Truuine

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Theranos stieß mit ihm an und bemerkte nebenbei, dass „Gouverneur“ nun gar nicht mehr die korrekte Ansprache für ihn sei.

Kanto war überrascht. Er hatte nicht genau im Kopf, wie lange Theranos Zesh als Gouverneur auf Prefsbelt IV eingestetzt war, aber es konnte kaum länger als zwei Jahre gewesen sein, oder? Entweder hatte er hervorragende Arbeit geleistet oder – was wahrscheinlicher war – er hatte sich sehr gute Beziehungen zu Moff Vayliuar verschafft. Da der Kuati beides gleichermaßen legitim fand, nickte er Theranos anerkennend zu und schüttelte ihm die Hand.


„Gratulation! Und in welchem Tätigkeitsbereich? Ihnen wäre ja alles zuzutrauen“ bemerkte er grinsend.

„Aber das bedeutet, dass ich in Themen der Zusammenarbeit mit Prefsbelt IV zukünftig mit diesem Herrn T’rsop sprechen muss? Zu schade, denn ich habe mir extra ein paar gute Nachrichten in der Hinsicht für Sie aufgehoben, um Sie ihnen gleich persönlich zu erzählen.“

Er nahm noch einen kurzen Schluck von seinem Cocktail, während er abwägend die Augen zusammenkniff, aber man merkte, dass es eher eine Kunstpause war, als eine wirkliche Überlegung.

„Ach, als Sektor Adjutant“, und er betonte den Titel mit einem verschmitzten Lächeln „gehen diese Dinge Sie wohl noch genauso etwas an, wie als Gouverneur. Ich weiß, dass der Bau ihrer planetaren Werft auf Prefsbelt IV bereits recht weit fortgeschritten ist, und ich möchte mich aufrichtig für die entnervende Zähigkeit der Entwicklungen auf Quarzite entschuldigen, die im krassen Gegensatz dazu stehen. Aber tatsächlich sind wir jetzt so weit, dass wir die Legierung Quadanium in Mengen produzieren können, die unseren Eigenbedarf weit übersteigen. Das bedeutet: Sie bekommen endlich Unterstützung für Ihre Großbaustellen.

Mir ist klar, dass eine hochstabile Legierung wie Quadanium, die hauptsächlich zur Panzerung von Raumschiffen und Kampffahrzeugen genutzt wird, beim Bau einer planetaren Werft nur für wenige Spezialzwecke benötigt wird. Aber es ist auf dem Markt derzeit schwer zu kriegen und wegen des aufflammenden Konflikts steigt der Preis rasant. Deshalb bin ich mir sicher, dass Sie noch nicht alles Quadanium beisammen haben, dass Sie brauchen.

Und natürlich bin ich auch bereit, Lieferungen über den Bau hinaus zu bieten, wenn die Werft erst ihren eigentlichen Zweck erfüllen soll: Den Bau von Raumschiffen.“
Wieder grinste er leicht verschwörerisch, bevor er fortfuhr:

„Und auch mein kleines Transportproblem, Sie erinnern sich vielleicht, ist im Begriff, sich nun zu lösen. Ich bin gerade dabei, eine Transportflotte aus C80 – Hammerhead – Korvetten aufzubauen. Ich werde im Anschluss der Gala nach Kuat reisen, um dort für finanzielle Beteiligung an diesem Unternehmen zu werben, aber natürlich möchte ich auch Ihnen diese Gelegenheit anbieten. Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass in den kommenden, unruhigeren Jahren, die Nachfrage nach gut bewaffneten Transportflotten deutlich steigen wird. Ein todsicheres Investment sozusagen“, sagte Kanto mit einem süffisanten Schmunzeln.

Dann sprachen Sie über privatere Dinge, genauer gesagt, Luxa Solis uns Quarzite Essenz. Kanto lauschte amüsiert den Gedanken von Theranos zu seinem Drink und antwortete schließlich auf die Frage, was es mit der Quarzite Essenz auf sich habe:
„Der Name für den Drink kommt ja nicht von ungefähr. Ich dachte mir, es wäre passend, einen Drink nach denen zu benennen, die die Zutaten kreiert haben. Also ja, die Essenz ist eine Eigenkreation und zugleich etwas traditionelles. Sie wird aus sogenannten Quarzflechten destilliert und gilt bei den Einwohnern diese grauen Felsklumpens als Naturheilmittel. Natürlich sind diese Aliens nie auf die Idee gekommen, die Essenz zur Schaffung von etwas so kultiviertem wie einem alkoholischen Drink zu verwenden.“ Er hielt kurz inne.

„Der Geschmack ist sehr frisch, grün, wie nach frisch gemähtem Graß. Und die Farbe ist einfach der Wahnsinn! Und natürlich seeehr gesund.“ Er grinste schon wieder. Dann bemerkte er eine sehr elegant gekleidete Dame, die sich ihrem Tischchen näherte. Ihre gesamte Aufmachung schrie nicht nur „wichtige Persönlichkeit“, nein, auch ihr Gang und die Art, wie sie nun Theranos und begrüßte, ließ Kanto an adlige Erziehung denken. Was sich bestätigte, als sie sich mit einem unerhört komplizierten Namen bei Kanto selbst vorstellte.

„Lilivienne Évarielle d’Oridin, Gouverneurin von Bastion.“

Interessant! Kanto nahm galant, wie er es gelernt hatte, ihre Hand und hauchte mit unaufdringlichem Abstand einen Kuss darauf. „Gouverneurin, es ist mir eine Freude! Kanto Garison, Gouverneur von Quarzite. Das liegt im Supersektor 16, in der Nähe von Denon, falls Sie noch nie davon gehört haben – was kein Wunder wäre.“ Er lächelte dabei und bemerkte ihren kurzen Blick auf seine Schärpe.

„Das sind lediglich die Farben des Hauses Garison, kuatischer Adel. Aber sollten Sie sich wider Erwarten für solch langweilige Details interessieren, werde ich sie gerne auf einen Drink am Ausstellungsstand von Theranos Zesh einladen, der nicht zufällig genau gegenüber von dem meines Planeten liegt. Wobei uns da der geschätzte Sektor Adjutant wahrscheinlich ohnehin gar nicht bezahlen lassen würde“, fügte er mit einem schelmischen Seitenblick zu Theranos hinzu, bevor er den Blick wieder mit einem selbstbewussten Lächeln auf die elegante Adlige richtete und genüsslich ihre Erscheinung studierte. Kanto hätte nie gedacht, dass die Gouverneurin der imperialen Hauptwelt so ein heißer Feger sein könnte. In der Aufmachung und dem stilvollen Makeup war es sehr schwer, ihr Alter zu schätzen, aber sie konnte nicht viel älter als er selbst sein. Außerdem regte ihr Gesicht in seinem Hinterkopf irgendeine ferne Erinnerung, aber er konnte sie noch nicht genauer fassen. Aber hervorragendes Aussehen, Macht, gute Herkunft und irgendeine verschüttete Erinnerung waren definitiv Zutaten, die eine Frau interessant machten! Das konnte nur ein guter Abend werden…


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Theranos Zesh, Kanto Garison, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Ridley Solaris, Kal Andrim und weitere Galagäste



Kantos Glückwünsche nahm Theranos mit einem ehrlichen Lächeln entgegen. Dass die Nachricht seiner Beförderung noch nicht überall angekommen war, überraschte ihn kaum; dafür war der Wechsel vom Gouverneur zum Sektoradjutanten schlicht zu frisch. Als Garison jedoch unmittelbar wissen wollte, in welchem Tätigkeitsbereich Moff Vayliuar ihn künftig einsetzen würde, musste Theranos beinahe schmunzeln. Die Formulierung, ihm wäre wohl alles zuzutrauen, konnte immerhin sowohl als Kompliment als auch als höfliche Warnung verstanden werden.

„Vielen Dank. Im Wesentlichen Wirtschaft, Handel, Logistik, Bauwesen, industrielle Entwicklung und alles, was einem Sektor ausgesprochen teuer werden kann, wenn man es schlecht organisiert.“

Der trockene Unterton wich einem etwas sachlicheren Tonfall, als Kanto die zukünftige Zusammenarbeit mit Prefsbelt IV ansprach. Theranos konnte dessen Schlussfolgerung durchaus nachvollziehen, doch gerade in diesem Punkt würde sich tatsächlich weniger verändern, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

„Und was unsere Zusammenarbeit betrifft, müssen Sie sich erfreulicherweise nicht vollständig umstellen. Alles, was ausschließlich die laufende planetare Verwaltung von Prefsbelt IV betrifft, fällt nun selbstverständlich in Gouverneur T’rsops Zuständigkeit. Größere wirtschaftliche und industrielle Projekte mit Bedeutung für den gesamten Sektor werden allerdings weiterhin zu meinem Aufgabenbereich gehören. Die Werft zählt ganz eindeutig dazu.“

Theranos nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas. T’rsop war für ihn ohnehin kein Fremder, den Moff Vayliuar aus irgendeinem Verwaltungsapparat herausgerissen und kurzerhand auf einen Gouverneursposten gesetzt hatte. Der Pau’an lebte seit weit über einem Jahrhundert auf Prefsbelt IV und hatte bereits lange vor Theranos’ eigener Ankunft beratende Funktionen ausgeübt. Dennoch war die Rolle eines Gouverneurs eine andere als jene eines Beraters. Entscheidungen mussten plötzlich nicht mehr bloß vorbereitet, analysiert und empfohlen, sondern öffentlich vertreten und politisch verantwortet werden.

Dass Theranos seinem Nachfolger gerade in den ersten Monaten weiterhin zur Seite stehen wollte, hatte daher wenig mit mangelndem Vertrauen zu tun. Im Gegenteil. Gerade weil er T’rsop diese Aufgabe zutraute, wollte er ihm den Übergang so reibungslos wie möglich machen und dort Rückendeckung geben, wo seine eigene Erfahrung der vergangenen Jahre nützlich sein konnte.
„Gouverneur T’rsop kennt Prefsbelt IV aufgrund seines Lebens das er Loyal gegenüber dem Imperium seit über hundert Jahren dort führt vermutlich besser als die meisten Personen, die dort geboren wurden. "

Theranos wusste nicht genau, wie sehr Gouverneur Garison für oder gegen nicht mehr Menschen in Regierungspositionen stand, somit beließ er das Thema aktuell bei dieser Info.
"In den entscheidenden Fragen teilen wir eine sehr ähnliche Auffassung davon, wohin sich Planet und Sektor entwickeln sollten. Er wird selbstverständlich eingebunden sein. Aber Sie werden in Angelegenheiten wie der Werft auch weiterhin mit mir vorlieb nehmen müssen.“


Das anschließende Lächeln machte deutlich, wie wenig Bedauern Theranos darüber empfand.

