Truuine

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Command Sergeant Rayk Sperber hasste den Südpol. Nicht, weil er kalt und unwirtlich war und auch nicht, weil er von stinkenden, pelzigen Xenos bewohnt wurde, denen die Minderwertigkeit ihrer Rasse mit der Eisenstange eingeprügelt werden musste. Auch wenn das natürlich gute Gründe waren.

Nein, Rayk hasste den beschissenen Ruß, der den Himmel schwarz färbte, der das Eis schwarz färbte und der jetzt grade in diesem Moment seine weiße Aquatrooperrüstung verdammt nochmal schwarz färbte! Was für ein Drecksort!

Das Wetter, wenn man es denn so nennen wollte, war an diesem Tag äußerst scheiße. Selbst im Schutz des Basislagers, das die Planetaren Sicherheitskräfte Truuines inzwischen gut fünfzig Klicks tief im ‚Inland‘ errichtet hatten. Das Tal zwischen zwei aktiven Vulkanen in dem sie sich eingegraben hatten, mochte Schutz gegen schneidenden Wind bieten, doch dafür war hier der schwarze Schneefall konstant. Und heute hielt sich der Wind nicht einmal an die Abmachung fortzubleiben!

Als Rayk endlich sein Ziel erreichte, war seine ganze Putzarbeit der letzten Stunde bereits wieder umsonst. Dicke, schwarze Schlieren verunzierten seine gesamte Gestalt.

Fester als nötig schlug er die Tür des Wohncontainers hinter sich zu und rieb sich reflexhaft über den Unterarm. Die ölige Asche verschmierte auf dem weißen Plastoid jedoch nur.

Er seufzte und wandte sich an die Person, der sein Besuch galt.


„Private 1st class Meri.“ Er nickte dem roten Menschen zu. Sith hin oder her, mehr Respekt brauchte ein niederrangiger Soldat nicht von ihm erwarten. Noch dazu einer, dem mindestens ein paar artfremde Gene auf die rote Stirn geschrieben standen. Immerhin kein laufender Fisch, aber doch klar abseits des normalen Farbspektrum eines Menschen. Und dazu diese klar unnatürliche Körpergröße…

„Ich bin Command Sergeant Rayk Sperber, aktueller Befehlshaber von Gouverneur Solaris Garde. Wir haben auf Ith’aqua zusammen trainiert und an der Eiswand zusammen gekämpft. Es scheint mir, wir werden auch beim Sturm auf Port Ryloth das Vergnügen haben. Wird das da“, er deutete auf die Bandagen, die ein Auge und das halbe Gesicht des Menschen bedeckten „ein Problem darstellen?“

Rayk stellte Meri den Aurora-Helm des verräterischen Wookiee auf den Tisch, der eine Seite der kleinen Wohnzelle einnahm. Dann nahm er seinen eigen ab und klemmte sich diesen unter den Arm. Die Deckenlüftung strich kühl über die dunkle Haut seiner geschorenen Glatze.

„Hier ist Ersatz für Ihren zerstörten Helm, Soldat“, erklärte er.

Soweit er wusste, hatte man das Ding vor ein paar Tagen über einen integrierten Peilsender geortet und wieder eigesammelt. Solaris hatte sich die Aurorarüstungen ein hübsches Sümmchen kosten lassen und Rayk verstand, warum Meri nicht einfach einen neuen bekam. Beim Militär wurde eben brüderlich geteilt.


„Ich soll ebenfalls schöne Grüße von Gouverneur Solaris ausrichten. Er hat mir eine Nachricht für Sie mitgegeben“ Rayk zog einen kleinen Holoprojektor aus der Tasche und hielt ihn vor dem Private in die Höhe. Das kleine Gerät summte auf und das blau leuchtende Konterfei des Gouverneurs baute sich darüber auf.

„Seien Sie gegrüßt, Private 1st class Meri. Meinen Glückwunsch zum Sieg über Ihren Konkurrenten. Ihrem Bericht habe ich entnommen, dass der Kampf eine würdige Prüfung Ihrer Fähigkeiten war. Es ist bedauerlich, dass den Rebellen Port Ryloths seine Gefangennahme gelungen ist, bevor Sie die Aufgabe vollends zuendebringen konnten. Seien Sie jedoch unbesorgt, Sie werden noch Ihre Gelegenheit bekommen zu beenden, was Sie begonnen haben.
Trotz dieser unerfreulichen Wendung haben Sie sich zu meiner Zufriedenheit geschlagen, weshalb ich Sie zur Belohnung in den offiziellen Rang meines Schülers erhebe. Ich werde Sie in naher Zukunft in weitere Geheimnisse der Sith einweihen.
In den letzten Tagen werden Sie mein Wohlwollen über Ihre großzügigen Rationen gespürt haben. Darüber hinaus erteile ich Ihnen nun die Erlaubnis vor der kommenden Schlacht frei aus der Waffenkammer des Basislagers auszuwählen. Command Sergeant Sperber wird Sie im Anschluss an diese Nachricht dorthin führen.
In diesem Sinne: gute Arbeit und auf bald, mein Schüler.“

Bei den letzten Worten des Gouverneurs verkniff Rayk sich eine Grimasse. Er hatte mit Meri trainiert und wusste daher, wie wenig Rücksicht der Mann auf freundliche Truppen nehmen konnte. Ihm die freie Wahl diverser explodierender Dinge zu überlassen, erschien ihm…unbedacht. Aber es war die Entscheidung des Gouverneurs und solange er seine Truppe hinter Meri hielt und nicht zwischen ihn und den Feind kam…

„Machen Sie sich fertig und kommen Sie mit. Nach der Waffenkammer geht es direkt los. Details erkläre ich Ihnen unterwegs, aber so viel sei gesagt: Wir klopfen diesen pelzigen Bastarden endlich an die Haustür.“


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Das Licht im Eis erinnerte Enric Kreeger an die Adern eines kostbaren Steins, den man gegen eine Lampe hielt, um seine Fehler zu finden. Tief im Gletscher brannte ein kaltes Blau, durchzogen von milchigen Einschlüssen und jenen feinen Brüchen, welche die Beleuchtung mit derselben Sorgfalt hervorhob wie die makellosen Flächen. Davor standen die Gäste in grauen und dunklen Uniformen, schwerer Seide und sorgfältig gewähltem Schmuck. Wärme fiel von den Strahlern über ihre Gesichter, brachte Gold zum Glänzen und ließ die Rangabzeichen auf ihren Brüsten aufleuchten, während hinter ihnen die gewaltige Masse gefrorenen Wassers in ihrer eigenen Farbe verharrte. Zwischen den geschwungenen Galerien und ausladenden Terrassen glaubte Enric etwas von jener Alten Republik wiederzuerkennen, die selbst ihren Niedergang noch mit kostbaren Fassaden geschmückt hatte. Die übliche Kälte imperialer Architektur, ihre strengen Achsen und schmucklosen Flächen, wich hier einer verschwenderischen Lust an Raum und Licht. Über filigranen Brücken und warm beleuchteten Salons hingen die Hoheitszeichen des Reiches. Darunter genossen seine Würdenträger mit sichtlichem Behagen genau jene Pracht, deren Kosten sie in den Palästen vergangener Senatoren gewiss als Beweis der Dekadenz angeführt hätten. Ein beträchtlicher Aufwand, um Menschen für einige Stunden das Gefühl zu geben, an einem Ort zu stehen, der eigens auf ihre Ankunft gewartet hatte. Enric wusste solche Leistungen zu würdigen. Auf Byss hatte er oft genug erfahren, wie viele Hände, wie viele Lieferungen und wie viele rechtzeitig unterbundene Nachlässigkeiten erforderlich waren, damit ein einzelner Mann vor eine Versammlung treten und ihren Beifall entgegennehmen konnte.

Valérias Hand lag leicht auf seinem Unterarm. Sie trug ein tief dunkelgrünes Kleid, dessen Stoff bei jeder Bewegung einen gedämpften Glanz annahm, und eine alte Brosche, die bereits auf Familienaufnahmen zu sehen gewesen war, deren beschädigte Projektionen Enric selbst wiederhergestellt hatte. Er kannte das kleine Schmuckstück bis zu einer winzigen Unregelmäßigkeit in seiner Fassung. An diesem Morgen hatte er bemerkt, dass sie es gewählt hatte, und ihr beim Anlegen einen Augenblick länger zugesehen, als nötig gewesen wäre. Jetzt stand sie neben ihm, aufrecht und gelassen, das fleischgewordene Ebenbild einer Nymphenstatue aus Moenia, betrachtete die Versammlung mit jener Aufmerksamkeit, die andere häufig für bloße gesellschaftliche Gewandtheit hielten. Ihre Finger übten einen kaum merklichen Druck aus, als zwei Gäste in ihrer Nähe einander mit überschwänglichen Versicherungen ihrer Verbundenheit begrüßten.

„Sie haben sich am Eingang bereits begrüßt“, sagte sie leise.

Enric ließ seinen Blick auf der Bühne ruhen.


„Dann war offenbar noch jemand nicht anwesend, der es sehen sollte.“

Ihr Lächeln blieb klein genug, um ihnen beiden zu gehören.

Am Vorabend waren sie spät auf Truuine eingetroffen. Durch die Scheiben ihres Shuttles hatte Moraband wie eine Ansammlung sorgsam gehüteter Lichter in der polaren Dämmerung gelegen, umgeben von Eis und der Dunkelheit ferner Wasserflächen. Die Anflugfreigabe war ohne Verzögerung erteilt worden. Am Boden hatten ein Beamter mit kältegeröteten Händen und zwei Angehörige des Protokolls gewartet. Namen, Titel und Unterbringung waren vorbereitet gewesen.
Enric hatte die Begrüßung mit der gebotenen Höflichkeit erwidert und sich den Namen des zuständigen Beamten gemerkt, nachdem dieser eine Unklarheit beim Gepäck durch eine einzige leise Anweisung behoben hatte. Solche Menschen waren brauchbar. Beim anschließenden Essen hatte Valéria von den Gästen gesprochen, die sie während der kommenden Tage zu treffen erwartete, und Enric hatte die dienstlichen Mitteilungen ungeöffnet gelassen. Erst später, als sie bereits zu Bett gegangen war, hatte er noch einmal die Zusammenstellung der Delegationen durchgesehen. Auf Byss führte Corvin während seiner Abwesenheit die laufenden Geschäfte. Acht gemeinsame Jahre sollten genügen, um einige Tage ohne die Hand des Gouverneurs an jedem einzelnen Vorgang auszukommen.

Heute hatte sich die Hauptstadt hinter ihnen zurückgezogen und dem Gletschermassiv Platz gemacht. Schon beim Anflug war die Größe der Veranstaltung erkennbar gewesen. Zwischen den beleuchteten Terrassen bewegten sich Besucher in langen, sich teilenden Strömen; Shuttles senkten sich auf die ausgewiesenen Landeflächen, und über den Gipfeln erschienen in regelmäßigen Abständen die kleinen, dunklen Silhouetten patrouillierender Jäger. Ihre Einladung hatte ihnen kurze Wege eröffnet. Die Kontrollen waren dennoch gründlich gewesen,
Enric hatte seine Kennung ohne Kommentar vorgelegt. Die Regeln eines Gastgebers zu achten gehörte zu jener Disziplin, die er auch von Besuchern auf Byss verlangte. Ein Gouverneur, der an einer Zugangskontrolle seinen Rang gegen einen pflichtbewussten Untergebenen ausspielen musste, hatte gewöhnlich bereits an anderer Stelle zu wenig dafür getan, dass dieser Rang etwas bedeutete.

Nun hob sich die Stimme der Solistin über die Versammlung. Das Gespräch in ihrer Nähe verebbte, bis nur noch vereinzelt Glas auf Glas traf und Stoff leise über Stoff strich.
Enric verstand genug von den altertümlichen Wendungen, um dem Versprechen von Recht, Würde und gemeinsamer Ordnung zu folgen. In dem Gesang lag eine Feierlichkeit, die ihm vertraut war, obwohl er das Werk zuvor nie gehört hatte. Sie erinnerte ihn an die großen Säle seiner Jugend, an seinen Vater in dunkler Festkleidung und an jene frühen imperialen Zeremonien des noch jungen Galaktischen Imperiums, erhoben aus der kalt werdenden Asche der korrupten Alten Republik, bei denen Erwachsene mit ernsten Gesichtern von einer Zukunft gesprochen hatten, deren Größe ihren Kindern noch selbstverständlich erschienen war. Sein Vater hatte den Aufstieg des letzten legitimen Kanzlers unterstützt und den Beginn eines Reiches erlebt. Enric war mit der Erwartung erzogen worden, das einmal Errungene weiterzuführen. Der Gedanke hatte ihn durch seine Studien getragen, durch die staubigen Vertragsarchive auf Ambria und schließlich bis in jene Räume auf Byss, in denen während der Blockade jede ausgegebene Ration gegengezeichnet worden war.

Das Heulen der TIE-Triebwerke drang in die Musik. Zwölf Jäger strichen in geschlossener Formation über das Gelände, schwarze Flächen vor dem fahlen Himmel, und für einen Augenblick schien ihre Bewegung die ganze Versammlung nach oben zu ziehen. Die Präzision des Überflugs gefiel ihm, ebenso die Zurückhaltung, mit der die Formation wieder hinter den Bergen verschwand. Dann stieg das Feuerwerk auf. Gold zerfiel über dem Eis, Silber rann in breiten Lichtfächern über die Höhlenwände, und im Schmuck seiner Frau fing sich ein roter Widerschein.
Valéria hatte den Kopf leicht gehoben. Das wechselnde Licht glättete für einen flüchtigen Moment die Jahre um ihre Augen, und Enric sah etwas von der jungen Frau wieder, die ihm auf Corulag mit vollkommen ruhiger Stimme erklärt hatte, weshalb eine seiner damaligen Gewissheiten ausgesprochen bequem für ihn selbst gewesen war. Er hatte sich später häufiger an diesen Satz erinnert als an die gesamte übrige Unterhaltung.

Als der Beifall einsetzte, klatschte er mit gemessenen Bewegungen. Die Aufführung hatte ihren Zweck erfüllt. Unter den Gästen standen Männer und Frauen, deren Zuständigkeiten ganze Welten umfassten, und für einige Minuten hatten sie alle in dieselbe Richtung geblickt. Solche Augenblicke besaßen ihren Wert, gerade nach einem Herrscherwechsel. Enric wusste, wie rasch aus den Versicherungen ewiger Treue neue Formulierungen werden konnten, sobald ein anderer Name über den Erlassen stand. Unter der Imperatrix würde sich nun zeigen, welche Verdienste wieder Gewicht erhielten und welche Karrieren vor allem davon gelebt hatten, dass andere im Schatten bleiben mussten. Er hatte lange genug Gelegenheit gehabt, diese Unterscheidung zu studieren.

Die Moderatorin kündigte Gouverneur und Gastgeber
Ridley Quinn Solaris an, und Enric wandte seine Aufmerksamkeit dem Gastgeber zu. Das Weiß der Kleidung hob sich deutlich von der Umgebung ab, der Griff des Lichtschwerts ergänzte die Rangzeichen um eine Befugnis, deren Reichweite sich in keiner gewöhnlichen Dienstordnung erschöpfend festhalten ließ. Enric betrachtete das Gesicht, das Lächeln, die Haltung am Rednerpult. Ein Gouverneur und ein Sith. Auf Byss hatte er unter Männern gedient, bei denen diese Verbindung Ansprüche hervorgebracht hatte, die binnen einer Stunde den Haushaltsplan eines ganzen Jahres verschlingen konnten. Solaris hatte immerhin einen Anlass geschaffen, bei dem ein beträchtlicher Teil des Aufwandes von jenen bewundert wurde, die künftig zu seiner Finanzierung beitragen mochten.

Die Frage nach dem Wesen der Kunst war ein geschickter Beginn.
Enric hörte zu, während Solaris die Begegnung mit Vertretern der Rebellion aufgriff und aus ihr eine Gegenüberstellung von ungezügelter Freiheit und gestaltender Ordnung entwickelte. Er konnte dem Gedanken folgen. Ein Werk verlangte Entscheidungen, Fertigkeit und die Bereitschaft, Möglichkeiten zu verwerfen. Wer alles zugleich erhalten wollte, brachte selten etwas von Bestand hervor. Dass der Gastgeber diese Überlegung bis zur Imperatrix und hinunter in die Amtsstuben der örtlichen Verwaltung führte, verriet ein gutes Gespür für sein Publikum. Man hatte genügend Verwalter versammelt, um mit der Aussicht, in ihrer täglichen Arbeit etwas Schöpferisches zu erkennen, einen aufmerksamen Saal zu gewinnen.

Dennoch blieb
Enrics Blick einen Moment an einer der hohen Eiswände hängen. Der Bildhauer mochte seinem Material eine Form aufzwingen. Anschließend konnte er zurücktreten und andere die Pflege seines Werkes übernehmen lassen. Ein Gouverneur fand sein Werk jeden Morgen aufs Neue vor, hungrig, verschuldet, ehrgeizig, bisweilen bewaffnet. Die Beamten wurden alt, die Pumpen verschlissen, die Söhne verdienter Männer erwiesen sich als kostspielige Enttäuschungen. Auch eine großartige Vorstellung musste den Tag überstehen, an dem ein Frachter ausblieb und drei Bezirke gleichzeitig Brennstoff verlangten. Gouverneurin Solaris sprach von dem Willen, Ordnung zu schaffen. Enric dachte an die Jahre, die erforderlich waren, um sie zu erhalten, und empfand jene stille, schwer zu befriedigende Ungeduld, die ihn in letzter Zeit häufiger begleitete. Er dachte auch an die Jahre, in denen Ordnung das letzte war, was dem Galaktischen Imperium zuteil wurde. Der Sith Bruderkrieg, Lord Janem Menari und der Aufstieg des Noghri. „Wie bereitwillig sie von Ordnung sprechen, sobald die Trümmer fortgeschafft sind. Ich erinnere mich an Menaris Niederlage. An Allegious und den Preis, den Byss für seinen Sieg bezahlen sollte. Der Noghri bestieg den Thron, und wir zählten Vorräte, während über unseren Köpfen die Vernichtung einer ganzen Welt erwogen wurde. Später durfte ich mich dafür rechtfertigen, dass diese Welt noch existierte. Ein Jahr Hausarrest, Verhöre und schließlich die Gnade, wieder jene Arbeit verrichten zu dürfen, die sie selbst weiterhin von mir benötigten. Nun trägt eine Imperatrix die Krone, und die Herren sprechen wieder von Beständigkeit. Ich würde gern erfahren, welcher von ihnen sie einmal unter den Bedingungen bewahrt hat, die man mir zumutete.“ Sein Gesicht blieb aufmerksam der Bühne zugewandt. Für diese Jahre wurden selten Bühnen errichtet.

Er ließ davon nichts in sein Gesicht treten. Die Rede war dem Anlass angemessen, ihr Gedankengang klar, ihre Zuspitzung wirksam. Als
Solaris schließlich auch dem bedeutenden Werk eines Rebellen einen imperialen Charakter zuschrieb, bewegte sich Enrics Mundwinkel um ein Geringes. Der Satz würde wiederholt werden. Vermutlich war das seine wichtigste Aufgabe.

Valéria neigte sich ein wenig zu ihm.

„Er gibt seinen Gästen etwas, das sie mit nach Hause nehmen können.“

„Hoffentlich bleiben ihm auch einige ihrer Zusagen.“

„Du könntest ihm das sagen.“

Enric sah sie an. In ihren Augen lag der vertraute Anflug von Belustigung, der ihm gelegentlich verriet, dass sie eine seiner Überlegungen längst zu Ende gedacht hatte.

„Wenn sich die Gelegenheit ergibt.“

Mit den abschließenden Danksagungen kehrte seine Aufmerksamkeit zur Bühne zurück. Bel Zhirio, die Gesellschaft, die Förderer und die Organisatoren erhielten ihre Würdigung; danach erklärte Solaris die Gala für eröffnet. Enric beteiligte sich am Beifall und ließ die Hände erst sinken, als die ersten Gäste wieder nach ihren Gläsern griffen. Um sie herum nahmen die Gespräche ihren Lauf auf, zunächst zögernd, dann mit jener rasch wachsenden Selbstverständlichkeit, die eine gemeinsame Darbietung hinterließ. Ein Kellner bot Getränke an. Der Gouverneur von Byss nahm ein schmales Glas und reichte Valéria das ihre, ehe er den Blick über die Anwesenden gleiten ließ.

Den Pau’aner bemerkte er jenseits einiger Stehtische. Die hochgewachsene Gestalt und das markant gefurchte Gesicht erleichterten die Zuordnung. Der Name stellte sich unmittelbar ein. Dr.
T’rsop, inzwischen Gouverneur von Prefsbelt IV. Enric hatte die Ernennung gelesen, ebenso die Hinweise auf den Wechsel seines Vorgängers in die Sektorverwaltung. Ein neues Amt, eine neue Verteilung von Erwartungen, eine Welt, auf der der Name Kreeger bislang vor allem auf den Dienstausweisen seines jüngsten Sohnes zu finden war.

Nerio hatte sich auf Prefsbelt IV einer Arbeit verschrieben, deren Ergebnisse sein Vater gewöhnlich erst durch Berichte erfuhr. Quellen, Ermittlungen, Zusammenhänge, die sich mit jedem weiteren Absatz zu verzweigen schienen. Maxirons Verantwortung ließ sich einfacher benennen. Ein kapitales Schiff, eine Besatzung, ein Befehl. Enric wusste durchaus, welchen Wert die Tätigkeit des Sicherheitsbüros besaß. Ganze Verwaltungen konnten von Männern abhängen, die rechtzeitig die richtige Frage stellten. Bei Nerio und seinem eigenwilligen Naturell fiel es ihm dennoch leichter, das Unvollständige zu erkennen als das bereits Geleistete. Der Junge verfügte über Verstand. Es wurde Zeit, dass daraus eine Stellung erwuchs, deren Gewicht auch außerhalb seiner eigenen Behörde spürbar war.

„Der Gouverneur von Prefsbelt IV“, sagte er leise zu seiner Gattin.

Valéria folgte seinem Blick.


„Nerios Dienstort.“

Er nickte. Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick, und Enric kannte sie gut genug, um die unausgesprochene Bitte darin zu verstehen. Heute bot sich zunächst die Gelegenheit, einen neuen Amtskollegen kennenzulernen. Alles Weitere würde davon abhängen, was dieser Mann zu sagen hatte.

Gemeinsam gingen sie zwischen den Stehtischen hindurch.
Enric hielt sein Glas tief, damit es bei der Begrüßung nicht zwischen ihnen stehen würde, und verlangsamte seine Schritte, als sie den Pau’aner erreichten. Aus der Nähe war dessen Erscheinung noch auffälliger, doch Enrics Aufmerksamkeit galt dem Rangabzeichen und dem Gesicht darüber. Auf Byss beaufsichtigte ein Abyssin sein Innenressort mit einer Gewissenhaftigkeit, die manchem menschlichen Würdenträger gut angestanden hätte. Wer im imperialen Verwaltungsapparat als Nichtmensch aufstieg, hatte gewöhnlich besondere Fähigkeiten, besondere Förderer oder lange Erfahrung darin, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Welche Voraussetzungen T’rsop mitbrachte, würde sich zeigen. Der Pau'aner befand sich in einem Gespräch mit einer Person, wahrscheinlich Teil seiner Entourage, sodass das Paar Kreeger wartete, bis deren Gespräch abebbte, bevor sie herantraten. Knapp nickte der Gouverneur der anderen Person zu, bevor er sich dem nichtmenschlichen Gouverneur zuwandte.

„Gouverneur T’rsop“, sprach er ihn an, mit einer leichten Neigung des Kopfes und jener ruhigen Deutlichkeit, die auch im Gesprächslärm keine angehobene Stimme erforderte. „Enric Kreeger, Gouverneur von Byss. Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Valéria Kreeger.“

Er ließ der Vorstellung den ihr gebührenden Augenblick, bevor er dem Amtskollegen die freie Hand entgegenstreckte.

„Meine Glückwünsche zu Ihrer Ernennung. Prefsbelt IV ist eine bedeutende Verantwortung. Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Amtsführung.“

Die Höflichkeit war aufrichtig genug. Ein gut verwalteter Planet lag im Interesse des Reiches, und Enric sah keinen Anlass, einem Mann bereits bei der ersten Begegnung die Möglichkeit abzusprechen, sich seines Amtes würdig zu erweisen. Sein grüner Blick ruhte aufmerksam auf dem Gesicht des Pau’aners, als er mit derselben gelassenen Förmlichkeit fortfuhr.


„Mein jüngster Sohn dient beim Imperialen Sicherheitsbüro auf Prefsbelt IV. Die jüngsten Veränderungen auf Ihrer Welt habe ich daher mit besonderem Interesse verfolgt. Welche Aufgaben werden Ihre Aufmerksamkeit zunächst am stärksten beanspruchen?“

Enric nahm einen kleinen Schluck und ließ dem Gouverneur Zeit für seine Antwort. Neben ihm hielt Valéria ihr Glas locker am Stiel, während hinter ihnen die Gespräche wieder anschwollen und das Licht der Eiswände über die Schultern der Gäste glitt. Die Frage war höflich genug, um als gewöhnliches Interesse unter Amtskollegen zu gelten, doch Enric war gespannt, welchen Teil seiner neuen Verantwortung der Pau’aner zuerst nennen würde. Aus Berichten kannte er dessen Ernennung; nun wollte er hören, wie der Mann selbst über die Welt sprach, die man ihm anvertraut hatte. Er wandte sich ihm ein wenig stärker zu und schenkte ihm jene ungeteilte Aufmerksamkeit, die seine Untergebenen auf Byss ebenso als Auszeichnung wie als Zumutung kannten.

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[Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich] - mit Gouverneur Dr. T'rsop, Major Cestus Varro, Gouverneur Enric Kreeger und viele weitere

Noch während T'rsop überlegte, wie und bei wem er natürliche Konversation vortäuschen könnte, erledigte sich das Problem von selbst: Ein Truppler der Blauen Legion von Prefsbelt IV kam in Paradeuniform zu ihm und begann ein Gespräch - das voraussichtlich wenigstens etwas Dienstliches sein würde.
Der Pau'aner irrte sich nicht. Der große und trainierte Mann stellte sich als
Major Cestus Varro vor. T'rsop betrachtete den Major genauer. Entschlossenes Gesicht, definierte Haltung, eisblaue Augen, in denen Disziplin und Selbstbewusstsein schimmerten. Und, wenn der Gouverneur von Prefsbelt IV nicht ganz falsch lag, dem Hauch von Erwartung. Diese lag vermutlich in seinem neuen Amt begründet - was Fluch und Segen zugleich war. Denn zum Einen öffneten sich so Ohren und Möglichkeiten, die ihm vorher verschlossen geblieben wären - doch zum Andern verbanden sich mit diesen Erwartungen stets auch Ansprüche und Wünsche.
Egal. Er würde sich anhören, was dieser Soldat zu sagen hatte, ohne vorschnell Urteile zu fällen. Auch wenn es nie schadete, die Persönlichkeit des Gegenübers zu lesen.

