Zuletzt gekaufter/gesehener Film - Allgemeiner Filmthread

The Social Reckoning​
The Social Reckoning beschäftigt sich damit, wie gezielt Facebook mit seinen Algorithmen das Verhalten von Menschen beeinflusst und welche gesellschaftlichen Folgen das haben kann. Herausgekommen ist ein gut gespieltes, dialogstarkes Drama, das mich trotz einiger Schwächen über weite Strecken gut unterhalten hat.

Im Mittelpunkt steht Frances Haugen (Mikey Madison), die bei Facebook in einer Abteilung arbeitet, die sich unter anderem mit Desinformation und dem Schutz demokratischer Prozesse beschäftigt. Als sie erkennt, dass der Konzern über die schädlichen Auswirkungen seiner Plattform bestens informiert ist, daraus aber keine Konsequenzen zieht, beginnt sie, interne Unterlagen zu sammeln. Gemeinsam mit dem Journalisten Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) vom Wall Street Journal versucht sie, die Machenschaften des Unternehmens öffentlich zu machen. Dabei geht es nicht mehr nur um fragwürdige Geschäftspraktiken, sondern auch um politische Radikalisierung, gesellschaftliche Spaltung und die Verantwortung eines Unternehmens, dessen Entscheidungen Milliarden Menschen betreffen.

Der Film beginnt ausgesprochen wirkungsvoll. Eine zunächst beinahe alltäglich anmutende Situation entwickelt sich zu einem erschreckenden Ausbruch von Hass und Aggression. Der Film macht damit deutlich, dass die Auswirkungen sozialer Medien keineswegs auf den Bildschirm beschränkt bleiben. Was im Internet geschürt und verstärkt wird, kann sich irgendwann auch auf der Straße entladen.

Anschließend konzentriert sich der Film überwiegend auf Gespräche in Büros, Redaktionsräumen und Konferenzsälen. Das mag nicht sonderlich aufregend klingen, entwickelt aber mit zunehmender Laufzeit einen erstaunlichen Sog. Je tiefer Haugen und Horwitz in die internen Vorgänge eindringen, desto deutlicher wird, welche Sprengkraft hinter den zunächst ziemlich trockenen Statistiken steckt. Erschreckend ist dabei weniger, dass Facebook problematische Inhalte verbreitet, sondern dass der Konzern genau weiß, wie seine Mechanismen Radikalisierung und gesellschaftliche Spaltung begünstigen. Wenn selbst geringfügige Einbußen bei den Nutzerzahlen oder der Verweildauer schwerer wiegen als die Bekämpfung von Desinformation, bekommt man eine ziemlich gute Vorstellung davon, welche Prioritäten hier gesetzt werden.

Dabei zeichnet der Film ein durchaus differenziertes Bild von Frances Haugen. Sie ist keine grundsätzliche Gegnerin sozialer Medien, sondern glaubt zunächst an die Idee, Menschen miteinander zu verbinden und ihnen neue Möglichkeiten des Austauschs zu eröffnen. Sie hängt an ihrem Beruf, muss aber zunehmend erkennen, dass ihre eigenen Überzeugungen mit den Interessen ihres Arbeitgebers nicht mehr vereinbar sind. Hinzu kommt eine Unternehmenskultur, die nach außen Gemeinschaft und Zusammenhalt beschwört, intern aber zwanghaft darauf bedacht ist, Informationen unter Verschluss zu halten. Dass Mitarbeiter sogar dazu angehalten werden, ihre Partner möglichst innerhalb des Unternehmens zu finden, passt bestens zu dieser eigentümlichen Mischung aus Gemeinschaftsgefühl und Kontrollbedürfnis.

