Lucien Velcrest
Lucien Aurelian Cassian Velcrest von Aurentis
>>> kommend von Cona
[ Weltraum - auf der Route von Cona nach Truuine - Velcrest Odyssee ] Lucien Velcrest
Die Velcrest Odyssee befand sich bereits seit mehreren Stunden im Hyperraum, als Lucien es sich in einem der kleineren Aufenthaltsbereiche des Schiffes bequem gemacht hatte. Vor ihm stand eine halb geleerte Tasse Caf, neben ihm lag sein Datenpad und durch die breiten Sichtfenster zogen jene bläulich weißen Lichtbahnen, die inzwischen beinahe das Einzige waren, das ihn noch daran erinnerte, dass zwischen ihm und Truuine mehrere Lichtjahre lagen.
Die Reise verlief erfreulich ereignislos.
Nach Cona empfand Lucien das beinahe als willkommene Abwechslung.
Er hatte ursprünglich vorgehabt, die verbleibende Flugzeit damit zu verbringen, sich noch einmal genauer mit den Unterlagen zur bevorstehenden Gala zu beschäftigen, war allerdings bereits nach wenigen Minuten bei seinen privaten Nachrichten hängen geblieben. Offenbar hatte sich seine inzwischen doch etwas längere Abwesenheit von Arkania herumgesprochen, denn neben den üblichen Nachrichten seiner Familie und einiger geschäftlicher Kontakte fanden sich darunter auch mehrere Mitteilungen von Personen, deren Interesse an seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort deutlich persönlicher formuliert war.
Ein alter Bekannter aus Aurentis erkundigte sich danach, wann Lucien endlich wieder einmal für einen vernünftigen Abend zur Verfügung stünde, während zwei junge Damen aus seinem erweiterten gesellschaftlichen Umfeld unabhängig voneinander bemerkenswert ähnliche Sorge darüber äußerten, dass man ihn inzwischen viel zu lange nicht mehr gesehen habe.
Lucien las die zweite Nachricht ein weiteres Mal und musste schmunzeln.
Wie rührend.
Natürlich bildete er sich nicht ein, dass sämtliche dieser Personen ausschließlich wegen seines außergewöhnlichen Charakters, seines Humors oder der tiefen emotionalen Bereicherung seiner Gesellschaft nach ihm verlangten. Zumindest eine der beiden Damen hatte während ihres letzten gemeinsamen Abends ausgesprochen viel Gefallen daran gefunden, dass Lucien sie zunächst in eines der besseren Restaurants Aurentis' und anschließend für mehrere Tage in die Villa der Familie eingeladen hatte. Die andere besaß eine auffallende Vorliebe für Veranstaltungen, bei denen der Name Velcrest am Eingang gewöhnlich mehr Türen öffnete als eine Einladung.
Lucien störte das allerdings herzlich wenig.
Das gesellschaftliche Leben funktionierte schließlich selten ausschließlich aus selbstloser Zuneigung. Er bot angenehme Gesellschaft, interessante Abende, gute Getränke, schöne Orte und gelegentlich die Möglichkeit, Dinge zu erleben, die sich andere in seinem Alter schlicht nicht leisten konnten.
Und dafür bekam er seinerseits Gesellschaft, Aufmerksamkeit und gelegentlich andere ausgesprochen angenehme Dinge zurück.
Geben und Nehmen.
Solange beide Seiten wussten, worauf sie sich einließen, sah Lucien darin kein Problem.
Er beantwortete einige der Nachrichten, wobei er eine Rückkehr nach Arkania vorerst bewusst offenließ, und wechselte anschließend zu den dienstlichen Dateien auf seinem Datenpad. Dort wartete noch immer jener Bericht, den er nach seinem Gespräch mit der conischen Verwaltung nach Truuine übermittelt hatte.
Lucien öffnete ihn mehr aus Langeweile als aus tatsächlicher Notwendigkeit.
Nach einigen Minuten bemerkte er allerdings, dass er die Stirn gerunzelt hatte.
Nicht weil ihm ein Fehler aufgefallen wäre. Im Gegenteil. Der Bericht war gut.
