In Hotel Matze erzählt Judith Rakers von ihrem Vater, der ihr als Siebenjährige nicht nur beibringen wollte, vorsichtig vor Bienen zu sein, sondern ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Werkzeug zum Überleben in die Hand gab und damit ihr Verhältnis zu Angst und Gefahr für immer prägte:
Als sie sieben Jahre alt war, lebten ihre Eltern noch zusammen in dem Haus, das sie zur Geburt gebaut hatten. Direkt nebenan stand der Bienenstand ihres Großvaters, eines leidenschaftlichen Hobbyimkers. Bienen waren also allgegenwärtig, auf der Terrasse, beim Sandkasten, sogar am Frühstückstisch. Ihre Eltern hatten stets Sorge, dass Judith beim Eisessen oder Brötchenschmieren aus Versehen eine Biene verschlucken könnte.
Ihr Vater wollte jedoch nicht nur mahnen, etwa mit dem Satz „Immer vorher schauen, ob eine Biene drauf sitzt“, sondern ihr im schlimmsten Fall das Werkzeug zum Überleben geben. Eines Tages stellte er sich mit ihr vor den Spiegel und brachte seiner siebenjährigen Tochter bei, wie sie sich im Notfall selbst einen Luftröhrenschnitt machen könne, falls eine Biene in ihren Hals sticht und sie alleine sei.
Er erklärte es Schritt für Schritt: mit den Fingern den Kehlkopf ertasten, zwei Fingerbreit höher ansetzen, mit einem scharfen Obstmesser längs einschneiden, den auseinander geschraubten Stift eines Kugelschreibers als Atemröhrchen einsetzen. Es war so eindringlich erklärt, dass er es später immer wieder abfragte.
In der Familie wurde heiß diskutiert, ob man so etwas einem Kind überhaupt beibringen dürfe. Der Vater argumentierte, wenn niemand da ist und Judiths Hals anschwillt, habe sie höchstens zwei Minuten. Entweder sie versucht es oder sie stirbt sicher.
Für Judith war das völlig normal. Im Gegenteil, sie glaubt, diese radikale Lebensrettungslektion habe sie zu einem angstfreien Menschen gemacht. Sie hatte nie Angst vor Bienen, Wespen oder Hornissen, selbst im schlimmsten Fall wüsste sie ja, was zu tun ist. Dieses Gefühl, vorbereitet zu sein, gab ihr ein Leben lang Sicherheit.