Mikey Madison spielt Haugen als intelligente, eigensinnige und gelegentlich etwas schwierige Frau, die zunehmend unter dem Druck ihrer eigenen Erkenntnisse leidet. Jeremy Allen White bildet dazu einen Gegenpol. Sein Jeff Horwitz ist ein ruhiger, hartnäckiger Journalist, der sich zunächst selbst in die technischen Zusammenhänge einarbeiten muss und dabei eine bemerkenswerte Beharrlichkeit an den Tag legt. Er erinnert durchaus an Robert Redford in Die Unbestechlichen. Die Zusammenarbeit der beiden funktioniert, ohne dass der Film daraus noch irgendeine überflüssige Liebesgeschichte machen müsste.

Jeremy Strong spielt Mark Zuckerberg. Die Körpersprache, die Mimik und die distanzierte Art Zuckerbergs hat er anscheinend sehr genau studiert. Manchmal schießt er dabei allerdings etwas über das Ziel hinaus. Gelegentlich habe zumindest ich den Eindruck, weniger einer eigenständigen Filmfigur als einer Zuckerberg-Imitation zuzusehen. Gleichzeitig vermittelt Strong ausgesprochen wirkungsvoll, wie weit sich Zuckerberg von den Menschen entfernt hat, deren Leben sein Unternehmen beeinflusst. In manchen Szenen sitzt er da wie ein Herrscher, der aus sicherer Entfernung über das Schicksal seiner Untertanen entscheidet. Solange die Zahlen stimmen, scheint für ihn die Welt weitgehend in Ordnung zu sein.

Ein wenig Probleme hatte ich mit der dramaturgischen Gewichtung. Der Film möchte gleichzeitig die Geschichte einer Whistleblowerin erzählen, die journalistische Aufarbeitung eines gewaltigen Skandals schildern und einen Blick hinter die Kulissen eines mächtigen Technologiekonzerns werfen. Für jeden dieser Bereiche gäbe es genügend Stoff für einen eigenen Film. Hinzu kommt, dass Fachbegriffe, Abkürzungen und interne Projekte mitunter in einem Tempo abgehandelt werden, bei dem man schon ziemlich aufmerksam bleiben muss. Gelegentlich hört man den Figuren beim Reden zu, ohne hinterher ganz sicher zu sein, was man gerade eigentlich erfahren hat.

Die Dialoge sind pointiert, unterhaltsam und verleihen selbst trockenen Sachverhalten eine gewisse Spannung. Besonders die Auseinandersetzungen zwischen Zuckerberg und seinem geschäftlichen Umfeld haben ihren Reiz. Auch die journalistische Recherche gewinnt allmählich an Fahrt. Man verfolgt gespannt, wie sich aus einzelnen Hinweisen ein Bild ergibt, das für den Konzern immer unangenehmer wird.

Wir erfahren ausführlich, wie Algorithmen verändert werden, welche Inhalte besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen und warum Empörung für das Geschäftsmodell so wertvoll ist. Dass Menschen dadurch immer tiefer in ihre eigenen Echokammern geraten und sich zunehmend radikalisieren können, wird durchaus nachvollziehbar vermittelt.

Besonders unangenehm ist der Gedanke, dass die Enthüllungen inzwischen einige Jahre zurückliegen und sich die Probleme sozialer Medien seitdem nicht in Luft aufgelöst haben. Angesichts der politischen Entwicklungen und der immer stärkeren Verflechtung von Technologieunternehmen und gesellschaftlicher Macht wirkt manches, was damals noch als Skandal galt, heute beinahe erschreckend alltäglich.

Unterm Strich ist The Social Reckoning für mich ein sehenswertes Drama, das trotz seiner mitunter etwas trockenen Erzählweise Spannung entwickelt. Die guten Darsteller und Dialoge tragen den Film auch durch seine schwächeren Passagen. An die Klasse von The Social Network reicht er für mich allerdings nicht heran. Zurück bleibt dennoch ein ziemlich unangenehmer Gedanke: Die geschilderten Ereignisse liegen einige Jahre zurück, aber die Probleme, die damals ans Licht kamen, beschäftigen uns heute mehr denn je.
 
