Bastion

[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Flur]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl

Bastion Center hatte Lucian schon bei früheren Aufenthalten nicht sonderlich beeindruckt und auch diesmal änderte sich daran wenig. Natürlich war die schiere Größe der imperialen Thronstadt kaum zu übersehen. Ministerien, Verwaltungsgebäude und gewaltige Wolkenkratzer erstreckten sich über ganze Bezirke, während über der Skyline meistens ein Sturm wütete. Doch vielleicht lag es gerade an dieser gewaltigen Konzentration imperialer Macht, dass Lucian immer schon etwas anderes und noch größeres erwartet hatte. Noch vor wenigen Tagen hatte der Verwalter in seinem kaum fertig eingerichteten Büro auf Brentaal gestanden und Cassian Varro erklärt, weshalb er überhaupt keinen Grund sah, seine neue Wirkungsstätte schon wieder zu verlassen. Inzwischen musste er sich widerwillig eingestehen, dass sein Vizegouverneur mit seiner Einschätzung vermutlich nicht vollkommen daneben gelegen hatte.

Brentaal IV mochte eine der wirtschaftlich bedeutendsten Welten des Imperiums sein und Lucians Ernennung zu ihrem Gouverneur stellte den größten Sprung seiner bisherigen Laufbahn dar. Bastion war dennoch eine andere Kategorie. Hier saßen jene Menschen, die Ministerien lenkten, mit dem Dunstkreis der Imperatorin verkehrten und über das Schicksal des gesamten Imperiums verfügten. Wenn man ihn also in diesen scheiß Expertenrat berief, dann würde Lucian also verdammt noch einmal teilnehmen. Nicht weil er besondere Freude daran verspürte, sich von anderen erklären zu lassen, welche Probleme es zu lösen galt, sondern weil er nach all den Jahren nicht vorhatte, eine offene Tür deshalb zu ignorieren, weil ihm der Raum dahinter nicht gefiel. Dass er Brentaal währenddessen in den Händen Cassians zurücklassen musste, bereitete ihm überraschend wenig Sorgen. Der Mann war ein selbstgefälliger, aalglatter Schnösel und besaß die ausgesprochen störende Angewohnheit, dies mit einer solchen Gelassenheit zu tragen, dass Lucian ihm nur schwer einen Vorwurf daraus machen konnte. Leider war er ebenso kompetent. In den vergangenen Wochen hatte Varro mehrfach bewiesen, dass er sehr genau wusste, welche Hebel innerhalb einer Verwaltung bewegt werden mussten, damit sich tatsächlich etwas bewegte. Lucian vertraute ihm deshalb keineswegs blind, doch ausreichend, um für einige Tage nach Bastion zu reisen, ohne alle zwei Stunden nachzufragen, ob sein Büro noch stand.

Seine Schritte hallten gleichmäßig über den Boden des Korridors. Lucian trug seine dunkelgraue Gouverneursuniform, hatte auf zusätzliche zeremonielle Elemente jedoch verzichtet. Eine Rangplakette genügte vollkommen. Wer innerhalb dieses Gebäudes nicht wusste, welche Stellung ein Gouverneur einnahm, war vermutlich ohnehin nicht wichtig genug, um ihn länger zu beschäftigen. Seine Stimmung hatte sich seit seiner Ankunft überraschend stabil gehalten. Der Flug war ruhig gewesen, seine Unterbringung akzeptabel und bislang hatte niemand versucht, ihm auf den Sack zu gehen. Gemessen an seinen vergangenen Wochen war das beinahe ein gelungener Vormittag.

Dann hörte er seinen Namen.

Lucian verlangsamte seinen Schritt und wandte sich um. Die Stimme hatte einem etwas
nervös wirkenden Mann gehört, der einige Meter entfernt neben zwei weiteren Männern durch den Korridor kam und offenbar keinerlei Versuch unternommen hatte, seine Feststellung für sich zu behalten. Lucians Blick blieb einen Moment an ihm hängen, ehe er zu dem älteren der beiden Begleiter wanderte. Groß, schmal, zurückhaltend und mit jener ruhigen Aufmerksamkeit ausgestattet, die Lucian bei Menschen gewöhnlich mehr schätzte als übertriebene Geschäftigkeit. Der dritte Mann stand dagegen erkennbar im Zentrum der kleinen Gruppe.

Er war jung. Deutlich jünger als Lucian jedenfalls und vermutlich noch keine dreißig. Schwarzes Gewand, dunkles Cape, goldene Kette und eine Haltung, die verriet, dass er es gewohnt war, nicht als einer unter vielen wahrgenommen zu werden. Als sich ihre Blicke trafen, erschien für einen kurzen Augenblick ein Lächeln auf dessen Gesicht, das ungefähr so natürlich wirkte wie das eines Mannes, der einem gerade ins Waschbecken gepisst hatte, nur um im nächsten Moment zu fragen, wo er sich denn die Hände waschen könne.

Lucian blieb stehen und der
junge Mann reichte ihm keine Hand. Gut, denn Lucian hatte ebenfalls nicht vor, ihm eine anzubieten. Er betrachtete ihn einen kurzen Augenblick. Leobund. Der Name sagte ihm zunächst nichts, jedenfalls nichts, das ihn unmittelbar hätte aufhorchen lassen. Der Titel erklärte hingegen zumindest einen Teil des Auftretens. Dass ein Mann dieses Alters bereits eine Abteilung im Außenministerium leitete, war bemerkenswerter. Lucian hatte in seiner Karriere genügend junge Karrieristen erlebt, die ihre Position vor allem dem richtigen Namen, den richtigen Kontakten oder dem richtigen Vater verdankten.

Der Expertenrat würde vermutlich früh genug zeigen, welche Sorte vor ihm stand. Sein Blick wanderte kurz an
Percival vorbei zu dem Mann, der seinen Namen eben noch durch den Korridor getragen hatte.

"Ihr Begleiter hat freundlicherweise bereits einen Teil der Vorstellung für uns übernommen.“

Der Ton blieb vollkommen trocken. Kein Lächeln begleitete die Bemerkung, und Lucian ließ offen, ob er sie als Scherz verstanden wissen wollte. Anschließend richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Percival.

"Und ja. Wenn Sie ebenfalls zu diesem Expertenrat unterwegs sind, für den man mich kaum eine Woche nach meinem Amtsantritt hierher beordert hat, scheinen wir tatsächlich den gleichen Weg zu haben."

Lucian setzte sich wieder in Bewegung, ohne eine ausdrückliche Einladung abzuwarten. Wenn sie ohnehin dasselbe Ziel hatten, sah er wenig Sinn darin, noch länger mitten auf einem Flur herumzustehen. Für einige Schritte schwieg er und ließ seinen Blick über die Wegweiser an den Wänden gleiten, bevor er wieder zu dem jungen Abteilungsleiter sah.

"Neutrale Staaten im galaktischen Norden."

Er wiederholte die Bezeichnung eher feststellend als fragend.

"Dann hoffe ich, dass dieser Expertenrat seinem Namen gerecht wird. Ich habe schon genügend davon erlebt, in denen alles mögliche saß - außer den verdammten Experten“

Ein kurzer Seitenblick folgte.

"Hoffentlich werden Sie mir dann gleich als erster beweisen, dass es diesmal anders ist“

Lucian wandte den Blick wieder nach vorne. Er kannte Leobund nicht und hatte bislang weder Anlass, ihn zu mögen, noch ihn abzuschreiben. Das auffällige Auftreten, die unterkühlte Begrüßung und die Tatsache, dass ein Mann in diesem Alter bereits eine durchaus gewichtige Position bekleidete, genügten allerdings vollkommen, um zumindest sein Interesse zu wecken. Ob dieses Interesse nach der bevorstehenden Sitzung in Respekt oder Verachtung umschlug, würde sich zeigen.

[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Flur]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl
 
[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori

Der Mann, welcher so unverhofft dank Doyl zu der Gruppe dazugestoßen war, schien nicht unbedingt die Etikette in Person zu sein. Er machte keinerlei Anstalten sich angemessen gegenüber Percival zu verhalten. Keine Verbeugung, noch nicht mal ein leichtes Senken des Kopfes. Percival zog misstrauisch die Augenbraue leicht nach oben. Dieser Mann musste doch wissen, was der Name Leobund zu bedeuten hatte ... oder berief das Imperium wirklich Menschen in den Rang eines Gouverneurs, welchen sämtliches notwendige Wissen um Rang und Stand fehlte? Percival schämte sich nicht sich einzugestehen, dass es ihn durchaus störte, wenn man ihn nicht einordnen konnte, wenn einem der Name Leobund nichts sagte. Vielleicht war er in seiner Heimat einfach zu sehr das krasse Gegenteil gewohnt gewesen, aber er hatte schon gedacht, ja war davon ausgegangen, dass man im Regierungsgebäude des Galaktischen Imperiums Personen mit Rang und Namen erkennen würde.

Zumindest war der Gouverneur glücklicherweise kein Mann unnötiger Worte. Das hätte ihm auch noch gefehlt, jetzt mit einem unwissenden alten Kerl durch die Flure hier zu spazieren, der ihn mit eben dieser Unwissenheit vollpalaverte. Als er sich erneut in Bewegung setzte, tat Percival es ihm gleich. Es klang mehr und mehr heraus, dass dieser Expertenrat wohl wirklich eine Lachnummer für sich war. Er selbst war nicht nur völlig frisch in seinem Amt, sondern generell völlig frisch in der Imperialen Verwaltung. Und auch der Gouverneur schien erst vor kurzem an diesen Rang gekommen zu sein. Was sollte schon schiefgehen, wenn man einen Expertenrat aus lauter neu berufenen bildete?


,,Ich selbst habe auch erst vor wenigen Wochen meine Reise nach Bastion vom Tapani-Sektor aus angetreten. Dieser Expertenrat setzt wohl wirklich auf ... frische Personalien."

Den kleinen Wink in Richtung des Tapani-Sektors hatte Percival sich nicht verkneifen können. Dieser Mann musste doch spätestens jetzt hoffentlich wissen, wer er war, wo er nun den ehrwürdigen Familiennamen sogar mit einem Ort verknüpft hatte. Sonst müsste er ihm seinen Rang und Titel gleich noch mehr auf dem Silbertablett präsentieren.

Die beiden Männer gingen für ein paar Momente schweigend durch die Flure, begleitet von Percivals kleinem Gefolge. Er kam erneut nicht darum herum zu bemerken, wie unglaublich schmucklos dies alles hier war. Von außen auf diese brachiale Art ohne Frage einschüchternd, aber hier drinnen fehlte die Finesse, das Besondere, was er wohl erwartet hatte, wenn man an die Schaltzentrale eines so gewaltigen Reiches dachte. Womit diese Schaltzentrale allerdings punkten konnte, waren immerhin lange und verzweige Wege, bis man an seinem Zielort ankam. So hatte sein Begleiter doch noch die Möglichkeit, ein neues Gespräch zu eröffnen. Auf die Aussage bezüglich des Expertenrats konnte Percival nicht anders als mit einem unverhohlenen Grinsen - ein wenig von oben herab - reagieren. Zum einen, da er sich bereits ähnliches gedacht hatte, zum anderen, da dieser Mann doch tatsächlich dachte, Percival hätte es nötig ihm irgendetwas zu beweisen.


,,Oh, ich habe Obulette nicht verlassen, um irgendwem auf dieser verregneten Welt irgendetwas zu beweisen."

Percival musste noch immer grinsen, als er fortfuhr.

,,Aber als ich mir die Akten angeschaut habe, habe ich mich tatsächlich gefragt, wofür ein solcher Expertenrat überhaupt notwendig ist. Meine Abteilung könnte ohne Probleme die aufkommenden Fragen alleine bearbeiten, gäbe man mir ein paar Freiheiten. Und dafür würde mir auch die Hälfte der Besetzung reichen, die meine Abteilung gerade fasst. Die andere Hälfte hat mein Vorgänger wohl als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellt."

