[ Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine | Moraband | auf dem Weg zur Gala der Kristallenen Klänge ] Lucien Velcrest
Der Gleiter hatte Moraband kaum hinter sich gelassen, als Lucien zum ersten Mal verstand, weshalb die Gala der Kristallenen Klänge bereits seit Tagen einen beträchtlichen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit Truuines für sich beanspruchte.
Die Entfernung zwischen der Hauptstadt und dem Gletschermassiv war tatsächlich kaum der Rede wert, doch schon während des kurzen Fluges veränderte sich die Landschaft merklich. Gebäude und Verkehrsadern Morabands blieben hinter ihnen zurück, während vor den Sichtfenstern zunehmend Eis, Schnee und jene gewaltigen natürlichen Formationen dominierten, zwischen denen sich das eigentliche Veranstaltungsgelände erstreckte.
Lucien hatte die Bilder selbstverständlich gesehen. Er hatte während des Rückfluges von Cona beinahe das gesamte Programm durchgesehen, sich Aussteller vorgemerkt, Veranstaltungen gebucht und vermutlich mehr Zeit mit der Planung seines ersten Galatages verbracht, als er jemals freiwillig für einen gewöhnlichen Arbeitstag aufgewendet hätte. Trotzdem konnten die Holoaufnahmen nur bedingt vermitteln, welche Ausmaße die Veranstaltung tatsächlich angenommen hatte.
Der Ausläufer des Gletschers von Moraband erhob sich wie eine gewaltige Wand aus bläulich schimmerndem Eis über der umliegenden Landschaft, durchzogen von natürlichen Spalten, kristallinen Formationen und dunkleren Gesteinsschichten, die stellenweise zwischen dem Eis hervortraten.
Dazwischen lagen Terrassen, Aussichtsplattformen, Brücken und elegante Baukörper, deren Materialien sich bewusst zurücknahmen und die natürliche Struktur des Massivs ergänzten, anstatt sie vollständig zu verdecken. Warmes Licht setzte goldene Akzente zwischen den kalten Blau- und Weißtönen, während sich auf den unteren Ebenen bereits unzählige Besucher zwischen Pavillons, Ausstellungshallen und offenen Veranstaltungsflächen bewegten. Shuttles kamen und gingen beinahe ohne Unterbrechung, private Gleiter wurden über verschiedene Korridore zu ihren vorgesehenen Ankunftsbereichen geführt und weit oberhalb des Geländes zogen immer wieder TIE-Jäger ihre kontrollierten Bahnen.
Lucien lehnte sich etwas näher an das Sichtfenster und ließ seinen Blick langsam über die Anlage wandern. Es war schön, ausgesprochen schön sogar, wobei es natürlich nicht an Arkania herankam. Das wäre schließlich eine vollkommen unangemessene Erwartung gewesen. Lucien war durchaus bereit, anderen Welten ihre Vorzüge zuzugestehen, solange niemand von ihm verlangte, deshalb den offensichtlichen Umstand zu ignorieren, dass seine eigene Heimat bei Eislandschaften, Architektur und aristokratischer Ästhetik einen gewissen natürlichen Vorsprung besaß. Trotzdem musste er anerkennen, dass Truuine hier etwas Bemerkenswertes geschaffen hatte, aber sicher nur, da es aktuell von einem seinesgleichen regiert wurde. Die Verbindung aus natürlichem Gletscher, moderner Architektur und bewusst gesetzter Beleuchtung funktionierte wesentlich besser, als er erwartet hatte.
„Nicht Arkania...“, stellte er leise fest, während der Gleiter eine leichte Kurve flog und das monumentale Portal des Veranstaltungsgeländes sichtbar wurde. Nach kurzem Überlegen nickte er jedoch anerkennend.
„Aber ihr habt euch Mühe gegeben.“
Mehr Lob konnte eine Welt am frühen Vormittag wie diesem kaum von Ihm erwarten.
Wenig später setzte der Gleiter auf einer der für akkreditierte Galagäste vorgesehenen Plattformen auf. Lucien wartete, bis sich die Seitentür geöffnet hatte, strich beinahe beiläufig über die Vorderseite seines
maßgeschneiderten Anzugs und trat hinaus in die kalte Luft.
