Truuine

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Command Sergeant Rayk Sperber hasste den Südpol. Nicht, weil er kalt und unwirtlich war und auch nicht, weil er von stinkenden, pelzigen Xenos bewohnt wurde, denen die Minderwertigkeit ihrer Rasse mit der Eisenstange eingeprügelt werden musste. Auch wenn das natürlich gute Gründe waren.

Nein, Rayk hasste den beschissenen Ruß, der den Himmel schwarz färbte, der das Eis schwarz färbte und der jetzt grade in diesem Moment seine weiße Aquatrooperrüstung verdammt nochmal schwarz färbte! Was für ein Drecksort!

Das Wetter, wenn man es denn so nennen wollte, war an diesem Tag äußerst scheiße. Selbst im Schutz des Basislagers, das die Planetaren Sicherheitskräfte Truuines inzwischen gut fünfzig Klicks tief im ‚Inland‘ errichtet hatten. Das Tal zwischen zwei aktiven Vulkanen in dem sie sich eingegraben hatten, mochte Schutz gegen schneidenden Wind bieten, doch dafür war hier der schwarze Schneefall konstant. Und heute hielt sich der Wind nicht einmal an die Abmachung fortzubleiben!

Als Rayk endlich sein Ziel erreichte, war seine ganze Putzarbeit der letzten Stunde bereits wieder umsonst. Dicke, schwarze Schlieren verunzierten seine gesamte Gestalt.

Fester als nötig schlug er die Tür des Wohncontainers hinter sich zu und rieb sich reflexhaft über den Unterarm. Die ölige Asche verschmierte auf dem weißen Plastoid jedoch nur.

Er seufzte und wandte sich an die Person, der sein Besuch galt.


„Private 1st class Meri.“ Er nickte dem roten Menschen zu. Sith hin oder her, mehr Respekt brauchte ein niederrangiger Soldat nicht von ihm erwarten. Noch dazu einer, dem mindestens ein paar artfremde Gene auf die rote Stirn geschrieben standen. Immerhin kein laufender Fisch, aber doch klar abseits des normalen Farbspektrum eines Menschen. Und dazu diese klar unnatürliche Körpergröße…

„Ich bin Command Sergeant Rayk Sperber, aktueller Befehlshaber von Gouverneur Solaris Garde. Wir haben auf Ith’aqua zusammen trainiert und an der Eiswand zusammen gekämpft. Es scheint mir, wir werden auch beim Sturm auf Port Ryloth das Vergnügen haben. Wird das da“, er deutete auf die Bandagen, die ein Auge und das halbe Gesicht des Menschen bedeckten „ein Problem darstellen?“

Rayk stellte Meri den Aurora-Helm des verräterischen Wookiee auf den Tisch, der eine Seite der kleinen Wohnzelle einnahm. Dann nahm er seinen eigen ab und klemmte sich diesen unter den Arm. Die Deckenlüftung strich kühl über die dunkle Haut seiner geschorenen Glatze.

„Hier ist Ersatz für Ihren zerstörten Helm, Soldat“, erklärte er.

Soweit er wusste, hatte man das Ding vor ein paar Tagen über einen integrierten Peilsender geortet und wieder eigesammelt. Solaris hatte sich die Aurorarüstungen ein hübsches Sümmchen kosten lassen und Rayk verstand, warum Meri nicht einfach einen neuen bekam. Beim Militär wurde eben brüderlich geteilt.


„Ich soll ebenfalls schöne Grüße von Gouverneur Solaris ausrichten. Er hat mir eine Nachricht für Sie mitgegeben“ Rayk zog einen kleinen Holoprojektor aus der Tasche und hielt ihn vor dem Private in die Höhe. Das kleine Gerät summte auf und das blau leuchtende Konterfei des Gouverneurs baute sich darüber auf.