Die eigentlichen Neuigkeiten, die Kanto ihm daraufhin präsentierte, ließen seine Aufmerksamkeit jedoch rasch ernster werden. Dass Quarzite die Produktion von Quadanium inzwischen so weit ausgebaut hatte, dass sie den eigenen Bedarf deutlich überstieg, war weit mehr als lediglich eine erfreuliche Entwicklung für Garisons Planeten. Gerade in einer Zeit, in der strategisch bedeutende Materialien zunehmend schwerer auf dem freien Markt zu beschaffen waren und die Preise mit jeder politischen Unsicherheit weiter anzogen, bedeutete eine verlässliche Quelle innerhalb imperial kontrollierter Wirtschaftsstrukturen vor allem eines: Planungssicherheit.

Theranos ließ Kanto vollständig ausreden, ehe er langsam nickte.
„Das sind tatsächlich ausgezeichnete Nachrichten. Und entschuldigen müssen Sie sich dafür nicht, Wirtschaftliche Entwicklung braucht nun eben seine Zeit.“

Ein leichtes Schmunzeln huschte über seine Lippen.
„Wenn Quarzite nun dauerhaft über entsprechende Überschüsse verfügt, sollten wir daraus allerdings mehr machen als einzelne Lieferungen nach Bedarf. Ich würde Ihnen vorschlagen, dass wir einen längerfristigen Handelsrahmen ausarbeiten. Feste oder zumindest planbare Kontingente für Prefsbelt IV und gegebenenfalls weitere Projekte des Sektors würden uns Versorgungssicherheit geben und Quarzite im Gegenzug einen stabilen Absatzmarkt.“

Das entsprach genau jener Art von Zusammenarbeit, die Theranos bevorzugte. Keine einmaligen Geschäfte, die mit Abschluss einer Baustelle wieder verschwanden, sondern wirtschaftliche Verbindungen, die mehreren Regionen langfristig einen Grund gaben, miteinander Handel zu treiben. Die Werft mochte der augenblickliche Anlass sein, doch wenn sie erst einmal ihre eigentliche Arbeit aufnahm, würden Materialströme ohnehin nicht enden. Sie würden sich lediglich verändern.

„Und sobald die Werft tatsächlich Schiffe fertigt, dürfte Ihr Quadanium noch einmal wesentlich interessanter werden. Das sollten wir also keinesfalls nur bis zur Fertigstellung der Anlage denken.“

Bei Kantos nächstem Vorschlag hob Theranos hingegen interessiert die Brauen.
Eine Transportflotte aus Hammerhead-Korvetten. Das hatte Stil.

Theranos kannte den Schiffstyp natürlich und hatte seine auffällige Form schon immer gemocht. Die Konstruktion wirkte robust, zweckmäßig und besaß dennoch genügend Eigenständigkeit, um zwischen den zahllosen eher gesichtslosen Transportern der Galaxis sofort wiedererkannt zu werden.

„Die Hammerheads sind eine ausgesprochen interessante Wahl. Praktische Schiffe – und ich gebe zu, mir gefällt ihre Konstruktion auch rein optisch. Diese massive Bug bzw. Brücken-Sektion besitzt durchaus Charakter.“

Er ließ sich Kantos Überlegungen zur zukünftigen Nachfrage noch einmal durch den Kopf gehen. Bewaffnete Transportkapazitäten waren gerade in zunehmend unsicheren Zeiten keineswegs eine absurde Wette. Trotzdem würde Theranos weder als Verwaltungsbeamter noch als Privatperson aufgrund eines einzigen Gesprächs zwischen zwei Gläsern Sekt sofort Kapital zusagen.

Interessiert war das Thema dennoch. Sehr sogar.

„Von einem todsicheren Investment würde ich bei Ihnen vermutlich erst sprechen, nachdem ich mir Ihre Zahlen und die Pläne angesehen habe.“

Theranos hob sein Glas leicht an.

„Aber grundsätzlich sehe ich Vision. Wenn Sie mir nach der Gala ein Konzept zukommen lassen – Kapitalbedarf, geplante Flottengröße, Eigentumsstruktur, erwartete Routen und Transportkapazitäten –, lasse ich es gerne von Experten prüfen, ob wir auf sektoraler Ebene eine sinnvolle Beteiligung oder längerfristige vertragliche Zusammenarbeit aufbauen können.“

Für einen Augenblick dachte er darüber nach und ergänzte schließlich

„Und soweit es die Rahmenbedingungen erlauben, könnte ich mir durchaus auch privat eine Beteiligung vorstellen. Imperialis Sensus hat zwar bislang keine Ambitionen, zur Reederei zu werden, aber gegen verlässliche Transportkapazitäten hatte noch kein Handelsunternehmen etwas einzuwenden.“


Dass Kanto anschließend erwähnte, für die Finanzierung nach Kuat reisen zu wollen, ließ Theranos kurz amüsiert den Kopf neigen. Offenbar hatte sich dieser Planet entschlossen, sich zunehmend in seine unmittelbare Zukunft zu drängen. Kal Andrim hatte ihn erst am Vorabend eingeladen, Kuat auf dem Rückweg selbst zu besuchen, und nun plante auch Garison dort seinen nächsten geschäftlichen Schritt.

Vielleicht sollte ich langsam aufhören, Reisen zu planen. Offenbar erledigen das inzwischen andere für mich.
Er behielt den Gedanken für sich kam aber nicht drum herum Kal zu erwähnen.

“Welche wunderbaren Zufall, ein sensationeller Pilot und Kuati Captain Kal Andrim, hat mich gestern eingeladen, ihn nach der Gala nach Kuat zu begleiten. Somit denke ich, trifft sich dies sehr gut, meinen Sie nicht?”


Vielleicht konnte Theranos den Gouverneur und Kal Andrim einander vorstellen, er konnte sich gut vorstellen, dass die beiden sich verstehen würden, aber darüber würde sich Theranos später Gedanken machen.

Mindestens ebenso interessant wie Quadanium und Transportkorvetten fand Theranos jedoch Kantos Erklärung der Quarzite-Essenz. Die Vorstellung, dass ausgerechnet eine traditionelle Flechte des Planeten sowohl als Naturheilmittel als auch als Bestandteil eines Cocktails Verwendung finden konnte, besaß beinahe jene Art von Absurdität, aus der manchmal unerwartet gute Geschäftsideen entstanden.

„Dann haben die Einwohner Quarzites immerhin den medizinischen Teil entdeckt, bevor Sie auf die Idee kamen, ihn mit Alkohol zu kombinieren.“

Das leichte Schmunzeln wich rasch echter Neugier.

„Das würde ich allerdings tatsächlich untersuchen lassen. Wenn sich hinter der traditionellen Anwendung mehr verbirgt und sich bestimmte Wirkstoffe sauber nachweisen lassen, könnte daraus eine vollkommen eigene Wertschöpfungskette entstehen. Anbau oder kontrollierte Gewinnung der Flechten, Verarbeitung, pharmazeutische Analyse und vielleicht später eine entsprechende Produktion direkt auf Quarzite.“

Theranos dachte bereits einige Schritte weiter. Ein Planet, der bislang vor allem über mineralische Rohstoffe und industrielle Entwicklung sprach, gewann langfristig enorm, wenn er wirtschaftlich nicht von wenigen Gütern abhängig blieb.

„Selbst wenn daraus am Ende kein revolutionäres Medikament entsteht, wäre eine kleine pharmazeutische oder biochemische Industrie für Quarzite interessant. Diversifizierung schadet einer planetaren Wirtschaft selten. Vorausgesetzt natürlich, Ihre Essenz bewirkt tatsächlich mehr, als einem Gouverneur nach drei Gläsern einzureden, er wäre unverwundbar.“

Diesmal lachte Theranos leise.

„Aber zuerst möchte ich ihre Entdeckung verkosten. Danach können wir entscheiden, ob wir daraus ein medizinisches Forschungsprojekt, einen offiziellen Cocktail oder beides machen.“



Noch während er sprach, bemerkte Theranos eine Gestalt, die sich ihrem Tisch aus einer Richtung näherte, die ihm genügend Gelegenheit gab, sie bereits einige Schritte zuvor wahrzunehmen.

Lilivienne Évarielle d’Oridin.


Und mit ihrem Erscheinen meldete sich beinahe unvermeidlich die Erinnerung an den vergangenen Abend zurück. Theranos nahm sich innerlich mit einer Gründlichkeit, die angesichts eines simplen Namens fast schon lächerlich war, vor, diesmal keinerlei eigenmächtige Verkürzungen vorzunehmen.

Doch dieser Gedanke hielt nur kurz.

Das Ensemble der Gouverneurin zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das perlmuttfarbene Kleid mit seinen graphitfarbenen Elementen, den goldenen Linien und den durchscheinenden Stoffbahnen fügte sich so erstaunlich gut in die Architektur aus blau schimmerndem Eis und warmer Beleuchtung ein, dass Theranos für einen Augenblick tatsächlich fast etwas länger hinsah, als es einer rein beiläufigen Betrachtung entsprochen hätte. Der Schnitt schmeichelte ihrer Gestalt, ohne dabei jene kontrollierte Strenge zu verlieren, die offenbar bewusst Teil des gesamten Entwurfs war.

Theranos bemerkte selbst, dass sein Blick einen Moment zu lange auf den Details ruhte, und zwang ihn mit geübter Selbstverständlichkeit zurück zu ihrem Gesicht. Schließlich war er Sektoradjutant, kein jugendlicher Akademiekadett auf seinem ersten Empfang.

Als Lilivienne ihn schließlich ansprach, trat ein ehrlich erfreutes Lächeln auf sein Gesicht.

„Gouverneurin Lilivienne Evarielle Baroness von Oridin. Welch erfreuliches Wiedersehen.“


Dann sah er kurz hinter der Gouverneurin ihre vertraute Majordomus Alizée, in einigem Abstand stehen. Heute dürfte sie offenbar wieder ihre Offizielle erfüllen.

Ihr nickte er höflich zum Gruß zu, ehe er sich der Gouverneurin wieder zuwandte und sein Blick noch einmal kurz, aber nun wesentlich bewusster, über ihr Ensemble glitt

„Und Sie haben recht. Für eine Unterhaltung über Kunst besitzt dieser Ort gewisse Vorteile gegenüber der Bar des gestrigen Abends.“

Ein feiner Anflug von Humor lag in seiner Stimme, bevor er mit einem höflichen Nicken ergänzte und einer ehrliche Stimmlage fortfuhr.

„Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben. Ihr Ensemble fügt sich bemerkenswert gut in diese Umgebung ein. Ihr Schneider – oder wer auch immer für diese schöne Gestaltung verantwortlich war – hat offenbar verstanden, dass man bei einer Veranstaltung wie dieser durchaus selbst Teil der Komposition sein darf. Es steht Ihnen ausgezeichnet.“

Das Kompliment war ehrlich gemeint da Theranos einen Fable für Mode und die schönen Dinge des Lebens hatte. Aber Mehr musste dazu nicht gesagt werden er hatte keinerlei Bedürfnis, daraus eine übertriebene Schmeichelei zu machen vor allem könnte es als falsch nach dem Gestrigen Abend aufgefasst werden..