Wie nebensächlich deutete Percival in Richtung Doyls der hinter ihm lief und bei dem es ihn wirklich nicht interessierte, dass er jedes einzelne Wort hören konnte. Den Sinn verstehen würde er wohl eh nicht. Aber er wusste wirklich beim besten Willen nicht, was ihn gleich in diesem Expertenrat erwartete. Auch fragte er sich, was ein Gouverneur einer Kernwelt wie Brentaal IV in einem solchen Gremium zu suchen hatte. Doch auch, wenn der Mann was Adel und wichtige Personen anging offenbar keinerlei Ahnung hatte, war er ihm noch nicht unwichtig genug, als dass Percival ihm diese Frage, mit dem für ihn unvermeidlichen geringschätzigen Unterton, direkt persönlich stellen würde.

,,Aber vielleicht wird man ja überrascht. Und wenn nicht übernimmt meinen Stuhl halt einer von den Untergebenen von mir, die aktuell eh nicht viel mehr leisten als auf irgendwelchen anderen Stühlen herumzusitzen."

[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori
 
[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Flur]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl

Lucian hatte auf Bastion schon nach wenigen Tagen wieder verstanden, weshalb er sich so lange erfolgreich eingeredet hatte, dass Brentaal IV vollkommen ausreichte. Dort konnte er wenigstens in seinem eigenen Büro darüber entscheiden, welcher beschissene Schreibtisch wo zu stehen hatte. Hier dagegen bestand scheinbar der halbe Tag daraus, durch Flure zu laufen und Menschen zuzuhören, die sich für wichtiger hielten als die Imperatorin selbst. Der junge Mann neben ihm passte zunächst hervorragend in dieses Bild. Zu jung für die Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Posten trug, zu gut angezogen, zu auffällig, zu überzeugt davon, dass eine Abteilung unter seiner Führung vermutlich schon deshalb hervorragend funktionierte, weil sie das Glück hatte, unter seiner Führung zu stehen. Lucian hatte in seinem Leben genügend solcher Typen gesehen. Manche hatten berühmte Väter gehabt, andere die richtigen Freunde, wieder andere waren schlicht lange genug in irgendeinem Stab herumgekrochen, bis jemand ihnen aus Versehen einen Rang angeheftet hatte. Die Sorte unterschied sich im Detail, das Ergebnis selten. Und Percival Leobund – mit seinem Cape, seiner Kette und diesem kaum zu übersehenden Bewusstsein für die eigene Person – hatte in Lucians Kopf bereits einen ziemlich sicheren Platz zwischen verwöhnter Bengel und arrogantem Stabsschwanz gefunden. Dass er nun auch noch erklärte, seine eigene Abteilung könne den verdammten Expertenrat vermutlich mit der Hälfte der Leute praktisch alleine ersetzen, machte die Sache nicht besser. Oder vielleicht doch ein wenig. Denn so sehr Lucian Leute verachtete, die sich für das Zentrum der Galaxis hielten, so wenig konnte er einem Mann vorwerfen, dass er über aufgeblähte Verwaltung schimpfte. Das Problem war nur, dass Lucian noch nicht wusste, ob der Junge tatsächlich etwas konnte oder lediglich zu viel Zeit damit verbracht hatte, sich selbst zuzuhören. Dann fiel das Wort Tapani-Sektor. Lucian ging noch zwei Schritte weiter, ehe sich seine Stirn leicht zusammenzog. Leobund...Obulette...Tapani. Er warf Percival einen kurzen Seitenblick zu. Ach du Scheiße.

Natürlich: Mecetti - tapanischer Hochadel.

Lucian sagte zunächst nichts. Sein Blick blieb einen Augenblick länger auf dem
jungen Mann liegen als zuvor, während sich die losen Informationen in seinem Kopf endlich zu einem Bild zusammensetzten. Das Cape, die Kette und die Selbstverständlichkeit. Der Name, den Lucian beim ersten Mal noch irgendwo zwischen hundert anderen Familiennamen abgelegt hatte.

Seine Mutter hätte ihn dafür vermutlich mit diesem Blick angesehen, bei dem bereits feststand, dass gleich jemand anderes die eigentliche Strafe vollstreckte. Sein Vater ganz sicher. Lucian zog langsam die Brauen hoch. Verdammte Scheiße. Ein tapanischer Hochadliger. Und ausgerechnet einer, dem offensichtlich niemand je beigebracht hatte, sich zuerst seine Sporen zu verdienen, bevor er das Maul aufriss. Er ließ
Percival dennoch ausreden und achtete bewusst darauf, es tatsächlich zu tun. Lucian spürte bereits mehrere Antworten in seinem Kopf entstehen, von denen mindestens zwei ausreichend gewesen wären, um einen diplomatischen Zwischenfall mit dem Haus Mecetti auszulösen. Dennoch entschied er sich für die aus seiner Sicht diplomatische Variante.

"Acht Jahre, Lord Leobund...“

Begann er also mal wieder. Den Titel benutzte er diesmal bewusst. Lucian hob eine Hand und ließ sie in einer kurzen, selbstverständlich wirkenden tapanischen Geste durch die Luft fahren.

"Acht Jahre habe ich in republikanischer Gefangenschaft verbracht.“

Er machte eine kurze Pause.

"Während die anderen aus meinem Akademiejahrgang ihre Rangabzeichen poliert und eine Beförderung nach der anderen kassiert haben, saß ich acht Jahre in einem Käfig und spielte Karten mit Männern, die schon beim Mischen beschissen haben.“

Seine Hand öffnete sich noch einmal, als müsse die Geste allein verdeutlichen, was für eine unfassbare Beleidigung dieser Zustand für einen zivilisierten Menschen dargestellt hatte.

"Acht verdammte Jahre.“

Lucians Blick wanderte kurz über
Percival, blieb an der goldenen Kette hängen und kehrte schließlich in dessen Gesicht zurück.

"Mein Vater hätte mich mit dem Gürtel vertraut gemacht, wenn er mich dabei erwischt hätte, einem Mitglied des tapanischen Hochadels nicht den allergrößten Respekt entgegenzubringen."

Seine Mundwinkel bewegten sich kaum merklich. Da war einiges, was ihm gerade durch den Kopf ging. So einiges. Und so ziemlich alles davon hätte sein Vater mit Sicherheit nicht gebilligt.

"Von daher werde ich mich jetzt unterstehen, Ihnen zu sagen, was mir gerade durch den Kopf geht."

Damit richtete Lucian den Blick wieder nach vorne. Er ging einfach weiter. Stur, schweigend und mit den Händen hinter dem Rücken, als hätte das Gespräch damit vorerst seinen vollkommen natürlichen Abschluss gefunden. Keine Bemerkung mehr über
Percivals Abteilung. Keine Reaktion auf dessen Selbsteinschätzung. Nicht einmal ein weiterer Seitenblick. Wenn der Bengel tatsächlich so gut war, wie er glaubte, würde Lucian es früh genug feststellen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie erreichten ihr Ziel just in diesem Augenblick.

[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Flur]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl
 
| Outerrim-Territorien – Braxant Sector – Sartinaynian-System – Bastion – Bastion Center – Domäne der Wissenden – persönliche Quartiere | Dopa Maskey, S-4O |​


Der Raum lag beinahe vollständig im Dunkeln. Lediglich das unstete Licht mehrerer Holoschirme und Monitore kämpfte gegen die Schatten an, tauchte die Wände für einige Herzschläge in kaltes Blau, ließ sie kurz darauf rötlich aufglimmen und dann wieder beinahe vollständig verschwinden. Das leise Summen der Geräte vermischte sich mit dem kaum hörbaren Brummen der Belüftungsanlage und dem gelegentlichen Klicken einer wechselnden Übertragung. Irgendwo außerhalb des Quartiers pulsierte Bastion weiter, doch hier drinnen schien davon kaum etwas übrig geblieben zu sein. Inmitten dieses flackernden Lichtes saß ein einzelner Mann vor der Konsole. Mal lag eine Hälfte seines grünen Gesichtes im Schatten, während die andere vom bläulichen Schein eines Holofeeds beleuchtet wurde, dann zog rotes Licht über die geometrischen Tätowierungen an seinem Kinn und ließ seine Augen für einen Moment beinahe schwarz erscheinen. Seine Rüstung stand einige Schritte entfernt auf einer Halterung. Auch das Lichtschwert hatte Dopa Maskey abgelegt und neben sich auf die Konsole gelegt. In seiner rechten Hand hielt Craton stattdessen ein Glas Abrax, das er langsam zwischen seinen Fingern drehte, während die aquamarin blaue Flüssigkeit darin der Bewegung folgte.
Seit geraumer Zeit saß er bereits so da, er beobachtete.
Auf einem der Bildschirme marschierten Sturmtruppen durch einen langen Korridor. Die Aufnahme besaß keinen Ton und war von so schlechter Qualität, dass sie vermutlich aus einer Sicherheitskamera, einem Helmspeicher oder irgendeinem anderen System gezogen worden war, aus dem sie niemals hätte nach außen gelangen dürfen. Dunkle Brandspuren zeichneten sich auf den weißen Wänden ab. Ein Körper lag halb außerhalb des Sichtfeldes, während zwei Soldaten einen weiteren Mann aus einem Raum zerrten. Für einen kurzen Moment flackerte das Bild, dann begann die Sequenz von vorne. Auf einem anderen Monitor wechselten sich Bilder von Kashyyyk mit Aufnahmen republikanischer Kriegsschiffe ab. Ein Nachrichtensprecher redete vom Angriff der Neuen Republik, von Invasion, Mobilmachung und dem endgültigen Wiederaufflammen des Krieges. Darunter liefen Meldungen über Flottenbewegungen und Erklärungen imperialer Würdenträger über den Bildschirm. Ein weiterer Holofeed zeigte den verstorbenen Imperator, aufgenommen zu einer Zeit, als niemand, der diese Bilder gesehen hatte, vermutlich ernsthaft daran gezweifelt hätte, dass dieser Mann noch Jahrzehnte über das Imperium herrschen würde.
Nun war er tot.

Auf dem nächsten Bildschirm erschien seine Erbin. Neue Ernennungen. Versetzungen. Verhaftungen. Gerüchte über Säuberungen innerhalb des Ordens, des Militärs und der imperialen Verwaltung. Namen, die gestern noch etwas bedeutet hatten, verschwanden. Andere nahmen ihre Plätze ein. Männer und Frauen, die über Schiffe, Legionen oder ganze Behörden verfügt hatten, fanden sich plötzlich in Gefängnissen wieder oder tauchten überhaupt nicht mehr in den Meldungen auf. Und direkt daneben liefen vollkommen nüchterne Zahlenkolonnen über einen weiteren Monitor. Lieferungen. Einnahmen. Ausgaben. Lagerbestände. Namen von Geschäften und Personen aus Bone-Town. Eine Waffenlieferung war verspätet. Ein Etablissement hatte im vergangenen Monat weniger Gewinn erwirtschaftet als erwartet. Irgendwo fehlten einige Kisten Spice und an anderer Stelle hatte jemand offenbar versucht, eine größere Summe verschwinden zu lassen. Im Vergleich zum Schicksal ganzer Sternensysteme beinahe lächerlich belanglos. Craton nahm einen kleinen Schluck Abrax und ließ seinen Blick zwischen den Bildschirmen wandern. Auf der einen Seite entschieden Männer über Krieg und Frieden, über den Tod von Millionen und darüber, welche Flagge morgen über irgendeiner Welt wehen würde. Auf der anderen Seite ging es um die Einnahmen eines Bordells und darum, welcher kleine Ganove glaubte, ein paar Credits beiseiteschaffen zu können. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger unterschiedlich erschien ihm beides. Es ging immer um dasselbe. Darum, wer etwas besaß. Wer darüber entscheiden durfte. Wer glaubte, darüber entscheiden zu dürfen. Und darum, wer am Ende tatsächlich entschied. Der Mirialaner ließ das Glas langsam zwischen seinen Fingern kreisen und beobachtete, wie sich darin das wechselnde Licht der Monitore brach.