Nach der Begrüßung - und dem automatisch kommentierten
"T'rsop reicht. Oder, wenn es sein muss, Gouverneur T'rsop" seitens des Gelehrten - verwies Cestus auf eine neue Gelegenheit, die sich ergeben habe und die der Major nun mit seinem Gouverneur besprechen wollte.
Der Pau'aner zog neugierig die Augenbrauen hoch. Das hörte sich interessant an - und es schien dem Major so dringend und wichtig zu sein, dass er es zeitnah besprochen und geklärt haben wollte.

"Major Cestus Varro. Schön, einen Offizier unserer Blauen Legion zu sehen - und einen Veteranen noch dazu, wenn ich mich recht erinnere. Sprich frei heraus. Was ist diese Gelegenheit, die es am Schopfe zu ergreifen gilt?", forderte T'rsop den Major freundlich auf, ins Detail zu gehen, während er sich zeitgleich bei einer Bedienung zwei Wasser sowie Meeresfrüchte und Süßigkeiten bestellte.

Nachdem er das erledigt hatte, konzentrierte er sich voll und ganz auf
Cestus, welcher erfreulicher Weise nicht lange um den heißen Brei herumtanzte, sondern gleich zum Eigentlichen kam: "Gouverneur Solaris hat mir heute Morgen angeboten, künftig das Kommando über seine persönliche Leibwache zu übernehmen und im Zuge dessen zu den imperialen Sturmtruppen, genauer gesagt zu den Aquatroopern, zu wechseln..."

Der Gouverneur nickte leicht - noch nicht zur Bestätigung, sondern erstmal nur zur Kenntnisnahme.
Inzwischen wurde seine Bestellung gebracht. Er gab
Cestus ein Wasser und nahm für sich selbst den Rest. Dies geschah ohne nachzudenken. Seine Gedanken waren schon bei dem Anliegen des Veteranens.
Er wusste von
Cestus nicht viel. Aber ein Major wurde man nicht ohne Weiteres. Und noch weniger wurde jeder x-beliebige Soldat gebeten, Kopf der Leibgarde eines Gouverneurs zu werden.
Folglich könnte es ein Verlust für Prefsbelt IV sein, wenn
Cestus die Aufgaben und das Verwaltungsgebiet wechselte...
Auf der anderen Seite war die Gesellschaft nicht nur ein planetares Phänomen, sondern auch ein intergalaktisches - und würden sich beide im Ungleichgewicht entwickeln, könnte das langfristig schlimme Folgen haben. Das Gefüge zerbrechen oder zumindest dafür sorgen, dass er selbst nichts Bedeutsames im Makrobereich erwirken könnte.


"Was ist deine Aufgabe in der Galaxis?", fragte T'rsop schließlich den Major.
Dieser konnte seine Verwirrung nicht wirklich verbergen - straffte sich dann aber und antwortete ohne Stocken:
"Ich bin Major der Blauen Legion und kämpfe für das Imperium."
Äußerlich ließ sich der Gouverneur nichts anmerken, strahlte weiterhin Zugewandtheit und Interesse aus. Innerlich war er etwas enttäuscht, dass dieser Mann nicht in größeren Visionen dachte.
"Selbstverständlich. Das ist deine Aufgabe als Major. Aber als Person - was ist deine Aufgabe in der Galaxis?", hakte er dann nochmal nach. Denn er wollte ergründen, ob Cestus Eigenantrieb hatte und ob er das Potential für Größeres in sich hatte - und darauf aufbauend dann, ob es ein Verlust oder eine Chance oder auch beides wäre, ihn ziehen zu lassen.

Cestus überlegte kurz, räusperte sich und antwortete schließlich: "Ich möchte Recht und Ordnung in der Galaxis bewahren, dem Imperium dienen und dessen Feinde zerschlagen. Und die Menschen vor Chaos schützen."
Kurz und präzise. Wie aus einem Propaganda-Buch - aber vollkommen ehrlich und überzeugt gemeint, wie T'rsop feststellte. Cestus hatte also ein Selbstbild einer Bestimmung - auch wenn er dieses nicht geschickt in Worte kleiden konnte. Der Pau'aner kannte sich mit Krieg und Soldaten nicht wirklich aus. Und beide Themenfelder interessierten ihn nicht sonderlich. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass eine solche Motivation einen hervorragenden und loyalen Soldaten machten. Und Leibwächter für Schlüsselfiguren und -stellen des Systems.
Er nickte unmerklich. Dieser Major wäre vermutlich sehr gut geeignet für die Stelle des Kopfes der Leibwächter von
Ridley. Nicht nur aufgrund seines Könnens, sondern auch von seinem Wesen her.

T'rsop schaute dem Soldaten tief in die Augen. "Major Cestus Varro. Danke, dass du diesen Karriereschritt vorher mit mir abgesprochen hast. Meinen Segen hast du für deinen Wechsel; und natürlich auch alle Unterschriften für die nötigen Formalia, sobald diese auf meinem Tisch liegen.
Ich möchte mich nicht aufdrängen und erdreisten, dir militärische Wünsche mitzugeben - dazu bin ich nicht von meinem Leben und meinen Erfahrungen her berechtigt. Aber dennoch wünsche ich dir viel Glück - Aquatrooper."


Er schüttelte Cestus die Hand und nahm sich dann einen Schluck Wasser, gefolgt von ein Paar Snacks. Der Major bedankte sich und salutierte vor ihm; und blickte danach an ihm vorbei und schien jemanden kommen zu sehen. Denn er nahm wieder Haltung an und nickte dem Gouverneur leicht zu. Dieser erwiderte die stumme Verabschiedung und wandte sich danach um, um die Neuankömmlinge zu betrachten.

Am liebsten hätte er die Augen verdreht. Es war ein anderer Gouverneur. Das heißt, hier müsste
T'rsop wieder besonders auf Etikette und das ganze Gedöns achten, um nicht mögliche politische Partner zu verstören oder zu verärgern.
Wie ihm auch
Theranos in einer persönlichen Nachricht über Datapad noch einmal eingeimpft hatte - irgendwas von Verantwortung und der Stellung gemäß und anderen Würdenträgern, die nicht so umsichtig und offen seien wie der Sektor-Adjutant. Der Gouverneur verachtete diesen Tanz von Etikette, unnötigen Erwartungen und zeitfressenden Sozial-Gesprächen, die doch nur dazu dienten, miteinander Dienstliches zu klären.
Er verachtete diesen Tanz - und doch kannte er ihn gut. So war ihm bewusst, dass zu grobe 'Fehltritte' oder verletzte Egos anderer Gouverneure und Verwalter nervige Folgen haben können. Und nicht nur für ihn selbst, sondern auch für
Theranos, der ja nun die pechvolle Rolle hatte, sein Bürge zu sein.
"Andererseits geschieht ihm das nach seinem Coup ganz recht...", musste
T'rsop dann doch in sich hinein schmunzeln.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den beiden Neuankömmlingen zu, die nun in Begrüßungsreichweite waren. Es handelte sich um einen hochgewachsenen Mann, an dessen Seite vermutlich seine Frau stand. Beide strahlten Selbstvertrauen und Autorität aus. Dem passte sich der Gelehrte an und veränderte seinen Stand so, dass er Gleiches widerspiegelte.
Der andere Gouverneur stellte sich vor als
Enric Kreeger, seine Frau als Valeria Kreeger.

Kurz weiteten sich die Augen
T'rsops, als er erfuhr, dass Enric Gouverneur von Byss war. Byss - eine so historische Welt mit durchaus mystisch anmutenden Geheimnissen.
"Gouverneur Kreeger, Milady Kreeger", grüßte der Gouverneur von Prefsbelt IV zurück und neigte dabei jeweils kurz sein Haupt. Nicht zu tief und nicht zu wenig. Er wusste, dass es in manchen Kulturen angesehen war, Frauen mit einem Handkuss zu begrüßen - etwas was dem Gelehrten komplett abwegig war. Achte auf dies und vergiss nicht jenes - aber schlabber direkt die Hand einer Person ab, die du hoch achten sollst.
Etikette war schon beinahe lustig, wenn sie nicht so lästig wäre.
Und so beließ er es bei dieser Begrüßungsform, die seines Wissens nach (fast) alle Höflichkeitsformen passabel finden.

Währenddessen begrüßte ihn der Gouverneur von Byss in seinem neuen Amt und reichte ihm die Hand.

"Vielen Dank für Ihre Glückwünsche", nahm T'rsop die Wünsche an und drückte die Hand seines Kollegens fest. Und schon ging das Gespräch weiter. Der Mensch berichtete davon, dass sein Sohn - Nerio Kreeger - im ISB von Prefsbelt IV arbeitet und dass er daher die letzten Ereignisse mit Interesse verfolgt habe. Um dann galant überzuleiten, welche Aufgaben für ihn in nächster Zeit am wichtigsten sein werden.

Der Gelehrte entschied sich, der Reihe nach zu antworten:

"Wie klein ist doch die Galaxis. Bis jetzt habe ich noch nichts über Ihren Sohn gehört - was ja auch die höchste Auszeichnung für einen Geheimdienstler sein sollte, oder? Ich bin gespannt, wann wir uns dann das erste Mal bei einem Meeting zur planetaren Sicherheit oder so über den Weg laufen werden.
Und nun zu Ihrer Frage."
T'rsop nutzte die natürliche Pause, um eine kleine Krabbe sowie ein Bonbon zu greifen und beide zeitgleich zu essen. Nachdem er ruhig gekaut und runtergeschluckt hatte, fuhr er fort und blickte dabei beide Kreegers gleichberechtigt an.

"Ja, Prefsbelt IV hat eine düstere Zeit hinter sich. Die Korruption Robert Kerns hat die Gesellschaft vergiftet und drohte, den Planeten zurückzuwerfen. Glücklicherweise konnte Theranos mit seinem Team - Sie wissen sicherlich, dass ich als Sonderberater mitwirkte - dieses Geschwür beseitigen.
Folglich ist nun die Genesung der Gesellschaft das nächste Ziel. Ein Ziel, was nicht einfach durch ein Bisschen Propaganda erreicht werden kann. Multikausal und mannigfaltig sollten wir daran arbeiten.
Die Gesellschaft muss in ihrem Vertrauen zueinander und auch zu dem Verwaltungssystem wieder gestärkt werden. Dies strebe ich unter anderem dadurch an, dass Red One - letzte Bastion Kerns vor seiner Niederlage - als wichtige Stadt von Prefsbelt IV wieder aufgebaut wird und dass der gesamte Planet mithilfe des dortigen Tunnelnetzes eine unterirdische Bahnverbindung zu allen großen Städten bekommt. Zeitgleich sollten Kulturangebote gefördert werden, die die Gesellschaft einen und ihnen eine Identität geben. Imperial und gleichzeitig erkennbar prefsbeltisch. Dies geschieht durch die Arbeit von Monspolis und unserem Projekt Nereus.
Außerdem müssen die letzten Reste der Organisation und Korruption Kerns leise beseitigt werden - das ist zur Zeit eine der Hauptaufgaben des ISB bei uns.
Aber nur auf dem innenpolitischen Bein kann man nicht stehen. Theranos hat ja schon das große Bauprojekt unserer neuen Werft begonnen. Dieses werde ich fortsetzen und zur Vollendung bringen - unseren Teil zum Krieg und der Imperialen Ordnung beitragen. Auch über unseren Orbit hinaus kann unser Planet meiner Überzeugung nach wirken und strahlen.
Aber um Ihrer Frage gerecht zu werden: Was mich zunächst am stärksten beanspruchen wird..."


T'rsop gönnte sich eine ehrliche Pause zum Nachdenken. Sein Blick ging dabei durch Enric und Valeria hindurch, während seine Gedanken strukturierten und analysierten, was im direkten Moment die wichtigsten Aufgaben für Prefsbelt IV seien.
Schließlich hatte er seine Antwort und Priorisierung gefunden und er fokussierte sich wieder auf die beiden Menschen:

"Mit Blick auf die aktuelle Lage und der möglichen Zukunft von Prefsbelt IV als über sich hinaus wirkend und weisend werden meine ersten Schritte sein, die Identität und Kultur der Gesellschaft imperial zu festigen. Und dazu braucht es zum Gelingen eine blühende Wirtschaft und sinnvolle Investitionen. Das werde ich nach dieser Gala als erstes und entschlossen anpacken."

Nach der Reaktion des Gouverneurs von Byss bot er diesem und seiner Frau etwas von seiner Meeresfrüchte- und Süßigkeitenplatte an. Er erwartete nicht, dass diese seinen Geschmack teilten und beides vermengen würden - aber für ihn war es unhöflich, als einziger etwas zu Essen zu haben und es nicht zum Teilen anzubieten. Und die beiden konnten ja, wenn sie wollten, sich auch nur ein Teilchen nehmen.
Er selbst griff sich auch welche und aß sie.

Schließlich hatte er aber selbst noch Interesse und sprach
Enric wieder an: "Gouverneur Kreeger. Byss ist ja ebenfalls ein Planet mit einer bewegten und bewegenden Geschichte und mit... ich würde sagen, höchst faszinierenden, Geheimnissen. Wie ist es, für einen solch bekannten und wichtigen Planeten Gouverneur zu sein?"
Gespannt wartete der Pau'aner auf die Antwort seines Amtskollegens.

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Angenehm spürte der Gouverneur den festen Händedruck seines Amtskollegen und erwiderte ihn mit derselben wohldosierten Kraft, bevor er die Hand wieder sinken ließ. Es kam nicht von ungefähr, dass viele Wesen der Art und Weise, wie sie dieses doch mittlerweile galaktisch verbreitete Modikum an Respekt anhand der Stärke oder Schwäche der ausführenden Hand bewerteten. Die kurze Veränderung in den Augen des Pau’aners beim Namen Byss war ihm aufgefallen. Er kannte diesen Ausdruck, hatte ihn in verschiedenen Gesichtern und unter den unterschiedlichsten Umständen gesehen, gelegentlich begleitet von einer Frage, häufiger von jener plötzlichen Vorsicht, die sich einstellte, wenn ein Gespräch unverhofft die Nähe bedeutenderer Dinge streifte. Der Name seiner Welt besaß noch immer Gewicht. Er trug die Erinnerung an einen Thron, an Sith und an Entscheidungen, deren Folgen weit über den Tiefkern hinausgereicht hatten. Für manche schien bereits die Erwähnung zu genügen, um hinter einem gewöhnlichen Verwaltungstitel verschlossene Türen und unerklärliche Vorgänge zu vermuten. Enric Kreeger hatte früh gelernt, diesen Vorstellungen ihre Arbeit zu überlassen. Die Bemerkung über Nerios Unauffälligkeit nahm er mit einer geringen Neigung des Kopfes entgegen. Neben ihm lächelte Valéria höflich, während das warme Licht der Strahler einen schmalen Goldsaum über die Fassung ihrer Brosche legte.

„Diskretion gehört zu seinem Beruf“, erwiderte Enric. „Ich erwarte, dass seine Arbeit sich in den Ergebnissen seiner Dienststelle bemerkbar macht.“

Er beließ es dabei.
Nerios Verwendung würde darüber entscheiden, ob er jemals an einer Sicherheitsbesprechung mit dem Gouverneur teilnahm, und Enric gedachte weder eine solche Begegnung anzuregen noch den Eindruck zu erwecken, er suche auf einer Gala nach einem kürzeren Dienstweg für seinen Sohn. Der Name eröffnete Möglichkeiten. Was ein Mann aus ihnen machte, musste irgendwann seine eigene Leistung sein und nicht auf den wackeligen Stelzen des Nepotismus fußen. Dass diese Überzeugung gegenüber dem jüngeren seiner Söhne erheblich strenger ausfiel als gegenüber manchem anderen Angehörigen ihres Standes, kam ihm auch jetzt nicht in den Sinn.

Als Gouverneur
T’rsop nach einer Krabbe und einer Süßigkeit griff und beides gemeinsam aß, ruhte Enrics Blick einen Augenblick auf der Platte. Dann kehrte er zum Gesicht seines Gegenübers zurück. Er hatte an genügend fremden Tafeln gesessen, um sich ein Urteil über die Gewohnheiten einer Spezies erst dann zu erlauben, wenn er ihre Bedeutung kannte. Allerdings bedurfte es einiger Selbstbeherrschung, den Zusammenhang zwischen dem klebrigen Bonbon und dem zarten Krabbenfleisch überhaupt erwägen zu wollen. Valéria schien das weniger zu beschäftigen. Ihre Aufmerksamkeit galt dem Pau’aner und Enric wusste, dass sie dessen Einbeziehung in das Gespräch registrierte. Sie schätzte es, wenn ein Mann die Frau neben einem Amtsträger für fähig hielt, mehr als die Einrichtung eines Salons zu beurteilen.

Er hörte die Ausführungen über Prefsbelt IV ohne Unterbrechung an. Hinter ihnen wurden Gläser auf einem Tablett abgestellt und irgendwo zwischen den Stehtischen erhob sich ein kurzes Lachen, das unter der hohen Decke weiterzutragen schien, als seinem Urheber bewusst sein mochte.
T’rsop sprach von Genesung, Vertrauen und Identität, von unterirdischen Verkehrswegen, Kulturangeboten und einer Werft. Für einen Moment klang er wie sein Sohn, der auch die befremdliche Eigenschaft hatte, seine Arbeit in medizinische Terminologien zu betten, als sei das alles ein großes Rollenspiel. Einer der vielen Gründe, wieso er mit ihm fremdelte. Enric ordnete die Vorhaben während des Zuhörens nach ihren Voraussetzungen. Für eine Bahn brauchte man vermessene Trassen, Energie, Werkstätten und Personal, dessen Zuverlässigkeit über die ordnungsgemäße Unterschrift auf einer Verpflichtungserklärung hinausging. Eine Werft verlangte gesicherte Zulieferungen und Jahre der Ausbildung. Wer demnach einen korrupten Apparat erneuern wollte, musste herausfinden, welche der verbliebenen Hände bereits beim nächsten günstigen Angebot wieder offenstanden. „Ambria hatte ebenfalls voller Männer gesessen, die nach ihrer Verhaftung plötzlich nur noch unbedeutende Gehilfen gewesen sein wollten.“
Damals waren es Liefermengen und Zahlungsnachweise gewesen, deren Abweichungen sich zunächst geringfügig ausgenommen hatten. Erst nebeneinandergelegt hatten sie gezeigt, wie viele Personen von demselben Mangel lebten. Die Verhaftungen waren der einfache Teil gewesen. Schwieriger war es gewesen, Ersatz zu finden, der am folgenden Morgen wusste, welche Transporte wohin mussten. Der Gouverneur erinnerte sich an übernächtigte Beamte, an versiegelte Lagertüren und an das Gesicht eines Zwischenhändlers, der bis zuletzt geglaubt hatte, seine Bekanntschaften würden mehr wiegen als die Beweise. Er hatte den Mann beinahe bewundert für die Ausdauer seines Irrtums.

„Sie übernehmen eine Welt, auf der öffentliche Gewalt zu lange privaten Interessen gedient hat“, sagte Gouverneur Kreeger schließlich. „Unter solchen Umständen ist Misstrauen eine vernünftige Gewohnheit. Die Bevölkerung wird einige Zeit benötigen, um sie wieder abzulegen.“

Seine Stimme blieb ruhig. Er hatte keinen Anlass, den neuen Gouverneur vor dessen eigener Antwort in die Rolle eines Schülers zu drängen.
T’rsop hatte an der Beseitigung Kerns mitgewirkt. Daraus ließ sich zumindest schließen, dass ihm die Schwierigkeiten seiner Welt vertrauter waren, als es die gefälligen Begriffe einer ersten Vorstellung erkennen ließen.

„Der Wiederaufbau von Red One dürfte Ihnen dabei helfen. Menschen erinnern sich recht genau daran, unter wessen Verantwortung ihre Häuser verfallen sind und wer sie wieder bewohnbar gemacht hat. Vorausgesetzt, zwischen der Ankündigung und dem fertigen Dach vergeht nicht so viel Zeit, dass beides miteinander verwechselt wird.“ Er hielt kurz inne, während sein Daumen über den kühlen Stiel des Glases glitt. „Bei Ihren Tunnelverbindungen würde mich vor allem interessieren, wie weit die personelle und wirtschaftliche Prüfung der beteiligten Unternehmen gediehen ist. Ein großes Bauvorhaben bietet den verbliebenen Nutznießern einer alten Verwaltung ausgezeichnete Möglichkeiten, unter neuen Namen wieder unentbehrlich zu werden. Sie kennen die Verfahren, die örtlichen Bedürfnisse und meist auch jene Beamten, denen die Prüfung ihrer Angebote zufällt.“

Das war eine Frage, die sich
Enric selbst gestellt hätte, lange bevor er den ersten öffentlichen Termin an einer Baustelle wahrnahm. Man konnte eine Familie enteignen und ihre wichtigsten Angehörigen verurteilen. Ihre Schwäger blieben, ihre Gläubiger, ihre früheren Angestellten; Männer, die sich während der Ermittlungen hilfreich gezeigt hatten und nun glaubten, ihre Hilfe müsse mit Aufträgen vergolten werden. Kerns Name mochte von den Türen verschwunden sein. Enric hätte wissen wollen, wer die Schlüssel aufbewahrte.

„Dass Sie die Werft fortführen, begrüße ich ausdrücklich“
, fuhr er fort. „Die gegenwärtige Lage verlangt, dass unsere Welten ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Wir haben lange genug erlebt, welchen Nutzen die Republik aus jeder Atempause zieht. Nun wird sich erweisen müssen, ob die Jahre des Friedens wenigstens auf unserer Seite gründlich genutzt wurden und ihre Kaderschmieden entsprechendes Führungsmaterial produziert haben.“

Er äußerte den Gedanken mit derselben Sachlichkeit, mit der er über die Finanzierung eines Depots gesprochen hätte. Während der Geltung des Vertrages hatte er dessen Bestimmungen öffentlich geachtet und seine Spielräume sorgfältig genutzt. Seine Überzeugung war davon unberührt geblieben. Der Anspruch des Galaktischen Imperiums hatte an einer Unterschrift keinen natürlichen Endpunkt gefunden. Auf den Karten waren Linien gezogen worden, und jenseits dieser Linien hatten andere Regierungen begonnen, den vorläufigen Zustand wie ein erworbenes Recht zu behandeln.
Enric hatte diese Gewöhnung stets für gefährlicher gehalten als manche offene Drohung.

Valéria strich mit dem Daumen über eine kleine Perle von Feuchtigkeit an ihrem Glas.

„Gemeinsame Vorhaben geben den Menschen auch Gelegenheit, wieder außerhalb ihrer alten Abhängigkeiten miteinander zu arbeiten“, bemerkte sie. „Bei Ihren kulturellen Einrichtungen dürfte viel davon abhängen, wem Sie vor Ort Verantwortung übertragen.“

Enric wandte den Kopf leicht zu ihr. Der Gedanke entsprach ihrer Erfahrung mit gesellschaftlichen Verpflichtungen, mit Förderern und jenen Familien, die ihre Anwesenheit bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung gern mit einem dauerhaften Anspruch auf Einfluss verwechselten. Er schätzte, dass sie ihn ohne Ausschmückung vorbrachte.

Als
T’rsop ihnen anschließend die Platte anbot, dankte Valéria und wählte eine einzelne Süßigkeit. Enric lehnte mit einer höflichen Bewegung der freien Hand ab. Das Gespräch hatte seine Aufmerksamkeit stärker gebunden, als irgendein Appetit es vermocht hätte, und beim Anblick der miteinander vermischten Speisen war dieser ohnehin gering geblieben. Stattdessen nahm er einen kleinen Schluck. Hinter dem Pau’aner zog ein Kellner zwischen zwei Gruppen hindurch, deren Mitglieder einander so zugewandt standen, dass niemand Platz machen zu müssen glaubte. Erst als einer der Gäste einen halben Schritt zurücktrat, konnte das Tablett passieren.

Bei Gouverneur
T’rsops Frage nach Byss ließ der Mann von Hosnian Prime das Glas wieder sinken. Die Geheimnisse. Natürlich.
Er empfand darüber keine Verärgerung. Das Interesse war nachvollziehbar, vielleicht sogar aufrichtiger als manches wohlvorbereitete Lob der wirtschaftlichen Entwicklung seiner Welt. Dennoch lag in dem Wort eine Leichtigkeit, die schlecht zu den Dingen passte, an die es ihn erinnerte. Es gab auf Byss Türen, deren Schließung Verwaltungsaufwand bedeutete, und andere, bei denen ein Gouverneur gut daran tat, die geltenden Anweisungen sehr genau zu kennen. Die Neugier eines Besuchers endete gewöhnlich dort, wo seine Reise endete. Enric blieb zurück, mit den Menschen, den Gebäuden und den Folgen dessen, was darin beschlossen worden war.

„Man gewöhnt sich daran, dass der Name des Planeten einem stets ein wenig vorauseilt“, antwortete er. „Byss trägt eine Geschichte, deren Bedeutung auch nach einem Wechsel des Regierungssitzes fortbesteht. Wer dort Verantwortung übernimmt, verwaltet zugleich die Hinterlassenschaften früherer Herrscher und die Erwartungen jener, die sich ihnen noch immer verbunden fühlen.“ Das Eis hinter T’rsop fing einen wandernden Lichtreflex auf. Für einen Augenblick erschien eine der tiefen Spalten darin beinahe schwarz. „Ich habe Byss unter Lord Menari gedient, während des Bruderkrieges und nach seiner Niederlage. Die Aufgaben haben sich in dieser Zeit erheblich verändert. Es gab Jahre, in denen die Entwicklung des Planeten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, und Monate, in denen es vor allem darum ging, seine Bevölkerung weiter zu versorgen.“

Er ließ die Worte stehen. Über Rationen und Blockade konnte er sprechen, ohne der Erinnerung an Allegious mehr Raum einzuräumen, als sie an diesem Stehtisch verdiente. Der Noghri war tot. Die sorgfältig begründeten Vorbehalte, die man unter seiner Herrschaft gegen
Enrics weitere Verwendung erhoben hatte, lagen noch immer in irgendwelchen Archiven. Es würde sich zeigen, wie rasch jene Männer ihre Einschätzungen überarbeiteten, die inzwischen unter einem neuen Hoheitszeichen dieselben Schreibtische besetzten.