Als Lilivienne ihn an sein Versprechen erinnerte, Imperialis Sensus noch gemeinsam aufzusuchen, nickte er umgehend.

„Selbstverständlich. Das Versprechen gilt weiterhin. Und wie es der Zufall will, hat Gouverneur Garison mir gerade einen zusätzlichen Grund geliefert, weshalb wir den Stand heute ohnehin noch aufsuchen müssen.“

Theranos ließ den Blick zwischen beiden wechseln, während Lilivienne sich nun ihrerseits Kanto vorstellte. Er hielt sich bewusst aus den ersten Sekunden der Begrüßung heraus und beobachtete mit einem gewissen stillen Amüsement, wie Garison die angebotene gesellschaftliche Bühne sofort zu nutzen verstand.

Der galante Handkuss überraschte ihn dabei kaum.

Kuatischer Adel auf der einen Seite, eine Baroness aus dem cygnus Sternenimperium auf der anderen – beide bewegten sich in dieser Form gesellschaftlicher Etikette mit einer Selbstverständlichkeit, die Theranos fast schon den Gedanken entlockte, dass hier zwei Personen aufeinandertrafen, denen niemand erklären musste, warum gewisse Gesten und Formen überhaupt existierten.

Das dürfte interessant werden.
Als Kanto Quarzite anschließend beinahe entschuldigend geografisch einordnete und sogar anmerkte, es wäre verständlich, wenn Lilivienne noch nie davon gehört hätte, hob Theranos leicht die Brauen.

„Gouverneur Garison übt sich gerade in einer viel großen Bescheidenheit.“

Theranos wandte sich Lilivienne zu, ohne Kanto dabei aus dem Gespräch auszuschließen.

„Quarzite entwickelt sich wirtschaftlich ausgesprochen interessant. Gouverneur Garison arbeitet unter anderem am Ausbau größerer industrieller Kapazitäten, fördert mehrere für den Planeten charakteristische Werkstoffe und Kristallerzeugnisse, des weiteren werden demnächst strategisch relevante Materialien in nennenswerten Mengen exportiert.“

Er deutete leicht mit seinem Glas auf Kanto.

„Für die neue Werft im Prefsbelt-Sektor dürfte das künftig eine durchaus wichtige Rolle spielen. Und auch Imperialis Sensus arbeitet mit Quarzite zusammen. Einige der Gläser, weiteren Präsentationstücke sowie Schmuck und Accessoires, die wir zukünftig verwenden möchten, sollten dort gefertigt werden. Der Gouverneur präsentiert hier also seine wichtige Arbeit und den Planeten gerade deutlich unter Wert.“

Er hoffte, so Kanto zumindest etwas besser dastehen zu lassen, es konnte nie schaden Verbündete positiv hervorzuheben, vor allem wenn es zukünftige Handelspartner waren.

Dass Kanto anschließend die Farben seiner Schärpe als jene des Hauses Garison erklärte, nahm Theranos interessiert zur Kenntnis. Die kuatische Herkunft des Gouverneurs war ihm bekannt, die konkrete Bedeutung der Farbgebung jedoch nicht. Gerade solche kleinen Details mochte er; sie erzählten häufig mehr über Familiengeschichte und Selbstverständnis als eine ganze Reihe offizieller Titel.

Kantos nächste Bemerkung brachte Theranos schließlich endgültig zum Schmunzeln.
Eine Einladung an seinen Stand auf seine Kosten.

„Bemerkenswert, Gouverneur Garison.“

Theranos schüttelte leicht den Kopf, wobei das Lächeln keinen Zweifel daran ließ, dass ihn die Dreistigkeit eher amüsierte als störte.

„Aber ich fürchte, Sie haben vollkommen recht. Gouverneurin d’Oridin dürften Sie grundsätzlich selbstverständlich auf meine Kosten einladen.“

Er wandte sich kurz an Lilivienne.

„Wobei Sie ohnehin bereits wissen, dass ich Ihnen gestern angeboten habe, sollte etwas Ihren Geschmack treffen, es nicht nur bei einem einzelnen Glas bleiben zu lassen.“

Dann ging sein Blick zurück zu Kanto.

„Und da Sie gestern leider nicht dabei waren, erweitere ich das Angebot selbstverständlich auf Sie. Aus einem ursprünglich vollkommen unspektakulär geplanten Getränk wurde in der Bar eher zufällig eine kleine Versammlung aus Offizieren, Gouverneuren und Moffs, sowie einigen weiteren Personen, die offenbar gleichzeitig dieselbe Bar entdeckt hatten.“

Der Abend war rückblickend tatsächlich deutlich größer geworden, als Theranos ursprünglich beabsichtigt hatte.

„Ich hatte dort angeboten, dass eingeladene Gäste bei Imperialis Sensus selbstverständlich weder für Wein noch für Speisen oder Snacks bezahlen müssen. Auch wäre es etwas merkwürdig, ausgerechnet meinen Geschäftspartner aus Quarzite davon auszunehmen.“

Theranos hob sein Glas leicht und betrachtete die beiden Gouverneure mit einem zufriedenen Ausdruck.

„Damit wäre es wohl beschlossen. Wir werden den Stand aufsuchen, Gouverneurin d’Oridin bekommt den versprochenen Eindruck von Imperialis Sensus und Gouverneur Garison wird mir zeigen, ob sein neuer Cocktail der Governor tatsächlich so gut schmeckt, wie er ihn mir beschrieben hat."

Noch war die Gala kaum richtig eröffnet, und dennoch hatte Theranos innerhalb weniger Minuten über einen möglichen langfristigen Quadaniumvertrag gesprochen, eine Beteiligung an einer neuen Transportflotte angeboten bekommen, über den Aufbau eines potenziellen pharmazeutischen Wirtschaftszweiges auf Quarzite nachgedacht und erfahren, dass einer seiner eigenen Weine inzwischen Bestandteil eines Cocktails mit planetarem Naturheilmittel geworden war.

Nun standen außerdem zwei Gouverneure vor ihm, deren gesellschaftlicher Hintergrund kaum unterschiedlicher und zugleich erstaunlich kompatibel wirkte.
Theranos nahm einen weiteren Schluck.

Wenn der restliche Abend dieses Tempo beibehielt, würde die Gala der Kristallenen Klänge ihren Namen womöglich noch in mehrfacher Hinsicht verdienen.


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Theranos Zesh, Kanto Garison, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Ridley Solaris, Kal Andrim und weitere Galagäste
 
[ Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine | Moraband | auf dem Weg zur Gala der Kristallenen Klänge ] Lucien Velcrest


Der Gleiter hatte Moraband kaum hinter sich gelassen, als Lucien zum ersten Mal verstand, weshalb die Gala der Kristallenen Klänge bereits seit Tagen einen beträchtlichen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit Truuines für sich beanspruchte.

Die Entfernung zwischen der Hauptstadt und dem Gletschermassiv war tatsächlich kaum der Rede wert, doch schon während des kurzen Fluges veränderte sich die Landschaft merklich. Gebäude und Verkehrsadern Morabands blieben hinter ihnen zurück, während vor den Sichtfenstern zunehmend Eis, Schnee und jene gewaltigen natürlichen Formationen dominierten, zwischen denen sich das eigentliche Veranstaltungsgelände erstreckte.

Lucien hatte die Bilder selbstverständlich gesehen. Er hatte während des Rückfluges von Cona beinahe das gesamte Programm durchgesehen, sich Aussteller vorgemerkt, Veranstaltungen gebucht und vermutlich mehr Zeit mit der Planung seines ersten Galatages verbracht, als er jemals freiwillig für einen gewöhnlichen Arbeitstag aufgewendet hätte. Trotzdem konnten die Holoaufnahmen nur bedingt vermitteln, welche Ausmaße die Veranstaltung tatsächlich angenommen hatte.

Der Ausläufer des Gletschers von Moraband erhob sich wie eine gewaltige Wand aus bläulich schimmerndem Eis über der umliegenden Landschaft, durchzogen von natürlichen Spalten, kristallinen Formationen und dunkleren Gesteinsschichten, die stellenweise zwischen dem Eis hervortraten.

Dazwischen lagen Terrassen, Aussichtsplattformen, Brücken und elegante Baukörper, deren Materialien sich bewusst zurücknahmen und die natürliche Struktur des Massivs ergänzten, anstatt sie vollständig zu verdecken. Warmes Licht setzte goldene Akzente zwischen den kalten Blau- und Weißtönen, während sich auf den unteren Ebenen bereits unzählige Besucher zwischen Pavillons, Ausstellungshallen und offenen Veranstaltungsflächen bewegten. Shuttles kamen und gingen beinahe ohne Unterbrechung, private Gleiter wurden über verschiedene Korridore zu ihren vorgesehenen Ankunftsbereichen geführt und weit oberhalb des Geländes zogen immer wieder TIE-Jäger ihre kontrollierten Bahnen.

Lucien lehnte sich etwas näher an das Sichtfenster und ließ seinen Blick langsam über die Anlage wandern. Es war schön, ausgesprochen schön sogar, wobei es natürlich nicht an Arkania herankam. Das wäre schließlich eine vollkommen unangemessene Erwartung gewesen. Lucien war durchaus bereit, anderen Welten ihre Vorzüge zuzugestehen, solange niemand von ihm verlangte, deshalb den offensichtlichen Umstand zu ignorieren, dass seine eigene Heimat bei Eislandschaften, Architektur und aristokratischer Ästhetik einen gewissen natürlichen Vorsprung besaß. Trotzdem musste er anerkennen, dass Truuine hier etwas Bemerkenswertes geschaffen hatte, aber sicher nur, da es aktuell von einem seinesgleichen regiert wurde. Die Verbindung aus natürlichem Gletscher, moderner Architektur und bewusst gesetzter Beleuchtung funktionierte wesentlich besser, als er erwartet hatte.

„Nicht Arkania...“, stellte er leise fest, während der Gleiter eine leichte Kurve flog und das monumentale Portal des Veranstaltungsgeländes sichtbar wurde. Nach kurzem Überlegen nickte er jedoch anerkennend. „Aber ihr habt euch Mühe gegeben.“

Mehr Lob konnte eine Welt am frühen Vormittag wie diesem kaum von Ihm erwarten.

Wenig später setzte der Gleiter auf einer der für akkreditierte Galagäste vorgesehenen Plattformen auf. Lucien wartete, bis sich die Seitentür geöffnet hatte, strich beinahe beiläufig über die Vorderseite seines maßgeschneiderten Anzugs und trat hinaus in die kalte Luft.
Sein silbrig schimmerndes Salbeigrün hob sich deutlich von den dunkleren Kleidungsstücken vieler anderer Gäste ab, ohne unter der hellen Umgebung aufdringlich zu wirken. Das breite asymmetrische Revers mit seiner feineren Musterung zog sich diagonal über seine Brust, während die kleinen metallischen Verschlüsse, Ziernähte und die zurückhaltende Brosche seines Hauses gerade genug Akzente setzten, um die Maßanfertigung sichtbar von gewöhnlicher Abendkleidung zu unterscheiden. Das war zumindest Luciens Meinung, und da es sich um seine Kleidung handelte, war dies praktischerweise die einzige Meinung, die zunächst von Bedeutung war.