„Was ist Macht?“

Er stellte die Frage an niemanden bestimmten. S-4O befand sich irgendwo in den hinteren Räumen seines Quartiers und auch jene Stimmen, die ihn früher bisweilen ungefragt beraten, verhöhnt oder zu Dingen gedrängt hatten, schwiegen. Das störte ihn nicht. Vielleicht sprach er deshalb inzwischen manchmal mit sich selbst. Nicht weil er erwartete, dass etwas Unsichtbares ihm antwortete. Gedanken waren einfach zu bequem. Man konnte sie drehen, verändern, beschönigen und so lange im eigenen Kopf herumschieben, bis sie einem gefielen. Sobald man sie aussprach, waren sie plötzlich da. Man konnte sie hören. Und man konnte ihnen widersprechen. Sein Blick wanderte wieder zu dem Bild des toten Imperators. Flotten. Armeen. Welten. Der Sith-Orden. Eine ganze Galaxis voller Männer und Frauen, die auf seinen Befehl getötet hatten und für ihn gestorben wären. Wahrscheinlich war es schwer, sich etwas vorzustellen, das mehr Macht besaß.
Und trotzdem war er tot.
Craton hob sein Glas ein wenig in Richtung des Bildschirms.

„Hat hervorragend funktioniert.“
Ein schiefes Grinsen zuckte über seine Lippen, ehe er den nächsten Schluck nahm. Die Bilder wechselten weiter. Gefangene wurden abgeführt. Ein imperialer Würdenträger sprach davon, dass Verräter ausgemerzt werden müssten. Ein anderer versprach Stabilität. Dazwischen Bilder brennender Schiffe über Kashyyyk, marschierender Soldaten und aufgebrachter Senatoren der Republik. Die Galaxis mischte die Karten neu und jeder versuchte, sich noch schnell einen möglichst guten Platz am Tisch zu sichern. Cratons Blick blieb wieder an den Zahlenkolonnen hängen. Bone-Town. Fast unwillkürlich kehrten die Erinnerungen zurück.

Das Treppenhaus war dunkel gewesen. Ozon hatte in der Luft gelegen und der widerlich süßliche Geruch von verbranntem Fleisch. Drei Körper auf den Stufen. Der Restlichtverstärker seines Helmes hatte alles in dieses geisterhafte Grün getaucht und irgendwo über ihm hatten weitere Schritte auf dem Permabeton widergehallt. Er erinnerte sich an das Gewicht der Detonatoren, die er den Toten abgenommen hatte. An den Schweiß unter seinem Helm. An Tarrds Stimme aus den Lautsprechern, die ihm einen schönen Tod gewünscht hatte. Damals hatte Dopa Maskey geglaubt, die größte Schwierigkeit würde darin bestehen, bis ganz nach oben zu gelangen. Er hatte sich geirrt, das Töten war einfach gewesen. Zumindest verglichen mit dem, was danach gekommen war. Ein anderes Bild schob sich vor die Monitore. Mr. Tarrd saß nicht hinter seinem Schreibtisch, rr lag davor. Blut lief aus seiner Nase und tropfte auf den Teppich. Eine seiner Hände zitterte unkontrolliert, während seine Augen immer wieder zu der roten Lichtschwertklinge sprangen, deren Spitze nur wenige Zentimeter über dem Boden summte. Der Mann hatte ihn angefleht, gedroht, gebettelt. Irgendwann wahrscheinlich weder gedroht. An die genauen Worte erinnerte Craton sich kaum noch. An seine eigene Antwort dagegen schon.

„Ihr bleibt Mr. Tarrd.“
Tarrd hatte ihn damals angesehen, als hätte der Mirialaner gerade den Verstand verloren. Vielleicht hatte er erwartet, dass Dopa Maskey seinen Platz einnehmen wollte. Seine Geschäfte, seine Männer, seine Clubs, seine Konten. Vielleicht war genau das auch der Grund gewesen, weshalb es so lange gedauert hatte, bis Tarrd verstand, dass Craton keinerlei Interesse daran hatte, hinter seinem Schreibtisch zu sitzen und sich täglich mit verschwundenen Spicekisten, Schutzgeld und der Bezahlung irgendeines Türstehers herumzuschlagen. Ein Wisch seiner Finger ließ einen der Nachrichtenfeeds verschwinden und die Geschäftsdaten größer werden.

Tarrds Geschäfte. Noch immer Tarrds Geschäfte. Zumindest wenn man die Besitzverhältnisse betrachtete. Es hatte Zeit gekostet. Mehr Zeit, als Dopa Maskey ursprünglich eingeplant hatte. Geduld ebenfalls. Und mehr von Tarrds Männern, als eigentlich notwendig gewesen wären. Zunächst hatte der Verbrecherboss versucht, ihn beseitigen zu lassen. Danach hatte er versucht ihn zu hintergehen. Dann hatte er begonnen, Menschen um sich herum auszutauschen, weil er überall Verräter vermutete. Craton hatte ihn gelassen, hatte gelegentlich sogar nachgeholfen. Ein Wort zur richtigen Zeit. Ein Verdacht, der vorher vielleicht noch gar nicht existiert hatte. Eine kleine Befürchtung, die plötzlich wesentlich vernünftiger erschien als noch wenige Augenblicke zuvor. Dazu verschwundene Männer, fehlgeschlagene Anschläge und Informationen, die Craton eigentlich unmöglich hätte kennen können. Es war erstaunlich gewesen, wie wenig man einen Menschen tatsächlich bewegen musste, wenn dieser den Rest des Weges aus Angst selbst zurücklegte. Irgendwann hatte Tarrd bei Entscheidungen begonnen darüber nachzudenken, was Dopa Maskey davon halten würde. Noch später hatte Craton aufgehört, ihm überhaupt zu drohen. Das war der interessanteste Teil gewesen. Eine weitere Erinnerung flackerte durch seinen Kopf. Tarrd hinter seinem Schreibtisch, blasser als früher und mit roten Äderchen in den Augen. S-4O stand neben ihm und erklärte mit vollkommen emotionsloser Stimme einen Fehler in den Geschäftsbüchern. Tarrd hatte zuerst den Droiden angesehen. Dann Craton, sann wieder die Zahlen, und sie korrigieren lassen. Ohne Diskussion, vielleicht war genau das Macht. Nicht einen Mann dazu zu bringen, vor einem zu knien. Nicht einmal, ihm eine Waffe an den Kopf zu halten. Sondern dafür zu sorgen, dass er stehen blieb und trotzdem tat, was man wollte. Dopa Maskey ließ den Blick wieder über die anderen Bildschirme gleiten. Der Imperator hatte auf einem Thron gesessen. Tarrd saß hinter einem Schreibtisch. Admiräle standen auf den Brücken ihrer Schiffe. Politiker hielten Reden und Sith ließen andere vor sich knien. Vielleicht verwechselten sie alle nur das sichtbare Zeichen mit der Sache selbst. Ein König konnte auf einem Thron sitzen. Interessanter war doch derjenige, den der König um Rat fragte, bevor er eine Entscheidung traf. Der Mirialaner lehnte sich etwas weiter in seinem Stuhl zurück.


„Also?“ Er ließ den Abrax noch einmal kreisen. „Was machen wir jetzt?“ Wieder antwortete niemand. Für einige Herzschläge blieb nur das Summen der Monitore und die Stimmen der Nachrichtensprecher, die stumm über verschiedene Bildschirme liefen. Dann ertönte hinter ihm ein leises elektronisches Signal. Craton drehte langsam den Kopf. S-4O stand einige Schritte entfernt im Halbdunkel. Das dunkle Rot seines Chassis wirkte im blauen Licht der Monitore fast schwarz. „Master Dopa Maskey.“ Der Mirialaner hob eine Augenbraue. „Wenn du mir jetzt sagst, Tarrd habe wieder vergessen eine Rechnung zu bezahlen, darfst du ihn diesmal selbst schlagen.“ „Mr. Tarrd hat sämtliche gegenwärtig fälligen Verbindlichkeiten erfüllt.“ Der Droide verharrte einen Augenblick.
„Ich habe eine Nachricht für Euch erhalten.“ Cratons Aufmerksamkeit wanderte von seinem Glas vollständig zu dem Droiden. „Von wem?“
„Unbekannt.“
Jetzt setzte der Mirialaner sich etwas gerader hin. „Das ist keine Antwort.“ „Es ist die einzige, die ich Euch geben kann. Die Nachricht wurde über eine authentifizierte Verbindung des Sith-Ordens übertragen. Die Kennung ist gültig. Informationen über ihren Ursprung wurden jedoch entfernt.“ Craton schwieg. Entfernt, nicht verloren, nicht beschädigt. Entfernt.
„Kannst du sie zurückverfolgen?“ „Nein.“ Langsam erschien ein schiefes Grinsen auf dem Gesicht des Mirialaners. „Dann wollte jemand, dass ich weiß, dass er das kann.“ S-4O antwortete darauf nicht. Musste er auch nicht. „Zeig sie.“

Die Geschäftsdaten verschwanden von einem der Bildschirme. Für einige Augenblicke blieb die Fläche vollkommen schwarz, ehe weiße Schrift darauf erschien. Kein Siegel, keine Signatur, ein Name.
"Darth Angelus benötigt für eine bevorstehende Unternehmung einen Problemlöser. Gesucht wird jemand, der Aufgaben erfüllt, für die offene Gewalt nicht immer das geeignete Werkzeug darstellt. Solltet Ihr Euch dazu befähigt fühlen, folgt diesem Aufruf und begebt Euch nach Agriworld-2079.
Betrachtet dies nicht als Befehl.
Betrachtet es als Gelegenheit.
Und bedenkt:
Ihr steht unter Beobachtung.

Craton las die Nachricht, dann noch einmal. Beim dritten Mal schenkte er dem ersten Teil kaum noch Beachtung. Sein Blick blieb bei den letzten vier Worten hängen. Ihr steht unter Beobachtung. Keine Drohung, vielleicht. Keine Einladung, vielleicht. Er nahm sein Glas wieder in die Hand und ließ den verbliebenen Abrax langsam darin kreisen. Angelus braucht einen Problemlöser.“ Es gefiel ihm mehr, als es vermutlich sollte. Darth Fierfek Angelus. Sein ehemaliger Meister. Der Mann, der ihn ausgebildet hatte, der ihn hatte scheitern lassen, wieder hatte aufstehen lassen und der ihm schließlich etwas gegeben hatte, das nur wenige Meister freiwillig hergaben. Freiheit. Und jetzt brauchte dieser Mann jemanden, nicht einen Schüler. Nicht einen Jünger, den er irgendwohin schicken konnte. Einen Problemlöser. Und irgendjemand innerhalb des Ordens war offenbar der Ansicht, dass Dopa Maskey genau davon erfahren sollte. Der Gedanke schmeckte beinahe so gut wie der Abrax, fast. Doch die letzten vier Worte blieben. „Wer zum Teufel beobachtet mich?“ S-4O legte den Kopf geringfügig schief. „Soll ich darauf antworten?“ Craton sah den Droiden einige Herzschläge lang an. Dann musste er lachen. „Nein.“ Er trank den Rest seines Abrax aus und stellte das Glas auf der Konsole ab. „Aber wir werden es herausfinden.“

Sein Blick glitt erneut über die Nachricht. Ord Mantell, Krieg, eine Gelegenheit. Angelus. Und irgendwo innerhalb des Sith-Ordens jemand, der genug über ihn wusste, um ausgerechnet ihm diesen Hinweis zukommen zu lassen. Jemand, der wusste, welche Art von Mann Craton Minara gewesen war und offenbar eine Vorstellung davon hatte, welche Art von Sith Dopa Maskey gerade wurde. Jemand glaubte, ihn beobachten zu können, ohne selbst gesehen zu werden. Das war beinahe schon unhöflich. Dopa Maskey erhob sich langsam aus dem Sessel. Sein Blick wanderte zuerst zu seiner Rüstung, dann zu dem Lichtschwert auf der Konsole und schließlich wieder zurück zu dem Gewirr aus Nachrichten, Kriegsmeldungen und Geschäftsdaten. Vielleicht hatte er sich gerade noch gefragt, was er als Nächstes tun sollte. Offenbar hatte die Galaxis beschlossen, ihm eine Karte zuzuschieben. Und Craton Minara hatte noch nie besonders gut darin sein können, eine interessante Hand einfach liegen zu lassen. „S-4O.“ „Master?“ „Such uns ein Schiff.“ „Welche Spezifikationen?“ Craton nahm sein Lichtschwert von der Konsole und betrachtete einen Moment den metallenen Griff in seiner Hand. „Zivil. Unauffällig. Nichts, das schon im Orbit 'Sith' schreit.“ Er machte einige Schritte in Richtung seiner Rüstung, ehe er noch einmal stehen blieb. „Und besorg mir Landecodes für Agriworld-2079“ „Legitime?“ Craton blickte über die Schulter. Das alte Grinsen war wieder da. „Ausreichende.“


| Outerrim-Territorien – Braxant Sector – Sartinaynian-System – Bastion – Bastion Center – Domäne der Wissenden – persönliche Quartiere | Dopa Maskey, S-4O |​
 
[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori

Leicht irritiert - fast schon ein wenig besorgt, blickte Percy in Richtung seines Begleiters, der plötzlich damit begann, auf irgendwelche Ereignisse zu referenzieren, mit den Percy so gar nichts anfangen konnte.

