syren und schließlich wieder zu Turrow.
„Wir haben keine Hinweise darauf, dass es mehr als eines gibt.“
Turrow gab ein tiefes Grollen von sich.
„Grrrauh... rrrmmm.“
„Dann verursacht die Präzisierung keine zusätzlichen Kosten.“

Der Beamte starrte den Droiden einige Sekunden an. Turrow begann Syren manchmal wirklich zu mögen, noch mehr als sonst. Der Mensch atmete hörbar durch die Nase aus.
„Wenn Sie eindeutig nachweisen können, dass mehrere Tiere an den Angriffen beteiligt sind und jedes davon eine konkrete Gefahr für den Außenposten darstellt, wird die ausgeschriebene Prämie für jedes bestätigte Tier einzeln ausgezahlt.“
Ein zufriedenes Brummen vibrierte tief in Turrows Brust.
„Das genügt.“
Der Beamte übertrug die Auftragsdaten auf Syren, dazu eine Karte des südlichen Bereichs, die bisherigen Berichte und eine temporäre Freigabe für die abgesperrte Stelle. Schließlich deutete er auf eine rote Linie, welche die Grenze des derzeit gesicherten Gebiets markierte.
„Ab dort auf eigenes Risiko. Wenn Sie tiefer in den Dschungel gehen, melden Sie Ihre Route vorher an oder wenigstens nachträglich, falls Sie wiederkommen. Schießen Sie nicht in Richtung der Arbeitsbereiche und wenn Sie etwas finden, das größer ist als das, wonach Sie suchen, wäre es nett, wenn Sie uns Bescheid sagen.“
Turrow blickte ihn einen Moment an, dann knurrte er.
„Rrrah.“
„Mein Meister wird es in Erwägung ziehen.“

Der Beamte sah zu dem Droiden, dann zum Wookiee. Er schien zu überlegen, ob er nachfragen wollte. Offenbar entschied er sich dagegen, eine vernünftige Entscheidung.


Anderthalb Kilometer waren keine Entfernung, nicht für Turrow. Je weiter er den Außenposten hinter sich ließ, desto stärker verschwanden Metall, Treibstoff und die Gerüche der Siedlung unter dem schweren Atem des Regenwaldes. Nasse Erde klebte unter seinen Füßen, irgendwo summten Insekten in einer Lautstärke, die beinahe an schlecht gewartete Maschinen erinnerte, und aus den Baumkronen kamen Laute von Tieren, die er noch nie gehört hatte. Der Weg selbst war kaum mehr als eine breite Wunde im Dschungel. Schwere Maschinen hatten Bäume gefällt und Unterholz niedergewalzt, rote Erde aufgerissen und tiefe Spuren im Boden hinterlassen. An den Rändern begann das Grün bereits wieder zurückzukriechen. Kleine Triebe standen zwischen Fahrspuren, Ranken lagen über abgeschnittenen Stämmen und Wasser sammelte sich in den tiefsten Abdrücken der Rodungsmaschinen. Turrow mochte diesen Ort mehr als den Außenposten, hier roch die Welt noch nach sich selbst. Die Markierung von Süd-Vier bestand aus einem niedrigen Absperrband, einigen Warnlichtern und einem halb fertigen Materiallager. Eine Seitenwand war eingedrückt, mehrere Kisten lagen umgestürzt im Schlamm. Der Regen hatte Blut verdünnt und in langen braunroten Schlieren über den Boden gezogen, aber nicht alles fortgespült.