Die beiden möglichen Modelle für eine zukünftige Versorgung Conas waren sauber voneinander getrennt, die benötigten Daten waren angefordert worden und selbst die ersten Fragen bezüglich Transportkapazitäten, Aufbereitung, Mineralisierung und möglicher langfristiger Liefermengen hatte er festgehalten. Natürlich mussten andere Personen daraus nun tatsächliche Berechnungen und Angebote erstellen, doch genau dafür gab es schließlich Fachleute.
Lucien lehnte sich etwas zurück und betrachtete das Dokument.
„Siehst du, Vater.“, murmelte er mit einem kleinen selbstzufriedenen Lächeln. „Ich kann sogar vernünftig sein....wenn ich will.“
Für einen Moment fragte er sich tatsächlich, was sein Vater zu seiner ersten Mission gesagt hätte.
Die Vorstellung gefiel ihm weniger, als er erwartet hatte.
Wahrscheinlich hätte er zunächst gefragt, weshalb Lucien überhaupt Glücksspiel betrieben hatte, danach weshalb er sich hatte betrinken lassen, anschließend weshalb er einen einflussreichen Mann betrogen und beleidigt hatte und spätestens bei der Entführung wäre vermutlich endgültig Schluss mit jeglicher Anerkennung gewesen.
Dass am Ende trotzdem ein erfolgreicher Termin, ein möglicher Handelsvertrag und zusätzlich ein neuer Kontakt herausgekommen waren, wäre vermutlich irgendwo zwischen all den Vorwürfen untergegangen.
Lucien verzog leicht den Mund.
Dabei war ihm die Meinung seines Vaters vollkommen egal.
Zumindest meistens. Vielleicht nicht vollkommen.
Er liebte seinen Vater schließlich trotz allem auf seine eigene Art, was die Angelegenheit gelegentlich erheblich lästiger machte. Ein kleiner Teil von ihm hätte durchaus gerne erlebt, dass dieser den Bericht las und wenigstens einmal zugab, dass sein Sohn vielleicht doch zu mehr fähig war, als Geld auszugeben und gesellschaftliche Veranstaltungen heimzusuchen und er vielleicht für doch ein wenig Stolz empfand.
Lucien schnaubte leise.
„Ach, soll er doch bleiben, wo die Mynocks nisten.“, murmelte er schließlich und schloss den Bericht. „Er hat mich schließlich weggeschickt.“
Das Datenpad meldete beinahe im selben Moment eine neue private Nachricht.
Lucien öffnete sie und musste bereits beim Absender lächeln.
Nalia.
Die Nachricht war kurz, enthielt allerdings genau jene Mischung aus Dankbarkeit und spielerischem Tadel, die er inzwischen mit ihr verband. Das kleine Schmuckstück, das Lucien ihr vor seiner Abreise hatte zukommen lassen, war offenbar angekommen.
Während seines letzten Tages mit Torzh hatte er bei einem Händler eine feingliedrige Halskette entdeckt, deren warmer Goldton seiner Meinung nach ausgesprochen gut zu Nalias aquamarinblauer Haut und jenem dunkelroten Kleid passen würde, in dem er sie kennengelernt hatte. Da er keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, sie ihr persönlich zu geben, hatte er das Stück mit einer kurzen Nachricht im Obsidian Veil hinterlegen lassen.
Offenbar war die Überraschung gelungen.
Nalia bedankte sich überschwänglich, erklärte ihm allerdings zugleich, dass ein teures Geschenk keineswegs bedeute, dass er sich beim nächsten Besuch wieder sämtliche Regeln ihres Salons zurechtbiegen dürfe. Darunter folgte eine wesentlich persönlichere Ergänzung.
Sollte er irgendwann wieder nach Cona kommen und es wagen, den Planeten zu verlassen, ohne sich bei ihr zu melden, würde sie das ausgesprochen persönlich nehmen.
Und diesmal müsse er sie auch nicht erst aus dem Obsidian Veil mitnehmen.
Ihre Wohnung sei schließlich in der nähe des Lokales.
Lucien las den letzten Satz zweimal.