,,Wie meinen?"

, fragte er in eine kurze Pause hinein, nachdem der Gouverneur völlig aus dem Nichts seine Kriegsgefangenschaft erwähnt hatte. Vielleicht war das ja so eine Sache in der Verwaltung oder bei Bürgerlichen, dass man bei einer ersten Begegnung sich zu übertrumpfen versuchte mit möglichst tragischen Kriegsgeschichten. Percy konnte in diese Richtung auf jeden Fall wenig beisteuern, war das tragischste, was er erlebt hatte, wahrscheinlich die paar Monate gewesen, die sein Bruder ihm nicht erlaubt hatte, am Rennsport teilzunehmen. "Drei Monate habe ich in meinem Palast verbracht ohne Rennen fahren zu dürfen" klang im direkten Vergleich mit den Worten des Gouverneurs aber wahrscheinlich doch ein wenig läppisch.

Mit einer Mischung aus Irritation und Amüsement hörte er dem Mann weiter zu und schien nun doch zu verstehen, worauf er hinauswollte. Mit Zufriedenheit bemerkte Percy, dass bei seinem Wegbegleiter zumindest jetzt der Groschen gefallen war und er mit seinem Namen endlich etwas anfangen konnte. Das Percy dafür ein Kriegstrauma oder sowas bei dem Mann an die Oberfläche hatte befördern müssen, interessierte ihn herzlich wenig. Es störte ihn wohl, dass während Männer wie Percy in Palästen ein schönes Leben gelebt hatten und jetzt ohne Probleme in den Reihen des Imperiums aufstiegen, er selbst soooo viel Leid hatte ertragen müssen. Zum einen konnte Percy sich kaum vorstellen, dass die Kriegsgefangenschaft bei der Republik so tragisch war, glaubten diese libertären Demokraten doch auf eine unangenehm nachdrückliche Art und Weise an so etwas wie Menschenrechte und -würde und zum anderen war jeder Mann seines eigenen Glückes Schmied. Das Haus Mecetti suchte immer nach Dienstboten, wer sich bei der Armee meldete, musste doch damit rechnen, im Zweifelsfall auch einzustecken.

Percy fand es fast ein wenig Schade, als der Gouverneur davon sprach, dass er sich hüten würde alles auszusprechen an das er dachte und davon marschierte und blickte dem bulligen Mann amüsiert hinterher, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Kritik kümmerte ihn wirklich wenig und er war oft den neidischen Blicken anderer ausgesetzt gewesen. Er hätte es durchaus amüsant gefunden, zu erfahren, auf welche Weise genau dieser Bürgerliche sich an seiner natürlich besseren Stellung stieß. Percy konnte nicht genau sagen wieso, aber der Mann hatte bei ihm in den letzten paar Sekunden einen erheblichen Sympathiebonus erfahren. Wahrscheinlich konnte er sich einfach zu sehr für solch ein Kuriosum begeistern.

Aber viel mehr Zeit darüber nachzudenken hatte er ohnehin nicht mehr, waren sie doch nun unmittelbar vor dem Konferenzraum. Percy betrat diesen - ein dunkler Raum mit einem ovalen, langgezogenen Tisch in der Mitte über dem eine Lampe angebracht war, sodass die Leute am Tisch im hellen saßen und diejenigen die auf Stühlen in der zweiten Reihe Platz nehmen mussten, im Schatten verschwanden. Als Percy ankam, war der Rest bereits eingetroffen und hatte Platz genommen. Er suchte seinen Platz an dem Tisch, der mit einem Namensschildchen markiert war und ließ sich nieder. Sein kleines Gefolge nahm hinter ihm Platz. Elf Männer saßen an dem Tisch, der Gouverneur von gerade ihm schräg gegenüber.


,,Nun sind wir ja alle vor Ort und können beginnen."

Der Mann am Kopfende, der nun das Wort ergriffen hatte, hatte ein ernstes, kantiges Gesicht, mit einer markanten Nase, auf der eine Brille ruhte. Leopold kannte ihn bereits aus seiner Vorarbeit.

,,Für diejenigen, die mich nicht kennen, ich bin Wulfric Pentagast, Staatssekretär des Ministeriums für Äußere Angelegenheiten. Seine Exzellenz, der Minister, bat mich, die erste Sitzung des Expertenrates persönlich zu leiten. Vielleicht stellen sie sich einmal kurz vor, bevor ich weiterspreche, damit jeder hier weiß, mit wem er es zu tun hat."

Die Vorstellungsrunde verlief, Gott sei es gedankt, recht zügig. Den Gouverneur kannte er bereits, ansonsten saßen hier Dezernenten und Abteilungsleiter aus dem Außenministerium und dem Propagandaministerium, aber auch aus dem Kriegsministerium. Direkt neben ihm hatte ein General Platz genommen, der auf den ersten Blick so wirkte, als könnte er es was Eitelkeit und Arroganz anging, durchaus mit Percy aufnehmen. Wahrscheinlich aber mit deutlich weniger gutem Recht.

,,Lord Percival Leobund, Leiter der Abteilung Neutrale Staaten im Galaktischen Norden, im Auswärtigen Ministerium."

, vermeldete Percy kurz und knapp, als er an der Reihe war. Schließlich übernahm wieder der Staatssekretär das Wort.

,,Der Grund weshalb dieser Expertenrat zusammengetreten ist, dürfte ihnen allen in groben Zügen bekannt sein. Lassen Sie ihn mich in aller Kürze nocheinmal vertieft darstellen. Der Krieg hat begonnen und während die Republik mit dem Vorstoß aus Kashyyyk einen ersten Fokus setzt, werden wir vor allem im Galaktischen Norden zuschlagen. Erste militärische Züge sind bereits im Gange, doch wir wollen uns hier auf das diplomatische Parkett spezialisieren. Mit einem recht aggressiven Vorgehen konnte die Republik bereits neutrale Planeten nördlich von Kashyyyk, eine bedeutende Anzahl, unter ihre Schirmherrschaft bringen und ist bei einigen noch dabei. Das Ziel dieses Expertenrates ist ein ähnliches. Zwischen den Supersektoren 9 und 14 liegt nicht nur viel Republikanisches Gebiet, sondern auch eine gewaltige Menge an neutralen Staaten. Wir wollen hier Schritte erdenken und konkrete Handlungen koordinieren, die schließlich dazu führen sollen, dass diese Gebiete dem Imperium einverleibt werden. Ist das soweit klar?"

Die Männer in der Runde nickten. Sie alle hatten vorher entsprechende Unterlagen erhalten um sich vorzubereiten und einzuarbeiten, dass, was der Staatssekretär erzählte war also kaum etwas wirklich neues. Percy hatte sich zurückgelehnt und gelauscht, als nun der Blick des Staatssekretärs auf ihm zu ruhen kam.

,,Nun gut, dann werden wir doch einmal konkreter. Als ein erster, sinnvoller Schritt erscheint es mir, die Informationslage fürs erste zu sondieren. Abteilungsleiter Leobund, ich denke Sie können uns hier erhellen."

Percy ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. Ihm missfiel es erneut, dass sein Titel ausgespart blieb, doch dagegen ließ sich hier wenig machen. Mit absoluter Selbstverständlichkeit nickte er schließlich auf die Worte des Staatssekretärs.

,,Nichts leichter als das. Ich habe ein Dossier vorbereitet, was Informationen über die neutralen Planeten und Staatssysteme im von uns betrachteten Raum enthält. Ich stand mit den Botschaftern vor Ort und habe aktuelle Geheimdienstinformationen genutzt. Sie werden also kaum eine aktuellere Informationsquelle finden. In Zusammenarbeit mit den Botschaften vor Ort habe ich eine Prioritätenliste erstellt, welche Planeten sinnvoll sind, zuerst angegangen zu werden. In dem Dossier sind weiterhin strategische Pläne enthalten, die die Botschaften bereits seit längerem verfolgen um eine möglichst ... pro-imperiale Stimmung zu erzeugen. Ich habe mir die Freiheit genommen, diese mit Anmerkungen und weiteren Gedankengängen zu versehen, vor allem bei den besonders zu priorisierenden Planeten."

Er tippte auf seinem Computer, der vor ihm in den Tisch eingelassen war einige kurze Befehle. Die Daten waren äußerst ausführlich, enthielten jedoch immer auch einen kurzen Abschnitt, der prägnant das Wichtigste zusammenfasste. Percy würde sich hier in seinem mündlichen Bericht nur kurz auf das Wesentliche fokussieren. Er wusste beim Besten Willen nicht, was die ganzen Leute hier tun wollten, dies war doch keine Arbeit, für die man zehn mehr oder weniger wichtige Leute extra in einen düsteren Konferenzraum nach Bastion beordern musste.

,,Sie sollten jetzt alle Zugriff auf die Dateien haben. Als besonders dringend habe ich die Planeten Listehol und Zygerria klassifiziert, um so die Republik vom Coporations-Sektor abzuschneiden, wichtige Planeten an den Hyperraumrouten zu sichern und auch, gerade über Listehol, eine mögliche Verbindung der beiden Supersektoren zu erzielen. Eher im Galaktischen Westen liegen Birgis, Bimmiel und besonders die Ciutric Hegemonie, kurz vor den Grenzen des Republikanischen Raums. Trotz dieser geographischen Nähe hält die starke aristokratische Prägung des letzteren die Republik noch von einem zu starken Ausgreifen ab. So nah an dem Republikanischen Raum eine Ansammlung bereits recht zentral regierten und wohlhabenden Welten für das Imperium ... zu begeistern würde sich meiner Meinung nach hervorragend als Speerspitze eignen. Aber sie haben die Daten ja vor sich. Falls diese irgendwelche Fragen offen lassen, bitte, dafür sitze ich ja hier."

[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori
 
[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Botschafter Marcell Veyran, weitere Mitglieder des Expertenrates

Lucian hatte sich zunächst darauf beschränkt, zuzuhören. Elf Männer saßen um den langen Tisch, jeder von ihnen mit irgendeinem Titel, irgendeiner Zuständigkeit und vermutlich irgendeinem guten Grund dafür, weshalb ausgerechnet seine Anwesenheit für den weiteren Verlauf des Krieges von elementarer Bedeutung war. In dieser Hinsicht unterschied sich Bastion kaum von anderen Verwaltungsapparaten. Lucian hatte sich zurückgelehnt, die Hände vor dem Bauch ineinandergelegt und die Runde beobachtet, während Leobund sein Dossier vorstellte. Zu seinem eigenen Missfallen musste er feststellen, dass der Bengel tatsächlich vorbereitet war. Nicht auf diese Art vorbereitet, bei der irgendein Assistent drei Tage lang Tabellen zusammengeschoben hatte, damit sein Vorgesetzter anschließend bedeutungsvoll daraus vorlesen konnte. Lord Percival kannte seine Materie. Botschaften waren einbezogen worden, Geheimdienstberichte lagen vor, Prioritäten waren gesetzt und selbst die Zusammenfassungen waren kurz genug, dass Lucian nicht bereits nach der zweiten Seite das Bedürfnis verspürte, das Skript aus dem Fenster zu werfen. Das war ärgerlich. Er hatte sich auf dem Flur bereits ganz hervorragend darauf eingerichtet, den jungen Lord für einen nutzlosen adeligen Pfau zu halten. Nun saß der Bengel da und hatte durchaus sinnvolle Zahlen vorliegen. Noch wusste Lucian nicht, ob Percivals Vorschläge auch dann Bestand hatten, wenn man sie aus einem hübschen Dossier herausnahm und mit der Realität konfrontierte, aber zumindest hatte er sich das Recht verdient, dass der Governor vorerst die Klappe hielt und zuhörte.