Sein silbrig schimmerndes Salbeigrün hob sich deutlich von den dunkleren Kleidungsstücken vieler anderer Gäste ab, ohne unter der hellen Umgebung aufdringlich zu wirken. Das breite asymmetrische Revers mit seiner feineren Musterung zog sich diagonal über seine Brust, während die kleinen metallischen Verschlüsse, Ziernähte und die zurückhaltende Brosche seines Hauses gerade genug Akzente setzten, um die Maßanfertigung sichtbar von gewöhnlicher Abendkleidung zu unterscheiden. Das war zumindest Luciens Meinung, und da es sich um seine Kleidung handelte, war dies praktischerweise die einzige Meinung, die zunächst von Bedeutung war.
Die ersten Kontrollen verliefen erfreulich schnell. Seine Identität wurde bestätigt, die Einladung geprüft und anschließend jene zusätzliche Akkreditierung freigeschaltet, die er für mehrere der exklusiveren Veranstaltungen innerhalb des Galabereichs erworben hatte. Eine Mitarbeiterin überreichte ihm zusätzlich eine schmale Zugangskarte, die bei Aktivierung eine holografische Übersicht des gesamten Geländes projizierte und automatisch jene Wege hervorhob, für die seine jeweiligen Berechtigungen galten.
Lucien betrachtete die Projektion einen Augenblick lang und ließ sich probeweise den Weg zur späteren Lounge Forn anzeigen. Die Markierung erschien beinahe augenblicklich, womit zumindest feststand, dass der Termin bedauerlicherweise tatsächlich existierte. Für einen winzigen Moment hatte er gehofft, die gesamte Angelegenheit mit Naar könnte sich während des Fluges auf wundersame Weise als Verwaltungsfehler zweiten Grades herausgestellt haben, bei dem nicht nur die Einweisung, sondern gleich der gesamte Auftrag versehentlich an ihn geschickt worden war. Die Wahrscheinlichkeit dafür war inzwischen bedauerlich gering.
Er deaktivierte die Karte wieder, steckte sie ein und betrachtete das entsprechende Symbol noch einen Augenblick lang.
„Später.“, sagte er leise. Naar durfte zum Glück noch warten, zumindest einige Stunden.
Der offene Festbereich begann unmittelbar hinter dem Empfangskomplex und breitete sich vor dem eigentlichen Gletschermassiv aus. Breite Wege führten zwischen Pavillons, Skulpturen, kleineren Bühnen, Bars und temporären Ausstellungsbauten hindurch, während dazwischen immer wieder kleine Terrassen einen freien Blick über die umliegende Landschaft ermöglichten. Bereits zu dieser frühen Stunde war die Zahl der Besucher beträchtlich, dennoch wirkte das Gelände überraschend großzügig. Hochrangige Familien, wohlhabende Reisende, Künstler, Geschäftsleute und elegant gekleidete Gäste bewegten sich zwischen den Ausstellungen, ohne dass Lucien irgendwo den Eindruck bekam, durch eine überfüllte Veranstaltung geschoben zu werden.
Sein Blick wanderte allerdings kaum länger als einige Sekunden über die Architektur, bevor er eine der Bars entdeckte, womit die erste wirklich wichtige Entscheidung des Tages gefallen war.
Lucien änderte seine Richtung mit jener Selbstverständlichkeit, mit der andere Personen vermutlich dringende Regierungsgeschäfte erledigten, und erreichte wenig später eine halboffene Bar, deren dunkler Tresen unmittelbar in eine natürliche Eisformation eingelassen worden war. Hinter den Flaschen und Karaffen schimmerte das Eis in einem sanften Blau, während darüber eine schmale Lichtinstallation langsam ihre Farbe veränderte.
Der Barkeeper begrüßte ihn und fragte, ob er bereits einen Wunsch habe. Lucien legte beide Hände auf den Tresen und dachte kurz darüber nach.
„Etwas Frisches eventuell etwas aus Arkania.“, begann er. „
Nicht zu süß, aber fruchtig und stark genug, dass ich für wenigstens zwanzig Minuten nicht daran denken muss, dass mein Schwager mir heute Morgen einen Mond geschenkt hat.“
Der Barkeeper blinzelte verwundert und hielt mitten in seiner Bewegung inne, woraufhin Lucien dessen Blick bemerkte und beinahe entschuldigend mit einer Schulter zuckte.
„Lange Geschichte, vergessen Sie's."