Die ersten Kontrollen verliefen erfreulich schnell. Seine Identität wurde bestätigt, die Einladung geprüft und anschließend jene zusätzliche Akkreditierung freigeschaltet, die er für mehrere der exklusiveren Veranstaltungen innerhalb des Galabereichs erworben hatte. Eine Mitarbeiterin überreichte ihm zusätzlich eine schmale Zugangskarte, die bei Aktivierung eine holografische Übersicht des gesamten Geländes projizierte und automatisch jene Wege hervorhob, für die seine jeweiligen Berechtigungen galten.

Lucien betrachtete die Projektion einen Augenblick lang und ließ sich probeweise den Weg zur späteren Lounge Forn anzeigen. Die Markierung erschien beinahe augenblicklich, womit zumindest feststand, dass der Termin bedauerlicherweise tatsächlich existierte. Für einen winzigen Moment hatte er gehofft, die gesamte Angelegenheit mit Naar könnte sich während des Fluges auf wundersame Weise als Verwaltungsfehler zweiten Grades herausgestellt haben, bei dem nicht nur die Einweisung, sondern gleich der gesamte Auftrag versehentlich an ihn geschickt worden war. Die Wahrscheinlichkeit dafür war inzwischen bedauerlich gering.

Er deaktivierte die Karte wieder, steckte sie ein und betrachtete das entsprechende Symbol noch einen Augenblick lang. „Später.“, sagte er leise. Naar durfte zum Glück noch warten, zumindest einige Stunden.

Der offene Festbereich begann unmittelbar hinter dem Empfangskomplex und breitete sich vor dem eigentlichen Gletschermassiv aus. Breite Wege führten zwischen Pavillons, Skulpturen, kleineren Bühnen, Bars und temporären Ausstellungsbauten hindurch, während dazwischen immer wieder kleine Terrassen einen freien Blick über die umliegende Landschaft ermöglichten. Bereits zu dieser frühen Stunde war die Zahl der Besucher beträchtlich, dennoch wirkte das Gelände überraschend großzügig. Hochrangige Familien, wohlhabende Reisende, Künstler, Geschäftsleute und elegant gekleidete Gäste bewegten sich zwischen den Ausstellungen, ohne dass Lucien irgendwo den Eindruck bekam, durch eine überfüllte Veranstaltung geschoben zu werden.

Sein Blick wanderte allerdings kaum länger als einige Sekunden über die Architektur, bevor er eine der Bars entdeckte, womit die erste wirklich wichtige Entscheidung des Tages gefallen war.

Lucien änderte seine Richtung mit jener Selbstverständlichkeit, mit der andere Personen vermutlich dringende Regierungsgeschäfte erledigten, und erreichte wenig später eine halboffene Bar, deren dunkler Tresen unmittelbar in eine natürliche Eisformation eingelassen worden war. Hinter den Flaschen und Karaffen schimmerte das Eis in einem sanften Blau, während darüber eine schmale Lichtinstallation langsam ihre Farbe veränderte.

Der Barkeeper begrüßte ihn und fragte, ob er bereits einen Wunsch habe. Lucien legte beide Hände auf den Tresen und dachte kurz darüber nach.

„Etwas Frisches eventuell etwas aus Arkania.“, begann er. „Nicht zu süß, aber fruchtig und stark genug, dass ich für wenigstens zwanzig Minuten nicht daran denken muss, dass mein Schwager mir heute Morgen einen Mond geschenkt hat.“

Der Barkeeper blinzelte verwundert und hielt mitten in seiner Bewegung inne, woraufhin Lucien dessen Blick bemerkte und beinahe entschuldigend mit einer Schulter zuckte. „Lange Geschichte, vergessen Sie's."

Einige Minuten später hielt er ein schmales Glas in der Hand, dessen Inhalt aus einem klaren arkanischen Destillat, einer leicht säuerlichen Fruchtkomponente und einer mineralisch wirkenden Essenz bestand, die beim Trinken beinahe kühl auf der Zunge prickelte. Lucien probierte, betrachtete das Glas anschließend noch einmal und nickte zufrieden. „Oh, ausgezeichnet. Vielleicht wird der Tag doch noch etwas.“

Mit deutlich verbesserter Grundstimmung setzte er seinen Rundgang fort. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Besucher beinahe ebenso interessant waren wie die eigentlichen Ausstellungen. Lucien hatte sein gesamtes Leben zwischen Empfängen, Gesellschaften, Familienveranstaltungen, Geschäftsessen und den verschiedensten Formen aristokratischer Selbstdarstellung verbracht, weshalb er kaum verhindern konnte, Kleidung automatisch zu betrachten. Er erkannte gute Stoffe, verstand Schnitte und bemerkte, wenn jemand wusste, was ihm stand. Bedauerlicherweise bemerkte er ebenso zuverlässig das Gegenteil.

Ein älterer Herr kam ihm in einem hervorragend gearbeiteten dunkelgrauen Mantel entgegen, dessen Schnitt aber leider so zurückhaltend war, dass die Qualität vermutlich den meisten Besuchern vollständig entging. Lucien ließ den Blick kurz über Schulterlinie, Kragen und Fall des Stoffes wandern und nickte beinahe unmerklich.

Wenige Meter dahinter folgte ein Mann, der offenbar zu einer vollkommen anderen philosophischen Schule der Bekleidung gehörte. Alles an ihm war schwarz; Mantel, Hemd, Hose, Handschuhe, Stiefel und sogar die breite Brosche an seiner Brust bestanden aus verschiedenen Abstufungen derselben Farbe. Lucien sah ihm einen Augenblick nach, nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und kam zu dem Schluss, dass entweder jemand gestorben war oder der Mann sehr darauf hoffte. "Äußerst langweilig", sagte er ganz leise zu sich.

Noch bevor Lucien diesen Gedanken vollständig abgeschlossen hatte, kam ihm eine Dame entgegen, deren silberne Robe an Schultern und Rücken von einer derart ausladenden Konstruktion aus Federn, Kristallstäben und schimmernden Stoffbahnen eingerahmt wurde, dass zwei andere Besucher ihr beinahe gleichzeitig ausweichen mussten.
Lucien verlangsamte seinen Schritt und betrachtete die Konstruktion einige Sekunden länger. Das Kleid war zweifellos teuer, sehr teuer vermutlich, was es bedauerlicherweise nicht besser machte. Aus bestimmten Winkeln sah die Frau tatsächlich ein wenig wie eine bunte Vogelart aus, die einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Bewegungsfreiheit begonnen hatte.

Sein Blick wanderte kurz an seinem eigenen auffälligen Revers und seiner Garderobe hinab, doch das war selbstverständlich etwas vollkommen anderes. Bei ihm funktionierte es, womit auch diese Frage geklärt war.
Er setzte seinen Weg mit ausgesprochen guter Laune fort, blieb hier und dort vor kleineren Ausstellungen stehen und stellte dabei fest, dass ihn tatsächlich mehr davon interessierte, als er ursprünglich erwartet hatte.

Dennoch konnte er auch einige durchaus hübsch anzusehende Junge Damen ausmachen. Der Gedanke das Lucien sich vielleicht früher oder später während der Gala sich das ein oder andere mal mit einer Begleitung ins Praxeum zurückziehen würde gefiel im äußerst gut.



Einige Pavillons später stand er dagegen vor drei dunklen Metallplatten, über denen eine schwarze Kugel langsam in einem Repulsorfeld rotierte. Lucien wartete einige Augenblicke und trat schließlich sogar einen Schritt zur Seite, doch abgesehen von der weiterhin gemächlich rotierenden Kugel geschah nichts. Erst die kleine Beschreibung am Rand der Installation klärte ihn darüber auf, dass sich das Werk offenbar mit der inneren Fragmentierung des Individuums im Spannungsfeld gesellschaftlicher Ordnung und persönlicher Identität beschäftigte.

Lucien betrachtete noch einmal die drei Platten, anschließend die Kugel und zuletzt den erklärenden Text. „Natürlich.“, murmelte er mit tiefem Verständnis, das ausschließlich gespielt war, und setzte seinen Weg fort. Vielleicht fehlte ihm lediglich noch ein zweiter Cocktail, um die tieferen Ebenen dieses Kunstwerkes angemessen erfassen zu können.

Deutlich weniger Interpretationshilfe benötigte er, als zwischen zwei größeren Pavillons das Zeichen von Maison Orvellan auftauchte. Lucien blieb beinahe augenblicklich stehen.

Der Stand war kleiner als viele der umliegenden Präsentationsflächen. Keine überdimensionierten Projektionen, keine aufdringliche Musik und keine Mitarbeiter, die vorbeigehende Besucher anzusprechen versuchten. Stattdessen wurden wenige ausgewählte Stücke auf schlichten erhöhten Flächen präsentiert, begleitet von Stoffmustern, Holoentwürfen und kleinen Projektionen, welche unterschiedliche Varianten einzelner Schnitte zeigten. Man musste niemandem erklären, dass die ausgestellten Stücke teuer waren und Lucien mochte das.

Er betrat den Pavillon und hatte kaum einige Schritte gemacht, als einer der Mitarbeiter seinen Blick hob. Der Mann sah zunächst Lucien an, anschließend dessen Jacke und schließlich wieder in sein Gesicht.

„Vicomte Velcrest.“

Lucien hob leicht die Augenbrauen. „Verzeihen Sie, aber kennen wir uns?“

Ein kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes. „Nicht persönlich. Aber ich erkenne unsere Arbeit.“

Lucien blickte kurz an sich hinunter und anschließend wieder zu ihm. „Das ist beinahe noch schmeichelhafter.“

Damit war der Mann ihm sofort sympathisch.

Was ursprünglich als kurzer Besuch gedacht gewesen war, dauerte entsprechend länger. Lucien ließ sich mehrere neue Stoffe zeigen, betrachtete zwei noch nicht offiziell vorgestellte Schnitte und führte schließlich ein überraschend ernsthaftes Gespräch über die Entwicklung moderner Abendmode. Bei einem asymmetrischen Mantel fiel ihm auf, dass dessen Schulterlinie auf einer Seite geringfügig höher konstruiert worden war, woraufhin er nach dem Grund fragte und eine ausführliche Erklärung darüber erhielt, wie dadurch der diagonale Fall der Vorderseite ausgeglichen wurde.

Solche Details mochte Lucien, denn Mode war für ihn nie ausschließlich die Frage gewesen, ob etwas teuer oder auffällig aussah. Gute Kleidung konnte Haltung verändern, Proportionen verschieben, bestimmte Eigenschaften betonen und andere beinahe verschwinden lassen. Vor allem aber war sie eine Form gesellschaftlicher Sprache, die Personen häufig bereits verstanden, bevor überhaupt das erste Wort gesprochen worden war, und Lucien sprach diese Sprache ausgesprochen gut und gerne.