„Die Nähe zum Sith-Orden gehört dabei zum Wesen meines Amtes. Ich halte sie für eine Verpflichtung von besonderem Gewicht. Unter Imperator Phollow und Lord Menari haben wir erlebt, was entschlossene Führung durch den Orden für die Streitkräfte und das Reich erreichen konnte. Darauf gründet sich meine Überzeugung, dass den Sith die maßgebliche Führung des Imperiums zukommt.“

Er sprach die Namen ohne Hast und ohne die Stimme zu senken.
Menaris Niederlage war ihm bekannt genug, sie machte die Jahre zuvor nicht ungeschehen. In Enrics Augen besaß Herrschaft Voraussetzungen, die weder durch die Zustimmung wechselnder Mehrheiten noch durch das bloße Dienstalter eines Beamten geschaffen wurden. Der Orden verfügte über Kräfte, Wissen und einen Anspruch, denen eine funktionierende Verwaltung Dauer verleihen konnte. Dass einzelne Sith diese Stellung durch ihre Rivalitäten gefährdeten, hatte er erlebt. Daraus erwuchs für ihn vor allem die Forderung, dass ihre Macht einer gemeinsamen imperialen Führung dienen musste.

„Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass dieser Führungsanspruch auf verlässlichen Grundlagen ruht. Auf Byss bedeutet das, Einrichtungen zu erhalten, Personal mit Bedacht auszuwählen und Vorhaben des Ordens auch dann zu ermöglichen, wenn ihre Voraussetzungen erheblich über das Gewöhnliche hinausgehen.“


Sein Blick blieb auf dem Gesicht des Pau’aners. Er erinnerte sich an eine ähnliche Neugier bei jungen Beamten, die erstmals von einer Verwendung auf Byss erfuhren, an ihre Fragen nach Palästen und abgeschirmten Anlagen und an die Ernüchterung, wenn man ihnen zunächst die Zuständigkeit für einen Versorgungsbezirk übertrug. Manche hatten darin eine Herabsetzung gesehen. Die besseren waren geblieben und hatten begriffen, weshalb ihr Auftrag wichtig war.

„Was die Geheimnisse betrifft“, ergänzte er, und nun zeigte sich ein schwacher Anflug trockener Belustigung, „so besteht ein durchaus erheblicher Teil meiner Verantwortung darin, dass sie Gegenstand interessierter Fragen bleiben.“

Valérias Mundwinkel bewegten sich kaum merklich. Enric kannte den Ausdruck; sie hatte schon oft erlebt, wie ein Gast sich nach dieser Antwort entscheiden musste, ob er weiterfragen wollte. Er selbst ließ dem Gedanken nur einen kurzen Augenblick, bevor er den Faden aufnahm, der ihn an T’rsops Ausführungen am meisten beschäftigte.

„Ihre Absicht, eine erkennbare prefsbeltische Identität innerhalb der imperialen Ordnung zu festigen, interessiert mich deshalb. Örtliche Verbundenheit kann einem Gouverneur viel Arbeit abnehmen. Unter Kern scheint sie jedoch zumindest teilweise an dessen Person und Gefolgschaft gebunden gewesen zu sein.“

Er stellte sein Glas auf dem Rand des benachbarten Stehtisches ab, sorgsam genug, dass kaum ein Laut zu hören war. In seiner Haltung lag weiterhin die unaufdringliche Förmlichkeit einer ersten Begegnung, doch seine Aufmerksamkeit hatte sich verdichtet.
T’rsop hatte von Kultur und einer genesenden Gesellschaft gesprochen. Enric wollte erfahren, welchen Platz der neue Gouverneur jenen Ansprüchen einräumte, die sich durch eine bessere Versorgung allein kaum befriedigen ließen.

„Prefsbelt IV beherbergt eine der bedeutendsten Flottenakademien des Imperiums. Generationen von Offizieren haben dort gelernt, ihren Dienst über persönliche Interessen zu stellen. Inwieweit wollen Sie diese Tradition für die imperiale Identität Ihrer Bevölkerung nutzbar machen?“

Dafürhalten über genügend Vorbilder verfügen, um Pflicht und Zugehörigkeit mit Leben zu füllen. Ihn interessierte, welchen Platz T’rsop diesen Männern und Frauen in seinen Vorhaben einräumte und ob zwischen den Lehrsälen der Akademie und den Straßen ihrer Heimatwelt jene Verbindung bestand, die Enric beinahe selbstverständlich vorausgesetzt hatte. Neben ihm rückte Valéria ein wenig näher, als hinter ihr mehrere Gäste vorbeigingen. Er bot ihr beiläufig seinen Arm, während sein Blick mit unveränderter Aufmerksamkeit auf dem Pau’aner ruhte.


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[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Irgendwo im Nirgendwo - Akolyth Vorn allein]

Der Weg zurück erwies sich als ereignislos. Der provisorische Helm aus Wookieepelz funktionierte in puncto Kälteschutz wie erwartet, doch geruchstechnisch war er eine Herausforderung. Keine Minute lang ließ er den Akolythen vergessen, was er da trug. Zusätzlich dazu sickerte die Kälte aber trotzdem in seinen Anzug, denn irgendwann versagten die Energiezellen des selbigen. Big Q hatte ihn derart hart in die Mangel genommen, dass sie immer wieder Sachen hatten kompensieren müssen und nun waren sie leer.

Als Vorn schließlich bei dem Lager ankam, war er froh in die nächstbeste beheizte Behausung stapfen zu können, die man inzwischen aufgebaut hatte. Manche Technologie oder kriegsentscheidender Kram durfte nicht allzu lange in Minusgraden stehen und das nutzte der Mensch nun aus.

Einzelne Imperiale versuchten ihn in Gespräche zu verwickeln, doch er ignorierte sie alle, bis er sich wieder aufgewärmt und vor allem seine Pelzmaske weggeworfen hatte. Zähne des Xeno hätte er vielleicht noch als Trophäe behalten, um sie bei Zeiten dem ursprünglichen Besitzer in die hässliche Fresse werfen zu können, doch die Haare waren den Aufwand nicht wert.

Noch während des Aufwärmens erschien schließlich ein gewisser
Captain Korff, der aktuell das Sagen hatte, weil Major Cestus nicht vor Ort war. Seine Worte. Vorn hatte sich keine Namen gemerkt. Der nichtssagende, regelrecht farblose Mann textete ihn zu, wobei er nur eine wirklich relevante Sache zu erzählen hatte. Der Akolyth würde für voraussichtlich ein bis zwei Tage lang nicht eingesetzt werden. In der Zeit durfte er sich ausruhen, stärken, die Wunden behandeln lassen und all der Scheiß. Das nahm Vorn doch gerne an. Er hatte sich noch immer nicht dazu durchringen können sein Auge zu überprüfen. Aus Erfahrung wusste er, dass es Verletzungen gab, die binnen weniger Stunden nur noch nervig, aber kein Problem mehr waren, während andere Monate der Schonung bedurften. Die Schmerzen waren vernachlässigbar, weshalb er nicht wusste, wo er damit gerade stand.

In der ebenfalls beheizten mobilen Krankenstation der örtlichen Einsatzgruppe klärte man ihn dann auf. Ein Mann, den man, falls man großzügig war, Arzt nennen konnte und dauerhaft von gleich zwei unterschiedlichen Droiden begleitet wurde, sah sich Vorn kurz an, besprach dann seine Diagnose zuerst in einer unverständlichen Sprache mit den Droiden und erklärte erst danach dem Akolythen, wie die Sache aussah. Wobei ihn der Rothäutige schon im ersten Satz darauf hinweisen musste, dass er selber kein Mediziner war und er doch „bitte“ in verständlichen Worten mit ihm sprechen sollte.

Technisch gesehen war das Auge in Ordnung. Überall sonst in der zivilisierten Welt hätte es mit ein wenig Unterstützung eines Arztes über Wochen oder Monate hinweg heilen können. Falls die nötige Ausrüstung und Medizin vorhanden war, sogar noch schneller. Doch sie waren am verschissenen Südpol und FAST nichts davon war hier umsetzbar. Es würde hier weiterhin Stress ausgesetzt sein. Zu viel Kälte, zu viel Wärme, durch Explosionen ausgelöster Druck, womöglich Schläge oder Projektile, all der ganze Scheiß, dem ein aktiver Kämpfer ausgesetzt war. Und obwohl Vorn wahrscheinlich auch dann wieder einen Helm tragen würde, konnte dieser nicht den systemeigenen Stress verhindern. Man würde ihn mit Medis „voll pumpen“ und somit versuchen so Sachen wie Infektionen und andere Schäden vorzubeugen, aber es gab immer die Gefahr, dass er das Auge vollständig verlieren würde, sollte er weiter in den Krieg ziehen. Unnötig zu erwähnen, dass alle Beteiligten eine vorzeitige Rückkehr in die Zivilisation ausschlossen. Dies war nicht seine erste Augenverletzung, es würde auch nicht seine letzte sein. Dennoch kam er nicht drum herum, vorerst einäugig kämpfen zu müssen.

Danach war der Tag im Grunde auch schon wieder vorbei. Das erkannte man freilich nicht am Stand des Sterns am Himmel, da es hier am Südpol ein halbes Jahr lang entweder ausschließlich Nacht oder Tag war und aktuell befanden sie sich eben in der Tagphase, wobei die allgegenwärtigen Aschewolken daraus eine Zwielichtphase machten. Rein vom Gefühl her war nun aber Nacht und dafür musste Vorn auch auf keinen Chronometer schauen.

Seine eigene Aurora zu reparieren lag fern seiner Fähigkeiten, weshalb er diese für eben diese notdürftige Reparatur abgab und sich stattdessen in eine militärische Winteruniform quetschte. Darauf folgte eine längere Tiefschlaftrance, die leider nichts bei seinem Auge hatte ausrichten können und dann eine deftige Mahlzeit. Obwohl er noch nicht persönlich hatte mit
Aster reden können, schien er den "Bericht" von ihm erhalten zu haben, denn plötzlich bekam der Akolyth kommentarlos sehr viel besseres Essen. Es kam derart aus dem Nichts, dass er sogar einen Augenblick lang einfach nur so dagestanden hatte, als konnte er nicht fassen, was er da gerade in den Händen hielt.

Abschließend folgte eine Periode der Vorbereitung. Big Qs Laserschwert wurde untersucht und für ausreichend befunden, der Ausrüstungsgürtel für die Aurora neu bestückt und diesmal informierte sich Vorn sogar darüber, wie er in dieser oder jenen Situation reagieren musste, falls mal wieder Sache X oder Y ausfiel bzw. zerstört wurde.

Er tat das auch noch, als jemand in den Wohncontainer trat, den er seit seiner Rückkehr kaum verlassen hatte. Grübelnd über eine Datapad hockend, dessen Inhalt er mehrmals lesen musste, um auch nur hoffen zu können die Hälfte davon verstehen zu können, wusste er nicht, wer da eingetreten war. Als die Tür dann aber gewaltsam geschlossen wurde, drehte er sich doch um, die Hand bereits reflexhaft an seinem Laserschwert. Es war ein Aquatrooper. Mit irgendeinem Rang, den der Rothäutige tatsächlich kurzzeitig in seinem Gedächtnis ausgraben wollte, nur um sich daran zu erinnern, wie scheißegal ihm das alles war.

Der Typ grüßte militärisch kurz angebunden und bekam eine entsprechende „Antwort“, die nur aus einem Nicken bestand, für welches man aber auch selber und Vorn im richtigen Licht stehen musste, um es überhaupt sehen zu können. Er stellte sich als
Sergeant So-und-so vor, der die Garde von Aster kommandierte und er erzählte irgendetwas von ihrer gemeinsamen Zeit hier und da. Sicher, klar, konnte schon sein. Oder auch nicht. Er endete mit einem Fingerzeig auf Vorns bedecktes Auge.

Der Akolyth dachte noch darüber nach, ob er überhaupt darauf eingehen sollte, da stellte der Mann plötzlich einen Aurorahelm auf einen der Tische. Obwohl Vorn nicht wusste, wem er gehörte, sah man, dass es nicht sein eigener war. Er war quasi brandneu.

Und da der
Kommandant der Garde danach Aster erwähnte, war Vorns Auge endgültig nicht mehr Thema ihrer Konversation. So mochte der Hüne das. Wenn sich Belanglosigkeiten von selbst in Luft auflösten. Statt die Nachricht mit eigenen Worten wiederzugeben, zückte der Imperiale einen kleinen Holoprojektor und spielte die Nachricht von Aster ab. Schon in der ersten Sekunde wurde er dadurch daran erinnert, wie weibisch sch***htelig sein Meister aussah, wenn er nicht gerade als Sith auftrat. Dann konnte er furchterregend sein, doch leider spielte er fast immer die Rolle des Politikers.

Neben den Glückwünschen, die er sich mit Anlauf in seinen Arsch schieben konnte, sprach er von Vorns Bericht bezüglich des Duells. Eine merkwürdige Wortwahl, da besagter Bericht so ziemlich genau seinem Kenntnisstand der Schrift und Sprache entsprach. Er selbst hätte daraus nicht viel heraushören können. Womit für ihn mal wieder klar war, dass der Gouverneur nur wieder viel sprach, ohne etwas von Gehalt auszudrücken. Die Ernennung zu seinem Schüler änderte auch nichts daran. Auch das und die Geheimnisse der Sith konnte er sich hinten rein schieben. Vorn war nur froh, dass dies eine Aufzeichnung war und er nicht reagieren, ja, sogar hinknien musste. Die Nachricht endete mit einer Bestätigung, da der Mensch nun wusste, wieso er besseres Essen bekommen hatte und dann schließlich die Erwähnung der Waffenkammer. Er solle sich doch voll ausrüsten, um dann beim Sturm auf die Rebellenhauptstadt teilnehmen zu können.

„Zuerst die Aurora.“ antwortete Vorn und sprach damit zum ersten Mal, seit der Sergeant den Container betreten hatte. Er zog sich seinen Wintermantel an, packte den Helm mit einer Linken und verließ dann mit dem Offizier die Behausung. Besagte Waffenkammer lag gleich direkt neben der Werkstatt, in der man in den letzten knapp zwei Tagen versucht hatte den Aurora Kampfanzug zu reparieren.

Das Ergebnis war ernüchternd. Da das Material bzw. die Einzelteile, aus denen die Rüstung gefertigt worden waren, kein imperialer Militärstandard waren, hatten sie nicht einfach kaputte durch neue Teile ersetzen können. Stattdessen hatten sie völlig unbrauchbare Platten entfernt und durch was auch immer ersetzt und noch halbwegs funktionale Teile aufpoliert. Schlussendlich hatte man für die Brust dann schlicht und einfach eine Platte davor gepackt, deren Gewicht nur deshalb kein Problem war, weil der Anzug sie trug. Man riet Vorn davon ab auch weiterhin so rücksichtslos in jede Geschützstellung zu laufen und den Schild seiner Einheit zu spielen, aber grundsätzlich konnte er immer noch viel mehr aushalten, als der gewöhnliche Soldat. Dennoch galt nun das, was immer galt, reparierte man etwas. Seine Rüstung besaß nun sehr viel mehr Schwachstellen. Und um dem die Krone aufzusetzen, hatte man sie natürlich gesäubert, sodass sie nun wieder weiß war. Was eine Schande!

„Also? Was erwartet uns?“ fragte Vorn schließlich den Offizier, jede Form von Protokoll bezüglich ihres Rangunterschiedes ignorierend. Obwohl er sich die Antwort denken konnte, wollte er sie trotzdem hören, bevor er sich in die Waffenkammer begab. Auf gut Glück irgendetwas mitzunehmen...

[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Imperiales Basislager - Vor der Waffenkammer - Akolyth Vorn und Command Sergeant Rayk Sperber, weitere Soldaten in der Nähe ]
 
[Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich] - mit Gouverneur Dr. T'rsop, Gouverneur Enric Kreeger, Valeria Kreeger und vielen weiteren

Gouverneur T'rsop merkte sehr schnell, dass Gouverneur Enric Kreeger ein höchst intelligenter Mann war - sodass er immens in seiner Achtung aufstieg. Auch wenn der Pau'aner etwas bedauerte, dass Enric so absolut sachlich war und scheinbar keinen Hang zur Ästhetik von Sprachspielen, Metaphern und Hyperbeln. Das nahm der Sache leider die potentielle Süßfrucht von der Riesentorte weg. Aber immerhin blieb das Gespräch eine für T'rsop eine Torte, an welcher er sich ergötzte.

Er hörte sich daher die ersten Ausführungen seines Gegenübers über die aktuell angespannte Lage Prefsbelt IV in Ruhe an. Der Gouverneur von Byss hatte die Lage richtig erfasst. Es würde noch lange Zeit und gründlicher Arbeit des Geheimdienstes, der Propaganda und der Verwaltung bedürfen, bis die letzten Wurzeln von
Roberts System der Korruption beseitigt wären. Und vermutlich eine ganze Generation, wenn es schlecht lief zwei, um die Gräben und Krisen der Gesellschaft durch jenes System zu heilen.
Eine Aufgabe, wie geschaffen für einen sehr langlebigen Pau'aner.

Als
Enric schließlich bei der Prüfung von Personen, Strukturen und Unternehmen für den Tunnelbau angelangt war, nutzte T'rsop die angedeutete Frage, um wieder aktiv in das Gespräch einzusteigen:

"Wie Sie richtig erkannt haben, wirkt die Vergiftung durch Korruption noch lange nach und geht tiefer als die meisten Normalwesen annehmen würden. Leider ist die totale Niederlage von Kerns Regime erst einen Augenblick her. Von daher arbeiten der Geheimdienst, die Sicherheitsdienste und auf meine Empfehlung hin auch Psychologen-Teams auf Hochtouren genau daran, diese Strukturen zu entdecken und wenn möglich zu heilen oder auszumerzen."

Der Gelehrte hielt kurz inne. Seine Gedanken glitten weiter zu der praktischen Seite und den Folgen der Andeutungen des Menschen. Es wäre töricht gewesen, anzunehmen, eine komplette Säuberung der Strukturen und Durchleuchtung der Personen wäre möglich, ohne die Arbeit monatelang oder gar länger liegen zu lassen.
Sich voll auf diesen Gedanken konzentrierend nahm er eine weitere kleine Krabbe zwischen zwei seiner Finger und hielt sie vor seine Augen. Zeitgleich fuhr er fort und betrachtete dabei die Feinheiten dieses Meerestieres.


"So ärgerlich es vielleicht sein mag - so notwendig ist es jedoch, behutsam und weise mit den Kollaborateuren Kerns und dessen Strukturen umzugehen. Denn, wenn ich ehrlich bin: Kern war in seiner Narretei so gründlich, dass wir tatsächlich noch für einen gewissen Normalbetrieb nicht verhindern können, Personen und Unternehmen anzuheuern, die mehr oder weniger mit Kern mitkochten.
Denn: Wir würden Wut und Verzweiflung säen und wahrscheinlich Rebellion zeugen, wenn wir alle direkt und mit äußerster Härte diese direkt der Gerechtigkeit überführen würden."


Zur Unterstützung seiner letzten Aussage zerquetschte T'rsop die Krabbe zwischen seinen Fingern. Und hätte sich danach am liebsten selbst geohrfeigt; so passend und geistreich diese Visualisierung zu dem Thema auch war - so krass kam sie selbst ihm vor. Kommentarlos - was für ihn die Vorstufe einer Entschuldigung war, wenn er andere für eine echte Entschuldigung noch nicht genug kannte - aß er die Delikatesse, zauberte aus einer seiner Taschen ein Taschentuch und ließ die Beweise seiner Entgleisung durch Handabtrocknen verschwinden, während er fortfuhr:

"Daher werde ich aus der Not eine Tugend machen und mit dem arbeiten, was da ist. Und seien es Überreste von Kerns Bestie. Die natürlich von zuverlässigen Experten streng überwacht und analysiert werden - und die genaueren Arbeiten an wichtigen Schnittstellen werden selbstverständlich nur Personen übernehmen, die das ISB als loyal einstuft.
Und den meisten Anhängern Kerns ging es ja um Vorteile und Geld - solange sie ihr Leben einigermaßen gut weiterbestreiten können und sich überwacht wissen, sollte von ihnen keine Gefahr ausgehen. Und falls doch"
, der Gouverneur von Prefsbelt IV seufzte leise mitfühlend, als ihm seine einzig logische Schlussfolgerung aufging, "werden Exempel die Übrigen eines Besseren belehren. Auch wenn diese natürlich impliziter und nicht so archaisch-brutal sein werden wie die des Unrechtherrschers Kern."

Froh, an einer öffentlichen Rüge vorbeigekommen zu sein, bemerkte T'rsop, dass Enric direkt im Thema weiterging und die Werftarbeiten ansprach. Sollte der Pau'aner nicht über zehn Ecken mitbekommen, dass der Mensch hinter seinem Rücken seine Darstellung doch übel nahm, würde er diese Reaktion hoch anrechnen und entsprechend im sehr Guten mit seinem Kollegen verbleiben.
"Also zumindest für Prefsbelt IV kann ich sprechen, dass wir unsere Absolventen so gut es geht vorbereitet haben - und nun die Verantwortung der Ausbildung von Militärs und bald des Baus von Kampfschiffen noch erhöht werden wird. Und wenn Krieg eines kann und wird, ist es die Schwächen eines Verwaltungssystems bloßzustellen - zu sehr großen Ungunsten der betroffenen Partei. Mögen wir viele exzellente und intelligente Verwalter im Imperium haben."

Dann folgte ein angenehm überraschender Themensprung durch Enrics Frau Valeria hin zu den positiven Wirkungen gemeinsamer Projekte und der Kultur. T'rsop freute sich, zwei intelligente Gesprächspartner vor sich zu haben - und in der Einschätzung dieser Recht gehabt zu haben.
Er lächelte die erste Dame von Byss freundlich an, ohne seine spitzen Zähne zu zeigen.

"Ja! Und sie lenken mögliche negative Gedanken und Strömungen hin zu etwas Produktivem. Und wenn das Ergebnis erfreut, versiegen jene Strömungen.
Und ebenfalls stimme ich Ihnen vollherzig zu, dass die Kultur vermutlich unsere höchste Aufgabe in der Verwaltung ist, sie zu pflegen und gedeihen zu lassen. Und dafür braucht es Personen mit dem richtigen Herz und dem passenden Verstand - darauf werde ich persönlich achten.
Wissen Sie, ich habe seit fast einem Jahrhundert geforscht, gelehrt und Kontakte in die Welt der Wissenschaft und Künste geknüpft. Vielleicht sagen Ihnen ja Prof. Dr. Jarus Hoth von Bastion oder Dr. Dr. Phil Stein von Corulag etwas? Oder zeitaktueller Dr. Dr. Ben La'rus von Fondor, einer der führenden Gesellschaftswissentschaftler zur Zeit, sowie der begnadete Theaterstückschreiber und -inszenator Tilmon Luzas (der ja auch auf der hiesigen Gala eines seiner Stücke präsentiert)?
Aber wie auch immer, zurück zum Eigentlichen: Wenn wir in der Pflege der Kultur versagen, versagen wir in unserer Aufgabe als Verwalter.
Wenn Sie noch externe Experten in den Gebieten Gesellschaftsanalyse, Musik, Kunst, etc. kennen, die gerade Kapazitäten frei haben, lassen Sie es mich gerne wissen."


Kurz darauf wurde der Pau'aner erneut ehrlich erfreut, als zumindest die Menschenfrau etwas von seiner Platte nahm. Gemeinsam aß es sich doch stets angenehmer.
Diese so entstehende Pause nutzte
Enric, um auf T'rsops nächste Frage einzugehen. Präzise beschrieb dieser die doppelte Verantwortung von praktischer planetarer Verwaltung und der Verwaltung der reichen Historie und der externen Erwartungen an den Planeten und die Gesellschaft von Byss.

Der Pau'aner bemerkte, wie geschickt es der Mann verstand, das Wesentliche zu sagen, ohne in Gefahr zu geraten, bei der problematischen Thematik des Bruderkrieges Debatten anzustoßen oder auf Minen zu treten. Und war sich gewiss, dass er selbst das nicht aus dem Stehgreif könnte. Vielleicht, wenn er ebenfalls schon jahrelang Gouverneur von Byss gewesen wäre. Aber auch er war ja nicht dumm und verblendet und wusste, dass seine Art und Persönlichkeit bei einem Planeten, der so von Ränken, Erwartungen und politischer Macht durchströmt war, ihn vermutlich eine schnelle Strafversetzung bis hin zur Exekution gebracht hätte.
Zentren der politischen Macht wollte er meiden - am Rande dieser konnte er wesentlich besser, entspannter und auch ungehinderter arbeiten und forschen.

Als sein Gegenüber schließlich den legendären und berüchtigten Orden der Sith erwähnte - der durch die Macht Wunder wirken konnte und vielleicht sogar das Sein selbst beeinflussen -, gestattete sich der Gouverneur von Prefsbelt IV, einen Teil seiner Faszination in seinem Gesicht zu spiegeln. Nicht alles - das wäre vielleicht aufdringlich gewesen. Und doch genug, dass seine beiden Gesprächspartner es bemerken und einordnen können würden.
Denn, wie
T'rsop überzeugt war, konnte man auch bei diesem kraftraubenden politischen Tanz nur wirklich gut miteinander- und zusammenarbeiten, wenn man nicht nur Stärken und Schwächen, sondern auch die Charakterzüge der anderen kannte. Ohne also eine gewisse Angriffsfläche durch Selbstoffenbarung zu geben, würde er nicht arbeiten. Das Risiko ging er gerne ein.
Als
Enric nun bei den Geheimnissen zeigte, dass er auch zu etwas Humor in der Lage war, musste der Pau'aner schmunzeln und konnte für einen kurzen Augenblick dabei auch nicht seine Zähne verbergen.

"Dann wünsche ich Ihnen als Verwalter des Planeten und Hüter der Geheimnisse von Byss weiterhin so scharfe Gedanken und die entsprechende Weisheit zur guten Ausübung Ihres Amtes. Und sollte es sich mal ergeben, dass ein Geheimnis erforscht oder gar gelüftet werden soll, lassen Sie es mich wissen. Ich bin mir sicher, eine Hilfe sein zu können - und gestehe, dass ich auch neugierig bin", erwiderte T'rsop halb ernst und halb mit Augenzwinkern.