Es war schließlich ein älterer Mann einige Plätze weiter, der sich als Erster zu Wort meldete. Konsul Marcell Veyran, als der er sich zuvor vorgestellt hatte und seit Jahren Leiter der imperialen Vertretung bei der Ciutric-Hegemonie, hatte bis dahin beinahe regungslos dagesessen. Ein schmaler Mann mit sorgfältig gescheiteltem grauen Haar und dessen Haltung so akkurat war, dass Lucian sich fragte, ob er so geboren wurde oder ob ihm irgendwas eingeführt wurde, um nachzuhelfen.

Veyran räusperte sich.

"Ich möchte lediglich zu bedenken geben, dass wir uns noch ganz am Anfang dieses Konfliktes befinden."

Lucian sah zu ihm hinüber.

"Gerade bei Staaten wie der Ciutric-Hegemonie sollte man die Wirkung allzu offensiver diplomatischer Bestrebungen nicht unterschätzen. Diese Welten haben ihre Neutralität bislang sehr bewusst gewahrt. Wenn wir nun unmittelbar nach Kriegsausbruch mit weitreichenden Angeboten, Forderungen oder gar Sicherheitsvereinbarungen auftreten, könnten wir dort den Eindruck erwecken, dass das Imperium ihre Neutralität nicht zu respektieren gedenkt."

Lucian begann langsam den Kopf zu schütteln. Veyran bemerkte es entweder nicht oder entschied sich professionell dazu, es zu ignorieren.

"Wir sollten ihnen Zeit geben, die neue Lage selbst zu bewerten. Gerade jetzt besteht sonst die Gefahr, dass wir mit zu viel Druck genau jene Kräfte stärken, die eine Annäherung an die Republik befürworten."

Lucian schüttelte noch immer den Kopf. Dann blickte er kurz auf die kleine Tasse vor sich.

"Der Caf ist eine Frechheit."

Er nahm sie hoch, betrachtete den Inhalt einen Augenblick und stellte sie wieder ab.

"Entschuldigen Sie. Fahren Sie fort."

Sein Blick wanderte zurück zu Veyran, vollkommen unschuldig, doch die Unterbrechung war alles andere als zufällig gewesen. Lucian hatte nicht das geringste Bedürfnis nach Caf verspürt. Er wollte den Mann aus seinem sauber vorbereiteten Gedankengang bringen. Vielleicht auch nur für einen Augenblick. Wer mitten in einem Krieg ernsthaft dafür plädierte, potenzielle Verbündete möglichst nicht mit zu viel imperialem Interesse zu verschrecken, durfte ruhig einmal daran erinnert werden, dass seine Ausführungen für Lucian ungefähr denselben Stellenwert besaßen wie das billige Heißgetränk vor ihm.

Trotzdem hörte er weiter zu. Nicht weil ihn Veyran überzeugt hätte, sondern weil Lucian in sechzig Jahren wenigstens gelernt hatte, dass selbst Männer, die aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse zogen, gelegentlich etwas wussten, das man gebrauchen konnte. Wer jahrelang auf Ciutric gesessen hatte, wusste wahrscheinlich besser als jeder andere in diesem Raum, welche aristokratische Familie mit welcher verfeindet war, welcher Minister nachts republikanische Zeitungen las und welcher Abgeordneter morgens imperiale Wirtschaftsstatistiken zitierte. Erfahrung konnte Lucian respektieren.


[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Botschafter Marcell Veyran, weitere Mitglieder des Expertenrates
 
[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori, Botschafter Marcell Veyran, Wulfric Pentagast

Kaum hatte er geendet, kam sofort die erste Gegenrede. Percy lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und rollte mit den Augen als er bemerkte, von wem diese kam. Er war mit Botschafter Veyran in Vorbereitung auf dieses Dossier immer wieder im Kontakt gewesen und hatte im Zuge dessen bereits bemerkt, dass es sich bei ihm um eine eher ... zaghafte Natur handelte. Die Ideen und Anmerkungen des Botschafters hatte er in irgendeiner Art und Weise zwar in das Dossier übernommen, aber bei nur wenigen anderen Staatsgebildet hatte er sich selbst so sehr genötigt dazu gesehen, soviel mit eigener Arbeit und eigenen Ideen zu ergänzen, wie bei dem Bericht dieses Botschafters.

Die Worte Veyrans schlugen erneut in exakt die gleiche Kerbe, in welche er die letzten Wochen schon immer wieder geschlagen hatte. Neutralität respektieren, nicht verschrecken blablabla .... Percy hatte mehrere Dozenten an der Diplomatischen Akademie auf Coruscant gehabt, die genau das gleiche gepredigt hatten. Zum Glück hatte es auch noch andere gegeben. Als sich plötzlich der Gouverneur mit den Kriegstraumata einschaltete, konnte Percy das kurze auflachen nicht vermeiden. Noch mehr zum schmunzeln brachte es Percy, dass es so schien, als habe der bullige Gouverneur mit seinem Kommentar, der ganz bestimmt nicht nur wegen des Cafs gekommen war, den Botschafter ordentlich aus dem Konzept gebracht. Das rumgestammel dieses greisen Diplomaten konnte man sich ja kaum antun. Percy sah sich dazu genötigt, nun auch seine Meinung nochmal stärker beizusteuern.


,,Nun, ihnen sind die Vorgänge nördlich von Kashyyyk, rund um Uyter und Lantilles aber bekannt?"

Die Provokation, die hinter dieser Frage steckte, versuchte Percy erst gar nicht großartig zu verbergen. Er saß immer noch recht lässig in seinem Sessel, richtete seinen Oberkörper aber nun zusehends aus.

,,Die Republik scheint nicht ein ansatzweise so hohes Wertekonstrukt zu haben wie Sie, Herr Botschafter. Wenn wir nicht handeln, tut es die Republik und sichert sich diese Gebiete direkt vor ihrer Haustür. Sie haben es schonmal getan. Und die Neutralität dieser Winzlingsstaaten interessiert mich wirklich nur so lange, wie wir dadurch Vorteile ziehen können. Welchen Vorteil können Sie mir bitte hier nennen?"

Es klang vielleicht ein wenig zu sehr aus seinem Wortbeitrag heraus, dass er seinen Vorredner nicht übermäßig schätzte. Dieser schien sich durchaus auch ein wenig angegriffen zu fühlen.

,,Leobund, ich verbitte mir ..."

Percy winkte ab und fiel dem Mann direkt ins Wort.

,,Ich bin auch Diplomat, kein Militär. Wir müssen mit Nachdruck diese Staatengebilde in unser Imperium eingliedern. Die Republik hat schon imperiales Territorium überfallen und streckt ihre Finger jetzt auch in den republikanischen Raum aus. Den Luxus von sich Zeit lassen haben wir längst nicht mehr. Wir müssen jetzt gezielt vorgehen, mit Angeboten für die Wirtschaft und die Sicherheit der Hegemonie und weiterer Staaten. Wir müssen die Propaganda vor Ort verstärkten und ... ja meinetwegen auch ein wenig bestechen und die Wahlen manipulieren."

Percy zuckte mit den Schultern. Er war ein Verfechter einer eher aggressiveren Diplomatie. Das hieß noch lange nicht, dass er einen Sternenzerstörer als Allheilmittel sah, eher im Gegenteil. Aber wenn man aggresiv Propaganda vor Ort schaltete, Einfluss auf die großen Mediensender nahm, Kulturzentren vor Ort schuf, die den Einfluss des Imperiums auf die neutrale Zivilbevölkerung erhöhten, hatte man am Ende eine Bevölkerung, die danach schrie, vom Imperium einverleibt zu werden. Frage man Percy, hatte man das in der Vergangenheit an vielerlei Stellen verpasst und Botschafter Veyran war eines der hervorstechendsten Beispiele dieses langsamen und verschlafenen Diplomaten, der fest darin vertraute, dass sich mit der Zeit alles von selbst ergeben würde.

,,Sie sagen es. Und ein Sternenzerstörer im Orbit hat bisher auch noch in den wenigsten Fällen geschadet, wenn Sie mich fragen."

, meldete sich nun auch der eitel wirkende Mann neben Percy zu Wort, ein gewisser General Wiggins, der wohl engere Verknüpfungen zum Diplomatischen Korps unterhielt. Vielleicht hatte er sich ein wenig zu leidenschaftlich ausgedrückt, denn die Meinung seines Nachbarn teilte er definitiv nicht und wollte eigentlich nicht sofort mit diesem Mann in eine Ecke gestellt werden. Skeptisch zog er die Augenbrauen nach oben.

[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori, Botschafter Marcell Veyran, Wulfric Pentagast
 
[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Marcell Veyran, General Wiggins, Captain Tessa Varin, weitere Mitglieder des Expertenrates

Es hatte nicht lange gedauert, bis aus der nüchternen Vorstellung eines Dossiers genau das geworden war, was Lucian bei elf Männern aus allerlei verschiedenen Institutionen erwartet hatte: Jeder von ihnen wusste es besser. Veyran wollte warten, Leobund wollte handeln und dazwischen saßen neben dem Governor acht andere Offizielle, die vermutlich alle ihre eigene Vorstellung davon hatten, wie man eine neutrale Welt davon überzeugte, dass ihre Zukunft selbstverständlich unter imperialer Flagge lag. Lucian hatte sich bislang erstaunlich gut damit arrangiert, hauptsächlich zuzuhören. Vielleicht lag es daran, dass er noch immer nicht ganz darüber hinweg war, dass ausgerechnet der Bengel mit dem Cape bisher einen der vernünftigeren Eindrücke hinterlassen hatte. Percivals Art ging ihm nach wie vor auf den Sack, aber wenigstens saß hinter der Arroganz offenbar ein funktionierender Kopf. Noch unangenehmer war die Erkenntnis, dass Lucian sich in der eigentlichen Sache häufiger bei ihm wiederfand als bei dem Mann, der seit Jahren tatsächlich auf Ciutric saß. Neutralität respektieren, niemanden verschrecken, Zeit geben. Das waren schöne Worte für Friedenszeiten. Nur befanden sie sich nicht in Friedenszeiten. Die Republik war bereits marschiert. Lucian hatte acht Jahre seines Lebens damit bezahlt, zu lernen, wie stichfest das Wertekonstrukt dieses politischen Konglomerats wirklich war. Vielleicht war das der alte Soldat in ihm, der sich trotz all der Jahre hinter Schreibtischen nie vollständig hatte wegverwalten lassen. Diplomaten mochten Möglichkeiten sehen, doch Soldaten sahen Zeitfenster. Und Zeitfenster hatten die unangenehme Eigenschaft, sich irgendwann zu schließen.

Als General Wiggins schließlich bemerkte, dass ein Sternenzerstörer im Orbit bisher auch selten geschadet hatte, hob Lucian zum ersten Mal seit einigen Augenblicken wieder den Blick von seinem Terminal. Da war sie endlich. Eine Sprache, die er verstand. Lucian nickte langsam.

"Ich bin ganz beim General. Ein Sternenzerstörer ist ein erstaunlich überzeugendes Argument."

Er sagte es mit solcher Selbstverständlichkeit, als hätte Wiggins gerade vorgeschlagen, sich bei Regen unter ein Dach zu stellen. Lucian hatte nie zu den Männern gehört, die glaubten, jedes Problem ließe sich mit ausreichend Turbolasern lösen. Aber militärische Macht besaß zumindest eine Ehrlichkeit, die er an vielen anderen Instrumenten vermisste. Wenn ein Sternenzerstörer über einer Hauptstadt hing, musste kein Diplomat dreitausend Seiten darüber verfassen, was das Imperium möglicherweise gemeint haben könnte.