Dann erschien langsam ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Ich wusste doch, dass sie mir nicht wiederstehen kann.“, stellte er zufrieden fest und begann unmittelbar eine Antwort zu verfassen.
Nachdem auch das erledigt war, erinnerte er sich endlich daran, womit er seine Zeit ursprünglich hatte verbringen wollen.
Die Gala.
Lucien wechselte zu den Veranstaltungsunterlagen und ließ sich das Programm der bevorstehenden Gala der Kristallenen Klänge anzeigen. Bereits auf seinem ursprünglichen Weg von Arkania nach Truuine hatte er von der Veranstaltung gelesen und beschlossen, sie unter keinen Umständen zu verpassen. Dass seine Rückkehr nun ausgerechnet auf den Tag der Eröffnung fiel, war daher beinahe perfektes Timing.
Genau genommen war das sogar einer der Gründe gewesen, weshalb ihn die ursprüngliche Aussicht auf zwei Wochen Wartezeit bei der conischen Verwaltung derart aufgeregt hatte.
Zwei Wochen. Er hätte die gesamte Gala verpasst.
Nun sollte die Velcrest Odyssee dagegen am Vormittag Truuine erreichen, womit ihm ausreichend Zeit blieb, sich umzuziehen und anschließend zum Veranstaltungsort aufzubrechen. Und diesmal würde er sich nicht mit Verwaltungsbeamten, Wasserpreisen oder Transportkapazitäten beschäftigen müssen.
Stattdessen erwarteten ihn Kunst, Musik, Architektur, ausgezeichnete Getränke und mit ziemlicher Sicherheit eine bemerkenswerte Anzahl ausgesprochen interessanter Gäste.
Darunter hoffentlich einige ebenso interessante Damen.
Lucien grinste und scrollte weiter.
„Das klingt schon wesentlich mehr nach einer Gelegenenheit, die meinen Fähigkeiten entspricht.“, bemerkte er amüsiert.
Tatsächlich dauerte es allerdings nicht lange, bis ihn einige der Aussteller auch jenseits ihrer möglichen weiblichen Begleitung interessierten.
Eine kleine Manufaktur von Corellia präsentierte beispielsweise handgefertigte Swoop-Bikes unter dem Namen Veyronis Motive, wobei jedes Fahrzeug ausschließlich auf Bestellung gefertigt und individuell an seinen Besitzer angepasst wurde. Die abgebildeten Modelle verbanden lange, elegante Linien mit ungewöhnlich tief liegenden Antriebseinheiten und wirkten eher wie Kunstobjekte als gewöhnliche Fortbewegungsmittel.
Lucien blieb mehrere Sekunden an einem der Bilder hängen. Er brauchte kein neues Swoop-Bike.
Das war vollkommen klar. Leider sah das abgebildete Modell ausgesprochen gut aus.
„Das ist gefährlich.“, stellte er leise grinsend fest und setzte die Manufaktur dennoch auf seine persönliche Merkliste.
Nur wenige Einträge später entdeckte er einen Namen aus Arkania, den er tatsächlich kannte. Maison Orvellan, ein traditionsreicher Herrenausstatter aus Adascopolis, unterhielt auf der Gala einen eigenen kleinen Präsentationsbereich für Maßkleidung, Stoffe und zeremonielle Herrenmode.
Lucien hob überrascht die Augenbrauen.
Von Orvellan besaß er selbst einen Anzug. Genau genommen einen seiner Lieblinge in einem hellen Salbeigrün.
Damit war auch dieser Stand vorgemerkt.
Daneben fanden sich Instrumentenbauer, Juweliere, Kristallkünstler, Innenarchitekten, Bildhauer und mehrere Architekturbüros, deren Arbeiten Lucien länger betrachtete, als er ursprünglich erwartet hatte. Besonders neugierig war er allerdings auf jene Klangkunst, der die Gala ihren Namen verdankte. Mehrere Künstler arbeiteten mit Kristallen, Resonanzkörpern und kontrollierten Schwingungen, um ganze Räume mit Klängen zu füllen, die sich abhängig von Position und Bewegung der Besucher veränderten.
Das wollte er unbedingt sehen.