„Seien Sie gegrüßt, Private 1st class Meri. Meinen Glückwunsch zum Sieg über Ihren Konkurrenten. Ihrem Bericht habe ich entnommen, dass der Kampf eine würdige Prüfung Ihrer Fähigkeiten war. Es ist bedauerlich, dass den Rebellen Port Ryloths seine Gefangennahme gelungen ist, bevor Sie die Aufgabe vollends zuendebringen konnten. Seien Sie jedoch unbesorgt, Sie werden noch Ihre Gelegenheit bekommen zu beenden, was Sie begonnen haben.
Trotz dieser unerfreulichen Wendung haben Sie sich zu meiner Zufriedenheit geschlagen, weshalb ich Sie zur Belohnung in den offiziellen Rang meines Schülers erhebe. Ich werde Sie in naher Zukunft in weitere Geheimnisse der Sith einweihen.
In den letzten Tagen werden Sie mein Wohlwollen über Ihre großzügigen Rationen gespürt haben. Darüber hinaus erteile ich Ihnen nun die Erlaubnis vor der kommenden Schlacht frei aus der Waffenkammer des Basislagers auszuwählen. Command Sergeant Sperber wird Sie im Anschluss an diese Nachricht dorthin führen.
In diesem Sinne: gute Arbeit und auf bald, mein Schüler.“

Bei den letzten Worten des Gouverneurs verkniff Rayk sich eine Grimasse. Er hatte mit Meri trainiert und wusste daher, wie wenig Rücksicht der Mann auf freundliche Truppen nehmen konnte. Ihm die freie Wahl diverser explodierender Dinge zu überlassen, erschien ihm…unbedacht. Aber es war die Entscheidung des Gouverneurs und solange er seine Truppe hinter Meri hielt und nicht zwischen ihn und den Feind kam…

„Machen Sie sich fertig und kommen Sie mit. Nach der Waffenkammer geht es direkt los. Details erkläre ich Ihnen unterwegs, aber so viel sei gesagt: Wir klopfen diesen pelzigen Bastarden endlich an die Haustür.“


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Das Licht im Eis erinnerte Enric Kreeger an die Adern eines kostbaren Steins, den man gegen eine Lampe hielt, um seine Fehler zu finden. Tief im Gletscher brannte ein kaltes Blau, durchzogen von milchigen Einschlüssen und jenen feinen Brüchen, welche die Beleuchtung mit derselben Sorgfalt hervorhob wie die makellosen Flächen. Davor standen die Gäste in grauen und dunklen Uniformen, schwerer Seide und sorgfältig gewähltem Schmuck. Wärme fiel von den Strahlern über ihre Gesichter, brachte Gold zum Glänzen und ließ die Rangabzeichen auf ihren Brüsten aufleuchten, während hinter ihnen die gewaltige Masse gefrorenen Wassers in ihrer eigenen Farbe verharrte. Zwischen den geschwungenen Galerien und ausladenden Terrassen glaubte Enric etwas von jener Alten Republik wiederzuerkennen, die selbst ihren Niedergang noch mit kostbaren Fassaden geschmückt hatte. Die übliche Kälte imperialer Architektur, ihre strengen Achsen und schmucklosen Flächen, wich hier einer verschwenderischen Lust an Raum und Licht. Über filigranen Brücken und warm beleuchteten Salons hingen die Hoheitszeichen des Reiches. Darunter genossen seine Würdenträger mit sichtlichem Behagen genau jene Pracht, deren Kosten sie in den Palästen vergangener Senatoren gewiss als Beweis der Dekadenz angeführt hätten. Ein beträchtlicher Aufwand, um Menschen für einige Stunden das Gefühl zu geben, an einem Ort zu stehen, der eigens auf ihre Ankunft gewartet hatte. Enric wusste solche Leistungen zu würdigen. Auf Byss hatte er oft genug erfahren, wie viele Hände, wie viele Lieferungen und wie viele rechtzeitig unterbundene Nachlässigkeiten erforderlich waren, damit ein einzelner Mann vor eine Versammlung treten und ihren Beifall entgegennehmen konnte.

Valérias Hand lag leicht auf seinem Unterarm. Sie trug ein tief dunkelgrünes Kleid, dessen Stoff bei jeder Bewegung einen gedämpften Glanz annahm, und eine alte Brosche, die bereits auf Familienaufnahmen zu sehen gewesen war, deren beschädigte Projektionen Enric selbst wiederhergestellt hatte. Er kannte das kleine Schmuckstück bis zu einer winzigen Unregelmäßigkeit in seiner Fassung. An diesem Morgen hatte er bemerkt, dass sie es gewählt hatte, und ihr beim Anlegen einen Augenblick länger zugesehen, als nötig gewesen wäre. Jetzt stand sie neben ihm, aufrecht und gelassen, das fleischgewordene Ebenbild einer Nymphenstatue aus Moenia, betrachtete die Versammlung mit jener Aufmerksamkeit, die andere häufig für bloße gesellschaftliche Gewandtheit hielten. Ihre Finger übten einen kaum merklichen Druck aus, als zwei Gäste in ihrer Nähe einander mit überschwänglichen Versicherungen ihrer Verbundenheit begrüßten.