"Allerdings..."

Die Stimme kam von der anderen Seite des Tisches. Lucian wandte den Kopf. Die Frau hatte sich während der Vorstellungsrunde als Captain Tessa Varin vorgestellt, Division Chief der Sektorabteilung Kwymar des Imperialen Nachrichtendienstes. Mitte vierzig, vielleicht ein paar Jahre darüber oder darunter. Dunkles Haar, an den Schläfen bereits von einzelnen grauen Strähnen durchzogen, zurückgebunden und vollkommen zweckmäßig. Ihre rote Uniform war ebenso unspektakulär. Kein Schmuck, nichts, was Aufmerksamkeit einforderte, lediglich Rangabzeichen und die kleinen Kennzeichnungen ihres Dienstes. Bislang hatte sie kaum gesprochen. Stattdessen hatte sie die meiste Zeit damit verbracht, Daten auf ihrem Terminal durchzugehen und den anderen zuzuhören. Eine bemerkenswerte Entscheidung für eine Frau.

Varin legte beide Unterarme auf den Tisch.

"Ein Sternenzerstörer ist besonders dann ein überzeugendes Argument, wenn die andere Seite vorher gelernt hat, ihn als Lösung und nicht als Problem zu betrachten."

Lucian zog leicht eine Augenbraue hoch. Die Captain ließ ihren Blick kurz über die Runde wandern.

"Unsere Außenstellen beobachten seit Monaten verstärkte republikanische Aktivitäten in mehreren der hier besprochenen Gebiete. Nicht durch offizielle diplomatische Kanäle. Sondern eher über Stiftungen, Handelsvertretungen, politische Berater und Medienkontakte. Auf Listehol ebenso wie in angrenzenden Systemen. Man versucht dort, Eliten zu binden, bevor überhaupt jemand öffentlich von einem Bündnis spricht.“

Sie tippte einmal auf ihr Terminal.

"Lord Leobund hat insofern recht. Wenn wir darauf warten, dass diese Staaten von selbst entscheiden, wohin sie gehören, entscheiden irgendwann andere für sie."

Lucian warf einen kurzen Blick in Richtung des
jungen Lords, sagte aber nichts. Varin fuhr fort.

"Das bedeutet allerdings nicht, dass wir morgen einen Sternenzerstörer über jede neutrale Hauptstadt in der Region schicken sollten."

Wie schade. Lucian lehnte sich ein Stück zurück.

"Auf einigen dieser Welten existieren bereits politische und wirtschaftliche Gruppen, die sich eine engere Zusammenarbeit mit dem Imperium vorstellen können. Andere sind vor allem daran interessiert, ihre eigene Stellung zu sichern. Wieder andere fürchten die Republik erheblich stärker, als sie es öffentlich zugeben."

Sie machte eine kurze Pause.

"Wir müssen nicht jeden überzeugen, sondern besonders die letztere Gruppe."

Jetzt sah Lucian wieder auf.

"Wir müssen dort die richtigen Leute an den entscheidenden Stellen überzeugen. Und dann müssen wir dafür sorgen, dass der Rest glaubt, die Idee stamme von ihnen selbst."

Für einen Moment herrschte Ruhe. Lucian betrachtete die Frau. Das war eine ausgesprochen unangenehme Art, Politik zu betreiben. Endlich sagte mal jemand etwas Vernünftiges mit mehr Tiefgang. Seine Finger trommelten zweimal gegen die Tischplatte.

"Also sorgen wir dafür, dass die richtigen Leute Angst bekommen, bieten ihnen anschließend Schutz an und lassen sie am Ende glauben, sie hätten uns darum gebeten?"

Varin verzog keine Miene.

"Sehr vereinfacht, Governor"

[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Marcell Veyran, General Wiggins, Captain Tessa Varin, weitere Mitglieder des Expertenrates
 
| Outerrim-Territorien – Braxant Sector – Sartinayn-System – Bastion – ziviler Raumhafen – an Bord der Quiet Fortune | Craton Minara |​


Die Positionslichter der anderen Schiffe zeichneten rote, grüne und weiße Punkte auf die Scheiben des Cockpits. Jenseits davon erhoben sich die Lichter Bastions bis weit in den dunklen Himmel hinein, unterbrochen von Türmen, Antennen und den Silhouetten größerer Gebäude. Frachter, Fähren und kleinere Personentransporter schoben sich durch die ihnen zugewiesenen Korridore, während weiter oben lediglich die langsam wandernden Lichtpunkte größerer Schiffe zu erkennen waren, die den Planeten verließen oder auf eine Landeerlaubnis warteten. Die Quiet Fortune wirkte zwischen all dem vollkommen bedeutungslos. Genau deshalb saß Craton darin. Der von Incom gebaute „Explorer“ war kein schönes Schiff. Zumindest nicht auf jene Art, auf die Craton Schiffe gewöhnlich schön fand. Seine Linien waren zweckmäßig, das Cockpit funktional und selbst die kleinen Komfortverbesserungen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der ursprüngliche Entwurf für Leute gedacht gewesen war, die irgendwohin flogen, wo niemand zuvor gewesen war, dort einige Wochen arbeiteten und anschließend möglichst lebendig wieder zurückkehrten. Allerdings hatten die vorherigen Besitzer ihn an den richtigen Stellen verbessert. Ein Klasse-Eins-Hyperantrieb. Leistungsfähigere Sublicht-Triebwerke. Ein überarbeiteter Navigationscomputer für lange Reisen und eine zivile Sensoranlage, die deutlich besser war, als das unscheinbare Äußere vermuten ließ. Die Kommunikationsanlage war ebenfalls modernisiert worden und neben einigen kleineren versteckten Stauräumen verfügte das Schiff über eine vernünftige Koje, eine Nasszelle und sogar eine kleine Kombüse. Zwei nach vorne ausgerichtete gekoppelte Laserkanonen sorgten dafür, dass man sich zumindest gegen Piraten verteidigen konnte, ohne dass die Bewaffnung bei einer Kontrolle sofort Fragen aufwarf. Das Beste daran war jedoch, dass eine einzelne Person all das problemlos bedienen konnte. Keine Besatzung, keine Fragen, keine zusätzlichen Augen. Keine Sith-Symbole, keine imperialen Militärkennzeichen und nichts, das auf dem Landefeld nach etwas anderem aussah als nach einem schnellen privaten Scoutschiff. S-4O hatte gute Arbeit geleistet. Auch wenn Craton das bei der Auswahl zunächst anders gesehen hatte.

Für einen Augenblick sah er nicht mehr das Cockpit der Quiet Fortune vor sich, sondern den Holoprojektor seines Quartiers auf Bastion. Mehrere Schiffe hatten dort langsam um ihre eigene Achse rotiert, während der dunkelrote Droide nüchtern technische Daten heruntergebetet hatte. Cratons Aufmerksamkeit war allerdings bereits bei der zweiten Projektion hängen geblieben. Eine Baudo-Klasse Yacht. Flach, elegant, schnell aussehend, selbst wenn sie vollkommen stillstand.

„Die.“
S-4O hatte den Kopf zur Projektion gedreht.
„Ihr batet um ein unauffälliges Schiff.“
„Sie ist unauffällig.“
„Die Baudo-Klasse erfreut sich besonderer Beliebtheit bei wohlhabenden Privatpersonen, Glücksspielern und Personen, die ihren Wohlstand sichtbar demonstrieren möchten.“

Craton hatte einige Herzschläge auf die Yacht gestarrt.
„Und?“
„Das widerspricht der gewöhnlichen Definition von unauffällig.“

Die Projektion war verschwunden und an ihre Stelle ein gedrungenes Incom-Schiff getreten. Craton hatte das Gesicht verzogen.
„Das sieht aus wie ein fliegender Werkzeugkasten.“
„Exakt.“

Einige Sekunden hatte der Mirialaner die Projektion betrachtet. Dann den Droiden, dann wieder das Schiff.
„Und wie heißt der fliegende Werkzeugkasten?“
„Quiet Fortune.“

Craton hatte eine Braue gehoben.
„Quiet Fortune?“
„Die Registrierung besteht seit mehreren Jahren. Der Name wurde nicht verändert.“

Wieder ein Blick auf das Schiff. Ein Scoutschiff, an das sich vermutlich niemand erinnerte, mit einem Namen, der gerade interessant genug war, um nicht nach einer willkürlichen Tarnidentität zu klingen.
„Klingt nach einem mittelmäßigen Sabacc-Lokal.“
„Dann solltet Ihr Euch schnell heimisch fühlen.“

Craton hatte den Droiden langsam angesehen. Sehr langsam. Dann war ein Grinsen über sein Gesicht gezogen.
„Ich nehme alles zurück. Ich mag den Werkzeugkasten.“

Nun saß er darin. Und musste widerwillig zugeben, dass S-4O tatsächlich recht gehabt hatte. Ein Signal auf dem Kommunikationsempfänger riss ihn aus der Erinnerung.
„Quiet Fortune, Bastion Kontrolle. Zivile Registrierung bestätigt. Halten Sie Kurs Eins-Sieben-Neun bis Höhe vierzigtausend. Danach Übergabe an Orbitalverkehr. Hyperraumkorridor Aurek-Drei in Richtung Muunilinst wurde Ihnen zugewiesen.“
Craton kontrollierte die eingeblendeten Daten und schob die Leistungsregler langsam nach vorne.
„Quiet Fortune bestätigt. Eins-Sieben-Neun bis vierzigtausend, danach Aurek-Drei.“

Die Antwort klang genau so langweilig, wie ein ziviler Pilot bei einer vollkommen gewöhnlichen Ausreise von Bastion klingen sollte. Die Quiet Fortune hob sich von der Plattform und glitt zwischen zwei höheren Gebäudekomplexen hindurch in den vorgegebenen Korridor. Craton hielt Geschwindigkeit und Flughöhe, obwohl vor ihm ein schwerfälliger Frachttransporter flog, dessen Pilot offenbar glaubte, jede Kurskorrektur müsse zunächst parlamentarisch beschlossen werden. Er trommelte einige Male mit den Fingern auf die Kontrollen und wartete. Dann endlich änderte der Frachter seinen Kurs. Das kleine Grinsen auf Cratons Gesicht erschien beinahe gleichzeitig mit dem Druck seiner Hand auf den Leistungsreglern. Der Explorer sprang nach vorne. Nicht spektakulär, aber deutlich bereitwilliger, als sein Äußeres vermuten ließ. Das wiederum gefiel ihm. Bastion schrumpfte unter dem Schiff. Gebäude wurden zu Lichtern, Lichter zu einem diffusen Schimmer, bis schließlich die Krümmung des Planeten sichtbar wurde. Gleichzeitig erschienen auf dem Sensorbild immer mehr militärische Kennungen. Patrouillenschiffe, Versorgungstransporter, Fähren und größere Einheiten, deren Signaturen selbst auf ziviler Sensordarstellung kaum zu übersehen waren. Krieg. Das Imperium bewegte sich. Craton betrachtete die Anzeigen einige Augenblicke und fragte sich, wie viele dieser Schiffe in einigen Monaten noch existieren würden. Dann knackte die Orbitalverkehrskontrolle erneut.
„Quiet Fortune. Freigabe zum Sprung nach Muunilinst entsprechend Flugplan erteilt. Halten Sie den Korridor bis Navigationspunkt Aurek-Drei-Sieben und beginnen Sie dort Ihre Sprungsequenz.“
„Bestätigt.“

Der Navigationscomputer hatte die Berechnungen längst abgeschlossen. Craton überprüfte sie trotzdem. Alte Gewohnheiten verschwanden nicht nur deshalb, weil man inzwischen ein Lichtschwert trug. Ein falscher Wert im Hyperraum konnte wesentlich unangenehmer werden als ein falscher Wert in einem Geschäftsbuch. Der letzte Navigationspunkt wanderte über das Display. Der Mirilaner legte die Hand auf die Hyperraumsteuerung. Für einen Augenblick dehnten sich die Sterne vor dem Cockpit zu langen weißen Linien. Dann verschwand Bastion. Das schwarze All verwandelte sich in den flimmernden Tunnel des Hyperraums und ein feines Vibrieren lief durch den Rumpf des kleinen Scouts. Craton blieb noch einige Augenblicke sitzen und beobachtete die Anzeigen. Reaktor stabil, Hyperantrieb stabil, Navigation stabil. Langweilig, Perfekt. Er löste den Gurt und stand auf. Der Sprung nach Muunilinst würde einige Zeit dauern. Genug davon, um sich das Schiff genauer anzusehen. S-4O vertraute er. Dem vorherigen Besitzer weniger.