Je länger Lucien durch die Unterlagen ging, desto mehr begann allerdings auch sein finanziell weniger vernünftiger Teil mitzulesen.
Sein Geld war schließlich noch lange nicht versiegt und immerhin hatte er ja auf Cona dem guten Trozh einiges auch an Credits abgenommen.
Vielleicht fand sich auch etwas für seine gegenwärtigen Räume im Praxeum. Einige der präsentierten Möbel und Kunstobjekte würden dort zweifellos besser aussehen als Teile jener langweiligenEinrichtung, die man ihm bislang zur Verfügung gestellt hatte.
Wobei...
Lucien hielt beim Scrollen inne.
Warum eigentlich dauerhaft im Praxeum wohnen?
Für den Anfang war seine Unterkunft vollkommen ausreichend, doch wenn Ridley tatsächlich vorhatte, ihn länger auf Truuine zu beschäftigen, konnte man irgendwann durchaus über etwas Eigenes sprechen. Eine Wohnung in Moraband wäre das Mindeste. Noch besser wäre eine kleinere Villa außerhalb der dicht bebauten Bereiche oder im besten Viertel der Stadt, vorzugsweise mit ausreichend Garten, einer vernünftigen Aussicht. Oder vielleicht irgendwo dort, wo das Klima ein wenig Wärmer war.
Immerhin war er Vicomte von Aurentis.
Man konnte von einem Mann seines Standes schließlich kaum erwarten, auf unbestimmte Zeit wie irgendein gewöhnlicher Verwaltungsangestellter in bereitgestellten Räumen zu wohnen.
Lucien hielt kurz inne.
Vielleicht war genau diese Denkweise einer der Gründe, weshalb sein Vater ihn fortgeschickt hatte.
Er dachte einige Sekunden darüber nach. Dann zuckte er mit den Schultern.
Das machte den Gedanken an eine Villa nicht schlechter.
Er würde Ridley bei Gelegenheit darauf ansprechen. Vielleicht allerdings nicht unmittelbar nach seiner Rückkehr.
Zuerst würde er seinem Schwager den erfolgreichen Abschluss seiner ersten Mission präsentieren, anschließend möglichst beiläufig erwähnen, wie schnell er trotz anfänglicher Schwierigkeiten einen Zugang zur conischen Verwaltung gefunden hatte, und sich erst danach wieder den angenehmeren Dingen widmen.
Mit etwas Glück würde Ridley angesichts des Ergebnisses sogar bereit sein, über die weniger offiziellen Einzelheiten seines Aufenthaltes hinwegzusehen.
Immerhin hatte Lucien seinen Auftrag erledigt.
Dass er zwischendurch einen Spielsalon besucht, eine attraktive Twi'lek kennengelernt, einen örtlichen Geschäftsmann beim Sabacc betrogen und sich von dessen Leuten hatte entführen lassen, waren streng genommen lediglich Begleitumstände und musste sein Schwager ja nicht erfahren.
Vollkommen nebensächliche Begleitumstände.
Lucien nahm sein Glas, stellte jedoch erst beim Ansetzen fest, dass es bereits leer war.
„Ja....die Mission lief ausgezeichnet.“, erklärte er überzeugt.
Niemand war im Raum, um ihm zu widersprechen. Das gefiel ihm ausgesprochen gut.
Er legte das Datenpad schließlich neben sich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah hinaus auf die langen Lichtbahnen des Hyperraums.
Cona lag hinter ihm.
Truuine wartete auf ihn.
Sein erster diplomatischer Auftrag war erledigt, seine erste Gala stand unmittelbar bevor und irgendwo zwischen Kunst, Musik, Adel, imperialen Würdenträgern, Geschäftsleuten und vermutlich einer vollkommen unverantwortlichen Menge Alkohol würde sich mit Sicherheit etwas finden, das seine Aufmerksamkeit verdiente.
Lucien lächelte zufrieden.
Vielleicht war dieses unfreiwillige Exil auf Truuine am Ende doch nicht ganz so furchtbar, wie er seinem Vater gegenüber jemals zugeben würde.