Der Mitarbeiter zeigte ihm schließlich mehrere Stücke einer neuen Kollektion, die später im geschlossenen Galabereich ausführlicher präsentiert werden sollte, und Lucien ließ sich selbstverständlich die entsprechende Veranstaltung auf seine Zugangskennung übertragen. Dass sein Tagesplan dadurch noch voller wurde, ignorierte er mit beeindruckender Konsequenz.

Bei einem langen Abendmantel in dunklem Graugrün blieb er allerdings etwas zu lange stehen, was dem Mitarbeiter keineswegs entging. Lucien bemerkte wiederum dessen Blick und deutete beinahe beiläufig auf das Kleidungsstück. „Ich sehe ihn mir lediglich an.“

„Selbstverständlich, Vicomte.“

Als er den Pavillon schließlich wieder verließ, war sein Cocktail leer und seine Laune wesentlich besser als beim Aufstehen. Naar existierte zwar weiterhin, aber inzwischen befanden sich zwischen Lucien und diesem Problem wenigstens ein guter Drink, eine ausgezeichnete Schneiderei und mehrere Stunden Gala.


Ein paar Minuten später, nahm sich Lucien bei einem vorbeikommenden Kellner ein kleines Häppchen vom Tablett , dessen genaue Zusammensetzung er nicht erkannte, und probierte es während des Gehens. Es schmeckte hervorragend, besaß allerdings leider ungefähr die Masse einer übergroßen Büroklammer und war nach zwei Bissen verschwunden. Lucien blickte dem Kellner einen Moment nach und nahm beim nächsten Tablett vorsichtshalber gleich zwei. Niemand sollte behaupten, er wäre nicht lernfähig.

Sein Weg führte ihn anschließend an mehreren Architektur- und Designausstellungen vorbei, und hier wurde die Sache gefährlich. Ein Büro aus dem Kerngebiet präsentierte Konzepte für Gebäude, die natürliche Landschaften möglichst vollständig in ihre Architektur integrierten. Eine der Projektionen zeigte eine langgezogene Residenz, deren Wohnbereiche um einen natürlichen Felsvorsprung angeordnet waren und sich über mehrere Terrassen in einen Hang hineinzogen.

Lucien blieb vor der Projektion stehen und dachte unweigerlich an seine Unterkunft im Praxeum, anschließend an die ursprünglich angedachte Wohnung und schließlich an jene kleinere Villa, zu der sich diese Überlegung innerhalb erstaunlich kurzer Zeit entwickelt hatte.
Wenig später befand sich der Informationscode des Architekturbüros auf seinem Datenpad, selbstverständlich ausschließlich aus Interesse. Dass er dabei bereits darüber nachdachte, welche Bezirk in Morabands ausreichend Privatsphäre, eine gute Aussicht und trotzdem eine vernünftige Flugzeit zum Regierungsviertel boten und wie er sein mögliches neues zhause einrichten würde, musste schließlich noch lange nichts bedeuten.

Sein Vater hätte vermutlich an dieser Stelle irgendeine ausgesprochen unnötige Bemerkung über Luciens Verhältnis zu Geld gemacht. Glücklicherweise befand sich dieser viele Systeme entfernt, eine Entfernung, die Lucien gelegentlich als ausgesprochen praktisch empfand.

Je näher der Zeitpunkt der offiziellen Eröffnung rückte, desto dichter wurden die Besucherströme um die zentralen Bereiche. Lucien bemerkte die Veränderung zunächst daran, dass immer mehr Gespräche unterbrochen wurden und sich kleinere Gruppen in Richtung des monumentalen Portals bewegten. Kurz darauf legte sich eine ruhige Stimme über die Lautsprechersysteme und kündigte an, dass die Eröffnungszeremonie in wenigen Minuten beginnen würde.

Lucien warf einen Blick auf seine Zugangskarte und entschied, dass er von seiner derzeitigen Position aus einen ausreichend guten Blick haben würde. Für die spätere Rede seines Schwagers konnte er sich noch immer in einen der reservierten Bereiche begeben. Bevor Lucien sich allerdings in Richtung des zentralen Bereichs begab, führte ihn sein Weg noch einmal an einer Bar vorbei, was er angesichts des bisherigen Verlaufs seines Morgens als ausgesprochen glücklichen Zufall betrachtete. Dass er bereits etwas getrunken hatte, spielte dabei kaum eine Rolle; schließlich lag die nächste Bar nun einmal unmittelbar auf seinem Weg, und Lucien sah keinen vernünftigen Grund, eine derart günstige Fügung des Schicksals zurückzuweisen.



Diesmal entschied er sich für ein Glas Schaumwein, nahm es entgegen und suchte sich einen Platz, von dem aus er sowohl die zentrale Bühne als auch eine der großen Holoübertragungen sehen konnte. Langsam veränderte sich die Atmosphäre auf dem gesamten Gelände. Die Gespräche wurden leiser, das Personal zog sich aus den zentralen Bereichen zurück und selbst jene Besucher, die nicht unmittelbar zur Bühne gegangen waren, richteten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die zahlreichen Projektionsflächen. Auf ihnen erschienen zunächst die Hoheitszeichen Truuines und des Galaktischen Imperiums, bevor das Bild wechselte und das große Orchester sichtbar wurde.

Lucien hob sein Glas leicht an die Lippen, während die ersten Töne des Klaviers über das Gelände getragen wurden und kurz darauf die Stimme der Sängerin einsetzte. Die Gespräche rings um ihn waren inzwischen beinahe vollständig verstummt, sodass sich die Musik zwischen den gewaltigen Eisformationen ausbreiten konnte.

Lucien hatte während seines Lebens genügend offizielle Veranstaltungen besucht, um gegen schlecht inszenierte Feierlichkeit eine gewisse natürliche Widerstandskraft entwickelt zu haben. Er kannte Reden, die dreißig Minuten zu lang waren, Hymnen, deren Komponisten offensichtlich einen persönlichen Hass auf Zuhörer gepflegt hatten, und Empfänge, bei denen selbst der ausgeschenkte Alkohol nicht ausgereicht hatte, um die Anwesenden von der eigenen Bedeutung zu überzeugen. Die Darbietung vor ihm war allerdings anders.

Die altertümlich wirkende Sprache der Hymne verband sich mit dem Orchester, während die gewaltigen Eisformationen rings um das Gelände die Musik auf eine Weise zurückwarfen, die der gesamten Darbietung eine beinahe sakrale Wirkung verlieh. Auf den Projektionen wechselten Bilder der Sängerin mit Aufnahmen der Musiker, des Gletschers und der versammelten Gäste, während die Komposition langsam an Kraft gewann.

Lucien musste zugeben, dass die Gesellschaft wusste, wie man sich präsentierte, wobei das eigentlich wenig überraschend war. Personen mit sehr viel Geld und Einfluss hatten über Jahrtausende hinweg erstaunlich viel Energie darauf verwendet, herauszufinden, wie man andere beeindruckte, und seine eigene Familie bildete dabei keineswegs eine Ausnahme. Trotzdem ertappte Lucien sich irgendwann dabei, das Glas in seiner Hand für einige Zeit vollständig zu vergessen.

Als schließlich das unverkennbare Heulen von TIE-Triebwerken zwischen die Musik drang, hob er den Blick. Zwölf Jäger erschienen über einem der Bergkämme und näherten sich in enger Formation.
Die Formation schoss kurz darauf über den Gletscher hinweg, und fast unmittelbar danach stiegen die ersten Lichtkörper in den Himmel. Für wenige Augenblicke schien das gesamte Gletschermassiv aus Licht zu bestehen, während Musik, TIE-Jäger und Feuerwerk zu einer vollkommen übertriebenen Inszenierung verschmolzen.

Über die Produktionskosten dieser Darbietung hätte Lucien unter anderen Umständen vermutlich mit erheblichem Interesse nachgedacht, doch in diesem Augenblick war ihm erstaunlicherweise nicht danach. Er mochte, was er sah, sogar wesentlich mehr, als er zunächst erwartet hatte, denn gerade die Mischung aus Pathos, Verschwendung und beinahe schamloser Dramatik passte hervorragend zu einer Veranstaltung, die keinerlei Interesse daran zeigte, sich kleiner zu machen, als sie war. Eigentlich überschritt das Ganze jede vernünftige Grenze, was es für Lucien im Grunde ziemlich genau richtig machte.

Er nahm schließlich einen Schluck aus seinem Glas und musste unwillkürlich lächeln. „Nun gut , Ridley.“, murmelte er anerkennend. „Wunderbare Inszinierunge alle Achtung.“

Als die letzten Lichtkaskaden über den Gipfeln vergingen, lag für einen kurzen Moment beinahe vollkommene Stille über dem Gelände. Dann setzte der Applaus ein und breitete sich wie eine Welle über die verschiedenen Ebenen aus. Lucien schloss sich ihm an, denn es wäre ausgesprochen kleinlich gewesen, einer gelungenen Inszenierung die Anerkennung zu verweigern, nur weil der dafür verantwortliche Gastgeber zufällig derselbe Mann war, dessen Regierung ihm wenige Stunden zuvor ungefragt einen Salzmond auf den Tagesplan gelegt hatte.



Kurz darauf erklang erneut die Stimme der Moderatorin.

„Und nun bitte ich um Applaus. Bitte begrüßen Sie mit mir unseren Gastgeber: Ridley Quinn Solaris, Gouverneur des Planeten Truuine und Krieger im Orden der Sith!“

Lucien hob bei der vollständigen Ankündigung leicht eine Augenbraue. Krieger im Orden der Sith. Es war manchmal erstaunlich einfach zu vergessen, dass sein Schwager außerhalb familiärer Räume mit Titeln angekündigt wurde, bei denen ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung vermutlich automatisch gerader stand. Für Lucien war Ridley inzwischen vor allem der Mann, der ihn nach seiner Ankunft aufgenommen, ihm einen Regierungsposten verschafft, nach Cona geschickt und heute Morgen offenbar beschlossen hatte, dass ein erfolgreich erledigter Auftrag noch lange kein Grund war, ihn in Ruhe zu lassen.

Auf der großen Projektion erschien Ridley und trat an das vorbereitete Rednerpult. Lucien betrachtete ihn über den Rand seines Glases hinweg, während der Applaus allmählich verebbte und sein Schwager schließlich zu sprechen begann.

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Was ist… Kunst?“

Lucien hielt das Glas einen Augenblick vor seinen Lippen, ließ seinen Blick kurz zum Inhalt und anschließend wieder zur Projektion wandern. „Bitte erzähl jetzt nicht drei Stunden lang, was Kunst ist.“, murmelte er leise. Er hatte schließlich später noch einen Mond zu erschließen und davor nach Möglichkeit sehr viel wichtigere Dinge zu erledigen.