Turrow blieb am Rand stehen. Nicht hineingehen, erst ansehen. Sein Blick wanderte über den Boden, die beschädigten Kisten, das niedergetretene Unterholz und die dunkleren Flecken im Schlamm. Dann hob er die Schnauze, nasser Boden, Maschinenöl, Menschen, altes Blut. Und darunter ein Geruch, den er nicht kannte, schwer, moschusartig, feucht. Er ging langsam in die Hocke. Nahe einer umgestürzten Kiste hatte sich im aufgeweichten Boden ein Abdruck gehalten. Breit, tief, mit mehreren kräftigen Zehen. Der Regen hatte die Kanten weich gemacht, aber die Größe war noch erkennbar. Großes Tier, schweres Tier, vier oder mehr Beine. Turrow folgte den nächsten Abdrücken mit den Augen. Sie führten zwischen den beschädigten Kisten hindurch und weiter zum Rand des Dschungels. Dort begann auch eine flache Schleifspur. Das Opfer, mitgenommen. Er stand auf und folgte der Spur einige Schritte, ohne sie zu betreten. Gebrochene Pflanzen, Blut, ein Stück Stoff an einer rauen Ranke. Alles führte nach Osten.
Syren verglich die Position mit den Berichten.

„Die dokumentierte Fährte setzt sich in östlicher Richtung fort. Das entspricht der bisherigen Rekonstruktion der Sicherheitskräfte.“
Turrow antwortete nicht, er sah nach Osten, dann drehte er langsam den Kopf, nach Norden. Dort war nichts, zumindest zunächst nichts, das anders wirkte als der Rest des Waldrandes. Nasse Blätter, dichtes Unterholz, ein umgestürzter Stamm und dahinter Dunkelheit zwischen den Bäumen. Der Wookiee starrte dorthin, einige Sekunden, dann ging er los. Nicht nach Osten, einem Impuls oder Instinkt folgend, nach Norden. Syren ließ ihn mehrere Schritte gehen.
„Die Fährte führt in die andere Richtung, Meister.“
Ein kurzes Brummen.
„Rrrrmmm.“
Er wusste es. Warum er trotzdem hierherging, hätte er ihr nicht erklären können, also versuchte er es nicht. Zwischen den Pflanzen wurde der Boden fester und die Spuren der Arbeiter verschwanden beinahe vollständig. Turrow ging langsamer, schob mit einer Klaue einen breiten Farnwedel beiseite und blieb stehen. Unter einer ausgewaschenen Wurzel hatte der Regen den Boden nicht erreicht, ort war ein Abdruck. Fast dieselbe Form wie jener draußen, aber kleiner, flacher. Und er zeigte nicht vom Tatort weg, er zeigte darauf zu. Turrow ging in die Hocke. Sein Blick folgte einer kaum sichtbaren Linie durch das Unterholz. Ein geknickter Stängel, eine verschobene Wurzel, eine Stelle, an der Moos vom Stein gerieben worden war. Das Tier war nicht geflohen, es war gekommen, aus einer anderen Richtung. Der Wookiee sah zurück zu dem offenen Rodungsbereich, dann zur östlichen Fährte, an der das Opfer verschleppt worden war. Ein Tier war dort gewesen, ein anderes hier. Turrows Lefzen hoben sich langsam, nicht zu einem freundlichen Lächeln. Neben ihm erklang Syrens Stimme.
„Die Größe des Abdrucks weicht von den zuvor dokumentierten Spuren ab.“

Turrow legte zwei Klauen neben den Abdruck, maß die Breite und brummte tief. Der Bericht hatte gesagt, einer der Arbeiter hätte etwas auf der anderen Seite des Arbeitsbereichs gesehen. Die Sicherheitsleute hatten Panik vermutet. Der Wookiee betrachtete erneut beide Richtungen. Etwas hatte sich gezeigt, etwas anderes hatte den Arbeiter genommen. Sein Grinsen wurde breiter, die Verwaltung suchte ein Tier. Flockes anonymer Sammler wollte einen Schädel. Und Syren hatte gerade dafür gesorgt, dass die Verwaltung für jedes verantwortliche Tier einzeln zahlte. Turrow richtete sich langsam wieder auf. Vielleicht wurde KP-1 doch noch interessant.

// Unbekannte Regionen /\ Imperialer Raum /\ KP-1 /\ Südlicher Randbereich /\ Rodungsabschnitt Süd-Vier /\ Turrow, Syren \​
 
Zurück
Oben