[ Weltraum - auf der Route von Cona nach Truuine - Velcrest Odyssee ] Lucien Velcrest
>>> weiter auf Truuine
[ Weltraum - auf der Route von Cona nach Truuine - Velcrest Odyssee ] Lucien Velcrest
Die Velcrest Odyssee befand sich bereits seit mehreren Stunden im Hyperraum, als Lucien es sich in einem der kleineren Aufenthaltsbereiche des Schiffes bequem gemacht hatte. Vor ihm stand eine halb geleerte Tasse Caf, neben ihm lag sein Datenpad und durch die breiten Sichtfenster zogen jene bläulich weißen Lichtbahnen, die inzwischen beinahe das Einzige waren, das ihn noch daran erinnerte, dass zwischen ihm und Truuine mehrere Lichtjahre lagen.
Die Reise verlief erfreulich ereignislos.
Nach Cona empfand Lucien das beinahe als willkommene Abwechslung.
Er hatte ursprünglich vorgehabt, die verbleibende Flugzeit damit zu verbringen, sich noch einmal genauer mit den Unterlagen zur bevorstehenden Gala zu beschäftigen, war allerdings bereits nach wenigen Minuten bei seinen privaten Nachrichten hängen geblieben. Offenbar hatte sich seine inzwischen doch etwas längere Abwesenheit von Arkania herumgesprochen, denn neben den üblichen Nachrichten seiner Familie und einiger geschäftlicher Kontakte fanden sich darunter auch mehrere Mitteilungen von Personen, deren Interesse an seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort deutlich persönlicher formuliert war.
Ein alter Bekannter aus Aurentis erkundigte sich danach, wann Lucien endlich wieder einmal für einen vernünftigen Abend zur Verfügung stünde, während zwei junge Damen aus seinem erweiterten gesellschaftlichen Umfeld unabhängig voneinander bemerkenswert ähnliche Sorge darüber äußerten, dass man ihn inzwischen viel zu lange nicht mehr gesehen habe.
Lucien las die zweite Nachricht ein weiteres Mal und musste schmunzeln.
Wie rührend.
Natürlich bildete er sich nicht ein, dass sämtliche dieser Personen ausschließlich wegen seines außergewöhnlichen Charakters, seines Humors oder der tiefen emotionalen Bereicherung seiner Gesellschaft nach ihm verlangten. Zumindest eine der beiden Damen hatte während ihres letzten gemeinsamen Abends ausgesprochen viel Gefallen daran gefunden, dass Lucien sie zunächst in eines der besseren Restaurants Aurentis' und anschließend für mehrere Tage in die Villa der Familie eingeladen hatte. Die andere besaß eine auffallende Vorliebe für Veranstaltungen, bei denen der Name Velcrest am Eingang gewöhnlich mehr Türen öffnete als eine Einladung.
Lucien störte das allerdings herzlich wenig.
Das gesellschaftliche Leben funktionierte schließlich selten ausschließlich aus selbstloser Zuneigung. Er bot angenehme Gesellschaft, interessante Abende, gute Getränke, schöne Orte und gelegentlich die Möglichkeit, Dinge zu erleben, die sich andere in seinem Alter schlicht nicht leisten konnten.
Und dafür bekam er seinerseits Gesellschaft, Aufmerksamkeit und gelegentlich andere ausgesprochen angenehme Dinge zurück.
Geben und Nehmen.
Solange beide Seiten wussten, worauf sie sich einließen, sah Lucien darin kein Problem.
Er beantwortete einige der Nachrichten, wobei er eine Rückkehr nach Arkania vorerst bewusst offenließ, und wechselte anschließend zu den dienstlichen Dateien auf seinem Datenpad. Dort wartete noch immer jener Bericht, den er nach seinem Gespräch mit der conischen Verwaltung nach Truuine übermittelt hatte.
Lucien öffnete ihn mehr aus Langeweile als aus tatsächlicher Notwendigkeit.
Nach einigen Minuten bemerkte er allerdings, dass er die Stirn gerunzelt hatte.
Nicht weil ihm ein Fehler aufgefallen wäre. Im Gegenteil. Der Bericht war gut.