Dann wurde ihr Gespräch durch den Gouverneur von Byss noch einmal auf die Wirkungsstätte des Gelehrten zurückgelenkt.

"Ihre Absicht, eine erkennbare prefsbeltische Identität innerhalb der imperialen Ordnung zu festigen, interessiert mich deshalb. Örtliche Verbundenheit kann einem Gouverneur viel Arbeit abnehmen. Unter Kern scheint sie jedoch zumindest teilweise an dessen Person und Gefolgschaft gebunden gewesen zu sein. Prefsbelt IV beherbergt eine der bedeutendsten Flottenakademien des Imperiums. Generationen von Offizieren haben dort gelernt, ihren Dienst über persönliche Interessen zu stellen. Inwieweit wollen Sie diese Tradition für die imperiale Identität Ihrer Bevölkerung nutzbar machen?", griff der Mensch einen der Fäden des vorangegangenen Gesprächs wieder auf.

T'rsop gönnte sich wieder einen Moment, die Frage in seinem Geist von mehreren Seiten zu betrachten: Die Wechselwirkung von Patriotismus und Personenkult, die Gefahren beider. Arbeit und eigentliches Ziel von Gouverneuren des Galaktischen Imperiums - von Seiten des Imperiums selbst, aber auch aus der Perspektive des Bedeutsamen und Notwendigen. Militär, Gesellschaft und Balance. Chancen und der Sinn von Prefsbelt IV...
Bevor er zur Antwort ansetzte, aß er den Rest seiner Snacks auf und nutzte das Kauen zum inneren Vorformulieren.


"Personenkult ist eine wirkmächtige Form der Einheit und Kontrolle - und gleichzeitig die gefährlichste und giftigste. Eine einzelne Person - und sei sie noch so begabt und schlau - ist fehlbar und hat die Gefahr, durch Selbstverherrlichung blind zu werden. Und damit die Gesellschaft einzuschläfern oder in den Abgrund zu führen.
Patriotismus ist da schon eine gute Weiterentwicklung. Nicht mehr eine Person, sondern ein Staat/ein Reich sind Zentrum und Antrieb des Einzelnen. Aber auch das kann nur ein Zwischenschritt sein - denn hinter einem Staat steht ja eine Idee. Ein Ideal. Eine, wie unser Kollege Solaris so stark machte, Ordnung..."


Der Gelehrte wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. Er selbst ging nicht davon aus, dass das Galaktische Imperium per se dieses Ideal umfassend genug verkörperte oder bringen konnte - schon gar nicht mit der Neuen Republik auf der Gegenseite und in einem heißen Krieg - aber es war eine Möglichkeit für Besseres. Und stabiler dazu geeignet als der langsame Apparat der Republik. Aber er wollte keinesfalls die Zweifel säen, er sei nicht loyal. Das würde seine Arbeit und seine Vision definitiv unnötig behindern.

"Und diese Ordnung durch das Imperium - das sollte der eigentliche Antrieb und das eigentliche Herz eines jeden Individuums sein. Geeint und verbunden durch dieses Ziel wirken die Mikrowesen von Gesellschaften hin in das Makrowesen der Galaxis selbst - und werden so bedeutend. Was wiederum jedem und jeder einzelnen zugute kommen wird.
Aber das ist das finale Ziel. Bis dahin haben wir noch viele Schritte zu gehen. Und auf Prefsbelt bedeutet das, erst einmal diese starke Zentrierung und Verbindung zu Kern zu kappen - was mit dessen Tod schon gut begonnen hat und weiterer, filigranerer Arbeit bedarf.
Wenn die Bevölkerung dann wieder geeint ist und die Gesellschaft frei von Krankheiten und Spaltungen ist - was meiner Einsicht nach erstmal nur durch die Kultur geht und dadurch bestärkt wird, wenn Individualismus in Form von planetarer Identität gebündelt und begrenzt in das Ganze der Ordnung und des Wesens des Imperiums integriert wird - dann können wir die nächsten Stufen der Evolution der Gesellschaft nehmen."


Faszinierende Gedanken, die dem Gouverneur von Prefsbelt IV wieder zeigten, was für Chancen sich ihm in seinem neuen Amt boten. Und ihm wieder zeigten, dass Realpolitik und Ideale Hand in Hand gehen mussten. Was ihn, nach einer weiteren Denkpause zu dem letzten Fokus Enrics führte:

"In dem Miteinander - oder besser dem von mir tatsächlich unterstützten momentanen Nebeneinander - von Militärwesen und Zivilgesellschaft sprechen Sie einen Punkt an, den ich sehr hin- und hergerissen sehe. Das, was uns das Militär alle lehren kann, ist Treue und Loyalität - diese braucht jede Gesellschaft zum Überleben und Gesundsein. Diese versuchen wir schon seit langem, auch in der Zivilgesellschaft zu verankern. Der Idiot Kern hat diese Bemühungen seiner Vorgänger aber um Jahre, oder Jahrzehnte zurückgeworfen", in den letzten Sätzen kochte die Wut T'rsops über so ein gedankenloses Verhalten hoch und schlich sich in seine Stimme, die kurz polternd wurde - was er sich gönnte - bevor er sich wieder fing und sachlicher fortfuhr, "Und auf der anderen Seite ist das Militär ziemlich... schlicht in der Kultur und den schönen Künsten. Was mir einleuchtet, da diese ja nicht den Sieg auf dem Schlachtfeld des Krieges bringen. Und doch umso wichtiger auf dem Feld der Gesellschaft sind. Das müssen wir irgendwie aufgeweicht bekommen - durch gemeinsam zivil-militärische Kulturveranstaltungen und Berichten zum Leben und zum Sinn desselben von beiden Seiten. Eine einseitige rein militärisch-hierarchische Durchdringung der Gesellschaft würde das Schöne und das Nicht-Zweckgebundene zu sehr verdrängen - was langfristig Verrohung und Rebellion in die Herzen setzen wird. Monotonie und falsch angewandte und aufgezwungene Ordnung sind nicht gesund.
Da habe ich allerdings, wie ich gestehen muss, noch nicht die direkte Lösung für gefunden. Und bin daher sehr zurückhaltend, die beiden Bereiche weiter miteinander zu verbinden.
Was natürlich da ist und weiter gefördert wird, ist das Selbstverständnis, auch der normalen Bevölkerung, dass wir ein Planet exzellenter militärischer Ausbildung sind. Und darauf sind die allermeisten stolz und wollen weiterhin dieses Prestige haben und sind daher offen gegenüber dem Militär und interessieren sich für seine Werte. Hier ist die natürliche Brücke, Loyalität und Disziplin aus der einen in die andere Welt in gesunder und nicht überfordernder Weise einzuführen. Überfluten will ich sie aber nicht."


Eine längere Pause entstand, in der T'rsop erst die Eiswände betrachtete und dann seinen nun leeren Teller. Er nahm die Muster im Eis und die verspielten Linien auf dem Teller fast in der gleichen Farbe sehr genau wahr - war mit seinen Gedanken aber immer noch bei dem Thema seiner Aufgaben für den ihm anvertrauten Planeten. Und kam darüber in die Selbstreflexion. Die nötigen Kenntnisse für die Politik und Gesellschaft - zusammen mit den selbstgegebenen und ihm so unnötig erscheinenden Regeln des Spiels. Bis er schließlich trocken schluckte und wieder seine beiden Gesprächspartner ansah. Es war eine riskante Strategie, die sich ihm nun anschmiegte zur politischen Bündnisanbahnung, da sie zu viel Ehrlichkeit mit einstreute. Aber er war dieses Herumtänzeln leid. Die Bedenken über Bord werfend schließlich sagte er mit gesenkter Stimme:

"Sie sind beide intelligent und fähig genug, dass Sie, was ich Ihnen jetzt sage, eh schon erkannt haben. Wenn ich geschickt genug war, ist es Ihnen nur unterbewusst aufgefallen und fällt Ihnen jetzt wie Schuppen von den Augen. Ich bin ein exzellenter Denker, Philosoph und Analyst.
Aber kein exzellenter Politiker der praktischen Politik. Ich habe noch nicht so ein politisches Netzwerk wie mein Vorgänger, der gute Theranos.
Sie scheinen mir - und ich sage das nicht, um zu schleimen, denn was brächte mir die Unterstützung von Menschen, die ich für unfähig hielte? - Meister der Politik zu sein und schon etliche Stürme gemeistert zu haben."


Er blickte Enric und Valeria noch einmal jeweils direkt in die Augen und trat noch ein Stück näher an sie heran, wobei er sein Gesicht überzeugend für jeden Außenstehenden Lockerheit und Trivialität von Unterhaltung spiegeln ließ. Eine Lockerheit, die dem Ernst und der Bedeutung seiner folgenden Sätze fast Hohn spottete, die aber notwendig war, um ungewollte Aufmerksamkeit von Außen im Keim zu ersticken.
"Und denke daher, dass wir gegenseitig von immensen Nutzen sein könnten. Es wäre mir eine Feier, wenn wir das Netz guter und zielgerichteter Verwaltung und Politik für das Imperium gemeinsam fester und engmaschiger stricken könnten."

Nicht die eleganteste und schon gar nicht die angemessenste Form, sein Anliegen zu präsentieren. Das war T'rsop bewusst. Aber es war die Form, die ihm passend erschien. Länger Smalltalk und Philosophie - so liebreizend sie auch war - vor seinem durch sein Amt gesetzten Ziel der Vernetzung hätte er nicht ausgehalten.
Mal sehen, ob seine Darstellung seiner wirklichen Stärken und Schwächen gepaart mit seiner Präsentation, ob die Mischung aus Ehrlichkeit und gezieltes Timing ihm helfen oder die Entwicklung der letzten Monate einreißen würde.

Gespannt in seinen Augen und locker in seiner Mimik und Körperhaltung betrachtete er den Gouverneur von Byss und seine Frau und wartete teils neugierig, teils nervös und teils schicksalsergeben auf ihre Reaktion.


[Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich] - mit Gouverneur Dr. T'rsop, Gouverneur Enric Kreeger, Valeria Kreeger und vielen weiteren
 
[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Eisige Weiten / Basislager ] Rayk und Vorn

Rayk warf Meri unter seinem Helm einen Seitenblick zu, als dieser sich - verfrüht! - danach erkundigte, was sie denn nun erwartete. Er verstand die Frage natürlich, aber hatte er nicht erst vor wenigen Minuten erklärt, dass sie das später erörtern würden?! Auch ein vermeintlich sicheres Militärlager war kein Ort, um die Details einer immanenten Geheimoperation breitzutreten!

Rayk hatte sich auch durch die für ihn absolut irrelevante Neuanpassung von Meris Aurorarüstung bequemt, bei der mehr als ein Ersatzteil von einer der abgetrennten Gliedmaßen des Wookiee-Verräters stammte. Also konnte der Prozentmensch sich auch noch ein bisschen gedulden.

Typisch übrigens, dass der wandelnde Bettvorleger seinen Herr und Meister verraten hatte und dass der Mischling mit wenigstens einem bisschen Menschenblut in den Venen noch hier war…

Aber das war ja abseits des eigentlichen Themas.

Nachdem Rayk eine angemessen lange Zeit geschwiegen hatte, um seine Antwort genau zu überdenken, antwortete er:
“Bereiten Sie sich auf ein Gefecht in Tunneln vor, mit einer Gruppe freundlicher Soldaten in Ihrem Rücken. Mehr Informationen - wie bereits gesagt - gleich.”

Mehr bekam Meri nicht aus ihm heraus. Während des Gangs zur Waffenkammer verhielt Rayk sich genau so still wie während der Rüstungsanpassung und als der Sith endlich zufrieden war, führte er ihn als nächstes zu einem der größeren Container am Landefeld. Hier wartete der Rest von Rayks Aquatrooperzug bereits auf ihn, ebenso wie ein weiterer Zug des Skybridge Bataillons, der sie bei dieser Mission unterstützen würde.

Es war eine eindrucksvolle Versammlung imperialer Macht, die nur durch die Anwesenheit des Schnüfflers geschmälert wurde. Agent Yazhu, Gouverneur Solaris’ persönliches Haustier von ISB-Agent, trug wie immer eine schwarze Uniform mit einzelner roten Rangplakette auf der Brust. Dazu kam ein durchsichtiger Helm über dem Kopf, der den Arconier davon abhielt, von der salzigen Meerluft high zu werden. Einfach armselig.

Hatte es keinen Menschen für diese Position gegeben?! Seine Vorgängerin war eine gewesen, aber das Imperium ging ja mittlerweile echt vor die Hunde…

Immerhin trug Rayk einen Helm, also konnte er so missmutig dreinblicken wie er wollte, während er erst Meri einen Platz neben sich in der vordersten Reihe zuwies und sich dann selbst niederließ. Ein Blick auf sein Chrono sagte ihm, dass sie es genau pünktlich geschafft hatten und sein Blick durch den Raum, dass sie vollzählig waren.

Agent Yazhu schien zum selben Schluss gekommen zu sein, denn in diesem Mann erhob das pinkäugige Alien seine Stimme:
“Guten Tag, unsere Damen und Herren. Für die, die uns noch nicht kennen: Unser Name ist Agent Xie Yazhu, geheimdienstlicher Berater des Gouverneurs. ISB.”

Jaja, bla bla. Rayk justierte unruhig seine Position auf dem Stuhl. Dass der Salzsuchti sich zu wichtig nahm, war klar. Alle relevanten Personen wussten, wer er war und der Rest konnte einfach der Masse folgen!

“Sie alle sind heute hier, weil Ihnen eine spezielle Mission zugedacht wurde, basierend auf Informationen, die unser Büro in den letzten Tagen unter hohen persönlichen Opfern zu Tage fördern konnte. Eine Mission, die das Potential hat, den Krieg gegen Port Ryloth zu einem raschen Ende zu führen.”

Was ein Schwätzer. Rayk verschränkte die Arme vor der Brust.

“Bislang haben wir angenommen, dass alle Zugänge zur Stadt entweder während des orbitalen Bombardements versiegelt wurden, oder nun schwer verteidigt werden. Zur Zeit bereiteten sich die Planetaren Sicherheitskräfte also auf einen Frontalangriff vor, da Gouverneur Solaris es abgelehnt hat die Stadt inklusive sämtlicher Bewohner zu vernichten.” Der Arconier machte eine Kunstpause, die eine Vene an Rayks Stirn sichtbar hervortreten ließ. Sofern er keinen Helm aufgehabt hätte, natürlich. “Dem ist nicht so. Wir haben einen weiteren Zugang gefunden, der dem Feind selbst unbekannt scheint. Es handelt sich dabei um einen Riss im Eis, der vermutlich selbst von dem orbitalen Bombardement erschaffen worden ist und von unten, vom Meer aus, ins Herz der Stadt führt. Die Entdeckung ist äußerst brisant und zeitsensitiv, weswegen das Gouverneurbüro erst vor etwa einer Stunde die Genehmigung erteilt hat, die Mission so schnell wie möglich in Angriff zu nehmen.”

So. Das war auch, wie viel Rayk schon wusste. Nun wurde es wirklich interessant. Yazhu betätigte eine Taste auf dem Holotisch neben ihm und ein mehr als grobes Diagramm von Port Ryloth baute sich darüber auf.

“Ihre Mission wird es sein, den geheimen Zugang zu nutzen, um in die Stadt vorzudringen. Von dort aus ist ihr Primärziel das Erdwärmekraftwerk, von dem aus Port Ryloth mit Energie und Hitze versorgt wird. Der größte Teil der Stadt besteht aus Eis, weswegen ihre Temperatur dauerhaft einige Grad unter dem Gefrierpunkt gehalten wird.” Bedeutungsschwanger schaute der Agent in die Runde. “Nachdem Sie also das Kraftwerk eingenommen haben, werden Sie von dort aus im wahrsten Sinne des Wortes die Temperatur hochdrehen. Jeder einzelne unserer Feinde wird die Wahl haben sich zu ergeben, oder dabei zuzusehen, wie die Stadt langsam taut und damit beginnt, in sich zusammenzufallen. Kapitulation, oder der sichere Tod. Anders als bei einem Bombardement gibt es hier Abstufungen und Nuancen, auf die Gouverneur Solaris seine Hoffnungen setzt.”

Die anwesenden Soldaten waren professionell genug, bei diesen Worten nicht in Gemurmel zu verfallen, aber Rayk bemerkte die sich durch die Reihen fressende Frage dennoch. Den wenigsten schien das offensichtliche Problem des Plans entgangen zu sein. Auch er fragte sich unwillkürlich, ob dem Xeno nicht doch ein bisschen Meerluft in sein autarkes System gekommen war.

“Ihre Position sollte von der schmelzenden Stadt nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Kraftwerk ist aufgrund seiner Natur eine der wenigen Örtlichkeiten, die nicht aus Eis gebaut wurden. Dazu gibt es für ganz ähnliche Notfälle Abflüsse, die direkt ins Meer münden. Sie werden also weder zerschmettert werden, noch unter Wasser kommen. Auch wenn viele von Ihnen mit dem letzteren kein Problem haben sollten.”

Das Alien erlaubte sich ein Schmunzeln.

“Ihre Aufgabe ist also denkbar simpel: Nehmen Sie das Kraftwerk ein, drehen Sie die Temperatur hoch, legen dem Feind über eine allgemeine Durchsage die Situation dar und halten Sie das Kraftwerk, bis man keine andere Wahl hat, als sich zu fügen. In der Umsetzung ist dies natürlich äußerst Anspruchsvoll, weswegen Gouverneur Solaris entschieden hat, seine besten Kräfte für diese Mission abzustellen.”

Langsam nickte Rayk. Er sah die Vision, auch wenn ihm die Sache nicht so recht schmecken wollte. Doch er konnte nicht in Abrede stellen, dass sein Zug Aquatrooper, nach all den Missionen die er unter Lieutenant Karvek absolviert hatte, vermutlich die qualifiziertesten Soldaten auf Truuine waren. Wenn man vom guten Lieutenant selbst einmal absah…aber ein Erwärmekraftwerk einzunehmen war etwas, bei dem er lieber einen Zug Sturmtruppen dabei hatte, als einen Trupp Storm Commandos. Einfach schon Mathematisch.

“Zur Verfügung stehen Ihnen vier LAAT/is, die Sie an den Ort des Geschehens bringen werden. Ihr Team besteht einerseits aus Gouverneur Solaris’ Garde, deren erste Aufgabe es ist, Sie und Ihre Ausrüstung sicher durch das Wasser und in die Stadt selbst zu bringen. Ein weiterer Zug Veteranen der blauen Legion dient als Verstärkung und Private 1st Class Meri steht Ihnen als Machtunterstützung bei. Unterstellt ist er Command Sergeant Sperber, der auch die Aquatrooper in Vertretung für Lieutenant Akwaake führen wird.”

Ein paar weitere Minuten ratterte der Xeno weitere Details des Einsatzes herunter, bevor er schließlich zur Frage aller Fragen kam:
“Gibt es noch weitere Fragen? Ansonsten stehen Bewaffnung und LAAT/is zur Abreise bereit.”

[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Eisige Weiten / Basislager / Containerhangar ] Rayk und Vorn, sowie (NPCs) je ein Zug Aquatrooper und blaue Legionäre
 
[ Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala ] - Kal Andrim, Lucien Velcrest, Telbun Gideon, 2 KDY Leibwächter, diverse andere Galabesucher (NSCs)

Kal hörte Lucien geduldig zu, während der Arkanier über die Textilindustrie seines Heimatplaneten redete. Die Bemerkung, dass sein Familienname für sich selbst sprach, nickt der Kuati ab, ohne näher darauf einzugehen. “Ich bin mir sicher, Gouverneur Solaris wird es Ihnen nicht übelnehmen, dass Ihr Herz auch für Ihre Heimat schlägt.” Tatsächlich hatte der Arkanier einiges über die Textilindustrie Arkanias zu sagen und schien auch nicht scheu dabei, seine Begeisterung ungefragt zu teilen. Kal ließ das alles so über sich hinwegrauschen, ohne sich weiter dabei zu stören. “Ich kann Ihrem Großvater da nur recht geben. Tatsächlich gibt es einige Spezialisten, die ausschließlich auf Empfehlung neue Kunden annehmen und dann auch nur, wenn ihnen danach ist.”

Luciens Ausführungen zu seiner Arbeit interessierte Kal dann aber so gar nicht. Erschließung eines Mondes? Im Traum würde der Kuati nicht daran denken, so ein Projekt zu übernehmen. In seinen Augen glich das einem Exil und das würde er so nicht einmal seiner Mutter durchgehen lassen. Der Arkanier schien das auch recht ähnlich zu sehen, bezeichnete er die Lokalität doch höchst selbst als langweilig. Als Lucien dann aber auf das folgende Programm des Tages zu sprechen kam, wurde Kal wieder hellhörig. “Velvet Horizon, sagen Sie? Das war mir vorhin beim Überfliegen des Tagesprogramms tatsächlich entgangen. Ich werde danach Ausschau halten, danke dafür.”

Das dargebotene leicht alkoholische Getränk nahm Kal mit einem kurzen Nicken zum Standmitarbeiter an. “Ein Schaumwein wäre gar nicht schlecht.” Er hatte zwar nicht wirklich vor, sich jetzt oder später großartig zu betrinken, allerdings wollte er auch nicht unhöflich das Angebot ausschlagen, nachdem Lucien so sehr darauf bestanden hatte, dass sie angemessen bewirtet werden. Nachdem die beiden sich zugeprostet hatten und Kal einen höflichen Minischluck getrunken hatte, kam Lucien auf die Kleiderwahl des Kuati zu sprechen. Dabei konnte Kal gar nicht anders, als einen Blick zu Gideon herüberzuwerfen, der zusammen mit den beiden Leibwächtern zwar abseits, aber doch eindeutig in Hörweite stand. “Eine bewusste Entscheidung sagen Sie, Lucien?” Kals Augen glitten wieder zurück zu seinem Gesprächspartner, bevor er betont deutlich antwortete, damit Gideon seine Mühe haben würde, so zu tun, als hätte er nichts gehört. “Da sind Sie ein guter Beobachter des Offensichtlichen!”

Während der Telbun in seinem Rücken so seine Mühen hatte, nicht auf diese Provokation zu reagieren, wechselte Kal direkt das Thema, um Lucien nicht die Gelegenheit zu geben, sich beleidigt zu fühlen. “Wissen Sie was, Lucien, Sie haben absolut recht. Ich werde diesen Anzug kaufen. Jetzt müssen Sie mir aber unbedingt noch bei der Auswahl von ein paar passenden Halstüchern helfen. Ich denke, Handschuhe könnten ihm noch den letzten Schliff verpassen. Und was hält man auf Arkania eigentlich von Gehstöcken?” Der Kuati ließ sich alle Zeit der Welt mit der Produktberatung und Kaufentscheidung. Zeit nach eigenem Gutdünken hier zu verschwenden, gab Kal zumindest die Illusion des Gefühls, nicht die Kontrolle über sein eigenes Leben verloren zu haben und diese kleine kurzweilige Selbstlüge war genau das, wonach es dem Kuati gerade verlangte.

[ Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala ] - Kal Andrim, Lucien Velcrest, Telbun Gideon, 2 KDY Leibwächter, diverse andere Galabesucher (NSCs)
 
[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich ] Cestus Varro, Gouverneur Dr. T’rsop sowie zahlreiche weitere Gäste

Die Frage des Gouverneurs hatte Cestus zunächst überrascht. Mit einer solchen philosophischen Betrachtung seiner persönlichen Aufgabe in der Galaxis hatte er bei einem Gespräch über einen Versetzungsantrag kaum gerechnet. Allerdings schien T’rsop mit seiner zweiten Antwort zufrieden zu sein, zumindest ließ dessen anschließende Reaktion darauf schließen.

Als der Pau'aner ihm schließlich seine Zustimmung zum Wechsel erteilte und auch die notwendigen Unterschriften in Aussicht stellte, war Cestus durchaus erleichtert. Er hatte den neuen Gouverneur von Prefsbelt IV bislang kaum einschätzen können und war entsprechend gespannt gewesen, wie dieser auf das Anliegen reagieren würde.

„Vielen Dank, Gouverneur. Ich weiß Ihre Unterstützung zu schätzen und werde selbstverständlich dafür sorgen, dass die entsprechenden Unterlagen auf dem vorgesehenen Dienstweg eingereicht werden.“

Cestus erwiderte den Handschlag und nahm die guten Wünsche mit einem dankbaren Nicken entgegen.

„Und danke für Ihre guten Wünsche. Ich werde mein Bestes tun.“

Damit war der wichtigste formelle Teil seines Vorhabens zumindest grundsätzlich geklärt. Während T’rsop noch einige Worte an ihn richtete, fiel Cestus aus dem Augenwinkel eine vertraute Gestalt auf, die sich zwischen den Gästen in Richtung des Ausgangs bewegte.

Theranos Zesh.

Cestus erkannte den ehemaligen Gouverneur von Prefsbelt IV beinahe augenblicklich. Allerdings schien dieser bereits auf dem Weg zu einem anderen Bereich der Veranstaltung zu sein.

Als sich das Gespräch mit T’rsop dem Ende näherte, nahm Cestus noch einmal Haltung an und verabschiedete sich angemessen.

„Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt auf Truuine, Gouverneur.“

In diesem Moment näherte sich bereits ein weiterer Gouverneur der Ihm zum Gruß zunickte, Cestus erwiderte höflich den Gruß und machte sich Anschließend auf den Weg, um Theranos zu folgen.



[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / Ausstellungsbereich ] Cestus Varro, Sektoradjutant Theranos Zesh sowie zahlreiche weitere Gäste


Der Weg führte Cestus aus dem exklusiveren Gesellschaftsbereich hinaus auf die eigentliche Ausstellungsfläche. Zwischen den zahlreichen Besuchern, Kunstinstallationen und Präsentationsständen war es allerdings gar nicht so einfach, eine einzelne Person im Blick zu behalten. Bereits nach kurzer Zeit hatte er Theranos zwischen den Gästen aus den Augen verloren.

Cestus blieb einen Moment stehen und verschaffte sich einen Überblick.
Wenn er eines aus seiner bisherigen Dienstzeit gelernt hatte, dann, dass hochrangige Persönlichkeiten auf solchen Veranstaltungen selten ohne konkretes Ziel unterwegs waren. Theranos würde sich vermutlich bei einem der größeren Aussteller oder im Gespräch mit anderen Würdenträgern befinden.

Also setzte Cestus seinen Weg fort, wobei er die einzelnen Stände und Besuchergruppen aufmerksam musterte. Dabei nahm er sich durchaus die Zeit, einen Blick auf die ausgestellten Werke zu werfen. Einige der Präsentationen waren beeindruckend, auch wenn er zugeben musste, dass ihm für die Beurteilung mancher Kunstwerke schlicht die nötige Sachkenntnis fehlte.

