[ Äußerer Rand / Prefsbelt-Sektor / Prefsbelt IV / Blue One / Gouverneurspalast / Gouverneursbüro] Theranos Zesh
Theranos Zesh hatte nun seit beinahe drei Stunden ununterbrochen an seinem Schreibtisch gesessen.
Datapads wechselten einander ab.
Berichte über mögliche Rückzugsräume, Verstecke, alte Infrastrukturen, die sich für Rebellen oder angeheuerte Kriminelle eigneten. Namenslisten, ehemalige Funktionsträger aus der Zeit Robert Kerns, Querverbindungen, Zahlungen, verdeckte Firmengeflechte. Verhörprotokolle – nüchtern, fragmentarisch, manche aussagekräftig, andere unerquicklich leer.
Theranos las sie alle nacheinander
Er nahm ein weiteres Pad, zur Hand bezüglich des Werftprojektes.
Produktionskennzahlen, Materialfluss, Sicherheitsberichte. Marcon Felth würde entweder bereits vor Ort sein oder in Kürze eintreffen. Die Zahlen sahen solide aus. Mehr als solide. Theranos machte sich eine kurze mentale Notiz, später persönlich nachzufragen.
Dann blieb sein Blick an einem anderen Bericht hängen.
Seinem Weinprojekt Imperial Sensus.
Ein Statusbericht seines Partners Caelis Marron. Mehrere schwere Transporter. Dutzende Arbeitsdroiden. Lokale Helfer. Rebstöcke aus Corulag – sorgfältig umgesetzt, angepasst, neu gesetzt. Der Boden hatte sie angenommen. Keine Ausfälle. Keine Schäden.
Theranos’ Mundwinkel hoben sich unmerklich.
Ein weiterer Absatz ließ ihn innehalten. Der Präfekt von Green One, Jorren Vale – seit Jahren dort ansässig – war vor etwa einer Woche selbst vor Ort gewesen. Aus Neugier, hieß es. Aus Freude, hieß es ebenfalls. Und mit einer ganz einfachen Frage:
Wann wird der erste Wein fertig sein? Und ob es – wie früher – vielleicht wieder ein Weinfest geben würde.
Theranos lehnte sich zurück, er hatte mittlerweile auch die Idee, ob man sich nicht auch im Bereich Accessoires und vielleicht mit Quarzite im Bereich des Schmucks zusammentun könnte. Ein kurzer, leiser Atemzug entwich ihm fast ein Lachen, als ein dezentes Signal seinen Arbeitsfluss unterbrach.
Theranos hob den Blick, runzelte kurz die Stirn, als er sah das es sich um eine Nachricht auf dem Direktkanal handelte.
Der Absender ließ ihn einen Moment innehalten.
Kanto Garison. Gouverneur von Quarzite.
Ein leiser Atemzug entwich ihm, kaum mehr als ein angedeutetes Schmunzeln.
„Das ging schnell“, murmelte er halblaut.
Er lehnte sich minimal zurück, legte den Datenstift beiseite und ließ den Blick einen Herzschlag lang über das Büro schweifen – als würde er die Gedanken ordnen, bevor er sich dem Inhalt widmete. Drei Stunden, vielleicht etwas mehr, seit er die Nachricht abgeschickt hatte. Offenbar hatte Garison sich die Nachricht nicht nur angesehen, sondern auch als Gelegenheit erkannt.
Ehrgeizige Männer lassen sich selten lange bitten, dachte Theranos.
Er lehnte sich minimal zurück, legte den Datenstift beiseite und ließ den Blick einen Herzschlag lang über das Büro schweifen – als würde er die Gedanken ordnen, bevor er sich dem Inhalt widmete. Offenbar hatte Garison sie nicht nur gelesen, sondern als Gelegenheit erkannt.
Theranos ließ die Antwort vollständig ablaufen, ohne sie zu unterbrechen. Während das Hologramm erlosch, blieb sein Blick ruhig, wachsam – zufrieden, ohne sich dieser Regung offen hinzugeben. Die Richtung stimmte. Mehr noch: Sie versprach Potenzial.
Er aktivierte den Commlink auf seinem Schreibtisch.
„Miss Marris“, sagte er ruhig. „Bitte kommen Sie kurz zu mir.“
Wenige Augenblicke später trat sie ein, aufmerksam wie stets. "Ja bitte eure Exzellenz?"
„Wir werden umgehend eine Express-Lieferung vorbereiten“, begann Theranos. „Je eine Kiste Imperialis Sensus – Classica und Luxa Solis. Persönlich an Gouverneur Garison. Sorgfältige Verpackung, jede Flasche in einer einzelnen hochwertigen Verpackung wie gehabt mit Seide verkleidet, mit dem Logo darauf, der Gouverneur soll sehen, dass wir es ernst meinen und worin die Philosophie geht.“
Ein kurzes Innehalten, dann ergänzte er.
„Lassen Sie zudem die bisherigen Skizzen und Entwürfe zu Gläsern, Flaschen und Verpackungen zusammenstellen. "Ich möchte, dass Quarzite früh versteht, welchen Anspruch wir verfolgen.“
Miss Marris neigte den Kopf. „Selbstverständlich, Eure Exzellenz.“
Theranos nickte knapp. „Danke. Das ist alles.“
Nur ein paar Minuten verstrichen, ein paar Berichte, noch eine Unterschrift – dann meldete sich der Commlink.
„Eure Exzellenz“, sagte Miss Marris ruhig. „Herr Rethan Vaal bittet um eine dringende Unterredung. Es geht um eine sicherheitsrelevante Lage. Legat Koss ist derzeit nicht verfügbar.“
Theranos’ Blick hob sich sofort. Das klang garnicht gut wenn ihn Rethan Vaal persönlich über ein Problem informieren musste.
„Lassen Sie ihn herein.“
Die Tür öffnete sich lautlos.
Der Mann, der eintrat, bewegte sich ohne Hast, ohne jede überflüssige Geste. Groß gewachsen, breite Schultern, die Uniform der Blauen Legion makellos, aber ohne jeden Zierrat. Keine Insignien, die Aufmerksamkeit suchten – nur Rang, Funktion, Disziplin. Sein Gesicht war hart, nicht kalt, sondern geformt von Routine und Erwartung. Die Augen aufmerksam, prüfend, als würden sie den Raum ebenso erfassen wie die Person darin.
Er blieb in angemessenem Abstand stehen und salutierte knapp.
„Rethan Vaal“, sagte er mit seiner tiefen fasst donnernden stimme. „Kommandant der Blauen Legion. Stellvertreter von Legat Veran Koss.“
Für einen kurzen Moment zuckte ein kaum wahrnehmbares Lächeln über Theranos’ Gesicht. Kein Spott, kein Herabsehen – eher ein Zeichen stiller Vertrautheit.
„Kommandant Vaal“, erwiderte Theranos ruhig.
„Wir kennen einander. Ihre Position ist mir bekannt. Sie müssen sie nicht jedes Mal wiederholen, als stünden wir auf dem Exerzierplatz.“
Ein Hauch von Wärme lag in der Stimme, doch der Blick blieb aufmerksam.
Dann, mit einem leichten Neigen des Kopfes.
„Doch nun gut, berichten Sie.“
Vaal ließ sich nichts anmerken. Keine Erwiderung, kein Kommentar. Wenn ihn die Bemerkung berührt hatte, dann verbarg er es hinter derselben Strenge, mit der er auch auf einem Feldrapport gesprochen hätte.
Vaal aktivierte ein Datapad, trat einen Schritt näher und verbindete sich mit dem Holoprojektor. Nach ein paar Sekunden schwebte eine Karte über die dem Tisch. Der Norden von Prefsbelt IV erschien – ausgedehnte Wälder, steinige Höhenzüge, wenige Siedlungen, industriell geprägt, aber unscheinbar.
„Ein Notruf aus dem Norden hat uns erreicht“, begann Vaal ohne Umschweife. „Region Varnholt. Kleinstadt Eirholt.“
Er markierte einen Punkt.
„In der Nähe einer forstindustriellen Anlage kam es zu Schusswechseln. Mehrere Blasterentladungen, mindestens eine kleinere Explosion. Planetare Sicherheitskräfte wollten eingreifen und wurden sofort unter Feuer genommen.“
Theranos trat an den Tisch heran.
„Was für eine Anlage?“
„Holzverarbeitung und Verbundmaterialien“, antwortete Vaal. "Eigentümer: Edrik Kern.“
Der Name fiel sachlich – und gerade deshalb schwer.
Theranos’ Blick verharrte auf der Karte.
„Verwandtschaft unseres ehemaligen Gouverneurs?“
„Angeheiratet“, bestätigte Vaal. „Cousin der ehemaligen Ehefrau von Robert Kern. Die beiden gelten seit Jahren als zerstritten.“
Ein kurzer Moment der Stille.
„Was wissen wir über das Gebiet?“, fragte Theranos.
Vaal ließ die Projektion weiterlaufen.
„Varnholt ist ruhig. Arbeiter, Förster, Industrie. Wenig Fluktuation, kaum Kriminalität. Loyal gegenüber der Verwaltung, solange man sie arbeiten lässt.“
Theranos nickte leicht. „Kein Ort für Zufälle.“
„Nein, Eure Exzellenz.“ antwortete Rethan.
Er richtete sich etwas auf.
„Ich habe die erste und zweite Kompanie des zweiten Bataillons in Bereitschaft versetzt. Beide sollten innerhalb der nächsten Minuten verlegungsbereit sein.“
Theranos sah ihn nun direkt an.
„Gut.“
Ein kurzer Atemzug.
„Ich komme mit.“
Vaal zeigte keine Reaktion. Kein Stirnrunzeln, nur ein kurzes Zögern.
„Zu Befehl, ich erstatte Meldung sobald wir Abflug bereit sind.“ sagte er, salutierte und verlies den Raum.
Theranos aktivierte den internen Kanal während
„Miss Marris. Bitte schicken Sie mir zwei Bedienstete mit meiner Ausrüstung und rufen Sie Alric.“
Nach nicht einmal einer Minute traten zwei Bedienstete ein, wortlos, geübt. Die Abläufe waren ihnen vertraut. Theranos hatte sich bereits vom Tisch gelöst und stand ruhig, während sie begannen, Theranos seinen Bodysuit anzulegen.
Ein eng anliegender Schutzanzug aus flexiblen, dunkelgrauen Fasern, kühl auf der Haut. Dünn, beinahe unscheinbar – und doch durchzogen von fein integrierten Schutzplatten, die entlang der Brust, der Flanken, der Schultern und der Wirbelsäule lagen. Kein schwerer Panzer, kein martialisches Exoskelett, sondern eine zweite Haut aus Technik und Vorsorge. Entwickelt, um Blasterenergie zu streuen, Treffer abzulenken, Zeit zu gewinnen.
Theranos hatte diesen Anzug nach dem Angriff auf Blue One anfertigen lassen.
Nicht aus Angst – sondern aus Einsicht. Der Anschlag hatte ihm vor Augen geführt, wie schmal die Linie zwischen Ordnung und Chaos war, selbst im Herzen einer scheinbar gesicherten Hauptstadt. Der Bodysuit war keine Kapitulation vor dieser Erkenntnis, sondern ihre Konsequenz.
Er trug ihn nicht oft, bicht, weil er ihn unterschätzte, sondern weil er ihn kannte. Der Anzug war funktional, zuverlässig – aber etwas unbequem. Er spannte bei längeren Sitzungen, erinnerte bei jeder Bewegung daran, dass er getragen wurde. Für den Alltag eines Gouverneurs, für stundenlange Verhandlungen, Empfänge und Sitzungen war er schlicht unpraktisch. Doch für Momente wie diesen oder sobald er den Palast verließ war er unverzichtbar.
Einer der Bediensteten befestigte die letzten Verschlüsse, der andere reichte bereits die frisch gebügelte Gouverneursuniform.
Theranos schlüpfte wieder in den vertrauten Stoff – der dunkle Schnitt, die klaren Linien, das sichtbare Zeichen seines Amtes. Über dem Bodysuit wirkte die Uniform kaum verändert, doch der Unterschied lag unter der Oberfläche. Zivil nach außen, geschützt im Kern.
Zuletzt wurde der Mantel übergelegt.
Theranos ließ die Schultern kurz kreisen, prüfte die Beweglichkeit. Es war nicht angenehm, aber ausreichend.
Er griff nach seinem Blaster, steckte ihn an den Gürtel und hob den Blick.
Ein leises Signal kündigte eine weitere Präsenz an. Commander Alric Thane, Leiter seiner Leibgarde trat ein.
„Eure Exzellenz?“
Theranos drehte seinen Kopf zu Alric. „Einsatz im Norden. Eirholt. Sie stellen mir meine Eskorte zusammen und begleiten mich.“
Alric musterte Theranos, der genau wusste das seinem Kommandant der Leibwache es überhaupt nicht gefielt wenn Theranos den Palast verlies schon garnicht um irgendwohin nichts nichts zu einem Einsatz zu Fliegen denn blieb Theranos’ Blick Unverrückbar.
Alric Nicke kurz. „Verstanden Eure Exzellenz ich mache die Männer sofort bereit und treffe Sie im Hangar.“
Theranos nickte und aktivierte den Commlink, als Alric den Raum verlassen hatte.
Nach ein paar Sekunden stand die Verbindung.
„Eure Exzellenz“, erklang Bayls Stimme. Ruhig, gefasst – doch nicht frei von Spannung.
„Zu Ihrer Information“, sagte Theranos. „Ich verlasse den Palast. Im Norden ist es zu einem Zwischenfall gekommen. Hinweise deuten auf eine mögliche Verbindung zu Kern. Ich werde mir die Lage persönlich ansehen.“
Ein kurzes Schweigen folgte. Kein technisches. Ein menschliches.
„Wenn ich mir erlauben darf“, begann Bayl schließlich, sorgfältig abwägend, „so halte ich dieses Vorgehen für… mutig.“
Ein Atemzug.
„Nicht unklug – aber riskant. Ihre Präsenz ist für die Stabilität hier von erheblicher Bedeutung.“
Theranos ließ den Blick über seine Ausrüstung gleiten, während er antwortete.
„Gerade deshalb“, sagte er ruhig. „Ordnung darf nicht nur verwaltet werden. Sie muss sichtbar sein und solange ich weg bin, werden Sie als mein Stellvertreter agieren.“
Bayl schwieg erneut, dann senkte sich seine Stimme.
„Dann werde ich in Ihrer Abwesenheit die Verantwortung hier übernehmen“, sagte er.
Ein Hauch von Widerwillen – aber auch Loyalität.
„Ich werde dafür sorgen, dass alles in Ihrem Sinne weiterläuft.“
„Das erwarte ich“, erwiderte Theranos.
Die Verbindung endete und Theranos machte sich auf den Weg.
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