Die beiden möglichen Modelle für eine zukünftige Versorgung Conas waren sauber voneinander getrennt, die benötigten Daten waren angefordert worden und selbst die ersten Fragen bezüglich Transportkapazitäten, Aufbereitung, Mineralisierung und möglicher langfristiger Liefermengen hatte er festgehalten. Natürlich mussten andere Personen daraus nun tatsächliche Berechnungen und Angebote erstellen, doch genau dafür gab es schließlich Fachleute.
Lucien lehnte sich etwas zurück und betrachtete das Dokument.
„Siehst du, Vater.“, murmelte er mit einem kleinen selbstzufriedenen Lächeln. „Ich kann sogar vernünftig sein....wenn ich will.“
Für einen Moment fragte er sich tatsächlich, was sein Vater zu seiner ersten Mission gesagt hätte.
Die Vorstellung gefiel ihm weniger, als er erwartet hatte.
Wahrscheinlich hätte er zunächst gefragt, weshalb Lucien überhaupt Glücksspiel betrieben hatte, danach weshalb er sich hatte betrinken lassen, anschließend weshalb er einen einflussreichen Mann betrogen und beleidigt hatte und spätestens bei der Entführung wäre vermutlich endgültig Schluss mit jeglicher Anerkennung gewesen.
Dass am Ende trotzdem ein erfolgreicher Termin, ein möglicher Handelsvertrag und zusätzlich ein neuer Kontakt herausgekommen waren, wäre vermutlich irgendwo zwischen all den Vorwürfen untergegangen.
Lucien verzog leicht den Mund.
Dabei war ihm die Meinung seines Vaters vollkommen egal.
Zumindest meistens. Vielleicht nicht vollkommen.
Er liebte seinen Vater schließlich trotz allem auf seine eigene Art, was die Angelegenheit gelegentlich erheblich lästiger machte. Ein kleiner Teil von ihm hätte durchaus gerne erlebt, dass dieser den Bericht las und wenigstens einmal zugab, dass sein Sohn vielleicht doch zu mehr fähig war, als Geld auszugeben und gesellschaftliche Veranstaltungen heimzusuchen und er vielleicht für doch ein wenig Stolz empfand.
Lucien schnaubte leise.
„Ach, soll er doch bleiben, wo die Mynocks nisten.“, murmelte er schließlich und schloss den Bericht. „Er hat mich schließlich weggeschickt.“
Das Datenpad meldete beinahe im selben Moment eine neue private Nachricht.
Lucien öffnete sie und musste bereits beim Absender lächeln.
Nalia.
Die Nachricht war kurz, enthielt allerdings genau jene Mischung aus Dankbarkeit und spielerischem Tadel, die er inzwischen mit ihr verband. Das kleine Schmuckstück, das Lucien ihr vor seiner Abreise hatte zukommen lassen, war offenbar angekommen.
Während seines letzten Tages mit Torzh hatte er bei einem Händler eine feingliedrige Halskette entdeckt, deren warmer Goldton seiner Meinung nach ausgesprochen gut zu Nalias aquamarinblauer Haut und jenem dunkelroten Kleid passen würde, in dem er sie kennengelernt hatte. Da er keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, sie ihr persönlich zu geben, hatte er das Stück mit einer kurzen Nachricht im Obsidian Veil hinterlegen lassen.
Offenbar war die Überraschung gelungen.
Nalia bedankte sich überschwänglich, erklärte ihm allerdings zugleich, dass ein teures Geschenk keineswegs bedeute, dass er sich beim nächsten Besuch wieder sämtliche Regeln ihres Salons zurechtbiegen dürfe. Darunter folgte eine wesentlich persönlichere Ergänzung.
Sollte er irgendwann wieder nach Cona kommen und es wagen, den Planeten zu verlassen, ohne sich bei ihr zu melden, würde sie das ausgesprochen persönlich nehmen.
Und diesmal müsse er sie auch nicht erst aus dem Obsidian Veil mitnehmen.
Ihre Wohnung sei schließlich in der nähe des Lokales.
Lucien las den letzten Satz zweimal.
Dann erschien langsam ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Ich wusste doch, dass sie mir nicht wiederstehen kann.“, stellte er zufrieden fest und begann unmittelbar eine Antwort zu verfassen.