Einige Minuten später hielt er ein schmales Glas in der Hand, dessen Inhalt aus einem klaren arkanischen Destillat, einer leicht säuerlichen Fruchtkomponente und einer mineralisch wirkenden Essenz bestand, die beim Trinken beinahe kühl auf der Zunge prickelte. Lucien probierte, betrachtete das Glas anschließend noch einmal und nickte zufrieden.
„Oh, ausgezeichnet. Vielleicht wird der Tag doch noch etwas.“
Mit deutlich verbesserter Grundstimmung setzte er seinen Rundgang fort. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Besucher beinahe ebenso interessant waren wie die eigentlichen Ausstellungen. Lucien hatte sein gesamtes Leben zwischen Empfängen, Gesellschaften, Familienveranstaltungen, Geschäftsessen und den verschiedensten Formen aristokratischer Selbstdarstellung verbracht, weshalb er kaum verhindern konnte, Kleidung automatisch zu betrachten. Er erkannte gute Stoffe, verstand Schnitte und bemerkte, wenn jemand wusste, was ihm stand. Bedauerlicherweise bemerkte er ebenso zuverlässig das Gegenteil.
Ein älterer Herr kam ihm in einem hervorragend gearbeiteten dunkelgrauen Mantel entgegen, dessen Schnitt aber leider so zurückhaltend war, dass die Qualität vermutlich den meisten Besuchern vollständig entging. Lucien ließ den Blick kurz über Schulterlinie, Kragen und Fall des Stoffes wandern und nickte beinahe unmerklich.
Wenige Meter dahinter folgte ein Mann, der offenbar zu einer vollkommen anderen philosophischen Schule der Bekleidung gehörte. Alles an ihm war schwarz; Mantel, Hemd, Hose, Handschuhe, Stiefel und sogar die breite Brosche an seiner Brust bestanden aus verschiedenen Abstufungen derselben Farbe. Lucien sah ihm einen Augenblick nach, nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und kam zu dem Schluss, dass entweder jemand gestorben war oder der Mann sehr darauf hoffte.
"Äußerst langweilig", sagte er ganz leise zu sich.
Noch bevor Lucien diesen Gedanken vollständig abgeschlossen hatte, kam ihm eine Dame entgegen, deren silberne Robe an Schultern und Rücken von einer derart ausladenden Konstruktion aus Federn, Kristallstäben und schimmernden Stoffbahnen eingerahmt wurde, dass zwei andere Besucher ihr beinahe gleichzeitig ausweichen mussten.
Lucien verlangsamte seinen Schritt und betrachtete die Konstruktion einige Sekunden länger. Das Kleid war zweifellos teuer, sehr teuer vermutlich, was es bedauerlicherweise nicht besser machte. Aus bestimmten Winkeln sah die Frau tatsächlich ein wenig wie eine bunte Vogelart aus, die einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Bewegungsfreiheit begonnen hatte.
Sein Blick wanderte kurz an seinem eigenen auffälligen Revers und seiner Garderobe hinab, doch das war selbstverständlich etwas vollkommen anderes. Bei ihm funktionierte es, womit auch diese Frage geklärt war.
Er setzte seinen Weg mit ausgesprochen guter Laune fort, blieb hier und dort vor kleineren Ausstellungen stehen und stellte dabei fest, dass ihn tatsächlich mehr davon interessierte, als er ursprünglich erwartet hatte.
Dennoch konnte er auch einige durchaus hübsch anzusehende Junge Damen ausmachen. Der Gedanke das Lucien sich vielleicht früher oder später während der Gala sich das ein oder andere mal mit einer Begleitung ins Praxeum zurückziehen würde gefiel im äußerst gut.
Einige Pavillons später stand er dagegen vor drei dunklen Metallplatten, über denen eine schwarze Kugel langsam in einem Repulsorfeld rotierte. Lucien wartete einige Augenblicke und trat schließlich sogar einen Schritt zur Seite, doch abgesehen von der weiterhin gemächlich rotierenden Kugel geschah nichts. Erst die kleine Beschreibung am Rand der Installation klärte ihn darüber auf, dass sich das Werk offenbar mit der inneren Fragmentierung des Individuums im Spannungsfeld gesellschaftlicher Ordnung und persönlicher Identität beschäftigte.
Lucien betrachtete noch einmal die drei Platten, anschließend die Kugel und zuletzt den erklärenden Text.