Der Explorer war klein genug, dass die Inspektion nicht lange dauern sollte. Hinter dem Cockpit befand sich der schmale Aufenthaltsbereich mit der kleinen Kombüse. Wasser, abgepackte Rationen und ein Caf-Automat, dessen Gehäuse bereits mehrere Jahrzehnte technischer Entwicklung ignoriert zu haben schien. Dahinter die Koje, Sanitärbereich, technische Zugänge und schließlich der kleine Stauraum. Dopa Maskey überprüfte zuerst die offensichtlichen Fächer. Dann die weniger offensichtlichen. Danach jene, von denen die technischen Unterlagen behaupteten, dass sie überhaupt nicht existierten. Ein Scoutschiff, dessen Besitzer niemals irgendwo Dinge versteckt hatten, gab es vermutlich nur in den Werbeprospekten von Incom. An einer Seitenverkleidung blieb seine Hand schließlich liegen. Er klopfte dagegen, noch einmal, hohl. Der Mirialaner runzelte die Stirn. Laut den Unterlagen befand sich dahinter lediglich ein schmaler Zwischenraum zwischen Innenverkleidung und Versorgungsschacht. CrCraton aton zog sein Multitool hervor, löste zwei unscheinbare Verriegelungen und zog die Abdeckung weg. Dahinter stand ein schwarzer Behälter. Für einige Sekunden bewegte er sich nicht. Dann setzte er sich langsam auf den Boden.

„Natürlich.“
Der Behälter besaß weder Kennzeichnung noch sichtbares Schloss. Craton überprüfte ihn auf die offensichtlichsten Arten von Fallen, bevor er den Deckel anhob. Obenauf lagen Credit-Chips. Keine großen Summen auf einzelnen Datenträgern, sondern bewusst kleine Stückelungen. Genug, um irgendwo eine Gebühr bar zu begleichen, einem Beamten die Entscheidung zu erleichtern oder einen Wachmann davon zu überzeugen, dass sein Blick dringend in eine andere Richtung gehörte. Darunter lagen Kleidungsstücke. Der grünhäutige nahm eines heraus und ließ den Stoff durch seine Finger gleiten. Schlichte, naturfarbene Stofflagen. Weit geschnitten. Ein langer Überwurf, Gürtel, Kapuze. Altmodisch wirkte es. Beinahe altertümlich. Nichts daran erinnerte an moderne imperiale Kleidung oder die Roben, die er auf Bastion gewöhnlich sah. Daneben lag eine einfache Staub- und Atemmaske. Der Mirialaner legte die Kleidung neben sich. Darunter befand sich ein Lichtschwertgriff. Sein amüsiertes Grinsen verschwand für einen Augenblick. Craton nahm die fremde Waffe aus dem Behälter und wog sie in der Hand. Gebrauchsspuren zeichneten sich auf dem Metall ab, doch der Griff war gepflegt. Keine ihm bekannte Gravur. Kein offensichtliches Symbol. Nichts, das ihm erklärte, weshalb diese Waffe hier lag. Sein Daumen glitt beinahe automatisch in Richtung Aktivator. Kurz davor hielt er inne. Nein. Er legte den Griff neben die Kleidung. Ganz unten befand sich ein kleines Datapad. Craton betrachtete es, dann die Kleidung, den Lichtschwertgriff, wieder das Datapad.
„Du machst Witze.“
Die Anzeige erwachte unter seiner Berührung. Ein schwarzer Bildschirm, auf dem nach einigen Sekunden weiße Schrift erschien. Keine Signatur, kein Absender. Der ehemalige Dieb las. Zunächst veränderte sich sein Gesicht überhaupt nicht. Dann hob sich langsam eine Augenbraue, rr las weiter. Sein Mundwinkel begann zu zucken. Am Ende der Nachricht blieb sein Blick noch einige Herzschläge auf der letzten Zeile liegen. Dann schüttelte er langsam den Kopf, und begann zu lachen.

Zunächst war es nur ein ungläubiges Schnauben. Dann ein leises Lachen, während er wieder nach oben scrollte und die Nachricht ein zweites Mal las. Beim dritten Durchgang musste er bereits in der Mitte aufhören, weil er erneut lachen musste.

„Fierfek, Angelus...“
Er fuhr sich mit der freien durch die Haare und schüttelte den Kopf, dann las er weiter.
„Nein.“
Einige Zeilen später verzog sich sein Mund erneut.
„Nein, nein, nein...“
Craton hielt inne. Las dieselbe Passage noch einmal. Das Grinsen wurde breiter.
„Dobra koose...“
Was danach folgte, war Huttisch und beinhaltete mehrere ausgesprochen kreative Vermutungen über Darth Angelus, seine geistige Verfassung und mögliche verwandtschaftliche Beziehungen zu verschiedenen schleimabsondernden Lebensformen. Craton lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und sah wieder auf den offenen Behälter. Credits, Kleidung, Maske, Lichtschwert, Botschaft. Der Auftrag selbst war allerdings nur die Hälfte des Problems, die andere Hälfte war der Behälter. Genauer gesagt der Ort, an dem er ihn gefunden hatte. In diesem Schiff. S-4O hatte die Quiet Fortune ausgewählt. Craton hatte ihm lediglich eine Vorgabe gemacht: zivil, unauffällig, allein zu bedienen und möglichst nichts, das bereits auf dem Landefeld nach Sith schrie. Der Droide hatte Angebote geprüft, Händler kontaktiert, Registrierungen kontrolliert. Und sich schließlich für genau diesen Explorer entschieden. Jemand hatte das gewusst, das Lachen des Mirialaners verstummte langsam. Vielleicht hatte man S-4O beobachtet. Vielleicht den Vermittler? Vielleicht hatte jemand mehrere infrage kommende Schiffe vorbereitet? Das wäre zu aufwendig, aber möglich. Die nächste Möglichkeit gefiel ihm weniger. Vielleicht hatte jemand dafür gesorgt, dass S-4O ausgerechnet die Quiet Fortune angeboten bekam. Craton sah wieder auf das Datapad. Wer auch immer ihm die erste Nachricht geschickt hatte, wusste genug über Darth Angelus, um dessen Suche nach einem Problemlöser zu kennen. Diese Person wusste genug über Dopa Maskey, um zu entscheiden, dass genau er davon erfahren sollte. Und sie hatte offenbar genug Reichweite, um dafür zu sorgen, dass die richtige Ausrüstung in einem Schiff lag, dessen Namen Craton selbst bis vor wenigen Stunden nicht gekannt hatte. Langsam ließ er den Hinterkopf gegen die Wand sinken.
„Wer bist du?“
Der Hyperraum gab ihm erwartungsgemäß keine Antwort. Unter Beobachtung. Die letzten Worte der ersten Botschaft kamen ihm wieder in den Sinn. Vielleicht waren sie gar keine Drohung gewesen. Vielleicht hatte man ihm lediglich die Höflichkeit erwiesen, ihm die Wahrheit zu sagen. Das war ausgesprochen beunruhigend. Noch unangenehmer war allerdings, dass Craton nicht leugnen konnte, wie sehr ihn das faszinierte. Jemand spielte ein interessantes Spiel. Und ganz offensichtlich ging diese Person davon aus, dass Dopa Maskey mitspielen würde. Er nahm das Datapad wieder hoch und las die Nachricht erneut. Langsam diesmal. Bei ungefähr der Hälfte musste er schon wieder grinsen.
„Du bist vollkommen wahnsinnig, Angelus.“
Sein Blick wanderte zum Lichtschwertgriff. Dann zu den altertümlichen Kleidungsstücken, wieder zur Nachricht. Ein weiterer huttischer Fluch, dann begann er erneut zu lachen. Es war eine schlechte Idee, eine ausgesprochen schlechte Idee. Erfahrungsgemäß waren das die interessanten. Craton stand auf, sammelte die Credit-Chips ein und ließ sie in einer Tasche verschwinden. Den Lichtschwertgriff nahm er ebenfalls an sich, ohne ihn zu aktivieren. Kleidung und Maske ließ er zunächst im geöffneten Behälter liegen.

Wenig später saß er wieder im Cockpit. Der Hyperraum flimmerte jenseits der Scheiben, während der Navigationscomputer eine neue Route aufbaute. Muunilinst, Borosk, Garqi, Fedje, Ketaris, dort die Grenze. Danach Agamar, Aldhani, Ithor, und schließlich Agriworld-2079. Der direkte Weg wäre einfacher gewesen. Imperialer Raum, Imperiale Stützpunkte, Imperiale Kennungen. Auch auffälliger. Diese Route dagegen führte einen zivil registrierten Incom-Scout irgendwann über die Grenze und anschließend durch republikanisches Gebiet. Wenn er Agriworld erreichte, würde seine letzte nachvollziehbare Flugspur nicht von einer imperialen Einsatzbasis kommen. Mehr Kontrollen, mehr Risiko. Mehr Möglichkeiten, dass irgendjemand eine Frage stellte, deren Antwort Credits kostete. Deshalb lagen vermutlich die Credit-Chips in der Kiste. Craton schnaubte amüsiert. Natürlich. Der Navcomputer berechnete die einzelnen Sprünge und Kurskorrekturen. Mit dem Klasse-Eins-Hyperantrieb würde die gesamte Reise etwas mehr als zwanzig Stunden dauern. Genug Zeit. Sein Blick wanderte durch den offenen Durchgang nach hinten. Von hier aus konnte er gerade noch einen Teil des geöffneten Behälters erkennen. Die Stoffe, die Maske, das Datapad. Den Lichtschwertgriff hatte er neben sich auf die Konsole gelegt. Craton sah einige Sekunden darauf, dann wieder hinaus in den Hyperraum. Langsam breitete sich erneut dieses Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Fierfek, Angelus.“
Und schon wieder musste er lachen.


| Hyperraum – Bastion nach Muunilinst – an Bord der Quiet Fortune, modifiziertes Incom „Explorer“ Scout Ship | Craton Minara |​
 
[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori, Botschafter Marcell Veyran, Wulfric Pentagast, Captain Tessa Varin

Es überraschte ihn wenig, dass dieser bullige Gouverneur die Idee eines Sternenzerstörers über neutralen Hauptstädten sofort gut hieß. Manchmal mochte die gezogene Waffe die beste Art der Diplomatie sein, doch im Kern fehlte einem solchen Vorgehen die Finesse, der Faktor des Spielens, wenn man es auf eine etwas unschuldige Art und Weise ausdrücken wollte. Die neutralen Staaten und ihre Funktionsträger waren am Ende des Tages doch nichts als Spielsteine, die man gekonnt so aufeinandersetzen musste, so beeinflussen musste, dass ihnen am Ende nichts anderes übrig blieb als direkt in die Hände des Imperiums zu fallen. War ein Spiel so zur Niederlage verdammt oder einfach gezinkt konnte es auch durchaus helfen, den Gegenspieler mit einem Blaster bedrohen zu lassen oder das Spiel selbst zu Asche zu schießen. Doch war man gut, tat dies nicht Not und der Spaß des Spielens blieb einem erhalten.

Ähnlich, wenn auch mit deutlich gewählteren Worten drückte es eine Vertreterin des Geheimdienstes aus, die sich bisher noch zurückgehalten hatte. Percy nickte immer wieder zustimmend, diese Frau hatte durchaus Ahnung, was Percy bei Personen ihres Geschlechts nur selten zugeben musste. Gerade, als die Dame ihm recht gab, konnte er sich den kurzen, triumphierenden Seitenblick zu Botschafter Veyran nicht verkneifen. Diese Frau sprach das aus, was Percy als "Spiel" bezeichnet hatte. Angst sähen, bei denen die dieses Gefühl eh schon spürten. Ideen einpflanzen, sodass diese ganzen Neutralitätssymphatisanten am Ende dachten, sie wären selbst drauf gekommen. Percy musste ein wenig lächeln, bei dem Gedanken. Auch, wenn er nichts dagegen gehabt hätte, sein Leben weiterhin mit Rennen und dem Leben in schönen Palästen im Tapani-Sektor zu verbringen, schlug dieses Gewerbe doch deutlich mehr nach seinem Sinn, als er anfangs gedacht hatte.