Ich sehe gerade den Film Julius Ceasar von Uli Edel aus dem Jahre 2002.
Handwerklich sicher sehr gut gemacht.
Aber historisch eine absolute Katastrophe.
Caesars Cursus Honorum wird fast gar nicht behandelt. Sehr wichtige Personen in Ceasars Leben und seinem Hintergrund werden nicht einmal erwähnt.
Weder Crassus noch Cicero.
Cato der Jüngere schon bei Sullas Einmarsch in Rom bereits im Senat.
Appolonius nicht Ceasars Lehrer in Rhetorik sondern sein Sklave.
Ich könnte morgen noch hier sitzen.
Gegen diesen Film war ja selbst Nolans Odysee wahres Gold,
 
fhd992cdm_virginia_madsen_007-1.jpg
Candyman (1992)
Fühlt sich etwas wie ein "kleiner Horrorfilm" an, der aber vieles richtig macht. Die Machart ist wirklich gut. Musik und Kamera ein Traum! Virginia Madsen spielt erstaunlich gut. Im Großen und Ganzen ein Horrorfilm, der sich zum Glück Zeit nimmt und aus einem etwas trivialem Plot einen richtig guten und sogar vielschichtigen Film macht.
8/10
 
Street Fighter (2026)​
Street Fighter ist bisher völlig an mir vorbeigegangen. Ich habe weder die Videospiele gespielt noch die alte Verfilmung gesehen, die ich für mich immer unter Trash eingeordnet hatte. Ins Kino gelockt hat mich deshalb vor allem ein Freund, der die Spiele früher gerne gespielt hat. Nach den Trailern hielt sich meine Vorfreude in Grenzen. Am Ende fand ich den Film immerhin etwas besser als befürchtet, auch wenn mir gerade die überdrehten Szenen wenig Freude gemacht haben.

Der Einstieg hat mich allerdings positiv überrascht. Die Anime-Sequenz sieht gut aus, erzählt ohne große Umwege von der gemeinsamen Vergangenheit Ryus und Kens und vermittelt dabei auch ein Gefühl für ihre Freundschaft. Überhaupt haben mir diese animierten Rückblicke gefallen. Sie bringen etwas zusammen, das dem restlichen Film häufig fehlt: Man bekommt ein Gespür dafür, was die Figuren verbindet und weshalb sie einander verletzt haben.

Jahre nach ihrem Zerwürfnis sollen Ryu und Ken an einem Turnier teilnehmen, dessen Veranstalter Bison natürlich eigene Pläne verfolgt. Während Ryu zurückgezogen lebt, hat Ken seine besten Tage offenbar hinter sich und hält sich mit Showauftritten und Werbung über Wasser. In den ruhigeren Begegnungen der beiden funktioniert das durchaus. Da steckt noch genug Zuneigung unter den gegenseitigen Vorwürfen, um mich zumindest zeitweise für ihre Geschichte zu interessieren. Andrew Koji war mir mit seiner zurückhaltenden Art als Ryu besonders angenehm. Auch Ken gewinnt, sobald Noah Centineo einmal mehr spielen darf als den eitlen Trottel.

Leider wird fast jeder Ansatz, der mich etwas näher an die Figuren heranbringt, bald vom nächsten Gag abgeräumt. Einer muss immer noch einen Spruch machen, eine Grimasse ziehen oder sich besonders albern aufführen. Vieles davon ist schon beim ersten Mal nicht lustig und wird durch die Wiederholung kaum besser. Mich hat das mehr ermüdet als unterhalten.

Dabei habe ich mit bunten Kostümen, absurden Frisuren und Kämpfern, die Feuerbälle verschießen, überhaupt kein Problem. So eine Welt darf gerne ihre eigenen Regeln haben. Aber ich muss die Figuren mögen oder zumindest Spaß daran haben, ihnen zuzusehen. Bei Masters of the Universe hat das für mich wunderbar funktioniert. Der hatte bei aller Albernheit einen Charme, der mir hier fehlt. Street Fighter wirkt dagegen oft so bemüht um den nächsten Lacher, dass selbst brauchbare Einfälle untergehen.

