Da sprichst du einen Punkt an, den ich aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung bestätigen kann. Zumindest an den Gesamtschulen in NRW gibt es in der Sekundarstufe I kein eigenständiges Fach Geschichte. Geschichte ist Teil der Gesellschaftslehre und teilt sich die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit (3 Wochenstunden) mit Erdkunde, Politik und Wirtschaft. Gerade die geschichtlichen Inhalte sind seit 2020 durch die stärkere Berücksichtigung wirtschaftlicher Themen noch einmal reduziert worden.
Das bedeutet zwangsläufig, dass Schule heute keine auch nur annähernd vollständige chronologische Reise durch die Geschichte mehr leisten kann. Natürlich spielen Antike und Mittelalter weiterhin eine Rolle. Auch die Französische Revolution und die Industrialisierung werden behandelt. Deutlich größer wird das Gewicht aber, je näher wir der Gegenwart kommen. Imperialismus und Erster Weltkrieg, die Weimarer Republik und insbesondere der Nationalsozialismus nehmen breiten Raum ein. Danach folgen die deutsche Teilung, Bundesrepublik und DDR, der Kalte Krieg, die Wiedervereinigung und die Entwicklung unserer heutigen Demokratie.
Gleichzeitig hat sich auch verändert, was Geschichtsunterricht eigentlich leisten soll. Es geht weniger darum, möglichst viele Herrscher, Schlachten und Jahreszahlen zu kennen. Die Schüler sollen historische Entwicklungen nachvollziehen, Quellen untersuchen, Ursachen und Folgen erkennen und zu begründeten Urteilen gelangen. Nur lässt sich eben nicht beides unbegrenzt miteinander verbinden. Wenn für Geschichte insgesamt weniger Zeit zur Verfügung steht und gleichzeitig einzelne Themen gründlicher und kompetenzorientierter bearbeitet werden sollen, muss zwangsläufig leider vieles wegfallen.
Deshalb überrascht mich dein Beispiel mit Oliver Cromwell überhaupt nicht. Der kann heute problemlos durch das Raster fallen. Alexander der Große wird im Zusammenhang mit der Antike vielleicht noch erwähnt, aber eine ausführliche Beschäftigung mit seiner Person und seinen Feldzügen ist keineswegs selbstverständlich. Bei Bismarck stehen eher Reichsgründung, Nationalstaatsbildung oder Sozialgesetzgebung im Mittelpunkt als seine Biografie. Homer wiederum würde ich ohnehin eher im Deutschunterricht verorten, aber auch dort ist keineswegs garantiert, dass Schüler ihm begegnen.
Ich würde deshalb auch nicht unbedingt dem einzelnen Lehrer einen Vorwurf machen. Wir können letztlich nur mit den Stunden und Lehrplänen arbeiten, die uns vorgegeben werden. Schule kann historische Grundlagen vermitteln, Zusammenhänge erklären und im besten Fall Interesse wecken. Ein wirklich breites Geschichtswissen kann sie unter den heutigen Bedingungen zumindest an einer Gesamtschule in NRW kaum noch vermitteln.
Und einen Vorteil hatte rückblickend vielleicht sogar die Zeit, in der in vielen Familien nur ein Fernseher im Wohnzimmer stand. Kinder und Jugendliche sahen zwangsläufig einen Teil dessen mit, was ihre Eltern am Abend einschalteten. Dazu gehörten die täglichen Nachrichten ebenso wie politische Magazine, historische Dokumentationen oder Fernsehfilme über geschichtliche Ereignisse. Man bekam dadurch manches ganz nebenbei mit, für das man sich als Zwölf- oder Vierzehnjähriger vermutlich niemals bewusst entschieden hätte. Heute verfügt dagegen praktisch jeder über sein eigenes Gerät und stellt sich sein Medienprogramm selbst zusammen. Das ist einerseits natürlich ein großer Gewinn an Freiheit, führt andererseits aber dazu, dass man sehr viel leichter ausschließlich das konsumiert, was den eigenen Interessen entspricht. Diese eher beiläufige Begegnung mit Themen außerhalb der eigenen Lebenswelt ist dadurch ein Stück weit verloren gegangen.
Wer Geschichte nicht nur punktuell kennen, sondern über größere Zeiträume hinweg verstehen möchte, kommt deshalb kaum daran vorbei, sich selbst damit zu beschäftigen. Das dürfte früher ebenfalls gegolten haben, heute aber noch stärker. Vieles von dem, was wir selbstverständlich zum historischen Allgemeinwissen zählen, muss man sich über Bücher, Dokumentationen, Museumsbesuche oder andere Quellen selbst erschließen. Vielleicht ist es deshalb mindestens ebenso wichtig, dass Schule Neugier auf Geschichte weckt. Wer irgendwann anfängt, aus eigenem Interesse weiterzulesen, wird auf Dauer ohnehin sehr viel mehr lernen, als ein Lehrplan jemals abdecken könnte.