Die Befürchtung erwies sich allerdings bereits nach den nächsten Sätzen als unbegründet. Ridley begann nicht mit irgendeiner langatmigen Abhandlung über Kunstgeschichte, sondern mit einem Gefangenenaustausch auf Umbara und einer Rebellin, die offenbar den bemerkenswerten Fehler begangen hatte, ausgerechnet gegenüber einem Sith die Kunst für Freiheit, Ungebundenheit und letztlich die Rebellion zu beanspruchen. Lucien nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas und hob interessiert eine Augenbraue, denn das war zumindest wesentlich unterhaltsamer als die befürchtete kunstphilosophische Vorlesung.

Er hatte während seiner Ausbildung genügend politische Theorie, Staatsphilosophie und Geschichte über sich ergehen lassen müssen, um ziemlich schnell zu erkennen, wohin Ridley mit seiner Argumentation wollte. Kunst wurde hier nicht als bloßer Ausdruck individueller Freiheit verstanden, sondern als bewusster Eingriff in etwas Formloses. Jemand nahm Material, Klang oder Farbe und zwang ihm nach einer eigenen Vorstellung eine Form oder Struktur auf. Von dort war der gedankliche Weg zu imperialer Ordnung, Verwaltung und Herrschaft ausgesprochen kurz, sofern man bereit war, ein Gemälde und die Organisation mehrerer Milliarden Individuen unter demselben philosophischen Grundgedanken zu betrachten.

Lucien musste leicht schmunzeln. Es war eine ziemlich gewagte Analogie und bedauerlicherweise keine schlechte, vor allem weil Ridley sie genau dort platzierte, wo sie funktionierte. Vor ihm standen Künstler, Adelige, Unternehmer, Vertreter imperialer Institutionen und vermutlich genügend Personen, deren gesellschaftliches Selbstverständnis ohnehin eng mit Stabilität, Ordnung und dem Imperium verbunden war. Ihnen erklärte er gerade im Grunde, dass selbst jene Kunst, die sich gegen das Imperium richtete, durch den bloßen Akt des Erschaffens ungewollt einem imperialen Prinzip folgte. Das war beinahe unverschämt, aber Lucien respektierte es durchaus.

Als Ridley schließlich den imperialen Staatsapparat vom Herrscherhaus über Moffs bis hinunter zur lokalen Verwaltung mit demselben schöpferischen Prinzip verband, wanderte Luciens Blick kurz über die gewaltige Veranstaltung rings um ihn, über das Eis, die Architektur, die Ausstellungen und die sorgfältig organisierte Menschenmenge, die wenige Minuten zuvor noch zwischen den Pavillons umhergezogen war und nun beinahe geschlossen den Worten seines Schwagers lauschte. Natürlich konnte man darüber streiten, ob ein Präfekt, der morgens irgendwelche Genehmigungen unterschrieb, deshalb bereits als Künstler gelten durfte. Andererseits hatte Lucien erst heute Morgen erfahren, dass man innerhalb derselben Regierung offenbar gleichzeitig einen Hyperloop auf dem Meeresgrund kontrollieren, einen Salzmond erschließen und eine Gala in einem Gletscher veranstalten konnte. Vielleicht war die Grenze zwischen Verwaltung und experimenteller Kunst auf Truuine tatsächlich fließender, als er bisher angenommen hatte.

Bei Ridleys Seitenhieb auf die Rebellion musste Lucien erneut grinsen. Er wusste nicht, wer jene Rebellin auf Umbara gewesen war, doch falls sie diese Übertragung irgendwie zu Gesicht bekam, dürfte ihr der Gedanke ausgesprochen gut gefallen, dass Ridley ihre eigene Argumentation gerade vor einem beträchtlichen Teil der imperialen Hochgesellschaft genommen, vollständig umgedreht und anschließend öffentlich gegen sie verwendet hatte.

„Du bist wirklich bemerkenswert rhetorisch begabt, auch wenn es mir nicht gefällt. .“ , murmelte Lucien leise mit unverkennbarer Anerkennung in Richtung der überlebensgroßen Projektion seines Schwagers, wobei dies ausdrücklich als Kompliment gemeint war.

Als die Rede schließlich von der politischen Argumentation wieder zur eigentlichen Gala zurückkehrte und Ridley Künstlern, Gesellschaft, Sponsoren, Ausstellern, Organisatoren und Gästen dankte, leerte Lucien den letzten Rest seines Glases. Der Name Bel Zhirio blieb dabei unmittelbar bei ihm hängen. Den Klangkünstler hatte er bereits im Programm gesehen, und wenn Ridley dessen Installation in seiner Eröffnungsrede ausdrücklich hervorhob, wanderte sie auf Luciens ohnehin inzwischen viel zu umfangreicher gedanklicher Liste noch einige Plätze weiter nach oben.

Schließlich kamen die Worte, auf die mehrere tausend Personen gewartet hatten, und die Gala der Kristallenen Klänge war offiziell eröffnet. Der Applaus brandete erneut auf, und Lucien beteiligte sich diesmal ohne jeden spöttischen Gedanken daran. Ridley hatte eine gute Rede gehalten, die Eröffnung war hervorragend inszeniert gewesen und selbst Lucien musste seinem Schwager zugestehen, dass Truuine sich an diesem Vormittag ausgesprochen wirkungsvoll präsentierte. Dass er dieses Lob Ridley gegenüber später vermutlich auf ein beiläufiges „War ganz ordentlich“ reduzieren würde, war eine vollkommen andere Angelegenheit. Man musste Familienmitglieder schließlich nicht unnötig verwöhnen.

Auf den Projektionen verließ Ridley mit wehendem Cape die Bühne, während rings um Lucien beinahe augenblicklich wieder Bewegung in die Veranstaltung kam. Gespräche setzten ein, Gläser wurden gehoben, Personal trat erneut zwischen die Gäste und die Besucherströme begannen sich langsam in Richtung jener Zugänge zu verlagern, die nun tiefer in das Gletschermassiv hinein geöffnet wurden.

Lucien blieb noch einen Augenblick stehen und betrachtete das Schauspiel, bevor er sein Datenpad hervorzog. Die Liste seiner vorgemerkten Programmpunkte war inzwischen lächerlich lang. Maison Orvellan hatte er zumindest bereits teilweise erledigt, während Klangkunst, mehrere Architekturausstellungen, Veyronis Motive, einige kleinere Präsentationen und natürlich jener Termin mit Sassameer noch darauf warteten, abgearbeitet zu werden. Letzterer zog sich wie ein hässlicher Verwaltungsfleck mitten durch seinen ansonsten ausgezeichneten Tagesplan, zu dem inzwischen auch eine weitere Orvellan-Präsentation und Bel Zhirios Installation hinzugekommen waren.

Irgendwo dazwischen musste er vermutlich auch einmal etwas essen, das größer war als ein dekorierter Teelöffel.
Lucien betrachtete die Liste einige Sekunden, steckte das Datenpad anschließend wieder ein und nickte leicht. „Gut. Dann schauen wir uns einmal an, wofür ich heute Morgen so grausam aus dem Bett gezwungen wurde.“

Sein Blick fiel auf einen Kellner, der gerade mit einem neuen Tablett voller Gläser zwischen den Gästen hindurchging. Lucien überlegte kurz und nahm sich dann eines. Man musste die Kultur schließlich angemessen unterstützen.

Mit dem Glas in der Hand schloss er sich dem Strom jener Gäste an, die sich nun langsam auf das monumentale Portal im Eis zubewegten. Hinter ihm lagen der offene Festplatz, die Pavillons und die Eröffnungszeremonie, während sich vor ihm endlich jener Teil der Gala öffnete, auf den er seit Cona neugierig gewesen war.

Und irgendwo einige Stunden weiter in seinem Tagesplan wartete jener ganz wunderbare Salzmond auf ihn.


[ Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine | Gletscher bei Moraband | Gala der Kristallenen Klänge | Festgelände ] Lucien Velcrest
 
In Absprache mit @Zecke und der Orgaleitung, Steuerung von @Matthew Severide

[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich ] Matthew, (weiter entfernt) Kanto, Lily, Theranos, Cestus, Ridley, Agustin, Aren, Lucien, Nira und Kal, sowie (NPCs) Galagäste

Matthews dunkle Augen wanderten langsam über die versammelte Masse einiger der mächtigsten Wesen des Imperiums. Er spürte jeden einzelnen von ihnen in der Macht und schmeckte ihre Präsenzen auf seinen bleichen Lippen. Das Glas in seiner Hand war reines Alibi.

Ab und an führte er es an seine Lippen, um das Märchen seiner Menschlichkeit weiterzuspinnen, doch blieb sein Mund, was auch immer er dort in der Hand hatte, verschlossen. Sicher, im Raum waren allerhand Dinge vorhanden, die er durch mit Genuss trinken würde, doch passte niemand hier in sein Beuteschema.

Auch wenn Matthew die letzten Wochen über eng in die Organisation der Gala der Kristallenen Klänge involviert gewesen war, war er heute nicht als Vizegouverneur Severide hier. Sollte Ridley selbst in der Menge baden und tun, was er liebte. Dies war sein Territorium. Und seine Beute.

Matthew wiederum verfolgte einen anderen Zweck. Ridley mochte ein Sith sein, doch war er trotz aller geschwungenen Ankündigungen seiner Person zum Trotz sichtbar Verwalter. Gastgeber. Auf Augenhöhe mit den meisten und ein kleines Licht in den Augen mancher.

Matthew würde heute und die nächsten Tage über den Gegenpol zur Maskerade seines ehemaligen Schülers darstellen. Er war Sith. Offensichtlich. Präsent. Keine Insignie seines Truuiner Amtes verunzierte seine schwarz gewandete Brust. Stattdessen war der Griff des Doppellichtschwertes an seinem Gürtel das einzige Szepter, das er benötigte.

Sein Gesicht lag im kühlen Schatten seiner dunklen Robe, deren Bordüren für diesen Ansatz mit gold-roten Stickereien verziert worden waren. Schwarzseidiger Stoff über Tunika, die einen ganzen Monatslohn verschlungen hätte, wäre die Truuiner Verwaltung nicht dafür aufgekommen.

Kurz, er war nicht schlechter angezogen als die anderen Gäste. Und doch stach der finstere Krieger aus der Masse heraus wie ein Dolch aus einer Brust. Und die Nachricht war klar: Auf Truuine verkehrten nicht nur die Reichen und Schönen. Der dunkle Orden der Sith war ebenfalls hier.

Langsam schlenderte Matthew durch die Menge, genießend wie die umstehenden Gäste ihre Augen abwandten, um seinem Blick nicht begegnen zu müssen. Wie sie sich hastig ihren Gesprächspartnern zuwandten, oder plötzlich interessante Details an den Gletscherwänden entdeckten, die sie studieren wollten. Dass er seine Aura nicht verbarg, half gewiss dabei, dass niemand das Gespräch mit ihm suchte.