„Sie haben sich am Eingang bereits begrüßt“, sagte sie leise.

Enric ließ seinen Blick auf der Bühne ruhen.


„Dann war offenbar noch jemand nicht anwesend, der es sehen sollte.“

Ihr Lächeln blieb klein genug, um ihnen beiden zu gehören.

Am Vorabend waren sie spät auf Truuine eingetroffen. Durch die Scheiben ihres Shuttles hatte Moraband wie eine Ansammlung sorgsam gehüteter Lichter in der polaren Dämmerung gelegen, umgeben von Eis und der Dunkelheit ferner Wasserflächen. Die Anflugfreigabe war ohne Verzögerung erteilt worden. Am Boden hatten ein Beamter mit kältegeröteten Händen und zwei Angehörige des Protokolls gewartet. Namen, Titel und Unterbringung waren vorbereitet gewesen.
Enric hatte die Begrüßung mit der gebotenen Höflichkeit erwidert und sich den Namen des zuständigen Beamten gemerkt, nachdem dieser eine Unklarheit beim Gepäck durch eine einzige leise Anweisung behoben hatte. Solche Menschen waren brauchbar. Beim anschließenden Essen hatte Valéria von den Gästen gesprochen, die sie während der kommenden Tage zu treffen erwartete, und Enric hatte die dienstlichen Mitteilungen ungeöffnet gelassen. Erst später, als sie bereits zu Bett gegangen war, hatte er noch einmal die Zusammenstellung der Delegationen durchgesehen. Auf Byss führte Corvin während seiner Abwesenheit die laufenden Geschäfte. Acht gemeinsame Jahre sollten genügen, um einige Tage ohne die Hand des Gouverneurs an jedem einzelnen Vorgang auszukommen.

Heute hatte sich die Hauptstadt hinter ihnen zurückgezogen und dem Gletschermassiv Platz gemacht. Schon beim Anflug war die Größe der Veranstaltung erkennbar gewesen. Zwischen den beleuchteten Terrassen bewegten sich Besucher in langen, sich teilenden Strömen; Shuttles senkten sich auf die ausgewiesenen Landeflächen, und über den Gipfeln erschienen in regelmäßigen Abständen die kleinen, dunklen Silhouetten patrouillierender Jäger. Ihre Einladung hatte ihnen kurze Wege eröffnet. Die Kontrollen waren dennoch gründlich gewesen,
Enric hatte seine Kennung ohne Kommentar vorgelegt. Die Regeln eines Gastgebers zu achten gehörte zu jener Disziplin, die er auch von Besuchern auf Byss verlangte. Ein Gouverneur, der an einer Zugangskontrolle seinen Rang gegen einen pflichtbewussten Untergebenen ausspielen musste, hatte gewöhnlich bereits an anderer Stelle zu wenig dafür getan, dass dieser Rang etwas bedeutete.

Nun hob sich die Stimme der Solistin über die Versammlung. Das Gespräch in ihrer Nähe verebbte, bis nur noch vereinzelt Glas auf Glas traf und Stoff leise über Stoff strich.
Enric verstand genug von den altertümlichen Wendungen, um dem Versprechen von Recht, Würde und gemeinsamer Ordnung zu folgen. In dem Gesang lag eine Feierlichkeit, die ihm vertraut war, obwohl er das Werk zuvor nie gehört hatte. Sie erinnerte ihn an die großen Säle seiner Jugend, an seinen Vater in dunkler Festkleidung und an jene frühen imperialen Zeremonien des noch jungen Galaktischen Imperiums, erhoben aus der kalt werdenden Asche der korrupten Alten Republik, bei denen Erwachsene mit ernsten Gesichtern von einer Zukunft gesprochen hatten, deren Größe ihren Kindern noch selbstverständlich erschienen war. Sein Vater hatte den Aufstieg des letzten legitimen Kanzlers unterstützt und den Beginn eines Reiches erlebt. Enric war mit der Erwartung erzogen worden, das einmal Errungene weiterzuführen. Der Gedanke hatte ihn durch seine Studien getragen, durch die staubigen Vertragsarchive auf Ambria und schließlich bis in jene Räume auf Byss, in denen während der Blockade jede ausgegebene Ration gegengezeichnet worden war.

