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Mit einem lauten Schrei erwachte er schweißgebadet aus seinem Schlaf. Schon wieder, dachte er sich. Die Albträume häuften sich, je näher er seinem Ziel kam. Aber waren es wirklich Albträume gewesen, welche ihn plagten? Avlan konnte sich nur schemenhaft an die Gestalten erinnern, welche er gesehen hatte, ihm unbekannte, kaum erkennbare Gesichter. Waren es Geister? Nein, so etwas gab es nicht, jedenfalls nicht so, wie es sich die meisten vorstellten. Er sah von seinem Bett aus in den Raum hinein, auf dem runden Glastisch sah er seinen Beskar-Helm das fade Cyanblau des Hyperraums reflektieren, welches wie pulsierende Schatten am Transparistahl-Fenster vorbeizog, während auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes das schwache Neonlicht der Wandverkleidung schimmerte. Leise hörte er das niederfrequente Summen der Raumantriebsgeneratoren und vernahm darüber hinaus nichts als leere Stille.
Er stand auf und ging zum Waschbecken, um sein Gesicht mit etwas Wasser abzukühlen, rieb sich die Augen und sah in den Spiegel. Er sah einen gealterten Mann vor sich, vernarbt, faltig, gezeichnet vom Leben. Das Tattoo, welches seine kahlrasierte Seite am Kopf bedeckte, war mittlerweile etwas verblasst, und es schien so, als würden die Muster langsam verschwimmen. Der dichte blonde Bart war etwas länger als früher und seine strahlend blauen Augen erzählten Geschichten, die nur wenige glauben würden. Was ist nur aus dir geworden, Avlan?, fragte er sich. Er wusste keine zufriedenstellende Antwort darauf. Zu viel war in den letzten Jahren geschehen, zu viel hatte er ertragen – für was? Credits und Reichtum hatten ihn bisher lange angetrieben, jedoch wusste er nie wirklich, was er damit anfangen sollte, wenn er es besaß. Den Antrieb, die Aufregung und das Adrenalin hatte ihm nur der Weg dahin gegeben, die Suche danach und der Kampf darum waren das, was ihn wirklich angespornt hatte. Der reine Besitz und das Ausruhen auf den Lorbeeren danach war nie das, was ihn befriedigte. Bei Macht sah es aber schon ganz anders aus. Wenn ein Mann mehr Geld besaß, als er auszugeben vermochte, und in der Lage war, sich jeden Wunsch zu erfüllen, gab es nur noch eine Sache, die wirklich den Durst nach mehr stillen konnte – Macht.
Avlan trat hinaus aus seinem Quartier und erkannte direkt vor sich den großen Zentralcomputer, an welchem ein deaktivierter Astromech-Droide in der Ecke stand. Langsam ging er zur Brücke auf der linken Seite und mit einem Zischen öffnete sich die automatische Schiebetür. Vor der großen, nach vorne gerichteten Glaskuppel erkannte er bereits den Taktikdroiden, mit dem Rücken zu ihm gewandt, wie er ins quälende Blau des Hyperraums sah, die metallischen Arme hinter dem Rücken verschränkt. Zwei der B1-Droiden saßen an den Schaltpulten der beiden Kontrollstationen des Schiffes, betätigten Knöpfe und betrachteten aufmerksam die Leuchttafeln, welche ihnen aktuelle Informationen über den Zustand des Schiffes und die aktuelle Route auflisteten. Sie beachteten Avlan gar nicht und nahmen ihn scheinbar gar nicht wahr. Bevor Avlan jedoch etwas sagen konnte, um auf sich aufmerksam zu machen, wandte sich bereits der Taktikdroide um und sah ihn mit seinen hell glühenden Augen an. Eine synthetische Stimme erscholl.
"Willkommen auf der Brücke, Mister Diaz. Ich habe mir erlaubt, persönlich unseren Kurs zu überwachen und ihn leicht zu optimieren, sodass wir bereits ein paar Stunden früher als geplant an unserem Ziel ankommen werden. In der Zwischenzeit, um Ihnen das Warten zu erleichtern, könnte ich einen der Droiden anweisen, Ihnen etwas zum Frühstück in unserer Bordküche zuzubereiten. Oder möchten Sie lieber mit einem schwarzen Kaffee starten? Die Vorräte haben wir vor dem Start ausreichend gefüllt, um Ihnen, soweit möglich, einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen."
Der Droide drückte sich tatsächlich mehr wie ein Reiseleiter oder Hotelmanager aus, als wie ein seriöser Taktikdroide, welcher einst im Dienste der Handelsföderation ganze Raumflotten koordinierte und Freibeuter abwehrte, bevor er für die Black Sun als loyaler Gefährte auf den Schiffen der Familie diente und die Kapitäne taktisch mit Ratschlägen und Informationen unterstützte.
"Gerne, den Kaffee nehme ich. Und etwas zu frühstücken würde auch nicht schaden", erwiderte Avlan. Der Taktikdroide hielt kurz inne und erstarrte, als würde er in der Zeit stehen bleiben, und wandte sich dann wieder an den Söldner: "Jawohl, Sir. Ich habe einen der Droiden über das interne Com-Netz des Schiffes angewiesen, den Auftrag auszuführen. Ich kann Ihnen während der Zubereitung gerne eine kleine Führung durch das Schiff geben, wenn Sie möchten."