Am deutlichsten zeigt sich das für mich bei Bison. David Dastmalchian spielt ihn derart überzogen, dass ich schon nach kurzer Zeit genug von ihm hatte. Er ist weder bedrohlich noch auf eine unterhaltsame Weise lächerlich, sondern schlicht nervig. Ihm fehlt das Charisma, mit dem ein Schauspieler selbst einen völlig irren Schurken zu einer Freude machen kann. Je mehr Platz seine Auftritte bekommen, desto weniger interessiert mich sein großer Plan.

Von einem Film namens Street Fighter hätte ich außerdem erwartet, dass er sich mehr Zeit für seine Kämpfe nimmt. Einzelne Szenen machen durchaus Spaß, weil dort die Umgebung geschickt genutzt wird und die übernatürlichen Fähigkeiten mehr sind als ein kurzer Effekt. Solche Momente funktionieren auch für jemanden wie mich, der keine der Attacken wiedererkennt. Umso seltsamer ist es, wie beiläufig Teile des Turniers abgehandelt werden. Manche Begegnungen sind vorbei, bevor sie richtig angefangen haben, andere bekommt man gar nicht erst zu sehen. Für allerlei Nebenhandlungen und mäßig komische Einlagen bleibt dagegen reichlich Zeit.

Das macht die zwei Stunden stellenweise ziemlich zäh. Es passiert viel, aber nur wenig entwickelt einen Sog. Kaum interessiert mich eine Begegnung, springt der Film schon wieder zu etwas anderem. Dass am Ende auch noch wesentliche Dinge auf eine mögliche Fortsetzung verschoben werden, hilft da wenig. Nach zwei Stunden hätte ich schon gerne eine einigermaßen abgeschlossene Geschichte gesehen.

Ganz misslungen fand ich Street Fighter trotzdem nicht. Die Anime-Sequenzen mochte ich wirklich, ebenso einige der ruhigeren Szenen und vereinzelte Kämpfe. Mein Freund konnte mit dem Film insgesamt auch mehr anfangen als ich. Vielleicht trägt die Vertrautheit mit den Spielen durch manches hindurch, das mich eher kaltgelassen hat. Bei mir blieb am Ende vor allem der Eindruck, dass ich mit weniger Klamauk und mehr Zeit für Ryu und Ken deutlich mehr Freude gehabt hätte. Etwas besser als erwartet, aber immer noch nur unterer Durchschnitt.
 
Sinn und Sinnlichkeit (2026)​
Bei Jane-Austen-Verfilmungen fühle ich mich meistens schnell zu Hause. Ich mag diese englischen Landsitze, die Landschaften und die Gespräche, bei denen hinter aller Höflichkeit ziemlich unverblümt über Geld und gesellschaftliches Ansehen verhandelt wird. Dass ausgerechnet die Frage, wer wen heiraten könnte, ganze Familien in Unruhe versetzt, gehört dazu. Georgia Oakleys Sinn und Sinnlichkeit hat mich jedenfalls schnell in diese Welt hineingezogen und stellte einen wohltuenden Kontrast zu Street Fighter dar. Hinter Ang Lees Verfilmung von 1995 muss sich diese neue Fassung keineswegs dahinter verstecken.

Die Geschichte dürfte vielen bekannt sein. Nach dem Tod ihres Vaters fällt das Anwesen an den Halbbruder der Dashwood-Schwestern. Seine Frau sorgt dafür, dass von der zunächst versprochenen Unterstützung nicht viel übrig bleibt. Elinor, Marianne und ihre jüngere Schwester müssen mit ihrer Mutter in ein kleines Cottage ziehen. Gemessen an den Lebensverhältnissen der meisten Menschen ihrer Zeit kommen sie damit immer noch recht gut weg. Ihre Zukunft ist trotzdem unsicher geworden, denn über eigene Möglichkeiten, sich finanziell abzusichern, verfügen sie kaum. Eine passende Heirat bekommt unter diesen Umständen zwangsläufig ein Gewicht, das über die Frage hinausgeht, ob man jemanden nett findet.