Das Heulen der TIE-Triebwerke drang in die Musik. Zwölf Jäger strichen in geschlossener Formation über das Gelände, schwarze Flächen vor dem fahlen Himmel, und für einen Augenblick schien ihre Bewegung die ganze Versammlung nach oben zu ziehen. Die Präzision des Überflugs gefiel ihm, ebenso die Zurückhaltung, mit der die Formation wieder hinter den Bergen verschwand. Dann stieg das Feuerwerk auf. Gold zerfiel über dem Eis, Silber rann in breiten Lichtfächern über die Höhlenwände, und im Schmuck seiner Frau fing sich ein roter Widerschein.
Valéria hatte den Kopf leicht gehoben. Das wechselnde Licht glättete für einen flüchtigen Moment die Jahre um ihre Augen, und Enric sah etwas von der jungen Frau wieder, die ihm auf Corulag mit vollkommen ruhiger Stimme erklärt hatte, weshalb eine seiner damaligen Gewissheiten ausgesprochen bequem für ihn selbst gewesen war. Er hatte sich später häufiger an diesen Satz erinnert als an die gesamte übrige Unterhaltung.

Als der Beifall einsetzte, klatschte er mit gemessenen Bewegungen. Die Aufführung hatte ihren Zweck erfüllt. Unter den Gästen standen Männer und Frauen, deren Zuständigkeiten ganze Welten umfassten, und für einige Minuten hatten sie alle in dieselbe Richtung geblickt. Solche Augenblicke besaßen ihren Wert, gerade nach einem Herrscherwechsel. Enric wusste, wie rasch aus den Versicherungen ewiger Treue neue Formulierungen werden konnten, sobald ein anderer Name über den Erlassen stand. Unter der Imperatrix würde sich nun zeigen, welche Verdienste wieder Gewicht erhielten und welche Karrieren vor allem davon gelebt hatten, dass andere im Schatten bleiben mussten. Er hatte lange genug Gelegenheit gehabt, diese Unterscheidung zu studieren.

Die Moderatorin kündigte Gouverneur und Gastgeber
Ridley Quinn Solaris an, und Enric wandte seine Aufmerksamkeit dem Gastgeber zu. Das Weiß der Kleidung hob sich deutlich von der Umgebung ab, der Griff des Lichtschwerts ergänzte die Rangzeichen um eine Befugnis, deren Reichweite sich in keiner gewöhnlichen Dienstordnung erschöpfend festhalten ließ. Enric betrachtete das Gesicht, das Lächeln, die Haltung am Rednerpult. Ein Gouverneur und ein Sith. Auf Byss hatte er unter Männern gedient, bei denen diese Verbindung Ansprüche hervorgebracht hatte, die binnen einer Stunde den Haushaltsplan eines ganzen Jahres verschlingen konnten. Solaris hatte immerhin einen Anlass geschaffen, bei dem ein beträchtlicher Teil des Aufwandes von jenen bewundert wurde, die künftig zu seiner Finanzierung beitragen mochten.

Die Frage nach dem Wesen der Kunst war ein geschickter Beginn.
Enric hörte zu, während Solaris die Begegnung mit Vertretern der Rebellion aufgriff und aus ihr eine Gegenüberstellung von ungezügelter Freiheit und gestaltender Ordnung entwickelte. Er konnte dem Gedanken folgen. Ein Werk verlangte Entscheidungen, Fertigkeit und die Bereitschaft, Möglichkeiten zu verwerfen. Wer alles zugleich erhalten wollte, brachte selten etwas von Bestand hervor. Dass der Gastgeber diese Überlegung bis zur Imperatrix und hinunter in die Amtsstuben der örtlichen Verwaltung führte, verriet ein gutes Gespür für sein Publikum. Man hatte genügend Verwalter versammelt, um mit der Aussicht, in ihrer täglichen Arbeit etwas Schöpferisches zu erkennen, einen aufmerksamen Saal zu gewinnen.