Nach einigen Minuten entdeckte er schließlich einen Stand, an dem sich eine kleinere Gruppe hochrangiger Gäste versammelt hatte.

Imperialis Sensus.


Und tatsächlich befand sich unter ihnen auch Theranos Zesh, der offenbar in ein angeregtes Gespräch mit mehreren anderen Würdenträgern vertieft war.

Cestus näherte sich der Gruppe, hielt jedoch einen angemessenen Abstand ein. Er hatte nicht vor, sich mitten in eine Unterhaltung zu drängen, zumal Theranos hier offensichtlich ebenfalls seinen Verpflichtungen nachkam. Stattdessen positionierte er sich so, dass der Sektoradjutant ihn bei Gelegenheit bemerken konnte.

Es dauerte einen Augenblick, bis sich ihre Blicke begegneten.
Theranos schien ihn zunächst nur beiläufig wahrzunehmen, erkannte ihn dann jedoch und entschuldigte sich kurz bei seinen Gesprächspartnern, bevor er zu Cestus herüberkam.

Der Major nahm Haltung an und salutierte.

„Sektoradjutant Zesh. Es freut mich, Sie wiederzusehen, Sir und Glückwunsch zu Ihrem Aufstieg.“

Die Begrüßung fiel freundlich aus. Theranos schien sich tatsächlich darüber zu freuen, einen seiner früheren Offiziere hier anzutreffen, und erkundigte sich nach seinem Befinden sowie nach der aktuellen Lage der Blauen Legion.

Cestus berichtete ihm in knappen Worten vom bisherigen Einsatz auf Truuine. Er schilderte die Fortschritte am Südpol, die schwierigen Kämpfe um die befestigten Stellungen der Rebellen und die Leistungen seiner Männer. Auch die jüngsten Gefechte am Bunkerhügel fanden Erwähnung, ebenso wie die Tatsache, dass Skybridge weiterhin einsatzfähig war und sich bereits auf die nächsten Operationen vorbereitete.

Theranos hörte aufmerksam zu und zeigte sich erfreut darüber, dass sich die Blaue Legion unter den schwierigen Bedingungen auf Truuine bewährte.

Schließlich kam Cestus auf den eigentlichen Grund zu sprechen, weshalb er den ehemaligen Gouverneur gesucht hatte.

Er erklärte, dass Ridley Solaris ihm am Vormittag angeboten hatte, künftig das Kommando über dessen Leibwache zu übernehmen und dafür zu den imperialen Sturmtruppen beziehungsweise Aquatroopern zu wechseln. Ebenso erläuterte er die Bedingungen, die er an seine Zusage geknüpft hatte. Skybridge sollte den laufenden Feldzug gemeinsam mit ihm zu Ende führen können, anschließend wollte er das Kommando ordnungsgemäß übergeben und seine Versetzung auf dem vorgesehenen Dienstweg abwickeln.

Auch Captain Aurelian Korff erwähnte er als seinen bevorzugten Nachfolger, wobei er ausdrücklich betonte, dass die endgültige Entscheidung selbstverständlich bei den zuständigen Stellen lag.

Dass Gouverneur T’rsop dem Wechsel bereits grundsätzlich zugestimmt hatte, verschwieg Cestus ebenfalls nicht.

Theranos schien von dieser Entwicklung zunächst wenig begeistert zu sein. Immerhin hatte Cestus über längere Zeit unter ihm gedient, und mit dem Major würde die Blaue Legion einen erfahrenen Offizier verlieren. Zudem schien ihm die Vorstellung, dass Solaris ausgerechnet während des laufenden Feldzuges einen Bataillonskommandeur von Prefsbelt IV für seine eigene Garde gewinnen wollte, nicht unbedingt zu gefallen.

Er erklärte, dass er die Angelegenheit bei Gelegenheit selbst noch mit Solaris besprechen werde.

Grundsätzlich wollte er Cestus jedoch keine Hindernisse in den Weg legen. Solange dieser weiterhin für das Imperium kämpfte und seine Fähigkeiten dort einsetzte, wo sie gebraucht wurden, spielte es für Theranos letztlich keine entscheidende Rolle, auf welchem Schauplatz er seinen Dienst versah.

Er wünschte Cestus für seinen weiteren Weg viel Erfolg und gab ihm zu verstehen, dass er die Entscheidung respektierte.

Cestus war darüber durchaus erleichtert. Die Zustimmung T’rsops hatte die formelle Seite seines Vorhabens geklärt, doch die persönliche Meinung von Theranos war ihm ebenfalls wichtig gewesen. Schließlich war es dieser gewesen, unter dem er einen wesentlichen Teil seiner Laufbahn auf Prefsbelt IV verbracht hatte.

„Vielen Dank, Sir. Das bedeutet mir einiges. Und ich versichere Ihnen, dass ich Skybridge erst dann verlasse, wenn die Übergabe ordentlich geregelt ist.“

Theranos erwiderte die Worte freundlich, machte jedoch deutlich, dass er dringend zu seinen Gesprächspartnern zurückkehren musste.
Cestus hatte dafür vollstes Verständnis.

„Selbstverständlich, Sir. Ich möchte Sie auch nicht länger aufhalten. Nochmals vielen Dank und einen angenehmen weiteren Verlauf der Gala.“

Die beiden Männer verabschiedeten sich mit einem kurzen, festen Handschlag, bevor Theranos zu seinen Gesprächspartnern am Stand von Imperialis Sensus zurückkehrte.

Cestus sah ihm noch einen Augenblick nach.

Damit war die Angelegenheit weiter vorangekommen, als er es sich am Morgen hätte vorstellen können. Sowohl der amtierende Gouverneur von Prefsbelt IV als auch Theranos hatten ihm ihre grundsätzliche Unterstützung zugesichert. Die eigentlichen Formalitäten würden noch einige Zeit beanspruchen, doch die entscheidenden Gespräche waren geführt.

Nun blieb vor allem eines zu tun.
Zurück zu seinen Männern.


[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / VIP-Bereich ] Cestus Varro, Gouverneur Ridley Solaris sowie zahlreiche weitere Gäste


Bevor Cestus die Gala endgültig verließ, wollte er Solaris zumindest noch kurz über den Ausgang seiner Gespräche informieren. Immerhin hatte der Gouverneur ihm diese Gelegenheit überhaupt erst verschafft.

Also kehrte er in den VIP-Bereich zurück und hielt nach seinem Gastgeber Ausschau.
Diesmal dauerte die Suche nicht besonders lange.

Solaris befand sich im Gespräch mit zwei hochrangigen imperialen Würdenträgern, deren Rangabzeichen sie als Moffs auswiesen. Cestus erkannte rasch, dass es sich um eine Unterhaltung handelte, in die er sich besser nicht ungefragt einmischte.

Er blieb deshalb in einiger Entfernung stehen und wartete einen geeigneten Augenblick ab.
Als Solaris' Blick schließlich kurz in seine Richtung wanderte, nahm Cestus Haltung an, salutierte knapp und nickte dem Gouverneur anschließend zu. Ein kleines, zufriedenes Schmunzeln sollte ihm zumindest vermitteln, dass die Gespräche offenbar erfolgreich verlaufen waren.

Mehr war im Augenblick auch nicht notwendig.
Solaris würde die Einzelheiten früh genug erfahren. Spätestens dann, wenn die entsprechenden Unterlagen ihren Weg durch die zuständigen Dienststellen nahmen.

Cestus wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Die Gala der Kristallenen Klänge war zweifellos eine beeindruckende Veranstaltung gewesen. Allerdings hatte er seinen eigentlichen Zweck erfüllt und verspürte wenig Bedürfnis, den restlichen Abend zwischen Politikern, Künstlern und Würdenträgern zu verbringen.

Seine Männer warteten auf ihn.
Und irgendwo am Südpol von Truuine stand noch immer ein Bunkerhügel, dessen Eroberung längst nicht abgeschlossen war.


[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Nordpolarkreis / Nahe Moraband / Galagelände / Ausgang ] Cestus Varro
 
[Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine-System | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | Ausstellungsflächen | Stand von Imperialis Sensus] Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Kanto Garison, Kael Reed sowie weitere Galagäste und Personal von Imperialis Sensus


Die Antwort der Gouverneurin auf Kantos Frage hatte Theranos durchaus überrascht. Als Lilivienne erklärte, dass es streng genommen überhaupt kein Haus d’Oridin gab, hatte er sie für einen kurzen Augenblick mit unverhohlenem Interesse angesehen. Er musste sich eingestehen, dass er aufgrund ihres Namens, ihres Baronessentitels und ihres gesellschaftlichen Auftretens selbst eine wesentlich ältere, über Generationen gewachsene Familiengeschichte vermutet hatte. Wie schnell man doch geneigt war, aus einigen vertrauten Merkmalen ein vollständiges Bild zu formen. Dabei hätte gerade er wissen müssen, dass Herkunft und gesellschaftliche Stellung wesentlich komplizierter sein konnten, als ein Name zunächst vermuten ließ.

Theranos hörte aufmerksam zu, als Lilivienne von ihrem Vater, dem ehemaligen Moff Hoist Stellard, und dessen Erhebung durch Imperator Arthious erzählte. Die Verbindung zum Cygnus-Sternenimperium, die politischen Umstände ihrer Geburt und schließlich jene beinahe bürokratisch anmutende Entstehung ihres heutigen Namens ergaben ein überraschend vielschichtiges Bild. Besonders die Tatsache, dass ihr Vater seinen Adelstitel durch kaiserliche Ernennung erhalten hatte, fand Theranos bemerkenswert. Er hatte stets eine gewisse Schwäche für alte Dynastien besessen, doch ebenso sehr schätzte er den Gedanken, dass persönliche Leistungen jemanden in einen Stand erheben konnten, dessen Bedeutung weit über die eigene Lebenszeit hinausreichte. Schließlich musste auch jedes noch so alte Adelshaus irgendwann einmal seinen Anfang genommen haben.

Als Lilivienne von ihrem Vater sprach, glaubte Theranos zudem einen etwas weicheren Unterton in ihrer Stimme wahrzunehmen. Er konnte sich täuschen, doch die Art, wie sie dessen Werdegang schilderte, ließ zumindest vermuten, dass ihr seine Erinnerung viel bedeutete. Theranos empfand es als angenehm, hinter der Gouverneurin von Bastion für einen Moment auch die Tochter zweier Persönlichkeiten erkennen zu dürfen, deren Lebenswege offenbar einiges an politischem Geschick verlangt hatten.

„Eine ausgesprochen interessante Familiengeschichte, Gouverneurin. Ich gestehe, dass ich Ihren Namenszusatz ebenfalls einem älteren Adelshaus zugeordnet hätte. Dass sich dahinter die Geschichte einer kaiserlichen Erhebung, zweier Staaten und schließlich eines durchaus erfinderischen Standesamtes verbirgt, hätte ich so nicht erwartet.“

Ein freundliches Schmunzeln begleitete den letzten Teil seiner Bemerkung. Die Erklärung hatte ihm tatsächlich gefallen, gerade weil sie jenes allzu einfache Bild widerlegte, das er sich im ersten Augenblick gemacht hatte. Bei ihrer abschließenden Feststellung, von der Mutter die Kreativität und vom Vater die Sachlichkeit eines Verwalters geerbt zu haben, nickte Theranos zustimmend.

„Und was Ihre Entschuldigung für mögliche Fragen zu Lieferkapazitäten und Verwaltungsangelegenheiten betrifft, fürchte ich, dass Sie damit bei mir an der falschen Adresse sind. Wenn wir uns für jedes Gespräch über Wirtschaft oder Politik entschuldigen müssten, würden wir wohl einen beträchtlichen Teil dieser Gala mit gegenseitigen Entschuldigungen verbringen.“

Er lächelte kurz, bevor er ergänzte

„Ich finde allerdings, dass sich die beiden Eigenschaften Ihrer Eltern hervorragend ergänzen. Kreativität ist in der Verwaltung mindestens ebenso nützlich wie Sachlichkeit. Man muss schließlich erst eine Vorstellung davon entwickeln, was man erreichen möchte, bevor man sich darüber Gedanken machen kann, wie es zu verwirklichen ist.“

Mit diesen Worten beließ er es. Es hätte Theranos durchaus gereizt, noch mehr über die Familie Évarielle und deren Verbindungen zu erfahren, doch ihre Unterhaltung hatte inzwischen einen persönlicheren Einblick ermöglicht, als er ursprünglich erwartet hatte. Diesen wollte er nicht durch eine ganze Reihe weiterer Fragen in eine genealogische Befragung verwandeln. Außerdem lag inzwischen das eigentliche Ziel ihres kleinen Spaziergangs vor ihnen.

Imperialis Sensus.

Schon aus einiger Entfernung war der goldene Schriftzug zu erkennen, der sich vor den dunkleren Elementen des großzügigen Präsentationsstandes abhob. Theranos hatte die Gestaltung gemeinsam mit Caelis Marron und seinen Mitarbeitern über längere Zeit vorbereitet und etliche Entwürfe prüfen lassen, bevor er sich mit dem endgültigen Ergebnis zufriedengegeben hatte. Gerade deshalb war es ein eigentümliches Gefühl, die Präsentation nun zwischen den übrigen Ausstellungsflächen zu sehen, umgeben von Besuchern, die mit der Entwicklung seiner Marke bislang wenig oder gar nichts zu tun gehabt hatten.

Er ließ seinen Blick über die offen gestaltete Vorderseite wandern. Auf sorgfältig beleuchteten Präsentationsflächen standen die verschiedenen Flaschen neben ausgewählten Glaswaren, Schmuckstücken und kleineren Accessoires. Dunkle Materialien und zurückhaltende metallische Akzente bildeten einen ruhigen Hintergrund, während die angeschlossene Lounge mit ihren Sitzgelegenheiten und dem separaten Beratungsbereich genügend Raum für ausführlichere Gespräche bot.

Die Zusammenarbeit mit Quarzite zeigte sich bereits in mehreren ausgestellten Stücken, deren Verarbeitung Theranos nach den ersten Entwürfen besonders interessiert verfolgt hatte. Einige davon waren noch frühe Ausführungen, andere bereits wesentlich weiter entwickelt. Für Theranos gehörte es zum Anspruch seiner Marke, auch zukünftige Produktbereiche frühzeitig in einer einheitlichen gestalterischen Sprache zusammenzuführen.

Das Ergebnis gefiel ihm.

Immerhin hatte er selbst erheblichen Einfluss auf die Gestaltung genommen. Dennoch ertappte er sich dabei, dass er beinahe automatisch nach Einzelheiten suchte, die ihm vielleicht entgangen waren. Die Position einer Präsentationskarte, die Ausrichtung einer Flasche, die Position zweier Ausstellungsstücke.

Als Lilivienne den Stand schließlich mit sichtlicher Anerkennung betrachtete und ihren positiven Eindruck aussprach, empfand Theranos daher eine ehrlichere Befriedigung, als er sie bei einem vergleichbaren Lob für irgendeine Verwaltungsmaßnahme vermutlich verspürt hätte. Es war seine private Leidenschaft, über die hier geurteilt wurde, und ein Teil von ihm war wesentlich empfänglicher für solche Komplimente, als er gelegentlich zugeben mochte.

„Ich danke Ihnen, Gouverneurin. Es freut mich, dass Ihnen unsere Präsentation zusagt. Wir haben versucht, die Produkte möglichst für sich selbst sprechen zu lassen, ohne bei der Gestaltung auf einen gewissen repräsentativen Anspruch zu verzichten.“

Er blickte noch einmal zufrieden über den Stand.

„Natürlich ist das Unternehmen noch jung. Aber ich denke, man darf durchaus zeigen, in welche Richtung man sich entwickeln möchte. Vor allem, wenn man etwas schaffen will, das über eine einzelne Produktkategorie hinaus Bestand haben soll.“

Dabei war Imperialis Sensus ursprünglich überhaupt nicht mit einem solchen Anspruch entstanden.

Theranos erinnerte sich noch gut an die Zeit auf Corulag, als er gemeinsam mit seinem damaligen Studienfreund Caelis Marron erste Überlegungen zu einem eigenen Schaumwein angestellt hatte. Caelis stammte aus einer Winzerfamilie und hatte die praktische Erfahrung eingebracht, während Theranos sich beinahe ebenso leidenschaftlich mit Geschmack, Gestaltung und Präsentation beschäftigte wie mit seinen Studien an der Akademie.

Was zunächst aus gemeinsamer Begeisterung entstanden war, hatte sich über den Abschlussball ihres Jahrgangs, einige weitere gesellschaftliche Veranstaltungen und die ersten Verkäufe langsam verselbstständigt. Die spätere Entwicklung eines eigenen Produktionsstandortes bei Gold One auf Prefsbelt IV hatte dem Ganzen schließlich eine wesentlich größere Dimension verliehen.

Manchmal erschien es Theranos noch immer erstaunlich, dass aus einigen Gesprächen zweier junger Männer inzwischen ein Unternehmen mit eigenem Weingut, Mitarbeitern, Geschäftspartnern und einer derart umfangreichen Präsentation geworden war. Er wusste sehr wohl, dass sein eigenes Kapital und seine gesellschaftlichen Kontakte manche Entwicklung beschleunigt hatten.

Ohne Caelis und seiner Erfahrung zu beginn, hätte es allerdings wenig gegeben, das sich überhaupt hätte vermarkten lassen. Gerade deshalb war ihm wichtig, dass Imperialis Sensus nicht irgendwann zu einem jener Unternehmen wurde, bei denen der Name des Eigentümers bekannter war als die Qualität dessen, was tatsächlich hergestellt wurde.

Dann bemerkte er einen weiteren bekannten Gast, der ihnen offenbar bereits zuvorgekommen war.

Lieutenant Kael Reed stand im offenen Bereich der Präsentationsfläche und hielt ein schmales Glas mit hellgoldenem Inhalt in der Hand. Theranos erkannte den Chiss sofort wieder und musste unwillkürlich schmunzeln, als dieser ihn mit der Feststellung begrüßte, für einen Rückzieher sei es inzwischen ohnehin zu spät.

Dass Reed seiner Einladung tatsächlich nachgekommen war, freute ihn. Gleichzeitig stellte Theranos mit einem beinahe kindischen Anflug von Enttäuschung fest, dass der Lieutenant bereits mit der Verkostung begonnen hatte. Er hätte dessen ersten Eindruck gerne unmittelbar miterlebt.

Eine reichlich unsinnige Erwartung, wie ihm selbst bewusst war. Schließlich hatte er Reed ausdrücklich um eine ehrliche Beurteilung gebeten und konnte schlecht verlangen, dass dieser seine Arbeit erst aufnahm, sobald er persönlich danebenstand.

„Lieutenant Reed, wie erfreulich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Und machen Sie sich keine Sorgen, ein Rückzieher stand meinerseits nie zur Debatte.“

Sein Blick fiel kurz auf das Glas in Kaels Hand.

„Sie sind mir lediglich ein wenig zuvorgekommen. Ich hatte gehofft, bei Ihrer ersten Verkostung anwesend zu sein. Aber vermutlich ist es sogar besser, wenn ein Fachmann zunächst vollkommen unbeeinflusst von den Erläuterungen des Herstellers urteilen kann.“

Theranos lächelte freundlich. Er meinte es ernst, auch wenn ihn die Aussicht auf Reeds tatsächliche Meinung inzwischen ein wenig beschäftigte.

Schließlich handelte es sich um jemanden, dessen Familie mit Imperial Spirits Incorporated in einer völlig anderen Größenordnung tätig war. Reed hatte vermutlich mehr Erfahrung mit der kommerziellen Vermarktung alkoholischer Getränke, als Theranos in den kommenden Jahren sammeln könnte. Genau deshalb war dessen Urteil interessant, und genau deshalb konnte es im ungünstigsten Fall auch unangenehm werden.

Für einen kurzen Augenblick störte ihn sogar die Möglichkeit, dass Reed etwas bemängeln könnte, auf das Theranos selbst besonders stolz war. Es war eine kleine, wenig schmeichelhafte Regung, und er ertappte sich dabei, bereits mögliche Erklärungen für Kritik zurechtzulegen, die noch überhaupt niemand ausgesprochen hatte. Er musste darüber innerlich beinahe lachen. Offenbar war es für Theranos leichter, einen Haushaltsentwurf oder ein planetares Projekt vor mehreren Verwaltungsdirektoren zu verteidigen, als einem einzelnen Kenner beim Probieren des eigenen Weines zuzusehen.

„Ich bin auf Ihre konstruktive Einschätzung gespannt.”

Er ließ seinen Blick noch einmal über die Präsentation wandern.

„Imperial Spirits spielt wirtschaftlich selbstverständlich in einer anderen Größenordnung als wir. Gerade deshalb interessiert mich, ob Sie in unseren Produkten eine eigene Handschrift erkennen können. Caelis Marron, mein Geschäftspartner und Mitbegründer, hat bei der Entwicklung einen wesentlichen Anteil getragen, und wir haben uns von Anfang an vorgenommen, lieber mit einem kleineren, sorgfältig abgestimmten Sortiment zu arbeiten, als vorschnell möglichst viele verschiedene Getränke auf den Markt zu bringen.“

Theranos sprach mit erkennbarer Überzeugung. Er war stolz auf das Unternehmen und hatte keinerlei Bedürfnis, dessen vergleichsweise geringe Größe zu verstecken. Schließlich war die Marke erst am Anfang ihrer geplanten Entwicklung, und Größe allein hatte für ihn noch nie automatisch Qualität bedeutet.

„Mich würde deshalb besonders interessieren, wie Sie die Balance zwischen Frucht, Säure, Struktur und dem jeweiligen Ausklang empfinden. Bei manchen Varianten haben wir recht lange daran gearbeitet, dass eine einzelne Note den Gesamteindruck nicht zu stark dominiert. Auf dem Papier klingt das immer ausgesprochen einfach.“

Ein kleines Schmunzeln folgte.

„In der Praxis kann eine vermeintlich winzige Veränderung manchmal erstaunlich viel bewirken. Ich habe jedenfalls gelernt, dass Geduld zu den kostspieligeren Zutaten eines guten Weines gehört.“

Dass Kael sich anschließend auch Kanto vorstellte, nahm Theranos mit einem zufriedenen Blick zur Kenntnis. Es war beinahe amüsant, wie viele seiner bisherigen Bekanntschaften sich innerhalb dieser beiden Tage erstmals persönlich begegneten.

Der Geschäftspartner aus Quarzite, die Gouverneurin der imperialen Hauptwelt und ein Vertreter eines etablierten Spirituosenunternehmens standen nun gemeinsam vor seiner noch jungen Marke. Für einen Mann, der Imperialis Sensus ursprünglich vor allem aus persönlicher Begeisterung für gute Weine und gehobene Genusskultur gegründet hatte, war das eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung.

Liliviennes Frage, was er empfehlen würde, holte ihn schließlich aus diesen Überlegungen zurück.
Theranos wandte sich ihr wieder vollständig zu.



Für einen winzigen Moment hatte er tatsächlich das Bedürfnis, ihr gleich sämtliche Flaschen vorzustellen, etwas über deren Entwicklung zu erzählen und die Überlegungen zu erläutern, die hinter den verschiedenen Kreationen standen. Schließlich hatte er lange genug mit den beteiligten Fachleuten daran gearbeitet und war keineswegs frei von einem gewissen Stolz auf das bisher Erreichte.

Doch dann fiel ihm ein, dass er selbst erst vor wenigen Minuten von einer Verkostung ohne Sommelierprüfung gesprochen hatte.
Es wäre reichlich inkonsequent gewesen, die Gouverneurin nun mit einem halben Vortrag über seine Weine zu empfangen.

„Nun, Gouverneurin, das hängt natürlich ein wenig davon ab, welche Geschmacksrichtungen Sie bevorzugen. Aber wenn Sie mir die Auswahl zunächst überlassen, würde ich Ihnen empfehlen, mit unserem Luxa Solis zu beginnen.“

Theranos
deutete auf die entsprechende Präsentation und anschließend mit einem leichten Schmunzeln auf Kaels bereits gefülltes Glas.

„Unser Lieutenant scheint sich ebenfalls dafür entschieden zu haben, womit wir immerhin eine gemeinsame Grundlage für die anschließende Diskussion hätten.“

Sein Blick kehrte zu Lilivienne zurück.

„Luxa Solis ist einer unserer fruchtbetonteren Vertreter. Guave und Aprikose bilden den ersten Eindruck, begleitet von einem zurückhaltenden Hauch Kiwi. Im Ausklang finden Sie hellen Honig und etwas getrocknete Limettenschale. Gerade diese letzte Note war uns wichtig, weil sie der weicheren Frucht eine angenehme Frische entgegensetzt.“

Theranos
sprach darüber mit einer selbstverständlichen Begeisterung, die sich von seinem üblichen Tonfall bei wirtschaftlichen und politischen Themen ein wenig unterschied. Er kannte die Eigenschaften seiner Produkte und musste sich nicht anstrengen, um darüber zu erzählen.

„In der Frizzante-Ausführung, die Lieutenant Reed gerade probiert, kommt die feine Perlage dazu. Wir wollten einen klaren, zugänglichen Geschmack erreichen, bei dem die einzelnen Fruchtnoten noch erkennbar bleiben. Er soll angenehm sein, ohne beliebig zu wirken. Ich persönlich mag an ihm besonders, dass der Ausklang etwas trockener und frischer bleibt, als man nach dem ersten Eindruck vielleicht erwarten würde.“

Er ließ seinen Blick kurz zu Kanto wandern.

„Und Gouverneur Garison dürfte ihn inzwischen ebenfalls gut genug kennen, um sogar eigene Rezepturen für einen Cocktail damit zu entwickeln.“

Das Schmunzeln wurde etwas deutlicher.

„Ihren “Governor” Mr. Garison habe ich übrigens keineswegs vergessen. Ich würde lediglich vorschlagen, dass wir unseren Gästen zunächst die unveränderte Variante vorstellen, bevor wir zu Ihren Experimenten übergehen.“

Dann trat Theranos etwas näher an die Präsentationsfläche heran und deutete auf die nächste Produktreihe.

„Wenn Sie es etwas zurückhaltender und trockener bevorzugen, würde ich Ihnen anschließend unseren Classic empfehlen. Hier stehen Zitrusnoten, Apfel und eine etwas trockenere Birne im Vordergrund. Dazu kommen helle Nüsse und eine mineralische Frische. Er besitzt etwas mehr Zurückhaltung in seiner Frucht und lebt stärker vom Zusammenspiel der einzelnen Komponenten.“

Theranos betrachtete die beiden Flaschen für einen Augenblick nebeneinander.

