Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im südlichen Landkreis Osnabrück aufgewachsen. Soweit ich mich erinnere, gab es bei uns keine wirklichen Einschränkungen für die Tierhaltung oder den Ackerbau, wie man sie aus Süddeutschland kannte, etwa aus Bayern oder Baden-Württemberg nach der Tschernobyl-Katastrophe.
Am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist mir der Gemüsegarten. Auf Drängen unserer Großmutter wurde alles vernichtet. Meine Mutter hat das nur schwer akzeptiert, vor allem, weil der Spinat schon richtig gut stand.
Im Nachhinein kann ich die Reaktion meiner Großmutter durchaus verstehen. Damals wusste niemand so genau, wie gefährlich die Lage wirklich war. Es kursierten viele unterschiedliche Informationen, manches widersprach sich auch. Wer auf Nummer sicher gehen wollte, traf eben klare Entscheidungen. Gerade Blattgemüse galt als besonders anfällig, weil sich die radioaktiven Partikel direkt auf den Blättern absetzen konnten.
Bei uns zu Hause trafen dabei zwei Haltungen aufeinander. Meine Großmutter wollte kein Risiko eingehen und hat konsequent gehandelt. Meine Mutter hat stärker auf das geschaut, was konkret vor ihr lag, und vielleicht auch darauf, wie viel Arbeit und Zeit in dem Garten steckten. Diese kleine Szene passt im Rückblick ziemlich gut zu der Stimmung damals. Viel Vorsicht, aber auch Zweifel und das Gefühl, nicht genau zu wissen, ob man gerade richtig handelt.