Dennoch blieb
Enrics Blick einen Moment an einer der hohen Eiswände hängen. Der Bildhauer mochte seinem Material eine Form aufzwingen. Anschließend konnte er zurücktreten und andere die Pflege seines Werkes übernehmen lassen. Ein Gouverneur fand sein Werk jeden Morgen aufs Neue vor, hungrig, verschuldet, ehrgeizig, bisweilen bewaffnet. Die Beamten wurden alt, die Pumpen verschlissen, die Söhne verdienter Männer erwiesen sich als kostspielige Enttäuschungen. Auch eine großartige Vorstellung musste den Tag überstehen, an dem ein Frachter ausblieb und drei Bezirke gleichzeitig Brennstoff verlangten. Gouverneurin Solaris sprach von dem Willen, Ordnung zu schaffen. Enric dachte an die Jahre, die erforderlich waren, um sie zu erhalten, und empfand jene stille, schwer zu befriedigende Ungeduld, die ihn in letzter Zeit häufiger begleitete. Er dachte auch an die Jahre, in denen Ordnung das letzte war, was dem Galaktischen Imperium zuteil wurde. Der Sith Bruderkrieg, Lord Janem Menari und der Aufstieg des Noghri. „Wie bereitwillig sie von Ordnung sprechen, sobald die Trümmer fortgeschafft sind. Ich erinnere mich an Menaris Niederlage. An Allegious und den Preis, den Byss für seinen Sieg bezahlen sollte. Der Noghri bestieg den Thron, und wir zählten Vorräte, während über unseren Köpfen die Vernichtung einer ganzen Welt erwogen wurde. Später durfte ich mich dafür rechtfertigen, dass diese Welt noch existierte. Ein Jahr Hausarrest, Verhöre und schließlich die Gnade, wieder jene Arbeit verrichten zu dürfen, die sie selbst weiterhin von mir benötigten. Nun trägt eine Imperatrix die Krone, und die Herren sprechen wieder von Beständigkeit. Ich würde gern erfahren, welcher von ihnen sie einmal unter den Bedingungen bewahrt hat, die man mir zumutete.“ Sein Gesicht blieb aufmerksam der Bühne zugewandt. Für diese Jahre wurden selten Bühnen errichtet.

Er ließ davon nichts in sein Gesicht treten. Die Rede war dem Anlass angemessen, ihr Gedankengang klar, ihre Zuspitzung wirksam. Als
Solaris schließlich auch dem bedeutenden Werk eines Rebellen einen imperialen Charakter zuschrieb, bewegte sich Enrics Mundwinkel um ein Geringes. Der Satz würde wiederholt werden. Vermutlich war das seine wichtigste Aufgabe.

Valéria neigte sich ein wenig zu ihm.

„Er gibt seinen Gästen etwas, das sie mit nach Hause nehmen können.“

„Hoffentlich bleiben ihm auch einige ihrer Zusagen.“

„Du könntest ihm das sagen.“

Enric sah sie an. In ihren Augen lag der vertraute Anflug von Belustigung, der ihm gelegentlich verriet, dass sie eine seiner Überlegungen längst zu Ende gedacht hatte.

„Wenn sich die Gelegenheit ergibt.“

Mit den abschließenden Danksagungen kehrte seine Aufmerksamkeit zur Bühne zurück. Bel Zhirio, die Gesellschaft, die Förderer und die Organisatoren erhielten ihre Würdigung; danach erklärte Solaris die Gala für eröffnet. Enric beteiligte sich am Beifall und ließ die Hände erst sinken, als die ersten Gäste wieder nach ihren Gläsern griffen. Um sie herum nahmen die Gespräche ihren Lauf auf, zunächst zögernd, dann mit jener rasch wachsenden Selbstverständlichkeit, die eine gemeinsame Darbietung hinterließ. Ein Kellner bot Getränke an. Der Gouverneur von Byss nahm ein schmales Glas und reichte Valéria das ihre, ehe er den Blick über die Anwesenden gleiten ließ.

Den Pau’aner bemerkte er jenseits einiger Stehtische. Die hochgewachsene Gestalt und das markant gefurchte Gesicht erleichterten die Zuordnung. Der Name stellte sich unmittelbar ein. Dr.
T’rsop, inzwischen Gouverneur von Prefsbelt IV. Enric hatte die Ernennung gelesen, ebenso die Hinweise auf den Wechsel seines Vorgängers in die Sektorverwaltung. Ein neues Amt, eine neue Verteilung von Erwartungen, eine Welt, auf der der Name Kreeger bislang vor allem auf den Dienstausweisen seines jüngsten Sohnes zu finden war.