Es war wirklich ein schöner Raum, den er für die VIP-Bühne ausgewählt hatte. Auf einer Seite die Bühne, auf der Ridley vor wenigen Minuten sein…abenteuerliches Verständnis von Kunst zum Besten gegeben hatte, zur anderen Seite ein großes Portal zu einem Bereich weit über dem erleuchteten Festgelände, das im Dunkel der polaren Nacht wie ein Meer aus Lichtern wirkte. Die Eiswände schienen mit einem bläulichen, inneren Licht zu leuchten, während leistungsstarke Strahler ihr eigenes, goldenes Licht auf sie warfen.

Matthews Weg führte ihn an den Rand des Raumes, wo seine Schülerin sich versteckt hatte. Natürlich saß sie für alle Anwesenden sichtbar in einer Sitzgruppe, doch auf sozialer Ebene war es das Äquivalent eines sich Verkriechens hinter dem Bühnenvorhang. Sie mochte ein hübsches Kleid tragen, doch wer würde hier von sich aus mit ihr sprechen wollen? Niemand von Bedeutung.

Er trat von hinten an sie heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Wenn sie ihren Machtsinnen auch nur ein bisschen Beachtung geschenkt hatte, war das keine Überraschung.


„Nira“, sagte er und beugte sich zu ihr hinunter, bis seine goldbestickte Robe über ihre Wange strich. Ihre Begleiterin – wie war ihr Name noch gleich? – spürte er etwas entfernt in der Menge. „Ich finde deinen Mangel an Initiative beklagenswert. Verfügt dein Quartier über keine Sitzgruppe, in der du dich verstecken könntest?“

Seine Hand auf ihrer Schulter übte leichten Druck aus und ein dünnes Lächeln nahm seinen Worten die Schärfe. Er spürte ihre Selbstzweifel, schmeckte ihre Angst vor dem Versagen.

„Du bist eine Sith, Nira. In Rang und Spezies. Das ist etwas, dass das Vieh in diesem Raum niemals erreichen wird. Egal ob sie sich über dir wähnen oder nicht. Dich unter sie zu mischen, wird es dir in Zukunft leichter machen sie mit schönen Worten deinem Willen zu unterwerfen. Dies zu lernen ist ein Vorteil.“

Matthews Augen fanden Ridley, der in diesem Moment auf der anderen Seite des Raumes mit zwei Moffs verkehrte.

„Aber verwechsele soziale Macht nicht mit der Macht. Wenn du erst einmal die höheren Sphären der Sith erreicht hast, würden all diese Leute selbst vor einer Nira respektvoll den Kopf neigen, die ich nicht in sozialen Dingen unterwiesen hätte.“

Ein weiteres Mal drückte er ihre Schulter.

„Ich habe folgenden Auftrag für dich: Du wirst diese Sitzgruppe für den Rest der Veranstaltung nicht noch einmal aufsuchen. Steh auf und führe drei Gespräche. Finde heraus wie deine Gesprächspartner heißen, woher sie kommen und – am wichtigsten von allen – was sie wollen. Danach erstattest du mir Bericht.“

Ein letztes Mal lächelte er.

„Los jetzt. Du wirst doch nicht mehr Angst vor Zivilisten haben als vor Rebellen mit Blastern.“


[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich ] Matthew und Nira, (weiter entfernt) Kanto, Lily, Theranos, Cestus, Ridley, Agustin, Aren, Lucien und Kal, sowie (NPCs) Galagäste
 
| Truuine | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | VIP Bereich der Nebenbühne
Lilivienne Évarielle d'Oridin, Theranos Zesh, Kanto Garison, Ridley Solaris, Kal Andrim, Lucien Velcrest, Agustin Prada, Aren Vayliuar, T'rsop, Lucien Velcrest, Cestus Varro, Nira Merash, Matthew Severide und allerhand weiterer Gäste

Den Handkuss registrierte Lilivienne als Geste jener alten gesellschaftlichen Sprache, die in den meisten Teilen des Imperiums nur noch auf formellen Empfängen oder traditionsbewusste Adelshäuser beschränkt war. Kurz darauf erklärte sich auch der entsprechende Hintergrund. Tatsächlich stammte Kanto Garison, wie sein Name war, aus dem kuatischen Adel. Mit Kal Andrim gab es da ja noch jemanden. Ob gesamt Kuat auf dieser Veranstaltung vertreten war? Inzwischen war das ja fast anzunehmen. Nachdem sie Garison ihre Hand nehmen ließ und die Vorstellung ihrerseits mit einem ruhigen Neigen des Kopfes gewürdigt hatte, begann sie damit in ihrem Kopf Verbindungen zwischen der Zahl ihr bekannter kuatischer Häuser, Nebenlinien und ehrgeiziger Familienzweige zu ziehen, stellte jedoch schnell fest, dass ihr der Name Garison nicht geläufig genug war, ihn in diesem großen Geflecht zuverlässig einsortieren zu können. Quarzite war ihr hingegen ein Begriff. Auf Fondor aufgewachsen hatte sie schon als Kleinkind alle Systemnamen büffeln müssen, die innerhalb von fünfzig Parsecs erreichbar waren. Da gehörte dieses mit Sicherheit dazu.

„Die Freude ist ganz die meine. Quarzite ist mir durchaus bekannt, Gouverneur, auch wenn ich gestehen muss, dass ich noch nie dort war. Ich bin auf Fondor aufgewachsen. Die üblichen Hyperraumrouten haben mich jedoch das ein oder andere Mal dort vorbeigeführt. Auf galaktischem Maßstab gesehen natürlich.“

Sie lächelte. Ihr Blick blieb auf Kanto gerichtet, als dieser Theranos‘ Stand erwähnte und seine Einladung mit erstaunlicher Sicherheit um die Aussicht ergänzte, dass der Sektoradjutant ohnehin für die Getränke aufkommen würde. Er besaß damit wohl eine ausgesprochen effiziente Vorstellung von Gastfreundschaft. Sie einzuladen und zugleich dafür zu sorgen, dass ein anderer Mann die Rechnung übernahm? Das war für die erste Begegnung durchaus bemerkenswert. Dass Theranos diese Dreistigkeit nicht nur so hinnahm, sondern auch noch ausdrücklich bestätigte, ließ Lilys Lächeln dann noch ein wenig deutlicher werden.

Die auffällig vollständige Anrede, mit der dieser sie begrüßt hatte, zeigte ihr zugleich, dass ihre Korrektur vom Vorabend nicht ungehört geblieben war. Er hatte nicht erneut versucht, eine ungebührliche Vertraulichkeit über ihren Namen herzustellen. Lily beachtete dem Gruß, den er in Richtung ihres Trosses abgab, aus gesellschaftlich-konventionellen Gründen keinerlei Beachtung. Alizée würde ihn erwidern, mit der tadellosen Höflichkeit, für die sie ausgebildet wurde, ohne sich in die Unterhaltung ihrer Herrin zu drängen und vollständig hinter der Linie zurückbleiben, die sie an diesem Tag voneinander trennte.

Lobend erwähnen musste Lily ihre Untergebene anschließend dennoch.


„Ihr Kompliment nehme ich sehr gerne an, Sektoradjutant. Auch wenn es in weiten Teilen Alizée und meiner Zofe Mirelle gelten sollte, deren modischer Geschmack selbst auf Bastion seinesgleichen sucht.“

Die Gouverneurin ließ den Blick kurz über das warme Licht gleiten, das sich in den goldenen Linien ihres Gewandes und den dahinter aufragenden Eisflächen brach. Zu behaupten, die Wirkung ihrer Erscheinung war unbeabsichtigt gewesen, hätte weder dem Aufwand noch der Arbeit jener Personen entsprochen, die sie auf diesen Auftritt vorbereitet hatten. Auch Kantos Blick war lange genug auf ihr und dem Kleid verblieben, um ihr nicht zu entgehen. Sie empfand daran nichts Anstößiges. Blicke war sie gewöhnt. Es wäre zudem äußerst widersinnig gewesen, ihre Erscheinung auf Sichtbarkeit auszulegen und sich anschließend darüber zu beklagen, dass jemand hinsah. Entscheidend war allein, ob das männliche Geschlecht die Grenze zwischen aufmerksamer Betrachtung und mangelnder Erziehung kannte. Bislang hatte jedoch keiner der beiden Anlass gegeben, Letzteres anzunehmen.

„Und ich bin erleichtert, dass Ihr gestriges Angebot weiterhin Bestand hat. Denn mein Spirituosenkeller auf Bastion ist tatsächlich leer und wartet nur auf die Gelegenheit, mit repräsentativen Stücken aufgefüllt zu werden. Seien Sie also gewarnt: Ihre Ware wird heute einer gebührlichen Prüfung unterworfen.“

Sie lachte erneut.

„Auch, wenn ich vielleicht kein Connoisseur bin, wie unser geschätzter Lieutenant Reed“, fügte sie an.

Die Informationen, die Theranos anschließend über Quarzite ergänzte, führten Lilys Aufmerksamkeit zurück zu Gouverneur Garison. Sie verliehen seiner Vorstellung im Nachhinein eine gewisse Zurückhaltung. Also hörte sie aufmerksam zu, ohne daraus zu beurteilen, wie intensiv der Umfang der Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern bereits war. Industrielle Kapazitäten, charakteristische Werkstoffe und Kristallerzeugnise, dazu baldige Exporte strategisch bedeutsamer Materialien sowie eine Verbindung zu Imperialis Sensus, die über bloße Rohstofflieferungen hinausging. Gläser, Präsentationsstücke, Schmuck und Accessoires. Lily verzog ihren Mund zu einer schmalen Line und nickte seitlich mit dem Kopf, zur Würdigung dieser Leistungsfähigkeit. Das alles gehörte zu jenen Produkten, durch die eine Welt außerhalb von Verwaltungsberichten und Handelsstatistiken überhaupt erst einen gewissen Wiedererkennungsgrad erhielt.

Dass gerade Theranos sich so ausdrücklich darum bemühte, Quarzites Bedeutung hervorzuheben, verriet Lily derweil einiges. Ein Geschäftspartner wurde nicht derart ausführlich aufgewertet, wenn man seine Arbeit lediglich höflich hervorstellen wollte. Kantos Bescheidenheit konnte ehrlicher Lokalpatriotismus sein, aber ebenso gut ein geschickt platzierter Köder für sein Gegenüber, jene Vorzüge auszusprechen, die aus seinem eigenen Mund nur wie platte Werbung geklungen hätten. Als Fachfrau in Propagandafragen hätte sie an dieser Stelle eigentlich applaudieren müssen. Aber sie konnte in der kürze der Zeit, in der sie beide Männer, aber vor allem Garison nun kannte, nicht beurteilen ob es ein geschickt geplantes Manöver oder wirklich nur Bescheidenheit auf der einen und übertriebene Höflichkeit auf der anderen Seite gewesen war.


„Nun, damit kann ich mich nicht länger mit einer gewissen Unkenntnis über Quarzite entschuldigen“, schloss sie heiter und ließ ihre Aufmerksamkeit einen Moment auf der rot-beigen Schärpe des Adeligen ruhen. „Ich würde mich freuen, einen Blick auf Ihr Gesamtportfolio werfen zu dürfen. Lassen Sie sich gesagt sein, dass gerade auf Bastion eine beträchtliche Nachfrage nach Dingen besteht, die selten genug wirken, um interessant zu sein, aber nicht so fremdartig, dass man sie seinen Gästen erst erklären muss.“

Sie warf den Blick von einem Mann zum anderen.

„Ich kann es kaum erwarten, Ihre Stände zu besuchen.“

Lilivienne trat einen halben Schritt zur Seite und gab damit den Weg zwischen den Stehtischen frei, ohne sich anzumaßen, die beiden Herren einfach in Bewegung zu setzen. Derweil lenkte sie das Thema auch auf eine noch ernstere Frage, die sich ihr in Bezug auf Quarzite stellte.

„Glauben Sie, dass Quarzites aufsteigender Stern eine Gefahr darstellen könnte, Gouverneur Garison? Der rebellische Corellian Run ist nicht weit entfernt, möchte ich meinen. Solche Errungenschaften, wie Mister Zesh sie beschrieben hat, werden doch sicher Begehrlichkeiten wecken, nun dass die Rebellen den Krieg wieder entfacht haben?“

Gerade da, wie er eingangs selbst erklärt hatte, Denon in der Nachbarschaft lag.

| Truuine | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | VIP Bereich der Nebenbühne
Lilivienne Évarielle d'Oridin, Theranos Zesh, Kanto Garison, Ridley Solaris, Kal Andrim, Lucien Velcrest, Agustin Prada, Aren Vayliuar, T'rsop, Lucien Velcrest, Cestus Varro, Nira Merash, Matthew Severide und allerhand weiterer Gäste
 
[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Irgendwo im Nirgendwo - Akolyth Vorn und Schüler Qowrow]

Nach ihrem wenig akrobatischen Flug bremsten ihre unförmigen Körper diesen recht schnell ab und ließen sie dann wie Steine zu Boden fallen. Der Wookiee fing sich noch relativ geschickt, während Vorn mehr wie eine Statue mit starren Gliedern landete. Weil er der Aurora nicht in allen Belangen vertraute, nutzte der Akolyth dabei aber auch die Macht, konnte den Anzug aber auch arbeiten hören, als er lautstark auf dem Eis aufschlug und auch gleich ein paar Zentimeter einsank, Eissplitter und geschwärzten Schnee verspritzend.

„Scheiße.“ grummelte der Mensch in sich hinein, nachdem er nochmals einen Blick auf sein HUD geworfen hatte. Wäre der Helm einfach nur wie eine Dose geöffnet worden, das wäre ja noch okay gewesen. Der kleine Spalt aber sorgte dafür, dass der Anzug noch versuchte gegen die eindringende Kälte abzukämpfen. Womit er noch mehr Energie aus den Zellen zog. Und Vorn hatte keine Zeit um sich um den Schaden zu kümmern. Irgendwo an seinem Gürtel befand sich eine Notfallausrüstung, um genau solche kleinen Sachen notdürftig reparieren zu können. Big Q hatte aber nicht vor, ihm diese Zeit zu lassen.

Wieder war es der Wookiee, der angriff und wieder in einer Geschwindigkeit, in der Vorns von der Macht gelenkten Arme nichts anders tun konnten als zu reagieren. Ob es nun am Anzug lag oder weil seit ihrem letzten Duell so viel Zeit vergangen war, ihm kam der Stinker zu schnell vor. Oder hatte er sich schon immer zurückgehalten? Nicht das dies die Zeit war, um sich solchen Gedanken hingeben zu können. Der Schüler
Asters demonstrierte dies auch sogleich. Zuerst absorbierte er regelrecht den nächsten Machtstoß von Vorn und konterte dann mit einem noch stärkeren, der für den Menschen aus dem Nichts kam. Hätte er dem Wookiee das doch bloß nie gezeigt, ohne ihn danach nicht gleich zu töten!

Auf dem Rücken liegend, erneut leicht im Boden eingesunken, rollte sich der Rothäutige gerade noch so zur Seite weg, als ein Stich ihn durchbohren sollte. Danach aufstehen war aber nicht drin, denn der Stinker war schon wieder zur Stelle und nagelte ihn mit seinem Fuß am Boden fest. Eine Blockade, die man leicht hätte beseitigen können, würde man denn die Zeit dafür haben! Der nächste Angriff kam jedoch und Vorn musste reagieren, konnte nur reagieren. Funken stoben, die Aurora erzitterte und stöhnte ob der Kraft des Wookieeangriffs und der Akolyth ächzte innerlich, als er sah, das seine Arme getroffen worden waren. Zu nah!

Doch immer noch nicht nah genug für
Big Q! Plötzlich schnellte sein Kopf vor und noch bevor Vorn überhaupt begreifen konnte, was da vielleicht gleich passieren würde, passierte es schon und die wilde Bestie ließ alle Hemmungen fallen und verbiss sich in seinen Waffenarm.
„Was zum...“ keuchte der Akolyth ehrlich überrascht und war durch diese Tat wieder diese eine halbe Sekunde lang wie erstarrt, reagierte dadurch zu langsam und noch bevor er sich befreien oder sonst einen Plan ersinnen konnte, flog sein Laserschwert auch schon aus der Hand. Nur um gleich darauf eine rote Feuerlanze neben sich im Eis stecken zu sehen. Diesmal konnten seine Reflexe noch eingreifen und verhinderten seine Enthauptung, doch der brüllende, geifernde und Blut spuckende Irre über ihm gab alles, um sein Werk zu vollenden!

Während wenige Zentimeter neben Vorns Schädel Eis in Dampf verwandelt wurde und drum herum geschmolzenes Eis kochte, waren die beiden Machtnutzer ERNEUT dabei ihre körperliche Stärke zu erproben. WIEDER musste Vorn Big Q davon abhalten ihn zu zerquetschen und abzustechen, wieder verteidigte er sich im Grunde nur. Und er konnte nicht viel dagegen tun. Sein Laserschwert lag außer Sichtweite und der Reichweite seiner Hand sowieso, während der schwere Körper des Wookiees ihn jeden nennenswerten Bewegungsspielraum raubte. Nur seine Hände bzw. Arme konnte im Augenblick noch arbeiten und sie taten alles, damit er am Leben blieb.

„Fi*k! Deine! Verh*rte! Schla**enmutter!“

Vorn presste es mehr heraus, als das er es sagte. Der letzte Machtstoß aus dem Bauch heraus hatte schon keine Wirkung gezeigt und selbst wenn er aus den Händen etwas stärkeres hätte abfeuern können, er auch nur kurz seine Rechte oder Linke dafür hätte abstellen können, würde ihm das im selben Augenblick den Kopf kosten. Die Hände waren gebunden, seine Macht zu gering, um sie aus dem Körper heraus als Waffe einzusetzen.

Zumindest war das Vorns erster Gedanke. Dann landete sein Blick schließlich auf
Big Qs wildes Gesicht. Betrachtete es. In diesem konnte er jene Anstrengung ablesen, die ihm selber auch gerade ins Schwitzen brachte. Und dann kamen ihm zwei Geistesblitze. Der erste war nutzlos, doch er kam trotzdem. Big Q war unfassbar wütend, eben wie ein Tier. Er gab sich offensichtlich seinem Hass hin und das scheinbar problemlos. Dieser Gedanke war für den Moment aber, wie gesagt, nutzlos. Deshalb wurde er auch sogleich vertrieben.

Ein Bild formte sich in Vorns Kopf. Erst geradezu zusammenhanglos, als die richtigen Bausteine erst zusammengesucht werden mussten. Schließlich entstand eine Gestalt, gewaltig und schattenhaft unspezifisch, aber mit klaren Gliedmaßen ausgestattet. Wie aus Rauch floss sie über den eisigen Boden, zwei goldene Sterne an der Stelle, in welcher die Augen eines Menschen oder eines anderen Humanoiden hätten sein können. Sie baute sich über den beiden Kämpfenden auf, verharrte so regungslos, wie ein im Wind stehender Riese aus Rauch regungslos sein konnte. Die Welt um ihn herum verschwamm daraufhin und wurde kurz darauf durch einen offenen Raum mit nur ein paar Wänden und ohne Decke ersetzt. Rostig, grobschlächtig, tausende Male ausgeschlachtet und dann doch wieder repariert, hier und da farbige Akzente aus Stoff und nur ein paar Lampen, die zwar konstant Licht ausstrahlten, doch dieses war schwach und reichte nicht weit.

Magga hatte ihn nicht auserwählt, damit er hier und jetzt durch einen Wookiee starb. Seine Reise war noch nicht zu Ende. Sie hatte nicht in dieser auseinanderfallenden Kolonie begonnen, um an Truuines Südpol zu enden. Und das sah die Macht ebenfalls so. Ihr Avatar, der rauchige Riese mit goldenen Sternenaugen, griff herunter und legte seine Pranken um Big Qs Kopf.

Der Geistesblitz war es, sich zu erinnern. An seine Stärken. Und die nutzte er nun, indem er den verschissenen Schädel des Wookiee zerquetschte! Wie unter Drogen starrte Vorn – ohne zu blinzeln - seinen Gegner an und pumpte jedes Quäntchen Macht in dessen haarigen Kopf. Und er tat es mit einer Gewalt, die er schon lange nicht mehr hatte anwenden müssen. Der Stinker reagierte sofort, versuchte den Griff abzuschütteln, reagierte sogar körperlich darauf, doch irgendwann hatten der Griff sich in Klauenhände verwandelt. Die Gegenmaßnahmen des Wookiee verwandelten seinen Kopf in eine spiegelglatte Kugel ohne jeden Angriffspunkt, doch der Angriff brauchte nicht lange, um die Klauen im perfekten Winkel auftreffen zu lassen. Der Druck war nur minimal, eben nur punktuell, doch dafür aus allen Richtungen und mit jedem weiteren Moment drangen sie weiter ein.

Vorn hatte sich bei der Ausbildung immer auf den Angriff konzentriert. Zuschlagen, nicht abwehren. Deshalb hatte er bei genau diesen Übungen immer besser abgeschnitten als der Wookiee. Und jetzt würde er ihm deshalb dessen Schädel in eine breiige Masse verwandeln!

Irgendwann reichte der Druck aus um die eh schon verletzte Innenseite von Big Qs Maul noch mehr Blut verlieren zu lassen, weshalb der jetzt anfing seinen Lebenssaft auszusabbern... und schon bald würden seine Augen platzen... nur .... noch ... ein ... kleines ... bisschen ...


[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Irgendwo im Nirgendwo - Akolyth Vorn und Schüler Qowrow]
 
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