Elinor versucht, mit der neuen Lage vernünftig umzugehen. Sie nimmt Rücksicht, hält die Familie zusammen und behält ihren Kummer lieber für sich. Marianne ist da weniger zurückhaltend. Wenn sie sich verliebt, dann mit allem, was dazugehört. Sie will sich von ihren Gefühlen tragen lassen und nicht schon vor dem ersten gemeinsamen Spaziergang überlegen, welche Schwierigkeiten daraus entstehen könnten.

Ich konnte beide gut verstehen, hätte ihnen gelegentlich aber auch gern widersprochen. Marianne merkt in ihrem Überschwang kaum, dass andere ebenfalls Sorgen haben. Bei Elinor wartet man dagegen irgendwann darauf, dass sie endlich einmal ausspricht, was sie beschäftigt. Ständig auf alle anderen Rücksicht zu nehmen, ist auf Dauer eben auch keine Lösung.

Daisy Edgar-Jones gefällt mir als Elinor ausgesprochen gut. Sie lässt einen sehen, wie viel hinter deren beherrschtem Auftreten steckt. Manchmal bleibt ihr Blick kurz an jemandem hängen, bevor sie sich wieder fängt. Oder sie antwortet so gefasst, dass gerade dadurch deutlich wird, wie sehr sie eine Nachricht getroffen hat. Das wirkt nie aufgesetzt. Ich habe ihr diese junge Frau abgenommen, die sich selbst zur Vernunft ruft, obwohl sie am liebsten ganz anders reagieren würde. Wenn die Gefühle dann doch herausbrechen, geht das entsprechend nahe.

Esmé Creed-Miles hat mit Marianne die nach außen lebhaftere Rolle. Ihre Begeisterung kann anstecken, ihr Liebeskummer bald das ganze Haus beschäftigen. Sie darf dabei auch ungeduldig und ungerecht sein. Trotzdem habe ich nicht das Interesse an ihr verloren, weil hinter ihrem Verhalten immer diese Verletzlichkeit zu spüren bleibt. Besonders gern habe ich den beiden gemeinsam zugesehen. Sie wirken wie Schwestern, die einander vertraut sind und gerade deshalb manchmal gar nicht auf die Idee kommen, genauer nachzufragen. Man meint schließlich zu wissen, was in der anderen vorgeht.

Darin liegt für mich die größte Stärke des Films. Die Liebesgeschichten geben natürlich vieles vor, doch mindestens ebenso wichtig wird, wie Elinor und Marianne wieder zueinanderfinden. Ihre Nähe zeigt sich in kleinen Gesten, im Zusammensitzen und darin, dass sie nach einem Streit doch wieder die Gesellschaft der anderen suchen. Der Film nimmt sich Zeit für sie.

Die Männer bleiben daneben etwas blasser. George MacKays Befangenheit passt zu Edward, auch wenn man ihm gelegentlich wünschen möchte, dass ihm ein entscheidender Satz etwas früher einfällt. Frank Dillane wiederum bringt als Willoughby genug Charme mit, um Mariannes Begeisterung nachvollziehbar zu machen. Bei Colonel Brandon hätte ich gern noch mehr erfahren. Herbert Nordrum vermittelt seine Aufrichtigkeit, aber spielt ihn sehr zurückhaltend und wortkarg. Fiona Shaw als Mrs. Jennings braucht dafür kaum Anlauf. Ihre Einmischungen sind unterhaltsam, ohne dass sie zur bloßen Witzfigur wird. Hinter ihrer mitunter anstrengenden Neugier steckt echte Herzlichkeit.