Nachdem auch das erledigt war, erinnerte er sich endlich daran, womit er seine Zeit ursprünglich hatte verbringen wollen.
Die Gala.
Lucien wechselte zu den Veranstaltungsunterlagen und ließ sich das Programm der bevorstehenden Gala der Kristallenen Klänge anzeigen. Bereits auf seinem ursprünglichen Weg von Arkania nach Truuine hatte er von der Veranstaltung gelesen und beschlossen, sie unter keinen Umständen zu verpassen. Dass seine Rückkehr nun ausgerechnet auf den Tag der Eröffnung fiel, war daher beinahe perfektes Timing.
Genau genommen war das sogar einer der Gründe gewesen, weshalb ihn die ursprüngliche Aussicht auf zwei Wochen Wartezeit bei der conischen Verwaltung derart aufgeregt hatte.
Zwei Wochen. Er hätte die gesamte Gala verpasst.
Nun sollte die Velcrest Odyssee dagegen am Vormittag Truuine erreichen, womit ihm ausreichend Zeit blieb, sich umzuziehen und anschließend zum Veranstaltungsort aufzubrechen. Und diesmal würde er sich nicht mit Verwaltungsbeamten, Wasserpreisen oder Transportkapazitäten beschäftigen müssen.
Stattdessen erwarteten ihn Kunst, Musik, Architektur, ausgezeichnete Getränke und mit ziemlicher Sicherheit eine bemerkenswerte Anzahl ausgesprochen interessanter Gäste.
Darunter hoffentlich einige ebenso interessante Damen.
Lucien grinste und scrollte weiter.
„Das klingt schon wesentlich mehr nach einer Gelegenenheit, die meinen Fähigkeiten entspricht.“, bemerkte er amüsiert.
Tatsächlich dauerte es allerdings nicht lange, bis ihn einige der Aussteller auch jenseits ihrer möglichen weiblichen Begleitung interessierten.
Eine kleine Manufaktur von Corellia präsentierte beispielsweise handgefertigte Swoop-Bikes unter dem Namen Veyronis Motive, wobei jedes Fahrzeug ausschließlich auf Bestellung gefertigt und individuell an seinen Besitzer angepasst wurde. Die abgebildeten Modelle verbanden lange, elegante Linien mit ungewöhnlich tief liegenden Antriebseinheiten und wirkten eher wie Kunstobjekte als gewöhnliche Fortbewegungsmittel.
Lucien blieb mehrere Sekunden an einem der Bilder hängen. Er brauchte kein neues Swoop-Bike.
Das war vollkommen klar. Leider sah das abgebildete Modell ausgesprochen gut aus.
„Das ist gefährlich.“, stellte er leise grinsend fest und setzte die Manufaktur dennoch auf seine persönliche Merkliste.
Nur wenige Einträge später entdeckte er einen Namen aus Arkania, den er tatsächlich kannte. Maison Orvellan, ein traditionsreicher Herrenausstatter aus Adascopolis, unterhielt auf der Gala einen eigenen kleinen Präsentationsbereich für Maßkleidung, Stoffe und zeremonielle Herrenmode.
Lucien hob überrascht die Augenbrauen.
Von Orvellan besaß er selbst einen Anzug. Genau genommen einen seiner Lieblinge in einem hellen Salbeigrün.
Damit war auch dieser Stand vorgemerkt.
Daneben fanden sich Instrumentenbauer, Juweliere, Kristallkünstler, Innenarchitekten, Bildhauer und mehrere Architekturbüros, deren Arbeiten Lucien länger betrachtete, als er ursprünglich erwartet hatte. Besonders neugierig war er allerdings auf jene Klangkunst, der die Gala ihren Namen verdankte. Mehrere Künstler arbeiteten mit Kristallen, Resonanzkörpern und kontrollierten Schwingungen, um ganze Räume mit Klängen zu füllen, die sich abhängig von Position und Bewegung der Besucher veränderten.
Das wollte er unbedingt sehen.
Je länger Lucien durch die Unterlagen ging, desto mehr begann allerdings auch sein finanziell weniger vernünftiger Teil mitzulesen.