„Ich mag beide sehr, aber aus unterschiedlichen Gründen. Luxa Solis ist für mich ein wunderbarer Begleiter zu einem ungezwungenen Empfang oder einem angenehmen Nachmittag. Classic bevorzuge ich gelegentlich zu einem guten Essen oder wenn ich mir für ein Glas etwas mehr Zeit nehmen möchte. Dort kann gerade die mineralische Seite ausgesprochen interessant werden.“

Er wusste, dass solche Beschreibungen stets subjektiv blieben. Gerade das machte Wein für ihn so reizvoll. Man konnte mit erstaunlicher Sorgfalt an bestimmten Eigenschaften arbeiten und anschließend erleben, wie verschiedene Personen vollkommen unterschiedliche Dinge daran schätzten. Für Theranos war das kein Mangel an Präzision, sondern ein Teil der Eigenart des Produkts.

„Beide Linien führen wir übrigens als klassischen Premiumwein und als Frizzante. Wir möchten unseren Gästen die Möglichkeit geben, dieselbe grundsätzliche Aromatik in zwei unterschiedlichen Charakteren kennenzulernen. Das macht bei manchen Sorten einen erstaunlichen Unterschied.“

Seine Aufmerksamkeit wanderte weiter zu einem Teil der Präsentation, dessen Beleuchtung die neuen Kreationen etwas stärker hervorhob.

Dort standen drei Produktlinien, die auf dieser Gala erstmals einem größeren Publikum vorgestellt werden sollten, von denen bis jetzt noch keine geöffnet wurde.

Theranos empfand bei ihrem Anblick unwillkürlich eine gewisse Vorfreude. An ihnen war in den vergangenen Monaten besonders intensiv gearbeitet worden. Mehrere Ansätze waren verworfen, einzelne Eigenschaften wieder verändert und andere bewusst beibehalten worden. Dass er nun vor den fertigen Produkten stand, war für ihn beinahe befriedigender als manche der wesentlich größeren administrativen Erfolge, an denen er zuletzt beteiligt gewesen war.

„Und dann wären da unsere drei Neuheiten. Auf diese bin ich persönlich besonders gespannt, weil wir sie hier auf Truuine erstmals einem größeren Kreis vorstellen, da diese bis jetzt auch noch nicht auf dem Markt erhältlich sind .“

Er deutete zunächst auf eine elegant präsentierte Rosé-Linie.

„Rosa Aurea ist unser neuer heller Rosé. Wir wollten damit etwas Leichtes, Elegantes und Erfrischendes schaffen, das eine gewisse Lebendigkeit besitzt, ohne dabei geschmacklich zu aufdringlich zu werden.“

Theranos
betrachtete die Flasche einen kurzen Augenblick.

„Frische Erdbeeren, Himbeeren und ein sehr dezenter Hauch von Blüten bilden die Aromatik. Dazu kommen weißer Pfirsich, rote Beeren und eine feine Grapefruitnote, die insbesondere den angenehm trockenen Ausklang unterstützt. Ich finde, bei einem Rosé ist es manchmal gar nicht so einfach, eine ausgewogene Balance zwischen Fruchtigkeit und Frische zu halten. Gerade deshalb gefällt mir das Ergebnis hier persönlich sehr gut.“

Er lächelte Lilivienne kurz an.

„Ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen Rosa Aurea ebenfalls zusagt, falls Sie leichtere Weine mit einer eher eleganten Frucht bevorzugen. Aber das ist natürlich eine Vermutung, die Sie mir gegebenenfalls umgehend widerlegen dürfen.“

Die nächste Flasche besaß einen deutlich anderen Charakter.

„Rubor Nobilis geht dagegen bewusst in eine kräftigere Richtung. Ein trockener Rotwein mit mittlerem Körper, einer ausgeprägten Frucht und angenehm weichen Gerbstoffen. Reife Kirschen und Brombeeren stehen im Vordergrund, begleitet von einer zurückhaltenden dunklen Gewürznote. Später kommen Pflaume und ein feiner Hauch Kakao dazu.“

Bei diesem Produkt wurde Theranos' Stimme einen Hauch nachdenklicher.

„Mir war besonders wichtig, dass er trotz seiner volleren Aromatik zugänglich bleibt. Ich schätze einen guten, kräftigen Rotwein ausgesprochen, aber ich habe wenig Freude an solchen, bei denen die Gerbstoffe den gesamten übrigen Geschmack zu überdecken scheinen. Rubor Nobilis sollte deshalb samtig und harmonisch werden, mit einer gewissen Tiefe und einem weicheren, anhaltenden Ausklang.“

Ein Anflug persönlichen Stolzes lag in seinen Worten. Gerade diese Sorte hatte ihn während der Entwicklung immer wieder beschäftigt, weil seine eigenen Vorstellungen über das richtige Verhältnis zwischen kräftiger Frucht und weicher Struktur nicht bei jedem Versuch sofort mit jenen der beteiligten Fachleute übereingestimmt hatten.

Manche Diskussion war erstaunlich ausführlich geworden. In solchen Augenblicken hatte Theranos feststellen müssen, dass seine Begeisterung für ein bestimmtes Ergebnis gelegentlich schneller wuchs als seine Bereitschaft, die dafür notwendigen Schwierigkeiten zu akzeptieren.

„Auch hier bieten wir eine Frizzante-Ausführung an. Ich bin gespannt, wie sie aufgenommen wird. Gerade bei einem Rotwein finde ich es interessant, wie unterschiedlich sich die Frucht mit und ohne Perlage präsentieren kann.“

Schließlich wandte er sich der dritten Neuheit zu.
Schon die Präsentation unterschied sich ein wenig von jener der anderen Weine. Das Licht wurde so geführt, dass die zarte, leicht graue bis silbrig schimmernde Farbgebung des Inhalts zur Geltung kam, ohne dass die Flasche dadurch künstlich oder übermäßig spektakulär wirkte.

„Und zuletzt Argentum. Eine unserer etwas ungewöhnlicheren Kreationen.“

Er deutete auf das betreffende Produkt.

„Ein Vin Gris, den wir bewusst sehr fein und zurückhaltend gehalten haben. Die Farbgebung besitzt diesen zarten graugrünen bis silbrigen Schimmer, den man je nach Lichteinfall unterschiedlich wahrnimmt. Geschmacklich stehen weiße Blüten und Birne im Vordergrund, dazu eine dezente mineralische Note. Weißer Pfirsich, helle Melone und ein feiner Hauch grüner Kräuter ergänzen das Ganze.“

Theranos
hielt kurz inne, um seinen Gästen Gelegenheit zu geben, die Flasche näher zu betrachten, während sein Blick auch kurz analysierend zu Kael streifte.

„Argentum soll vor allem durch Eleganz und Struktur überzeugen. Er ist frisch, mit ausgewogener Säure und einer klaren Frucht, aber vergleichsweise zurückhaltend in seinem gesamten Auftreten. Persönlich mag ich das sehr. Gerade bei etwas feineren Weinen finde ich es reizvoll, wenn man nach einem zweiten Schluck noch einmal etwas entdeckt, das einem beim ersten vielleicht entgangen ist.“

Er betrachtete für einen Moment das silbrig schimmernde Getränk. Argentum besaß für ihn auch gestalterisch einen besonderen Reiz. Die Verbindung aus ungewöhnlicher Farbgebung, fein abgestimmter Aromatik und einem entsprechend zurückhaltenden Erscheinungsbild kam seiner Vorstellung davon, wie Produkt und Präsentation zusammenwirken sollten, ausgesprochen nahe.

„Selbstverständlich führen wir auch die drei Neuheiten sowohl als Premiumwein als auch in einer Frizzante-Variante. Je nachdem, welche Richtung Sie bevorzugen, können wir uns also durchaus ein wenig durchprobieren.“

Theranos
ließ den Blick über die fünf Produktlinien gleiten. Auf jedem der Präsentationsbereiche standen auch die jeweils abgestimmten Gläser, die innerhalb der eigenen Produktgestaltung entwickelt beziehungsweise in Zusammenarbeit mit den beteiligten Kunsthandwerkern gefertigt worden waren. Gerade Quarzite spielte dabei eine interessante Rolle. Die Verbindung zwischen Weinkultur und Glasdesign gehörte zu jenen Geschäftsfeldern, die Theranos langfristig besonders ausbauen wollte.

Er nahm eines der Gläser vorsichtig in die Hand und drehte es ein wenig, sodass sich das Licht an seiner Oberfläche brach.

„Ein weiterer Punkt, der mir persönlich wichtig ist, betrifft übrigens die Gläser selbst. Wir möchten für unsere Getränke nicht einfach irgendein schönes Gefäß verwenden. Form, Material und Handhabung sollen zur jeweiligen Produktlinie passen. Ein gutes Glas muss angenehm in der Hand liegen, den Wein vernünftig präsentieren und darf bei aller Schönheit seine eigentliche Funktion nicht vergessen.“

Sein Blick ging zu Kanto.

„Gerade deshalb freue ich mich über unsere Zusammenarbeit mit Quarzite. Wenn wir hier langfristig eine eigene Linie hochwertiger Gläser etablieren können, wäre das für mich beinahe ebenso reizvoll wie die Entwicklung neuer Weine…aber nur beinahe.“

Dann wandte er sich auch an Kael.

„Vielleicht ist das einer der Punkte, in denen meine Begeisterung für Architektur und Gestaltung besonders deutlich wird. Ich betrachte ein Produkt nur ungern vollständig losgelöst von seiner Umgebung. Eine Flasche, ein Glas, ein Tisch, der Raum, in dem man sich befindet – all das beeinflusst zumindest, wie man ein Getränk wahrnimmt und erlebt. Natürlich ersetzt die schönste Präsentation keinen guten Inhalt. Aber wenn beides zusammenpasst, entsteht daraus meines Erachtens etwas, das über eine gewöhnliche Verkostung hinausgeht.“



Theranos
lächelte bei diesen Worten, und diesmal lag eine unverkennbare persönliche Freude darin. Über solche Dinge hätte er problemlos noch wesentlich länger sprechen können. Es war jene seltene Gelegenheit, bei der er einmal nicht erklären musste, weshalb ein Wirtschaftsprojekt mehrere Ressorts betraf, warum ein Haushalt nicht beliebig belastbar war oder weshalb eine Verwaltungsentscheidung erst nach Monaten ihre Wirkung entfaltete.

Hier ging es um etwas, das er aus eigenem Antrieb liebte.
Und er merkte, wie leicht er sich darin verlieren konnte.
Ein kurzer Blick zu seinen Gästen erinnerte ihn daran, dass sie inzwischen wahrscheinlich mindestens ebenso interessiert an einer tatsächlichen Verkostung waren wie an seinen Ausführungen.

„Verzeihen Sie. Ich merke gerade, dass ich Gefahr laufe, Ihnen doch noch jene Sommelierprüfung aufzuerlegen, die ich Ihnen vor wenigen Minuten ausdrücklich ersparen wollte.“

Er lachte leise über sich selbst.

„Aber ich fürchte, wenn Sie jemanden nach seiner Leidenschaft fragen, müssen Sie gelegentlich damit rechnen, dass die Antwort etwas ausführlicher ausfällt.“

Theranos
wandte sich an eine der Mitarbeiterinnen, die sich in der Nähe der Präsentationsfläche aufhielt, und bat sie, für Lilivienne und Kanto zunächst Luxa Solis in der Frizzante-Ausführung vorzubereiten sowie passende Snacks dazu. Da Kael bereits ein Glas davon in der Hand hielt, konnten sie auf diese Weise mit derselben Sorte beginnen. Er bat außerdem darum, die weiteren Produktlinien für eine anschließende Verkostung bereitzuhalten, insbesondere die drei Neuheiten, über die er gerade gesprochen hatte.

Dabei achtete er darauf, dass zunächst kleinere Mengen ausgeschenkt wurden. Schließlich lagen noch einige Sorten vor ihnen, und Theranos hatte wenig Interesse daran, seine Gäste bereits mit dem ersten Glas so großzügig zu versorgen, dass sie danach kaum noch Lust auf weitere Kostproben verspürten.

„Wir können uns gerne in aller Ruhe durch das Sortiment arbeiten. Wenn Ihnen eine Sorte besonders zusagt, bleiben wir etwas länger dabei. Und falls eine andere überhaupt nicht Ihren Geschmack trifft, dürfen Sie das selbstverständlich ebenfalls sagen.“

Sein Blick ging noch einmal zu Kael.

„Gerade von Ihnen würde ich mir wünschen, dass Sie auch die weniger gelungenen Seiten benennen, sofern Sie welche entdecken. Mir ist vollkommen bewusst, dass man eine junge Marke nicht allein dadurch verbessert, dass man sich ausschließlich bestätigen lässt, was man ohnehin gerne hören möchte.“

Ein kleines Schmunzeln folgte.

„Wobei ich natürlich hoffe, dass wir Ihnen wenigstens ein wenig Arbeit bei der Suche nach solchen Schwächen ersparen können.“

Theranos
meinte die Bemerkung scherzhaft, doch er wusste selbst, dass ein Teil davon durchaus ernst gemeint war. Er hatte viel Zeit, Geld und persönliche Begeisterung in Imperialis Sensus investiert. Selbstverständlich wollte er hören, dass diese Mühe zu guten Ergebnissen geführt hatte. Gleichzeitig wusste er, dass ein erfahrener Fachmann gerade dort noch Verbesserungspotenzial entdecken konnte, wo Theranos selbst längst zufrieden war.

Vielleicht würde ihm das im ersten Augenblick nicht gefallen.
Das war allerdings kaum ein Grund, darauf zu verzichten.
Anschließend richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Lilivienne.

„Ich möchte Ihnen jedenfalls keine Geschmacksrichtung aufdrängen, nur weil ich selbst Gefallen daran gefunden habe. Wir gehen die Auswahl in aller Ruhe durch, und Sie sagen mir einfach, was Ihnen zusagt und was nicht. Wenn Sie am Ende tatsächlich etwas für Ihren Weinkeller finden, würde mich das selbstverständlich freuen.“

Während das Personal die Verkostung vorbereitete, ließ Theranos seinen Blick noch einmal über die kleine Gesellschaft schweifen. Die Situation gefiel ihm. Sie war angenehm ungezwungen, obwohl sich hier mehrere Personen mit beträchtlichen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen gegenüberstanden.

Gerade das hatte er sich für Imperialis Sensus immer gewünscht, einen Ort, an dem Genuss und gute Gespräche zusammenfanden und an dem ein Glas Wein gelegentlich mehr bewirken konnte als ein förmlicher Empfang mit festgelegter Sitzordnung.

Allerdings bemerkte er auch, wie sehr er selbst inzwischen auf die bevorstehenden Reaktionen wartete.

Bei Lilivienne interessierte ihn, ob ihre offenkundige Wertschätzung für Kunst und Gestaltung sich auch auf die geschmackliche Seite seines Unternehmens übertragen würde. Bei Kael erwartete er ein wesentlich fachlicheres Urteil, das möglicherweise weniger angenehm ausfallen konnte, dafür aber umso aufschlussreicher sein dürfte. Und Kanto kannte seine Produkte bereits, hatte sich inzwischen jedoch offenbar das Ziel gesetzt, daraus etwas Eigenes zu entwickeln.

Theranos war sich durchaus bewusst, dass er gerade eine ungewöhnlich große persönliche Bedeutung in einige Gläser Wein hineinlegte.
Vielleicht war das unvermeidlich, wenn man etwas geschaffen hatte, auf das man wirklich stolz war.

Als die ersten vorbereiteten Gläser bereitstanden, nahm er eines davon zur Hand und betrachtete für einen Augenblick den hellgoldenen Inhalt. Die feinen Bläschen stiegen gleichmäßig auf, während sich das warme Licht der Präsentationsfläche darin spiegelte.

Dann hob er sein Glas leicht in Richtung seiner Gäste.

„Nun, meine Herrschaften. Auf die schönen Künste, auf interessante Begegnungen und hoffentlich auf einen Geschmack, der zumindest einen Teil der Erwartungen erfüllt, die wir mit dieser Präsentation geweckt haben.“

Er lächelte, bevor er mit einem kurzen Seitenblick zu Lilivienne noch ergänzte:

„Und vielleicht gelingt es uns heute sogar, das Problem eines bedauerlicherweise leeren Weinkellers auf Bastion zu lösen.“

Theranos
nahm einen kleinen Schluck und ließ das Glas anschließend langsam wieder sinken. Der vertraute Geschmack des Luxa Solis entfaltete sich auf seiner Zunge. Zunächst die weiche Frucht, die angenehme Leichtigkeit der Perlage und schließlich jene hellere, etwas trockenere Note, die er persönlich besonders schätzte.

Für einen Moment ließ er das Zusammenspiel wirken. Er kannte diesen Wein, hatte ihn oft genug probiert und über seine Entwicklung hinweg begleitet. Dennoch gehörte es zu seinen kleinen Gewohnheiten, auch bei vertrauten Sorten nicht einfach gedankenlos zu trinken.

Diesmal galt seine Neugier jedoch weniger dem Getränk als den Personen, die es nun kennenlernen sollten.

Er war auf Liliviennes Urteil gespannt. Sollte sie tatsächlich Gefallen an seinen Produkten finden, würde Theranos ihr den versprochenen Vorrat für Bastion nur zu gerne zusammenstellen lassen. Auch die Aussicht, dass seine Weine eines Tages in den gesellschaftlichen Kreisen der imperialen Hauptwelt ausgeschenkt werden könnten, war ihm keineswegs gleichgültig. Er wäre ein schlechter Geschäftsmann gewesen, hätte er die Bedeutung einer solchen Verbindung verkannt. Doch gerade jetzt, vor den ersten ehrlichen Reaktionen seiner Gäste, trat dieser mögliche Nutzen für einen Augenblick in den Hintergrund.

Bei aller politischen Erfahrung und dem beträchtlichen Einfluss, über den er inzwischen verfügte, konnte Theranos in dieser einen Angelegenheit schließlich wenig mehr tun, als seinen Gästen die Gläser zu reichen und auf ein gutes Ergebnis zu hoffen.

Und so wartete der Sektoradjutant des Prefsbelt-Sektors, der sich bei Verhandlungen über industrielle Großprojekte und erhebliche Summen meist ausgesprochen sicher fühlte, mit einer gewissen, beinahe ungewohnten Ungeduld darauf, was drei Gäste von seinem Wein halten würden.


[Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine-System | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | Ausstellungsflächen | Stand von Imperialis Sensus] Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Kanto Garison, Kael Reed sowie weitere Galagäste und Personal von Imperialis Sensus


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Zuletzt bearbeitet:
TEIL 2/2


[Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine-System | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | Ausstellungsflächen | Stand von Imperialis Sensus]
Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Kanto Garison, Kael Reed sowie weitere Galagäste und Personal von Imperialis Sensus

Plötzlich fiel sein Blick auf eine vertraute Gestalt am Rand des Präsentationsstandes. Zwischen den Besuchern, die sich für die ausgestellten Produkte interessierten, stand ein Offizier, den er auch ohne genauere Betrachtung wiedererkannt hätte.

Major Cestus Varro.

Die Überraschung war durchaus angenehm. Theranos wusste selbstverständlich, dass Teile der Blauen Legion auf Truuine im Einsatz standen, hatte angesichts der laufenden Operationen allerdings kaum damit gerechnet, ausgerechnet einen ihrer Bataillonskommandeure auf der Gala anzutreffen. Als sich ihre Blicke begegneten, zeigte sich ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht. Er wandte sich kurz an seine Begleiter.

„Wenn Sie mich für einen Augenblick entschuldigen würden. Ich habe gerade einen ehemaligen Offizier meiner Verwaltung entdeckt, den ich gerne begrüßen möchte. Sie befinden sich inzwischen ja in ausgezeichneten Händen, und ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

Mit einem höflichen Nicken entfernte er sich von der kleinen Gesellschaft und trat zu Cestus hinüber. Dessen förmlicher Salut erinnerte ihn unwillkürlich an die zahlreichen dienstlichen Begegnungen auf Prefsbelt IV. Es war ein vertrautes Bild, das angesichts der Eiswände, Kunstwerke und festlich gekleideten Gäste beinahe ein wenig fehl am Platz wirkte.

„Major Varro. Die Freude liegt ganz meinerseits. Es ist schön, Sie wiederzusehen. Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut?“

Theranos erwiderte die Begrüßung mit jener selbstverständlichen Höflichkeit, die er auch während seiner Amtszeit gegenüber den Offizieren der Blauen Legion gepflegt hatte. Er schätzte Cestus als pflichtbewussten und verlässlichen Mann, dessen Leistungen sich über längere Zeit hinweg bewährt hatten. Gerade bei Angehörigen der planetaren Streitkräfte war Theranos stets wichtig gewesen, dass zwischen Rang, persönlicher Bekanntschaft und tatsächlicher Leistung unterschieden wurde. Cestus hatte sich seine Stellung verdient, und daran hatte sich durch Theranos' eigene Beförderung nichts geändert. Über die Glückwünsche des Majors bedankte er sicht natürlich.

"Vielen dank Major, ich muss sagen ich war letztens auch sehr überrascht, aber genug von mir, wie steht es um Skybridge? Ich nehme an, die Operationen am Südpol verlangen Ihnen und Ihren Männern einiges ab.“

Die anschließenden Schilderungen des Majors bestätigten diese Vermutung.Theranos hörte aufmerksam zu, als Cestus von den befestigten Stellungen der Rebellen, den schwierigen Gefechten und den jüngsten Kämpfen am Bunkerhügel berichtete. Besonders die Tatsache, dass Skybridge trotz der Belastungen weiterhin einsatzfähig war, nahm er mit Genugtuung zur Kenntnis. Es war erfreulich, wenn eine Einheit, deren Entwicklung man über Jahre begleitet hatte, auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig ihren Auftrag erfüllte.

„Das freut mich zu hören, Major. Richten Sie Ihren Männern bei Gelegenheit meine Anerkennung aus. Ich weiß, dass solche Fortschritte unter den gegebenen Umständen einiges an Arbeit und Entbehrungen verlangen.“

Theranos
hätte durchaus noch die eine oder andere Frage zum Verlauf der Operationen gehabt. Doch dann erklärte Cestus, weshalb er ihn eigentlich aufgesucht hatte, und die erfreuliche Stimmung erhielt einen unerwarteten Dämpfer.

Ridley Solaris hatte ihm angeboten, das Kommando über seine Leibwache zu übernehmen.

Ausgerechnet jetzt?
Theranos ließ sich seine spontane Verstimmung zunächst kaum anmerken, doch innerlich war er wenig begeistert. Er hatte grundsätzlich nichts dagegen, wenn verdiente Offiziere neue Aufgaben übernahmen, zumal ein Wechsel zu den imperialen Sturmtruppen und eine Verwendung im unmittelbaren Umfeld eines Gouverneurs durchaus einen bedeutenden Karriereschritt darstellen konnten. Dennoch störte ihn der Zeitpunkt. Die Blaue Legion befand sich mitten in einem Feldzug, und Solaris wusste sicherlich, dass ein erfahrener Bataillonskommandeur während laufender Operationen nur schwer zu ersetzen war.

Ein teil von Theranos empfand die Nachricht sogar persönlicher, als es ihm lieb war.
Cestus gehörte zu jenen Offizieren, auf deren Verlässlichkeit er sich während seiner eigenen Gouverneurszeit hatte verlassen können. Es missfiel ihm, einen solchen Mann nun an eine andere Verwaltung zu verlieren, noch dazu auf einer Welt, deren Gouverneur gleichzeitig von der Unterstützung der Blauen Legion profitierte.

Er wusste allerdings auch, dass diese Regung etwas Besitzergreifendes hatte. Cestus war Offizier des Imperiums und kein persönlicher Gefolgsmann von Theranos Zesh. Ihm eine interessante berufliche Entwicklung aus bloßer Verbundenheit mit Prefsbelt IV zu missgönnen, wäre weder gerecht noch besonders vernünftig gewesen.

Trotzdem musste ihm der Zeitpunkt nicht gefallen.
Die Erwähnung Captain Aurelian Korffs als möglichen Nachfolger nahm er interessiert zur Kenntnis. Zumindest hatte der Major sich offenbar ernsthaft damit beschäftigt, welche Folgen sein Weggang für die Einheit haben würde.

„Das ist zweifellos ein ehrenvolles Angebot, Major. Und ich möchte Ihnen zunächst einmal dazu gratulieren, dass Gouverneur Solaris Ihnen eine solch einen Posten anvertraut.“


Theranos
hielt kurz inne, bevor er etwas ernster fortfuhr.

„Ich werde Ihnen allerdings auch nicht verschweigen, dass ich über den Zeitpunkt wenig glücklich bin. Skybridge befindet sich mitten in einem Feldzug, und einen erfahrenen Bataillonskommandeur verliert man unter solchen Umständen nur ungern. Umso mehr weiß ich zu schätzen, dass Sie selbst auf einen ordentlichen Abschluss Ihrer gegenwärtigen Verpflichtungen bestehen.“

Als Cestus erwähnte, dass Gouverneur T’rsop dem Vorhaben bereits grundsätzlich zugestimmt hatte, hob Theranos leicht die Brauen.
Diese Information war ebenfalls neu für ihn. Offenbar hatte sein Nachfolger bereits einige Entscheidungen treffen müssen, über die sie sich noch nicht ausgetauscht hatten.

Der Gedanke beschäftigte ihn für einen Augenblick länger, als er erwartet hätte.
Vor wenigen Wochen wäre eine solche Personalangelegenheit vermutlich noch auf seinem eigenen Schreibtisch gelandet. Nun war es T’rsops Aufgabe, die Interessen Prefsbelt IVs abzuwägen und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Theranos hatte ihm dieses Amt schließlich selbst zugetraut.
Es wäre widersinnig gewesen, seinem Nachfolger öffentlich Vertrauen auszusprechen und anschließend jede Entscheidung zu behandeln, als müsse sie erst seine persönliche Zustimmung finden.

„Wenn Gouverneur T’rsop bereits eingebunden ist und dem Wechsel grundsätzlich zugestimmt hat, ist die Angelegenheit auf planetarer Ebene offenbar schon ein gutes Stück vorangekommen.“

Ein leichtes Nicken folgte.

„Die Frage der Nachfolge wird selbstverständlich ordentlich geprüft werden müssen. Captain Korff mag Ihr bevorzugter Kandidat sein, doch die endgültige Beurteilung liegt bei den zuständigen Stellen. Ich bin sicher, dass Sie dafür eine entsprechende Empfehlung abgeben werden.“


Sein Blick ruhte wieder auf Cestus.