Überhaupt musste ich einige Male grinsen. Besonders dann, wenn sehr eigennützige Überlegungen mit größter Selbstverständlichkeit als das einzig Vernünftige vorgetragen werden. Da lässt sich eine finanzielle Unterstützung so lange besprechen, bis am Ende kaum noch etwas davon übrig ist und trotzdem niemand ein schlechtes Gewissen haben muss. Austen kannte solche Menschen offenbar gut genug. Die Dialoge machen Spaß, weil die Spitzen nicht eigens angekündigt werden. Oft reicht die Reaktion des Gegenübers, damit eine beiläufige Bemerkung ihre volle Wirkung entfaltet.

Auch die Bilder haben mir sehr gefallen. Die Landschaft ist beeindruckend, die Häuser und Kostüme sind sehenswert, aber alles wirkt ausreichend bewohnt und benutzt. Man bekommt durchaus eine Vorstellung davon, wie klamm es in diesen Räumen werden kann. Bei aller Liebe zu englischen Landhäusern wäre eine ordentliche Heizung schon ein Argument für die Gegenwart. Draußen fährt der Wind durch Haare und Kleidung, die Figuren bewegen sich ungezwungener, und besonders Marianne scheint dort ganz in ihrem Element zu sein. Das gibt dem Film eine Lebendigkeit.

Zwar haben mich nicht alle romantischen Entwicklungen gleichermaßen überzeugt. Das hat mein Vergnügen insgesamt aber kaum geschmälert. Ich war gern mit diesen Figuren zusammen und wollte wissen, wie sie mit ihren Enttäuschungen umgehen. Als sich die Dinge zum Ende hin fügen, habe ich ihnen die Erleichterung gegönnt.

Für mich ist das eine sehr gelungene Neuverfilmung, die neben dem Film von 1995 ihren eigenen Platz findet. Vor allem Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles tragen viel dazu bei.
 
Exit 8​
Der von Kazunari Ninomiya gespielte namenlose Protagonist hat gerade erfahren, dass seine ehemalige Partnerin schwanger ist. Auf ihre Frage, wie es weitergehen soll, findet er keine Antwort. Kurz darauf kommt er auch aus der U-Bahn-Station nicht mehr heraus. Jeder Weg führt ihn in denselben Korridor zurück. Eine Hinweistafel erklärt die Regeln: Entdeckt er eine Abweichung, muss er umkehren. Bleibt alles unverändert, darf er weitergehen. Ein Fehler wirft ihn an den Anfang zurück.

Der Film lässt uns die Umgebung allmählich kennenlernen. Man merkt sich Türen, betrachtet Plakate und beobachtet den Mann, der einem bei jedem Durchgang entgegenkommt. Bald zweifelt man am eigenen Gedächtnis. Sah das eben wirklich anders aus oder habe ich zuvor nicht aufgepasst? Die Kamera lenkt den Blick geschickt, ohne einem die Suche abzunehmen. Manchmal entdeckt man etwas vor der Hauptfigur, dann übersieht man selbst eine Veränderung. Dieses aufmerksame Zuschauen hat mir viel Spaß gemacht, auch weil die Bedrohung lange schwer greifbar bleibt. Die gleichmäßige Beleuchtung und die kahlen Flächen geben einem kaum einen Anhaltspunkt dafür, woher die nächste unangenehme Überraschung kommen könnte.

Die deutlicheren Horrormomente sorgen für Abwechslung, am stärksten fand ich den Film allerdings bei seinen kleinen Unstimmigkeiten. Ninomiya macht die wachsende Erschöpfung seines Protagonisten gut nachvollziehbar. Als Wasser und Asthmaspray knapp werden, bekommt die Suche zusätzlich eine körperliche Dringlichkeit.

Ab hier folgen Spoiler zum gesamten Film.