„Natürlich.“, murmelte er mit tiefem Verständnis, das ausschließlich gespielt war, und setzte seinen Weg fort. Vielleicht fehlte ihm lediglich noch ein zweiter Cocktail, um die tieferen Ebenen dieses Kunstwerkes angemessen erfassen zu können.
Deutlich weniger Interpretationshilfe benötigte er, als zwischen zwei größeren Pavillons das Zeichen von Maison Orvellan auftauchte. Lucien blieb beinahe augenblicklich stehen.
Der Stand war kleiner als viele der umliegenden Präsentationsflächen. Keine überdimensionierten Projektionen, keine aufdringliche Musik und keine Mitarbeiter, die vorbeigehende Besucher anzusprechen versuchten. Stattdessen wurden wenige ausgewählte Stücke auf schlichten erhöhten Flächen präsentiert, begleitet von Stoffmustern, Holoentwürfen und kleinen Projektionen, welche unterschiedliche Varianten einzelner Schnitte zeigten. Man musste niemandem erklären, dass die ausgestellten Stücke teuer waren und Lucien mochte das.
Er betrat den Pavillon und hatte kaum einige Schritte gemacht, als einer der Mitarbeiter seinen Blick hob. Der Mann sah zunächst Lucien an, anschließend dessen Jacke und schließlich wieder in sein Gesicht.
„Vicomte Velcrest.“
Lucien hob leicht die Augenbrauen.
„Verzeihen Sie, aber kennen wir uns?“
Ein kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes.
„Nicht persönlich. Aber ich erkenne unsere Arbeit.“
Lucien blickte kurz an sich hinunter und anschließend wieder zu ihm.
„Das ist beinahe noch schmeichelhafter.“
Damit war der Mann ihm sofort sympathisch.
Was ursprünglich als kurzer Besuch gedacht gewesen war, dauerte entsprechend länger. Lucien ließ sich mehrere neue Stoffe zeigen, betrachtete zwei noch nicht offiziell vorgestellte Schnitte und führte schließlich ein überraschend ernsthaftes Gespräch über die Entwicklung moderner Abendmode. Bei einem asymmetrischen Mantel fiel ihm auf, dass dessen Schulterlinie auf einer Seite geringfügig höher konstruiert worden war, woraufhin er nach dem Grund fragte und eine ausführliche Erklärung darüber erhielt, wie dadurch der diagonale Fall der Vorderseite ausgeglichen wurde.
Solche Details mochte Lucien, denn Mode war für ihn nie ausschließlich die Frage gewesen, ob etwas teuer oder auffällig aussah. Gute Kleidung konnte Haltung verändern, Proportionen verschieben, bestimmte Eigenschaften betonen und andere beinahe verschwinden lassen. Vor allem aber war sie eine Form gesellschaftlicher Sprache, die Personen häufig bereits verstanden, bevor überhaupt das erste Wort gesprochen worden war, und Lucien sprach diese Sprache ausgesprochen gut und gerne.
Der Mitarbeiter zeigte ihm schließlich mehrere Stücke einer neuen Kollektion, die später im geschlossenen Galabereich ausführlicher präsentiert werden sollte, und Lucien ließ sich selbstverständlich die entsprechende Veranstaltung auf seine Zugangskennung übertragen. Dass sein Tagesplan dadurch noch voller wurde, ignorierte er mit beeindruckender Konsequenz.
Bei einem langen Abendmantel in dunklem Graugrün blieb er allerdings etwas zu lange stehen, was dem Mitarbeiter keineswegs entging. Lucien bemerkte wiederum dessen Blick und deutete beinahe beiläufig auf das Kleidungsstück. „Ich sehe ihn mir lediglich an.“
„Selbstverständlich, Vicomte.“
Als er den Pavillon schließlich wieder verließ, war sein Cocktail leer und seine Laune wesentlich besser als beim Aufstehen. Naar existierte zwar weiterhin, aber inzwischen befanden sich zwischen Lucien und diesem Problem wenigstens ein guter Drink, eine ausgezeichnete Schneiderei und mehrere Stunden Gala.
Ein paar Minuten später, nahm sich Lucien bei einem vorbeikommenden Kellner ein kleines Häppchen vom Tablett , dessen genaue Zusammensetzung er nicht erkannte, und probierte es während des Gehens. Es schmeckte hervorragend, besaß allerdings leider ungefähr die Masse einer übergroßen Büroklammer und war nach zwei Bissen verschwunden. Lucien blickte dem Kellner einen Moment nach und nahm beim nächsten Tablett vorsichtshalber gleich zwei. Niemand sollte behaupten, er wäre nicht lernfähig.