„Mit Gouverneur Solaris werde ich bei Gelegenheit selbst noch über den Vorgang sprechen. Gerade während laufender Operationen halte ich es für wichtig, dass solche Personalwechsel zwischen den beteiligten Verwaltungen vernünftig abgestimmt werden.“

Theranos
sagte es ruhig, ohne daraus eine Drohung oder einen Vorwurf gegen Cestus zu machen.
Seine Verärgerung galt ohnehin weniger dem Major als dem Umstand, dass eine bewährte Einheit möglicherweise einen ihrer wichtigsten Offiziere verlor. Dass Solaris für seine eigene Garde erfahrenes Personal gewinnen wollte, konnte Theranos sogar nachvollziehen. Er hätte es an dessen Stelle vermutlich ähnlich gehalten, wenngleich er gehofft hätte, dabei einen günstigeren Zeitpunkt abzupassen sowie auf eine Absprache zwischen den Kollegen für angemessen empfunden hätte.

Schließlich trat wieder ein etwas freundlicherer Ausdruck auf sein Gesicht.

„Was Ihre persönliche Entscheidung betrifft, Major, werden Sie von meiner Seite jedenfalls keine Hindernisse erwarten müssen. Sie haben dem Imperium und Prefsbelt IV über lange Zeit gute Dienste geleistet. Wenn sich Ihnen nun eine neue Aufgabe bietet, bei der Sie Ihre Fähigkeiten ebenso sinnvoll einsetzen können, werde ich Ihnen diese Gelegenheit gewiss nicht missgönnen.“

Er lächelte leicht.

„Auch wenn ich offen zugeben muss, dass ich es bedauere, Sie aus der Blauen Legion scheiden zu sehen.“

Diese Bemerkung meinte Theranos vollkommen ernst.
Cestus war für ihn über die letzte Zeit zu einem vertrauten Bestandteil jener militärischen Strukturen geworden, auf die er sich als Gouverneur hatte verlassen müssen. Solche Personen waren keineswegs beliebig austauschbar, und Theranos hatte zu viel Erfahrung mit Verwaltung und Personalfragen gesammelt, um sich darüber Illusionen zu machen.

„Sie kennen Ihre Verantwortung gegenüber Ihren Männern. Sorgen Sie dafür, dass Skybridge auch nach Ihrem Weggang vernünftig geführt werden kann. Alles Weitere wird sich auf dem vorgesehenen Dienstweg regeln lassen.“

Cestus
versicherte ihm daraufhin noch einmal ausdrücklich, dass er sein Bataillon erst nach einer ordentlichen Übergabe verlassen würde. Theranos nahm die Worte mit einem zufriedenen Nicken entgegen.

„Das habe ich von Ihnen auch nicht anders erwartet, Major.“


Für einen kurzen Moment hätte Theranos die Unterhaltung durchaus gerne fortgesetzt.
Er hätte sich nach weiteren Einzelheiten des Einsatzes erkundigen können, vielleicht auch danach, was Cestus persönlich bewogen hatte, sich auf die neue Aufgabe einzulassen. Doch ein Blick zurück zum Stand erinnerte ihn daran, dass er dort gerade drei Gäste zu einer Verkostung eingeladen hatte und sich bereits länger entfernt hatte, als ursprünglich beabsichtigt.

„Ich fürchte, ich muss Sie für den Augenblick wieder verlassen. Meine Gäste warten bereits auf mich. Aber es hat mich aufrichtig gefreut, Sie wiederzusehen, Major.“

Er reichte Cestus zum Abschied die Hand.

„Passen Sie auf sich und Ihre Männer auf. Und was Ihre neue Aufgabe betrifft, wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Ich hoffe, wir finden nach Abschluss Ihrer Operationen einmal Gelegenheit, uns etwas ausführlicher zu unterhalten.“

Nach einem festen Händedruck verabschiedeten sie sich voneinander, und Theranos wandte sich wieder dem Stand von Imperialis Sensus zu.

Während er die wenigen Schritte zu seinen Gästen zurücklegte, beschäftigte ihn das Gespräch allerdings noch immer. Er freute sich für Cestus, daran bestand kein Zweifel. Dennoch hatte die Nachricht einen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen. Vielleicht war es gerade das, woran er sich in seinem neuen Amt noch gewöhnen musste. Personen und Einrichtungen, für die er über Jahre unmittelbar verantwortlich gewesen war, entwickelten sich nun ohne seine tägliche Mitwirkung weiter. Manche Veränderungen würde er begrüßen, andere nur widerwillig hinnehmen können.

Und hin und wieder würde ihn eine Entscheidung vermutlich schlicht ärgern.
Er musste bei diesem Gedanken beinahe über sich selbst schmunzeln.
Offenbar war es leichter gewesen, das Gouverneursamt abzugeben, als sämtliche Gewohnheiten eines Gouverneurs gleich mit.


Als er wieder bei Lilivienne, Kanto und Kael eintraf, verdrängte er die Angelegenheit allerdings keineswegs vollständig.
Sie würde ihn später vermutlich noch beschäftigen, und ein Gespräch mit Solaris hatte er sich ebenfalls vorgenommen. Für den Augenblick gehörte seine Aufmerksamkeit jedoch wieder den Gästen.

„Verzeihen Sie bitte meine etwas längere Abwesenheit. Ein Offizier der Blauen Legion hatte einige Neuigkeiten für mich, die ich gerne persönlich entgegennehmen wollte.“

Er schenkte der kleinen Gesellschaft ein freundliches Lächeln und nahm sein Glas wieder zur Hand.
Sein Blick fiel zunächst auf Lilivienne und anschließend auf Kael, dessen fachliches Urteil ihn weiterhin besonders interessierte.

Der bevorstehende Wechsel eines verdienten Offiziers würde später noch genügend Raum in seinen Gedanken beanspruchen. Jetzt wollte Theranos für einige Augenblicke wieder etwas genießen, das ihm persönlich am Herzen lag.


[Innerer Rand | Manaan-Sektor | Truuine-System | Nahe Moraband | Gletscherhöhlen der Gala | Ausstellungsflächen | Stand von Imperialis Sensus] Theranos Zesh, Lilivienne Évarielle d’Oridin, Kanto Garison, Kael Reed sowie weitere Galagäste und Personal von Imperialis Sensus
 
[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Imperiales Basislager - Vor der Waffenkammer - Akolyth Vorn und Command Sergeant Rayk Sperber, weitere Soldaten in der Nähe ]

Wollte ihn der Typ verarschen? Erst sagte er, er würde die Details unterwegs erklären und nun war es ein „wie bereits gesagt“ gleich? Also entweder die Nummer mit der Verasche oder der Typ besaß das Gedächtnis von einem Insekt. Oder er hatte sogar noch mehr Schläge gegen den Kopf erhalten, als Vorn selbst und das war schon eine Leistung. Er erklärte also gar nichts, wenn man mal von dem Wort Tunnel absah. Das war zwar besser als nichts, aber auch nicht viel mehr, denn das sie in Räumen, Gängen oder eben Tunnel kämpfen würden, war dem Menschen schon klar gewesen.

Kommandant der Garde und hat selber keine Ahnung.

Ja, das war wahrscheinlicher. Ein riesiges Ego, aber gleichzeitig so ahnungslos wie der Akolyth (der laut
Aster nun ein Schüler war, doch dieses Detail wurde gerne ignoriert). Zumindest redete sich Vorn das ein, denn die Alternative wäre ein Schwachkopf als Anführer einer Eliteeinheit und er hatte bereits mit einer zusammen gekämpft und das wäre eine verdammte Schande gewesen, müsste man Befehle von einem vergesslichen Schwachsinnigen entgegen nehmen.

In der Waffenkammer nahm sich der rothäutige Hüne nur zwei Dinge, die er zuvor nicht eh schon besessen hatte. Eine Hand voll Splittergranaten, die er nicht nutzen wollte, um Wege aufzusprengen, sondern Rebellen zu verletzen und einen tragbaren Schild, der ganz offensichtlich noch einmal zusätzlich verstärkt worden war. Dennoch war er für normale Truppen konzipiert worden, weshalb er für Vorn kein Ganzkörperschild darstellte. Die wenigsten Schützen zielten jedoch auf die Füße, weshalb das schon gehen würde. Die Typen von der Werkstatt hatten ihn davon abgeraten den Schild zu spielen, doch diese Taktik war derart effektiv gewesen, dass der Akolyth sie zumindest so lange weiter nutzen wollte, bis die Rebellen sich eine Gegenmaßnahme überlegt hatten. Obschon er GEFÜHLT in die Feinde stürmen und um sich schlagen wollte, die Ausbildung bei Aster hatte ihn den Wert von strategischen Handeln gelehrt. Denn oh man, Vorn stellte nach wie vor eine gewaltige Zielscheibe dar.

Nach der Waffenkammer kam ein anderer Container, vor dem schon ein paar Truppenteile warteten. Sie beide gingen jedoch hinein, wobei Vorn seinen Schild draußen ließ, während die Granaten alle wunderbar Platz an seinem Gürtel gefunden hatten. Drinnen warteten eine Reihe von Personen, die bestimmt alle total wichtig waren und Entscheidungen trafen, die vor allem andere Imperiale das Leben kosten würden. Am auffälligsten war aber der Typ mit dem Trockenobstkopf und der schwarzen Uniform, der dann auch tatsächlich das Wort erhob. Kannte Vorn den Typen? Hatte er ihn schon in der Villa bzw. unter der selbigen gesehen? Gleich nach seiner Ankunft auf Truuine? Möglich. Xenos sahen ja dann doch alle irgendwie gleich aus bzw. die Erinnerung an sie verschmolz zu seiner undefinierbaren Masse, weshalb sie ja alle gleich aussahen.

Er begann mit der üblichen Begrüßungsfloskel, wobei seine Angewohnheit, Wir statt Ich zu sagen, wieder für einen kurzen Erinnerungsfunken in dem Hirn des Rothäutigen sorgte. Nach dem nun wirklich total überflüssigen Start musste er dann noch erwähnen, wie vielen seiner Leute die erbeuteten Informationen das Leben gekostet hatten. Es sei denn natürlich „hohe persönliche Opfer“ standen für Überstunden und durchgemachte Nächte. Faul wie Xenos von Natur aus waren, konnte sich Vorn das ganz gut vorstellen.

Dann, ENDLICH, kam er zum Punkt. Sie sollten einen mehr oder weniger „natürlichen“ Geheimgang nutzen, den wohl ein vorheriger Angriff des Imperiums geschaffen hatte. Wieso das Imperium davon wusste, aber die Rebellen nicht, wurde nicht angesprochen. Sobald sie drin waren, sollten sie das Kraftwerk erobern und da die Schwarzuniform explizit Erdwärme gesagt hatte, tauchten in Vorns Kopf sogleich ein paar Bilder von Hitze und Magma und Lava und all der Wi*hse auf, die ihn schon am Anfang seiner imperialen Reise beinahe in Asche verwandelt hätte. Er hätte auf eine zweite Runde verzichten können, doch noch waren ja keine Details erläutert worden.

Die kamen danach. Sie sollten versuchen das Lager der Rebellen einzuschmelzen, während das Kraftwerk selbst sicher auf felsigem Grund stand. Sie erhöhten also die Temperatur und ließen die Rebellen gleichzeitig wissen, dass sie es taten und das sie aufgeben sollten. Dafür mussten sie die Installation natürlich auch halten können.

Dafür eingesetzt wurde die Elite von Truuine und Vorn selbst unterstand
Sergeant Ahnungslos. Fantastisch.

„Die Rebellen sind feige, aber nicht dämlich.“ warf Vorn unvermittelt ein und war dabei mal wieder nicht bereit, sich an irgendwelche Protokolle zu halten, die man ihm vielleicht, vielleicht aber eben auch nicht irgendwann mal beigebracht hatte.
„Die sprengen doch sofort alle Verbindungen. Und dann überrennen sie uns.“

Vorn stand nicht auf und sah sich nicht demonstrativ um, denn er wusste ungefähr, mit wie vielen Mann sie dort aufschlagen würden. Und sie würden es im Herzen des Feindes tun. Selbst wenn die eigentliche imperiale Armee gleichzeitig besagten Frontalangriff startete, gab es immer noch genug verzweifelte Rebellen mit dem Rücken zur Wand, die diese plötzlich unter ihnen auftauchende imperiale Eingreiftruppe platt machen wollten.

Ein letzte vage Geste mit der Hand und der Akolyth fügte genervt hinzu: "Plan B sieht wie aus?" als er sich daran erinnerte, dass es ja um Fragen und nicht um Fakten ging.

[Innerer Rand - Manaan-Sektor - Truuine-System - Truuine - Südpolarkreis - Imperiales Basislager - Containerhanger - Akolyth Vorn und Command Sergeant Rayk Sperber, weitere Soldaten unterschiedlichster Einheiten und ihre (Unter)offiziere ]
 
[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Im Anflug auf das imperiale Basislager ] Major Cestus Varro sowie weitere Soldaten


Major Cestus Varro stand in voller Kampfausrüstung im Laderaum eines LAAT/i, der sich gemeinsam mit weiteren Transportern dem imperialen Basislager am Südpolarkreis von Truuine näherte. Das gleichmäßige Dröhnen der Triebwerke und die gelegentlichen Funksprüche aus dem Cockpit bildeten eine vertraute Geräuschkulisse, während er durch eines der Sichtfenster die unwirtliche Landschaft unter ihnen betrachtete.

Schneebedeckte Ebenen, dunkle Gesteinsformationen und ausgedehnte Aschefelder wechselten einander ab. Über weiten Teilen der Region lag eine dichte Wolkendecke, die das ohnehin schwache Licht verschluckte und dem Gelände ein beinahe gespenstisches Aussehen verlieh. Von der prachtvollen Kulisse der Gala der Kristallenen Klänge war hier jedenfalls nichts mehr zu erkennen.

Dabei lag sein Besuch auf der Gala erst wenige Stunden zurück.

Nach den Gesprächen mit Gouverneur T'rsop und Sektoradjutant Zesh hatte Cestus die Veranstaltung verlassen und war zunächst in seine Unterkunft zurückgekehrt. Dort hatte er die Galauniform abgelegt, eine kurze Dusche genommen und sich wieder in seine gewohnte Feldausrüstung begeben. Ein Energieriegel und etwas Wasser hatten anschließend als improvisierte Mahlzeit herhalten müssen, bevor er seine Ausrüstung überprüft und sich zur Abreise gemeldet hatte.

Für ausgedehnte Überlegungen über seine zukünftige Laufbahn war dabei kaum Zeit geblieben.

Immerhin hatte er innerhalb eines einzigen Tages ein Angebot zum Wechsel in die imperialen Sturmtruppen erhalten, mit dem amtierenden Gouverneur von Prefsbelt IV gesprochen und sich auch noch den persönlichen Segen seines ehemaligen Vorgesetzten Theranos Zesh eingeholt. Die entsprechenden Anträge, Genehmigungen und Personalentscheidungen würden noch folgen, doch zumindest waren die grundsätzlichen Voraussetzungen für seine Versetzung geschaffen.

Ein bemerkenswertes Ergebnis für einen Tag.

Allerdings war Cestus noch immer Major der Blauen Legion, und seine Männer standen weiterhin im Einsatz. Solange daran nichts geändert wurde, hatten diese Verpflichtungen für ihn Vorrang.

Für die Rückkehr an den Südpol hatte man ihm einen Platz in einem der Transporter zugewiesen, die gemeinsam mit rund einem Dutzend weiterer LAAT/i frische Truppen, Ausrüstung und Nachschub in die umkämpfte Region brachten. Bereits vor dem Abflug war ihm mitgeteilt worden, dass unmittelbar nach seiner Ankunft ein weiterer Einsatz auf ihn wartete. Die entsprechenden Informationen hatte er sich während des Fluges übermitteln lassen.

Offenbar plante man eine kleinere, aber durchaus bedeutende Operation gegen die Rebellenhochburg Port Ryloth.

Ein bislang unbekannter Zugang sollte es imperialen Kräften ermöglichen, die äußeren Verteidigungsstellungen zu umgehen und unmittelbar in das Innere der Stadt vorzudringen. Die Einzelheiten waren in den vorläufigen Unterlagen allerdings noch nicht vollständig ausgeführt. Dafür ging bereits aus der Einsatzübersicht hervor, welche Kräfte für die Operation vorgesehen waren.

Ein Zug Aquatrooper unter dem Kommando eines gewissen Command Sergeant Rayk Sperber sollte gemeinsam mit einem Zug der Blauen Legion eingesetzt werden. Letzteren würde Cestus persönlich führen, während Captain Korff mit den übrigen Kräften des Skybridgebataillons weiterhin die Operationen am Bunkerhügel fortsetzte.

Cestus hatte sich noch vor seiner Abreise über die aktuelle Lage bei Korff informiert und die notwendigen Absprachen getroffen. Sein Stellvertreter kannte die Situation vor Ort und verfügte über ausreichend Erfahrung, um die laufenden Kampfhandlungen auch ohne ihn fortzuführen.

Dennoch war es eine ungewöhnliche Konstellation.
Als Bataillonskommandeur selbst einen einzelnen Zug in eine Sonderoperation zu führen, gehörte sicherlich nicht zu seinen alltäglichen Aufgaben. Allerdings sprach auch nichts dagegen, dass ein Major gelegentlich persönlich dort eingesetzt wurde, wo seine Erfahrung von Nutzen sein konnte. Vor allem, wenn es sich um einen Auftrag handelte, dessen Erfolg möglicherweise den weiteren Verlauf des Feldzuges beeinflussen würde.

Wesentlich interessanter erschien ihm ohnehin die Zusammenarbeit mit den Aquatroopern.
Ausgerechnet mit jener Truppengattung, der er in absehbarer Zeit selbst angehören sollte, würde er nun gemeinsam in den Kampf ziehen.
Vielleicht ergab sich dabei sogar die Gelegenheit, einen ersten Eindruck von seiner möglichen zukünftigen Einheit zu gewinnen.

Als der Transporter schließlich seinen Sinkflug begann, richtete Cestus seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart. Unter ihnen wurden bereits die ersten Befestigungen, Containerstellungen und Landeflächen des Basislagers sichtbar. Zwischen den Einrichtungen bewegten sich Fahrzeuge und zahlreiche Soldaten, während weitere Transporter auf den vorgesehenen Flächen landeten oder bereits wieder abhoben.

Cestus überprüfte ein letztes Mal seine Ausrüstung.
Eine Operation im Inneren einer feindlichen Stadt konnte schnell unübersichtlich werden. Vor allem, wenn die eigenen Kräfte zahlenmäßig unterlegen waren und sich auf einen einzigen Zugang verlassen mussten. Andererseits bot ein erfolgreicher Vorstoß hinter die gegnerischen Linien Möglichkeiten, die ein weiterer verlustreicher Frontalangriff kaum erreichen konnte.

Entscheidend würde sein, welches Ziel man tatsächlich verfolgte und wie die Einsatzleitung den anschließenden Rückzug oder die Sicherung der Stellung vorgesehen hatte.

Wenig später setzte der LAAT/i auf.



[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Imperiales Basislager ] Major Cestus Varro sowie weitere Soldaten


Kaum hatte der LAAT/i aufgesetzt, setzte Cestus seinen Helm auf womit. Mit einem kurzen Handgriff überprüfte er den sicheren Sitz, ehe er den Transporter verließ.

Draußen schlug ihm der eisige Wind des Südpols entgegen. Feiner Schnee und schwarze vulkanische Asche wirbelten über das Landefeld und legten sich bereits nach wenigen Schritten auf die dunkelblauen Panzerplatten seiner Kampfrüstung.

Cestus betrachtete kurz die ersten Ablagerungen auf seinem Unterarm. Kaum zurück an der Front, und schon war die Ausrüstung wieder schmutzig.

„Wunderbar. Genau so hatte ich es hier in Erinnerung.“

Mit einem leisen Schmunzeln unter seinem Helm setzte er sich in Bewegung.

Das Lager selbst hatte sich seit seinem letzten Aufenthalt weiterentwickelt. Zusätzliche Container, provisorische Befestigungen und eine wachsende Zahl abgestellter Fahrzeuge zeugten davon, dass die imperialen Streitkräfte ihre Präsenz in dieser unwirtlichen Region erheblich ausgebaut hatten. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Techniker arbeiteten an Fahrzeugen, Soldaten transportierten Ausrüstung und zwischen den Unterkünften bewegten sich kleinere Gruppen auf dem Weg zu ihren jeweiligen Aufgaben.

Die schwarze Asche schien dabei niemanden besonders zu verschonen.
Nach den sauberen Marmorböden, prachtvollen Eisgalerien und kunstvoll beleuchteten Ausstellungsflächen der vergangenen Stunden war die Rückkehr in diesen Teil von Truuine jedenfalls eine deutliche Umstellung. Trotzdem empfand Cestus eine gewisse Zufriedenheit darüber, wieder an der Front zu sein.

Hier kannte er sich aus.
Bei einem Angehörigen des Lagerpersonals erkundigte er sich nach dem Ort der laufenden Einsatzbesprechung. Wenig später hatte er den entsprechenden Containerhangar erreicht, vor dem bereits weitere Soldaten und Ausrüstungsgegenstände auf ihren Einsatz warteten.
Cestus öffnete die Tür und trat ein.



[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Imperiales Basislager / Containerhangar ] Major Cestus Varro, Agent Xie Yazhu, Command Sergeant Rayk Sperber, Akolyth Vorn Meri sowie weitere Soldaten der Aquatrooper und Blauen Legion


Im Inneren des Containers war die Besprechung bereits in vollem Gange.

Vor den versammelten Soldaten stand ein Arconier in schwarzer Uniform, dessen Erscheinungsbild Cestus sofort als ungewöhnlich auffiel. Der Mann war ihm persönlich unbekannt, allerdings hatte die vorläufige Einsatzübersicht einen gewissen Agent Xie Yazhu vom ISB als einen der Verantwortlichen aufgeführt. Offenbar handelte es sich um genau diesen Mann.

Auf einem Holotisch war eine schematische Darstellung von Port Ryloth zu erkennen.
Da Cestus die Besprechung nicht unnötig unterbrechen wollte, begab er sich zunächst an den Rand des Raumes und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Ausführungen des Agenten.

„Ihre Aufgabe ist also denkbar simpel. Nehmen Sie das Kraftwerk ein, drehen Sie die Temperatur hoch, legen dem Feind über eine allgemeine Durchsage die Situation dar und halten Sie das Kraftwerk, bis man keine andere Wahl hat, als sich zu fügen.“

Cestus betrachtete die holografische Darstellung aufmerksam.
Ein Erdwärmekraftwerk also.
Damit wurden die bislang eher allgemeinen Informationen aus seiner Einsatzübersicht wesentlich konkreter. Die kleine Eingreifgruppe sollte das Kraftwerk der Stadt erobern und anschließend dessen Heizleistung erhöhen, um die Rebellen durch die drohende Zerstörung ihrer eigenen Befestigungen zur Kapitulation zu zwingen.

Ein durchaus interessanter Ansatz, wie Cestus fand.

Er musste zugeben, dass die Idee eine gewisse strategische Eleganz besaß. Anstatt weitere Truppen gegen die befestigten Stellungen von Port Ryloth zu werfen, wollte man die besonderen Umweltbedingungen der Stadt gegen ihre Verteidiger einsetzen. Gelang der Plan, könnte die Operation tatsächlich zu einem raschen Ende der Kampfhandlungen beitragen.

Allerdings war die eigentliche Einnahme des Kraftwerks vermutlich noch der unkomplizierteste Teil.
Eine kleine imperiale Eingreifgruppe mitten im feindlichen Gebiet musste ihre Stellung anschließend gegen sämtliche verfügbaren Gegenmaßnahmen halten können. Sobald die Rebellen begriffen, welche Absicht hinter dem Angriff steckte, würden sie vermutlich alles daransetzen, die Anlage zurückzuerobern oder zumindest unbrauchbar zu machen.

Und wenn der Gegner bereit war, die eigene Stadt zu opfern, konnte aus einer vermeintlich sicheren Stellung sehr schnell eine Falle werden.
Cestus hörte weiter zu, während Yazhu die Zusammensetzung des Einsatzverbandes erläuterte.
Aquatrooper, ein Zug Veteranen der Blauen Legion und die zusätzliche Unterstützung eines Machtnutzers.
Bei Letzterem wanderte sein Blick beinahe automatisch durch die Reihen, bis er tatsächlich eine bekannte Gestalt entdeckte.

Vorn Meri.

Der hünenhafte Akolyth war also wieder aufgetaucht.

Cestus hatte zuletzt während der Kämpfe am Bunkerhügel mit ihm zusammengearbeitet und sich anschließend noch mit dem unerwarteten Verschwinden der beiden Machtnutzer befassen müssen. Dass Meri nun wieder unter den imperialen Soldaten saß, war zumindest eine erfreuliche Entwicklung.

Die auffällige Verletzung an dessen Auge entging ihm allerdings keineswegs.
Offenbar hatte der Akolyth seit ihrer letzten Begegnung einiges durchgemacht. Was genau geschehen war, würde Cestus bei Gelegenheit sicherlich noch interessieren. Im Augenblick bestand jedoch kein Anlass, den Akolythen danach zu fragen.

Einige Angehörige der Blauen Legion hatten den Major inzwischen bemerkt. Unter den Soldaten seines Bataillons ging ein kaum merkliches Aufmerken durch die Reihen, als ein paar ihren Kommandeur erkannten. Einer der Männer straffte unwillkürlich seine Haltung, während ein anderer mit einem kurzen Grinsen und einem anerkennenden Nicken reagierte.

Cestus erwiderte die stillen Begrüßungen.

Er kannte diese Soldaten und hatte mit einigen von ihnen bereits zahlreiche Einsätze bestritten. Dass ihr eigener Bataillonskommandeur nun persönlich an dieser Operation teilnahm, schien zumindest niemanden zu stören.

Als Agent Yazhu schließlich die Möglichkeit für Fragen eröffnete, meldete sich ausgerechnet der Akolyth zu Wort.

„Die Rebellen sind feige, aber nicht dämlich. Die sprengen doch sofort alle Verbindungen. Und dann überrennen sie uns.“

Cestus richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Vorn.

Eine durchaus berechtigte Feststellung.

Der Major hatte während seiner bisherigen Dienstzeit oft genug erlebt, wie schnell ein eigentlich überzeugender Plan an einer einzigen falschen Annahme scheitern konnte. Und die Bereitschaft der Rebellen, ihre eigene Infrastruktur zu zerstören, war eine Möglichkeit, die man keinesfalls unterschätzen durfte.