Gemeinsam machte sich Avlan auf den Weg, während der Droide fleißig und voller Tatendrang die einzelnen Stationen der Brücke und deren Funktionen erklärte. Zudem zeigte er ihm den Zentralcomputer, welcher zuständig für alle internen Funktionen des Schiffes war und gut gesichert wurde, damit er nicht aus Versehen während eines Kampfes beschädigt werden konnte. Im geräumigen Frachtraum wurde der Pateesa auf die ganzen Transportkisten aufmerksam gemacht, in denen allerlei Ausrüstung verstaut war, von Blastern und Gewehren bis zu Ersatzteilen und Munition. Auch einige Vibroschwerter und Messer waren darunter, auch wenn deren Nutzen eher symbolischer Natur war.
Als sie die Krankenstation betraten, aktivierten sich die grellen LED-Lichter der Deckenbeleuchtung automatisch, während sich der medizinische Droide in der Ecke des Raumes aktivierte: "Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls." Avlan machte eine beruhigende Handbewegung: "Alles gut, ich wollte nur mal nachschauen, was es hier so gibt und was du alles kannst. Was für ein Modell bist du?", sagte er. Der Söldner war durchaus interessiert daran zu wissen, was sein 'Doc' konnte und ob er ihn ausreichend versorgen konnte, falls er mal im Einsatz verletzt werden würde.
"Selbstverständlich. Ich bin ein Droide der MD-3-Serie, hergestellt von Industrial Automation auf Nubia. Meine Datenbanken sind ausgestattet mit neuesten medizinischen Errungenschaften der letzten dreihundert Jahre, und ich kann Millionen von verschiedenen Eingriffen und Behandlungsmöglichkeiten sicher durchführen. Ebenfalls habe ich die Möglichkeit, auch psychische Krankheiten oder Depressionen zu behandeln, und kann Ihnen auch ein offenes Ohr bei persönlichen Verlusten oder schwerer Trauer leihen. Haben Sie Probleme? Soll ich eine Routineuntersuchung durchführen, um festzustellen, ob Sie welche haben? Neueste Studien weisen darauf hin, dass ca. 43 % der humanoiden Lebensformen bereits vor dem vierzigsten Lebensjahr an Depressionen oder Psychosen leiden und diese meist gar nicht bemerken. Wir können mit einer körperlichen Untersuchung samt Röntgenscan beginnen und nebenbei ein Beratungsgespräch führen."
"Nein ... danke ... ich glaube, das wird nicht nötig sein. Vielleicht ein andermal", sagte Avlan. Er hatte durchaus Probleme und hörte Stimmen. Er träumte auch von Dingen, die nicht real waren. Aber das waren Probleme, die ein Droide oder die klassische Medizin nicht auf natürlichem Wege würde behandeln können: "Sag mir nur bitte, wie lange ist dein letzter Eingriff her? Wir werden sicherlich am nächsten Raumhafen einige Vorräte nachfüllen müssen, da würde ich gerne wissen, was wir alles an medizinischem Equipment brauchen, das wurde bisher bestimmt vom Vorbesitzer gut geleert."
"Oh, da kann ich Sie beruhigen, Sir. Ich hatte hier noch nie einen Eingriff, die Vorräte sind alle gefüllt", erklärte die metallische Stimme des Medizindroiden.
Avlan erwiderte: "Was meinst du damit, du hattest noch nie einen Eingriff? Das Schiff wurde doch eingesetzt, ich kann mir kaum vorstellen, dass du noch nie eine Behandlung hier durchgeführt hast. Sind deine Datenbanken aktuell, oder wurde dein Wissensstand gelöscht?"
Der MD-3 schüttelte den Kopf: "Nein, mein Wissensstand wurde nie gelöscht, ich bin seit Auslieferung des Schiffes aktiv. Aber es stimmt, die medizinischen Datenbanken sind nicht mehr aktuell, da die Updates bereits eingestellt wurden."
"Was meinst du mit eingestellt? Wie alt bist du denn? Wie alt ist das Schiff überhaupt?", sagte Avlan.
"Das Schiff, und damit auch ich, da ich als Zusatzpaket mit diesem Modell ausgeliefert wurde, ist bereits seit 79 Jahren, 8 Monaten und 13 Tagen im Einsatz. Das letzte Update für meine Datenbanken wurde 4 Jahre nach Auslieferung hochgeladen, seitdem ist der Support eingestellt. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich die neuesten Methoden der Medizintechnik beherrsche, ich kann Ihnen einen Einblick geben, wenn Sie ..."
Der Söldner schüttelte verständnislos den Kopf. Was wurde ihm hier untergejubelt? Ein Schiff, das älter als sein eigener Großvater war? Bestückt mit Droiden aus längst vergangenen Tagen? Avlan konnte seinen Ohren nicht trauen und nicht begreifen, womit er es hier zu tun hatte. Das Schiff schien nach außen stabil und modern zu sein, aber nach innen war es wohl ein Schrotthaufen, bei dem er von Glück reden konnte, dass es nicht auseinanderfiel.
Der Taktikdroide wandte sich an Avlan und unterbrach sein Denken: "Ihr Frühstück ist fertig, Sir. Sie können es im Bereitschaftsraum zu sich nehmen, dort haben Sie eine phänomenale Aussicht auf den Weltraum vor uns! Sie werden sehen, wir haben unser Ziel in Nullkommanichts erreicht. Möchten Sie Ihren Kaffee mit Zucker und Milch?"
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