Sein Weg führte ihn anschließend an mehreren Architektur- und Designausstellungen vorbei, und hier wurde die Sache gefährlich. Ein Büro aus dem Kerngebiet präsentierte Konzepte für Gebäude, die natürliche Landschaften möglichst vollständig in ihre Architektur integrierten. Eine der Projektionen zeigte eine langgezogene Residenz, deren Wohnbereiche um einen natürlichen Felsvorsprung angeordnet waren und sich über mehrere Terrassen in einen Hang hineinzogen.
Lucien blieb vor der Projektion stehen und dachte unweigerlich an seine Unterkunft im Praxeum, anschließend an die ursprünglich angedachte Wohnung und schließlich an jene kleinere Villa, zu der sich diese Überlegung innerhalb erstaunlich kurzer Zeit entwickelt hatte.
Wenig später befand sich der Informationscode des Architekturbüros auf seinem Datenpad, selbstverständlich ausschließlich aus Interesse. Dass er dabei bereits darüber nachdachte, welche Bezirk in Morabands ausreichend Privatsphäre, eine gute Aussicht und trotzdem eine vernünftige Flugzeit zum Regierungsviertel boten und wie er sein mögliches neues zhause einrichten würde, musste schließlich noch lange nichts bedeuten.
Sein Vater hätte vermutlich an dieser Stelle irgendeine ausgesprochen unnötige Bemerkung über Luciens Verhältnis zu Geld gemacht. Glücklicherweise befand sich dieser viele Systeme entfernt, eine Entfernung, die Lucien gelegentlich als ausgesprochen praktisch empfand.
Je näher der Zeitpunkt der offiziellen Eröffnung rückte, desto dichter wurden die Besucherströme um die zentralen Bereiche. Lucien bemerkte die Veränderung zunächst daran, dass immer mehr Gespräche unterbrochen wurden und sich kleinere Gruppen in Richtung des monumentalen Portals bewegten. Kurz darauf legte sich eine ruhige Stimme über die Lautsprechersysteme und kündigte an, dass die Eröffnungszeremonie in wenigen Minuten beginnen würde.
Lucien warf einen Blick auf seine Zugangskarte und entschied, dass er von seiner derzeitigen Position aus einen ausreichend guten Blick haben würde. Für die spätere Rede seines Schwagers konnte er sich noch immer in einen der reservierten Bereiche begeben. Bevor Lucien sich allerdings in Richtung des zentralen Bereichs begab, führte ihn sein Weg noch einmal an einer Bar vorbei, was er angesichts des bisherigen Verlaufs seines Morgens als ausgesprochen glücklichen Zufall betrachtete. Dass er bereits etwas getrunken hatte, spielte dabei kaum eine Rolle; schließlich lag die nächste Bar nun einmal unmittelbar auf seinem Weg, und Lucien sah keinen vernünftigen Grund, eine derart günstige Fügung des Schicksals zurückzuweisen.
Diesmal entschied er sich für ein Glas Schaumwein, nahm es entgegen und suchte sich einen Platz, von dem aus er sowohl die zentrale Bühne als auch eine der großen Holoübertragungen sehen konnte. Langsam veränderte sich die Atmosphäre auf dem gesamten Gelände. Die Gespräche wurden leiser, das Personal zog sich aus den zentralen Bereichen zurück und selbst jene Besucher, die nicht unmittelbar zur Bühne gegangen waren, richteten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die zahlreichen Projektionsflächen. Auf ihnen erschienen zunächst die Hoheitszeichen Truuines und des Galaktischen Imperiums, bevor das Bild wechselte und das große Orchester sichtbar wurde.
Lucien hob sein Glas leicht an die Lippen, während die ersten Töne des Klaviers über das Gelände getragen wurden und kurz darauf die Stimme der Sängerin einsetzte. Die Gespräche rings um ihn waren inzwischen beinahe vollständig verstummt, sodass sich die Musik zwischen den gewaltigen Eisformationen ausbreiten konnte.