,,Und welche Situation bietet sich besser an, als die jetzige um Angst vor der Republik zu schüren?"

Percy lächelte wölfisch.

,,Zuerst schickt die Republik ein im geheimen agierendes Killerkommando um den Staatsführer des Imperiums zu töten, mit dem man sich eigentlich im Frieden befindet. Dann erfolgt ein Angriff auf das Imperium, unprovoziert und vor allem auch ungenehmigt durch diesen ach so wichtigen Senat nur um im gleichen Zug die Finger nach den neutralen Planeten direkt neben Kashyyyk auszustrecken. Mit Sicherheit waren dabei auch Bestechungen, Betrug und Mord im Spiel."

Gerade bei der letzten Sache verstärkte sich das lächeln Percys erneut. Beweise dafür gab es selbstverständlich keine. Aber wer für solche Behauptungen Beweise suchte, ging es auch ganz falsch an. Es war deutlich schwieriger, Falschbehauptungen zu widerlegen als aufzustellen und die Republik würde es mit Sicherheit bei ohnehin schon skeptischen neutralen Planeten nicht leicht haben, diese naheliegenden Vermutungen zu widerlegen. Natürlich war es der Botschafter, der wieder etwas dagegen einzuwenden hatte.

,,Man darf aber nicht glauben, dass die örtlichen Funktionäre dumm wären und man ihnen alles erzählen kann und sie es stumm abnicken. Diesem Trugschluss aufzusetzen wäre ein wesentlicher Fehler. Bleiben wir bei der Wahrheit, wenn Sie mich fragen."

Im Kern mochte der Mann recht haben, doch übersah er erneut wesentliche Faktoren. Man musste die lokalen Eliten, fragte man Percy, so sehr mit Informationen zuschütten, die auch gar nicht klar dem Imperium als Quelle zuzuordnen waren, dass der Unterschied zwischen wahr und falsch verschwamm. Folgte man dem Botschafter würde man in zehn Jahren noch keine handfesten Ergebnisse haben, sondern sich nur wundern, warum sämtliche neutralen Staatengebilde mittlerweile zur Republik übergelaufen waren. An ein wenig Offensivität führte kaum noch ein Weg vorbei. Das Percy also erneut mit den Augen rollte, überraschte wohl keinen mehr, der ihn kannte.

,,Die KOMENOR betreibt seit vielen Jahren Einrichtungen in diesen neutralen Staaten zur "Kulturförderung"."

Ein rundlicher, kleiner Mann mit roten Haaren, der nicht so wirklich hier hereinpasste hatte sich zu Wort gemeldet. Dezernent Brian Kellog vom Ministerium für Kultur und Bildung, wie er sich selbst vorgestellt hatte.

,,Die Angst vor der Republik versuchen wir schon lange zu schüren, dessen können Sie sich alle sicher sein. Und auch an anderen Stellen versuchen wir immer wieder aufs neue, den Imperialen Einfluss auf die Gedankenwelt der lokalen Führung auszubauen und zu vertiefen. Und glauben Sie mir Botschafter, es ist in einer Galaxie wie der unseren äußerst schwierig zu sagen, was überhaupt Wahrheit und was Lüge ist. Am Ende des Tages alles eine Frage der Auslegungssache."

Der Mann schien durchaus mehr Ahnung und Fachwissen zu haben, als sein äußerer Eindruck vermuten ließ. Percy nickte zustimmend.

,,Bisher waren wir aufgrund der Order von unserer Spitze noch relativ zurückhaltend. Aber Intensität und der Grad der herzustellenden Beunruhigung bedarf am Ende des Tages nicht viel mehr als ein paar kurzer Eingaben an die entsprechenden Stellen."

[ Bastion || Bastion-Center || Regierungsgebäude || Flur ] - Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Gouverneur Bellori, Botschafter Marcell Veyran, Wulfric Pentagast, Captain Tessa Varin, Dezernent Brian Kellog
 
[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Marcell Veyran, General Wiggins, Captain Tessa Varin, weitere Mitglieder des Expertenrates

Lucian hatte inzwischen aufgehört, mitzuzählen, wie viele verschiedene Arten es in diesem Raum gab, einen neutralen Planeten davon zu überzeugen, dass er eigentlich schon immer Teil des Imperiums hatte werden wollen. Konsul Veyran wollte niemanden verschrecken, Lord Leobund wollte den Leuten so lange die Republik vor die Nase halten, bis sie freiwillig nach Bastion riefen. Varin wollte die richtigen Personen an den richtigen Stellen bearbeiten und der kleine Rothaarige vom Kulturministerium erklärte nun mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit, dass sein Ressort seit Jahren Einrichtungen unterhielt, deren kultureller Auftrag offenbar irgendwo zwischen Theaterförderung und politischer Gehirnwäsche lag. Lucian saß noch immer zurückgelehnt auf seinem Platz und beschränkte sich darauf, zuzuhören. Zu seiner eigenen Überraschung fiel ihm das zunehmend leichter. Nicht weil die Runde weniger anstrengend geworden wäre, sondern weil sich hinter all den Titeln langsam tatsächlich ein Plan abzeichnete. Ein verdammt schmutziger vielleicht, aber immerhin ein Plan.

Bei Kellogs letzten Worten hob er lediglich kurz die Augenbrauen. Ein paar Eingaben an die entsprechenden Stellen. Natürlich, Jahrelang hatte man also bereits Kulturhäuser, Kontakte, Netzwerke und weiß der Imperator was noch aufgebaut, und nun genügte offenbar jemand mit ausreichender Befugnis, der auf einem Terminal ein paar Häkchen setzte, damit aus gepflegtem Kulturaustausch plötzlich eine großangelegte politische Beeinflussung wurde.

Noch bevor jemand darauf antworten konnte, bewegte sich am anderen Ende des Tisches ein Mann, der bislang kaum auffälliger gewesen war als die Wandverkleidung hinter ihm. Captain Alaric Venn vom Imperialen Sicherheitsbüro. Lucian erinnerte sich dunkel an dessen Vorstellung zu Beginn der Sitzung. Zuständig für die geplante politische Integration und innere Stabilisierung in mehreren der betroffenen nördlichen Gebiete. Mitte vierzig, schmales Gesicht, kurzgeschnittenes dunkles Haar und eine weiße Uniform, die aussah, als hätte sich noch nie ein Staubkorn getraut, länger als drei Sekunden drauf liegenzubleiben. Venn hatte während der bisherigen Diskussion kaum eine Regung gezeigt. Kein Augenrollen bei Veyran, kein zustimmendes Nicken bei
Leobund, nicht einmal bei Wiggins' Sternenzerstörer war etwas in seinem Gesicht passiert.

"Die öffentliche Zustimmung ist lediglich die erste Hälfte des Problems."

Seine Stimme war ruhig.

"Wir können eine Regierung überzeugen, einen Beitrittsvertrag zu unterzeichnen. Wir können eine Bevölkerung davon überzeugen, diesen Schritt zu begrüßen. Beides bedeutet noch nicht, dass am folgenden Morgen die imperiale Ordnung herrscht."

Lucian richtete seinen Blick nun vollständig auf ihn. Der Major tippte einige Befehle in sein Terminal.

"Gerade bei der Ciutric-Hegemonie wäre der administrative Übergang allerdings vergleichsweise unkompliziert."

Über den eingelassenen Bildschirmen erschienen neue Daten.

"Eine zentralisierte staatliche Struktur, gefestigte Behörden, lokale Sicherheitsorgane. Eine gesellschaftliche Elite, deren Einfluss sich auf eine überschaubare Zahl politischer und wirtschaftlicher Akteure konzentriert."

Venn ließ die Informationen einen Moment stehen.

"Wir müssten diesen Staat gar nicht sofort neu aufbauen."

Eine kurze Pause.

"Wir müssten lediglich dafür sorgen, dass er künftig dem Imperium gehorcht."

Lucians Mundwinkel zuckten kaum merklich. Na bitte. Venn fuhr fort.

"Der erste Schritt wäre eine vollständige Überprüfung der politischen Führung und der leitenden Beamten."

Sein Tonfall veränderte sich dabei nicht im Geringsten.

"Personen mit ausgeprägten republikanischen Verbindungen würden aus Schlüsselpositionen entfernt oder auf Funktionen versetzt, in denen sie keinen Einfluss auf den Übergang nehmen können. Lokale Sicherheitskräfte könnten weitgehend bestehen bleiben, solange ihre Loyalität gewährleistet ist."

Lucian legte einen Finger an die Oberlippe und hörte weiter zu. Das war der Unterschied. Kellog sprach davon, was die Leute denken sollten. Varin davon, wer ihnen diese Gedanken in den Kopf setzte. Und Venn sprach darüber, wer anschließend noch seinen verdammten Arbeitsplatz behalten durfte und wer in einer Zelle landen würde.

"Bei vollständiger Kooperation der gegenwärtigen Regierung wäre eine sichtbare Eingliederung innerhalb weniger Wochen realistisch."

Venn blickte einmal durch die Runde.

"Die Bevölkerung muss am ersten Tag nicht voll und ganz imperial denken."

Seine Hände blieben ruhig ineinandergelegt.

"Es genügt zunächst, wenn ihre Verwaltung imperial arbeitet."


Lucian sah den Mann einige Sekunden schweigend an. Der Major wechselte auf die nächste Übersicht.

"Problematischer sind dezentral organisierte Staaten. Dort können wir nicht einfach die Spitze austauschen und davon ausgehen, dass der Rest folgt. Auf einigen Welten müssten gleichzeitig mehrere regionale Verwaltungen, Sicherheitsapparate und wirtschaftliche Machtzentren eingebunden werden."

Er deutete auf verschiedene Markierungen.

"Das kostet Zeit. Personal. Und erhöht die Wahrscheinlichkeit lokaler Widerstandsbewegungen."

Venn ließ seinen Blick kurz über die Daten schweifen.

"Aus Sicht des Sicherheitsbüros sollten daher bei der Priorisierung nicht ausschließlich militärische Lage, Rohstoffe oder diplomatische Erfolgsaussichten berücksichtigt werden. Sondern auch die Frage, wie aufwendig es am Ende nun wird, die imperiale Ordnung auch tatsächlich umzusetzen."

Lucian lehnte sich ein wenig weiter zurück. Man konnte scheinbar eine halbe Stunde lang darüber sprechen, wie man Millionen Menschen davon überzeugte, freiwillig ihre staatliche Unabhängigkeit aufzugeben, und irgendwann kam ein Mann vom ISB vorbei und fragte, ob sich der ganze Scheiß anschließend wenigstens ordentlich verwalten ließ.

Er warf einen kurzen Blick auf die Liste vor sich. Ciutric. Listehol. Zygerria. Birgis. Bimmiel. Auf dem Bildschirm waren es Namen, Zahlen und farbige Markierungen. In der Realität waren es Regierungen, Armeen, Polizei, Beamte, Unternehmer und vermutlich eine ganze Menge Leute, die keine besondere Lust darauf hatten, dass irgendein Expertenrat auf Bastion über ihre Zukunft diskutierte.

Lucian griff wieder nach seinem Caf, erinnerte sich rechtzeitig an dessen Geschmack und stellte die Tasse unverrichteter Dinge zurück. Er war gespannt darauf, wer sich nun äußern würde...

[Bastion - Bastion-Center - Regierungsgebäude - Konferenzraum]
Lucian Bellori, Percival Leobund, Sir Jared Bellfourd, Gregory Doyl, Wulfric Pentagast, Marcell Veyran, General Wiggins, Captain Tessa Varin, weitere Mitglieder des Expertenrates
 
Zurück
Oben