Für mich handelt Exit 8 vor allem davon, dass ein Mensch lernen muss, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen. Schon in der ersten Szene wird eine Mutter in der Bahn wegen ihres schreienden Babys angegangen. Niemand hilft ihr. Auch der Protagonist schottet sich mit seinen Kopfhörern ab. Die anschließende Schwangerschaftsnachricht trifft damit auf eine konkrete Unsicherheit: Wie soll er für ein Kind einstehen, wenn er bereits in einer solchen Alltagssituation nicht den Mut findet, sich einzumischen?

Die Unterführung macht seine innere Orientierungslosigkeit zu einem begehbaren Raum. Er ist ununterbrochen unterwegs und kommt trotzdem nicht voran. Ihre Regeln zwingen ihn dazu, genau das abzulegen, was ihm draußen noch möglich war: Unangenehmes auszublenden und einfach weiterzugehen. Hier muss er bemerken, wenn etwas nicht stimmt, und daraus Konsequenzen ziehen. Man kann diesen Ort als eine Art psychischen Prüfungsraums verstehen, in dem er seinen bisherigen Ausweichmanövern nicht mehr entkommt.

Mit dem Jungen wird daraus eine persönliche Beziehung. Plötzlich hängt jemand von ihm ab, obwohl er selbst Angst hat und den Weg nicht kennt. Gerade darin liegt für mich seine Entwicklung. Er muss nicht erst souverän werden oder alle Antworten wissen, bevor er sich um einen anderen Menschen kümmern kann.

Gelegentlich wird mir die Symbolik etwas zu deutlich. Die Verbindung zwischen Schwangerschaft, Kind und persönlicher Krise hätte auch mit weniger Nachdruck funktioniert. Trotzdem hat mich diese Ebene erreicht und dafür gesorgt, dass mir das Schicksal des zunächst recht verschlossenen Mannes zunehmend naheging.

Besonders gut gefällt mir deshalb die Rückkehr zur Ausgangssituation. Wieder steht er in der Bahn, wieder wird die Mutter angegangen. Ob das eine weitere Schleife oder eine neue Gelegenheit ist, bleibt offen. Seine angedeutete Hinwendung zum Geschehen lässt mich eher auf einen hoffnungsvollen Schluss vertrauen. Entscheidend ist für mich ohnehin, ob er diesmal handelt. Sonst hätte er zwar den Gang verlassen, würde sein bisheriges Leben aber unverändert fortsetzen.
 
Exit 8​
Der von Kazunari Ninomiya gespielte namenlose Protagonist hat gerade erfahren, dass seine ehemalige Partnerin schwanger ist. Auf ihre Frage, wie es weitergehen soll, findet er keine Antwort. Kurz darauf kommt er auch aus der U-Bahn-Station nicht mehr heraus. Jeder Weg führt ihn in denselben Korridor zurück. Eine Hinweistafel erklärt die Regeln: Entdeckt er eine Abweichung, muss er umkehren. Bleibt alles unverändert, darf er weitergehen. Ein Fehler wirft ihn an den Anfang zurück.

Der Film lässt uns die Umgebung allmählich kennenlernen. Man merkt sich Türen, betrachtet Plakate und beobachtet den Mann, der einem bei jedem Durchgang entgegenkommt. Bald zweifelt man am eigenen Gedächtnis. Sah das eben wirklich anders aus oder habe ich zuvor nicht aufgepasst? Die Kamera lenkt den Blick geschickt, ohne einem die Suche abzunehmen. Manchmal entdeckt man etwas vor der Hauptfigur, dann übersieht man selbst eine Veränderung. Dieses aufmerksame Zuschauen hat mir viel Spaß gemacht, auch weil die Bedrohung lange schwer greifbar bleibt. Die gleichmäßige Beleuchtung und die kahlen Flächen geben einem kaum einen Anhaltspunkt dafür, woher die nächste unangenehme Überraschung kommen könnte.