Lucien hatte während seines Lebens genügend offizielle Veranstaltungen besucht, um gegen schlecht inszenierte Feierlichkeit eine gewisse natürliche Widerstandskraft entwickelt zu haben. Er kannte Reden, die dreißig Minuten zu lang waren, Hymnen, deren Komponisten offensichtlich einen persönlichen Hass auf Zuhörer gepflegt hatten, und Empfänge, bei denen selbst der ausgeschenkte Alkohol nicht ausgereicht hatte, um die Anwesenden von der eigenen Bedeutung zu überzeugen. Die Darbietung vor ihm war allerdings anders.
Die altertümlich wirkende Sprache der Hymne verband sich mit dem Orchester, während die gewaltigen Eisformationen rings um das Gelände die Musik auf eine Weise zurückwarfen, die der gesamten Darbietung eine beinahe sakrale Wirkung verlieh. Auf den Projektionen wechselten Bilder der Sängerin mit Aufnahmen der Musiker, des Gletschers und der versammelten Gäste, während die Komposition langsam an Kraft gewann.
Lucien musste zugeben, dass die Gesellschaft wusste, wie man sich präsentierte, wobei das eigentlich wenig überraschend war. Personen mit sehr viel Geld und Einfluss hatten über Jahrtausende hinweg erstaunlich viel Energie darauf verwendet, herauszufinden, wie man andere beeindruckte, und seine eigene Familie bildete dabei keineswegs eine Ausnahme. Trotzdem ertappte Lucien sich irgendwann dabei, das Glas in seiner Hand für einige Zeit vollständig zu vergessen.
Als schließlich das unverkennbare Heulen von TIE-Triebwerken zwischen die Musik drang, hob er den Blick. Zwölf Jäger erschienen über einem der Bergkämme und näherten sich in enger Formation.
Die Formation schoss kurz darauf über den Gletscher hinweg, und fast unmittelbar danach stiegen die ersten Lichtkörper in den Himmel. Für wenige Augenblicke schien das gesamte Gletschermassiv aus Licht zu bestehen, während Musik, TIE-Jäger und Feuerwerk zu einer vollkommen übertriebenen Inszenierung verschmolzen.
Über die Produktionskosten dieser Darbietung hätte Lucien unter anderen Umständen vermutlich mit erheblichem Interesse nachgedacht, doch in diesem Augenblick war ihm erstaunlicherweise nicht danach. Er mochte, was er sah, sogar wesentlich mehr, als er zunächst erwartet hatte, denn gerade die Mischung aus Pathos, Verschwendung und beinahe schamloser Dramatik passte hervorragend zu einer Veranstaltung, die keinerlei Interesse daran zeigte, sich kleiner zu machen, als sie war. Eigentlich überschritt das Ganze jede vernünftige Grenze, was es für Lucien im Grunde ziemlich genau richtig machte.
Er nahm schließlich einen Schluck aus seinem Glas und musste unwillkürlich lächeln.
„Nun gut , Ridley.“, murmelte er anerkennend.
„Wunderbare Inszinierunge alle Achtung.“
Als die letzten Lichtkaskaden über den Gipfeln vergingen, lag für einen kurzen Moment beinahe vollkommene Stille über dem Gelände. Dann setzte der Applaus ein und breitete sich wie eine Welle über die verschiedenen Ebenen aus. Lucien schloss sich ihm an, denn es wäre ausgesprochen kleinlich gewesen, einer gelungenen Inszenierung die Anerkennung zu verweigern, nur weil der dafür verantwortliche Gastgeber zufällig derselbe Mann war, dessen Regierung ihm wenige Stunden zuvor ungefragt einen Salzmond auf den Tagesplan gelegt hatte.
Kurz darauf erklang erneut die Stimme der Moderatorin.
„Und nun bitte ich um Applaus. Bitte begrüßen Sie mit mir unseren Gastgeber: Ridley Quinn Solaris, Gouverneur des Planeten Truuine und Krieger im Orden der Sith!“
Lucien hob bei der vollständigen Ankündigung leicht eine Augenbraue. Krieger im Orden der Sith. Es war manchmal erstaunlich einfach zu vergessen, dass sein Schwager außerhalb familiärer Räume mit Titeln angekündigt wurde, bei denen ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung vermutlich automatisch gerader stand. Für Lucien war Ridley inzwischen vor allem der Mann, der ihn nach seiner Ankunft aufgenommen, ihm einen Regierungsposten verschafft, nach Cona geschickt und heute Morgen offenbar beschlossen hatte, dass ein erfolgreich erledigter Auftrag noch lange kein Grund war, ihn in Ruhe zu lassen.