„Plan B sieht wie aus?“, ergänzte Meri schließlich.

Cestus hätte die Frage vermutlich etwas anders formuliert, doch der Inhalt traf genau jenen Punkt, über den auch er seit Beginn der Erläuterungen nachgedacht hatte.

Er war entsprechend gespannt auf die Antwort des ISB-Agenten.

Zunächst galt es für ihn allerdings noch, seine eigene Anwesenheit offiziell bekanntzugeben. Schließlich war er erst während der laufenden Besprechung eingetroffen und hatte sich bisher bewusst im Hintergrund gehalten.

Bevor der Agent sich zu Meris frage äußern konnte, trat Cestus einige Schritte vor, nahm eine aufrechte Haltung ein und wandte sich an den Arconier.

„Verzeihen Sie die unterbrechung. Major Cestus Varro, Kommandeur des ersten Bataillons Skybridge der Blauen Legion. Ich bin soeben im Basislager eingetroffen und wurde für diese Operation zur Führung des zugeteilten Zuges der Blauen Legion abgestellt.“

Sein Blick wanderte noch einmal über die Darstellung von Port Ryloth, ehe er sich wieder dem Agenten zuwandte.

„Die grundlegenden Informationen zum Einsatz habe ich bereits während des Anfluges erhalten. Von meiner Seite bestehen vorerst keine zusätzlichen Fragen.“

Die bereits aufgeworfenen Bedenken des Akolythen bedurften ohnehin noch einer Antwort, weshalb Cestus keinen Grund sah, dieselben Überlegungen ein weiteres Mal vorzubringen.

Nachdem er seine Meldung beendet hatte, trat er etwas zur Seite und ließ seinen Blick noch einmal über die versammelten Soldaten wandern, während er auf die Antwort des Agenten auf Vorns Frage wartete.


Ein Zug Aquatrooper, seine eigenen Legionäre und Vorn Meri als zusätzliche Unterstützung.

Auf dem Papier eine durchaus schlagkräftige Zusammenstellung. Cestus wusste aus eigener Erfahrung, wozu seine Soldaten imstande waren, und hatte auch Meris Fähigkeiten bereits im Gefecht erlebt. Den Command Sergeant der Aquatrooper würde er dagegen erst noch kennenlernen müssen.

Auch die genaue Abstimmung der beiden Züge musste spätestens vor dem Abmarsch erfolgen. Cestus wollte wissen, welche Aufgaben seine Männer innerhalb der Formation übernehmen sollten, wie die Kommunikation organisiert war und auf welche Weise man reagieren würde, falls der ursprüngliche Plan nicht aufging.

Gerade bei einer Operation dieser Größenordnung konnten solche Einzelheiten über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Für den Augenblick wartete er jedoch die weiteren Ausführungen der Einsatzleitung ab.

Vor wenigen Stunden hatte er noch zwischen hochrangigen Würdenträgern auf einer imperialen Gala gestanden und über seine zukünftige Laufbahn gesprochen. Nun befand er sich wieder unter seinen Soldaten und bereitete sich auf einen Vorstoß in das Herz einer feindlichen Stadt vor.

Cestus musste bei dem Gedanken beinahe schmunzeln.
Wenigstens würde ihm so niemand vorwerfen können, er verbringe zu viel Zeit hinter einem Schreibtisch oder auf Veranstaltungen.


[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Südpolarkreis / Imperiales Basislager / Containerhangar ] Major Cestus Varro, Agent Xie Yazhu, Command Sergeant Rayk Sperber, Akolyth Vorn Meri sowie weitere Soldaten
 
[Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Nahe Moraband / Gletscherhöhlen der Gala / Ausstellungsflächen / Stand von Imperialis Sensus] Kael Reed, SA Theranos Zesh, Gouverneurin Lilivienne Évarielle d'Oridin, Gouverneur Kanto Garison, Sarina (NSC), Ramo Carroon (NSC), Personal von Imperialis Sensus und weitere Galagäste

Zumindest Theranos nahm Kaels etwas voreiligen Griff zum ersten Glas erstaunlich gelassen hin. Dass er den ersten Schluck gern unmittelbar miterlebt hätte, ließ sich seiner Reaktion durchaus entnehmen, interessanter war jedoch, dass er den unbeeinflussten Eindruck anschließend nicht als verlorene Gelegenheit, sondern als möglichen Vorteil begriff. Wer ausdrücklich um ein fachliches Urteil bat, obwohl das Ergebnis ebenso gut unangenehm ausfallen konnte, verdiente zumindest die Gelegenheit zu beweisen, dass er diese Kritik auch tatsächlich hören wollte. „Dann war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass Sie den ersten Schluck verpasst haben.“

Er hob Luxa Solis Frizzante ein wenig in Richtung des Sektoradjutanten.

„Bei den nächsten sagen Sie mir am besten nur, was ich im Glas habe. Den Rest finde ich lieber selbst heraus. Was geplant war können sie mir immer nachträglich erläutern, so kommen wir am sinnvollsten ins Ziel.“

Kael hatte im Laufe seines Lebens genügend Verkostungen erlebt, bei denen man einem Gast zunächst erklärte, welche Früchte er gleich zu entdecken hatte, um sich anschließend ausgesprochen zufrieden darüber zu zeigen, dass dieser genau jene Früchte im Glas wiederfand. Für den Verkauf mochte das funktionieren, für alles, was über eine angenehme Bestätigung des Etiketts hinausging, deutlich weniger. Lilivienne führte die Unterhaltung für einen Moment zurück zum Vorabend und erwähnte, dass Vara Selaris Vael selbst nach dem Verlassen der Bar noch genügend Eindruck hinterlassen hatte, um sie bis in den Schlaf zu begleiten. Kael nahm das Kompliment ohne falsche Bescheidenheit an. Er wusste, dass er am Flügel gut gewesen war und sah keinen Grund, so zu tun, als käme diese Erkenntnis überraschend.

„Dann nehme ich das gern als Kompliment.“, Ihr anschließender Hinweis auf seine Pflichten als Connaisseur lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf das Glas. „Für ein Urteil ist es noch etwas früh. ein Glas reicht mir dafür nicht.“ Zesh hatte um eine ehrliche Einschätzung gebeten und damit war die Sache im Grunde geklärt. Die anschließenden Erklärungen bestätigten im Wesentlichen, was der Stand bereits hatte erkennen lassen. Marrons Anteil an Entwicklung und Produktion gab dem Ganzen zusätzlich Substanz und die bewusste Beschränkung des Sortiments passte zu einer jungen Marke, die immerhin nicht gleichzeitig versuchte, Wein, Schmuck, Glas, Interieur und alles dazwischen in möglichst kurzer Zeit mit demselben Logo zu versehen. Das Grundgerüst war brauchbar. Ob es nach einigen Marktjahren, wiederkehrenden Käufen und ohne den Reiz des Neuen noch genauso überzeugend wirkte, musste niemand an diesem Nachmittag entscheiden. Theranos' eigentliche Frage war ohnehin interessanter.

„Beim Stand sehe ich inzwischen ziemlich gut, wo Sie hinwollen.“, Kaels Blick glitt über die Präsentation und zurück zu Zesh. „.Schön aussehen können viele, es muss halt zur Ware passen“

Während Theranos die fünf Linien vorstellte, beschränkte Kael sich darauf zuzuhören. Classic weckte mit seiner zurückhaltenderen Frucht und der stärkeren Betonung von Struktur unmittelbar mehr persönliches Interesse. Rosa Aurea klang beinahe verdächtig vernünftig. Rubor Nobilis fiel vor allem dadurch auf, wie häufig bei seiner Beschreibung Worte wie weich, samtig und harmonisch vorkamen und Argentum stellte mit Pinot Gris, kurzer Maischestandzeit und deutlich zurückhaltenderem Aromengerüst bereits auf dem Papier mehr Fragen als die übrigen Neuheiten. Er wollte Wein im Glas, keine Produktbroschüre im Kopf.

Als Theranos auf die Gläser zu sprechen kam, nahm Kael eines der ausgestellten Stücke zwischen die Finger und betrachtete Kelch, weiteste Stelle und Öffnung etwas genauer.


„Da bin ich bei Ihnen. Wenn Sie die Gläser aber als Teil des Produkts verstehen, müssen sie mehr können als gut aussehen.“ Er drehte das Glas langsam. „Oberfläche, Kelchvolumen, Kopfraum und Öffnung verändern, wie sich flüchtige Komponenten oberhalb des Weines sammeln und wie konzentriert sie mir an der Nase begegnen. Das ist nachvollziehbar, reproduzierbar und genau deshalb interessant.“ Das Glas wanderte wieder auf den Tisch. „Wenn mir dagegen jemand erklären möchte, die Kante seines Kelches treffe exakt die richtige Stelle meiner Zunge und mache dadurch einen sauren Wein plötzlich süßer, würde ich vorher gern seine Daten sehen.“ Ein leichter Zug lag um seine Mundwinkel. „Ein gutes Glas kann einen Wein besser zeigen. Retten sollte es ihn nicht müssen.“ Er deutete auf Classic. „Den hätte ich deshalb gern zweimal. Gleiche Menge, gleiche Temperatur, einmal im neutralen Verkostungsglas und einmal in Ihrer vorgesehenen Form.“

Das Personal ergänzte Wasser, neutrales Gebäck und einen Degustationsspucknapf, während Kantos angekündigter Governor vorerst unangetastet blieb. Was Quarzflechten und Cocktailrezepturen aus Luxa Solis machten, konnte später interessant werden, zunächst wollte Kael wissen, was der Wein selbst konnte. Er hob das Glas beim gemeinsamen Toast kurz an und kehrte danach zum Frizzante zurück.

Die Perlage stieg fein und gleichmäßig auf. In der Nase stand Guave klar vorn, dahinter Aprikose und jener grünere exotische Eindruck, den Theranos als Kiwi beschrieben hatte und den Kael beim zweiten Ansatz ebenfalls dort einordnete, weniger plakativ als verbindendes Element zwischen reifer Steinfrucht und einer frischeren Seite des Weines. Der erste kleine Schluck bestätigte diesen Eindruck. Die Aprikose gewann gegenüber der Nase etwas an Gewicht, während der helle Honig erst dahinter erschien und aromatisch deutlicher wirkte, als er sensorisch tatsächlich süß erschien. Spannender wurde der Ausklang, in dem sich getrocknete Limettenschale mit einem leicht herben, phenolischen Griff gegen die weichere Frucht stellte und genau jene Breite verhinderte, die Guave, Aprikose und Honig sonst ziemlich schnell hätten entwickeln können.

Kael nahm noch einen kleinen Schluck, bevor er sich die stille Version reichen ließ. Ohne Perlage stand die eigentliche Grundanlage offener da. Die Guave wirkte breiter, der Honig trat früher hervor und die Limettenzeste musste deutlicher gegenhalten. Im Frizzante erschien der Wein straffer und lebendiger, wobei Kael diesen Eindruck nicht vorschnell mit einer anderen Säurestruktur des Grundweins verwechselte. Kohlensäure brachte einen eigenen Reiz mit und veränderte sowohl Frische als auch Aromawahrnehmung, weshalb ihn später Gesamtsäure, pH und gelöstes CO₂ mindestens ebenso interessierten wie die bloße Frage, welche Variante gefälliger wirkte. Beide Fassungen ergaben damit erkennbar unterschiedliche Eindrücke und nun wollte er wissen, ob dieser Unterschied bereits im Keller angelegt war. Bevor er Theranos fragen konnte, erschien ein Offizier am Rand des Standes und zog die Aufmerksamkeit des Sektoradjutanten auf sich. Major Varro, ehemaliger Offizier seiner Verwaltung. Kael nickte auf die Entschuldigung lediglich.


„Natürlich.“

Das anschließende Gespräch ging ihn nichts an. Während Theranos einige Schritte entfernt beschäftigt war, ließ Kael nur die beiden Classic-Proben vorbereiten und blieb ansonsten beim Luxa. Je länger er sich mit dem Wein beschäftigte, desto weniger suchte er nach einem Fehler und desto mehr störte ihn etwas anderes. Der Luxa schmeckte beinahe wie eine noch nicht vollständig gedachte Arvessa. Petite Arvine und Nascetta boten sich nicht deshalb an, weil man zwei Aromalisten zusammenwerfen und anschließend auf das gewünschte Ergebnis hoffen konnte, sondern weil beide Sorten interessante Ausgangspunkte für genau jene Richtung mitbrachten, die im bestehenden Wein bereits angelegt war. Arvine wegen ihrer natürlichen Säure, Grapefruit, exotischeren Aromatik und einer etwas strafferen phenolischen Seite, Nascetta wegen Steinfrucht, Zitrus und jener Fähigkeit, mit Entwicklung hellere Honignoten auszubilden. Die eigentliche Arbeit begann danach bei der Selektion, bis genügend dieser Eigenschaften in einer brauchbaren Kombination zusammenkamen, ohne dass die Nachkommenschaft in übertriebene Aromatik kippte oder ihre Säure während der physiologischen Reife verlor. Ein kleines Projekt wäre das keineswegs, allerdings eines, das aus Luxa Solis irgendwann mehr machen könnte als einen sehr sauber komponierten Wein.

Theranos kehrte zurück, ehe Kael sich weiter darin verlor.


„Schon gut. Ich hatte genug zu tun.“

Er nahm Luxa Solis Frizzante wieder auf.

„Sie wollten eine ehrliche Meinung. Der Wein funktioniert. Die Frucht ist sauber getrennt, die Perlage fein und entscheidend ist für mich der Schluss. Ohne Säure und diesen leicht phenolischen Zug der Limettenzeste würden Guave, Aprikose und Honig schnell zu breit. So bleibt er zugänglich, ohne beliebig zu werden.“

Er deutete auf die stille Vergleichsprobe.

„Bei der Stillweinvariante merkt man stärker, wie weich die Grundidee eigentlich ist. Beim Frizzante wirkt sie straffer, wobei ich wissen möchte, wie viel davon tatsächlich im Grundwein steckt und wie viel das CO₂ beiträgt. Sind beide Versionen getrennt vinifiziert und wie erzeugen Sie die Perlage? Zweite Gärung, Drucktank oder direkte Karbonisierung? Dazu hätte ich gern den Zieldruck beziehungsweise das gelöste CO₂. Dann kann ich besser auseinanderhalten, wo der Unterschied tatsächlich gebaut wird.“

Kael ließ das Glas ein wenig sinken.

„Und der Luxa erinnert mich an etwas, das es bislang noch gar nicht gibt. Eine unfertige Arvessa, wenn Sie so wollen.“

Theranos bekam einen kurzen Moment, den Namen überhaupt einzuordnen.

„Petite Arvine und Nascetta wären für mich interessante Ausgangssorten. Arvine wegen Säure, Grapefruit, exotischer Frucht und der strafferen phenolischen Seite, Nascetta wegen Steinfrucht, Zitrus und späterer Honigentwicklung. Danach müssten Sie selbstverständlich selektieren, bis Sie genau jene Kombination bekommen, die Ihnen diese Richtung mit genügend Säurestabilität tatsächlich liefert.“

Kaels Blick ging noch einmal zum Frizzante.

„Das Ziel steht im Grunde bereits hier. Ich würde irgendwann versuchen, einen größeren Teil davon in die Rebe selbst zu verlagern, statt dauerhaft alles im Keller zusammenführen zu müssen. Dann hätten Sie eine wirkliche Signatur.“

Luxa wanderte zur Seite. Vor ihm standen inzwischen die beiden kleinen Classic-Proben, links das neutrale Referenzglas und daneben die von Imperialis Sensus vorgesehene Form. Kael nahm zunächst das Referenzglas, schwenkte knapp und führte es an die Nase. Zitrus eröffnete, gefolgt von Apfel und einer trockeneren Birne, während eine hellere Nussigkeit tiefer lag und sich noch nicht eindeutig Sorte, Hefe, Sauerstoff oder Ausbau zuordnen ließ. Im Hausglas erschien die Aromatik etwas fokussierter. Zitrus und Apfel wirkten enger zusammengeführt und die nussige Seite ließ sich früher greifen, ohne dass der Unterschied spektakulär wurde.

Er probierte zuerst aus dem Referenzglas, anschließend aus dem Hausglas und spuckte beide kleinen Proben nach der Beurteilung aus. Die Säure stand präziser als beim Luxa, die Frucht blieb zurückhaltender und die Struktur benötigte deutlich weniger unmittelbare Aromatik, um interessant zu bleiben. Das Hausglas bündelte diesen Eindruck etwas stärker und machte die nussige Seite früher greifbar, mehr musste es auch nicht.

Classic Frizzante folgte danach und zeigte dieselbe Linie straffer. Zitrus und Apfel rückten stärker nach vorn, die Birne erschien schmaler und die Nussigkeit trat etwas zurück, während die Perlage zusätzliche Frische in die Wahrnehmung brachte. Die Richtung lag Kael deutlich mehr, trockener, strukturierter und weniger darauf angewiesen, bereits in der Nase jeden Gast abzuholen. Er stellte das Glas ab.


„Der Classic gefällt mir bisher besser.“

Er sah Theranos an.

„Nicht weil er spektakulärer wäre. Gerade nicht. Die Säure trägt ihn, die Frucht bleibt kontrollierter und die Struktur muss sich nicht hinter Primäraromatik verstecken. Was mich interessiert, ist die Nussigkeit. Sorte, Hefelager, Sauerstoff, Holz? Und wie handhaben Sie die biologische Säureumwandlung?“

Sein Finger berührte kurz den Stiel des Hausglases.

„Die Glasform funktioniert. Der Effekt ist klein, aber nachvollziehbar. Mehr brauche ich davon auch nicht.“

Classic stellte allerdings dieselbe Grundfrage wie Luxa, nur aus einer vollkommen anderen Richtung. Als Ausgangspunkt für eine eigene Signaturrebe drängten sich Erbaluce und Timorasso auf, die eine wegen Säurestabilität, Zitrus, Apfel und mandelig-trockener Präzision, der andere wegen Extrakt, Struktur und jener nussigeren Entwicklung, die einem vollkommen trockenen Wein genügend Gewicht geben konnte.

„Wenn Sie noch ein zweites langfristiges Züchtungsprojekt suchen, würde ich bei Erbaluce und Timorasso anfangen. Valeruce als Arbeitsname.“

Ein leichter Zug lag um seine Mundwinkel.

„Auch dort müssten Sie natürlich selektieren, bis Sie tatsächlich bekommen, was Sie suchen. Arvessa wäre die sinnlichere, exotischere Seite, Valeruce trockener, kühler und struktureller. Zwei Signaturen, die miteinander verwandt wirken können, ohne einfach dieselbe Grundidee mit anderer Dosage zu sein.“

Nach einem Schluck Wasser und etwas neutralem Gebäck folgte Rosa Aurea. Der Rosé lag ausgesprochen hell im Glas und bewegte sich genau in jener optischen Richtung, die seit Generationen zuverlässig Sommer verkaufte. In der Nase standen Erdbeere, Himbeere, weißer Pfirsich und Grapefruit sauber nebeneinander, ohne dass eine Komponente alles andere übernahm. Am Gaumen blieb der Wein trocken bis an jene Grenze, an der Kael die genaue Restzuckerzahl sehen wollte, weich genug, um ausgesprochen leicht zugänglich zu sein und mit genügend Säure, dass die rote Frucht nicht stehenblieb. Einen offensichtlichen Fehler fand er nicht, allerdings zunächst ebenso wenig, das ihn nachhaltig beeindruckte.

Beim zweiten kleinen Schluck konzentrierte er sich stärker auf den Ausklang. Die Grapefruit war aromatisch klar vorhanden, daneben blieb ein leicht herber, zestenartiger Eindruck zurück, der deutlich interessanter war als die bloße Fruchtbeschreibung. Die Frizzante-Version hob genau diese Seite stärker hervor, machte die roten Früchte leichter und schob den Wein noch deutlicher in Richtung Aperitif.


„Der Rosé ist vermutlich der sicherste Entwurf hier. Sauber, zugänglich und wahrscheinlich leicht zu verkaufen.“

Kael stellte die stille Probe vor sich.

„Gerade deshalb muss er mir irgendwann beantworten, weshalb ich in drei Jahren genau Ihren kaufen soll. Direktpressung oder kurze Maischestandzeit? Und wie viel Restzucker steht tatsächlich drin?“

Sein Blick ging zur Frizzante-Probe.

„Die Grapefruit finde ich aromatisch eindeutig. Interessanter ist der herbere Zesteneindruck dahinter. Wenn der aus Phenolik kommt, würde ich gern wissen, wie Sie ihn gewinnen und wie weit Sie ihn beim Frizzante bewusst stehenlassen.“

Nach etwas Wasser folgte Argentum bewusst vor dem Rotwein. Unter neutralerem Licht zeigte der Pinot Gris helles Stroh, einen silbrigen Reflex und eine sehr feine kupferrosa Färbung, die Kael deutlich eher mit Schalenkontakt verband als mit Theranos' Beschreibung eines graugrünen Tons. Die Nase verlangte mehr Aufmerksamkeit als bei Rosa Aurea. Birne, weißer Pfirsich, etwas Melone und eine feine kräuterige Seite blieben zurückhaltend genug, dass Kael tatsächlich arbeiten musste, ohne dass der Wein leer wirkte.

Am Gaumen zeigte sich frische Säure und eine feine, tastbare Phenolik, die mit der angekündigten Maischestandzeit sehr gut zusammenpasste. Sie gab dem Wein Struktur, ohne bislang in Bitterkeit zu kippen. Die perlende Variante zog die Wahrnehmung etwas straffer und brachte die phenolische Seite deutlicher hervor. Noch funktionierte dieses Verhältnis ausgesprochen gut, wobei Kael nicht viel zusätzlichen Griff gebraucht hätte, bevor ihm genau diese Eigenschaft zu dominant geworden wäre.


„Von den neuen Linien interessiert mich der hier bisher am meisten.“

Er hob das stille Glas gegen das Licht.

„Bei der Farbe bin ich nicht bei Ihnen. Graugrün sehe ich kaum, eher helles Stroh mit Silber und einem feinen Kupferrosa. Bei Pinot Gris mit Schalenkontakt wäre ich begrifflich ohnehin schneller bei Ramato als bei Vin Gris, aber daran soll es nicht scheitern.“

Kael nahm die Frizzante-Probe noch einmal.

„Hier würde ich vor allem Maischestandzeit und Pressfraktionen sehen wollen. Wenn ich diese Version bauen müsste, wäre ich mit zusätzlicher Phenolik ausgesprochen vorsichtig. Im Augenblick funktioniert sie mit der Perlage sehr gut, viel weiter würde ich sie nicht treiben.“

Er spuckte aus, nahm Wasser und ließ dem Gaumen einen Moment Ruhe, bevor Rubor Nobilis als letzter Wein der Reihe vor ihm stand. Die stille Variante brachte reife Kirsche, Brombeere und Pflaume, dahinter dunklere Gewürze und Kakao. Am Gaumen saß der Wein im mittleren Körper, trocken und mit tatsächlich weicher Tanninstruktur. Theranos hatte ziemlich genau das bekommen, was er angekündigt hatte.

Die Frucht war sauber, das Tannin angenehm und nichts daran wirkte fehlerhaft, nur begegnete ihm beinahe jede Komponente ausgesprochen freundlich. Er suchte nach einer klareren Säurespannung, kühlerer Frucht, mehr Würze oder einem phenolischen Gegenpol, irgendetwas, das reifer Kirsche, Pflaume und dem samtigeren Ansatz etwas Widerstand entgegensetzte. Etwas davon war vorhanden, nur noch nicht genug, um die Frage verschwinden zu lassen.


„Wo ist die Spannung?“

Kael ließ den Wein noch einmal kurz über den Gaumen laufen.

„Die Frucht stimmt, die Gerbstoffe sind weich und der Körper funktioniert, aber mir ist bisher fast alles daran freundlich gesinnt. Mich interessiert hier vor allem, wie Sie extrahieren, wie reif das Tannin bei der Lese ist und woher der Kakao kommt. Wenn das Holz ist, ist das vollkommen in Ordnung. Ich möchte ihn dann nur nicht als besondere Tiefe der Frucht verkauft bekommen.“

Dann die perlende Version. Die Kohlensäure verlieh der Frucht zunächst mehr Lebendigkeit, gleichzeitig trat die Tanninstruktur für Kael deutlicher hervor und nahm dem samtigen Charakter etwas von jener Selbstverständlichkeit, die der Stillwein besessen hatte. Er probierte erneut.

„Wenn ich diese Version bauen müsste, würde ich wahrscheinlich früher lesen, weniger extrahieren, den Alkohol niedriger halten und mit Holz sehr vorsichtig arbeiten. Vermutlich auch mit etwas mehr Zweigelt.“

Das Glas wanderte zurück auf den Tisch.

„Falls Sie dafür ohnehin einen eigenen Grundwein bauen, interessiert mich, wie weit Sie bereits in diese Richtung gehen.“

Für ein junges Unternehmen war das deutlich mehr, als Kael vor der Verkostung erwartet hatte. Er nahm einen Schluck Wasser und wandte sich Theranos wieder vollständig zu.

„Beim Stand bleibe ich bei meinem ersten Eindruck. Das funktioniert. Ob die Marke in fünf oder zehn Jahren noch genauso trägt, zeigt ohnehin erst der Markt.“

Sein Blick ging über die Gläser.

„Bei den Weinen sehe ich jetzt zumindest, wo Sie hinwollen. Nicht bei allen gleich deutlich. Luxa ist vermutlich Ihr stärkstes Verkaufsargument. Classic gefällt mir persönlich besser. Rosa Aurea ist sauber, muss aber noch beweisen, warum man später ausgerechnet Ihren kaufen soll. Argentum würde ich gern länger verfolgen und beim Rubor würde ich mich mit Ihren Kellerleuten vermutlich am längsten streiten.“

Kael lehnte sich etwas zurück.

„Die vollständigen Analysedaten und Kellerprotokolle lasse ich mir später geben. Dann sehen wir, welche meiner Kritikpunkte tatsächlich im Keller sitzen und welche nur im Glas.“

Die kleinen Proben standen noch zwischen ihnen, während jenseits des Standes die Gala weiterlief und Kael auf Zeshs Antworten wartete.

[Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Nahe Moraband / Gletscherhöhlen der Gala / Ausstellungsflächen / Stand von Imperialis Sensus] Kael Reed, SA Theranos Zesh, Gouverneurin Lilivienne Évarielle d'Oridin, Gouverneur Kanto Garison, Sarina (NSC), Ramo Carroon (NSC), Personal von Imperialis Sensus und weitere Galagäste
 
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