Nerio hatte sich auf Prefsbelt IV einer Arbeit verschrieben, deren Ergebnisse sein Vater gewöhnlich erst durch Berichte erfuhr. Quellen, Ermittlungen, Zusammenhänge, die sich mit jedem weiteren Absatz zu verzweigen schienen. Maxirons Verantwortung ließ sich einfacher benennen. Ein kapitales Schiff, eine Besatzung, ein Befehl. Enric wusste durchaus, welchen Wert die Tätigkeit des Sicherheitsbüros besaß. Ganze Verwaltungen konnten von Männern abhängen, die rechtzeitig die richtige Frage stellten. Bei Nerio und seinem eigenwilligen Naturell fiel es ihm dennoch leichter, das Unvollständige zu erkennen als das bereits Geleistete. Der Junge verfügte über Verstand. Es wurde Zeit, dass daraus eine Stellung erwuchs, deren Gewicht auch außerhalb seiner eigenen Behörde spürbar war.

„Der Gouverneur von Prefsbelt IV“, sagte er leise zu seiner Gattin.

Valéria folgte seinem Blick.


„Nerios Dienstort.“

Er nickte. Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick, und Enric kannte sie gut genug, um die unausgesprochene Bitte darin zu verstehen. Heute bot sich zunächst die Gelegenheit, einen neuen Amtskollegen kennenzulernen. Alles Weitere würde davon abhängen, was dieser Mann zu sagen hatte.

Gemeinsam gingen sie zwischen den Stehtischen hindurch.
Enric hielt sein Glas tief, damit es bei der Begrüßung nicht zwischen ihnen stehen würde, und verlangsamte seine Schritte, als sie den Pau’aner erreichten. Aus der Nähe war dessen Erscheinung noch auffälliger, doch Enrics Aufmerksamkeit galt dem Rangabzeichen und dem Gesicht darüber. Auf Byss beaufsichtigte ein Abyssin sein Innenressort mit einer Gewissenhaftigkeit, die manchem menschlichen Würdenträger gut angestanden hätte. Wer im imperialen Verwaltungsapparat als Nichtmensch aufstieg, hatte gewöhnlich besondere Fähigkeiten, besondere Förderer oder lange Erfahrung darin, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Welche Voraussetzungen T’rsop mitbrachte, würde sich zeigen. Der Pau'aner befand sich in einem Gespräch mit einer Person, wahrscheinlich Teil seiner Entourage, sodass das Paar Kreeger wartete, bis deren Gespräch abebbte, bevor sie herantraten. Knapp nickte der Gouverneur der anderen Person zu, bevor er sich dem nichtmenschlichen Gouverneur zuwandte.

„Gouverneur T’rsop“, sprach er ihn an, mit einer leichten Neigung des Kopfes und jener ruhigen Deutlichkeit, die auch im Gesprächslärm keine angehobene Stimme erforderte. „Enric Kreeger, Gouverneur von Byss. Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Valéria Kreeger.“

Er ließ der Vorstellung den ihr gebührenden Augenblick, bevor er dem Amtskollegen die freie Hand entgegenstreckte.

„Meine Glückwünsche zu Ihrer Ernennung. Prefsbelt IV ist eine bedeutende Verantwortung. Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Amtsführung.“

Die Höflichkeit war aufrichtig genug. Ein gut verwalteter Planet lag im Interesse des Reiches, und Enric sah keinen Anlass, einem Mann bereits bei der ersten Begegnung die Möglichkeit abzusprechen, sich seines Amtes würdig zu erweisen. Sein grüner Blick ruhte aufmerksam auf dem Gesicht des Pau’aners, als er mit derselben gelassenen Förmlichkeit fortfuhr.


„Mein jüngster Sohn dient beim Imperialen Sicherheitsbüro auf Prefsbelt IV. Die jüngsten Veränderungen auf Ihrer Welt habe ich daher mit besonderem Interesse verfolgt. Welche Aufgaben werden Ihre Aufmerksamkeit zunächst am stärksten beanspruchen?“

Enric nahm einen kleinen Schluck und ließ dem Gouverneur Zeit für seine Antwort. Neben ihm hielt Valéria ihr Glas locker am Stiel, während hinter ihnen die Gespräche wieder anschwollen und das Licht der Eiswände über die Schultern der Gäste glitt. Die Frage war höflich genug, um als gewöhnliches Interesse unter Amtskollegen zu gelten, doch Enric war gespannt, welchen Teil seiner neuen Verantwortung der Pau’aner zuerst nennen würde. Aus Berichten kannte er dessen Ernennung; nun wollte er hören, wie der Mann selbst über die Welt sprach, die man ihm anvertraut hatte. Er wandte sich ihm ein wenig stärker zu und schenkte ihm jene ungeteilte Aufmerksamkeit, die seine Untergebenen auf Byss ebenso als Auszeichnung wie als Zumutung kannten.

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