Auf der großen Projektion erschien Ridley und trat an das vorbereitete Rednerpult. Lucien betrachtete ihn über den Rand seines Glases hinweg, während der Applaus allmählich verebbte und sein Schwager schließlich zu sprechen begann.
„Guten Tag, meine Damen und Herren. Was ist… Kunst?“
Lucien hielt das Glas einen Augenblick vor seinen Lippen, ließ seinen Blick kurz zum Inhalt und anschließend wieder zur Projektion wandern.
„Bitte erzähl jetzt nicht drei Stunden lang, was Kunst ist.“, murmelte er leise. Er hatte schließlich später noch einen Mond zu erschließen und davor nach Möglichkeit sehr viel wichtigere Dinge zu erledigen.
Die Befürchtung erwies sich allerdings bereits nach den nächsten Sätzen als unbegründet. Ridley begann nicht mit irgendeiner langatmigen Abhandlung über Kunstgeschichte, sondern mit einem Gefangenenaustausch auf Umbara und einer Rebellin, die offenbar den bemerkenswerten Fehler begangen hatte, ausgerechnet gegenüber einem Sith die Kunst für Freiheit, Ungebundenheit und letztlich die Rebellion zu beanspruchen. Lucien nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und hob interessiert eine Augenbraue, denn das war zumindest wesentlich unterhaltsamer als die befürchtete kunstphilosophische Vorlesung.
Er hatte während seiner Ausbildung genügend politische Theorie, Staatsphilosophie und Geschichte über sich ergehen lassen müssen, um ziemlich schnell zu erkennen, wohin Ridley mit seiner Argumentation wollte. Kunst wurde hier nicht als bloßer Ausdruck individueller Freiheit verstanden, sondern als bewusster Eingriff in etwas Formloses. Jemand nahm Material, Klang oder Farbe und zwang ihm nach einer eigenen Vorstellung eine Form oder Struktur auf. Von dort war der gedankliche Weg zu imperialer Ordnung, Verwaltung und Herrschaft ausgesprochen kurz, sofern man bereit war, ein Gemälde und die Organisation mehrerer Milliarden Individuen unter demselben philosophischen Grundgedanken zu betrachten.
Lucien musste leicht schmunzeln. Es war eine ziemlich gewagte Analogie und bedauerlicherweise keine schlechte, vor allem weil Ridley sie genau dort platzierte, wo sie funktionierte. Vor ihm standen Künstler, Adelige, Unternehmer, Vertreter imperialer Institutionen und vermutlich genügend Personen, deren gesellschaftliches Selbstverständnis ohnehin eng mit Stabilität, Ordnung und dem Imperium verbunden war. Ihnen erklärte er gerade im Grunde, dass selbst jene Kunst, die sich gegen das Imperium richtete, durch den bloßen Akt des Erschaffens ungewollt einem imperialen Prinzip folgte. Das war beinahe unverschämt, aber Lucien respektierte es durchaus.
Als Ridley schließlich den imperialen Staatsapparat vom Herrscherhaus über Moffs bis hinunter zur lokalen Verwaltung mit demselben schöpferischen Prinzip verband, wanderte Luciens Blick kurz über die gewaltige Veranstaltung rings um ihn, über das Eis, die Architektur, die Ausstellungen und die sorgfältig organisierte Menschenmenge, die wenige Minuten zuvor noch zwischen den Pavillons umhergezogen war und nun beinahe geschlossen den Worten seines Schwagers lauschte. Natürlich konnte man darüber streiten, ob ein Präfekt, der morgens irgendwelche Genehmigungen unterschrieb, deshalb bereits als Künstler gelten durfte. Andererseits hatte Lucien erst heute Morgen erfahren, dass man innerhalb derselben Regierung offenbar gleichzeitig einen Hyperloop auf dem Meeresgrund kontrollieren, einen Salzmond erschließen und eine Gala in einem Gletscher veranstalten konnte. Vielleicht war die Grenze zwischen Verwaltung und experimenteller Kunst auf Truuine tatsächlich fließender, als er bisher angenommen hatte.