Sein Geld war schließlich noch lange nicht versiegt und immerhin hatte er ja auf Cona dem guten Trozh einiges auch an Credits abgenommen.
Vielleicht fand sich auch etwas für seine gegenwärtigen Räume im Praxeum. Einige der präsentierten Möbel und Kunstobjekte würden dort zweifellos besser aussehen als Teile jener langweiligenEinrichtung, die man ihm bislang zur Verfügung gestellt hatte.
Wobei...
Lucien hielt beim Scrollen inne.
Warum eigentlich dauerhaft im Praxeum wohnen?
Für den Anfang war seine Unterkunft vollkommen ausreichend, doch wenn Ridley tatsächlich vorhatte, ihn länger auf Truuine zu beschäftigen, konnte man irgendwann durchaus über etwas Eigenes sprechen. Eine Wohnung in Moraband wäre das Mindeste. Noch besser wäre eine kleinere Villa außerhalb der dicht bebauten Bereiche oder im besten Viertel der Stadt, vorzugsweise mit ausreichend Garten, einer vernünftigen Aussicht. Oder vielleicht irgendwo dort, wo das Klima ein wenig Wärmer war.
Immerhin war er Vicomte von Aurentis.
Man konnte von einem Mann seines Standes schließlich kaum erwarten, auf unbestimmte Zeit wie irgendein gewöhnlicher Verwaltungsangestellter in bereitgestellten Räumen zu wohnen.
Lucien hielt kurz inne.
Vielleicht war genau diese Denkweise einer der Gründe, weshalb sein Vater ihn fortgeschickt hatte.
Er dachte einige Sekunden darüber nach. Dann zuckte er mit den Schultern.
Das machte den Gedanken an eine Villa nicht schlechter.
Er würde Ridley bei Gelegenheit darauf ansprechen. Vielleicht allerdings nicht unmittelbar nach seiner Rückkehr.
Zuerst würde er seinem Schwager den erfolgreichen Abschluss seiner ersten Mission präsentieren, anschließend möglichst beiläufig erwähnen, wie schnell er trotz anfänglicher Schwierigkeiten einen Zugang zur conischen Verwaltung gefunden hatte, und sich erst danach wieder den angenehmeren Dingen widmen.
Mit etwas Glück würde Ridley angesichts des Ergebnisses sogar bereit sein, über die weniger offiziellen Einzelheiten seines Aufenthaltes hinwegzusehen.
Immerhin hatte Lucien seinen Auftrag erledigt.
Dass er zwischendurch einen Spielsalon besucht, eine attraktive Twi'lek kennengelernt, einen örtlichen Geschäftsmann beim Sabacc betrogen und sich von dessen Leuten hatte entführen lassen, waren streng genommen lediglich Begleitumstände und musste sein Schwager ja nicht erfahren.
Vollkommen nebensächliche Begleitumstände.
Lucien nahm sein Glas, stellte jedoch erst beim Ansetzen fest, dass es bereits leer war.
„Ja....die Mission lief ausgezeichnet.“, erklärte er überzeugt.
Niemand war im Raum, um ihm zu widersprechen. Das gefiel ihm ausgesprochen gut.
Er legte das Datenpad schließlich neben sich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah hinaus auf die langen Lichtbahnen des Hyperraums.
Cona lag hinter ihm.
Truuine wartete auf ihn.
Sein erster diplomatischer Auftrag war erledigt, seine erste Gala stand unmittelbar bevor und irgendwo zwischen Kunst, Musik, Adel, imperialen Würdenträgern, Geschäftsleuten und vermutlich einer vollkommen unverantwortlichen Menge Alkohol würde sich mit Sicherheit etwas finden, das seine Aufmerksamkeit verdiente.
Lucien lächelte zufrieden.
Vielleicht war dieses unfreiwillige Exil auf Truuine am Ende doch nicht ganz so furchtbar, wie er seinem Vater gegenüber jemals zugeben würde.
[ Weltraum - auf der Route von Cona nach Truuine - Velcrest Odyssee ] Lucien Velcrest
>>> weiter auf Truuine
Zuletzt bearbeitet:



