[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Moore und Samin; Mira und Dany im Eingangsbereich
Moore hatte ihre eigene Schüssel inzwischen leer gegessen und hörte der Chiss zu, während diese ihre Bedingungen und Fragen Stück für Stück vor ihr ausbreitete. Dass Samin an dieser Stelle weder zu- noch absagen wollte, störte sie wenig. Alles andere wäre nach dem bisherigen Verlauf des Gespräches vermutlich sogar ein wenig verdächtig gewesen. Interessanter waren ohnehin die Dinge, die danach kamen. Identitäten, Zugang, Transport, Größe der Anlage, Verantwortlichkeiten und der Weg wieder heraus. Wer das fragte der sagte am Ende auch nicht ab, sie hatte die Ex-Imperiale also zumindest auf ihrer Seite. Die Sephi hob ihr Glas, stellte fest, dass darin nicht mehr viel übrig war und ließ es wieder sinken.
„Reichen Ihnen zweihundertfünfzigtausend fürs Erste?“
Sie beobachtete Samin einen Moment und ließ die Summe einfach stehen. Wenn es mehr brauchte, konnte man darüber reden. Credits waren für Moore an dieser Stelle ohnehin weniger eine Frage des Wertes als eine davon, ob sie ein Problem aus dem Weg räumen konnten das zwischen ihr und diesem verdammten kleinen Hyperdrive-Computer lagen.
„Sagen Sie mir nur, wohin.“
Mit Sane von Kath verhielt es sich nicht wesentlich komplizierter. Der Name sagte ihr spontan nichts und sie verspürte auch keinen Grund, das im selben Moment zu ändern. Bastion war das wichtigere Detail und die Anforderung, dass weder Nachricht noch Absender irgendwann bei Samin endeten, war verständlich genug.
„Geben Sie mir den Text, bevor Sie gehen. Ich kümmere mich darum.“
Sie griff wieder nach dem Glas.
„Und nehmen Sie sich die zwei Tage.“
Was genau ihre Gästin in dieser Zeit regeln musste, hatte sie nicht gesagt. Moore war neugierig, natürlich war sie das, aber sie zu stillen war aktuell wenig von Belang. Es wirkte nicht wie etwas was sich akut nicht auch mit eben jenen Geld lösen ließ das Moore der Chiss eh bereits angeboten hatte. Dann hatte sie halt Verantwortung für andere Personen, Moore wollte Samin nichts abpressen also brauchte sie dem ganzen auch nicht wirklich mehr Bedeutung beimessen. Für den Augenblick genügte das. Bei der Forderung nach einem Plan nickte die Slicerin lediglich.
„Den bekommen Sie.“
Eigentlich hätte das Gespräch an dieser Stelle problemlos weiterlaufen können, wenn nicht seit einigen Minuten ein zweites Geschehen am Rand ihres Bewusstseins entlang gelaufen wäre. Mira war über die Verbindung der beiden HNAIs ohnehin nie wirklich fort. Moore nahm ihre Tochter nicht permanent in allen Einzelheiten wahr und hatte wenig Interesse daran, jeden Sensorwert oder jede belanglose Datenbewegung mitzuverfolgen. Meist lag die Verbindung wie ein weiterer Sinn im Hintergrund, vorhanden und jederzeit erreichbar, ohne Aufmerksamkeit zu verlangen. Dass jemand an der Tür stand, hatte sie deshalb mitbekommen. Dass Mira sie geöffnet hatte ebenfalls. Mehr war zunächst nicht nötig gewesen. Keine auffällige Bedrohung, keine Warnung und nichts, das sie aus ihrem Gespräch mit Samin herausgerissen hätte.
Dann hatte sich Miras Aufmerksamkeit verändert.
Moore hatte zunächst nur einzelne Eindrücke davon wahrgenommen. Mandalorianische Rüstung. Mando'a. Eine Frau unter dem Helm und eine Tochter, deren Interesse an der Angelegenheit erheblich über das hinausging, was man für die höfliche Abfertigung einer falsch zugestellten Besucherin benötigt hätte.
Sie ließ den Gedanken eine Weile am Rand stehen. Mira sollte eigene Interessen entwickeln. Das war schließlich einer der wesentlichen Unterschiede zwischen ihr und dem, was C-06 auf Arkania einmal gewesen war. Sie hatte Jahre darauf verwendet, aus einem System, das auf Reize mit vorgegebenen Lösungen reagieren sollte, ein Wesen zu machen, das selbst entschied, was es mochte, was es nicht mochte und womit es seine Zeit verbrachte. Irgendwann hatte Moore aufgehört, jedes Ergebnis dieser Entwicklung daraufhin zu untersuchen, ob es einem ursprünglichen Entwicklungsziel entsprach.
Dass Mira fremde Mandalorianerinnen beinahe unbekleidet an der Wohnungstür auf Mando'a anflirtete, gehörte trotzdem zu den Dingen, über die sie gelegentlich noch einmal nachdenken musste.
Moore sah zu Samin, dann kurz in Richtung des Eingangs. Inzwischen war dort Basic zu hören und mit ein wenig bewusster Aufmerksamkeit bekam sie die wenigen entscheidenden Worte auch ohne Miras Datenstrom zusammen. Dex. Munition. Ausrüstung. Eine Entschuldigung und die Feststellung, sich in der Tür geirrt zu haben.
Mehr wusste sie über die Frau nicht. Mira offenbar ebenfalls nicht und wenn ihre Tochter in den letzten Minuten die Möglichkeit gehabt hatte, daran etwas zu ändern, hatte sie andere Prioritäten gesetzt.
Dann kam Samins letzter Nachsatz.
Und die Söldnerin an der Tür.
Moore ließ den Blick einen Moment auf ihr ruhen.
Danach wandte sie den Kopf wieder dem Flur zu und öffnete die Verbindung zu Mira ein Stück weiter. Die Besucherin hatte ihren Helm inzwischen wieder aufgesetzt und wollte augenscheinlich gerade gehen.
„Hm.“
Die Einschätzung als Söldnerin stammte von Samin. Die Mandalorianerin hatte selbst lediglich nach Waffen und Ausrüstung gefragt. Das musste noch nichts heißen, war auf The Wheel allerdings auch keine besonders schlechte Grundlage für die Vermutung.
„Ich bin gleich wieder da.“
Moore stellte das Glas ab und erhob sich. Auf dem Weg zum Eingang rückte Mira mit jedem Schritt stärker in den Vordergrund ihrer Wahrnehmung. Nicht weil die kurze Entfernung irgendeinen Einfluss auf die Verbindung gehabt hätte, sondern weil sich Moores Aufmerksamkeit nicht länger zwischen Samin, dem Gespräch und mehreren anderen Dingen verteilte. Ihre Tochter war noch immer ausgesprochen zufrieden mit ihrem kleinen Zusammentreffen und dachte offenbar überhaupt nicht daran, dass die fremde Frau gerade dabei war zu verschwinden.
Als Moore den Eingangsbereich erreichte, hatte sich die Mandalorianerin bereits abgewandt.
„Warten Sie bitte kurz.“
Die Frau blieb im Flur vor ihr, doch Moores erster Blick galt Mira. Das Shirt hing ihr noch immer locker über den Körper, eine Schulter beinahe vollständig frei, darunter hatte sich ihre Tochter bei der Menge an Stoff auf das absolut Notwendigste beschränkt. Eisblau begegnete dem hellen Gold von Moores Augen und für einige Sekunden fand ein deutlich vollständigeres Gespräch statt, als die Besucherin draußen jemals hätte hören können.
Mira.
Ein leichter Widerstand kam über die Verbindung zurück. Kein echtes Nein, eher die sehr klare Mitteilung, dass sie überhaupt keinen Grund sah, weshalb sie sich jetzt zurückziehen sollte.
Moore sah sie weiter an.
Zimmer.
Miras Mundwinkel bewegte sich kaum sichtbar.
„Mira, Liebes. Ich glaube, du hast unsere Besucherin lange genug begrüßt.“
Die Sephi lächelte sanft. Aufgesetzt sanft.
„Geh bitte schon mal in dein Zimmer.“
Was ihre Tochter ihr darauf antwortete, blieb zwischen ihnen und war deutlich weniger höflich formuliert. Moore wartete ruhig ab, bis Mira sich schließlich vom Türrahmen löste. Ganz geschlagen wirkte sie dabei nicht. Wahrscheinlich betrachtete sie allein den Umstand, die Mandalorianerin zum Abnehmen ihres Helmes gebracht zu haben, bereits als ausreichenden Erfolg für diesen Nachmittag.
„Danke, Schatz.“
Mira warf ihr noch einen Blick zu der hätte töten können und verschwand in Richtung ihres Zimmers. Moore sah ihr hinterher, bis sie im Flur verschwunden war und wandte sich erst dann vollständig der Besucherin zu. Die Rüstung war ihr vertraut genug, ohne dass sie daraus besonders viel über die Person darunter hätte ableiten können. Mandalorianische Arbeit hatte sie über die Jahre häufiger vor Augen gehabt und spätestens während der Entwicklung der C-0X-Serie war die Bekanntschaft mit den Beskarschmieden des Clans A'kazz ein durchaus lukrativer Kontakt. Einige der hochbelasteten Gelenkverbindungen für die Androiden müssten Jahrzehntelang verschleißfrei arbeiten und die Mandalorianer hatten in der Entwicklung ihrer Crushgaunts einige technische Kniffe auf Lager die das Projekt immens nach vorne gebracht hatten. Wer vor ihr stand, wusste sie deshalb trotzdem nicht, sie war sich aber sicher das die Rüstung wenn sie aus Beskar war nicht aus einer der reinen Legierungen war die sie in kleinen Mengen im Labor hatte nutzen können.
„Entschuldigen Sie das Verhalten meiner Tochter bitte vielmals. Sie hat ihre eigene... Vorstellung davon, wie man Gäste empfängt.“
Moore trat einen halben Schritt weiter in den Eingangsbereich.
„Sie haben nach einem Dex gesucht?“
Ihr Blick wanderte kurz über die Frau.
„Welchen Dex Sie meinen, weiß ich nicht. Auf dem Rad dürfte es mehr als einen geben. Ich bin leider keiner davon aber... bei Munition, Ausrüstung, Arbeit oder Liquiden Mitteln kann ich Ihnen allerdings helfen.“
Das war keine besonders große Zusage. An Waffen, Energiezellen, Ersatzteile oder die meisten anderen Dinge zu kommen, die jemand auf The Wheel benötigte, war für Moore nicht schwierig und selbst wenn sie etwas Spezielleres suchte, konnte man darüber sprechen.
Der andere Teil war interessanter.
„Außerdem, sieht es so aus das ich einen Gast habe der Interesse daran geäußert hat sie kennen zu lernen.“
Die Sephi deutete mit einer kleinen Bewegung in das Appartement, lächelte warm und freundlich.
„Wenn Sie Arbeit suchen und noch Aufträge annehmen, könnten wir uns kurz unterhalten. Kommen Sie ruhig rein.“
Sie machte den Weg frei und ließ die Entscheidung bei der Mandalorianerin.
„Dr. Ralena Anne Moore.“
Für einen Augenblick wartete sie noch, ohne eine Antwort oder einen Namen einzufordern.
„Falls Sie nicht bleiben wollen, ist das auch in Ordnung. Wegen der Munition finden wir trotzdem eine Lösung.“
Damit ließ sie die Tür geöffnet und ging zurück in den Wohnbereich. Ob die Fremde ihrer Einladung folgte, konnte diese selbst entscheiden und Moore sah keinen Grund, im Flur stehenzubleiben und sie dabei anzusehen.
Samin saß noch immer dort, wo sie sie verlassen hatte.
"Ich war so frei und habe meinem Zufallsgast angeboten zu uns zu stoßen."
Moore ging zu einem der Schränke und öffnete ein schmales Fach. Zwischen mehreren Datenträgern und Geräten lag einer jener kleinen schwarzen Würfel, deren unscheinbares Äußeres wahrscheinlich ein wesentlicher Grund dafür war, weshalb sie die Form über all die Jahre beibehalten hatte. Die erste Version ihrer Holowand war alt genug, dass Moore sich manchmal nur mit Mühe daran erinnerte, welche Komponenten ursprünglich darin gesteckt hatten. Das Prinzip hatte sich allerdings bewährt und der aktuelle Aufbau war mit jener frühen Variante längst nur noch äußerlich verwandt. Sie nahm den Würfel heraus und kehrte zum Sofa zurück.
„Sie wollten den Plan sehen.“
Moore legte die Holowand auf den Tisch und berührte ihre Oberfläche.
Das tiefe Blau erschien beinahe augenblicklich.
Formeln, Linien und Datenfelder entfalteten sich aus dem kleinen Gehäuse und verteilten sich durch den Wohnbereich. Teile davon blieben nur für Augenblicke sichtbar, während das HNAI im Hintergrund bereits diejenigen Informationen auswählte, die Moore vorbereitet hatte. Zwischen den Möbeln entstanden erste Konturen, wurden dichter und fügten sich langsam zu Gebäuden zusammen.
Die Technische Universität von Salis Daar nahm Gestalt an.
Zunächst erschien der gesamte Komplex, weitläufig genug, dass Moore den Maßstab mehrfach angepasst hatte, um ihn innerhalb des Appartements sinnvoll darstellen zu können. Lehrgebäude, technische Einrichtungen, Verbindungstrakte und Versorgungsbereiche lagen als tiefblaue Strukturen übereinander. Ein Teil davon beruhte auf offenen Unterlagen und anderen Informationen, die sich ohne größere Schwierigkeiten hatten beschaffen lassen. Je weiter sich das Modell jedoch in Richtung der militärisch genutzten Bereiche verschob, desto häufiger wechselten vollständige Strukturen mit rekonstruierten Abschnitten.
Moore hatte keinen Grund, diese Unterschiede zu verstecken.
Einige Teile kannte sie sehr gut. Andere hatte sie aus Bauunterlagen, Versorgung, Wartung, Energiebedarf und verschiedenen Daten zusammengefügt, die einzeln wenig bedeuteten und erst im Zusammenhang brauchbar wurden. An manchen Stellen fehlte ihr noch etwas. Dort blieb auch die Darstellung entsprechend unvollständig. Die Sephi ließ das Modell langsam drehen und setzte sich wieder auf das Sofa.
Der öffentliche Teil der Universität wurde durch einen Gedanken blasser, bis der große militärische Bereich deutlicher hervortrat. Kein kleines Labor, das man irgendwo hinter zwei gesicherten Türen versteckt hatte, sondern ein erheblicher Teil des gesamten Komplexes, dessen Zugänge und interne Trennung schon in der Projektion erkennen ließen, weshalb Moore Samin überhaupt in ihrem Wohnzimmer sitzen hatte.
Sie griff nach der Weinflasche und schenkte sich nach.
„Das ist Salis Daar.“
Ihr Blick lag noch auf der Projektion.
„Der Teil dort gehört zum militärischen Forschungsbereich.“
Moore zeigte mit zwei Fingern auf die entsprechende Struktur und ließ einige Ebenen voneinander abrücken, ohne weiter darauf einzugehen.
„Einige Dinge darin sind gesichert. Einige sind Rekonstruktionen und bei ein paar Stellen fehlt mir noch so einiges, also noch nicht hundertprozent verlässlich aber ich arbeite daran.“
Sie nahm das Glas wieder in die Hand.
„Für den Moment wollte ich Ihnen nur zeigen, dass ich nicht erst angefangen habe darüber nachzudenken, seit Sie heute hier sitzen.“
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Moore und Samin; Dany