Bei Ridleys Seitenhieb auf die Rebellion musste Lucien erneut grinsen. Er wusste nicht, wer jene Rebellin auf Umbara gewesen war, doch falls sie diese Übertragung irgendwie zu Gesicht bekam, dürfte ihr der Gedanke ausgesprochen gut gefallen, dass Ridley ihre eigene Argumentation gerade vor einem beträchtlichen Teil der imperialen Hochgesellschaft genommen, vollständig umgedreht und anschließend öffentlich gegen sie verwendet hatte.
„Du bist wirklich bemerkenswert rhetorisch begabt, auch wenn es mir nicht gefällt. .“ , murmelte Lucien leise mit unverkennbarer Anerkennung in Richtung der überlebensgroßen Projektion seines Schwagers, wobei dies ausdrücklich als Kompliment gemeint war.
Als die Rede schließlich von der politischen Argumentation wieder zur eigentlichen Gala zurückkehrte und Ridley Künstlern, Gesellschaft, Sponsoren, Ausstellern, Organisatoren und Gästen dankte, leerte Lucien den letzten Rest seines Glases. Der Name Bel Zhirio blieb dabei unmittelbar bei ihm hängen. Den Klangkünstler hatte er bereits im Programm gesehen, und wenn Ridley dessen Installation in seiner Eröffnungsrede ausdrücklich hervorhob, wanderte sie auf Luciens ohnehin inzwischen viel zu umfangreicher gedanklicher Liste noch einige Plätze weiter nach oben.
Schließlich kamen die Worte, auf die mehrere tausend Personen gewartet hatten, und die Gala der Kristallenen Klänge war offiziell eröffnet. Der Applaus brandete erneut auf, und Lucien beteiligte sich diesmal ohne jeden spöttischen Gedanken daran. Ridley hatte eine gute Rede gehalten, die Eröffnung war hervorragend inszeniert gewesen und selbst Lucien musste seinem Schwager zugestehen, dass Truuine sich an diesem Vormittag ausgesprochen wirkungsvoll präsentierte. Dass er dieses Lob Ridley gegenüber später vermutlich auf ein beiläufiges
„War ganz ordentlich“ reduzieren würde, war eine vollkommen andere Angelegenheit. Man musste Familienmitglieder schließlich nicht unnötig verwöhnen.
Auf den Projektionen verließ Ridley mit wehendem Cape die Bühne, während rings um Lucien beinahe augenblicklich wieder Bewegung in die Veranstaltung kam. Gespräche setzten ein, Gläser wurden gehoben, Personal trat erneut zwischen die Gäste und die Besucherströme begannen sich langsam in Richtung jener Zugänge zu verlagern, die nun tiefer in das Gletschermassiv hinein geöffnet wurden.
Lucien blieb noch einen Augenblick stehen und betrachtete das Schauspiel, bevor er sein Datenpad hervorzog. Die Liste seiner vorgemerkten Programmpunkte war inzwischen lächerlich lang. Maison Orvellan hatte er zumindest bereits teilweise erledigt, während Klangkunst, mehrere Architekturausstellungen, Veyronis Motive, einige kleinere Präsentationen und natürlich jener Termin mit Sassameer noch darauf warteten, abgearbeitet zu werden. Letzterer zog sich wie ein hässlicher Verwaltungsfleck mitten durch seinen ansonsten ausgezeichneten Tagesplan, zu dem inzwischen auch eine weitere Orvellan-Präsentation und Bel Zhirios Installation hinzugekommen waren.
Irgendwo dazwischen musste er vermutlich auch einmal etwas essen, das größer war als ein dekorierter Teelöffel.
Lucien betrachtete die Liste einige Sekunden, steckte das Datenpad anschließend wieder ein und nickte leicht.
„Gut. Dann schauen wir uns einmal an, wofür ich heute Morgen so grausam aus dem Bett gezwungen wurde.“
Sein Blick fiel auf einen Kellner, der gerade mit einem neuen Tablett voller Gläser zwischen den Gästen hindurchging. Lucien überlegte kurz und nahm sich dann eines. Man musste die Kultur schließlich angemessen unterstützen.
Mit dem Glas in der Hand schloss er sich dem Strom jener Gäste an, die sich nun langsam auf das monumentale Portal im Eis zubewegten. Hinter ihm lagen der offene Festplatz, die Pavillons und die Eröffnungszeremonie, während sich vor ihm endlich jener Teil der Gala öffnete, auf den er seit Cona neugierig gewesen war.
Und irgendwo einige Stunden weiter in seinem Tagesplan wartete jener ganz wunderbare Salzmond auf ihn.
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