Die deutlicheren Horrormomente sorgen für Abwechslung, am stärksten fand ich den Film allerdings bei seinen kleinen Unstimmigkeiten. Ninomiya macht die wachsende Erschöpfung seines Protagonisten gut nachvollziehbar. Als Wasser und Asthmaspray knapp werden, bekommt die Suche zusätzlich eine körperliche Dringlichkeit.

Ab hier folgen Spoiler zum gesamten Film.

Für mich handelt Exit 8 vor allem davon, dass ein Mensch lernen muss, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen. Schon in der ersten Szene wird eine Mutter in der Bahn wegen ihres schreienden Babys angegangen. Niemand hilft ihr. Auch der Protagonist schottet sich mit seinen Kopfhörern ab. Die anschließende Schwangerschaftsnachricht trifft damit auf eine konkrete Unsicherheit: Wie soll er für ein Kind einstehen, wenn er bereits in einer solchen Alltagssituation nicht den Mut findet, sich einzumischen?

Die Unterführung macht seine innere Orientierungslosigkeit zu einem begehbaren Raum. Er ist ununterbrochen unterwegs und kommt trotzdem nicht voran. Ihre Regeln zwingen ihn dazu, genau das abzulegen, was ihm draußen noch möglich war: Unangenehmes auszublenden und einfach weiterzugehen. Hier muss er bemerken, wenn etwas nicht stimmt, und daraus Konsequenzen ziehen. Man kann diesen Ort als eine Art psychischen Prüfungsraums verstehen, in dem er seinen bisherigen Ausweichmanövern nicht mehr entkommt.

Mit dem Jungen wird daraus eine persönliche Beziehung. Plötzlich hängt jemand von ihm ab, obwohl er selbst Angst hat und den Weg nicht kennt. Gerade darin liegt für mich seine Entwicklung. Er muss nicht erst souverän werden oder alle Antworten wissen, bevor er sich um einen anderen Menschen kümmern kann.

Gelegentlich wird mir die Symbolik etwas zu deutlich. Die Verbindung zwischen Schwangerschaft, Kind und persönlicher Krise hätte auch mit weniger Nachdruck funktioniert. Trotzdem hat mich diese Ebene erreicht und dafür gesorgt, dass mir das Schicksal des zunächst recht verschlossenen Mannes zunehmend naheging.

Besonders gut gefällt mir deshalb die Rückkehr zur Ausgangssituation. Wieder steht er in der Bahn, wieder wird die Mutter angegangen. Ob das eine weitere Schleife oder eine neue Gelegenheit ist, bleibt offen. Seine angedeutete Hinwendung zum Geschehen lässt mich eher auf einen hoffnungsvollen Schluss vertrauen. Entscheidend ist für mich ohnehin, ob er diesmal handelt. Sonst hätte er zwar den Gang verlassen, würde sein bisheriges Leben aber unverändert fortsetzen.
Ich hab den Film zufälligerweise gestern auch gesehen. Hat mir sehr gut gefallen. Ich finde die Idee auch reizvoll, das ganze im „Backrooms“ Universum anzusiedeln.
 
Exit 8 hat mich möglicherweise sogar mehr angesprochen als Backrooms. Ich mag, wie der Film einen dazu bringt, selbst nach Veränderungen im Gang zu suchen und der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Vor allem aber steckt für mich hinter der Suche nach dem Ausgang eine Geschichte über jemanden, der lernen muss, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen. Das gibt dem Geschehen etwas Menschliches, das bei mir wahrscheinlich langfristig stärker hängen bleiben wird, auch wenn Backrooms mit seinen Themen Einsamkeit und Angst ebenfalls einiges zu bieten hat.

Ich vermute außerdem, dass der frühere deutsche Kinostart von Backrooms es Exit 8 zusätzlich schwer gemacht hat. Wer gerade erst einen Film über endlose, unheimliche Flure gesehen hatte, dürfte beim nächsten gedacht haben: Das hatten wir doch gerade.
 
Zurück
Oben